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17. Mai 2011

Waste Land

It’s where everything not good goes, including the people.

Über sechs Millionen Menschen leben in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro, weitere 5,5 Millionen Einwohner in der unmittelbaren Umgebung. Zusammen produzieren sie jeden Tag über 9.000 Tonnen Müll, von denen rund 7.000 Tonnen – und damit 70 Prozent des Mülls von Rio – auf der Mülldeponie Jardim Gramacho landen. Zu den weggeworfenen Materialien zählen neben Lebensmitteln auch alte Röntgenbilder, Schuhe, Bücher bis hin zu Leichen von Gangopfern oder Babys. Für Vik Muniz, einen brasilianischen Gegenwartskünstler der inzwischen in New York lebt und auch mit Müll arbeitet, erschien der Jardim Gramacho ideal für seine Müll-Installationen.

Von den 7.000 Tonnen Müll, die täglich im Jardim Gramacho landen, lassen sich 200 Tonnen recyceln. Diese Aufgabe übernehmen die catadores – die Müllsammler. Um die 3.000 gibt es von ihnen, die den Müll nach PET und Co. durchforsten und die wieder verwertbaren Materialien verkaufen. „Wie an der Börse“, erklären die Leiter der Müllhalde. Die Masse Müll, die hier täglich recycelt wird, entspricht der Masse, die eine Stadt mit 400.000 Einwohnern pro Tag produziert. Valter dos Santos ist seit 26 Jahren ein catador und wundert sich noch immer, warum viele PET-Flaschen nicht recyceln, weil eine Flasche mehr oder weniger für sie keinen Unterschied macht.

„99 ist nicht 100“, lautet Valters Mantra. Er und die anderen Sammler sind weniger depressiv denn lebensfroh. Viele von ihnen kennen es nicht anders, schaffen sie doch seit Jahren im Jardim Gramacho. Zumbi, der gut erhaltene Bücher aus dem Müll klaubt, um damit eine Kommunalbibliothek zu eröffnen, arbeitet hier seit er 9 ist. Suelem, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, hat von ihren 18 Lebensjahren bereits 11 mit Arbeiten zugebracht und auch Isis ist vor fünf Jahren zu den catadores gestoßen. „Das hier ist keine Zukunft“, sagt sie zwar, doch mit umgerechnet zwischen 13 bis 17 Euro am Tag, verdient sie verhältnismäßig gutes Geld. Und sie kann ihre Ehre behalten.

Muniz und sein Arbeitskollege Fabio planen nun, Porträts einiger catadores als großflächige Installation mit Müll nachzubauen und dann erneut abzulichten. Der Erlös der Bilder soll der ACAMJG, der Vereinigung der catadores des Jardim Gramacho, zu Gute kommen, die von Sebastiao Carlos dos Santos ins Leben gerufen wurde. Tiao, ein lebenslustiger junger Familienvater, zitiert Machiavelli und liest Nietzsche - dank Bücher, die er aus dem Jardim Gramacho geklaubt hat. Das Bild für das Tiao Model steht, ein Replikat von Jacques-Louis Davids „Der Tod des Marat“, wird später für rund 30.000 Euro in London verkauft werden – 30.000 Euro für einen Haufen Müll.

Waste Land befasst sich ab einem gewissen Zeitpunkt weniger mit Muniz und seinen Vorstellungen, als mit Tiao, Isis, Suelem und den anderen, deren Alltag durch seine Ankunft unterbrochen wird. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen, sei es der Tod eines Kindes, der sie in den Jardim Gramacho trieb, oder die Arbeitslosigkeit des Ehemannes. Alle kamen mit Schwierigkeiten zur Müllhalde, aber alle behielten ihre Würde. Besonders die Frauen heben hervor, dass sie nicht dem Drogenhandel oder der Prostitution zum Opfer fielen, die als einzige Alternative erscheinen. „Ich trage das mit Stolz“, berichtet Valter von seiner Vize-Präsidentschaft in der ACAMJG-Union.

Zugleich werfen diese Umstände jedoch Fragen auf, derer sich Regisseurin Lucy Walker nicht widmet, vielleicht auch gar nicht widmen kann. Denn was wäre, wenn die Einwohner von Rio ihren Müll selbständig trennen würden? Wenn die 200 Tonnen wieder verwertbarer Abfall täglich wegfallen und somit die Valters, Zumbis und Suelems keine Arbeit hätten? Bliebe Isis und den anderen Frauen dann keine Alternative zur Prostitution? Müsste Zumbi mit Drogen handeln, um seine Familie zu ernähren? Zudem offenbart eine kurze Szene, in der das Büro von ACAMJG überfallen und der Monatslohn der catadores geraubt wird, dass auch hier nicht heile Welt herrscht.

Dieser Teufelskreis und die Abhängigkeit der catadores vom Abfall der Bewohner Rios bleibt in Waste Land wohl gezwungenermaßen etwas außen vor. Stattdessen beschränkt sich Walker auf die Sammlercharaktere und dies in einer weitaus zugänglicheren Weise, als es beispielsweise Werner Herzog und Errol Morris für gewöhnlich in ihren Filmen pflegen. Walkers Protagonisten sind menschlich und greifbar, ohne dass sie indirekt der Lächerlichkeit preisgegeben werden ob ihrer Eigenartigkeit. So entsteht ein authentisches Bild der ärmeren Einwohner Rios, wie man es aus den Werken Fernando Meirelles’ kennt, der hier als ausführender Produzent fungierte.

Sowohl die Beteiligten als auch die künstlerischen Produkte ihres Schaffens faszinieren in Waste Land. „Was ich wirklich will, ist die Möglichkeit zu haben, das Leben einer Gruppe von Menschen zu verändern“, erklärt Muniz zu Beginn. „Mit demselben Material, mit dem sie sich jeden Tag umgeben.“ Zu diesem Zeitpunkt wirkt die Äußerung eher auf die späteren Besucher im Museum gemünzt, letztendlich trifft sie jedoch vielleicht viel mehr auf die catadores in Waste Land zu. Muniz’ Projekt und Walkers Dokumentation veränderten ihr Leben. Eine Veränderung, die auch die restlichen catadores erwartet, denn der Jardim Gramacho wird im kommenden Jahr geschlossen.

8/10

26. Dezember 2008

Cidade dos Homens - Season Three

Es gibt Momente, wo man sagen muss was man fühlt.

Sie sind zurück, die beiden Favela-Jungs Laranjinha (Darlan Cunha) und Acerola (Douglas Silva). In Europa markiert die dritte Staffel von Fernando Meirelles’ Serie Cidade dos Homens auch gleichzeitig das Ende der Serie. Wer sich die vierte Staffel zu Gemüte führen will, der muss schon auf eine US-Import DVD setzen. Auch in ihrem dritten Jahr dreht sich in der Serie alles um das Thema „Frauen“. Aber auch Familienfragen werden thematisiert, alles in Relation zum harten Leben in den Armenvierteln von Rio de Janeiro. Man merkt es den beiden Laiendarstellern Cunha und Silva inzwischen an, dass sie etwas eingespielter sind und ihre Szenen daher glaubwürdiger rüber bringen können. Die Vermischung von amüsanten die dramatischen Elementen gelingt eine Spur besser als in den vorherigen beiden Staffeln.

In der ersten Folge ist die Sexualität der Jugendlichen noch allgegenwärtig. Laranjinha treibt es mal wieder vogelbunt und Acerola will eigentlich nur ein paar Intimitäten mit seiner Liebe Cristiane (Camila Monteiro) austauschen. Ein von den Jungs selbst gemixter Liebestrunk soll die weiblichen Mitschülerinnen gefügig machen. Die Aktionen der beiden Freunde haben dieses Mal weitreichende Folgen. Während Laranjinha seine Jungfräulichkeit an eine Gangsterfreundin verliert, schläft Acerola kurz darauf mit Cristiane. Hinterher müssen beide mit den Resultaten auskommen. Laranjinha hat das Viertel zu verlassen, da sein Leben auf dem Spiel steht und durch den ungeschützten Sex mit Acerola wird Cristiane gleich bei ihrem ersten Mal schwanger.

Doch das Leben in der Favela ist hart und schnell. Laranjinhas Verfolger stirbt und so kann der Romantiker zurückkehren, nur um sich gleich den nächsten Ärger aufzuhalsen. Die dritte Folge Vacilo é um só ist die beste der dritten Staffel. Acerola hilft einem Bürgerkomitee, um etwas Geld für eine Abtreibung zusammen zu kriegen. Laranjinha hingegen beginnt eine Romanze mit Tina (Kamilla Rodrigues). Tina wiederum entstammt einem kaputten Elternhaus. Ihr Vater betreibt einen Kiosk und schlägt seine Frau regelmäßig. Die Jugendliche setzt ihre ganzen Bestrebungen dahin, von Madrugadão (Jonathan Haagensen) in die Bande aufgenommen zu werden. Gegen Ende der Folge eskaliert die Situation. Als Ausgleich für diese sehr ernste Folge ist die vorletzte Episode der Staffel etwas lockerer, aber nicht weniger gefährlich. In Cidade dos Homens ist die Gefahr für alle Beteiligten stets präsent, eine falsche Entscheidung kann hier schnell zum Tod führen.

Etwas stärker als zuvor wird in der dritten Staffel das Thema der Vaterschaft angesprochen. Laranjinha ist weiterhin auf der Suche nach seinem Vater und es diese Suche, die schließlich dazu führt, dass Acerola sich zu seinem eigenen Kind bekennt und eine Abtreibung ablehnt. Doch nicht nur die Ablehnung der Abtreibung ist ausschlaggebend, sondern auch die Tatsache, dass Acerola zur Cristiane steht. „Willst du dass dein Kind ohne Vater aufwächst wie wir?“, fragt Laranjinha seinen besten Freund in einer der entscheidenden Szenen. Von ihrer Grundstimmung her ist auch die „letzte“ Staffel durchaus gelungen, speziell in ihrem Gleichgewicht zwischen Gewalt und Humor. Somit bietet diese wie keine andere Staffel der Serie den besten Aufhänger für den Abschluss der Reihe im gleichnamigen Kinofilm. Dieser wartet selbstverständlich mit einigen bekannten Gesichtern auf.

8/10

18. Oktober 2008

Blindness

The only thing more terrifying than blindness is being the only one who can see.

Unter den Blinden ist der Einäugige König. Die Redewendung kennt man ja und bedeutet, dass man selbst mit Mittelmäßigkeit noch jemandem überlegen sein kann, der schlechter dran ist als man selbst. Der portugiesische Schriftsteller José Saramango verfasste 1995 mit Blindness einen Roman, der in eine andere Richtung geht. Saramango entwarf eine Geschichte über eine Gesellschaft, die plötzlich blind wird. Nicht alle auf einmal, sondern nach und nach. Wie bei einer Epidemie. Was der Portugiese anschließend skizziert ist eine sich selbst demontierende Gesellschaft, die abseits ihrer erschaffenen Bequemlichkeit kaum im Stande ist ihre zivilisierte Ordnung aufrecht zu erhalten. Lange Zeit galt Blindness als einer jener Romane, denen man das Prädikat „unverfilmbar“ anheftet. Doch in heutigen Zeiten bedeutet das nichts mehr. Peter Jackson adaptiert mehr schlecht als recht Tolkiens Lord of the Rings und Tom Tykwer versucht sich noch eine Nummer größer an Süßkinds Das Pafüm. Der Mann, der sich an Saramangos Werk wagte, war schließlich Fernando Meirelles, der sich inzwischen dank Cidade de Deus und The Constant Gardener einen Namen gemacht hat. Mit seinem Film, der die Filmfestspiele von Cannes dieses Jahr eröffnet hat, läutet Meirelles dann auch den Herbst der Oscaranwärter ein, der noch so namhafte Konkurrenz wie Sam Mendes’ Revolutionary Road beherbergt. Ob es dem Brasilianer gelingt erneut seinen Film in der vordersten Front der Kategorien zu platzieren dürfte fraglich sein. Obschon Blindness bisweilen ein filmisches Werk von meisterlicher Intensität ist, büßt die Narration der Geschichte gerade zum Schluss hin stark ein und trübt das Gesamtergebnis.

Urplötzlich wird ein Mann (Yusuke Iseya) in seinem Auto auf offener Straße von einer milchigen Blindheit geschlagen. Der Besucht bei seinem Augenarzt (Mark Ruffalo) eröffnet, dass an seinen Augen kein Schaden festzustellen ist. Ehe er sich versieht, leidet am folgenden Tag auch der Arzt an jener milchigen Blindheit und übergibt sich der Gesundheitsbehörde. Die befürchtete Epidemie bewahrheitet sich. Neben dem Augenarzt und dem ersten Blinden finden sich in einer verlassenen Irrenanstalt auch andere Patienten des Arztes wieder, die in Reichweite des ersten Blinden gekommen sind. Was die anderen Patienten und auch die Gesundheitsbehörde nicht wissen, die Frau des Arztes (Julianne Moore) hat sich ebenfalls einweisen lassen – obwohl sie bestens sehen kann. Im folgenden fungiert sie insgeheim als die Augen des ganzen Blocks, während sich die Zahl der Infizierten immer mehr erhöht. Schon kurze Zeit später beginnen sich Spannungen aufzubauen, denn die Essensrationen der Regierung decken nicht den Bedarf aller Insassen. Deren Zahl wiederum übersteigt allmählich die Kapazität der Anstalt. Bei dem Versuch einer Aussprache erklärt sich ein Barkeeper (Gael Garcia Bernal) zum König von Block 3 und kurz darauf zum Anführer der Anstalt. Er erpresst die anderen Patienten im Austausch für Geld und Schmuck an den Lebensmittelrationen teilhaben zu können. Als die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, macht er den Vorschlag, dass sich die Frauen des Blocks zur sexuellen Verfügung stellen. Während die gesellschaftliche Ordnung innerhalb der Anstalt fortwährend degeneriert, entfremden sich auch der Arzt und seine Frau, ehe die Situation letztendlich zur Eskalation führt.

Passend zur Thematik der milchigen Blindheit seiner Protagonisten hält Meirelles seine Bilder in oftmals klaren und ausgesprochen hellen Bildern. Diese wirken mitunter fast schon ausgebleicht und verhelfen Blindness zu einer gewissen Sterilität, die das Gezeigte eine Spur transzendenter erscheinen lässt. Durch die Kameraführung von César Charlone fühlt sich der Zuschauer speziell in den Szenen innerhalb der Anstalt gelegentlich selbst wie einer der wenigen Sehenden respektive wie die Frau des Arztes. Unterstützt wird jenes Szenario von der träumerischen Musik Marco Antônio Guimarães’, dessen Thema zum Film in manchen Einstellungen fast schon grotesk ob seines versteckten Optimismus wirkt. Von seiner technischen Seite präsentiert sich Blindness hervorragend. Dem Wunsch von Saramango kam man zwar nach, keine reale Stadt als Hintergrund zu verwenden, doch sind die Einstellungen zu Beginn aus Brasilien durchaus erkennbar. Diese vermischen sich dann später mit Szenenwechseln nach Kanada und Uruguay, sodass Meirelles seinem Film auf überzeugende Weise eine spezielle Globalität zu verleihen weiß. Gerade jene Szenen in der verwahrlosten Stadt hinterlassen einen bleibenden Eindruck, nicht weniger jedoch wie ihre Pendants in der Anstalt. Mehr und mehr degenerieren die Menschen mit ihrer Umgebung, welche sie visuell nicht einmal wahrnehmen können, sodass dieser Umstand nur noch stärker als Spiegelbild ihres eigenen Niedergangs angesehen werden kann.

Mit der visuellen Kraft des Filmes kann die Geschichte selbst dann eher nicht mithalten. Durch Nichtkenntnis der Vorlage lässt sich schlecht bestimmen, ob dies an Saramango oder Meirelles liegt, es wird jedoch von letzterem ausgegangen. Mehrfach verschiebt sich die Sichtweise innerhalb des Filmes, versucht man sich zu Beginn an einer gewissen Objektivität, folgt Blindness ab der Anstaltseinweisung verstärkt der Frau des Arztes. Allerdings wechselt diese Perspektive nach einiger Zeit zu Gunsten des Mannes mit der Augenklappe (Danny Glover), welcher zuvor für den eigentlichen Ablauf der Handlung keine Bedeutung hatte. Er ist es dann auch, der den Film durch seine Erzählstimme bis zum Ende begleitet, was es nicht unbedingt schwer macht der Handlung zu folgen, doch ist es ein etwas störendes Stilmittel, dessen sich der Brasilianer hier bedient. Hierzu zählt auch die fehlende Fokussierung auf alle Figuren, deren Oberfläche Meirelles gelegentlich ankratzt, aber dem nie näher nachgeht. Neben dem Mann mit der Augenklappe trifft dies auch auf die Frau mit der Sonnenbrille (Alice Braga) zu. Wer ist sie? Was macht sie aus? Zwischen der einen Einstellung und der nächsten präsentiert Meirelles auf einmal emotionale Spannungen zwischen ihr und dem Arzt, die dann wieder ebenso schnell verblassen. Und praktisch nebenher führt er eine Beziehung zwischen ihr und dem Mann mit der Augenklappe ein. Große Gefühle, die unverständlich wirken, da man beide Figuren zuvor kein einziges Mal zusammen in einer Einstellung gesehen hat. Traurigerweise trifft diese Vernachlässigung der Charaktere nicht nur die Nebendarsteller, sondern auch den Arzt und seine Frau. Was in ihnen und den anderen vorgeht weiß der Regisseur nicht in seine Bilder zu packen, sodass es einem trotz der dramatischen Bilder schwer fällt, wirklich mit den Figuren zu sympathisieren.

Dies fällt einem besonders beim Verhalten von Julianne Moores Figur schwer, welches selten bis gar nicht nachvollziehbar ist, speziell wenn man die Umstände betrachtet. So offenbart sie jederzeit den Ausweg aus dieser „Hölle“, doch lässt Meirelles sie nicht diesen Pfad bestreiten. In gewissem Sinne ist daher jene Massenvergewaltigungsszene der Höhepunkt des Filmes, von einer derartigen Intensität geprägt, dass sich einem der Magen umdreht. Gerade die Szenen mit dem König von Block 3 sind schwer zu ertragen, da hier die wahre Fratze der menschlichen Existenz zum Vorschein dringt. Dabei besitzt Bernals Figur durchaus Tiefe, wie auch von ihm selbst bestimmt, doch auch jene Tiefe wird von Meirelles nicht wirklich auf die Leinwand transferiert. Der König ist ein Mensch, wie man ihn überall findet, die andere Seite zur Medaille, die mit dem Arzt vervollständigt wird. Wenn hier die Sitten verrohen, nimmt Blindness immense Fahrt auf, ist ein schwer erträgliches, da authentisches Bild der Menschheit und fasziniert. Durch die Vernachlässigung der Figuren, die Art und Weise der Narration und der unsäglichen – obschon hervorragend inszenierten – letzten Viertelstunde verliert der Film sehr viel. Ratsamer wäre es gewesen, weniger Charaktere einzubauen oder wenn schon so viele, diese auch entsprechend auszuleuchten. Mal hü und mal hott geht dann jedoch nicht. Dass Meirelles vieles im Raum stehen lässt, kann man oft nachvollziehen, spielt einiges – zum Beispiel was die Blindheit ist – auch nur eine untergeordnete Rolle. Was Blindness wirklich sein will, verrät sich in seiner letzten Einstellung und den finalen Worten. Dass das, was man zuvor gesehen hat, unweigerlich damit zusammenhängt, erschließt sich einem nicht unbedingt. Meirelles verschenkt viel Potential, was sich seinen mehrfachen Wendungen verdankt. Ist Blindness sowohl vom technischen Aspekt wie seinen Schauspielern gelungen, hapert es doch ein wenig an seiner Geschichte.

6/10

25. Februar 2008

Kurz & Knackig: Gefühlschaos

Cidade de Deus – Fernando Meirelles’ Meisterwerk über das Leben in den brasilianischen Favelas schildert Geschichten über die ersten Lieben (Buscape) bis hin zu den ersten Morden (Löckchen) vieler junger Menschen, deren Leben bestimmt ist von Gewalt und Drogen. Anhand seiner beiden Figuren Buscape und Löckchen zeigt der Film die unterschiedlichen Wege auf, die ein junges Leben unter denselben Bedingungen nehmen kann. Zu einem Großteil mit Laiendarstellern gedreht muss man sagen, dass so sehr auch Meirelles’ Film durch seine Optik und musikalische Untermalung zu gefallen weiß, Cidade de Deus bei meiner fünften Sichtung langsam recht dated wirkt. Der Handlungsbogen ist zu gestreckt und Meirelles verliert sich auf vielen Nebenschauplätzen wie beispielsweise der Geschichte um Mané, auch das Intro mit den Wild Angels hätte der Regisseur etwas straffen können. Wegen dieser kleinen Makel verliert der Film einen Punkt in seiner Wertung, bleibt aber dennoch ein Meisterwerk unserer Zeit und erhält 9/10.

Herr Wichmann von der CDU – Im Jahr 2002 begleitete der Regisseur Andreas Dresen den Wahlkampf (insofern sich von einem solchen reden lässt) des CDUlers Henryk Wichmann im Wahlkreis Uckermark-Oberbarnim. Oberflächlich betrachtet handelt es sich hierbei um eine der amüsantesten deutschen Komödien aller Zeiten, wenn der 25jährige Wichmann mit Rechtsradikalen debattiert, seine Politikerkonkurrenten mit Worten wie „Märchenstunde“ abwatscht oder nicht müde wird gegen die Grünen zu wettern. Sehr vorausschauend auch, wenn er bereits 2002 auf die Frage „Wem kann man noch vertrauen“ wie aus der Pistole geschossen mit „Der Frau Merkel“ antwortet. Dresens Film bleibt dennoch eine Dokumentation und der erzeugte Humor ist fraglos ungewollt. Sehr demaskierend zeigt er die Hoffnungslosigkeit eines Wahlkampfes in einer demoralisierten Umgebung. Niemand will Wichmann zu hören, die Broschüren werden nur wegen der gratis Kugelschreiber mitgenommen, ein wirkliches Interesse an der Bundestagswahl gibt es nicht. Dass Wichmann sich dabei in ein Muster zwängen lässt, welches er selbst gegenüber seiner schwangeren Frau vor der Kamera aufrecht erhält, verdient sich dennoch zum Brüllen komische 9/10.

Enduring Love -Ltztes Jahr war Ian McEwan ja in aller Munde bzw. vielmehr die Filmadaption seines Romans Atonement. Drei Jahre zuvor hatte sich Theaterregisseur Roger Michell 2004 an McEwans gleichnamigen Roman von 1997 versucht. Erzählt wird die Geschichte eines fatalen Heißluftballon-Unfalls, der den homosexuellen Jed (Rhys Ifans) in eine Erotomanie zu dem ebenfalls anwesenden Joe (Daniel Craig) treibt. Währenddessen macht sich Joe schwere Vorwürfe wegen des Unfalls, da dabei eine der beteiligten Personen zu Tode kam. Seine Beziehung zu seiner Freundin Claire (Samantha Morton) hat darunter zu leiden und Jed verrennt sich immer mehr in seine Liebe zu Joe, bis das ganze tragisch endet. Für diesen Liebes-Thriller scheint Michell, vorher für den Liebesfilm Notting Hill und den Thriller Changing Lanes verantwortlich, wie geschaffen zu sein, doch die Abänderungen gegenüber der Vorlage führen dazu dass die ganze Spannung der Geschichte verloren geht. Der Film gibt sich schließlich der Belanglosigkeit und Eintönigkeit her, ohne Spannung, ohne Tiefgang, eigentlich ohne gar nichts, außer einem Kuss zwischen James Bond-Craig und Sienna Miller-Stecher Ifans. Wirklich viel Potenzial wurde dabei nicht einmal verschenkt, von meiner Seite aus gibt es einschläfernde 3/10.

6. Juli 2007

Cidade dos Homens - Season Two

Als Neuerung der zweiten Staffel gibt es statt vier Folgen nunmehr derer fünf. Produzent Fernando Meirelles führte erneut bei einer der Episoden (Sabado) Regie. Im Gegensatz zur ersten Staffel konzentriert sich die Handlung weniger auf das direkte Leben in den Favelas, sondern Acerola (Douglas Silva) und Laranjinha (Darlan Cunha) sind inzwischen gealtert und haben in ihrer Pubertät nichts anderes als Mädchen im Kopf. Gleich die erste Episode dreht sich um dieses Thema, denn Samstags (Sabado) treffen sich alle in der (Open-Air) Disco, wo anschließend kräftig gebaggert wird und es nur darum geht, von jemandem geküsst zu werden.

Auch die anderen vier Episoden haben das Thema Beziehung und Sex zur Thematik, die gesamte zweite Staffel entfernt sich von der Grundstimmung aus Cidade de Deus. Dies ist im Grunde auch der Hauptkritikpunkt, den man äußern kann, denn so seltsam es sich anhört, wird das Leben von Acerola und Laranjinha gelegentlich so porträtiert, dass man denken könnte, sie leben nicht im Slum, sondern im Paradies. Von Gewalt und Armut in den Favelas ist nicht mehr viel zu sehen, stattdessen werden hübsche Mädchen angebaggert oder am Strand gesurft. Auch die Pfade der beiden Jungs und Joao Victor, dem upper-class Jungen aus letzten Staffel kreuzen sich wieder und die drei freunden sich an. Erst die fünfte und letzte Folge zeigt dann wieder das "wahre" Gesicht der Favelas.

Die zweite Staffel knüpft gut an die erste Staffel an und unterhält auch sicher mit den pubertären Bestrebungen der beiden Protagonisten. Der Grundtenor des Favela-Lebens wird dabei jedoch in den Hintergrund gespielt und lässt einen dann wie oben erwähnt hin und wieder stutzen, da einem das eigene Leben viel komplizierter erscheint, wie das von Acerola und Laranjinha. Es bleibt zu hoffen, dass die dritte Staffel sich wieder mehr dem Ernst des Themas widmet. P.S.: Für alle Interessierten, die ersten drei Staffeln gibt es bei amazon.de in einer Collector's Box für läppische 30€.

7/10

2. Juli 2007

Cidade dos Homens - Season One

Du stiehlst das Richtige und nie das Falsche.

Nach dem Erfolg von Cidade de Deus hat Regisseur und Produzent Fernando Meirelles eine Serie mit demselben Hintergrund kreirt: Cidade dos Homens (City of Men). Von 2002 bis 2005 lief die Serie in vier Staffeln über die brasilianischen Bildschirme, konzentrieren sich aber nicht auf die Hauptfiguren aus dem Film. In jeweils vier (später auch fünf) Episoden wird aus dem Leben der beiden (anfangs) 12jährigen Acerola (Douglas Silva) und Laranjinha (Darlan Cunha) erzählt, hauptsächlich ihr täglicher Überlebenskampf in ihrer Favela.

Die erste Folge (A Coroa do Imperador) wird hierbei als Einführung, indem sie die Bandenkämpfe in den Favelas mit den Napolitanischen Kriegen gleichzusetzen versucht. Hierbei werden Acerola und Laranjinha in ihren Familiensituationen eingeführt. In einer besonderen Szene schauen sich die Jungs mit ihren Freunden scheinbar im Fernsehen selber an, wo sie als Schauspieler Bezug dazu nehmen, dass sie alle selber aus den Favelas kommen und das Leben und Tod dort in Hand daherkommen.

Die zweite Folge (O Cunhado do Cara) hat dann schon eher einen Cidade de Deus-Touch, denn als Acerolas Schwester etwas mit dem Bandenchef Deco anfängt, bekommt Acerola die Kraft der Macht zu spüren und scheint den Weg von Löckchen aus Cidade de Deus zu gehen. Hierbei entfremden sich auch Acerola und Laranjinha, welcher der gewitztere der beiden ist.

In der dritten Folge (Correio) wird ein positiveres Bild der Favela gezeichnet, in denen nicht die Polizei, sondern die Banden herrschen. Dies heißt aber nicht, dass deshalb Anarchie angesagt ist und so setzt in Correio der Bandenchef Acerola und Laranjinha als Postboten für die Favela ein, damit auch jeder seine Post bekommt. Als ein Brief allerdings übrigbleibt und der Chef im Urlaub ist, müssen Acerola und Laranjinha um ihr Leben fürchten.

In der vierten und letzten Folge der ersten Staffel (Uólace e Joao Victor) - welcher von Meirelles diregiert wurde - stehen Laranjinha, dessen Geburtsname Uólace ist, und ein Junge namens Joao Victor im Blickpunkt. Während Laranjinha in der Favela wohnt und jeden Tag nach Essen sucht, wohnt Joao Victor im gehobeneren Viertel, nimmt sogar Tennisstunden. Was beide verbindet, ist die Sehnsucht nach einem neuen Sportschuh, der für beide allerdings zu teuer ist. Mehrfach kreuzen sich ihre Wege in dieser Folge, in der aufgezeigt werden soll, dass man nicht ist, was man ist, weil man in der Favela oder im gehobeneren Viertel lebt.

Für jemanden in Deutschland lässt sich das Leben in den Favelas wohl schwerlich vorstellen und ob es gebührend charakterisiert wird, ist fraglich (da es relativ gewaltarm zugeht, auch wenn Acerola mehrfach um sein Leben fürchten muss). Mit Acerola und Laranjinha hat man zwei Helden, die stark an die jungen Löckchen und Béné aus Meirelles' Film erinnern. Allerdings war es interessant, einmal ein brasilianisches Serienkonzept zu begutachten. Dabei unterhält die Serie und lebt von der gelungenen Regie und den beiden Talenten Cunha und Silva. Dieses Jahr kommt auch noch eine Kinoversion von Cidade dos Homens heraus...ich werde mir demnächst erstmal die zweite Staffel anschauen.

8/10