12. Januar 2009

Revolutionary Road

We’re just like everyone else.

Es sind zwei entscheidende Szenen des Filmes und sie folgen verhältnismäßig kurz aufeinander. Wenn Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) morgens zur Arbeit geht, ist er am Bahnhof ein Schaf. Einer von Vielen. Sie stürmen die Gänge entlang. Männer im Anzug, mit Krawatte und Hut. Die Gesichtsausdrücke leer, die Motivation im Prinzip nicht vorhanden. Einige Szenen später sieht man erneut diese Herde von Männern. Mit dem Unterschied, dass Frank nunmehr lächelnd abseits steht. Ein kurzes Hoch in einem Film, der nur von Tiefpunkten zu berichten weiß. Kennen Sie die Wheelers in der Revolutionary Road? Ein Vorzeigepaar gefangen in ihrem aufgezwungenen Klischeebild. Oder anders gesagt: die Vorstadthölle. Das Time Magazin hat vor etwas mehr als drei Jahren Richard Yates’ Roman Revolutionary Road zu den einhundert besten englischsprachigen Romanen der neuesten Geschichte gewählt.

Den Roman von 1961 wollte einst John Frankenheimer verfilmen, ehe er sich für The Manchurian Candidate entschied. Erst 48 Jahre später kam Yates’ Geschichte nunmehr in die Kinos und hat unter dieser Zeitspanne leicht zu leiden. Denn nach Filmen wie Ang Lees The Ice Storm oder Todd Fields Little Children, sowie Sam Mendes’ eigenem American Beauty, sind dysfunktionale Ehen in Vorstädten nicht mehr unbedingt etwas Neues. Während die Buchvorlagen zu Lees oder Fields Film erst den letzten beiden Jahrzehnten entstammen, liegt die Originalität sicherlich bei Yates. Da die übrigen Filme jedoch zuvor gedreht wurden, kommt man nicht umhin, gelegentlich gedanklich bei Revolutionary Road abzuschweifen, ob der bereits bekannten Elemente.

„You’re the most interesting person I’ve ever met“, erklärt April (Kate Winslet) 1948 ihrem Freund Frank. Auf einer Party hatten sich die ambitionierte Schauspielerin und der Kriegsveteran kennen gelernt. Beide lachen und philosophieren über Paris. Jene Stadt, der Frank seit dem Zweiten Weltkrieg verfallen ist und die er wieder besuchen möchte. Dort seien die Menschen noch frei, versichert er seiner Freundin. Doch es kommt alles anders als geplant. April wird schwanger und Frank nimmt einen Job in der ehemaligen Firma seines Vaters an. Er mag den Job nicht und es beschämt ihn, wie sein Vater geendet zu haben. Dies gesteht er an seinem 30. Geburtstag, mehrere Jahre später, einer Sekretärin seiner Firma. Kurz darauf steht er in ihrem Zimmer und bindet sich die Krawatte. Es hat sich viel getan in den vergangenen sieben Jahren seit die Wheelers in ihr weißes Haus in der Revolutionary Road gezogen sind. Dem ersten Kind folgte ein Zweites. Hauptsächlich um sich selbst zu beweisen, dass die Älteste kein Unfall gewesen sei.

Was als Übergang geplant war, ist zur Routine verkommen. Die Ehe ist in ihrem verflixten siebten Jahr am Bröckeln. Mendes offeriert dem Kinopublikum ein Theaterstück zu Beginn des Filmes. April hat eine Rolle übernommen, doch in ihrer Darstellung ebenso versagt, wie das ganze Stück selbst. Die Heimfahrt eskaliert zum Ehestreit, in dem sich Mann und Frau anschreiben und bedrohen. Am nächsten Tag ist alles wieder beim Alten. Nur die erste von vielen Szenen, die jene Dysfunktionalität widerspiegelt, die zwischen April und Frank herrscht. Um ihre Ehe zu retten, will das Paar auswandern. Den Traum von Paris endlich wahr werden lassen. Spontan sagt Frank zu. Was April als letzte Chance für das gemeinsame Zusammenleben sieht, möchte der Familienvater nutzen, um zu sich selbst zu finden. Als April jedoch schwanger wird, erhält das schöne Bild die finalen Risse.

Glaubt man amerikanischen Dramen muss das Leben in der Vorstadt grauenhaft sein. Man nimmt eine stereotype Haltung an, aus der man nicht mehr im Stande ist auszubrechen. Verursacher des Unglücks sind meist die eigenen Kinder, zu denen man selbst nur eine gestörte Beziehung unterhält. Grundsätzlich unterscheidet die Ehe der Wheelers wenig von den Ehen der Hoods, Pierces, Adamsons oder Burnhams. Man lebt weitestgehend nebeneinander und nicht miteinander. Ob man immer alles tot diskutieren müsse, will April in einer Szene wissen und findet später erst dann etwas Privatsphäre, als sie in den Wald flüchtet. Was genau schief gelaufen ist zwischen den netten Wheelers aus der Revolutionary Road kann man nur erahnen. Sicher ist jedenfalls, dass das Vorstadtleben wie ein goldener Käfig empfunden wird. Vielmehr noch von April, welche die eigentliche Hauptperson ist, als von Frank.

Eine unbeschwerte junge Frau wird schwanger und Anfang der Fünfziger somit in die Hausfrauenrolle gedrängt. Dass sie nach Paris will, um dort als Sekretärin alleine (!) für ihre Familie zu sorgen, findet seine Begründung sicherlich weniger in ihrer Liebe zu Frank und dem Wunsch dessen Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Stattdessen geht es eher darum, dass April sich selbst endlich wieder lebendig fühlt, sich als individuell und nicht Teil einer Maschinerie wahrnimmt. Exemplarisch in der Szene zu sehen, als sie nachts allein mit Shep (David Harbour), dem Kriegskameraden und besten Freund ihres Mannes, wie losgelöst tanzt. Für April bedeutet die neuerliche Schwangerschaft ein weiteres Gewicht an ihren Fußfesseln, sie ist die Person, die eigentlich im Fokus steht.

Auch für Frank ist sein Leben ein goldener Käfig. Seine Arbeit macht er ungern und nur so gut, wie unbedingt notwendig ist. Von dem was er eigentlich verkauft, hat er keine Ahnung. Die zehn Stunden, die er täglich unterwegs verbringt, ehe er sich zu Hause noch ein paar Stunden gönnt, zehren an ihm. Die Idee sich in Paris vor all den heimatlichen Verpflichtungen zu drücken gefällt ihm daher sehr gut. Eine flapsige Bemerkung im Geschäft bringt den Wendepunkt herbei. Auf einmal wird Frank von seinen Vorgesetzten gelobt. Vielmehr noch, ihm steht sogar eine Beförderung ins Haus. Die pragmatische Seite von Frank kommt zum Vorschein. Mehr Geld und was ihm wichtiger erscheint, mehr Anerkennung, lassen die Arbeit nun weniger lästig erscheinen. Regisseur Sam Mendes präsentiert hier zwei Menschen, deren einzelne Wünsche nicht in dieselbe Richtung zeigenn. In Revolutionary Road erhält das Publikum ein trostloses Bild von der Gesellschaft. Hier leben Menschen, die keinen Bezug zu ihren Kindern haben. Als ihre Tochter nicht draußen spielen will, herrscht April sie an und beleidigt sie sogar.

Shep hingegen kann seine vier Söhne nicht einmal mehr erreichen und hat diese bereits an den Fernseher verloren. Immerhin bringen Helen Givings (Kathy Bates) und ihr Mann ihrem eigenen Sohn, John (Michael Shannon), noch Liebe entgegen. Der Mathematiker, der vor kurzen aus dem Sanatorium entlassen wurde, behandelt seine Erzeuger dafür weniger glimpflich. Die Klimax der Ehrlichkeit erreicht der Film bei einem gemeinsamen Treffen der Wheelers und Givings. Frank und April erläutern John gegenüber ihre Pläne zur Flucht aus den Ketten der Gesellschaft. Dieser zieht einen gnadenlosen Strich unter das Streitthema, immerhin ist doch alles hoffnungslos. Es ist somit ein Verrückter, der als einziger die Wahrheit zu erkennen scheint. Oder man muss verrückt sein, um die Wahrheit zu erkennen. Als sich Frank gegen Paris entscheidet, endet ein weiteres Treffen mit den Givings weit weniger harmonisch als noch beim ersten Mal der Fall.

An einigen Stellen wirkt die musikalische Untermalung von Thomas Newman recht nervig, die meiste Zeit jedoch fügt sie sich sehr stimmig mit den Bildern von Roger Deakins zusammen. Deakins selbst vermag Mendes’ period piece - wie immer - wunderbar auszuleuchten. Wie oben angesprochen ist die Handlung des Filmes durch andere Genrevertreter etwas veraltet, sodass man aufpassen muss, zeitwillig nicht die Aufmerksamkeit zu verlieren. DemKursiv Film fehlt letztlich das Besondere, das ihn aus der Masse heraushebt. So ist er nicht unbedingt schlecht, sondern lediglich sehr beliebig. Oscarpreisträger Mendes versammelte hier erneut das Titanic-Trio DiCaprio, Winslet und Bates. Während Bates in der Rolle der verschüchterten Nachbarschaftsglucke richtig aufgeht, harmoniert es zwischen „Baby Face“ Leonardo DiCaprio und der Kette rauchenden Kate Winslet nicht so wirklich.

Für das Ehepaar Winslet-Mendes ist die Prämisse kalter Kaffee, waren beide doch an den sehr ähnlichen Filmen American Beauty und Little Children beteiligt. Somit wirkt auch ihre Leistung nicht unbedingt neu für die Augen des Publikums. DiCaprio hingegen passt einfach nicht so recht in die Rolle des 30-jährigen frustrierten Familienvaters. Zwar hat er durchaus seine starken Szenen, beispielsweise wenn er nach seinem One-Night-Stand zu Hause von seiner Familie überrascht wird oder seinen Kindern apatisch beim Spielen zu schaut. Nichtsdestotrotz ist Revolutionary Road ein über weite Strecken von seinen beiden Darstellern getragenes Drama der bisweilen herausragenden Sorte. Allerdings leidet es unter einigen Längen, gelegentlichem overacting von allen Beteiligten und der - wenn auch etwas ungerechtfertigen (da s.o.) - Tatsache, dass die Geschichte des Filmes irgendwie nicht so neu ist, wie Mendes einem weißmachen möchte, dass sie ist.

7.5/10

Kommentare:

  1. Tja, ob verdient oder nicht: Gewonnen hat sie ihn jedenfalls, den Golden Globe, die Kate Winslet. Ich hoffe ich komme nächste Woche dazu den zu schauen, den hatte ich in meiner Kino-Vorschau glatt unterschlagen, dabei ist der Film von Mendes!!!

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  2. ich freu mich, nachdem ich gestern House of Sand and Fog gesehen habe, bin ich die nächsten Monate eh depressiv drauf.

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