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17. August 2013

Mud

You gotta know what’s worth keeping and what’s worth letting go.

Schon Neil Young sang vor über 40 Jahren “only love can break your heart” und damit von einer Erfahrung, die wohl die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens machen müssen. Und wohl kaum so oft wie in den jungen Jahren des Erwachsenwerdens. Entsprechend liefert die Liebe in all ihren Facetten seit jeher den Stoff für romantisch-dramatische Geschichten, zu denen sich nunmehr auch Jeff Nichols’ dritter und jüngster Spielfilm Mud gesellen darf. Mit diesem schließt der Regisseur nahtlos an die Qualität seiner Vorgänger Shotgun Stories und Take Shelter an und untermauert mit seiner universellen Inszenierung seine aktuelle Stellung als eines der vielversprechendsten Regie-Talente in den USA.

Angesiedelt in seiner eigenen Heimat im Arkansas Delta erzählt Nichols eine Coming of Age-Geschichte mit leichten Märchenelementen, wenn die jugendlichen Freunde Ellis (Tye Sheridan) und Neckbone (Jacob Lofland) auf einer kleinen Insel im Mississippi ein von einer Flut in die Baumkronen gespültes Boot entdecken. In diesem haust wiederum mit Mud (Matthew McConaughey) ein wegen Mordes gesuchter Flüchtiger. Er will sich in Kürze mit seiner großen Liebe Juniper (Reese Witherspoone) vereinen, braucht dafür jedoch die Hilfe der beiden Jungs, um das Boot auf Vordermann zu bringen. Der frischverliebte Ellis, dessen Eltern gerade beschlossen, sich scheiden zu lassen, sagt Mud daraufhin seine Unterstützung zu.

Die Handlung und Inszenierung von Mud lässt sich dabei so beschreiben als hätte Mark Twain Great Expectations geschrieben. Ellis und Neckbone begeben sich auf ein Mississippi-Abenteuer und erinnern an Tom Sawyer und Huckleberry Finn, während die Begegnung von Ellis mit Mud und dessen Fluchtplan per Boot Parallelen zu Pips Beziehung mit Magwitch aus Charles Dickens Werk wecken. Dessen Thematik des gebrochenen Herzens ist es, die in Mud allgegenwärtig scheint. Ähnlich wie Estella ist es hier Juniper, die des Helden Herz wiederholt gebrochen hat. Und als sich Ellis im Verlauf des Films mit May Pearl einem Schwarm aus der Schule annähert, läuft er dabei selbst Gefahr, emotional verletzt zu werden.

Derweil ist die Ehe seiner Eltern (Ray McKinnon, Sarah Paulson) bereits am Ende, als seine Mutter die Scheidung will und der Auszug aus dem Familien-Hausboot droht. Nichols zeichnet in seinem Film kein dankbares Frauenbild, unter deren Verhalten hier alle Männer leiden. Eine Wassermokassinotter verstärkt noch zusätzlich den Kontext zum dritten Genesis-Kapitel. Ellis und Neckbone sollen Frauen wie Prinzessinnen behandeln, gibt ihnen zu Beginn eine Bekanntschaft von Neckbones Onkel Galen (Michael Shannon) mit auf den Weg. Der subtile misogynistische Ton von Mud ist es, der dem Film etwas in die Parade fährt, handelt es sich doch ansonsten in der Tat um ein sehr schönes Coming of Age-Drama.

Dieses rückt auch Vater-Sohn-Beziehungen in den Vordergrund. Mit Joe Don Bakers Figur des King Carver schickt der Vater von Muds Opfer seinen zweiten Sohn Carver (Paul Sparks) aus, um mit einer Bande von Kopfgeldjägern den Flüchtigen zu töten. Mud selbst pflegt eine Art väterliches Verhältnis mit Sam Shepards verschlossenen Scharfschützen und auch die Beziehung von Ellis zu seinem alten Herrn spielt eine Rolle. Es ist eine von Männern beherrschte Welt in Mud und Ellis scheint bisweilen hin und hergerissen zwischen allen Möglichkeiten, die sich ihm eröffnen. In Mud begegnet er in gewisser Weise dann einem älteren, nicht minder romantischen Pendant von sich selbst. Und sieht die Konsequenzen.

Ähnlich wie schon in seinen vorherigen Werken schuf Jeff Nichols gezielt einen Film, der von einer sehr bestimmten Stimmung und Atmosphäre beherrscht wird. Zwar sieht das Publikum nicht viel vom Arkansas Delta, dennoch wirkt die Handlung perfekt in dieses eingebettet. Es scheint, Nichols besitzt eine amerikanische Stimme, die er in seinen Filmen überzeugend zu transferieren weiß. Wie bereits zuletzt in Take Shelter wäre auch Mud jedoch gelungener, hätte man den Schluss ambivalenter gehalten. Davon und von dem misslungenen Frauenbild abgesehen, gehört Nichols dritter Film jedoch fraglos zu den gelungensten Werken des Jahres und sein Regisseur zu den größten Hoffnungsträgern im Business.

7.5/10

17. Juni 2013

Man of Steel

A good death is its own reward.

Christopher Nolan ist vermutlich jemand, der zum Lachen in den Keller geht. Zumindest gibt sich der Brite in seinen Comic-Geschichten derart bierernst, dass man den armen Mann fast bemitleidet und ihn umarmen möchte. Umso paradoxer also, dass gerade der Einstieg in sein Superman-Reboot Man of Steel lächerlicher kaum sein könnte. Das beginnt auf Krypton, das hier keine Eiswelt mit Swarovski-Innendesign mehr ist, sondern eine technologisierte Dschungel-Landschaft voller Vulkane. Russell Crowe gibt einen bärigen Jor-El, der Befehle in einen Flugsensor im Pin-Art-Look schnauzt, während er auf einem Flugdrachen vor Raumschiffen flieht. Wüsste man es nicht besser, würde man sich in einem feuchten Traum von Wolfgang Hohlbein wähnen. 

Superman, das ist nicht dabei nicht nur der allererste, sondern auch populärste Comic-Held der Amerikaner. Und trotz seines Alters von 75 Jahren und fünf Kinofilmen gibt es nun von Warner Bros. wie bereits für Batman einen Relaunch der Figur. Inklusive Origin-Story versteht sich. Ähnlich wie zuvor in Richard Donners Superman frisst der allseits bekannte Hintergrund zur Figur fast die Hälfte der Laufzeit, ehe Clark Kent alias Kal-El endlich das blaue Spandex mit dem roten Cape überstreifen darf. Der sehenswerte und gemeinhin unterschätze Superman Returns soll vergessen gemacht werden, so der Auftrag des The Dark Knight-Triumvirats um Warner, Christopher Nolan und David S. Goyer an Krachbumm-Regisseur Zack Snyder.

Verfügten die Filme von Donner und Singer zusammen über rund fünf Action-Setpieces, kommt auf die Zuschauer in Man of Steel nun ein Action-Setpiece alle fünf Minuten zu. Angefangen auf Krypton, wo ein in Knochenrüstung gekleideter Jor-El im Angesicht der bevorstehenden Apokalypse nicht nur seinen neugeborenen Sohn in eine sichere Zukunft schicken will, sondern auch den meuterischen General Zod aufhalten muss. Ausgestattet mit dem Gen-Material seiner gesamten Rasse – schick in Form eines alten Yorick-Schädels – wird Kal-El zur Erde entsandt. Zod, obschon nunmehr verhaftet und ins Exil verbannt, will dies nicht auf sich sitzen lassen. Finden wird er Kal-El, schreit er daher wieder und wieder.

Dann heißt es erstmal durchatmen. Auf der Erde sehen wir nun Clark als bärtigen einsamen Wanderer à la Bruce Wayne. Mal hier, mal da – auf der Suche nach seiner Bestimmung. Seine Kindheit wird in Rückblenden aufgedröselt, erste Kraftmanifestierungen im Klassenzimmer oder eine Schulbusrettung aus dem Fluss. Irgendwann hört Clark dann zwei Militärs von einer Entdeckung im Eis reden. Nicht nur er. Auch Starreporterin Lois Lane erfährt von dem mysteriösen Fund und wird daraufhin – weitaus mysteriöser – vom US-Militär exklusiv zur Berichterstattung eingeflogen. Der Fund entpuppt sich wiederum als ein 18.000 Jahre altes kryptonisches Raumschiff, das Clark mittels einer Art kryptonischen USB-Stick rebooted.

Dies ruft einige Situationen auf den Plan, mit denen Clarks Ziehvater Jonathan Kent (Kevin Costner) nicht sonderlich zufrieden wäre. So taucht kurz darauf Zod mit seiner Schergentruppe auf und fordert die Übergabe seines Landsmanns. Jetzt muss Clark/Kal-El also zum Superman werden, den passenden Anzug hierfür hat er praktischerweise in dem 18.000 Jahre alten UFO gefunden. Das fungiert in diesem neuen Superman-Franchise als der Ersatz für Kal-Els Fortress of Solitude, ist jedoch auch weit mehr als das. Schließlich geht es im Gegensatz zu Richard Lesters Superman II nicht ausschließlich um Zods Rache am Sohn von Jor-El, sondern um weitaus existentiellere Fragen. The survival of the fittest – wenn man so will.

Krypton wird nämlich als eugenische Gesellschaft dargestellt, bevölkert von Retortenbabys nach dem Vorbild des platonischen Staates. Somit wird jeder Kryptonier zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks geboren. Im Falle von Zod ist es die Sicherstellung des Überlebens aller Kryptonier. Kal-El dagegen wurde „herkömmlich“ geboren, um einen freien Willen und die Wahl seines Schicksals zu besitzen. Eine Begebenheit, die Zod zur tragischen Figur macht, da er weniger zum klassischen Bösewicht wird – der intendierte Massenmord an der Menschheit hin oder her. Schade jedoch, dass sich Nolan und Co. für diesen Umstand nicht sonderlich interessieren. Stattdessen aber dafür, Superman und die Kryptonier sich nonstop kloppen zu lassen.

Mit Schmackes zimmern sie sich erst in Smallville, später auch nochmals in Metropolis von einem Gebäude durch ein Gebäude zum nächsten Gebäude – und wieder zurück. Das weckt gerade im Finale dann böse Erinnerungen an The Matrix Revolutions, nicht nur, weil hier Harry Lennix erneut eine Rolle übernimmt. Bisweilen wähnt man sich aber auch in einer Kinoversion von NetherRealms zuletzt veröffentlichtem Beat-’em-up-Spiel Injustice: Gods Amongst Us, wo man Szenenwechsel dadurch schafft, indem man seine Gegner durch ein Gebäude prügelt. Dumm nur, dass eine Action-Szene in Man of Steel mit der nächsten so identisch ist wie mit der vorherigen. Und sonderlich spannend sind sie dabei – oder eher: dadurch – ohnehin nicht.

Denn wenn sich unverletzbare Supermenschen durch die Innenstadt kloppen – einmal geht es sogar in den Orbit, wo auf einem Satelliten weitergeprügelt wird, ehe man das Ganze wieder zurück auf die Erde verlagert –, fiebert man ebenso mit wie bei Transformers. Dass sie sich keinen Schaden zufügen, geht zumindest an den Figuren vorbei. So entleert auch ein von Christopher Meloni gespielter Militär erfolglos ein Maschinenpistolenmagazin auf Antje Traues Kryptonierin Faora, ehe Meloni zur Handwaffe greift und als diese leer ist, ein Messer zückt. Sinn ergibt in Nolans Welt ohnehin wenig, angefangen vom der Erde 100.000 Jahre (!) voraus seiendem und daher auf Drachen reitenden (!) Krypton bis zur Darstellung von Supermans Kräften.

Der kann weder hören, wenn auf einem Fischerkutter über seinem Kopf ein Krabbenkäfig auf ihn stürzt, noch wenn ihm Lois Lane mit 20 Metern Abstand in sein Raumschiff folgt. Warum in diesem ein Superman-Anzug – der nicht wie Jor-Els aus Knochen, sondern Spandex ist – wartet oder wieso Zod später eine Terraforming-Maschine namens „Genesis“ in Aktion bringt (auf Krypton liest man wohl die Bibel oder lernt Griechisch), hinterfragt man besser ebenfalls nicht. Genauso wenig den vorgeschrieben Tod von Papa Kent, der hier auf selten dümmliche Weise geschieht, sich aber letztlich exzellent in das Gesamtbild des Films einfügt. Bei Nolan muss, so hat es den Anschein, eben alles eine Nummer größer sein. Komme, was wolle.

Den Vogel schießt allerdings die christliche Metaphorik ab. So wandert Clark 33 Jahre lang über die Erde und verbringt hier und da seine Wunder – er interveniert zum Beispiel bei einem Bohrinselbrand –, ehe er sich als nicht von dieser Welt zu erkennen gibt, um sich nach einem Zwiegespräch mit einem Priester in dessen Kirche dazu zu entschließen, sich für die Menschheit als Martyrer zu opfern, als Zod danach verlangt. Nebst der redundanten Action, der komplex eingeführten Geschichte Kryptons, die dann bis auf ihren Gimmick-Wert außer Acht gelassen wird, und dem Versuch, Spannung und Dramatik in Szenen zu entwickeln, die aufgrund der Gegebenheiten weder spannend noch dramatisch sind, ärgert das am meisten.

In seiner Summe ist Man of Steel weniger klassischer Superhelden- als ein Alien-Invasion-Film und Science-Fiction-Actioner. Voll mit Raumschiffen, Gigant-Subwoofern und ordentlich Krawall und Remmidemmi. Bruce Wayne dürfte sich in Florenz an seinem Espresso verschlucken, angesichts der Bilder aus Metropolis, die über den Bildschirm flackern. Vom Charme des 1978er oder 2006er Films ist hier jedenfalls nichts mehr geblieben. Snyder präsentiert einen superernsten – und wohl gerade deswegen ziemlich lächerlichen – Action-Marathon, bei dem vielleicht nicht unbedingt weniger mehr gewesen wäre, aber zumindest mehr anderes anstatt immer dasselbe. Für das angekündigte Sequel schwant einem da also schon Böses.

4/10

4. Dezember 2009

Shotgun Stories

It’s not gambling. It’s a system.

Manchmal gewährt das Leben zweite Chancen. Und manchmal muss man diese zweiten Chancen forcieren. So wie Cleaman Hayes, ein Säufer und keineswegs ein Christ. Seine drei Söhne waren ihm stets egal, was man schon an ihrer simplen Namensgebung (Son, Boy, Kid) merkt. Den Rücken der Familie zugewendet findet Cleaman dann sein neues Glück. Erst den Weg zu Gott und weg vom Alkohol, dann in die Arme einer neuen Frau mit der er vier weitere Kinder hat. Diese kriegen dann richtige Namen. Der erstgeborene heißt Cleaman Jr., die weiteren Kinder erhalten biblische Namen. Klar, dass das gerade bei der verlassenen Frau und nun alleinerziehenden Mutter nicht besonders gut ankommt. “You made us hate those boys”, wirft Son (Michael Shannon) seiner Mutter vor, ist es doch ihr Hass auf den Ex-Mann und dessen neue Familie, den sie auf ihre drei Söhne projiziert. Aktiv wie passiv. Jeder lebt sein eigenes Leben, ironischerweise jedoch allesamt im verschlafenen England, Arkansas.

Dabei fällt der Apfel wohl nicht weit vom Stamm. Sons Spielsucht, die für diesen zwar keine ist (s. Zitat), führt zum Auszug seiner Freundin Annie (Glenda Pannell) und des gemeinsamen Sohnes aus seinem Haus. Sein kleiner Bruder Kid (Barlow Jacobs) schläft in einem Zelt im Garten, blickt einer Gehaltserhöhung von der Fischfarm entgegen, damit er seiner Freundin einen Verlobungsring kaufen kann. Boy (Douglas Ligon) wiederum lebt in seinem Van und trainiert gelegentlich drei Jugendliche auf einem verwahrlosten Basketballfeld. Kontakt pflegen die Brüder eigentlich nur zu sich selbst, gelten sie nach außen hin trotz des kleinen Städtchens als Mysterium. So trägt Son auf seinem Rücken Narben eines Schrottflintschusses, was seine Mitarbeiter zu Wetten anregt, wie er diesen Schuss abbekommen hat. Jeff Nichols setzt seine Shotgun Stories nun in Handlung, wenn Mutter Hayes eines Abends vor dem Haus von Son auftaucht, um den Söhnen mitzuteilen, dass ihr Vater gestorben sei. Wann die Beerdigung sei, fragt Son. Schau in die Zeitung, erwidert seine Mutter. “You going?”, will er wissen, offensichtlich unsicher, was die entsprechende Reaktion sein soll. Die Mutter verneint und entschwindet ins Dunkel.

Son, Boy und Kid entschließen sich zur Beerdigung zu gehen und es fallen harte, ehrliche Worte von Son. Bei ihren Halbbrüdern, allen voran Mark Hayes (Travis Smith), kommt das verständlicherweise nicht gut an. Die Situation schaukelt sich hoch, auch wenn Cleaman Jr. (Michael Abbott, Jr.) vorab versucht zu beschwichtigen. Son müsse aufpassen, erklärt er diesem durchaus freundschaftlich gesonnen, dass bei einem Zwist keinem seiner Brüder etwas passiere. Son kriegt dies jedoch in den falschen Hals und verkündet, sich Cleamans gesamter Familie anzunehmen, wenn einem seiner Brüder etwas geschehe. Mit zwei Sturköpfen auf beiden Seiten wie Son und Mark ist Ärger dann natürlich vorprogrammiert. Man spürt nun als Zuschauer, wie sich der Konflikt Stück für Stück erhitzt. Wenn die einen Hayes-Jungs agieren, folgt unabdingbar die Reaktion der anderen Hayes-Jungs. Dass das ganze jedoch nie gehetzt oder effekthascherisch wirkt – ähnlich wie zuletzt bei Revanche erwähnt -, zeichnet Shotgun Stories gegenüber anderen, gerade größeren Produktionen aus. Nichols präsentiert mit simpelsten Mitteln, wie man eine Spannungsschraube mehr und mehr andrehen kann. Dass man in diesem Konflikt ausschließlich an der Seite von Son, Boy und Kid wandelt, verdankt sich der Tatsache, dass Nichols dem Publikum einen größeren Blick auf Mark und Co. erspart.

Somit ist Nichols Film ein Werk der stillen Worte, in dem jedes Wort aber durchaus Gewicht besitzt. Das Ende wirkt gegenüber der restlichen Handlung jedoch etwas unerwartet und plötzlich, will dementsprechend nicht unbedingt gefallen, selbst wenn es irgendwie plausibel erscheint (im Kontext des Filmes). Getragen wird Shotgun Stories dabei eigentlich ausschließlich von Michael Shannon, dem Nichols die Rolle des Son auf den Leib geschrieben hat. Seine Figur führt zum Verständnis des Filmes und wahrscheinlich auch des Endes. Bezeichnend für Son beziehungsweise Shannons Spiel ist es, dass er nie die Stimme erheben muss, stets – wenn man so will – die Contenance behält und die meisten Emotionen durch seine Augen transferiert. Letztlich ist es bedauerlich, dass Nichols Film sowohl in den USA wie auch außerhalb relativ wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Ein intensiveres Drama hat man 2009 kaum gesehen.

8/10

12. Januar 2009

Revolutionary Road

We’re just like everyone else.

Es sind zwei entscheidende Szenen in Revolutionary Road [Zeiten des Aufruhrs], die verhältnismäßig kurz aufeinander folgen: Wenn Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) morgens zur Arbeit geht, ist er am Bahnhof ein Schaf. Einer von Vielen. Sie stürmen die Gänge entlang. Männer im Anzug, mit Krawatte und Hut. Die Gesichtsausdrücke leer, die Motivation im Prinzip nicht vorhanden. Einige Szenen später sieht man erneut diese Herde von Männern. Mit dem Unterschied, dass Frank nunmehr lächelnd abseits steht. Ein kurzes Hoch in einem Film, der nur von Tiefpunkten berichtet. Kennen Sie die Wheelers in der Revolutionary Road? Ein Vorzeige-Paar, gefangen in seinem aufgezwungenen Klischeebild. Oder anders gesagt: die Vorstadthölle.

Das Time Magazin wählte Richard Yates’ Roman Revolutionary Road vor rund drei Jahren zu den 100 besten englischsprachigen Romanen der neuesten Geschichte. Bereits 1961 wollte John Frankenheimer ihn ehe er sich für The Manchurian Candidate entschied. Nun, beinahe ein halbes Jahrhundert später, wird Yates’ Geschichte doch noch verfilmt – womöglich etwas zu spät, angesichts seiner Thematik. Nach Filmen wie Ang Lees The Ice Storm oder Todd Fields Little Children sowie Sam Mendes’ eigenem American Beauty sind dysfunktionale Ehen in Vorstädten nichts Neues. Man kommt also mitunter nicht umhin, während Revolutionary Road gelegentlich gedanklich abzuschweifen, ob der bereits bekannten Elemente dieser anderen Werke.

“You’re the most interesting person I’ve ever met”, erklärt April (Kate Winslet) 1948 ihrem Freund Frank. Auf einer Party hatten sich die ambitionierte Schauspielerin und der Kriegsveteran kennen gelernt. Beide lachen und philosophieren über Paris. Jene Stadt, der Frank seit dem Zweiten Weltkrieg verfallen ist und die er wieder besuchen möchte. Dort seien die Menschen noch frei, versichert er seiner Freundin. Doch es kommt alles anders als geplant. April wird schwanger und Frank nimmt einen Job in der alten Firma seines Vaters an. Er mag den Job nicht und es beschämt ihn, wie sein Vater geendet zu haben. Dies gesteht er an seinem 30. Geburtstag, einer Sekretärin seiner Firma, mit der er anschließend Sex hat.

Viel hat sich getan, seit die Wheelers vor sieben Jahren in ihr weißes Haus in der beschaulichen Revolutionary Road zogen. Auf das erste Kind folgte das zweite, auch um sich zu beweisen, dass das Älteste kein Unfall war. Übergang wurde Routine, die Ehe bröckelt als Folge in ihrem verflixten siebten Jahr. Ähnlich wie Aprils Theaterstück, das wir zu Beginn sehen. Emotionen schaukeln sich hoch, sie und Frank streiten sich auf der Heimfahrt, gehen tags darauf aber wieder zum Alltag über. Eine der vielen dysfunktionalen Szenen zwischen dem Paar, das in der Folge als letzten Ausweg eine Auswanderung nach Paris sieht. Sie will damit ihre Beziehung retten, er zu sich selbst finden. Bis April plötzlich erneut schwanger wird.

Glaubt man US-Dramen, muss das Leben in der Vorstadt grauenhaft sein. Auch, da Eltern darin zum eigenen Nachwuchs eine gestörte Beziehung unterhalten. Grundsätzlich unterscheidet die Ehe der Wheelers wenig von Hoods, Pierces oder Burnhams. Man lebt weitestgehend nebeneinander und nicht miteinander. Ob man immer alles tot diskutieren müsse, will April in einer Szene wissen, und findet später erst dann etwas Privatsphäre, als sie in den Wald flüchtet. Was genau schief gelaufen ist zwischen den netten Wheelers aus der Revolutionary Road kann man nur erahnen. Sicher ist jedenfalls, dass das Vorstadtleben wie ein goldener Käfig empfunden wird. Vielmehr noch von April, welche die eigentliche Hauptperson ist.

Eine unbeschwerte junge Frau wird schwanger und Anfang der 1950er in die Hausfrauenrolle gedrängt. Dass sie nach Paris will, um dort als Sekretärin alleine für ihre Familie zu sorgen, findet seine Begründung sicher weniger in ihrer Liebe zu Frank und dem Wunsch dessen Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Stattdessen geht es eher darum, dass April sich selbst endlich wieder lebendig fühlt, sich als individuell und nicht Teil einer Maschinerie wahrnimmt. Exemplarisch zu sehen, als sie nachts allein mit Shep (David Harbour), dem Kriegskameraden und besten Freund ihres Mannes, wie losgelöst tanzt. Für April bedeutet die dritte Schwangerschaft ein weiteres Gewicht an ihren Fußfesseln. Sie ist die Person, die eigentlich im Fokus steht.

Auch für Frank ist sein Leben ein goldener Käfig. Seine Arbeit macht er ungern und nur so gut, wie unbedingt notwendig. Von dem was er eigentlich verkauft, hat er keine Ahnung. Die zehn Stunden, die er täglich unterwegs verbringt, ehe er sich zu Hause noch ein paar Stunden gönnt, zehren an ihm. Die Idee, sich in Paris vor all den heimatlichen Verpflichtungen zu drücken, gefällt ihm daher sehr gut. Eine flapsige Bemerkung im Geschäft bringt den Wendepunkt herbei. Auf einmal wird Frank von seinen Vorgesetzten gelobt. Vielmehr noch, ihm steht sogar eine Beförderung ins Haus. Die pragmatische Seite von Frank kommt zum Vorschein. Mehr Geld und was ihm wichtiger erscheint, mehr Anerkennung, lassen die Arbeit weniger lästig erscheinen.

Regisseur Sam Mendes präsentiert in Revolutionary Road ein trostloses Bild von der Gesellschaft, die keine Bindung zu ihren Kindern hat. Immerhin bringen Helen Givings (Kathy Bates) und ihr Mann dem eigenen Sohn, John (Michael Shannon), noch Liebe entgegen. Der Mathematiker, kurz zuvor aus dem Sanatorium entlassen, behandelt seine Erzeuger dafür weniger glimpflich. Die Klimax der Ehrlichkeit erreicht der Film bei einem Treffen dieser beiden Familien, als John einen gnadenlosen Schlussstrich unter die Auswanderungspläne der Wheelers zieht. John gebiert sich dabei als Verrückter, der als einziger die Wahrheit zu erkennen scheint. Oder vielleicht muss man womöglich auch verrückt sein, um die Wahrheit zu erkennen?

An einigen Stellen wirkt die Musik von Thomas Newman recht nervig, fügt sich die meiste Zeit jedoch sehr stimmig mit den wunderbar ausgeleuchtete Bildern von Roger Deakins zusammen. Sam Mendes’ period piece fehlt wie bereits oben angerissen letztlich jedoch narrativ das Besondere, das ihn aus der Masse des Genres heraushebt. So ist er nicht unbedingt schlecht, aber dennoch ein wenig beliebig. Oscar-Preisträger Mendes versammelte für Revolutionary Road dabei erneut das Titanic-Trio um Leonardo DiCaprio, Kate Winslet und Kathy Bates. Während Letztere in der Rolle der verschüchterten Nachbarschaftsglucke richtig aufgeht, harmoniert es zwischen “Baby Face” DiCaprio und der Kette rauchenden Winslet nicht so wirklich.

Für das Ehepaar Winslet-Mendes ist die Prämisse kalter Kaffee, waren beide doch an den sehr ähnlichen Filmen American Beauty und Little Children beteiligt. DiCaprio hingegen passt einfach nicht so recht in die Rolle des 30-jährigen frustrierten Familienvaters, auch wenn er seine Momente hat, beispielsweise wenn Frank seinen Kindern apatisch beim Spielen zusieht. Nichtsdestotrotz ist Revolutionary Road ein über weite Strecken von seinen Darstellern getragenes Drama der bisweilen herausragenden Sorte. Allerdings leidet er unter einigen Längen, gelegentlichem Overacting von allen Beteiligten und der Tatsache, dass Richard Yates’ Geschichte irgendwie nicht so neu ist, wie Sam Mendes seinem Publikum weißmachen möchte.

7.5/10

16. April 2008

Before the Devil Knows You’re Dead

May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead.

Er zählt zu den Altmeistern, der gute Sidney Lumet, und ist mit seinen 84 Jahren auch bereits recht rüstig. Vor fünfzig Jahren beeindruckte er mit seinem ersten Kinofilm 12 Angry Men und lieferte die Vorlage für verschiedene Remakes unterschiedlicher Nationen. Seinen Ruf bekräftigte er die folgenden Jahrzehnte mit Werken wie Network, Dog Day Afternoon und Serpico. Doch in den letzten Jahren baute Lumet etwas ab, inszenierte Filme wie Gloria mit Sharon Stone oder Find Me Guilty mit Vin Diesel. An seinem Zenit angelangt schien der viermal für den Regie-Oscar nominierte Lumet, der im Jahr 2005 den Ehrenoscar der Academy erhielt. So kam es, dass er zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder für das Fernsehen inszenierte, das Medium, welches einst seine Karriere eingeleitet hatte.

In der Serie 100 Centre Street experimentierte er dann mit den neuen HD-Kameras, mit welchen er auch seinen aktuellen Film drehen sollte. Auf einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr hielt er dann zugleich eine Grabrede auf den 35mm-Film, bezeichnete die Arbeit mit diesem als „pain in the ass“ und sah das Ende des Zelluloid-Zeitalters gekommen, wenn sich Verleiher und Vorführer endlich auf ein Projektionsformat einigen könnten. In der Tat lässt sich Before the Devil Knows You’re Dead als Anknüpfung an die guten alten Zeiten des Regisseurs verstehen, auch wenn der Film nicht die Tiefe eines Angry Men oder Spannung von Serpico aufbauen kann, im Vergleich zu den Arbeiten seiner letzten 15 Jahre ist der Film dennoch eine positive Kehrtwendung. Diese Bestätigung wird weitläufig geteilt, die Kritiken sind meist sehr gut.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist relativ simpel und doch so vielschichtig, dass man fast nichts über sie sagen kann, wenn man nicht zu viel von dem Handlungsverlauf verraten möchte. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch soviel gemeinsam haben. Auf der einen Seite gibt es Andrew Hanson, Andy genannt und vom Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman wie man es von ihm gewöhnt ist glaubwürdig und solide porträtiert. Andy hat sich in seiner Bank nach oben gearbeitet, ist Anzugträger und besitzt Geld. So könnte man jedenfalls meinen, doch Andy hat ein teures Hobby: Heroin. In einem Edel-Loft trifft er sich mehrmals die Woche mit seinem Dealer und lässt sich einen Schuss verpassen - scheinbar das einzige, was ihm noch Lust bereitet.

Denn in seiner Ehe mit Gina, ebenfalls von einer Oscarpreisträgerin, Marisa Tomei, dargestellt, läuft es nicht mehr wie gehabt. Andy erzählt seiner Frau nicht nur weniger Dinge als früher, auch das Sexleben hat darunter zu leiden, daran konnte auch ein romantischer Urlaub in Rio de Janeiro nicht wirklich etwas ändern. Gina ist gefrustet, fühlt sich von ihrem Mann nicht mehr begehrt, die Ehe kriselt, auch wenn die erste Szene des Filmes diesen Eindruck verschleiert. Das Geld für seine Drogensucht hat Andy von der Arbeit abgezweigt, gerät jedoch in die Bredouille, als eine Steuerprüfung ins Haus steht. In kurzer Zeit braucht er möglichst viel Geld und kommt anschließend scheinbar nur zu einer Lösung, die letzten Endes eine Tragödie griechischen Ausmaßes initiieren wird.

Auf der anderen Seite gibt es Hank, Andys Bruder. Hank lebt geschieden von seiner Frau Martha, hier dargestellt von der letztjährigen Nebenrollenkönigin und oscarnominierten Amy Ryan. In Marthas Augen, auch in denen seines Bruders, ist Hank ein Loser, der finanziell knapp bei Kasse ist, seiner Ex-Frau drei Monate Unterhalt für die gemeinsame Tochter schuldet. Da sie ihr Geldmangel eint, weiht Andy seinen Bruder in den großen Plan ein, wahrscheinlich nur, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen. Er schiebt eine fadenscheinige Ausrede vor und schickt Hank, um den gemeinsamen Plan auszuführen. Hierbei handelt es sich um einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Jedoch nicht irgendein Juweliergeschäft, sondern das Geschäft von Hank und Andys Eltern Nanette und Charles (Albert Finney).

Ethan Hawke gelingt es großartig Hanks Unsicherheit und Naivität einzufangen, sodass er selbst Hoffman in den gemeinsamen Szenen gelegentlich überstrahlt und fraglos eine seiner stärksten Karriereleistungen abliefert. Hank fühlt sich sichtlich unwohl bei dem Gedanken das elterliche Geschäft zu überfallen, weswegen er auch den Kleinkriminellen Bobby aufsucht und um Unterstützung bittet. Es wird schließlich auch Bobby sein, welcher den Überfall aktiv ausführt, während Hank im Wagen wartet und sich zu „Schwuchtel“-Musik - wie es Bobby lapidar bezeichnet - versucht zu beruhigen. Doch wider Erwarten geht der geplante Coup schief und löst eine Welle von Ereignissen aus, die am Ende das Leben aller Beteiligten für immer Umkrempeln wird.

Das Drehbuch zu Before the Devil Knows You’re Dead wartete ganze acht Jahre auf seine Verfilmung und entstammt dem Theaterautoren Kelly Masterson. Dieser machte einst eine ungewöhnliche Wandlung durch, war er früher Franziskaner Bruder, der sich kurz vor der Weihe dann doch noch für das Theater entschied. Der Titel zum Film entstammt dem oben angeführten Zitat, welches seinem Ursprung her ein irischer Trinkspruch ist. Lumet inszeniert Mastersons Skript über die meiste Zeit in einem äußerst ruhigen Erzähltempo, durchzogen von verschiedenen Zeitsprüngen, dabei die Geschichte aus dem Blickwinkel von Hank, Andy und ihrem Vater Charles erzählend. Stück für Stück erhält man Einblicke in die Leben dieser drei Männer und in ihre Beziehung zueinander, manche Szenen werden hierbei von Lumet gänzlich ohne musikalische Untermalung unterlegt.

Es ist eine Familientragödie, die erzählt wird, daran besteht kein Zweifel und es erklärt auch, wieso auf die polizeiliche Komponente kein Wert gelegt wird. Trotz des ruhigen Tons baut der Film unterschwellig eine hohe Spannung auf, steuert auf die finale Konfrontation hin, getragen von den Veränderungen in den beiden Hauptcharakteren von Finney und Hoffman. Hier findet sich das Problem, von Lumets gut gemachtem Thriller, denn gerade diese beiden Figuren entwickeln sich am Schluss in eine Richtung, die nicht wirklich nachvollziehbar ist, im Gegenteil sogar in den Momenten zuvor nicht verständlich vorbereitet wurde. Das Ende ist dabei äußerst unsäglich geraten und zieht den guten Film dann etwas runter. Ganz an die alte Klasse vermag Lumet also leider nicht anzuknüpfen.

6/10