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26. Juni 2013

Die Top 5: The Shield

Good cop and bad cop have left for the day. I’m a different kind of cop.

Der Polizei- bzw. Kriminalfilm besitzt sein ganz eigenes Genre, im Fernsehen gerne auch “police procedural” genannt. Von Kojak über Miami Vice bis hin zu Law & Order werden seit über 40 Jahren die Erlebnisse der Gesetzeshüter in Amerikas Großstädten erzählt. In den vergangenen Jahren ging der Trend mehr hin zum Realismus, Serien wie The Wire versuchten sich als sozio-kultureller Kommentar darzustellen, andere Shows wie The Shield eher als eine Tragödie mit shakespeareschen Anleihen. Letztere, von Shawn Ryan konzipierte Serie, lief von 2002 bis 2008 auf dem Kabelkanal FX und erzählt von einer Einheit korrupter weißer Ermittler in einem Minoritäten-Stadtteil von Los Angeles.

Vic Mackey (Michael Chiklis) leitet die Sondereinheit des Strike Teams, das sich auf die Gangs im Viertel spezialisiert. Mit seinem Team (Walton Goggins, Kenneth Johnson, David Rees Snell) legt er das Gesetz jeden Tag aufs Neue selbst aus, was ihn bei seinem Vorgesetzten, David Aceveda (Benito Martinez), in Misskredit gebracht hat. Mackey macht Deals mit Drogenhändlern, unterschlägt hier und da etwas Geld und wendet bereitwillig Gewalt an, um seinen Standpunkt klarzumachen. Von Kollegen wie der Streifenpolizistin Danny Sofer (Catherine Dent) wird das akzeptiert, von Ermittlerin Claudette Wyms (CCH Pounder) geduldet und von ihrem Partner ‘Dutch’ Wagenbach (Jay Karnes) eher missbilligt.

Nun erzählt The Shield nichts, was man nicht bereits anderswo gesehen hätte. Egal ob Colors oder die Filme von Polizei-Fan David Ayer wie End of Watch oder Street Kings, alle sind voll von Rassenunruhen, Korruption und Straßengangs in Los Angeles. Letztlich ist The Shield somit eine Polizeiserie von vielen, auch wenn Blogger-Kollegen wie Bullion („Eine mitreißende und schockierende Cop-Serie“) oder Stefan Rybkowski das anders sehen. Dabei legt die Serie durchaus Wert darauf, alle ihre Figuren mit Makeln zu versehen – manche mehr als andere. So sind Wyms und Wagenbach von Egomanie zerfressen, während Aceveda (im Serienfinale nicht unpassend “ass invader” ausgesprochen) sogar gänzlich inkompetent ist.

Somit ist die zentrale Identifikationsfigur der amoralische Vic Mackey, ein klassischer guter Polizist, der nebenbei böse Sachen macht. Zum Beispiel – Achtung: Spoiler – direkt zum Ende der Pilotfolge einen von Aceveda angeheuerten Undercover-Cop in der eigenen Einheit hinrichten und es einem Dealer in die Schuhe schieben. Jener Vorfall ist es auch, der letztlich die späteren Entwicklungen der letzten drei Staffeln auslösen und beherrschen wird. Shawn Ryan und Co. zeigen allerdings oft genug, dass Mackey zum einen das Wohl des Viertels am Herzen liegt und zum anderen, dass es zumeist seiner Arbeitsmentalität zu verdanken ist, wenn Verbrechen wie Drive-by-Shootings oder Morde schnell aufgelöst werden.

“I’m the best there is at what I do, but what I do best isn’t very nice”, hatte bereits Wolverine gesagt und diese Selbstdarstellung passt auch auf Mackey (zum Ende der finalen Staffel bezeichnet er sich ohne Umschweife als “action hero”). Er ist fraglos ein tragischer Held à la Macbeth, der sich sein eigenes Grab schaufelt beziehungsweise gleich zu Beginn eine Suppe einbrockt, die er sieben Jahre lang auslöffeln wird. Hinter Mackeys Darstellung stehen die übrigen Figuren leider etwas zurück. Manchen wie Strike Team-Mitglied Ronnie (David Rees Snell) widmet man sich gar nicht, andere wie sein Kollege Shane (Walton Goggins) oder Aceveda stagnieren und Wyms macht irgendwann sogar eine Kehrtwende um 180 Grad.

War ihr zu Beginn Mackeys Art des Polizeidienstes schnuppe (“I don’t judge other cops.”), macht sie am Ende wegen diesem mehr Theater als selbst Aceveda. Dabei ist es sogar Mackey, der von allen am effektivsten in seinem Kommissariat arbeitet. Zuvorderst wird in The Shield jedoch intrigiert, fingiert und kompromittiert. Und wie die Serie das zeigt, ist keinesfalls schlecht, allerdings auch selten wirklich überdurchschnittlich. So ragen aus den 88 Episoden nur sieben Folgen wirklich erkennbar heraus, die fünf besten von ihnen sollen im Folgenden vorgestellt und präsentiert werden. (Leichte) Spoiler lassen sich bei sieben ineinandergreifenden Staffeln jedoch nicht vermeiden, insofern sei “viewer discretion advised”:


5. Back to One (Season 6, Episode 3/Gwyneth Horder-Payton): In seiner Suche nach dem vermeintlichen Mörder eines Freundes und Kollegen verliert sich Vic immer mehr in seiner unkontrollierbaren Rachsucht. Zuvorderst gefällt in dieser Folge jedoch, dass der sonst oft in den Hintergrund gedrängte Ronnie für einen Fall vom Strike Team abgezogen wird und bei der Sprengung eines Drogenrings sein Können zeigen darf.

4. Possible Kill Screen (Season 7, Episode 12/Billy Gierhart): Die vorletzte Episode der Serie drängt Vic mit dem Rücken zur Wand. Angesichts seiner bevorstehenden Entlassung aus dem Dienst und der Gefahr, womöglich alles zu verlieren, entschließt sich Vic im Austausch für seine Kooperation gegenüber der Zollbehörde von dieser mit Immunität für seine Verbrechen ausgestattet zu werden. Die Folge: ein mehrstündiges Geständnis.

3. Mum (Season 3, Episode 5/Nick Gomez): Infolge der Ereignisse zum Ende der 2. Staffel steht das Strike Team unter strenger Beobachtung von Wyms und Aceveda. Letzterer tut sich allerdings damit selbst keinen Gefallen und als er auf eigene Faust Ermittlungen an einem Tatort anstellt, kommt ihm seine fehlende Erfahrung im Polizeidienst zu Schaden. Die Vorfälle dieser Folge werden den Captain zwei weitere Staffeln begleiten.

2. Dragonchasers (Season 1, Episode 10/Nick Gomez): Während Vic seine menschliche Seite zeigt und einer Informantin beim Drogenentzug helfen will, darf Wagenbach sich im Verhör mit einem gerissenen Serienmörder beweisen. Dies stellt Dutch vor seine bisher größte Prüfung, professionell wie psychologisch. Das Resultat ist am Ende neugewonnener Respekt in seinem Dezernat, allerdings auch eine tränenreiche Selbsterkenntnis.

1. Trophy (Season 5, Episode 5/Philip G. Atwell): Die internen Ermittlungen von Jon Kavanaugh (Forest Whitaker) gegenüber Vic und dem Strike Team scheinen nach einer Abhörung von deren Büro zu einem Ende zu kommen. Doch wie sich zeigt, hat Kavanaugh die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Vic demonstriert auf eindrucksvolle und ausgeklügelte Weise sein Genie – schafft sich damit aber einen unkontrollierbaren Antagonisten.

10. Juli 2010

Predators

It’s a trap!

”Certainly there is no hunting like the hunting of man and those who have hunted armed men long enough and liked it, never really care for anything else thereafter”, schrieb Ernest Hemingway in seiner Kurzgeschichte On the Blue Water, die 1936 im Esquire erschien. Ein Zitat, dass es in Robert Rodriguez’ Fortsetzung Predators geschafft hat, dem dritten Film über eine außerirdische Rasse von (Menschen-)Jägern. Vor über zwanzig Jahren wurde mit dem Predator ein Exemplar dieser Rasse auf den über-Mensch an sich, Arnold Schwarzenegger, losgelassen. Seither genießt der Predator Kultstatus neben seinem älteren Bruder, dem Alien. Einer der Gründe, weshalb beide Figuren anschließend aufeinander losgelassen wurden und es damit zuletzt auch zu zwei Kinofilmen brachten. Ein Unterfangen, dass beiden Wesen mehr Schande als Ruhm einbringen wollte, weshalb sich ihre Anhänger - auf der einen Seite Ridley Scott, auf der anderen Seite Robert Rodriguez - nun mit individuellen Se- oder Prequels anschicken, ihre Ehre wieder herzustellen.

Die Geschichte von Rodriguez und Predators ist eine Längere, typisch Hollywood und wie viele andere solcher Geschichten fast ihren eigenen Film wert. Vor sechzehn Jahren sollte der Mexikaner bereits das Drehbuch für einen dritten Teil schreiben, das Projekt verlief sich dann im Sande - typisch Hollywood eben. Was lange währt, wird also endlich gut. Rodriguez durfte das Drehbuch schreiben, den Film in seinen eigenen Troublemaker Studios produzieren und ein illustres Ensemble engagieren, angeführt vom Oscarpreisträger Adrien Brody. Die Regie übernahm Nimród Antal, ein ebenfalls erklärter Fan des ersten Teils und inzwischen etablierter Retro-Regisseur in der Traumfabrik. Nach dem Old-School-Horror-Thriller Vacancy und dem Old-School-Actioner Armored nun also sein Sequel zu einem Klassiker aus den Achtzigern. Was jedoch bereits in seinen vergangenen Filmen lediglich im Ansatz gelang, vermag ihm auch in Predators nicht vollends zu gelingen. Schuld hieran trifft jedoch auch Rodriguez’ überladenes Drehbuch.

Dabei ist die Prämisse des Filmes viel versprechend, auch wenn der Einstieg aufgrund seiner schlechten digitalen Effekte (vielleicht, weil Rodriguez sie selbst überwachte?) nur bedingt gefällt. Eine Gruppe von militärisch geschultem Personal landet in einer Dschungellandschaft. Wie sind sie hierhergekommen? Und zu welchem Zweck? Ein beliebtes Schema, zuletzt eher mittelmäßig in Unknown umgesetzt, überzeugender dagegen 1997 im Indie-Hit Cube. Da gibt es den RUF-Kämpfer aus Sierra Leone, der nach einer Stadt in Kenia benannt ist (Mahershalalhashbaz Ali), einen russischen Soldaten, der passender Weise auf den Namen Nikolai hört (Oleg Taktarov), einen mexikanischen Kartell-Vollstrecker, der „Chuchillo“ (dt. Messer) heißt, aber mit zwei Wummen rum rennt (Danny Trejo), einen japanischen Yakuza namens Hanzo (Louis Ozawa Changchien) und dann schließlich noch drei Figuren, mit verhältnismäßig normalen Namen: US-Serienkiller Stans (Walton Goggins), die israelische Scharfschützin Isabelle (Alice Braga) und Söldner Royce (Adrien Brody).

Die glorreichen Sieben, zu denen sich mit dem Arzt Edwin (Topher Grace) ein unscheinbarer Achter dazugesellt, der relativ früh veranschaulicht, wie unausgegoren Rodriguez’ Drehbuch ausgefallen ist. Zwischen all den geschulten Killern, auf ihre Art und Weise von Bragas Figur im Film selbst als Predators ausgemacht, platzieren die außerirdischen Menschenjäger nun also einen Hänfling. Dessen Anwesenheit wird nicht einmal dann von den anderen Figuren hinterfragt, als diese bereits Sinn und Zweck ihrer Anwesenheit ausgemacht haben (“This planet is a game reserve. And we're the game“). Dementsprechend hat Edwin natürlich eine eigene Geschichte und ist - zumindest bis diese erzählt ist - quasi für die Predators unantastbar. Was Jagdszenen auf ihn dementsprechend die Luft aus den Segeln nimmt. Robert Rodriguez’ Bohai um Edwins Hintergrund ist erschreckend naiv, lässt seine Anwesenheit inmitten der Anderen doch nur einen wirklichen Schluss zu, der sich schließlich natürlich auch bewahrheitet.

Eine primäre Funktion erfüllt Edwin also eher als Identifikationsfigur, als Normalo unter lauter „Wilden“, der durch einige schiefe Blicke und manches „Fuck!“ den Zuschauer im Geschehen ersetzen soll. Es ist dabei weniger Edwins Anwesenheit, die stört, als vielmehr jenes fehl platzierte Bohai seines Schöpfers. Bei einer anderen Figur lässt sich dies noch nicht einmal sagen. Laurence Fishburne, von Antal aus dessen Armored ins Boot geholt, gibt mit seinem Noland eine 1.0-Variante der restlichen Charaktere. Einen Veteran im Kampf gegen die Predators, seit zehn (Jagd-)Saisons auf dem Planeten - auch wenn dies, man erfährt es zum Schluss, nicht viel heißen muss. Eine vielleicht nicht nutzlose, aber doch verschenkte Figur, die wenig interessantes beizutragen hat - Bragas Charakter liefert die essentiellen Hintergrund-Fakten - und somit eigentlich ihre Daseinsberechtigung verwirkt. Umso erschreckender, dass Rodriguez über ein Noland-Prequel zum Sequel nachdenkt.

In weitere Hinsicht folgt der neue Predator-Teil den Vorgaben anderer Drittteiler wie Joe Johnstons Jurassic Park III. Hier bedarf es einer neuen Rasse beziehungsweise eines anderen Stammes von Predators, was hinsichtlich der Tatsache, dass sie mit derselben Technik jagen und ohnehin ihre Gesichter hinter Masken verbergen, wenig Sinn ergeben will (selbst der „Plottwist“ - bewusst in Anführungszeichen gesetzt - entschuldigt dies nicht). Hinzu kommen Predator-Hunde und Predator-Falken, die jedoch wie Fishburne oder Trejo kaum Etablierung ins Geschehen erfahren und rasch zu den Akten gelegt werden. Der strukturelle Aufbau von Predators wirkt so bisweilen reichlich gehetzt (im Einzelnen wie Ganzen). In Anbetracht der Tatsache, dass sieben ausgebildete Killer plötzlich nicht nur auf Jemanden, sondern auf Fremde angewiesen sind, spart Rodriguez jegliches Konfliktpotential aus (konträr dazu werden Stans und Mombasa mittels eines Kampfes eingeführt, dessen Ursache der Zuschauer nie erfährt).

Kurzum: der Film hätte besser sein können, schon allein durch Verzicht auf die Figuren von Noland und Edwin. Ansonsten ist Predators jedoch ganz nett ausgefallen. Nicht überragend, nicht im Gedächtnis bleibend, aber auch kein sonderliches Ärgernis. Rodriguez baut einige nette Verweise ein, beispielsweise darf Fishburne Apocalypse Now zitieren und auch The Empire Strikes Back erfährt eine amüsante Referenz. Das Ensemble wiederum erscheint gelungen besetzt, von Taktarov über Trejo bis hin zu Braga und Oscarpreisträger Brody, der eine glaubhafte Transformation zum Actionhelden erfährt. Weniger gelungen sind die Effekte von Señor Rodriguez ausgefallen, auch Antals Musikwahl im Abspann wirkt ziemlich befremdlich. Grundsätzlich hat jedoch die Prämisse des Filmes Potential. Weshalb die Möglichkeit bestünde, dieses in einer weiteren Fortsetzung (und bitte kein Noland-Prequel) entsprechend auszuschöpfen. Denn die Ehre von Predator ist hiermit noch lange nicht wiederhergestellt.

6/10 - erschienen bei Wicked-Vision