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27. August 2016

Bakemono no Ko [Der Junge und das Biest]

Too slow.

Zwar heißt es, das Leben ist die beste Schule, dennoch geht wohl nichts über eine Erziehung durch die Eltern, um ein Kind auf den Alltag vorzubereiten. Insofern ist es nicht ungewöhnlich, dass in Geschichten oft die Kinder verloren wirken, die als Waisen aufwachsen. Sei es Harry Potter in J.K. Rowlings Romanreihe oder die kleine Anna vergangenes Jahr in Yonebayashi Hiromasas Ghibli-Film Omoide no Mānī. Auch Ren (Miyazaki Aoi), die Hauptfigur in Hosoda Mamorus jüngstem Film Bakemono no Ko – bei uns: Der Junge und das Biest –, ist zu Beginn der Geschichte auf sich allein gestellt. Etwas, das nicht nur auf ihn zutrifft, egal ob die anderen Charaktere über Eltern verfügen oder auch wie Ren selbst zurecht kommen müssen.

Eingeleitet wird Bakemono no Ko mit dem Unfalltod von Rens Mutter. Der Neunjährige soll nun als Stammhalter seiner Familie bei Verwandten aufgezogen werden, denn seit sich die Mutter von Rens Vater scheiden ließ, sei dieser „nur noch ein Fremder“ für den Jungen. Überwältigt von seinen Gefühlen nimmt Ren Reißaus – und trifft in einem Tokioter Stadtteil plötzlich auf das Tiermonster Kumatetsu (Yakusho Kōji). Der humanoide Bär sucht einen Schüler, will er doch in seinem Tierreich Jutengai den dort abtretenden Großmeister beerben. Hierzu muss es der heißspornige Kumatetsu aber zuvor noch mit seinem direkten Konkurrenten Iōzen (Yamaji Kazuhiro) aufnehmen und diesen in einem Zweikampf in seine Schranken weisen.

Geht es nach Kumatetsus Kumpel, will dieser sich mehr mit dem populären Iōzen messen als wirklich Großmeister von Jutengai zu werden. Für das Tiermonster wird die Schülerschaft Rens dennoch bald zum Prinzip. Aufgrund seines Alters wird der Lehrling kurzerhand in Kyūta umgetauft, doch die ersten Ausbildungsmaßnahmen scheitern an der Sturheit beider Figuren. „Wer selbst noch unreif ist, kann unmöglich jemanden erziehen“, urteilt Iōzen, selbst Vater zweier Söhne. In der Folge müssen Kumatetsu und Kyūta lernen, Verantwortung füreinander zu entwickeln. Der Neunjährige, indem er seinen Pflichten im Haushalt nachkommt, das Tiermonster dadurch, dass es mit Geduld und Nachsicht dem Menschenkind sein Können beibringt.

Offensichtlich ist, dass Lehrer und Schüler Seiten einer Medaille sind. „Er nimmt keinen Rat an, kann aber selbst auch keinen erteilen“, beschreibt eine Figur die Krux in Kumatetsus Verhalten. Der hatte wiederum nie einen Lehrmeister, sondern brachte sich seine Kenntnisse im Kendo als Autodidakt selbst bei. Ähnlich wird es Kyūta handhaben, nachdem die Lehrbemühungen von Kumatetsu im Sand verlaufen. Bakemono no Ko erzählt somit eine Coming of Age-Geschichte im doppelten Sinne, an deren Ende sich Kumatetsu wie Kyūta gleichermaßen durch ihre Beziehung weiterentwickelt haben. Indem aus zwei ursprünglichen Einzelgängern vielleicht keine Teamplayer werden, aber Personen, die am allgemeinen Leben teilnehmen.

Über das Element des Fantasy-Abenteuers hinaus greift Hosoda in einem Subplot aber auch auf die Realität zurück. Der Film thematisiert die in Menschen vorherrschende Dunkelheit in ihrem Herzen als potentielle Gefahr für Jutengai und das Tiermonsterreich. Und in der Tat kristallisiert sich diese Dunkelheit als Ausdruck von Einsamkeit, Verlorenheit und Unverständnis im Verlauf der Geschichte als eigentlicher Antagonist heraus. Und führt im finalen Akt, der wieder in den Straßen Tokios stattfindet, beinahe schon zur leichten Sozial-Allegorie auf die immer häufiger auftretenden Vorfälle von Amokläufen und Anschlägen durch junge Männer, wie sie dieses Jahr in München oder Nizza bereits mehrfach die Gesellschaft erschüttert haben.

Wer nicht vermag, die Leere in seinem Herzen zu füllen, wird ihr letztlich erliegen. Und seine Umwelt durch seinen Hass und Jähzorn ins Unglück stürzen. Aufgrund seines Produktionsjahres – der Film lief bereits vergangenes Jahr in seiner Heimat – greift Bakemono no Ko wenn überhaupt auf die Gegenwart voraus. So lässt sich die Terrorgefahr eher in den Film lesen als aus diesem heraus. Die ursprüngliche Botschaft von Hosoda mag da also womöglich eher lauten: Freunde dich mit deinem inneren (Tier-)Monster an. Insofern man Kumatetsu „nur“ als Erweiterung von Kyūtas eigener Persönlichkeit lesen mag. Also nicht unähnlich der Interpretation von Where the Wild Things Are durch Spike Jonze aus dem Jahr 2009.

Hosoda versteht es dabei wie schon in seinen Vorgängern geschickt, gerade zum Ende der Geschichte die Emotionalitätsschraube enger zu ziehen. Selbst wenn seinem jüngsten Film in dessen Klimax die erzählerische Dringlichkeit eines Samā Wōzu ebenso abgeht wie die emotionale Ergriffenheit aus Ōkami Kodomo no Ame to Yuki und allen voran seines Meisterwerks Toki o Kakeru Shōjo. Ansonsten fühlt sich Bakemono no Ko jedoch durchweg an wie ein klassischer Hosoda, vom Zeichenstil (Kyūta erinnert visuell unweigerlich an Samā Wōzus Kenji und Wabisuke oder Ame aus Ōkami Kodomo no Ame to Yuki und mit Abstrichen Chiaki aus Toki o Kakeru Shōjo) über die Musik von Masakatsu Takagi bis hin zu den humorvollen Auflockerungen.

Auch mit seinem jüngsten Werk enttäuscht Hosoda nicht – kein Wunder, dass er für dieses wie für die drei Vorgänger den Japanese Academy Award für den besten Animationsfilm erhielt. Gleichzeitig avancierte Bakemono no Ko zum erfolgreichsten japanischen Film von 2015 in seiner Heimat, wo er in den Jahrescharts am Ende auf Platz 4 landete. Beibringen muss man Hosoda-san also definitiv nichts mehr – im Gegensatz zu Kyūta, der in einem, wieder leicht an Ōkami Kodomo no Ame to Yuki erinnernden, Subplot durch das ausgegrenzte Mädchen Kaede (Hirose Suzu, Umimachi Diary) den Spaß von Bildung kennenlernt. Denn wie sagte schon der Philosoph John Dewey: “Education is not preparation for life, education is life itself.”

8/10

6. Februar 2016

Ōkami Kodomo no Ame to Yuki

Pinky promise, promise kept.

Ein Kind ist eine Herausforderung für sich für ein (junges) Elternpaar. Von zwei Kindern ganz zu schweigen. Und wenn dann auch noch der Vater das Bild verlässt, kann die Erziehung des Nachwuchses eine alleinerziehende Mutter schnell an ihre Grenzen bringen. Mit Ōkami Kodomo no Ame to Yuki (in Deutschland als Ame & Yuki – Die Wolfskinder vertrieben) erzählt Regisseur Hosoda Mamoru eine solche Geschichte einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder als Märchen. Ein streckenweise berührendes Schauspiel, dass sich im weiteren Verlauf zu einem Stück über Selbstfindung entwickelt. Selbst wenn Hosoda-san mit dem Film nicht ganz die Klasse seiner Vorgänger Samā Wōzu und vor allem Toki o Kakeru Shōjo erreicht.

Im Fokus der ersten Hälfte von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki steht Hana (Aoi Miyazaki), die an der Universität die Bekanntschaft eines jungen Mannes (Takao Osawa) macht, aus der sich eine Liebesbeziehung entwickelt. Auch sein Geständnis, dass er halb Mensch und halb Wolf ist, weiß Hana nicht zu erschüttern. So zieht das junge Paar zusammen und hat alsbald in Yuki und Ame zwei kleine Kinder. Bis deren Vater eines Tages in Wolfsgestalt bei einem Verkehrsunfall stirbt. Mit den Jahren wird Hana nicht nur mit der Erziehung von Yuki und Ame an ihre Grenzen gebracht, sondern auch mit der Befürchtung, ihr Status als Wolfskinder könnte den Kleinen zum Verhängnis werden. Ein Umzug von der Stadt aufs Land soll ihnen Sicherheit bringen.

Dort verfügen Yuki (Momoka Ono) und Ame (Amon Kabe) über genügend Freiraum, um ihre noch unkontrollierte Transformation zwischen Mensch und Wolf ausleben zu können. Und zugleich über einen Bezug zur Natur, der für sie entscheidend sein könnte. Denn wie ihnen Hana bereits in frühen Jahren aufzeigte, müssen die Geschwister im Laufe der Zeit entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen: als Mensch oder als Wolf. Ein Aspekt, der nach einem Zeitsprung im zweiten Teil von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki an Bedeutung gewinnt. Während Yuki (Kuroki Haru), einst die Naturverbundenere der beiden, nun den Anschluss in der Schule sucht, orientiert sich der vormals zögerliche Ame (Yukito Nishii) verstärkt in den Wald und ins Tierreich.

In seiner ungewöhnlichen Struktur bietet Hosoda Aspekte für jeden Zuschauer. Von den ganz Kleinen über Heranwachsende bis hin zu ihren Eltern. Nicht wenige von ihnen dürften sich in der Darstellung von Hanas Erziehung wiederfinden. Die ausgelaugte Müdigkeit, wenn man nachts mal wieder aufstehen und schreiende Kinder beruhigen muss. Oder auf diese ein stetes Auge haben, ehe sie die Wohnung in ein Schlachtfeld verwandeln und sich dabei selbst verletzen. Hana meistert ihre Aufgaben mit Bravur, ihr eigenes Wohlbefinden und Leben hinten anstellend. Fortan lebt sie nur noch für ihre Kinder und damit letztlich durch ihre Kinder. Eine so erwachsene wie authentische Darstellung, die man in Animationsfilmen nur selten sieht.

Speziell im dritten Akt rückt Hana dann etwas in den Hintergrund, wenn Yuki und Ame nun im schulpflichtigen Alter sich mehr in die Gesellschaft eingliedern müssen. Was seiner Schwester – wie so vieles – weitaus leichter gelingt, will beim introvertierten Ame weniger gut funktionieren. Er hadert mit der Dualität seiner Herkunft und ist insbesondere irritiert, welchen Platz er für sich finden soll. “Why is the wolf always the bad guy?”, fragt er an einer Stelle seine Mutter, basierend auf dem Rollenbild des Wolfes in menschlichen Erzählungen. Sowohl er als auch Yuki müssen sich im Verlauf der Geschichte für eine Seite ihrer Abstammung entscheiden und sich infolgedessen selbst finden. Was der Film aber nur bedingt hervorhebt.

In das Innenleben der Kinder respektive Jugendlichen erhält der Zuschauer kaum Einblicke. Wieso sich Ame für die Natur und Yuki für die Gesellschaft entscheidet, mag sich durch ihre Extro- und seine Introvertiertheit erklären. Dennoch wäre eine stärkere Auseinandersetzung begrüßenswert gewesen, um den Reifeprozess zu untermauern. Stattdessen inszeniert Hosoda-san im Finale des Films ein Unwetter, das hochdramatisiert, aber nicht unterfüttert wird. Es dient nur dem Zweck, etwas Spannung in zwei verschiedene Settings zu bekommen, wenn Ame plötzlich in den Wald aufbricht, woraufhin ihm Hana folgt. Während sich Yuki gegenüber Mitschüler Sōhei (Takuma Hiraoka) in ähnlicher Weise offenbart, wie ihr Vater einst ihrer Mutter.

Obschon in seiner Umsetzung teils etwas ärgerlich naiv – Ames Flucht in den Wald dient letztlich keiner konkreten Konfliktlösung, sondern beschwört eher einen herauf, während Yuki und Sōhei tatsächlich sinnieren, ob sie den Rest ihres Lebens in der verlassenen Schule bleiben müssen –, gelingt es Hosoda aber auch hier wieder, sein Finale auf einer hochemotionalen Note enden zu lassen (“I'm not crying, these are drops of rain”, sagt Yuki passenderweise). Selbst wenn die Schlussszene, in der Hana schließlich völlig sich selbst überlassen wird, zumindest für mich weniger einen warmen als einen betrübenden Charakter hat. Nun, mit den Kindern, denen sie ihr Leben widmete, aus dem Haus, was bleibt da noch von und für Hana?

Aber so ist eben das Schicksal von Eltern, welche die Schlussszene sicherlich etwas zufriedener einschätzen würden als ein Single wie ich. Und auch wenn Ōkami Kodomo no Ame to Yuki mit zwei Stunden etwas zu langatmig geraten ist und mich der Schlussakt nicht vollends narrativ überzeugen mag, ist die emotionale Stärke des Films – nicht zuletzt dank Takagi Masakatsus stimmiger Musik – gemeinsam mit seinen erwachsenen und zugleich jugendlichen Themen hinreichend genug. Insofern unterstreicht Hosoda Mamoru seine Stellung als legitimer Anime-Nachfolger Japans nach Miyazaki-sans Rente und stimmt hoffnungsvoll für eine diesjährige Veröffentlichung seines eigenen, jüngsten Film-Kindes in den Kinos: Bakemono no ko.

7.5/10