1. Oktober 2008

The X Files: I Want to Believe

Don't give up.

Ein Kulturphänomen. Damit ließen sich in den neunziger Jahren The X Files beschreiben, die es auf neun Staffeln und einen Kinofilm gebracht haben. Dank jener X-Akten wurden David Duchovny und Gillian Anderson zu Stars respektive Namen in der Branche. Vor sechs Jahren wurde die Serie dann schließlich eingestellt, nachdem Hauptdarsteller Duchovny bereits nur noch sporadisch mit an Bord war und die Fans an „Ersatzagenten“ wie Doggett und Reyes das Interesse zu verlieren drohten. Doch schon 2001 hatte Serienerfinder Chris Carter die Idee gehabt, nach 1998 einen weiteren Kinofilm um die beiden Agenten Mulder und Scully zu initiieren. Aus einem Filmstart in 2002 nach Ende der neunten Staffel wurde schließlich 2003 und dann 2004. Immer wieder verschoben sich die Planungen für den nächsten X Files-Film, bis 2005 dann das Projekt erstmal ins Stocken geriet, da Carter sich vor Gericht mit Fox auseinandersetzen musste.

Doch was lange währt wurde dieses Jahr endlich gut. Mit The X Files: I Want to Believe präsentierte Carter den Fans eine Kinofilm, der außerhalb des Serienmythos spielte – im Gegensatz zu The X Files: Fight the Future. Stattdessen wollte man sich an einer Geschichte versuchen, die sich in Richtung der „monster of the week“-Episoden der Serie orientierte. Ein scheinbar unglücklicher Schachzug wie ein Ausblick in etwaige Filmforen zeigt. Überall wurde genörgelt und gejammert, manche forderten den Kopf von Carter und bewiesen dabei nur, dass nicht Carter oder der Film sie enttäuscht hatte, sondern sie an ihrer eigenen Erwartungshaltung gescheitert waren. Der Großteil assoziiert mit X Files nun mal Außerirdische und wenn im fertigen Film keine über die Leinwand huschen, ist der Zuschauer plötzlich enttäuscht.

Und wenn schon nicht Aliens, dann wenigstens Monster. Wurmmenschen, Mutanten, Poltergeister – auch hier ist es wieder die Erwartungshaltung, die für große Enttäuschungen sorgt. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich daher vorab kurz zu informieren und die knapp gehaltene Inhaltsangabe zu lesen. Verschiedene Frauen werden entführt. Die beiden FBI-Agenten ASAC Dakota Whitney (Amanda Peet) und Agent Mosley Drummy (Xzibit) ermitteln unter Zuhilfenahme des pädophilen Priesters Father Joe (Billy Connolly). Father Joe hat Visionen von den Tätern und den Opfern. Da Whitney jedoch mit einem solchen paranormalen Fall nicht vertraut ist, sucht sie die Hilfe des ehemaligen Spezialagenten Fox Mulder (David Duchovny). Mulder selbst ist nach der Anklage im Serienfinale nicht gerade der beste Freund des FBI, lebt zurückgezogen in einer Hütte mit seiner ehemaligen Partnerin Dana Scully (Gillian Anderson).

Scully selbst arbeitet inzwischen ausschließlich als Ärztin in einem katholischen Krankenhaus und sieht sich mit einem hoffnungslosen Sandhoff-Krankheitsfall konfrontiert. Nun verspricht diese Inhaltsangabe keine hochdramatischen Entwicklungen. Scully überredet Mulder dem FBI zu helfen und beide werden anschließend in die Nachforschungen verwickelt. Ein psychisch begabter, sexuell vorbestrafter Priester hilft auf der Suche nach einem verschwundenen Agent. Doch hinter dem Fall verbirgt sich weit mehr als eine bloße Entführung, vielmehr ein dunkles Geheimnis. Keine Aliens. Keine Wurm- oder Bienenmänner. I Want to Believe ist weitaus ruhiger in seiner Erzählstruktur und geht damit eher in Richtungen von Episoden wie The Jersey Devil oder Our Town.

Wenn man also keine Version von Independece Day mit Mulder und Scully an Stelle von Will Smith und Jeff Goldblum erwartet, kann man durchaus seinen Spaß am neuen X Files-Film haben. Zwar dürfte der Film von Nichtkennern der Serie nicht uneingeschränkt verstanden werden, doch halten sich die Referenzen innerhalb der Serie in Grenzen. Ein bärtiger Mulder im Exil spricht zu Beginn kurz den Schauprozess gegen ihn an, motiviert wird er während seiner Involvierung zu einem Großteil durch den Verlust seiner Schwester Samantha. Auch Mulder und Scullys Sohn William findet kurz Referenz und dient der Erklärung für Scullys Skeptik innerhalb des Filmes. Jene Skeptik ist auch weitaus weniger störend, wie manch anderer Rezensent der Figur oder dem Film vorwerfen will. Eher ist es eine logische Weiter-, bzw. Fortführung des Seriencharakters. Eine gläubige Frau, die im Feld der Medizin arbeitet, sieht sich mit einem kranken Kind konfrontiert, welches theoretisch auch ihr eigenes sein könnte. Irgendwo da draußen, da lauert nicht die Wahrheit (oder die auch), sondern da befindet sich William. In der Obhut fremder Menschen. Was wäre nun, wenn William im Krankenhaus wäre und sein Leben gerettet werden könnte? Sprengt das die Grenzen von Scullys Glauben und offenbart neue Methoden wie die Stammzellenforschung?

Carter gelingt es hierbei die Thematik des Sandhoff-Patienten nicht zur bloßen Nebenhandlung verkommen zu lassen, sondern die Fäden am Ende des Filmes gekonnt zusammen zu führen. Das Scully zweifelt, ist im Kontext ihrer Figur nur nachvollziehbar, ihr Verhalten durch den Film hindurch verständlich. Auch die Beziehung wird in dieser Form sehr schön dargestellt, inklusive Kuss und allem pipapo. Besonders schön arbeitete Carter ebenso heraus, wie Scully Mulder zuerst überzeugen muss, Whitney zu helfen, nur um mit anzusehen, wie dieser sich schon kurz darauf in jenem Fall zu verlieren droht. „This isn't my life anymore, Mulder. I'm done chasing monsters in the dark”, versucht sie ihn in einem Moment zu überzeugen und stellt ihn vor die Wahl. Entweder die X-Akte oder ich. Und Mulder bleibt sich treu, wie er es immer getan hat. Er kann nicht ändern wer er ist, es liegt in seinem Naturell. Agenten wie Drummy können in solchen Situationen keine Leben retten, es fehlt die Geduld und die Toleranz.

An den pädophilen Vater Joe geht Mulder im Gegensatz zu Scully mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors heran. Als sie dessen Wohnheim besuchen rät Mulder grinsend davon ab, den Aktivitätenraum zu besuchen. Er ist insofern pragmatisch, lässt sich während seiner Arbeit nicht von seinen Gefühlen leiten, wie es ohnehin nur während der Mythosfolgen geschehen ist. Es ist der alte Mulder, wie man ihn aus der ersten und zweiten Staffel bereist kennt. Dass Father Joe ein Schwindler ist, glaubt Mulder zu keinem Zeitpunkt, im Gegenteil, kurz darauf ist er der einzige, der weiterhin am kastrierten Straftäter festhält. Bezüglich dessen Persönlichkeit muss sich Carter dann allerdings doch den Vorwurf gefallen lassen, etwas schwach gearbeitet zu haben. Man erfährt wenig bis gar nichts über Father Joe, was ihn bewegt und seinen Kummer. Lediglich gegenüber Scully öffnet er sich in ein, zwei Szenen, während er Mulder – immerhin der einzigen Person, die ihm glaubt – wenig offen begegnet.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden Agenten Whitney und Drummy. Gerade letzterer ist eindimensional ausgearbeitet und mit Rapper Xzibit vollkommen fehlbesetzt. Nur weil man eine Show übers Auto pimpen moderiert, hat man noch lange nicht das Talent zum Schauspieler. Hier hätte man durchaus auf andere Darsteller (Richard T. Jones, Malcolm Jamall-Warner, etc.) zurück greifen können. Drummy ist eine überflüssige Figur, nur am Nörgeln und Meckern, kulminierend in einer Szene, die seine ganze Inkompetenz offenbart. Vermutlich fungiert er lediglich als Yang zu Whitneys Ying. Doch auch Whitney ist blass, setzt sich oftmals obschon Leiterin des Teams nicht wirklich gegen Drummy durch und konterkariert im Film selbst die Emanzipation der Frau, die Scully in den vorangegangen neun Jahren repräsentiert hat.

Immerhin ist ASAC Whitney keine undankbare Figur, ähnlich wie Monica Reyes, und Amanda Peet vermag sie auch problemlos mit etwas Leben zu füllen. Nur spielen die beiden eigentlichen FBI-Agenten im neuen X-Files-Film gar keine Rolle, verkommen lediglich zum Anstoß des Steines. Mulder ermittelt, gerne auch mal mit Unterstützung von Scully. Die interessante Konstellation hierbei ist die Tatsache, dass beide keine Agenten mehr sind. So gewinnt auch das Finale des Filmes viel Spannung allein dadurch, dass Mulder – wie auch den Rest des Filmes hindurch – ohne Waffe agieren muss. Und auch sonst lebt I Want to Believe von seinem Spiel gegen die Zeit. Dass hier einige Logiklöcher auftreten, nimmt man Carter dann nicht wirklich übel, da sie für das große Ganze des Filmes im Grunde eine untergeordnete Rolle spielen. Vordergründig geht es in diesem X Files-Film darum, dass Mulder und Scully einen übersinnlichen Fall bearbeiten.

Die Vorwürfe gegen Carter sind nicht nachvollziehbar. Mit I Want to Believe ist ihm ein kleiner, stiller Thriller gelungen, der in seinem Finale in Sachen X Files richtig aufdreht und zuvor nicht minder funktioniert. Schließlich sind sechs Jahre vergangen, die Figuren gereift, Mulder etwas eingerostet. Wenn dessen Appetit jedoch erstmal geweckt ist, beginnt der Film Spaß zu machen, wenn man nicht mehr erwartet, als eine Doppelfolge The X Files. Überraschenderweise ist Mark Snows musikalische Untermalung erstaunlich zurückhaltend und auch die Selbstironie dieses Mal nicht im Vordergrund. Was einen eventuell wundern und zugleich erfreuen kann, ist dass obschon die meiste Zeit Mulder zu sehen ist, der Film eigentlich die Geschichte von Scully erzählt. Mulder ist wie er ist, das sagt er auch selbst. Seine Wandlungen innerhalb der Serie waren daher stets minimal, immer war es die Skeptikerin Scully, die im Konflikt – meist mit sich selbst – war. Dies ist auch diesmal wieder der Fall.

Nicht nur Mulders Beteiligung an der X-Akte, sondern auch der Sandhoff-Fall belasten sie und ihre Persönlichkeit. Die Verbindung beider Punkte gibt Scully dann die entscheidende Gewichtung. „Don’t give up“, erklärt er Father Joe zu einem Zeitpunkt im Film, dessen Titel I Want to Believe auch hauptsächlich auf Scullys Konflikt zuzumünzen ist. Carter begeht mit seinem Film keinen Quantensprung, aber das hat wohl auch niemand erwartet, am wenigsten er selbst. Das Setting im Schnee erweckt eine passende und gelungene Atmosphäre, die Rückkehr von Scully und Mulder weckt die Nostalgie. Letztlich ist der neue X Files-Film von keiner außerordentlichen Spannung getragen, aber bemerkenswert konsequent inszeniert. Wo X Files draufsteht ist unterm Strich gesehen auch X Files drin, wenn man allerdings großartige Regierungsverschwörungen, animalische Mutanten oder Außerirdische (Obduktionen) erwartet, erklärt sich auch die Enttäuschung hinterher.

8/10 - erschienen bei Wicked-Vision

3 Kommentare:

  1. Hm, ich mag ja Fox und Mulder auch sehr gern, zumal ich ihr erstes Kinoabenteuer gar nicht so übel fand wie die meisten anderen. Werde ich mir dann vielleicht doch eher zu Gemüte führen als ich nach den durchwachsenen Kritiken glauben wollte.

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  2. Ein gutes Review gegen 10 000 schlechte, pass auf Tumi, wem du dein vertrauen schenkst... *dumdidum*

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  3. Wenn es danach ginge wäre Wetten daß? eine super Unterhaltungsshow;)

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