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13. November 2012

Dredd 3D

Ma-Ma is not the law... I am the law.

Für hartgesottene Comic-Fans ist das Filmjahr 1995 wohl nicht existent. Zu grausam dürften die Erinnerungen an Joel Schumachers Batman Forever und Danny Cannons Judge Dredd sein. Extrem campy Comicverfilmungen populärer Figuren. Schrill, schräg und völlig überdreht. So erhielt der faschistische Straßenrichter Judge Dredd Rob Schneider als Sidekick und ging seiner Arbeit ohne Helm (!) in einer Versace-Uniform nach. Über den Film wurde bald (und gänzlich zu Unrecht) der Deckmantel des Schweigens gehüllt. Dabei hat Cannons Film durchaus einiges mit den Comics gemein, ist zuvorderst aber eine trashige Adaption mit viel Sinn für Selbstironie.

Angesichts der Renaissance des Comic-Genres war es absehbar, dass auch Judge Dredd nochmals durch Mega City One streifen würde. Alex Garland nahm sich der Figur an und versprach den Fanboys einen Fanboy-Ansatz. Allen voran, dass Dredd seinen Helm aufbehält. Und so verfolgt das Publikum in Dredd nun das Kinn von Karl Urban, wie es sich in eine Handlung begibt, die durch das vorherige Release des thematisch nicht unähnlichen The Raid bereits altbacken daherkommt. Im Grunde sind beide Filme jedoch nur Langversionen jener legendären Single-Take-Kampfszene aus Revenge of the Warrior. Und auch wenn Dredd das Rad nicht neu erfindet, macht er Spaß.

Das liegt jedoch weniger an dem nun bierernsten Ansatz der Figur, die Urban so rudimentär wie möglich – oder nötig – spielt. Das Szenario selbst macht Laune. Dredd ist weniger eine Comic- denn Videospielverfilmung, in der es für den Protagonisten gilt, von einem Set-Piece zum nächsten zu gelangen. Oder konkreter: von einem Level zum nächsten. Das Endresultat ist dann zwar weniger actionreich als man angesichts der Prämisse erwarten würde, die Welle an Gegnern ebbt immer mal wieder zum Luftholen ab, und auch einige Ansätze werden nicht vollends zu Ende verfolgt, aber Fans wie Nicht-Fans der 2000-AD-Figur werden hier gleichermaßen gut unterhalten.

Man kommt aber nicht umhin, aufgrund des Potenzials mehrfach die Blaupausen einer etwas besseren Adaption zu sehen. So wird die den Film einleitende Szenedroge Slo-Mo, mit der das Gehirn seine Umwelt in Zeitlupengeschwindigkeit wahrnimmt, unzureichend eingesetzt. Zwar nutzt Regisseur Pete Travis das Gimmick, um während einer Razzia-Szene zwischen der Realität und Slo-Mo hin- und herzuwechseln, aber richtig zu Ende gedacht werden auch diese Szenen nie. Im Gegenteil, eine der wenigen Slo-Mo-Szenen zeigt uns lediglich die Antagonisten beim Baden. Und mit seiner Antagonistin Ma-Ma bewegt sich der Film ebenfalls auf dünnem Eis.

Von Lena Headey zwar überzeugend gespielt, ist auch ihre Figur nicht konsequent genug ausgearbeitet. Ihr Hintergrund will nicht so ganz erklären, wie sie sich einen ganzen Wohnkomplex – der in der Welt von Dredd quasi ein ganzes Stadtviertel einnimmt – unter den Nagel gerissen hat. Auch die Beweggründe für den entfachten Krieg gegen Dredd geraten reichlich schwammig und unausgegoren. Letztlich handelt es sich hierbei zuvorderst aber um einen Action-Film, in dem die Charaktere weniger ausgereift sein müssen als wiederum in einem Charakter-Drama. Und die Handlung, so simpel sie ist, überzeugt vermutlich gerade wegen ihrer Einfachheit.

Das Ensemble spielt seinen Part, die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle ordnet sich der Idee des Films und seiner Szenerie unter, und die Musik trägt ebenfalls ihren Teil zum gelingenden Ganzen bei. Somit kann das Ergebnis als gut erachtet werden, wenn auch im direkten Vergleich Judge Dredd durch seine verspielte Unernsthaftigkeit gegenüber Dredd der etwas vergnüglichere Film ist. Ohne dass Pete Travis’ Adaption dabei jedoch – auch dank ihrer Kurzweiligkeit – weniger unterhaltsam wäre. So wie so, am Ende ist es jedenfalls erfreulich, Judge Dredd wieder in Mega City One zu sehen – mit oder ohne Helm. Die Fanboys jedenfalls werden sich an diesem Detail freuen.

7/10

11. Januar 2011

The Wire - Season Three

Call it a crisis of leadership.

Für den US-amerikanischen Fernsehkritker Ken Tucker ist The Wire “television’s richest, most satisfying experience”. Wer sich das Bonusmaterial zur HBO-Serie ansieht, stößt immer wieder auf Hinweise von Polizisten, Anwälten oder FBI-Agenten, die bestätigen, wie authentisch die Show sei. Und für ihre Schöpfer, David Simon und Ed Burns, erzählt The Wire nicht von gut zwei Dutzend Charakteren oder einer bestimmten Handlung, sondern von Baltimore, Maryland. Eine Stadt, die gleichzeitig was das urbane Leben angeht, für viele andere US-Städte steht. Insofern scheint es konsequent, dass sich die dritte Staffel nach dem Vorjahr mit Fokus auf die Docks nun wieder verstärkt dem Drogenhandel widmet.

Die Aufmerksamkeit der Spezialeinheit von Lieutenant Daniels (Lance Reddick) und Detective McNulty (Dominic West) ist wieder auf das Barksdale-Drogenkartell unter der Kontrolle von Stringer Bell (Idris Elba) gewandert. Während Freamon (Clarke Peters) und Prez (Jim True-Frost) versuchen, Stringers Stimme auf einer ihrer abgehörten Aufnahmen zu erwischen, muss dieser sich mit wachsender Corner-Konkurrenz in Form von Marlo Stanfield (Jamie Hector) auseinandersetzen. Unterdessen ist dem idealistischen Stadtrat Tommy Carcetti (Aidan Gillen) die ansteigende Mordrate ein Dorn im Auge. Selbige führt wiederum dazu, dass Polizeimajor Colvin (Robert Wisdom) über ein riskantes Projekt nachdenkt.

Der Blick der Serienmacher wandert also vom Hafen Baltimores und den dortigen schmutzigen Geschäften zur Korruption des Rathauses. Mit Stadtrat Carcetti wird zugleich eine Figur eingeführt, deren Handlungen diese Staffel primär durch die Langeweile und Bedeutungslosigkeit ihres Jobs motiviert werden. Als Mittelsmann hat Carcetti nur bedingt Einfluss auf Bürgermeister Royce (Glynn Turman), dafür jedoch umso mehr auf Burrell und seinen Stellvertreter, Colonel Rawls (John Dorman). Und wenn The Wire etwas etablierte, dann, dass die Scheiße immer bergab rollt. Demzufolge gibt Burrell den Druck, den er von Carcetti ob der steigenden Morde in der Stadt erhält, direkt an seine Untergebenen wie Colvin weiter.

Colvin wiederum ist in einer Position, in der sich auch Daniels zu Beginn der zweiten Staffel wiederfand. Er steht ein halbes Jahr vor seiner Pensionierung, was auch seine Bereitwilligkeit erklärt, nicht nach den Regeln zu spielen. Was Colvin erkennt, ist, dass der Krieg gegen die Drogen nicht gewonnen werden kann. Schließlich hatten bereits Carver (Seth Gilliam) und Herc (Domenick Lombardozzi) in der Pilotfolge diskutiert, dass „Krieg“ der falsche Begriff ist, weil ihm ein Ende folgt. Denn das Problem sind nicht die Drogendealer, sondern ihre Kunden. Und die verschwinden nicht. Und was macht man mit einem Krieg, den man nicht gewinnen kann? Man verlagert das Schlachtfeld weg von der Heimat.

So wird relativ früh in der dritten Staffel ein verlassenes Viertel eingeführt, in welches Colvin alle Dealer abzuschieben versucht, damit die Corner für die Bevölkerung frei werden. Als Lockmittel dient ihm das Versprechen, dass die Polizei den Drogengeschäften in jenem Viertel, von den Dealern rund um Bodie (J.D. Williams) missverständlich „Hamsterdam“ nach der Hauptstadt der Niederlande genannt, keinen Einhalt gebieten wird. Die Folge ist, dass in der bisher gelungensten Episode der gesamten Serie, Straight and True, Hamsterdam quasi zu einem Drogen-Outlet mutiert, in welches Colvins Männer wie Carver und Herc nur dazu da sind, zu vermeiden, dass es zu Gewaltausschreitungen und Morden kommt.

Die Resultate zeigen sich sofort: die Straßenecken sind leer, die Bürger können vor ihr Haus treten und zugleich kriegt jeder seine Drogen, die er davor auch bekommen hätte. Für Außenstehende wie McNulty, Greggs (Sonja Sohn) und Sydnor (Corey Parker Robinson) wirkt dies auf den ersten Blick zwar, als hätte Colvin Drogen legalisiert, stattdessen platzierte er sie jedoch, wie in All Due Respect formuliert, lediglich in eine Papiertüte. Für seine Dezernatsstatistik wirkt seine Entscheidung Wunder und auch auf die Beziehungen zwischen Polizisten und Dealern hat Hamsterdam einen scheinbar gesunden Einfluss. Dass dies nicht mehr wie eine Momentaufnahme sein kann, ist Colvin natürlich durchaus bewusst.

Ein weiterer Grund, weshalb Hamsterdam wohl möglich war, ist Strings Versuch, alle Drogenbosse von Baltimore wie Prop Joe (Robert F. Chew) zu einer Kooperation zu vereinen. Keine Gangfights mehr, da alle dasselbe Produkt verkaufen. Ein Plan, der weitestgehend aufgeht, abgesehen vom immer dramatischer werdenden Beef zwischen dem in Homecoming frühzeitig entlassenen Avon (Wood Harris) und dem aufsteigenden und gleichzeitig skrupellosen Marlo. Die dritte Staffel markiert diesbezüglich einen endgültigen Bruch zwischen String und Avon, der sich bereits im Vorjahr angekündigt hatte. Denn wo Avon sich weiterhin der Straße verschreibt („I want my corners.“), plant String seinen Milieuaufstieg.

In Hamsterdam wird er das erste Mal in Gesellschaft von Senator Clay Davies (Isiah Whitlock, Jr.) gezeigt, der bereits in der ersten Staffel in Kontakt zum Barksdale-Kartell stand. Damals wurde String auch als Besucher eines Makroökonomiekurses gezeigt, ein Feld, in welches er nun weiter vordringen und sich von der Illegalität der Straße abkapseln möchte. Damit folgt String dem Thema der Reformation, dem sich The Wire im dritten Jahr verschreibt. Eine solche strebt auch Carcetti an, wenn er leise Hoffnungen auf eine Kandidatur als Bürgermeister hegt. Und einer Reformation unterzieht sich der frisch entlassene Cutty (Chad Coleman), der nicht mehr im Stande ist, für Avon Drecksarbeit zu erledigen.

Inhaltlich driftet die Serie also wieder zurück zu den Drogendealern, die im Vorjahr eine Nebenhandlung waren. Dagegen gelingt es der neuen Blickrichtung gen Politik nicht ganz so prominent zu sein, wie zuvor den Docks von Baltimore. Dennoch vermag The Wire in seiner dritten Staffel erneut eine qualitative Schippe draufzulegen. Die charakterlichen Ergänzungen bilden dabei den Trumpf, den die Show verstärkt in der kommenden Staffel ausspielen wird. Speziell Carcetti ist eine extrem undurchsichtige Figur, deren Motivation zwischen Egozentrik und Altruismus schwankt und die somit zu vorsichtiger Sympathie einlädt. Anders verhält es sich da schon mit den übrigen Neuankömmlingen.

Zuerst scheint Jamie Hectors Marlo Stanfield ein Phantom zu sein, das nicht mal Bodie zu einem Gespräch bereit steht. Wie es Marlo geschafft hat, innerhalb von zwei Jahren eine derartige Stellung in Baltimores Westside einzunehmen, bleibt zwar offen, dennoch stellt er sich mit seinen beiden Soldaten Chris (Gbenga Akinnagbe) und der beängstigenden und zugleich auf bizarre Weise unterhaltsamen Snoop (Felicia Pearson) als ernstzunehmender Gegner für Avon und dessen Street Soldier Slim Charles (Anwan Glover) heraus. Letztere Rolle gebührt eigentlich auch Cutty, der sich jedoch von dieser Welt abzuwenden beginnt, was der Zuschauer primär dank Colemans sympathischem Spiel verfolgt.

Ebenso wie der Konflikt mit Marlo artet auch der Zwist mit Omar (Michael K. Williams) für das Barksdale-Kartell  im Laufe der Staffel weiter aus, während Omar zugleich in eine Nebenhandlung mit Bunk (Wendell Pierce) verstrickt wird. Andere beliebte Figuren wie Bubbles (Andre Royo) geraten dieses Jahr dafür etwas ins Hintertreffen. Zu ihnen zählt auch Kima, die vor der Verantwortung, nun Elternteil zu sein, ähnlich wie McNulty in Alkohol und Affären flüchtet und sich auch sonst hauptsächlich an dessen Fersen heftet (und damit Bunk ersetzt). Damit zählt sie jedoch neben McNulty und Daniels immer noch zum Triumvirat der Charaktere, denen The Wire einen tieferen Blick in ihr Privatleben zu gönnen bereit ist.

Obschon die dritte Staffel thematisch wieder weitestgehend am ersten Jahr anknüpft, wirkt The Wire inzwischen narrativ wie qualitativ stärker und überzeugender, was vielleicht auch mit der Vertrautheit und Identifikation zusammenhängt. Ein Grund könnte aber zudem sein, dass man zum Ende der Staffel dieses Mal nicht denselben Weg wählte, wie in den beiden Jahren zuvor. Neben der perfekten Folge Straight and True bleiben dabei besonders Middle Ground und Back Burners in Erinnerung. Und wenn The Wire schon nicht “television’s richest, most satisfying experience” ist, so ist Ken Tucker doch zuzustimmen: “No other TV project has come close to showing the humanity of both the victims and victimisers of crime“.

8.5/10

7. Januar 2011

The Wire - Season Two

It’s writings on the fucking wall.

Betrachtet man einen der ersten Sätze der Pilotstaffel von HBO’s The Wire (“This America, man“) und den abschließenden Satz der ersten Staffel von Omar (“It’s all in the game“), dann gibt die Serie von David Simon und Ed Burns auf gewisse Weise sehr schön wieder, wofür die USA einst standen und bisweilen auch immer noch stehen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verspricht den American Dream, wo man als Drogendealer tot auf der Straße oder wie Jay-Z als Multimillionär und Ehemann von Beyoncé enden kann. Und auch zwei andere Zitate aus der Vorgängerstaffel bewahrheiteten sich. Marla Daniels’ “You cannot loose if you don’t play“ ebenso wie Sydnors “I just feel like this just ain’t finished”.

Der Fall von Lieutenant Daniels (Lance Reddick) und seiner Einheit gegen Baltimores Westside-Drogenboss Avon Barksdale (Wood Harris) ging ziemlich in die Binsen. Zwar konnte immerhin Barksdale zu einer 7-jährigen Haftstrafe verurteilt werden, wie auch einige seiner Gangmitglieder um D’Angelo (Larry Gilliard Jr.) und Wee-Bey (Hassan Johnson) lange einsitzen müssen, doch letztlich nahm man nur einige Figuren vom Schachbrett. Das Spiel ist aber weiterhin im Gange. Während Stringer Bell (Idris Elba) nun die Fäden zieht und versucht, weiter guten Shit auf die Straße zu bekommen, müssen Daniels und McNulty (Dominic West) mit den beruflichen Konsequenzen ihrer Handlungen klar kommen.

In der zweiten Staffel verdoppelt The Wire seine Handlungsstränge. Besonders in den Fokus gerückt wird eine Gewerkschaft von Hafenarbeitern rund um ihren Gewerkschaftsleiter Frank Sobotka (Chris Bauer). Dieser lässt hin und wieder gemeinsam mit seinem Neffen Nick (Pablo Schneider) für eine kriminelle Gruppe „Griechen“ rund um deren Sprecher Spiros Vondopoulos (Paul Ben-Victor) einige Containerladungen vom Dock verschwinden. Als eine dieser Ladungen mit zwölf osteuropäischen Frauen nicht abgeholt wird und die sich darin befindenden Damen daraufhin ersticken, beginnt eine von zwei Ermittlungen des Baltimore Police Department, die im zweiten Jahr die Serie bestimmen.

Während der Mord der eingeschmuggelten Prostituierten der Mordkommission und damit Bunk (Wendell Pierce), sowie dem neu dorthin versetzten Freamon (Clarke Peters) und der Hafenpolizistin Beatrice „Beadie“ Russell (Amy Ryan), zufällt (und sich auch der zur Marineeinheit strafversetzte McNulty mit dem Fall beschäftigt), ruft Daniels seine alte Abhöreinheit wieder ins Leben. Aufgrund eines Streits bezüglich einer Kirchenstiftung geraten die beiden polnischstämmigen Sobotka und Major Stanislaus Valchek (Al Brown) aneinander. Inspiriert von den guten Worten seines Schwiegersohns Prez (Jim True-Frost), setzt Valchek fortan Daniels auf Sobotka und die illegalen Aktivitäten auf den Docks an.

So kommt es, dass die Serie ab der sechsten Folge Undertow quasi wieder in alter Besetzung ist, da Daniels neben Freamon, Prez, Herc (Domenick Lombardozzi) und Kima (Sonja Sohn) auch Carver (Seth Gilliam) ins Boot holt. Lediglich McNulty (der jedoch ab Duck and Cover dazu stößt) und Sydnor fehlen zur Komplettierung. Und spätestens ab hier beginnt The Wire auch den Bahnen seiner ersten Staffel zu folgen, wenn sich der Spannungsbogen quasi an der Blaupause des Vorjahres orientiert. Diese kreative Uninspiriertheit ließe sich natürlich kritisieren, fällt auch zumindest subtil negativ auf, allerdings wirkt das Szenario im zweiten Anlauf dennoch relativ sauber und bisweilen überzeugender als zuvor.

Dass auf den Docks nicht immer alles korrekt zugeht, ist seit On the Waterfront kein Geheimnis und wird auch von Beadie in ihrer ersten Szene ironisch impliziert. Dabei wird weniger Wert auf die eigentlichen Vorgänge auf dem Dock gelegt (obschon ein Mal auch einer der vielen Unfälle passiert), sondern stattdessen in das Leben der Hafenarbeiter geblickt.  Speziell in das von Nick, der auf nicht genug Arbeitsstunden kommt, um sich, seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter eine Wohnung mieten zu können. Die sobotka’sche Milieustudie wird komplettiert durch Franks nichtsnutzigen Sohn Ziggy (James Ransone), der aus Geldmangel ebenfalls in Aktivitäten mit Spiros und den Griechen verwickelt wird.

Die beiden Haupthandlungsstränge folgen nun den Verwicklungen der Hafenarbeiter rund um die Sobotkas, sowie der Ermittlungen von Daniels, McNulty und Co. Zusätzlich begleitet The Wire jedoch auch weiterhin die Geschehnisse in den Projects und Corners der Westside Baltimores. Stringer Bell hat daran zu knabbern, dass durch Avons Abwesenheit sein Drogenlieferant abgesprungen ist und viele essentielle Leute wie Wee-Bey, Bird oder Stinkum ausgeschaltet sind. So avancieren Poot (Trey Chaney) und speziell Brodie (J.D. Williams) zu wichtigeren Spielern, denen mehr Verantwortung aufgelastet wird. Angesichts eines schwächelnden Produktes beginnt String jedoch immer mehr eigene Pläne zu schmieden.

Ab diesem Zeitpunkt wird auch der Eastside-Kingpin Prop Joe (Robert F. Chew) bedeutsamer, wenn viel Saatgut gestreut wird, das man in der dritten Staffel erntet. Diesbezüglich tauchen auch alte Gesichter wie Omar (Michael K. Williams) und Bubbles (Andre Royo) wieder auf, allerdings in weniger prominenten Rollen wie im Vorjahr. Der Fokus der Projects liegt stattdessen klar auf Stringers wachsender Kontrolle über Avons Business und welche Wege er bereit ist, für diese Kontrolle zu begehen. Zudem schlägt String die Brücke zur vierten Handlung rund um Avon und D'Angelo im Staatsgefängnis Jessup. Hier führt die Show die Entwicklungen von D’Angelo zu Ende, die sie in der ersten Staffel begonnen hat.

Nicht zu kurz kommt auch dieses Jahr der ein oder andere politische Seitenhieb. War es im Vorjahr das 9/11-Protokoll, das eine richtige Verurteilung von Avon verhindert hat, stellt die Justiz auch diesmal das ein oder andere Bein. So erklärt Rhonda (Deirdre Lovejoy) in Backwash, dass eine Abhörerlaubnis zwar für Drogendealer möglich ist, nicht jedoch für Menschenschmuggler. “That’s the law“, lautet die Entschuldigung. Und was möglich wäre, wenn alle Institutionen der USA von der Polizei über das FBI bis hin möglicherweise sogar zur NSA zusammenarbeiten täten, zeigt sich in der Folge Storm Warnings, wenn das FBI Daniels’ Einheit ihr GPS-Verfolgungssystem für ihre Ermittlungen zur Verfügung stellt.

In Storm Warnings findet sich auch die beste Episode der zweiten Staffel (sowie bisher in der Serie), obschon sich Folgen wie das Staffelfinale Port in a Storm, Collateral Damage, Backwash  und Stray Rounds ebenfalls vom Rest abheben. Ingesamt macht sich also eine Qualitätssteigerung bemerkbar und das trotz der angesprochenen inhaltlichen Abkupferungen aus dem Vorjahr (manche Ereignisse wirken direkt übernommen). Gelungen sind auch die weiterhin auftretenden humoristischen Auflockerungen, von Omars Gerichtsaussage gegen Bird über Bunks wie von McNulty vorhergesagte Unfähigkeit Alkohol zu vertragen, bis hin zu McNultys klassischem Standardausspruch “What the fuck did I do?“.

Ohnehin sind es auch weiterhin die Charaktere, die im Vordergrund stehen. So versucht McNulty seine Ehe wieder in Gang zu bringen, während Kimas Lebensgefährtin Planungen beginnt, eine Familie zu gründen. Bemerkenswert ist die Ehe zwischen Daniels und seiner Frau, mit der er wie in Backwash jede Karriere- und Dienstentscheidung bespricht. Dagegen halten sich Herc und Carver weiterhin im Hintergrund in ihrer Funktion als wandelnde Jokes. Die Tatsache, dass sich lediglich den Privatleben von Daniels, McNulty und Greggs gewidmet wird, zeigt ziemlich deutlich die Stellung, die diese Drei innerhalb des Polizeiensembles haben (selbst Freamon folgt die Kamera abseits der Truppe nie nach Hause).

Grundsätzlich fühlt sich die Serie aber auch nach dem zweiten Jahr nicht wirklich wie das Bedeutendste an, dass das Fernsehen je hervorgebracht hat. Die Fokusverschiebung auf die Docks tut The Wire gut, fügt ihr einen neuen Mosaikstein hinzu, ist jedoch angefüllt von altbekannten Klischees und damit kaum eine Neuerfindung des Rades. Nichtsdestotrotz funktioniert und unterhält die zweite Staffel als Ermittlerserie mit starken Charakteren noch eine Spur besser - primär ihrer bemerkenswerten Figuren wie McNulty, Bubbles, Omar oder des neu dazu gestoßene Brother Mouzone (Michael Potts) sei Dank. Am Ende ist nach der Ermittlung wieder vor der Ermittlung. Denn in The Wire sieht man sich immer zwei Mal.

8/10

3. Januar 2011

The Wire - Season One

You cannot lose if you do not play.

Der US-amerikanischen Pay-TV-Sender Home Box Office (HBO) ist eine Bank in den Vereinigten Staaten. Als erster Sender seiner Art besitzt er weitaus mehr finanzielle Mittel als seine Kollegen, was sich wiederum in der Qualität seiner Produkte niederschlägt. Hier liefen vielfach ausgezeichnete Mini-Serien wie Angels of America, Band of Brothers und The Pacific bis hin zu Drama-Serien und Kritikerlieblingen wie Oz, The Sopranos (21 Emmys), Six Feet Under, Deadwood, Rome und seit vergangenem Herbst auch das Prohibitionsdrama Boardwalk Empire. Und wenn man manchen Kritikern glauben schenken darf, dann zählt auch die beste Serie aller Zeiten zu den Flagschiffen von HBO: The Wire.

Zwar blieb der Show im Gegensatz zu den meisten seiner Senderkollegen sowohl ein Emmy als auch ein Golden Globe versagt, dennoch stand für das Branchenblatt Variety fest: “When television history is written, little else will rival The Wire“. Der Daily Telegraph hob die Serie  sogar auf ein Level mit Charles Dickens und Fjodor Dostojewski, was als konsequent erscheint, bedenkt man, dass The Wire inzwischen an US-Universitäten wie Harvard zum Unterrichtsplan gehört wie der Zweite Weltkrieg oder Molekularbiologie. Seine Ursache findet dies in der vielfach proklamierten Authentizität der Show, die auf realen Erfahrungen (“The storylines were stolen from real life“) der Serienschöpfer David Simon und Ed Burns fußt.

Während Simon einst Kriminalreporter der Zeitung Baltimore Sun war, gehörte Ed Burns der Mordkommission des Baltimore Police Department an. Ihre Verbundenheit zu und Kenntnis von Baltimore im US-Bundesstaat Maryland, zugleich Handlungsort der Serie, sind mit der ausschlaggebende Punkt für den viel gerühmten realen Anstrich von The Wire. Denn jede der fünf Staffeln, die sich letztlich zu einem sozial-urbanen Mosaik zusammenfügen, fokussiert sich auf eine andere Institution der Stadt, die im regionalen Slang nicht von ungefähr „Bodymore, Murdaland“ genannt wird. So hatte Baltimore 2009 prozentual gesehen in den USA die vierthöchste Rate sowohl was Schwerverbrechen als auch Mord anging.

Der Serienauftakt ist bemerkenswert und ungewöhnlich, denn er steht weniger für den Inhalt der ersten Staffel, sondern stattdessen für den Ton, der sich später in verschiedenen Dialogen wiederfinden wird. Wir lernen den Mordermittler Jimmy McNulty (Dominic West) kennen, der einen Zeugen aus dem Drogenmilieu nach einem auf der Straße liegenden Toten befragt. Dieser nahm immer wieder an illegalen Würfelspielen teil und stahl anschließend den Wetteinsatz. Jedes Mal wurde er daraufhin verfolgt und mit einer Tracht Prügel gezüchtigt. Es ist McNulty, der die Frage des Publikums ausformuliert: Warum hat man ihn immer wieder mitspielen lassen? Die Antwort ist so simpel wie kryptisch: “This America, man“.

Die darauffolgende Szene führt zu einem Gerichtsprozess gegen D’Angelo Barksdale (Larry Gilliard Jr.). Es ist kaum Publikum da, auf der linken Seite sitzt vereinsamt Stringer Bell (Idris Elba), ein adrett gekleideter, bebrillter Afroamerikaner, der dem Fall mal mehr und mal weniger aufmerksam folgt. Ihm gegenüber setzt sich McNulty hin, während eine Zeugin, die D’Angelo als Mörder identifizieren soll, von Stringers Anwesenheit eingeschüchtert wird. Ihre Aussage wird zum Fiasko für die Staatsanwaltschaft, der Fall ist damit zum Scheitern verurteilt. McNulty steht wieder auf, beugt sich beim Gehen zu Stringer herunter und sagt: “Nicely done“. Es ist eine weitere, die erste Staffel definierende Szene.

David Simon und Ed Burns erzählen grundsätzlich von zwei Parteien. Auf der einen Seite stehen die polizeilichen Ermittler rund um McNulty, der nach dem Prozess beim beteiligten Richter „petzen“ geht und damit dafür sorgt, dass dieser eine Sondereinheit gegen D’Angelos ominösen Onkel, Avon Barksdale (Wood Harris), und dessen Drogengeschäfte auf Baltimores Westside ins Leben ruft. Die Leitung wird Lieutenant Daniels (Lance Reddick) übertragen, von dem McNulty später mittels seines FBI-Kontaktmannes hört, dass er korrupt sei. Während für alle in die Einheit versetzten Beamten ihre neue Aufgabe eine „Strafe“ darstellt, scheint McNulty in seinem Element - zumindest so lange der Fall läuft.

McNulty “got this fucking case in his gut like it’s cancer“, wie es sein Vorgesetzter ausdrückt. Und was McNulty auszeichnet, ist die Tatsache, dass er ein guter Polizist ist. Klar, er hat die typischen Eigenschaften eines jeden Filmbullen: Eine Ex-Frau, mit der er im Sorgerechtsstreit ist, und ein Alkoholproblem. Aber wer hat das nicht, ist doch auch sein Partner Bunk (Wendell Pierce) einem Abstecher in die Kneipe nach Feierabend nicht abgeneigt. Und wo ihr Einheitsleiter Colonel Rawls (John Dorman) ebenso gerne die Karten sicher spielt wie es Daniels tut (die Karriere geht vor und jeder ist sich selbst der Nächste), stechen idealistische Ermittler wie McNulty oder seine neue Kollegin Kima Greggs (Sonja Sohn) eben heraus.

Die andere Seite wiederum wird von Avon Barksdale und seinem Drogenkartell eingenommen. Ist Avon zu Beginn noch ein scheinbares Phantom, von dem bisher nur McNulty gehört hat, Daniels und seine Drogenkommission jedoch nicht, erhält er für die Spezialeinheit in der dritten Episode The Buys schließlich ein Gesicht (was nichts daran ändert, dass zwei der - zugegeben eher unterbelichteten - Cops ihn sechs Folgen später in Game Day trotzdem nicht erkennen. So wie das Baltimore Police Department im Serienauftakt The Target dank McNulty auf Avon aufmerksam wird, berichtet Stringer nach D’Angelos Prozess vom steigenden Interesse der Polizei. Und damit beginnt die Staffelhandlung.

In der Gerichtssaalszene sah man nun auf der einen Seite Stringer sowie ihm gegenüber McNulty, und wenn man beide Parteien wortwörtlich als auch symbolisch einer schwarzen und einer weißen Welt gleichsetzt, dann ist der im Vordergrund sitzende D’Angelo neben ein paar anderen Figuren fraglos einer Grauzone zuzuordnen. Seine Involvierung in Avons Geschäft bezeichnet er später mit den Worten: “It’s just what we do“. So waren bereits sein Vater und ein anderer Onkel, ebenso wie seine Mutter involviert. Dennoch ist es speziell für D’Angelo eher ein “it’s what I do“, denn ein “it’s what I want to do“. Dass er ein Gewissen besitzt, wird bereits in der zweiten Folge The Detail und auch anschließend vereinzelt gezeigt.

Auch andere Figuren wirken hin- und hergerissen und bewegen sich in der Grauzone. Beispielsweise D’Angelos „Angestellter“ Wallace (Michael B. Jordan), der sich, wie man in der Folge The Wire sieht, aufopferungsvoll um die kleineren Jungs im Ghetto (hier: project oder terrace) kümmert. Er versorgt sie mit Essen, schickt sie zur Schule oder ins Bett. Dass selbst Gangster (sogar die ziemlich miesen) nur Menschen sind, sieht man auch an Wee-Bey (Hassan Johnson), der eine absurd anmutende Affinität zu Fischen entwickelt hat. Doch tiefere Einblicke in das Leben von Barksdales Crew sind in der ersten Staffel eine Ausnahme. Hinter die (berufliche) Fassade blickt die Serie eher bei den Mitgliedern der Spezialeinheit.

Allerdings wird auch hier Vieles (vorerst) nur angerissen. So dient die Tatsache, dass Daniels vor einiger Zeit korrupt war, eher dazu, ihn bei McNulty und dem Publikum ins Zwielicht zu rücken, damit der Figur eine Katharsis verliehen werden kann. Etwas bedauerlich ist zudem, dass - obschon es löblich ist, eine Beamtin als Homosexuelle zu schreiben - es doch so wirkt (McNulty referiert dies in einer Szene sogar speziell), als ob nur Lesben wie Greggs mit den Männern in der Polizei mithalten können. Zwar ist die Staatsanwältin (Deirde Lovejoy) auch eine der wenigen Frauen in der Welt von The Wire, ihre größte Funktion hat sie hier jedoch als Geliebte von McNulty und zugleich Trennungsgrund von seiner Frau.

Jenseits von McNulty, Greggs und Daniels wird die Figurenzeichnung dann schon sparsamer. Zwar werden Charaktere wie der zuvor nutzlose Prez (Jim True-Frost) und insbesondere Lester Freamon (Clarke Peters), den Bunk als “natural police“ bezeichnet, immer wertvoller, andere dagegen wie gerade Sydnor (Corey Parker Robinson), aber auch das dusselige Duo Herc (Domenick Lombardozzi) und Carver (Seth Gilliam), bleiben weitestgehend Nebenrollen überlassen. Ein viel versprechender Subplot von eben jenen Herc und Carver mit dem Project-Teen Bodie (J.D. Williams) wird sogar irgendwann fallengelassen und gegen einen anderen Subplot (der ebenfalls daraufhin vorerst verschwindet) ausgetauscht.

Zwar konzentriert sich die Haupthandlung der Serie auf die Ermittlungen der Spezialeinheit gegen Barksdale mittels einer titelgebenden Abhörung, dennoch ist The Wire eine Serie, die primär von ihren Charakteren bestimmt wird. So zählen Omar (Michael K. Williams), eine Art Ghetto Robin Hood, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, andere Gangster zu überfallen, und Bubbles (Andre Royo), ein Heroinjunkie und Polizeiinformant aus Rache, zu den interessantesten und vermutlich auch vielschichtigsten Figuren (im Vergleich zu Herc allemal). Weshalb es in den fast einstündigen Folgen im Grunde auch weniger darum geht, die Handlung voran zu bringen (was nicht bedeutet, dass nichts geschieht).

Dass die Show dabei als Ganzes betrachtet einen vielseitigen und -schichtigen Blick auf sozial-urbanes Leben wirft, soll nicht bestritten werden. Für sich genommen unterscheidet die erste Staffel jedoch nicht viel von einem x-beliebigen Polizeidrama wie Southland, sieht man davon ab, dass es Serien wie diese vermutlich ohne The Wire nicht gäbe und sie sich auch bevorzugt auf die Darstellung der Polizei oder eben (wie im Fall von The Sopranos) der Kriminellen beschränken. Dennoch ist die erste Staffel zweifellos gelungen, mit einigen sympathischen Figuren (speziell Idris Elbas Stringer Bell ist schlicht „too cool for school“), die sich - wie auch die Handlung, in die sie involviert sind - weiterentwickeln.

Ein Aspekt, der The Wire von anderen HBO-Serien wie zum Beispiel True Blood unterscheidet und die Serie insofern sicherlich zu einem der besten Produkte des Privatsenders macht. Hierbei ragen in der ersten Staffel besonders Folgen wie The Wire, One Arrest oder Cleaning Up heraus, die eben auch derartige Veränderungen im Charakterverhalten oder Handlungsverlauf deutlich machen. Zugleich bekräftigt Simons und Burns' Show, dass noch Raum für Fortschritte besteht. Schließlich ist dies bisher nur ein Mosaikstein eines größeren Ganzen. Insofern stimmt es sowohl für die Entwicklungen der ersten Staffel wie auch für die Serie selbst, wenn Sydnor in Cleaning Up sagt: “I just feel like this just ain’t finished“.

8/10

6. Dezember 2009

Classic Scene: Southland Tales - "You're a fucking slut"

DIE SZENERIE: Eine Gruppe von Neo-Marxisten rund um Zora Carmichaels plant einen moralischen Angriff auf die republikanische Regierung. Zwei ihrer Mitglieder, Dream und Dion, inszenieren einen Ehestreit eines frisch getrauten Paares. Hinzu kommen sollen Ronald Taverner, der als sein Zwillingsbruder verkleidet einen rassistischen UPU-Polizisten mimt und die beiden Eheleute vermeintlich erschießt. Blutpäckchen sollen von Bing, einem Helfershelfer, gezündet werden, um die Authentizität zu wahren. Als Vermittler dient Schauspieler Boxer Santaros, der für seinen neuen Film recherchiert und mit der Tochter des Gouverneurs verheiratet ist. Doch als der Beamte Bart Bookman auftaucht, eskaliert die Situation.

INT. HOUSE – LIVING ROOM
- DAY

Dream and Dion breathe slowly in and out, eyes closed.

DREAM: Transform. Breath. Dream.
DION (screams and gestures): Did you fuck him?
DREAM: Yeah, I fucked him!

Dion groans.

DREAM: I fucked him real good.
DION: You liked it?
DREAM: I fucking loved it.
DION: You bitch!
DREAM: I fucked your brother last night, too!

Dion groans again.

DREAM: I’ll fuck him in front of you, too.
DION (points his finger at her): You’re a fucking slut.
DREAM: Don’t point your finger at me.
DION: Bitch, I’ll fucking kill you!
DREAM: You kill me I get the fucking cops down here so fast.
DION (gestures wildly): How? How? How? You’re going to be dead.
DREAM: I know people.

INT. SHACK
- DAY

BING: They’re so good at improv.
ZORA: Shh.

INT. HOUSE – LIVING ROOM

DION (jumps up and down): Oh, I fucking hate you!
DREAM: I fucking hate you!
DION: Don’t marry a ho.
DREAM: I wish we’d never got married.
DION: You can’t make one a housewife. You can’t! Fuck!
DREAM: I don’t want to be a fucking housewife! I like to suck dick!

Dion groans again.

DREAM (cont.): That’s what I like to do.

Dion groans and starts to punch the air.

EXT. STREET
-DAY

Boxer and Ronald arrive outside on the street in their police car. So does Bart Bookman.

BOXER: Oh, look. Fellow officer of the law.

BOOKMAN: Howdy.

Boxer smiles naively and raises his hand in greeting.

BOOKMAN (cont.): Hermosa Beach. Little bit out of your jurisdiction. Don’t you think?

RONALD: Well, there is no jurisdiction. We’re all UPU 2 now.

WOMAN ON RADIO (O.S.): We have a possible domestic disturbance at 14000 Nowita Place, do you copy?

BOOKMAN: Boxer Santaros?

BOXER (raises his hand in greeting again): Good evening, Officer. I’m researching my movie.

DION (O.S.): I call you what you are. I’ll call you what I see. You’re a fucking bitch!
DREAM (O.S.): Fuck You!

BOOKMAN: Sounds like you could use a little back-up.

Boxer nods his head in agreement.

RONALD: I think I can handle this.

BOOKMAN: No. I think you could use a little back-up.

DION (O.S.): You fucking bitch!
DREAM (O.S.): Fuck you. Don’t call me a fucking bitch.
DION (O.S.): That’s what I called you and I’ll fucking kill you.
DREAM (O.S.): His fucking dick was 200 inches long. You can’t get your dick hard.
DION (O.S.): What?
DREAM (O.S.): You can’t fucking lay me.
DION (O.S.): What?

Ronald, Boxer and Bookman walk down the path to 14000 Nowita Place.

RONALD: Right behind you, Officer.
DION (O.S.): I give you my dick hard.
RONALD: Never seen so much fog.
BOOKMAN: Tidal generator.
DREAM (O.S.): Fucking asshole.

They enter the backyard garden.

DION (O.S.): You fucking slut. That’s what you are. A fucking slut.
DREAM (O.S.): You can’t get your fucking dick hard. You want me to go fuck your brother on our wedding night.

INT. SHACK

Bing holds the detonator for the fake blood wounds.

DION (O.S.): I’ll fucking knock the shit out of you, bitch.

Zora holds him back, afraid he detonates too early.

DREAM (O.S.): You’ll have to tie me up…
DION (O.S.): I’ll fucking kill you!

EXT. BACKYARD
- DAY

To Moby’s 3 Steps Bookman, Ronald and Boxer with his camera approach the backdoor of Dion’s and Dream’s house while both are still heavily arguing.

DREAM: Fuck you! Don’t fucking say that to me! You’re a fucking dick. I can’t even believe I married you.
BOOKMAN (interrupts): What the fuck is wrong with you people?

Dion and Dream turn to the intruding trio.
INT. SHACK

BING: Is that Ronald?

INT. HOUSE - LIVING ROOM

Dream and Dion look at each other, uncertain what to do.

DREAM (raps): Check this out, pig. Fascist dogma applied. Revolution by surprise. My vagina will not be denied a vote in your subjective election. That’s an original poem. By Dream.

Bookman pulls his gun out of his holster and points it at Dream. Boxer’s eyes widen in shock. Bookman shoots Dream in the chest.

DION (O.S.): Oh, shit.

INT. SHACK

Bing detonates the fake blood explosion. It explodes obviously too late.

INT. HOUSE - LIVING ROOM

BOOKMAN: Dream over.

Dion looks at Dream’s body in shock. He turns to Bookman who points his gun at him and shoots him in the chest, too.

INT. SHACK

Again, Bing triggers the detonator too late which causes a delayed fake blood explosion.

INT. HOUSE - LIVING ROOM

Boxer gasps in disbelief of what he just witnessed.


BOOKMAN (cont.): Flow my tears.

ZORA: Now that was loud. And that was funny.

BOXER: They weren’t armed.

Bookman takes Boxer’s camera from him and films the actor who starts a nervous dance with his finger tips.

BOOKMAN: This is my deal now. Now get the fuck out of here. Santaros.

Boxer and Ronald look at each other. Boxer flees the scene.

BOOKMAN (to Ronald): You’re not really here.

RONALD: Who am I?

BOOKMAN: None of your business. Now get the fuck out of here.

PILOT ABILENE (V.O.): It was an inspired idea. A staged double-murder, committed by a racist cop, captured on tape by a movie star with political ties.

BOOKMAN (to Ronald): Go!

PILOT ABILENE (V.O.): But no one could have anticipated the untimely arrival of Officer Bart Bookman.

Ronald flees the scene while Wave of Mutilation from the Pixies starts to play.

17. Juli 2008

Southland Tales

Ladies and gentlemen, the party is over. Have a nice apocalypse.

Die vergangenen Zeiten sind schon lange her und inzwischen wartet jede Woche in unserem Leben mit Filmstarts bis zu sieben und mehr Werken auf. Lediglich wenn ein Großkaliber wie Indiana Jones droht, werden die Starts gerne verschoben, aber Filme sind inzwischen vollkommen nach der Nachfrage ausgerichtet. Hin und wieder gibt es sie aber noch, die kleinen Geheimtipps, Filme, die im Auge der Öffentlichkeit untergehen, durch Mundpropaganda oder letztlich auf DVD zu Ruhm aufsteigen. Oft finden sich auch Filme darunter, die von Kritikern, Fans oder beiden schlecht geredet werden, mitunter werden sie auch deswegen erst wirklich interessant. Einen solchen Geheimtipp – zwar nicht schlecht geredet, aber kaum beachtet – lieferte Richard Kelly 2001 mit seinem apokalyptischen Mysterie-Thriller Donnie Darko ab. Inzwischen hat das Werk nicht nur Kultstatus erreicht, sondern auch die Hollywood-Karriere von Newcomer Jake Gyllenhaal begründet, der sich demnächst als Prince of Persia verdingen darf. Regisseur und Autor Kelly selbst wurde hochgelobt, gefeiert und sein nächstes Projekt mit Hochspannung erwartet. Vier Jahre arbeitete Kelly an seinem neuesten Film, der den Titel Southland Tales tragen und als multimediales Konglomerat funktionieren sollte.

Die Vorgeschichte des Filmes würde in ein sechsbändiges Comicheft verpackt, der Film selbst sollte die letzten drei Kapitel der Geschichte beinhalten. Vor zwei Jahren feierte Southland Tales schließlich auf dem Filmfestspielen in Cannes seine Weltpremiere mit einer Laufzeit von 160 Minuten. Anschließend wurde der Film von den Kritikern verrissen, niedergemacht und die Karriere von Kelly quasi ad acta gelegt. Niemand konnte etwas mit den Visionen des jungen Regisseurs anfangen, geschweige denn die erzählte Geschichte ansatzweise begreifen. Doch Kelly ließ sich nicht unterkriegen, schnitt den Film um und änderte seine gesamte Planung des Projektes. Es wurden nicht nur zwanzig Minuten des Filmes zugunsten der Fokussierung auf eine Hauptfigur (Boxer) geschnitten, auch die Vorgeschichte wurde statt in sechs Comicbände der Einfachheit halber in drei Comicausgaben verpackt. Während manche Rezensenten wie das EMPIRE Magazin ihre Meinung anschließend verbesserten, blieb dem deutschen Kinopublikum bis heute eine Sichtung des Filmes verwehrt, auf DVD ist der Film nur im Bundle mit Donnie Darko erhältlich.

This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with a whimper but with a bang.


Die drei Bände erschienen von Mai 2006 bis Januar 2007 und sind inzwischen auch zusammengefasst im Handel erhältlich. Zwar lässt sich Southland Tales auch ohne die Kenntnis der Comics verfolgen, doch helfen diese einzelne Beziehungen wie die zwischen Roland Taverner und Pilot Abilene besser zu skizzieren und nachzuvollziehen. In Two Roads Diverge wird das Geschehen eingeläutet, so wie es Kelly zu Beginn von seinem Film nacherzählen wird. Der ehemalige Football- und jetzige Filmstar Boxer Santaros wacht in der Wüste von Nevada auf, orientierungs- und erinnerungslos. Zufällig stößt der Spieler und Kriminelle Fortunio Balducci auf Boxer und sammelt diesen auf. Da Fortunio aufgrund von Spielschulden Los Angeles verlassen muss, braucht er ein Visum, um die Grenzen passieren zu können. Hierfür sucht er die ambitionierte Pornodarstellerin Krysta Now auf, die Verbindungen zu Regierungsbeamten hat. Die gesamte Handlung findet hierbei in einer alternativen Zukunft der Vereinigten Staaten des Sommers von 2008 statt. Al Quaeda hat zwei Nuklearwaffen am amerikanischen Unabhängigkeitstag 2005 in Amerika gezündet, ein Ereignis, das als „American Hiroshima“ in Erinnerung blieb.

I’m a pimp and pimps don’t commit suicide.

Fortan befinden sich die USA im Dritten Weltkrieg mit der Achse des Bösen (Irak, Iran, Nordkorea, Afghanistan, Syrien, Saudi-Arabien) und sind zum Überwachungsstaat verkommen. Wer einen der Bundesstaaten überqueren will, bedarf eines Visums, unzählige Kameras der Firma USIDent verfolgen die Bürger auf Schritt und Tritt. USIDent ist ein geistiges Kind von Nana Mae Frost, Ehefrau des republikanischen Senators Bobby Frost, der 2008 für die Position des Vizepräsidenten kandidiert. Beide haben eine Tochter, Madeline Frost, zugleich Ehefrau von Boxer Santaros. Die drei Comicbänden von Kelly sind so komplex, dass es unmöglich ist, sie in Kürze abzureißen. In den weiteren Ausgaben Fingerprints und The Mechanicals wird der Leser noch die Bekanntschaft von Jimmy Hermosa, Zora Carmicheals sowie Dion und Dream machen. Insbesondere aber der Baron Von Westphalen, Mitbegründer der nach seinem Heimatort Trier benannten Firma Treer und Entdecker des alternativen Treibstoffs Fluid Karma wird sich als Hauptantagonist herausstellen. Was es genau mit Fluid Karma auf sich hat und welche Rolle Simon Theory und Teena MacArthur darin spielen, wird ebenso thematisiert wie das ominöse Drehbuch „The Power“, welches von Krysta Now verfasst wurde und die letzten drei Tage auf Erden beschreibt.

Wie angesprochen bedarf es nicht notwendigerweise der Comichefte, um dem Film folgen zu können. Worum es sich genau bei USIDent, Fluid Karma und den Neo-Marxisten handelt, erfährt man auch zur Genüge im Film. Um den Themenkomplex von Kellys Offenbarung jedoch vollends – oder ansatzweise – zu verstehen, kann eine Studie der Prequels nicht schaden. Manche Dinge lässt Kelly in Southland Tales auch nochmal wiederholen, beispielsweise die Pressekonferenz von Baron Von Westphalen und seiner Mutter Inga. Im Vorspann zeigt Kelly die Geschehnisse des „American Hiroshima“ und seine Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft. Soldaten werden willkürlich zum Kriegsdienst eingezogen, darunter auch Roland Taverner (Seann William Scott) und der Nachwuchsschauspieler Pilot Abilene (Justin Timberlake). Beide werden im irakischen Falludscha ein Erlebnis teilen, welches für die Handlung von Southland Tales mitentscheidend sein wird. Doch Southland Tales befasst sich mit verschiedenen Erzählsträngen, die immer wieder miteinander verwoben werden. Essentiell für die Geschichte ist die Präsidentschaftsvorwahl der Bürger von Kalifornien, besteht in Kalifornien doch seit zwei Jahrzehnten erstmals die Chance für die Republikaner die Oberhand behalten zu können. Um liberaler zu wirken, macht Senator Bobby Frost gemeinsame Sache mit dem egomanischen Baron Von Westphalen und Treer.

Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Allerdings verfolgt der Baron eigene Pläne und der gemeinsame Interessenspunkt scheint der verschollene Boxer Santaros (Dwayne Johnson) zu sein. Dieser kann sich weder erinnern wer er ist, noch was seine Bestimmung sein soll. Pornodarstellerin Krysta Now (Sarah Michelle Gellar) nutzt dies gekonnt aus und verkauft Boxer das von ihr verfasste Drehbuch „The Power“ als dessen eigenes Gedankengut. Für die Recherche seiner Filmrolle als apokalyptischer Cop Jericho Cane bedarf es jedoch eindringlichen Nachforschunugen, welche die Neo-Marxisten um Zora Carmichaels (Cheri Oteri) für sich zu nutzen versuchen. Roland wurde entführt und sein Zwillingsbruder Ronald soll seinen Platz einnehmen. Die Idee ist, dass Roland als rassistischer Cop einen Mord an den Untergrundikonen Dion und Dream inszeniert, damit durch Boxer Santaros die Ambitionen des Republikaners Bobby Frost gedämpft werden. Letztlich kommt aber alles ganz anders, wie jeder gedacht hat, denn die Lager verschieben sich bei allen Figuren ein ums andere Mal, ebenso wie Freund und Feind.

In mancher Hinsicht können die Prequels somit zum Verständnis der Figuren beitragen. Wer sich die filmische Version von Krysta Now ansieht, erblickt kaum mehr als ein blondes Dummchen, welches gegen den Krieg und die Negierung von Jugendgeilheit vorgeht. Dabei ist Krysta Now in den Prequels eine selbst bestimmte und äußerst starke Persönlichkeit. Sie hat ihren eigenen Kopf und weiß diesen auch oftmals durchzusetzen – dieser Charakter ihrer Persönlichkeit kommt bedauerlicherweise im Film nicht oft zum Tragen. Die etwas naive Krysta wird aber in dieser Hinsicht äußerst gelungen von Sarah Michelle Gellar dargestellt, der man nicht nur das blonde Dummchen, sondern auch die Pornoactrice sofort abnimmt. Ähnlich glaubhaft ist auch die übrige Besetzung gelungen, von Mandy Moore als Madeline Frost Santaros bis hin zu Seann William Scott als Roland und Ronald Taverner. Ein besonderes Lob gebührt jedoch Dwayne Johnson, ehemals als The Rock bekannt, der hier eine starke Leistung abliefert und Erinnerungen an seine überzeugende Darstellung des schwulen Bodyguards in Be Cool wachruft. In Nebenrollen sind zudem Kevin Smith und Janeane Garofalo zu sehen, auch wenn Garofalos Figur von Teena MacArthur in der neu geschnittenen Version lediglich kurz in einer Szene zu sehen ist. Wer seine Augen aufsperrt kann sogar einen Cameo von Skandal-Regisseur Eli Roth erhaschen.

Teen horniness is not a crime.

Was aber bei Southland Tales besonders herausragt, ist sein Soundtrack. Richard Kellys Entscheidung, Musiker Moby diesen komponieren zu lassen, ist ein wahres Geschenk. Dessen elegische Stücke tragen auch eine Vielzahl von Szenen, darunter die finale Doomsday-Sequenz, aber auch eine der gelungensten Einstellungen, der Inszenierung von Dion und Dreams Erschießung. Diese wird nicht nur großartig von Mobys „3 Steps“ eingeleitet, sondern auch ebenso genial mit „Wave of Mutilation“ von den Pixies beschlossen. In das Gesamtbild des Soundtracks fügen sich aber auch „All the Things I’ve Done“ von The Killers ebenso brillant ein, wie Rebekah del Rios Version des „Star Spangled Banner“. Genauso sollte man auch die vielen Referenzen zu den Prequels lobend erwähnen, wie Bart Bookmans einsilbiges „Flow my tears“, welches dem Nichtkenner ziemlich wenig sagen wird. Hierzu kann man sicher auch die etwaigen „Do you bleed?“-Anspielungen zählen, die sich ohne die Vorgeschichte nicht nachvollziehen lassen. Insgesamt ist Richard Kelly bei einem bescheidenen Budget von 15 Millionen Dollar eine sehr stimmige Anknüpfung mit seinen Kapiteln „Temptation Waits“, „Memory Gospel“ und „Wave of Mutilation“ gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass Kellys Intention die Cannes-Version noch auf DVD zu veröffentlichen Gehör finden wird, da der „Director’s Cut“ neue Einblicke gewähren dürfte.

Den ersten Drehbuchentwurf hatte Richard Kelly 2001 wenige Wochen vor dem 11. September verfasst. Damals war Southland Tales noch als Seitenhieb auf Hollywood konzipiert worden. Doch die Ereignisse und Auswirkungen von 9/11 änderten Kellys Perspektive. Jetzt ist sein Film eine Satire über den Weltuntergang geworden, die bewusst überzeichnet ist und gewollt idiotisch und lustig wirken soll. Beeinflusst wurde Kelly für seine Geschichte von vielen verschiedenen anderen Werken, darunter zuvorderst sicherlich die Offenbarung des Apostels Johannes. Aber auch Robert Aldrichs Kiss Me Deadly zählt zu den großen Einflüssen des Filmes. Hierzu kommen dann noch wiederkehrende Zitate der amerikanischen Dichter Robert Frost („The Road Not Taken“) und T. S. Eliot („The Hollow Men“), sowie von Philip K. Dick und dem auf den Soundtrack enthaltenen Lied „Three Days“ der Gruppe Jane’s Addiction. Nunmehr ist Southland Tales ein metaphysisches und psychologisches Werk, dessen wahre Deutung wohl nur Kelly selbst vorbehalten bleibt, wie zuvor auch bei seinem Mysterie-Film Donnie Darko der Fall gewesen.

We saw shadows of the morning light
the shadows of the evening sun
until the shadows and the light were one.

Entgegen mancher Interpretation ist Southland Tales jedoch keine Verfilmung der Offenbarung, sondern bedient sich nur einiger Teile von dieser, ohne direkt auf das geschilderte Geschehen von Jesus’ Lieblingsjünger näher einzugehen. Insbesondere die wiederkehrenden Zahlen (12, 7, 4) tauchen im Film selbst nicht auf, auch die vier Reiter der Apokalypse lassen sich schwerlich erkennen, wie auch keine sieben Posaunen geblasen oder Siegel gebrochen werden. Die Interpretation ist dabei nicht immer einfach, schreibt der Film schließlich mancher Figur eine Rolle zu, die man durch bloßes Sehen anders besetzen würde. Bestes Beispiel hierfür ist die Verklärung durch Pilot Abilene, der die Funktion des Erzählers und somit des Chronisten Johannes einnimmt, dass es sich bei den beiden Zeugen um Boxer und Roland handelt. Dabei hat man als Zuschauer vielmehr das Gefühl, dass diese Rolle Dion und Dream gebührt. Ebenso verhält es sich mit dem apokalyptischen Reiter des weißen Pferdes, der im Film zwar als Walter Mung (Christopher Lambert) identifiziert wird, aber letztlich durch Martin Kefauver (Lou Taylor Pucci) dargestellt wird. Ohnehin wird – auch mit den Prequels – die Rolle von Mung in der Geschichte nicht wirklich geklärt, scheinbar gehört er aber zu den Neo-Marxisten und somit zum Baron.

Nobody rocks the cock like Krysta Now!

Aber es lassen sich durchaus einige Dinge mehr oder weniger identifizieren, so zum Beispiel Utopia Three als das Wasserungeheuer Leviathan und sein Äquivalent Behemoth zu Land (der Megazeppelin). Mit diesem geht letztlich auch der falsche Prophet Boxer unter, gemeinsam mit der Hure Babylon (Krysta Now), dem Antichristen (Baron), sowie seinen Puppen und Marionetten. Was genau mit dem Messias (Roland/Ronald) passiert, bleibt am Ende des Filmes offen, wie auch einige andere Fragen noch ungeklärt sind. Eine von ihnen wäre, wie Roland aus dem Treer Fahrzeug gelangen konnte, während Boxer mit diesem in die Luft gesprengt wurde. Oder wie es den Taverners gelang, beide Exemplare von Roland einzusammeln, nicht aber Boxer, denn die Beteiligung von Fortunio war insofern nicht von Anfang an geplant (siehe Temptation Waits). Vielleicht wird hier jedoch der Director’s Cut, ein Audio-Kommentar oder Bonusmaterial zukünftig noch etwas Licht ins Dunkle bringen. Vielleicht war dies von Kelly aber auch nie beabsichtigt, denn das Tolle an Southland Tales ist, dass der mit jeder Sichtung wächst, man jedes Mal etwas mehr versteht. Mit seinem Donnie Darko–Nachfolger ist Kelly ein außergewöhnlicher Film gelungen, ein satirischer Seitenhieb auf die heutige Gesellschaft und ein äußerst amüsantes und verqueres Zerrbild einer apokalyptischen Vision. Die Reaktionen auf den Film zeigen, dass er beileibe keine einfache Geschichte erzählt, wer sich auf den Film einlässt wird allerdings belohnt.

9/10