2. Juni 2008

Cassandra’s Dream

Family is family. Blood is blood.

Bei der folgenden Person handelt es sich nicht um irgendeinen Künstler, sondern quasi um eine Legende des Filmgeschäftes. Woody Allen ist der einzige Autor, der es auf vierzehn Oscarnominierungen gebracht hat, zusätzlich dazu noch sechs für die beste Regie, bei einer Nominierung als bester Darsteller. Von diesen einundzwanzig Nominierungen gewann Allen nur lächerliche drei Mal, davon zwei Preise für Annie Hall und einen für Hannah and Her Sisters. Von 1977 bis 1990 drehte er jedes Jahr zumindest einen Film und verzeichnet in seiner Filmographie bisher über vierzig Kinofilme, darunter Klassiker wie eben jener Annie Hall, Manhattan, Mighty Aphrodite oder Deconstructing Harry. Der Mann, der niemals zu einer Oscarverleihung erschienen war, trat überraschenderweise 2002 doch auf, und hielt ein Plädoyer dafür, weiterhin in New York City Filme zu drehen, ungeachtet der Anschläge des 11. September.

New York City, das war und ist Woody Allens Stadt, und dennoch zog es ihn 2005 weg von dieser. Stattdessen widmete sich Allen einer anderen Metropole: London. Hier inszenierte er den Thriller Match Point, ein Genre, welches zu dem zynischen Autor nicht so recht passen wollte. Wider Erwarten überraschte er mit Match Point und wurde verdientermaßen mit seiner vierzehnten Oscarnominierung für sein Drehbuch bedacht. Match Point markiert den Anfang seiner inoffiziellen „London-Murder"-Trilogie, die ein Jahr später in Scoop ihre Fortsetzung und letztes Jahr in Cassandra’s Dream ihr Ende fand. Im Gegensatz zu den ersten Beiden, verzichtete Allen im Letzteren, der erst dieses Jahr in Deutschland erscheint, auf seine Hauptdarstellerin und aktuelle Muse Scarlett Johansson. Dies sollte sich im Sommer bei Allens Ausflug nach Spanien in Vicky Cristina Barcelona allerdings wieder ändern.

Tendenziell besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Allens Cassandra’s Dream und Sidney Lumets Before the Devil Knows You’re Dead. Beide Geschichten konzentrieren sich auf ein Brüderpaar, welches in kriminelle Machenschaften verwickelt wird und letztlich konträre Haltungen zum Geschehen und den eigenen Verwicklungen einnimmt. Waren es bei Lumet Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke, so bildet sich das Brüderpaar bei Allen aus dem Schotten Ewan McGregor und dem Iren Colin Farrell. Sie spielen die Gebrüder Blane, zwei Zöglinge aus einer Mittelsklassefamilie, deren Vater ein Restaurant führt, das rote Zahlen schreibt. Ihr Überleben verdankt die Familie einzig dem finanziellen Zubrot eines reichen Onkels (Tom Wilkinson), der seine familiäre Zugehörigkeit auch auf diese bloße geldliche Finanzspritze beschränkt.

Den älteren Bruder Ian mimt McGregor, einen scheinbar verantwortungsbewussten Sohn, der seinem Vater im Restaurant aushilft, obschon er im Grunde andere Vorstellungen von seinem Leben hat. Ian ist ein Träumer und möchte seinem erfolgreichen Onkel nachfolgen. Ihm wird die Mitwirkung bei einem aussichtsreichen Hotelprojekt in Kalifornien angeboten und hier sieht er seine Chance gekommen. Dabei bemerkt er nicht, dass das geplante Hotelprojekt zum Reinfall verkommen wird. Als er zusätzlich noch die verwöhnte und ambitionierte Schauspielerin Angela (Haley Atwell) kennen lernt, verstärkt sich seine Erfolgssucht nur noch. Sie wird sogar zu treibenden Kraft der Handlung, denn der eifersüchtige Ian kann nicht anders, als Angela der bestmögliche Fang zu sein und dies erfordert nun mal ein gewisses Vermögen, wie ihm auch Angelas Vater in einem Vieraugengespräch gegenüber erwähnen wird.

Colin Farrell übernimmt den Part des bodenständigen Bruders Terry, einem Mechaniker und in einer festen Bindung mit der Kellnerin Kate (Sally Hawkins). Seine große Leidenschaft ist jedoch die Spielerei und so zockt er regelmäßig beim Hunderennen oder Pokern. Überraschenderweise gewinnt er zu Beginn des Filmes, doch man weiß, wer hoch springt wird umso tiefer fallen. Terry verspielt eine riesige Menge Geld und steht nun vor einem enormen Problem, in welches auch aus familiären Banden Ian mit herein gezogen wird. Nach dem Motto „Zusammen gehangen, zusammen gefangen“. Ihre Rettung versprechen sich die beiden in ihrem reichen Onkel Howard (Wilkinson) und dieser sagt ihnen auch die nötige finanzielle Unterstützung zu, verlangt im Gegenzug jedoch selbst eine Gegenleistung.

Diese markiert den Handlungsrahmen des Filmes, zwingt sie die beiden ehrlichen Brüder doch in eine unehrliche Welt einzudringen. Ein Vorstoß, der diese nicht nur voneinander, sondern auch von sich selbst entfernt. Hierin findet sich auch der Titel des Filmes, der Bezug nimmt auf die antike Figur der Kassandra. Bei ihr handelt es sich um die Tochter des trojanischen Königs Priamos und Schwester des Hektor und Paris. Der griechische Gott Apollon verliebte sich der Sage nach in sie und schenkte ihr die Gabe der Vorhersehung. Zu seiner Überraschung wies ihn Kassandra jedoch von sich, weshalb er aus ihrer Gabe einen Fluch machte - niemand sollte ihre Warnungen ernst nehmen. Ebenjene Vorhersehungen (darunter Trojas Zerstörung) gewann Kassandra in ihren Träumen.

In Allens Film sind alle Charaktere Träumer, nicht nur Ian, sondern auch Terry, Howard, Angela und Kate. Sie alle machen sich etwas vor, erhoffen sich Dinge, von denen sie unterbewusst wissen, dass sie nicht eintreten werden. Sie nehmen ihre inneren Warnungen nicht ernst und schreiten damit ihrem Verderben entgegen. Allen will hier sehr bewusst eine Tragödie griechischen Ausmaßes erschaffen und unter dem Strich gelingt ihm dies auch. Das Zusammenspiel zwischen McGregor und Farrell funktioniert und wirkt glaubwürdig, auch wenn es vielleicht eine bessere Entscheidung gewesen wäre, Farrell durch Jude Law zu ersetzen und diesen den Ian spielen zu lassen. Denn gerade in der finalen halben Stunde wirken sowohl McGregor als auch Farrell mit ihrer emotionalen Bürde überfordert. Gerade der Ire, der eine ähnliche Rolle schon mit In Bruges schultern musste und dort bereits Probleme hatte, die volle Tragweite der Gefühle seiner Figur glaubhaft rüberzubringen.

Dies hätte Allen besonders deswegen vermeiden können, wenn er die zweite Hälfte des Filmes nicht so unwahrscheinlich redundant gestaltet hätte. Wie es in Terrys Innenleben aussieht, merkt der Zuschauer bereits in der ersten entscheidenden Szene, stattdessen serviert Allen diesen Konflikt noch weitere zwei bis drei Mal. Auch die finale Klimax wird wieder und wieder verzögert, dabei ist sie lange im Voraus absehbar. Hier hätte Allen einigem aus dem Weg gehen können, nichtsdestotrotz wirkt die Katharsis der Brüder etwas glaubwürdiger als im Lumetschen Pendant und auch die finale Einstellung fährt die vorangegangene Handlung nicht so gegen die Wand, wie bei Lumet geschehen. Dennoch ist Cassandra’s Dream gerade in der zweiten Hälfte ein unglaublich zähes Drama, welches sich mit gefühlten drei Stunden mehr an den Allenschen Klassikern von 80 Minuten Länge hätte orientieren sollen. So ist Cassandra’s Dream am Ende ein etwas enttäuschender Abschluss seiner London-Trilogie.

7/10

Kommentare:

  1. Das brauche ich gar nicht erst lesen, bei dir weiß ich eh immer, dass du alles gut findest, was sich nur "gut" auf die Stirn schreibt. :P

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  2. Das brauche ich gar nicht erst lesen, bei dir weiß ich eh immer, dass du alles gut findest, was sich nur "gut" auf die Stirn schreibt.

    Sieh mal einer an. Ich glaube, dass hat IRON MAN und BOURNE ULTIMATUM auch, und dennoch empfand ich beide als Murks erster Güte. Ersteren fandest sogar du toll. Soviel zu dem Thema "gut finden, was sich "gut" schimpft". Im übrigen, was dir wohl zumindest zur Hälfte entgegen kommen wird, hat das EMPIRE Magazin dem Film 1/5 verpasst (allerdings aus äußerst banalen Gründen).

    P.S.: Insbesondere da der Film sehr viel mit dem Lumet gemeinsam hat, erschließt sich mir deine besondere Abneigung bei den von dir gewählten Vorzügen des Lumet nicht.

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  3. Ganz einfach: Bei Lumet geht es um etwas. Und zwar um mehr als selbstgefällige Laberei.

    IRON MAN fand ich akzebtabel, "toll" ist was anderes.

    BOURNE hast du tatsächlich völlig verkannt.

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  4. Der Kleriker und seine Internetsprache - ein Nerd wie er im Buche steht *g*

    P.S.: Das ACK bezog sich wohl eher weniger auf mein Farrell-Bashing, schließlich fährst du ja total auf den ab ;)

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  5. Ich habe heute Nacht von Farrell geträumt, das war total sick.

    Wollte ich nur mal gesagt haben. ;)

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  6. Hilfe, Angriff der Farrell-Fanboys!

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  7. Also ich bin bestimmt kein Fanboy, ich fand den bis auf IN BRUGES kürzlich in jedem Film ziemlich schlecht.

    Na gut, sein Home Video ist ja außer Konkurrenz. *gg*

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  8. 4 (als Wort: vier) Übereinstimmungen (CD, Iron Man, Bourne und In Bruges) mit Vega! Ich glaube, ich bin krank ... ;o)

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