Posts mit dem Label Lucy Walker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lucy Walker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

7. Mai 2014

The Crash Reel

It’s just part of the game.

An einer Stelle in Lucy Walkers HBO Dokumentation The Crash Reel heißt es: Die Mutigen leben vielleicht nicht ewig, die Zaghaften hingegen leben gar nicht. Man fühlt sich an das Zitat “live fast, die young” aus Nicholas Rays Knock On any Door erinnert. Dieses schwebt in gewisser Weise wie ein Damoklesschwert über Walkers Film, der sich Snowboarder Kevin Pearce zum Thema nimmt. Pearce galt in der Szene als eines der vielversprechendsten Talente – bis ihn ein Trainingsunfall fast das Leben kostete. Mit Freunden wollte sich der damals 22-Jährige im Dezember 2009 in Park City, Utah auf die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver vorbereiten. Doch Pearces Traum wurde am Silvestermorgen jäh beendet.

Als er in der Halfpipe zu einem Double Cork ansetzte, einem doppelten Salto, verlor er bei der Landung das Gleichgewicht und prallte auf sein Gesicht. Fast vier Wochen verbrachte er daraufhin auf der Intensivstation, fast fünf Monate wiederum im Krankenhaus. Er hatte sich ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen – und dennoch dabei noch mal Glück gehabt. Sein Leben würde trotzdem nie mehr dasselbe sein und der heute 26-Jährige musste sich damit auseinandersetzen statt zu den Mutigen nun zu den Zaghaften zu gehören. In The Crash Reel zeichnet Lucy Walker ein Bild von Kevin Pearce vor und nach dem Unfall am Morgen des 31. Dezember 2009. Und wie der junge Mann sich anschließend ins Leben zurückkämpfte.

Der erste Akt unterscheidet sich stilistische und dramatisch vom Rest der Doku. Mit Filmmaterial von Kevin Pearce und seiner Snowboardclique wird deren Kultur sowie ihre Mentalität skizziert. Textmarker im Bild halten fest, wen wir gerade sehen, während sich Pearce vom ungeholfenen Jungen zum größten Talent der Szene mausert. Sein Potential hebt Lucy Walker im Vergleich mit Shaun White hervor, dem zweifachen Olympiasieger und ehemaligen Jugendfreund von Kevin Pearce. Ehe dessen Erfolg in den beiden Jahren vor seinem Unfall einen Keil zwischen die beiden trieb. Und während der eine (Pearce) ein Kumpel war, der mit seinen Freunden über die Piste jagte, avancierte der andere (White) zum “machine athlete”.

Sinn und Zweck ist, zu etablieren, welchen Weg Pearce hätte gehen können. Und was er durch den Unfall alles verlor. Beängstigend ist sein Anblick nach diesem, wenn leere Blicke und fehlende Reaktionen einen schweren Hirnschaden androhen. Umso erstaunlicher gerät der Fortschritt, den er im Laufe eines Jahres macht. Zwar bereiten die Augen und die Feinmotorik noch Probleme, aber der Snowboarder ist sicher, bald wieder auf sein Brett steigen zu können. Um da weiterzumachen, wo er aufgehört hat. Sehr zum Bestürzen seiner Familie, die einen Unfall wie jenen von Silvester 2009 nicht erneut durchmachen will. Und den Kevin Pearce, so das Echo seiner Neurologen, auch nicht erneut überleben würde.

Gerade in jenen Familienmomenten gewinnt The Crash Reel eine enorme emotionale Tiefe. Was auch der Verdienst der Pearces ist, von Mutter Pia bis runter zum am Down-Syndrom leidenden Bruder David. “Oh my God”, bricht der in einer Szene in Tränen aus, als er von den Comeback-Überlegungen von Kevin hört. Die Sorge der Familie scheint berechtigt, wie Lucy Walker anhand zweier anderer Beispiele von wiederholten Schädel-Hirn-Traumata aufzeigt. Auch ein tatsächliches, minutenlanges “crash reel” erwartet das Publikum, mit allerlei Sturzverletzungen von Snowboarder-, Ski- und Dirt Bike-Fahrern, sodass man als Zuschauer gar nicht verstehen kann, wie sich überhaupt jemand einem derartigen Risiko aussetzen will.

Und so verschiebt sich in der zweiten Filmhälfte der Fokus von der Szene, Kevins Freunden und seiner Passion – mit der er seinen Lebensunterhalt bestritt – hin zum Familiendrama. Das dieses den Zuschauer ergreift, verdankt sich auch dem intimen Zugang zu den Pearces, der Lucy Walker gelungen ist. Die legt mit The Crash Reel letztlich durchaus eine Comeback-Story vor, wenn auch eine etwas andere als man vermuten oder sich wünschen würde. Immerhin war Kevin Pearce ein solches Comeback vergönnt, was andere Kollegen der Szene, wie der Film dokumentiert, nicht von sich behaupten können. Sie lebten schnell und starben jung, Kevin Pearce wiederum zeigte Mut. Den Mut zur Vorsicht.

7.5/10

The Crash Reel ist im deutschen iTunes-Store erhältlich – zum Kauf oder zur Leihe.

17. Mai 2011

Waste Land

It’s where everything not good goes, including the people.

Über sechs Millionen Menschen leben in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro, weitere 5,5 Millionen Einwohner in der unmittelbaren Umgebung. Zusammen produzieren sie jeden Tag über 9.000 Tonnen Müll, von denen rund 7.000 Tonnen – und damit 70 Prozent des Mülls von Rio – auf der Mülldeponie Jardim Gramacho landen. Zu den weggeworfenen Materialien zählen neben Lebensmitteln auch alte Röntgenbilder, Schuhe, Bücher bis hin zu Leichen von Gangopfern oder Babys. Für Vik Muniz, einen brasilianischen Gegenwartskünstler der inzwischen in New York lebt und auch mit Müll arbeitet, erschien der Jardim Gramacho ideal für seine Müll-Installationen.

Von den 7.000 Tonnen Müll, die täglich im Jardim Gramacho landen, lassen sich 200 Tonnen recyceln. Diese Aufgabe übernehmen die catadores – die Müllsammler. Um die 3.000 gibt es von ihnen, die den Müll nach PET und Co. durchforsten und die wieder verwertbaren Materialien verkaufen. „Wie an der Börse“, erklären die Leiter der Müllhalde. Die Masse Müll, die hier täglich recycelt wird, entspricht der Masse, die eine Stadt mit 400.000 Einwohnern pro Tag produziert. Valter dos Santos ist seit 26 Jahren ein catador und wundert sich noch immer, warum viele PET-Flaschen nicht recyceln, weil eine Flasche mehr oder weniger für sie keinen Unterschied macht.

„99 ist nicht 100“, lautet Valters Mantra. Er und die anderen Sammler sind weniger depressiv denn lebensfroh. Viele von ihnen kennen es nicht anders, schaffen sie doch seit Jahren im Jardim Gramacho. Zumbi, der gut erhaltene Bücher aus dem Müll klaubt, um damit eine Kommunalbibliothek zu eröffnen, arbeitet hier seit er 9 ist. Suelem, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, hat von ihren 18 Lebensjahren bereits 11 mit Arbeiten zugebracht und auch Isis ist vor fünf Jahren zu den catadores gestoßen. „Das hier ist keine Zukunft“, sagt sie zwar, doch mit umgerechnet zwischen 13 bis 17 Euro am Tag, verdient sie verhältnismäßig gutes Geld. Und sie kann ihre Ehre behalten.

Muniz und sein Arbeitskollege Fabio planen nun, Porträts einiger catadores als großflächige Installation mit Müll nachzubauen und dann erneut abzulichten. Der Erlös der Bilder soll der ACAMJG, der Vereinigung der catadores des Jardim Gramacho, zu Gute kommen, die von Sebastiao Carlos dos Santos ins Leben gerufen wurde. Tiao, ein lebenslustiger junger Familienvater, zitiert Machiavelli und liest Nietzsche - dank Bücher, die er aus dem Jardim Gramacho geklaubt hat. Das Bild für das Tiao Model steht, ein Replikat von Jacques-Louis Davids „Der Tod des Marat“, wird später für rund 30.000 Euro in London verkauft werden – 30.000 Euro für einen Haufen Müll.

Waste Land befasst sich ab einem gewissen Zeitpunkt weniger mit Muniz und seinen Vorstellungen, als mit Tiao, Isis, Suelem und den anderen, deren Alltag durch seine Ankunft unterbrochen wird. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen, sei es der Tod eines Kindes, der sie in den Jardim Gramacho trieb, oder die Arbeitslosigkeit des Ehemannes. Alle kamen mit Schwierigkeiten zur Müllhalde, aber alle behielten ihre Würde. Besonders die Frauen heben hervor, dass sie nicht dem Drogenhandel oder der Prostitution zum Opfer fielen, die als einzige Alternative erscheinen. „Ich trage das mit Stolz“, berichtet Valter von seiner Vize-Präsidentschaft in der ACAMJG-Union.

Zugleich werfen diese Umstände jedoch Fragen auf, derer sich Regisseurin Lucy Walker nicht widmet, vielleicht auch gar nicht widmen kann. Denn was wäre, wenn die Einwohner von Rio ihren Müll selbständig trennen würden? Wenn die 200 Tonnen wieder verwertbarer Abfall täglich wegfallen und somit die Valters, Zumbis und Suelems keine Arbeit hätten? Bliebe Isis und den anderen Frauen dann keine Alternative zur Prostitution? Müsste Zumbi mit Drogen handeln, um seine Familie zu ernähren? Zudem offenbart eine kurze Szene, in der das Büro von ACAMJG überfallen und der Monatslohn der catadores geraubt wird, dass auch hier nicht heile Welt herrscht.

Dieser Teufelskreis und die Abhängigkeit der catadores vom Abfall der Bewohner Rios bleibt in Waste Land wohl gezwungenermaßen etwas außen vor. Stattdessen beschränkt sich Walker auf die Sammlercharaktere und dies in einer weitaus zugänglicheren Weise, als es beispielsweise Werner Herzog und Errol Morris für gewöhnlich in ihren Filmen pflegen. Walkers Protagonisten sind menschlich und greifbar, ohne dass sie indirekt der Lächerlichkeit preisgegeben werden ob ihrer Eigenartigkeit. So entsteht ein authentisches Bild der ärmeren Einwohner Rios, wie man es aus den Werken Fernando Meirelles’ kennt, der hier als ausführender Produzent fungierte.

Sowohl die Beteiligten als auch die künstlerischen Produkte ihres Schaffens faszinieren in Waste Land. „Was ich wirklich will, ist die Möglichkeit zu haben, das Leben einer Gruppe von Menschen zu verändern“, erklärt Muniz zu Beginn. „Mit demselben Material, mit dem sie sich jeden Tag umgeben.“ Zu diesem Zeitpunkt wirkt die Äußerung eher auf die späteren Besucher im Museum gemünzt, letztendlich trifft sie jedoch vielleicht viel mehr auf die catadores in Waste Land zu. Muniz’ Projekt und Walkers Dokumentation veränderten ihr Leben. Eine Veränderung, die auch die restlichen catadores erwartet, denn der Jardim Gramacho wird im kommenden Jahr geschlossen.

8/10