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4. März 2009

Vorlage vs. Film: The Reader

Der Vorleser (1995)

Es war der erste deutsche Roman, der den ersten Platz der New York Times Bestseller Liste erklomm. Die Krönung war schließlich vier Jahre nach seinem Erscheinen die Aufnahme in Oprah Winfreys Buchclub. Spätestens jetzt war Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser auch in den Vereinigten Staaten von Amerika in aller Munde. Schlink, gelernter Jurist, lieferte – so die Meinung vieler – den Roman zur deutschen Vergangenheitsbewältigung schlechthin. Dabei ist seine Geschichte über eine verhinderte Romanze ebenso Coming of Age Drama wie Auseinandersetzung mit dem ekligen Thema Holocaust.

In der Ich-Form wird chronologisch in drei Teilen die Geschichte des Berliner Jugendlichen Michael Berg erzählt. An Gelbfieber erkrankt, hilft ihm eines Tages eine freundliche Frau nach Hause. Als er sich nach seiner Genesung bei dieser Frau, mit Namen Hanna Schmitz ,bedanken will, beginnt eine Affäre zwischen der 36-Jährigen und dem 21 Jahre jüngeren Schüler. Hanna gibt die Unnahbare und benutzt ohne Frage den jungen Michael zu ihren Zwecken. Dieser kommt nicht umhin sich kopflos in die Straßenbahnschaffnerin zu verlieben. Durch die Beziehung zu der älteren Frau beginnt Michael jedoch zu reifen. Bevor sie ihr Liebesspiel beginnen, verlangt Hanna von dem Schüler, dass er ihr aus seinen Schulbüchern vorliest, sei es Lessings Emilia Galotti oder Homer. Wider Erwarten besteht er das Schuljahr und gewinnt an Selbstvertrauen und Anerkennung innerhalb der Schule.

Schließlich verschwindet Hanna und der Leser wird nie erfahren, aus welchem Grund dies exakt der Fall war. Mit dieser Aktion schließt Schlink das erste Drittel, welches ausschließlich mit der Affäre zwischen diesen zwei Generationen beschäftigt war. Es folgt ein Zeitsprung von acht Jahren und Michael studiert inzwischen Jura. Wir schreiben die Zeit der Kriegsverbrecher-Tribunale und Michael besucht mit seinem Seminar, das bezeichnenderweise von den übrigen Kommilitonen KZ-Seminar genannt wird, einen Prozess gegen sechs Frauen. Diesen Frauen wird vorgeworfen, am mehrfachen Mord zahlreicher in Konzentrationslager inhaftierter Juden beteiligt gewesen zu sein. Unter ihnen, so erfährt Michael im Gericht, befindet sich auch Hanna Schmitz.

„Mein Vater wollte nicht über sich reden. (…) Wie kam ich dazu, ihn zu Scham zu verurteilen? Aber ich tat es. Wir alle verurteilten unsere Eltern zu Scham, und wenn wir sie nur anklagen konnten, die Täter nach 1945 bei sich, unter sich geduldet zu haben.“ (Auszug aus S. 88, Der Vorleser)

Die zweite Hälfte des Romans beschäftigt sich mit Michaels Gefühlen bezüglich Hannas Taten und der generellen Frage, inwieweit die so genannte „zweite Generation“ mit der Kollektivschuld bezüglich des Holocaust klarkommt. Schlinks Roman ist speziell zu Beginn relativ simpel gefasst in seiner Sprachform und scheint gemeinsam mit Michaels Entwicklung zu wachsen. Während der Gerichtsverhandlung nehmen Schlinks Sätze formalere Gestalt an, wirken geschliffener, sowohl im Satzbau als auch in ihren Formulierungen. Durch die Tatsache, dass es sich bei Der Vorleser um eine Erzählung in der Ich-Form handelt, ist die Sicht der Dinge stets subjektiv. Der Leser erfährt wenig über Hanna und ihre Gefühlswelt, gerade im ersten Teil der Geschichte. Was treibt sie zu einem Jungen, der ihr Sohn sein könnte und wieso reagiert sie stets so abweisend? Diese Antworten erfährt der Leser nicht, da auch Michael sie nicht erfährt. „Der Sommer war der Gleitflug unserer Liebe. Oder vielmehr meiner Liebe zu Hanna; über ihre Liebe zu mir weiß ich nichts“, legt Schlink seinem Protagonisten auf Seite 67 seines Romanes in den Mund.

Im Verlauf der restlichen Geschichte baut Schlink seine Klimax auf. Jenes „dunkle“ Geheimnis, welches Michael und Hanna teilen werden und das den Ausgang der Handlung bestimmen soll. Die große Auflösung ist weit weniger spektakulär als man sich denken mag, im Gegenteil sogar sehr früh absehbar. Schlink macht glücklicherweise auch kein großes Aufheben um diese Auflösung und fokussiert sich vielmehr auf Michaels Innenleben. Heraus kommen viele Denkansätze über die damalige Zeit und insbesondere die „zweite Generation“. Unter anderem schreibt der Autor: „Wir sollen nicht meinen, begreifen zu können, was unbegreiflich ist, dürfen nicht vergleichen, was unvergleichlich ist (…)“ (S. 99). Letztlich versäumt der Autor es jedoch, seinen Helden eine klare Stellung einnehmen zu lassen. Die gewichtigste Entscheidung im Roman wird nicht begründet, vielmehr auf zwei Seiten übergangen. Vieles bleibt offen in einem Roman, der gut ist, dem ich selbst jedoch nicht die Bedeutung zumessen würde, die ihm (zumindest jenseits des Atlantik) zugeschrieben wird.


The Reader (2007)

What would you have done?

Man ahnt es schon. Schlinks Vorleser ist so ein epochenübergreifender Roman, den Hollywood-Filmemacher am liebsten von hinten aufrollen. In der Gegenwart. Und dann zurückblickend Die Aufblende offenbart es: Berlin, Germany 1995. Regisseur Stephen Daldry und Autor David Hare kamen nicht umhin, auch The Reader mit dieser klischeehaften Eröffnung einzuleiten. Aufgrund einer Abänderung zu Schlinks Buch folgt hier im Grunde die erste Inkonsequenz. Dem Publikum wird kein ersichtlicher Grund offenbart, wieso sich Michael Berg (Ralph Fiennes) an diesem Tag in diesem Jahr urplötzlich mit seiner Vergangenheit als Teenager auseinander setzen sollte. Aber er tut es. Eine Straßenbahn fährt am Zimmer vorbei, nachdem Michael mit einer x-beliebigen Frau (Jeanette Hain) eine gemeinsame Nacht verbracht hat. In der Straßenbahn entdeckt Michael sich selbst, sprich sein jüngeres Pendant (David Kross). Jetzt, nachdem der Hollywood-Star eingeführt wurde, kann die eigentliche Geschichte beginnen.

Ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans hatte sich Harvey Weinstein die Rechte gesichert. Er involvierte Anthony Minghella und Sydney Pollack in das Projekt und Minghella wollte das Drehbuch verfassen und Regie führen. Es kam jahrelang nie dazu, man vertraute das Projekt schließlich Stephen Daldry an und Minghella und Pollack wollten produzieren. Daldry bot die Rolle der Hanna Schmitz Kate Winslet an, die aufgrund ihres Alters und daraus resultierenden Zweifeln ablehnte. Stattdessen wurde Daldrys The Hours-Muse Nicole Kidman engagiert, die jedoch aufgrund ihrer Schwangerschaft ebenfalls absagte. Inzwischen war Kate Winslet älter geworden und Minghella und Pollack Krebsleiden zum Opfer gefallen. Daldry, der selbst in der Schule Deutsch gelernt und einige Jahre in Berlin verbracht hat, wollte den Film unbedingt in Deutschland mit deutschen Schauspielern inszenieren. Im Nachhinein war dies keine gute Idee.

Vorab sei gesagt, dass Hare ähnlich wie schon bei The Hours eine ziemlich minutiöse Adaption eines Romans abliefert. Die ersten zehn Minuten des Filmes sind dabei fast derart steif nach der Vorlage abgefilmt, dass ihnen jegliches Eigenleben abzugehen scheint. Abgesehen von den zeitlichen Sprüngen – die narrativ keinen Sinn ergeben – bleiben Hare und Daldry der Vorlage ausgesprochen treu. Zumindest in weiten Teilen. Aufgrund von geschnittenen Szenen (so zumindest meine Mutmaßung) ergeben sich jedoch das eine oder andere Mal in der Kinoversion Unstimmigkeiten. Besonders merkt man dies daran, dass einige Figuren in ihrer Etablierung vollkommen unnötig sind, beispielsweise Sophie (Vijnessa Ferkic), die in der Filmversion nur im Ansatz auftaucht oder insbesondere Marthe (Karoline Herfurth), eine spätere Studienkommilitonin von Michael, deren Auftauchen im Film nicht den geringsten Zweck erfüllt.

Scheinbar wurde versucht so viele deutsche Darsteller wie möglich im Film unterzubringen. Ob diese etwas zur Handlung beizutragen hatten, war untergeordnet. Abgesehen von Kate Winslet, Ralph Fiennes und Lena Olin handelt es sich daher bei den meisten Darstellern um Deutsche. Der Hintersinn ist offensichtlich: Winslet und Fiennes dienen lediglich als internationale Zugpferde. Das Resultat ist eher bemitleidenswert, bildet The Reader doch ein Konglomerat aus unterschiedlichen Akzenten. Während David Kross versucht in seinem Englisch bestmöglich seinen deutschen Akzent zu verbergen, ist Kate Winslet bemüht in ihrem Englisch einen deutschen Akzent zu integrieren. Beides misslingt. Immer wieder verrutscht Winslet, spricht kurzzeitig mit deutschem Akzent, um kurz darauf andere Worte klar Englisch auszusprechen. Kross wiederum hat merkliche Schwierigkeiten mit der fremden Sprache, schafft es immerhin gelegentlich ein Wort problemlos auszuspucken. Seinen Höhepunkt erreicht dies, wenn der gealterte Michael (Fiennes) akzentfreies britisches Englisch spricht, während der junge Michael (Kross) kaum ein „th“ ohne das klischeehafte „z“ herauskriegt.

Andere deutsche Darsteller variieren ebenfalls in ihrer Aussprache. Von klar (Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz) bis hin zu stotternd (Fabian Busch). Es wäre hier weitaus empfehlenswerter gewesen entweder einen Film mit reiner deutscher Besetzung (warum nicht mit der Standardbesetzung Martina Gedeck/Moritz Bleibtreu?) zu drehen oder auf Darsteller zurückzugreifen, die zumindest demselben Sprachpool entstammen. Seinen Höhepunkt erreicht diese Farce immer dann, wenn die Statisten im Hintergrund deutsche Ausrufe beisteuern, während den restlichen Film hindurch Englisch gesprochen wird. Bedauernswert auch, dass eine gestandene Schauspielerin wie Kate Winslet derartige Probleme mit ihrem Sprachlehrer hat, wenn es Cate Blanchett in The Good German mit Leichtigkeit gelang einen deutschen Akzent zu erlernen. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Empfehlungen kann ich daher nur schwer nahelegen, The Reader in seiner deutschen Synchronisation zu sichten, da hier dieser sprachliche Fauxpas umschifft wird.

Um beim Thema zu bleiben: die darstellerische Leistung ist ein anderes Problem des Filmes. Sowohl Kate Winslet als auch Ralph Fiennes haben zu Beginn ihre Probleme. Fiennes kämpft mit der geringen Leinwandpräsenz, Winslet mit den amourösen Elementen. Ihre Interpretation von Hanna ist ausgesprochen mürrisch und kalt. Kaum auszudenken, wie sich jemand in diese Frau verlieben sollte. Erst mit den Gerichtszenen beginnt die Britin aufzuspielen und zu zeigen, welch Talent in ihr steckt. Die letzte halbe Stunde des Filmes gehört dann ausschließlich Fiennes und dieser weiß sie mühelos zu schultern. Sein Spiel beeindruckt und macht gemeinsam mit Winslets Spiel eines der Hauptärgernisse beinahe vergessen. Die Besetzung von David Kross als junger Michael Berg ist neben dem Akzentkuddelmuddel einer der großen Störfaktoren. Man mag es Kross zu Gute halten, dass The Reader zum einen erst sein dritter Kinofilm und zum anderen der erste internationale ist (und Sexszenen mit Kate Winslet beinhaltet). Nichtsdestotrotz ist sein weinerliches Spiel auf die Dauer lästig, speziell wenn er im Gegensatz zu seiner Figur nicht vermag seine Naivität und Unschuld abzulegen.

Die anderen deutschen Darsteller agieren zufriedenstellend, wenn auch teilweise (z.B. Herfurth) in Rollen, derer es nicht gebraucht hätte. Aus dem Raster fällt lediglich Alexandra Maria Lara, die unter Beweis stellt, dass ihr Talent für anspruchslose Til Schweiger Komödien wie Wo ist Fred? auszureichen vermag, internationalen Ansprüchen (s. Youth Without Youth) allerdings nicht gerecht wird. Erfreulich ist hingegen die Leistung von Hannah Herzsprung als Ralph Fiennes Tochter. So ist unter dem Strich gesehen The Reader wohl vormerklich ein deutscher Film geworden, der dennoch undeutscher nicht sein könnte. Daldry und Hare beweisen wie bereits bei The Hours ein gutes Gespür für ihre Romanadaption und Einstellungen, die sehr ansehnlich von Chris Menges und Roger Deakins eingefangen wurden. Auch die musikalische Untermalung von Nico Muhly weiß zu gefallen.

Ein weiteres Problem des Filmes ist die Erzählung aus der Dritten Person. Hare hat sein Skript speziell so gefasst, da er Erzählstimmen als langweilig empfindet, doch schadet diese Erzählstruktur dem Film ungemein. Es ist Michaels Geschichte und sie lebt von seinem Innenleben, seinem Konflikt, seinen Gefühlen. Hares Drehbuch weiß diese Aspekte nicht genug herauszuarbeiten und Kross schon gar nicht zu portraitieren. Dadurch gehen einige gewichtige Momente von Schlinks Geschichte verloren. Hierzu gehört auch die Frage der Kollektivschuld und Vergangenheitsbewältigung. „Was hätten Sie getan an meiner Stelle?“, fragt Hanna im Roman wie im Film den Richter ihres Prozesses. Während Schlink die Frage in seinem Buch weiterspinnt, greift sie Daldry nicht weiter auf, verwendet sie lediglich als kurzes Spannungselement. Die Frage ist entscheiden, gerade für die „zweite Generation“ und für die Vergangenheitsbewältigung. Zugleich ist es eine Frage, die keine universelle Antwort hat, sondern die jeder für sich selbst beantworten muss. Wenn dies überhaupt möglich ist.

Mit The Reader haben Daldry und Hare wieder bewiesen, dass sie im Stande sind große Romane entsprechend auf der Leinwand umzusetzen. Wie in den meisten Romanadaptionen wird aufgrund einer gefälligeren Struktur und des Spannungsaufbaus auf einige wichtige Aspekte nicht eingegangen, die im Falle von The Reader zwar nicht allzu schwer ins Gewicht fallen, hinsichtlich des über-Themas ebenjener Vergangenheitsbewältigung jedoch begrüßenswert gewesen wären. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten und abgesehen von der Besetzung David Kross’ schickt sich The Reader an exzellentes Darstellerkino zu werden, das gerade nach hinten heraus durch Winslet und Fiennes zu begeistern weiß. Dabei wäre es für den Film sehr von Vorteil gewesen, wenn man auf die deutschen Darsteller verzichtet hätte und stattdessen mit einem rein britischen oder zumindest synchronen Ensemble Schlinks Geschichte umgesetzt hätte. So ist der Film weit von einer perfekten Umsetzung entfernt aber in seiner Summe eine ansehnliche und letztlich gelungene Interpretation geworden.

6/10 - in anderer Form erschienen beim MANIFEST


12. Januar 2009

Revolutionary Road

We’re just like everyone else.

Es sind zwei entscheidende Szenen in Revolutionary Road [Zeiten des Aufruhrs], die verhältnismäßig kurz aufeinander folgen: Wenn Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) morgens zur Arbeit geht, ist er am Bahnhof ein Schaf. Einer von Vielen. Sie stürmen die Gänge entlang. Männer im Anzug, mit Krawatte und Hut. Die Gesichtsausdrücke leer, die Motivation im Prinzip nicht vorhanden. Einige Szenen später sieht man erneut diese Herde von Männern. Mit dem Unterschied, dass Frank nunmehr lächelnd abseits steht. Ein kurzes Hoch in einem Film, der nur von Tiefpunkten berichtet. Kennen Sie die Wheelers in der Revolutionary Road? Ein Vorzeige-Paar, gefangen in seinem aufgezwungenen Klischeebild. Oder anders gesagt: die Vorstadthölle.

Das Time Magazin wählte Richard Yates’ Roman Revolutionary Road vor rund drei Jahren zu den 100 besten englischsprachigen Romanen der neuesten Geschichte. Bereits 1961 wollte John Frankenheimer ihn ehe er sich für The Manchurian Candidate entschied. Nun, beinahe ein halbes Jahrhundert später, wird Yates’ Geschichte doch noch verfilmt – womöglich etwas zu spät, angesichts seiner Thematik. Nach Filmen wie Ang Lees The Ice Storm oder Todd Fields Little Children sowie Sam Mendes’ eigenem American Beauty sind dysfunktionale Ehen in Vorstädten nichts Neues. Man kommt also mitunter nicht umhin, während Revolutionary Road gelegentlich gedanklich abzuschweifen, ob der bereits bekannten Elemente dieser anderen Werke.

“You’re the most interesting person I’ve ever met”, erklärt April (Kate Winslet) 1948 ihrem Freund Frank. Auf einer Party hatten sich die ambitionierte Schauspielerin und der Kriegsveteran kennen gelernt. Beide lachen und philosophieren über Paris. Jene Stadt, der Frank seit dem Zweiten Weltkrieg verfallen ist und die er wieder besuchen möchte. Dort seien die Menschen noch frei, versichert er seiner Freundin. Doch es kommt alles anders als geplant. April wird schwanger und Frank nimmt einen Job in der alten Firma seines Vaters an. Er mag den Job nicht und es beschämt ihn, wie sein Vater geendet zu haben. Dies gesteht er an seinem 30. Geburtstag, einer Sekretärin seiner Firma, mit der er anschließend Sex hat.

Viel hat sich getan, seit die Wheelers vor sieben Jahren in ihr weißes Haus in der beschaulichen Revolutionary Road zogen. Auf das erste Kind folgte das zweite, auch um sich zu beweisen, dass das Älteste kein Unfall war. Übergang wurde Routine, die Ehe bröckelt als Folge in ihrem verflixten siebten Jahr. Ähnlich wie Aprils Theaterstück, das wir zu Beginn sehen. Emotionen schaukeln sich hoch, sie und Frank streiten sich auf der Heimfahrt, gehen tags darauf aber wieder zum Alltag über. Eine der vielen dysfunktionalen Szenen zwischen dem Paar, das in der Folge als letzten Ausweg eine Auswanderung nach Paris sieht. Sie will damit ihre Beziehung retten, er zu sich selbst finden. Bis April plötzlich erneut schwanger wird.

Glaubt man US-Dramen, muss das Leben in der Vorstadt grauenhaft sein. Auch, da Eltern darin zum eigenen Nachwuchs eine gestörte Beziehung unterhalten. Grundsätzlich unterscheidet die Ehe der Wheelers wenig von Hoods, Pierces oder Burnhams. Man lebt weitestgehend nebeneinander und nicht miteinander. Ob man immer alles tot diskutieren müsse, will April in einer Szene wissen, und findet später erst dann etwas Privatsphäre, als sie in den Wald flüchtet. Was genau schief gelaufen ist zwischen den netten Wheelers aus der Revolutionary Road kann man nur erahnen. Sicher ist jedenfalls, dass das Vorstadtleben wie ein goldener Käfig empfunden wird. Vielmehr noch von April, welche die eigentliche Hauptperson ist.

Eine unbeschwerte junge Frau wird schwanger und Anfang der 1950er in die Hausfrauenrolle gedrängt. Dass sie nach Paris will, um dort als Sekretärin alleine für ihre Familie zu sorgen, findet seine Begründung sicher weniger in ihrer Liebe zu Frank und dem Wunsch dessen Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Stattdessen geht es eher darum, dass April sich selbst endlich wieder lebendig fühlt, sich als individuell und nicht Teil einer Maschinerie wahrnimmt. Exemplarisch zu sehen, als sie nachts allein mit Shep (David Harbour), dem Kriegskameraden und besten Freund ihres Mannes, wie losgelöst tanzt. Für April bedeutet die dritte Schwangerschaft ein weiteres Gewicht an ihren Fußfesseln. Sie ist die Person, die eigentlich im Fokus steht.

Auch für Frank ist sein Leben ein goldener Käfig. Seine Arbeit macht er ungern und nur so gut, wie unbedingt notwendig. Von dem was er eigentlich verkauft, hat er keine Ahnung. Die zehn Stunden, die er täglich unterwegs verbringt, ehe er sich zu Hause noch ein paar Stunden gönnt, zehren an ihm. Die Idee, sich in Paris vor all den heimatlichen Verpflichtungen zu drücken, gefällt ihm daher sehr gut. Eine flapsige Bemerkung im Geschäft bringt den Wendepunkt herbei. Auf einmal wird Frank von seinen Vorgesetzten gelobt. Vielmehr noch, ihm steht sogar eine Beförderung ins Haus. Die pragmatische Seite von Frank kommt zum Vorschein. Mehr Geld und was ihm wichtiger erscheint, mehr Anerkennung, lassen die Arbeit weniger lästig erscheinen.

Regisseur Sam Mendes präsentiert in Revolutionary Road ein trostloses Bild von der Gesellschaft, die keine Bindung zu ihren Kindern hat. Immerhin bringen Helen Givings (Kathy Bates) und ihr Mann dem eigenen Sohn, John (Michael Shannon), noch Liebe entgegen. Der Mathematiker, kurz zuvor aus dem Sanatorium entlassen, behandelt seine Erzeuger dafür weniger glimpflich. Die Klimax der Ehrlichkeit erreicht der Film bei einem Treffen dieser beiden Familien, als John einen gnadenlosen Schlussstrich unter die Auswanderungspläne der Wheelers zieht. John gebiert sich dabei als Verrückter, der als einziger die Wahrheit zu erkennen scheint. Oder vielleicht muss man womöglich auch verrückt sein, um die Wahrheit zu erkennen?

An einigen Stellen wirkt die Musik von Thomas Newman recht nervig, fügt sich die meiste Zeit jedoch sehr stimmig mit den wunderbar ausgeleuchtete Bildern von Roger Deakins zusammen. Sam Mendes’ period piece fehlt wie bereits oben angerissen letztlich jedoch narrativ das Besondere, das ihn aus der Masse des Genres heraushebt. So ist er nicht unbedingt schlecht, aber dennoch ein wenig beliebig. Oscar-Preisträger Mendes versammelte für Revolutionary Road dabei erneut das Titanic-Trio um Leonardo DiCaprio, Kate Winslet und Kathy Bates. Während Letztere in der Rolle der verschüchterten Nachbarschaftsglucke richtig aufgeht, harmoniert es zwischen “Baby Face” DiCaprio und der Kette rauchenden Winslet nicht so wirklich.

Für das Ehepaar Winslet-Mendes ist die Prämisse kalter Kaffee, waren beide doch an den sehr ähnlichen Filmen American Beauty und Little Children beteiligt. DiCaprio hingegen passt einfach nicht so recht in die Rolle des 30-jährigen frustrierten Familienvaters, auch wenn er seine Momente hat, beispielsweise wenn Frank seinen Kindern apatisch beim Spielen zusieht. Nichtsdestotrotz ist Revolutionary Road ein über weite Strecken von seinen Darstellern getragenes Drama der bisweilen herausragenden Sorte. Allerdings leidet er unter einigen Längen, gelegentlichem Overacting von allen Beteiligten und der Tatsache, dass Richard Yates’ Geschichte irgendwie nicht so neu ist, wie Sam Mendes seinem Publikum weißmachen möchte.

7.5/10

22. Dezember 2007

Little Children

You couldn't change the past. But the future could be a different story.

Bereits im Jahre 2001 konnte Todd Field mit In the Bedroom beweisen, dass er es versteht mit familiären Themen umzugehen. Damals sollte eine Affäre eines Studenten mit einer verheirateten Frau zwei Familien in eine Tragödie stoßen. Es gab damals nicht nur drei Oscarnominierungen für die Schauspieler, sondern auch zwei für Todd Field selber, sowohl für den besten Film, als auch das beste adaptierte Drehbuch. In diesem Jahr erschien eine neuerliche Romanadaption von Todd Field, in der ebenfalls wieder Affären das Familienleben beeinflussen. Field adaptierte gemeinsam mit dem Romanautor Tom Perrotta dessen 2004 erschienenen gleichnamigen Roman und erhielten dafür dieses Jahr eine weitere Oscarnominierung, ebenso wie Kate Winslet und Jackie Earle Haley. Es möchten sich unweigerlich Vergleiche mit dem thematisch ähnlichen American Beauty aufdrängen, dennoch erzählt Little Children eine andere, eigenständige, aber nicht weniger dramatische Geschichte, jedoch ohne an den Witz und Humor von American Beauty anknüpfen zu können. Dafür ist der Subplot, der sich um Kindesmisshandlung dreht, viel zu ernst, als dass Field sich hier humoristische Töne erlauben würde – auch wenn der Film dennoch dieses ernste Thema, wie die meisten Filme, nicht zentral ins Licht rückt, sondern sogar im Vergleich zur Romanvorlage beschneidet.

In einer kleinen amerikanischen Vorstadt treffen sich die Hausfrauen mit ihren Kindern beinahe täglich im Park und während die Kinder spielen, wird unter den desperate housewives der neueste Klatsch ausgebreitet. Sowohl dazugehörend, als auch Außenseiterin ist dabei die feministische Sarah (Kate Winslet), die mit ihrer Tochter Lucy oftmals überfordert zu sein scheint. Abschätzige Blicke erhält sie insbesondere von der erzkonservativen Mary Ann. Aufregung bildet sich unter den Frauen nur, wenn der „Abschlussballkönig“ Brad (Patrick Wilson) mit seinem Sohn den Park betritt. Obschon Grundlage für viele Tagträume der Frauen, hat noch keine der Damen je mit ihm geredet. Da Sarah die anderen verklemmten Frauen ohnehin überdrüssig sind, geht sie zu Brad und beginnt ein Gespräch, welches schließlich in einen kurzen Kuss zur Abschreckung der anderen mündet. Doch der Augenblick will beiden nicht aus dem Kopf und da sowohl Sarah, als auch Brad in seiner Ehe mit der Dokumentarfilmerin Kathy (Jennifer Connelly) unglücklich sind, beginnt das Interesse der beiden aneinander zu wachsen und endet in täglichen kleinen Refugien im städtischen Bad. Zur selben Zeit wird in die Gemeinde der entlassene Kinderschänder Ronnie (Jackie Earle Haley) entlassen, der fortan nicht nur von der Gemeinde, sondern auch vom frühpensionierten Polizisten Larry (Noah Emmerich) unter Beobachtung steht.

Das Highlight von Fields Little Children ist, dass er sich eines allwissenden Erzählers bedient, der hin und wieder das Seelenleben oder Hintergrundinformationen über die Figuren ans Publikum übermittelt. Bedauerlicherweise nimmt dies zum Ende, wenn die Handlung in ihre dramatische Phase eindringt, etwas ab. Trotz allem verleiht gerade dies der Geschichte einen besonderen Charakter und verleiht dem ganzen eine gewisse Erzählstruktur. Zum Teil entpersonalisiert es auch die Figuren in der Geschichte, wirkt aber nie fehl am Platze. Verwendung findet dieser Kniff zumeist dann, wenn etwas erzählt werden soll, was zu viel Platz einnehmen würde, wenn man es ausführlich darstellen würde. Dies trifft zum Beispiel auf Sarahs Ehemann Richard zu, der für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle spielt und lediglich als Impuls für Sarahs Verhalten dargestellt wird. Wenn Richard in seinem Büro sitzt und sich auf seinem Rechner Pornos der verruchten Hausfrau Slutty Kay ansieht oder in seinem Arbeitszimmer zu Hause mit einem getragenen Höschen auf dem Kopf von Sarah beim Masturbieren unterbrochen wird, entbehrt dies natürlich nicht einer gewissen Komik. Symbolisch steht es natürlich für die Entfremdung der beiden innerhalb ihrer Ehe, wenn keiner der Partner mehr das bekommt, wonach er sich eigentlich sehnt. Während es bei Richard das Ventil der Pornographie ist, schaltet Sarah bei einem Spaziergang ab.

Mit Sehnsucht findet sich auch das übergeordnete Thema von Little Children, denn jede der Figuren sehnt sich nach etwas in ihrem Leben, nach einem Zustand, den sie einst innegehabt, dann jedoch irgendwann verloren haben. Bei Sarah scheint dieser Wandel mit der Geburt ihrer Tochter eingesetzt zu haben, welche sie die meiste Zeit vernachlässigt und nicht wirklich auf sie eingeht. Die Wünsche und Bedürfnisse von Lucy kollidieren in den meisten Fällen mit denen von Sarah, wenn sich diese nur ein paar Minuten Ruhe für ihre Literatur wünscht. In einer Szene begutachtet Sarah im Bad lieber ihre Haut, als ihrer Tochter die Tür zu öffnen, welche den ganzen Tag damit verbracht hatte ihr ein Geschenkt zu basteln und es ihr übergeben wollte. Erst später soll Sarah herausfinden, wie viel sie tatsächlich für Lucy empfindet. Ebenso wie Richard bleibt auch Kathy eher im Hintergrund. Das Problem in der Ehe zwischen Brad und Kathy liegt darin, dass Kathy diejenige ist, die durch ihre Arbeit das Geld verdient, während Brad, der bereits zweimal durch die Zulassungsprüfung für Anwälte gefallen ist, das Heimchen gibt. Unter Druck gesetzt fühlt er sich dabei von seiner Frau, die nicht zu verstehen scheint, dass er eigentlich gar kein Anwalt sein will. So endet sein nächtlicher Weg zur Bibliothek immer am örtlichen Skaterpark, wo er stundenlang den Jugendlichen bei ihrer Leichtigkeit zusieht.

Während die Feministin Sarah gegen das eheliche Gebilde erfolglos rebelliert und schließlich in Brad ihren innerlichen Aufschrei, ganz wie Emma Bovary, findet. Die Analyse des Romans von Gustave Flaubert wird in einer Buchgruppenreflexion direkt auf den Zustand von Sarah übertragen. Brad hingegen findet in Sarah Aufmerksamkeit und Verständnis für seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Sarah erkennt sofort, dass Brad nicht glücklich damit ist, Anwalt zu werden und unterstützt ihn im Gegensatz zu Kathy bei seinen nächtlichen Football-Spielen mit Larry und seinen Polizistenfreunden. Klimatischer Gipfelpunkt ist ein Essen zwischen beiden Familien, bei welchem Sarah überrascht reagiert, als sie etwas über Brad erfährt, was sie vorher nicht wusste. Mit ihrer Reaktion bewirkt sie den ersten Verdachtsmoment bei Kathy. Sowohl Brad als auch Sarah fühlen sich also in der konservativen Vorstellung der Familie gefangen, unberücksichtigt und eingeschränkt. Dies mündet in einer großartigen Szene, als sich Sarah einen Badeanzug bestellt, damit sie mit Lucy in das öffentliche Bad gehen kann, von dem sie weiß, dass Brad mit seinem Sohn öfters dort ist. Und tatsächlich treffen sich die beiden, jedoch hinreißend geplant zufällig. Die täglichen Treffen im Freibad bilden für beide ein erstes Ventil, welches sich jedoch im körperlichen Kontakt Luft verschaffen muss. Wie Field und Perrotta dies ganz allmählich aufbauen lässt sich nur als sagenhaft beschreiben, von einer beeindruckenden Ehrlich- und Glaubwürdigkeit.

Sehnsüchte haben auch Larry und Ronnie. Larry, der einst durch ein Missverständnis einen Teenager erschossen hat, leidet unter seinem Trauma und musste in Frühpension bei der Polizei gehen. Dabei vermisst er seinen Job so sehr, dass er sich der Nachbarschaftspolizei anschließt und sich nach Bedeutung in seinem Leben sehnt, sei dies in der Sicherung der Nachbarschaft oder beim Footballspielen. Da kommt ihm der entlassene Kinderschänder Ronnie gerade recht, der wieder bei seiner Mutter eingezogen ist. Im Gegensatz zur Romanvorlage hat Ronnie im Film die Sehnsucht einfach ganz normal zu sein und lässt sich sogar von seiner Mutter zu einem Blind Date breitschlagen, welches er zu Beginn auch noch ganz gut meistert, ehe es am Ende aus dem Ruder läuft. Die Außenseiterrolle Ronnies gipfelt in der wahrscheinlich besten Szene des Filmes, wenn Ronnie mit Flossen und Schnorchel das Freibad aufsucht und unter Wasser an einem heißen Sommertag die tollenden Kinder beobachtet. Als die Mütter ihn schließlich erkennen, mündet dies in einer hastigen Rettungsaktion aller Kinder aus dem Becken, als befände sich ein weißer Hai darin. Während Ronnie wie dieser seine Runde unter Wasser dreht, stehen die Mütter mit ihren Kindern gaffend am Beckenrand, ehe die Polizei Ronnie aus dem Freibad entfernt. Und sofort als er aus dem Becken ist, löst sich die drückende Stimmung wie ein dunkler Schleier.

Gerade diese kleinen Details sind es, die Little Children so besonders machen, was es bei Brad bewirkt, wenn sein Sohn beim Anblick seiner Mutter seinen Lieblingshut davon schmeißt, oder Sarahs erwartungsvoller Blick, als sie ihren Badanzug in den Händen hält und darin ihre Hoffnung wiederspiegelt. Wie bereits in In the Bedroom liefert Todd Field ein demaskierendes Bild der glücklichen (amerikanischen) Familienidylle, ohne humoristisch-künstliche Kniffe wie Sam Mendes in American Beauty. In Little Children sagen Blicke mehr wie tausend Worte und besonders Kate Winslet kann sich durch ihre Verkörperung der Sarah wieder einmal hervortun. Wann schenkt man dieser Frau endlich ihren langverdienten Oscar, fragt man sich beim Betrachten, genauso wie es Paul Bettany eigentlich geschafft hat, diese atemberaubende Jennifer Connelly zu seiner Frau zu machen. Todd Field zeigt ebenfalls wieder sein Talent und sein Gespür für ruhige Dramen, auch wenn das Ende wieder typisch amerikanische Züge annimmt, selbst wenn es für die Entwicklung der Charaktere steht. Einziger Wermutstropfen ist, dass wie nur allzu oft in Hollywood-Produktionen das Thema der Kindesmisshandlung, wie in Mystic River oder Gone Baby Gone, lediglich als Aufhänger für den Narzissmus der Erwachsenen dient. Denn dafür ist das Thema an sich eigentlich viel zu ernst und dramatisch.

8.5/10

12. Oktober 2007

Vorlage vs. Film: Hamlet

Hamlet (1603)

Fraglos ist William Shakespeare eines der literarischen Genies der Menschheitsgeschichte (insofern er existiert hat). Wie kein anderer Autor bestimm(t)en seine Stücke die Gesellschaft, von Theateraufführungen bis hin zu Verfilmungen. Hierbei sind seine Werke Romeo und Julia, sowie Hamlet die bekanntesten und beliebtesten Werke. Den Ursprung von Hamlet findet man dabei bereits Ende des 12. Jahrhunderts, als der dänische Gelehrte und Dichter Saxo Grammaticus eine lateinische Sammlung von Prosageschichten verfasste. In diesen erzählt er neben historischen Begebenheiten auch mythenhafte Legenden, darunter in seinem 3. und 4. Buch der Historica Danica eine Geschichte der Leiden, Abenteuer und Heldentaten eines gewissen Amlethus, Sohn von Horwendillus und Gerutha. Im Zuge des Buchdrucks konnte Saxos Werk zum ersten Mal 1514 gedruckt und in der Mitte des 16. Jahrhunderts mehrfach aufgelegt werden. Es war schließlich François de Belleforest, der 1570 im 5. Band seiner Histoires Tragiques seine französische Version von Saxos Stück, in welcher sich Amleth an seinem Onkel für den Mord am Vater und die Heirat der Mutter rächt, drucken ließ. Diese Version wurde 1582 ins Englische übersetzt und darf als Vorlage für Shakespeares berühmtes Stück gelten, das Anfang des 17. Jahrhunderts entstand.

Hamlet, König von Dänemark, ist tot. Kurz nach seinem Begräbnis heiratet sein Bruder Claudius seine Witwe Gertrude und wird somit selbst zum neuen König von Dänemark. Von Norden droht die Gefahr durch den norwegischen Prinzen Fortinbras, kann jedoch von dessen Oheim in letzter Sekunde abgewendet werden. Alles läuft bestens für Claudius, wäre da nicht die Melancholie seines Neffen und Stiefsohns Hamlet. Dessen Gram über den Tod des Vaters und die rasche Hochzeit der Mutter sorgt besonders bei dieser für Kummer. Sowohl Claudius wie Gertrude sind bemüht, die Gunst Hamlets zurück zu gewinnen. Währenddessen wird Laertes, Sohn des Kammerdieners Polonius, wieder nach Frankreich entsendet, jedoch nicht ohne zuvor seine Schwester Ophelia vor der Lüsternheit Hamlets zu warnen. Es ist eine unstandesgemäße Liebe, die nach Laertes und seines Vaters Polonius Meinung keine Zukunft hat („Dies Lodern, Tochter, (…) nehmt keineswegs für Feuer“), weswegen Ophelia ihren guten Ruf nicht ruinieren soll. Besonders Polonius glaubt Hamlets Melancholie auf die Liebe zu seiner Tochter zurückführen zu können und beginnt mit dem König und der Königin diesem Verdacht nachzugehen. Hamlet hingegen wird von seinem Studienkollegen Horatio und dem Wachmann Marcellus auf eine geisterhafte Erscheinung seines verstorbenen Vaters hingewiesen.

Zur Geisterstunde sucht Hamlet den Dialog mit seinem Vater und erfährt, dass sein Oheim für den Tod des Vaters verantwortlich ist. Hamlet wird von dem Geist seines Vaters auf einen Rachefeldzug eingeschworen („Zu rächen auch, sobald du hören wirst) – doch Hamlet traut dem ganzen noch nicht. Wer sagt ihm, dass es sich tatsächlich um den Geist seines Vaters, und nicht um eine Erscheinung des Teufels gehandelt hat („Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden“)? Hamlet braucht Bestätigung, sieht sich zugleich jedoch von der Nachforschungen Polonius und Claudius gestört, welche seine ehemaligen Schulkameraden Rosenkranz und Güldenstern auf den Prinzen angesetzt haben. Das Eintreffen einer Schauspielertruppe kommt Hamlet gerade recht („Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe“), vor dem versammelten Hof lässt er ein von ihm abgewandeltes Stück, Die Mausefalle, aufführen, in welcher ein König von seinem Bruder umgebracht wird, der anschließend die Königin ehelicht. Hamlet und Horatio überführen Claudius der Tat, offenbaren aber zugleich ihre Karten. Durch ein Missverständnis bringt Hamlet bei einer Unterredung mit seiner Mutter den lauschenden Polonius um – Claudius will sich nunmehr Hamlets entledigen und schickt ihn nach England, wo dieser jedoch nie ankommt. Von dem Tod des Vaters erzürnt, kehrt Laertes nach Dänemark heim und trifft mit dem König ein Mordkomplott gegen Hamlet.

Durch den Tod des Vaters in den Wahnsinn gestürzt, begeht Ophelia Selbstmord. Bei ihrem Begräbnis kommt es zu einem Eklat, Claudius spinnt seinen perfiden Plan und lässt Laertes und Hamlet miteinander fechten. Bei dem Gefecht wird Hamlet von der giftigen Spitze Laertes Degen verwundet und zahlt es diesem ebenso heim. Den vom König vergifteten Kelch fällt Gertrude zum Opfer, Laertes sucht um Vergebung und enthüllt dem sterbenden Hamlet das Mordkomplott des Königs, der durch die Hand des Prinzen fällt. Am Ende, durch ihre familiären Zwiste abgelenkt, dringt Fortinbras in das Königreich ein und reißt es an sich. Nicht nur das Könighaus ist damit verloren, sondern der ganze Staat ins Unheil gestürzt – Auslöser war Claudius machtgierige Tat und treibende Kraft das zögerliche, von Rache durchzogene Handeln den Dänenprinzen Hamlet. Wie so oft bei Shakespeare gehen seine Figuren an ihrem eigenen Treiben zugrunde und mit ihnen wird ihr soziales Umfeld erschüttert („Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, und Planen, die verfehlt zurückgefallen auf der Erfinder Haupt“). Hierbei spart Shakespeare keine gesellschaftliche oder politische Kritik („Wir gehen, ein kleines Fleckchen zu gewinnen, das keinen Vorteil als den Namen bringt“) aus.

Hamlet (1948)

Eine Miene mehr des Leidens als des Zorns.

Schauspiellegende Laurence Olivier zeichnete sich bei seiner Verfilmung als Autor, Hauptdarsteller und Regisseur aus, am Ende gewann er – unverdientermaßen – den Oscar als bester Hauptdarsteller und für den besten Film. Sein Hamlet besticht durch pulsierende Nahaufnahmen und einen Fokus auf Hamlets Ödipuskomplex, indem er Gertrude von der 28jährigen Eileen Harlie spielen ließ, wohingegen Olivier mit 41 Jahren ihren Sohn verkörperte. Hamlets Monologe erzählt er oft durch innere Monologe und schneidet sich wie die meisten Inszenatoren das Stück nach eigenem Gutdünken zurecht. Die Handlung wird unchronologisch erzählt und immer geradeso, wie es Olivier am besten passt, da geschieht die Intention von Claudius und Laertes Hamlet zu töten erst nach Ophelias Beerdigung. Die Besetzung ist dabei von durchschnittlich (Eileen Harlie, Terence Morgan) bis zu grauenhaft (Jean Simmons, Basil Sydney) geraten und Olivier inszeniert seine eigene Person durch narzisstisches over-acting mitunter ins grauenhafte, allerhöchstens noch von dem Darsteller des Horatio oder der als Tunte verleumdeten Figur des Osrick übertroffen.

Die meisten kritischen Ansatzpunkte von Shakespeare fehlen, beinahe schon obligatorisch der Norwegen- und Fortinbrasbezug, außerdem verzichtet Olivier gänzlich auf die Figuren von Rosenkranz und Güldenstern, legt deren Text stattdessen, wenn er ihn verwendet, ihn den Mund des Polonius. Hier ist Hamlet nichts anderes als eine große Laurence-Olivier-Show, in welcher der Brite sein ganzes Repertoire an Mimiken auszukosten wünscht und mitunter zwischen melancholischer und aggressiver Interpretation wankt. Bei der gegeben Lauflänge von zweieinhalb Stunden enttäuscht Olivier mit seiner Besetzungswahl und eigenen Hamlet-Interpretation gänzlich, wobei sehr viel mehr möglich gewesen wäre. Als Kulisse wählte er eine Mischung aus Film- und Theaterdesign, weiß in manchen Szenen fraglos zu überzeugen, überzieht in den übrigen allerdings durch sein plapperhaftes Rezitieren des Textes zu sehr. Die Figur des Polonius lässt sich in seinem Verhalten und seiner Wirkung auf Ophelia nicht nachvollziehen, geht doch seine Liebe gegenüber den Kindern über weite Strecken verloren und ist nur im Laertes-Dialog erkennbar.

3.5/10


Hamlet (1990)

Scham, wo ist dein Erröten?

Der Shakespeare erfahrene Italiener Franco Zeffirelli musste seine Version stark gekürzt ins Kino bringen, was man ihr mitunter sichtlich anmerkt. Wie auch Olivier verzichtet Zeffirelli auf die Fortinbrasgefahr und inszeniert Hamlet als familiäres Kammerspiel, in welchem Glenn Close als verliebte Version von Gertrude scheitert. Die Begegnung Horatios und Marcellus mit dem Geist, welche die Einleitung der Geschichte bildet, wird übersprungen, so wie auch andere Erzählstränge unchronologisch aufgeführt werden. Polonius (Ian Holm) erscheint als Wachhund des Königs und seine Gefühle für seine Kinder werden unter den Tisch gekehrt, weshalb die Familientragödie hier ihren Zweck verfehlt. Auch Ophelias Text wird stark geschnitten und kommt durch Helena Bonham-Carter keiner gebührenden Aufmerksamkeit zuteil. Abgesehen von Nathaniel Parker (Laertes) enttäuschen alle Schauspieler und Schauspielerinnen durch die Bank und finden ihren grotesken Gipfel in der Besetzung des Hamlet durch Mad Max-Darsteller Mel Gibson. Dieser gibt einen fast tollwütigen und stets aggressiven Hamlet, wenn er ihn nicht gerade im Gegensatz dazu bis zur Emotionslosigkeit spielt.

Wieso Ophelia wahnsinnig wird, lässt sich hier ohne den Polonius-Kontext nicht nachvollziehen, ebenso leidet die Charakterisierung von Claudius darunter, dass seine Szenen mit Polonius und Rosenkranz wie Güldenstern stark beschnitten sind. Die dunkle und teuflische Seite des Königs wird dabei unter den Teppich gekehrt und Hamlet von Gibson ganz in seinem Wahn aufgehend dargestellt. Insgesamt wird die Handlung durch Zeffirellis Zurechtschneidung in den meisten Szenen ihres Kontextes beraubt und rutscht mehrfach ins Lächerliche ab. Die Farbwahl, Kostüme und die Kulisse einer kargen, kalten, mittelalterlichen Burg weiß zu überzeugen, auch wenn ein in strahlendes Grün getauchtes Dänemark mehr wie England anzumuten weiß. Abgesehen von seinen Schnitten krankt Zeffirellis Werk am meisten an seinen falsch gewählten und daher schlecht agierenden Schauspieler und Schauspielerinnen, bildet insgesamt die zweifelsohne schlechteste Hamletverfilmung.

2/10


Hamlet (1996)

Dies über alles, sei dir selber treu.

Ebenso wie Laurence Olivier tritt auch Kenneth Branagh zugleich als Hauptdarsteller und Regisseur auf. In seiner beinahe vierstündigen Version erzählt er Shakespeares Werk chronologisch, Szene für Szene und Wort für Wort. Es werden keine Abstriche oder Umstellungen gemacht, alle gesellschaftlichen und politischen Untertöne finden Einzug in seine Verfilmung, welche er in einer schneebedeckten, viktorianischen Kulisse mit viel Pomp und Glanz spielen lässt. Gemeinsam mit Olivier und Zeffirelli hat Branagh jedoch den Ansatz in der Spiel-im-Spiel-Szene Hamlet überaus aufbrausend und an alle Personen gerichtet seine Wäsche waschen zu lassen. Branaghs Hamlet kommt als spannendes und unterhaltsames Epos, als Oper für die Augen daher, unterstützt von einem Starensemble, das bis in die Nebenrollen – Osrick (Robin Williams), Schauspieler (Charlton Heston), Totengräber (Billy Chrystal) – ausgezeichnet besetzt ist. Branaghs Wahl überzeugt und so ist Julie Christie die einzige, welche als Gertrude zu überzeugen weiß und Richard Briers, bedingt allerdings auch durch seine zumeist gestrichene Laertes-Szene, der beste Polonius.

Michael Maloney (Laertes) und Kate Winslet (Ophelia) überzeugen ebenfalls, stehen aber ihren 2000er Kollegen etwas hinterher, was bei Winslet an ihrer sexuellen Interpretation der Figur zu begründen ist. Der ehemalige Hamlet-Darsteller Derek Jacobi überzeugt als Claudius und bildet das Vorbild zu MacLachlans Interpretation vier Jahre später. Branagh selbst spielt den Hamlet an mancher Stelle zu aufbrausend, besonders gegenüber Polonius, und enttäuscht zum Ende hin in vielen übertriebenen und grotesken Grimassen, welche das Hauptmanko des Filmes darstellen. Trotzdem überzeugt er schauspielerisch von allen Hamletdarstellern am ehesten, auch wenn seine Interpretation der Figur wie erwähnt in manchen Szenen krankt. Als bildhafte Unterstützung verwendet Branagh an gegebenen Stellen das Mittel von Rückblenden, um den Wortlaut zu bekräftigen (z.B. die Yorick-Szene). Diese Rückblenden nehmen der Verfilmung ebenso wenig, wie sie ihr schenken, allein die sexuelle Interpretation der Hamlet-Ophelia-Beziehung erscheint unangebracht, da sie dem Kontext und den Worten Laertes und Polonius zuwider läuft. Abgesehen also von Branaghs Grimassen ist seine Version die treffendste und treueste gegen dem Shakespeareschen Stoff.

8.5/10


Hamlet (2000)

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Zum Jahrtausendwechsel hin versuchte sich Michael Almereyda in einer viel gescholtenen zeitgenössischen Interpretation von Hamlet. Er ordnet die Handlung in das New York des Jahres 2000 ein, aus Dänemark wird die Denmark Corporation und Hamlet (Sam Shepard) zu ihrem Vorsitzenden, der unerwartet stirbt. Hamlets Monologe finden oftmals in Form eines Videotagebuchs statt und Dialoge werden mitunter über Telefone, Emails und Faxe transferiert. Wie die meisten Regisseure folgt Almereyda einer unchronologischen Erzählweise und inszeniert Hamlet (Ethan Hawke) als eine rebellische Natur mit Vorbildern wie James Dean, Ernesto Guevara oder Kurt Cobain. Ähnlich wie in Zeffirellis Version werden Gertrude (Diane Venora) und Claudius (Kyle MacLachlan) als Verliebte gezeigt, die Liebe von Polonius (Bill Murray) zu seiner Tochter Ophelia (Julia Stiles) verliert mitunter ihren Kontext. Es tauchen ebenfalls die gesellschaftlichen und politischen Untertöne nicht auf, auch wenn die Figur des Fortinbras kurze Erwähnung findet.

Schauspielerisch gegenüber Branagh nicht überzeugend, liefert Hawke dennoch die meiner Ansicht nach beste Interpretation von Hamlet als einen melancholischen, verwirrten und zögerlichen Charakter ab. Von Unsicherheit geprägt wird Hawke nur selten aggressiv, sein trauriger Unterton geht ihm nie verloren. Bill Murray spielt den Polonius gut, aber viel zu emotionslos, als sei es eine Bürde für ihn vor die Kamera zu treten. Diane Venora enttäuscht auf ganzer Linie und ragt nicht an die Leistung von Christie heran. MacLachlan gelingt es den bösen Geist von Claudius einzufangen und hat sichtlich Jacobis Darstellung herangezogen. Bestechende Interpretationen liefern Stiles und Shepard, außerdem Liev Schreiber als Laertes und Steve Zahn als Rosenkranz. Außerhalb ihres Kontextes erhalten die Figuren bei Almereyda einen interpretativen Charakter, fraglos von Shakespeares Stück entfernt, dessen Idealen jedoch treu und beeindruckt durch seine zeitgenössische Inszenierung. Schauspielerisch und von seiner Interpretation her kommt diese unkonventionelle Version nach Branagh Meisterwerk an zweiter Stelle.

6.5/10