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3. Mai 2019

Mirai no Mirai [Mirai]

All passengers, board now

Teilen ist nicht zwingend etwas, das Kinder gerne tun. Schon gar nicht, wenn es um die Aufmerksamkeit und Fürsorge ihrer Eltern geht. Kommt ein Geschwisterchen ins Haus, spielt man selbst plötzlich nur noch die zweite Geige. Diese Erfahrung muss auch der 4 Jahre alte Kun (Kamishiraishi Moka) in Hosoda Mamorus Mirai no Mirai – bei uns abgekürzt zu Mirai – machen. Ist die Faszination mit seiner neugeborenen Schwester Mirai eingangs noch relativ groß, lässt diese spätestens dann nach, als sich das Baby nicht gerade als Spielkamerad entpuppt und gleichzeitig auch noch die Aufmerksamkeit ihrer Eltern für sich beansprucht. Ein Ärger, der sich im Verlauf dann wiederholt beginnt, in physischer Gewalt gegen Mirai niederzuschlagen.

“You have to protect her, no matter what”, instruierte zwar Mutter Yumi (Aso Kumiko) direkt bei ihrer Heimkehr. Doch vergebens. Er habe nie zugestimmt, ein großer Bruder zu sein, lamentiert Kun mehrfach. Und hat damit nicht Unrecht. Die Rolle wird ihm auferlegt, ob es ihm passt oder nicht. Es ist ein Lied, das er aber nicht alleine singen muss. “I know exactly what you’re feeling right now”, versichert ihm später Familienhund Yukko (Yoshihara Mitzuo), als er menschliche Gestalt annimmt. Wie im Filmvorspann zu sehen, gebührte ihm einst die ganze Liebe von Yumi und ihrem Mann (Hoshino Gen) – bis ihm mit Kuns Geburt ein Konkurrent erwuchs. Für Kun gilt es in Mirai no Mirai fortan, Empathie zu entwickeln und (erste) Reife zu erlangen.

Nach jedem Wut- oder Frustanfall entwickelt der Familienbaum im Vorgarten magische Kräfte. Diese lassen Yukko menschliche Form annehmen, bringen eine jugendliche Version von Mirai (Kuroki Haru) aus der Zukunft in die Gegenwart oder transportieren Kun selbst wiederum in die Vergangenheit. Dort trifft er auf Yumi, als sie in Kuns Alter war, oder auf seinen jüngst verstorbenen Urgroßvater (Fukuyama Masaharu). Jedes Aufeinandertreffen hält eine Lektion für den 4-Jährigen bereit, die vom besseren Verständnis für seine Mutter bis hin zu sich selbst reicht. Und dabei Momente liefert, die (s)ein Leben beeinflussen – oder wie Mirai ihrem großen Bruder später sagt: “These little things all come together to make up who we are today.”

Entgegen dem, was das Poster oder der Einstieg über Mirai no Mirai suggerieren mag, entwickelt sich der Film weniger zum Fantasy-Abenteuer, das Kun über das ältere Pendant seiner Schwester mit ihrer jüngeren Version versöhnen soll. Vielmehr zeichnet Hosoda, der sich von der Reaktion seines eigenen Sohnes auf die Geburt seiner Schwester inspirieren ließ, einen authentischen Lebensentwurf eines 4-Jährigen, der sich im Wandel befindet. Und in welchem nicht alles auf Anhieb klappt, sei es der erste Tritt ins Fahrrad ohne Stützräder oder die geschwisterliche Bindung. Obschon der Film ihren Namen trägt, dreht sich Mirai no Mirai eher darum, wie sich Mirais Anwesenheit auf ihre Familie auswirkt – sowohl auf Kun als auch ihre Eltern.

Es sind Elemente, die Hosoda bereits in Ōkami Kodomo no Ame to Yuki anriss, sei es der Schlafmangel frischgebackener Eltern oder das durch die Kinder verursachte Chaos zuhause. Eine besondere Note entwickelt Mirai no Mirai dabei, indem Yumi nach kurzer Elternzeit wieder ihrem Beruf nachgeht, während ihr Mann als freischaffender Architekt von zuhause arbeitet und – zum Widerwillen von Kun – auf die Kinder aufpasst. Damit avanciert er in gewisser Weise zu einer Art 3. Kind, muss Yumi ihm doch erst „beibringen“, was ihn im Haushalt alles erwartet und wie er es umzusetzen hat. Indem Hosoda die erwachsene Yumi mit ihrem 4-jährigen Ich spiegelt, unterstreicht er auch den Kreislauf, dass wir alle selbst wie unsere Eltern werden.

Wo Yumi als Kind ebenso das Spielzeug zuhause rumfahren ließ und dafür von ihrer Mutter (Miyazaki Yoshiko) schwer gerügt wurde, sind die Rollen in der Gegenwart gegenüber Kuns Eisenbahn-Modellen im Wohnzimmer dann vertauscht, die Reaktion jedoch identisch. Gute Eltern wollen Yumi und ihr Mann sein, nur ein Patentrezept gibt es dafür nicht. “Raising kids is all about good intentions”, bestärkt Yumi ihre Mutter. Die Geduld und das Verständnis der Erwachsenen gehen Kun natürlich in seinen jungen Jahren noch ab. “I know I’m not that cute anymore”, gibt er sich scheinbar irgendwann im Zuneigungswettbewerb mit Mirai geschlagen, ergreift dann aber dennoch im Schlussakt als finaler Strohhalm für elterliche Aufmerksamkeit die Flucht.

Hosoda hätte es sich leicht machen können, indem er Kun im Verbund mit der älteren Version Mirais ein Abenteuer über Zeit und Raum erleben lässt. Nicht unähnlich seinem Meisterwerk Toki o Kakeru Shōjo. Womöglich wäre Mirai no Mirai mit einer etwas stringenteren Handlung erzählerisch noch runder geworden, ohne deswegen seine familiären emotionalen Momente einzubüßen. Schließlich schaffte Hosoda es auch, diese in den erwähnten Werken sowie Samā Wōzu und Bakemono no Ko einzubauen. Insofern ähnelt sein jüngster Film eher Edward Yangs Yi Yi, wenn der Regisseur verschiedene Momente dieses Familienlebens durch die Augen des kleinen Kun reflektiert, lose zusammengehalten von der ihn treibenden Eifersucht gegenüber Mirai.

Hinsichtlich seiner Animation fügt sich Mirai no Mirai gut an die bisherigen Arbeiten von Hosodas Studio Chizu an, ist allerdings weniger farbenfroh und verspielt als ein Samā Wōzu und Bakemono no Ko. Schön anzusehen sind die Luftbilder auf den Handlungsort Yokohama, welche die Stadt in den verschiedenen Zeitepochen, die Kun im Verlauf besucht, präsentiert. Ungewöhnlich ist auch das Haus von Kuns Familie, das sich eher westlich als japanisch orientiert und mit Beton sowie Glas arbeitet (“I will never get used to these modern homes”, meint Yumis Mutter in der Eröffnungsszene). Und hilfreich zur Vermittlung der emotionalen Botschaft ist auch hier wieder die schön gefühlvolle musikalische Untermalung von Takagi Masakatsu.

Letztlich ist Mirai no Mirai ein sehr persönlicher Film – nicht nur weil er von Hosodas eigenen Kindern inspiriert ist, sondern weil sich seine Handlung ausschließlich auf Kuns Familie und ihr Haus beschränkt. Der 4-Jährige ist dabei eine nachvollziehbare, wenn auch vielleicht nicht unbedingt vollends sympathische Identifikationsfigur (eine Meinung, die sein jugendliches Alter Ego teilt). Im Verbund mit dem Einblick in Yumis Jugend zeigt Hosoda aber durchaus, dass dies nicht außer-, sondern gewöhnlich ist. Auch viele Zuschauer dürften sich erinnern, wie sie womöglich mal Reißaus genommen oder einen Anfall gekriegt haben. Indem Hosoda diese Erfahrung seiner Kindern teilt, führt er uns auf eine Reise in unsere eigene Vergangenheit.

7/10

6. Februar 2016

Ōkami Kodomo no Ame to Yuki

Pinky promise, promise kept.

Ein Kind ist eine Herausforderung für sich für ein (junges) Elternpaar. Von zwei Kindern ganz zu schweigen. Und wenn dann auch noch der Vater das Bild verlässt, kann die Erziehung des Nachwuchses eine alleinerziehende Mutter schnell an ihre Grenzen bringen. Mit Ōkami Kodomo no Ame to Yuki (in Deutschland als Ame & Yuki – Die Wolfskinder vertrieben) erzählt Regisseur Hosoda Mamoru eine solche Geschichte einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder als Märchen. Ein streckenweise berührendes Schauspiel, dass sich im weiteren Verlauf zu einem Stück über Selbstfindung entwickelt. Selbst wenn Hosoda-san mit dem Film nicht ganz die Klasse seiner Vorgänger Samā Wōzu und vor allem Toki o Kakeru Shōjo erreicht.

Im Fokus der ersten Hälfte von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki steht Hana (Aoi Miyazaki), die an der Universität die Bekanntschaft eines jungen Mannes (Takao Osawa) macht, aus der sich eine Liebesbeziehung entwickelt. Auch sein Geständnis, dass er halb Mensch und halb Wolf ist, weiß Hana nicht zu erschüttern. So zieht das junge Paar zusammen und hat alsbald in Yuki und Ame zwei kleine Kinder. Bis deren Vater eines Tages in Wolfsgestalt bei einem Verkehrsunfall stirbt. Mit den Jahren wird Hana nicht nur mit der Erziehung von Yuki und Ame an ihre Grenzen gebracht, sondern auch mit der Befürchtung, ihr Status als Wolfskinder könnte den Kleinen zum Verhängnis werden. Ein Umzug von der Stadt aufs Land soll ihnen Sicherheit bringen.

Dort verfügen Yuki (Momoka Ono) und Ame (Amon Kabe) über genügend Freiraum, um ihre noch unkontrollierte Transformation zwischen Mensch und Wolf ausleben zu können. Und zugleich über einen Bezug zur Natur, der für sie entscheidend sein könnte. Denn wie ihnen Hana bereits in frühen Jahren aufzeigte, müssen die Geschwister im Laufe der Zeit entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen: als Mensch oder als Wolf. Ein Aspekt, der nach einem Zeitsprung im zweiten Teil von Ōkami Kodomo no Ame to Yuki an Bedeutung gewinnt. Während Yuki (Kuroki Haru), einst die Naturverbundenere der beiden, nun den Anschluss in der Schule sucht, orientiert sich der vormals zögerliche Ame (Yukito Nishii) verstärkt in den Wald und ins Tierreich.

In seiner ungewöhnlichen Struktur bietet Hosoda Aspekte für jeden Zuschauer. Von den ganz Kleinen über Heranwachsende bis hin zu ihren Eltern. Nicht wenige von ihnen dürften sich in der Darstellung von Hanas Erziehung wiederfinden. Die ausgelaugte Müdigkeit, wenn man nachts mal wieder aufstehen und schreiende Kinder beruhigen muss. Oder auf diese ein stetes Auge haben, ehe sie die Wohnung in ein Schlachtfeld verwandeln und sich dabei selbst verletzen. Hana meistert ihre Aufgaben mit Bravur, ihr eigenes Wohlbefinden und Leben hinten anstellend. Fortan lebt sie nur noch für ihre Kinder und damit letztlich durch ihre Kinder. Eine so erwachsene wie authentische Darstellung, die man in Animationsfilmen nur selten sieht.

Speziell im dritten Akt rückt Hana dann etwas in den Hintergrund, wenn Yuki und Ame nun im schulpflichtigen Alter sich mehr in die Gesellschaft eingliedern müssen. Was seiner Schwester – wie so vieles – weitaus leichter gelingt, will beim introvertierten Ame weniger gut funktionieren. Er hadert mit der Dualität seiner Herkunft und ist insbesondere irritiert, welchen Platz er für sich finden soll. “Why is the wolf always the bad guy?”, fragt er an einer Stelle seine Mutter, basierend auf dem Rollenbild des Wolfes in menschlichen Erzählungen. Sowohl er als auch Yuki müssen sich im Verlauf der Geschichte für eine Seite ihrer Abstammung entscheiden und sich infolgedessen selbst finden. Was der Film aber nur bedingt hervorhebt.

In das Innenleben der Kinder respektive Jugendlichen erhält der Zuschauer kaum Einblicke. Wieso sich Ame für die Natur und Yuki für die Gesellschaft entscheidet, mag sich durch ihre Extro- und seine Introvertiertheit erklären. Dennoch wäre eine stärkere Auseinandersetzung begrüßenswert gewesen, um den Reifeprozess zu untermauern. Stattdessen inszeniert Hosoda-san im Finale des Films ein Unwetter, das hochdramatisiert, aber nicht unterfüttert wird. Es dient nur dem Zweck, etwas Spannung in zwei verschiedene Settings zu bekommen, wenn Ame plötzlich in den Wald aufbricht, woraufhin ihm Hana folgt. Während sich Yuki gegenüber Mitschüler Sōhei (Takuma Hiraoka) in ähnlicher Weise offenbart, wie ihr Vater einst ihrer Mutter.

Obschon in seiner Umsetzung teils etwas ärgerlich naiv – Ames Flucht in den Wald dient letztlich keiner konkreten Konfliktlösung, sondern beschwört eher einen herauf, während Yuki und Sōhei tatsächlich sinnieren, ob sie den Rest ihres Lebens in der verlassenen Schule bleiben müssen –, gelingt es Hosoda aber auch hier wieder, sein Finale auf einer hochemotionalen Note enden zu lassen (“I'm not crying, these are drops of rain”, sagt Yuki passenderweise). Selbst wenn die Schlussszene, in der Hana schließlich völlig sich selbst überlassen wird, zumindest für mich weniger einen warmen als einen betrübenden Charakter hat. Nun, mit den Kindern, denen sie ihr Leben widmete, aus dem Haus, was bleibt da noch von und für Hana?

Aber so ist eben das Schicksal von Eltern, welche die Schlussszene sicherlich etwas zufriedener einschätzen würden als ein Single wie ich. Und auch wenn Ōkami Kodomo no Ame to Yuki mit zwei Stunden etwas zu langatmig geraten ist und mich der Schlussakt nicht vollends narrativ überzeugen mag, ist die emotionale Stärke des Films – nicht zuletzt dank Takagi Masakatsus stimmiger Musik – gemeinsam mit seinen erwachsenen und zugleich jugendlichen Themen hinreichend genug. Insofern unterstreicht Hosoda Mamoru seine Stellung als legitimer Anime-Nachfolger Japans nach Miyazaki-sans Rente und stimmt hoffnungsvoll für eine diesjährige Veröffentlichung seines eigenen, jüngsten Film-Kindes in den Kinos: Bakemono no ko.

7.5/10