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6. Juli 2015

Manhunter vs. Red Dragon

Sowas nennt man dann wohl Liebe auf den zweiten Blick. Bereits 1986 war Thomas Harris’ Roman Red Dragon in einen Spielfilm adaptiert worden. Michael Manns Manhunter war hingegen nicht gerade ein Kassenknüller, selbst wenn er positive Besprechungen erhielt. Nachdem aber sowohl The Silence of the Lambs – sogar mehrfach Oscarprämiert – und Hannibal, die beiden Filmadaptionen von Harris’ Folgeromanen beim Publikum Anklang fanden und zusammen über 600 Millionen Dolar einspielten, muhte die Cash Cow auf Hollywoods grüner Wiese. Und so machte sich Brett Ratner daran, Red Dragon erneut zu melken. Die Story ist dabei natürlich dieselbe, obschon der charakterliche Aufbau für die 2002er Version geändert wurde.

Der Fokus wurde stärker auf Anthony Hopkins’ Dr. Hannibal Lecter gelegt, jener Figur, die Harris’ vierteiliger Romanreihe ihren Anker schenken sollte. Entsprechend wurde Hopkins auch auf den Postern zum Film prominent ins Licht gerückt – obschon innerhalb der Handlung von Red Dragon lediglich eine Nebenfigur. Der Erfolg des Remakes – oder Reimaginings – hielt sich vor 13 Jahren in Grenzen. Zweifelsohne finanziell einträglicher als Manhunter 16 Jahre zuvor, lief Red Dragon in den USA seinerzeit Filmen wie Santa Clause 2 oder Manhattan Love Story hinterher. Anlass genug, für eine neue Runde „Versus“ hier im Blog: Michael Manns Manhunter oder Brett Ratners Red Dragon, welcher der beiden Filme funktioniert für sich genommen besser?

The Detective

Bei Michael Mann ist Will Graham eine von ihrer Vergangenheit gezeichnete Figur. Rauchend und trinkend muss sie zu Beginn dazu überredet werden, nochmals für einen letzten Fall zurückzukehren in jene Welt, die sie fast das Leben gekostet hat. Ungekämmt, mit Drei-Tage-Bart und dem Kleidungsstil eines wahren Geschmacks-Legasthenikers – türkisfarbene Krawatte zu Bordeauxhemd mit schwarzem Jackett – ist dieser Will Graham im Grunde fertig mit sich und mit der Welt. Entsprechend verstörend geraten jene Szenen, in denen William Petersens Figur mit sich selbst als Platzhalter für den Serienmörder spricht (“It’s just you and me now, sport”). Dieser Graham ist quasi ein ermittelndes Opfer. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 65%

Durch die Besetzung mit Edward Norton automatisch bubenhafter kommt derweil Brett Ratners Ermittler daher. Gerne in Nahaufnahme eingefangen wirkt dieser Graham weitaus sauberer – sowohl innerlich wie äußerlich. Was in der Natur der Sache liegt, ist er doch hier nur zweite Geige für Hopkins’ Kannibalen, den er – man sollte es nicht glauben – im Intro zu Beginn anhand eines Kochbuchs überführt. Eine Figur als Mittel zum Zweck, ohne echtes Profil. Da passt es, dass er im Finale nicht zu Hilfe eilen darf, sondern vielmehr seine eigene, an Cape Fear anmutende, Klimax erhält. Die Selbstgespräche wirken weniger peinlich als beim Kollegen – aber vielleicht nur, weil man sie gewohnt ist. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 35%

The Serial Killer

Es dauert 75 Minuten, ehe der Zuschauer erstmals Francis Dolarhyde zu Gesicht kriegt, jenen Familienkiller, der sich als Tooth Fairy einen Namen macht. Tom Noonan gibt einen einsam wirkenden Soziopathen, der per se schon spinnert genug wirkt, auch ohne Netzmaske über dem Gesicht. Und wäre dieser eklige Faktor Eifersucht nicht, könnte man fast glauben, der Figur stünde eine Katharsis ganz gut, wo sie nun endlich die große Liebe gefunden hat. Wirklich zu fassen, trotz des atmosphärischen Openings, kriegt man Dolarhyde bzw. Tooth Fairy jedoch nicht. Dafür ist der Charakter zu wenig präsent. Und – mit Verlaub – im Vergleich zu einem Buffalo Bill auch nicht schräg genug inszeniert. Charles-Manson-Faktor: 55%

Die Tooth Fairy als Figur spielt in der 2002er Version eine untergeordnete Rolle gegenüber Francis Dolarhyde. Der wirkt von Stimmen geplagt und als vermeintliches Muttersöhnen wie ein Mix aus Psycho und The Cell. Die Hasenscharte muss als Auszeichnungsmerkmal reichen, die Bedrohlichkeit von Ralph Fiennes’ Charakter drückt sich in akustischen Halluzinationen aus. Als Spektakel wird da dann auch das Finale inszeniert, das vermeintlich im „heldenhaften“ Suizid endet – ehe dann noch das Nachklapp-Ende zwischen Prota- und Antagonist wartet. Wo Noonan schon per se ungewöhnlich wirkt, muss Fiennes etwas mehr Arbeit investieren. Das Ergebnis ist dann aber eher Norman Bates als Ted Bundy. Charles-Manson-Faktor: 45%

The Predecessor

Wer einen Verbrecher fangen will, muss sich in einen solchen hineinversetzen – so eine klassische Trope des Genres. Entsprechend sucht Graham Serienkiller-Rat bei einem Serienkiller. “Dream much, Will?”, fragt ein gegelter Brian Cox, der mit minimalistischem Spiel maximale Ergebnisse erzielt. Er hat noch ein Huhn zu rupfen mit diesem Will Graham, dem er aber durchaus mit Respekt begegnet. Dadurch wie sehr ihre erste Begegnung dem Ermittler nahe geht – er flüchtet schließlich aus dem Gebäude – wird genug verdeutlicht, welche Vergangenheit die Figuren teilen. Später auch vorzüglich in einem Supermarkt-Zwiegespräch zwischen Graham und seinen Sohn thematisiert. Weniger ist oft mehr. Caged-Monster-Faktor: 65%

Im Grunde ist Red Dragon ein einziges Prequel-Vehikel für Anthony Hopkins’ Darstellung des kannibalistischen Therapeuten. Seine Szenen eröffnen und beschließen den Film (das Ende dabei als peinlich bemühte Überleitung zu The Silence of the Lambs gedacht), bekommt auch im Mittelteil nochmal zwei Dialogszenen mit Nortons Figur. Statt neun Minuten im Original wird so die Anwesenheit des Doktors auf 23 Minuten gestreckt – ohne dass die Figur für die Handlung wirklich dermaßen von Bedeutung wäre. Das eingangs bebilderte Schlusskapitel der Lecter-Graham-Beziehung funktioniert im Original weitaus besser. Genauso wie Hopkins’ Spiel inzwischen nur noch gestelzt und ohne rechtes Leben wirkt. Caged-Monster-Faktor: 35%

The Love Interest

Liebe ist blind – im Falle von Reba McClane ist das sogar buchstäblich zu verstehen. Die Paarung von Joan Allen und Tom Noonan überrascht zwar optisch betrachtet, immerhin aber wirkt Allens Darstellung der blinden Frau durchaus selbstbestimmt. In ihrer Beziehung zu Dolarhyde scheint sie ein Katalysator zu sein, der seinen Wahnsinn zähmen könnte – selbst wenn dies im weiteren Verlaufe nicht gelingt. Etwas überhastet wird die Beziehung der beiden allerdings im Original erzählt. Kaum lernt sie der Zuschauer kennen, geht es auch schon zum Tiger-Date und ab nach Hause zum Beischlaf. Das verleiht der Figur bei aller emanzipatorischen Selbstbestimmung dann allerdings doch etwas Billiges. Damsel-in-Distress-Faktor: 60%

Etwas weniger leicht zu haben scheint derweil Emily Watson. Das erste Süße gibt es lediglich in Tortenform auf den Teller, später dann dafür zum Heimkinoabend einen Blowjob als Nachtisch. Immerhin scheint die Wirkung der Figur in der Neuauflage so ausgelegt, dass Dolarhydes Liebe zu ihr letztlich über seinen mordlüsternen Wahnsinn obsiegt. Im Gegensatz zum Original scheint die Gefahr dafür aber im Raum zu stehen. “What do you really know about the guy?”, fragt Ralph Mandy da zurecht, ehe ihn eine Kugel aus Dolarhydes Revolver erwartet. Optisch passen Fiennes und Watson zwar etwas besser zusammen, blass bleibt die englische Darstellerin im Vergleich zu Allen aber dennoch. Damsel-in-Distress-Faktor: 40%

The Journalist

Art imitates life sagt man wohl angesichts dessen, dass Journalisten ähnlich wie Politiker und Anwälte in Filmen wie im realen Leben nicht den allzu besten Ruf haben. Da unterscheidet sich Freddy Lounds nicht sonderlich vom Rest seiner Zunft und Stephen Lang vermag in seinen wenigen Szenen durchaus den Ekelfaktor des Tabloid-Reporters gemischt mit der aus der Vergangenheit resultierenden Animosität zwischen seiner Figur und Will Graham zu bündeln. Bei Mann sehen wir die Umstände des Lounds-Graham-Fotos und später auch, wie Lounds von Dolarhyde gezwungen wird, völlig aufgelöst, eine Gegendarstellung zu seinem Artikel zu diktieren. In der Summe hat Lang somit die Nase vorn. Klatschreporter-Faktor: 60%

Noch ein paar Jahre vor seinem Oscargewinn, aber bereits als veritabler Charakterdarsteller etabliert, wirkt Philip Seymour Hoffman speziell zu Beginn wie ein gelangweilter Fremdkörper. Mit einem darstellerischen Minimalaufwand gelingt es somit auch der Figur nicht, wirklich authentisch zu wirken. Erst später, in Dolarhydes Gewahrsam, setzt bei dem inzwischen verstorbenen Lounds-Darsteller das große Spiel ein. Obschon jedoch angemerkt werden muss, dass das Flehen um das eigene Leben von Lang ebenfalls überzeugender gespielt wird. Oder vielleicht auch nur so wirkt, weil die Figur weniger eindimensional erscheint, obschon der Charakter als solcher natürlich lediglich eine Karikatur ist. Klatschreporter-Faktor: 40%

The Boss

Wenn es um Jack Crawford geht, sind beide Filme zur Abwechslung mal auf Augenhöhe. Aus der Not geboren ruft Crawford seinen alten Weggefährten Will Graham um Hilfe. Dabei durchaus mit dessen Gewissen spielend, unter Androhung, dass die Tooth Fairy sonst erneut zuschlägt. Schließlich mordet Dolarhyde im Mondzyklus und dieser steht wieder ins Haus. Dennis Farina und Harvey Keitel füllen die Rolle beide mit ausreichend Leben aus, auch wenn Farina – womöglich allein wegen seines Schnauzers – etwas mehr Charisma zu verströmen scheint. Ansonsten ist Crawford allenfalls eine Randfigur, die speziell in der zweiten Hälfte nicht mehr sonderlich ins Film-Geschehen eingebunden wird. Angry-Captain-Faktor: jeweils 50%

The Wife

Ähnliches in den Hintergrund rücken wie bei Jack Crawford würde man sicherlich auch im Falle von Molly Graham erwarten: Wills Gattin, die zu Beginn der Geschichte „Lebevoll“ sagen muss, ehe es zum Ende des zweiten Akts zu einem Wiedersehen wider Willen kommt. Die unscheinbare Kim Geist spielt die Ehefrau, die wenig wohlwollend ihren Mann zurück in den Dienst lassen muss, überzeugend. Die Besorgnis untermauert Michael Mann zudem mit wiederholten Telefonanrufen und einer gefälligen Dock-Szene zwischen den Eheleuten als Übergang in den finalen Schlussakt des Films. Zwar fällt es Geist – dir zuvor schon in Miami Vice auftrat – selbst an Ausstrahlung, ihre Rolle zumindest wird mit solcher versehen. The-Good-Wife-Faktor: 65%

Ein Pluspunkt von Red Dragon für sich ist derweil sicherlich die Besetzung von Molly Graham mit der atemberaubenden Mary-Louise Parker. Umso bedauerlicher jedoch, dass auch ihre Rolle der ausufernden Screen Time von Hopkins’ Dr. Lecter zum Opfer zu Fallen scheint. Neben einem kurzen Abschied mit Schnute zu Beginn und einer wenig gelungenen Reunion-Szene im Mittelteil taucht sie zwar in der Cape Fear-Klimax erneut kurz auf, ist allerdings nie mehr als hübsches Beiwerk für einen Film, in dem das Testosteron das Temo bestimmt. Neben Harvey Keitel und Ralph Fiennes gehört Parkers Besetzung dennoch zu den wenig geglückten der 2002er Neuverfilmung von Thomas Harris’ Roman. The-Good-Wife-Faktor: 35%

The Tone

Es besteht kein Zweifel: Manhunter ist ein 80er-Film durch und durch. Das wird nicht nur durch das Plakat oder die Schriftart und -farbe des Titel ausgedrückt, auch die Farbgebung des Films – mit Blau- und Rottönen – und Mise-en-scene gehören dazu. Will Graham sieht aus wie eine abgehalfterte Version von Sonny Crockett und wird von Mann gerne in der Totalen oder Halbtotalen eingefangen. Eigentlicher Star von Manhunter ist derweil sein Soundtrack, der Songs wie “Strong As I Am” von den Prime Movers, Shriekbacks “The Big Hush” oder “Heartbeat” von Red 7 gekonnt einsetzt, um Szenen eine eigene Ausdrucksstärke zu verleihen. Kein Wunder gilt Manhunter unter Fans als Kultfilm. Got-the-Touch-Faktor: 75%

Brett Ratners Film hingegen fehlt es an jeglicher visueller Eigenständigkeit. Red Dragon ist eine reine Auftragsarbeit, die ziemlich offensichtlich bloß den Hopkins-Lecter-Hype bedienen soll. Infolgedessen versucht sich der Film von der Farbgebung her Ridley Scotts Hannibal anzugleichen, während er vom Art Design wiederum klar die Verbindung zu The Silence of the Lambs sucht. Infolgedessen begegnen sich Graham und Lecter hier wie zuvor/später Clarice Starling, sehen wir zugleich Anthony Heald und Frankie Faison ihre Rollen aus Jonathan Demmes Klassiker wiederholen. Red Dragon fehlt es somit an einer eigenen Stimme – was bleibt, ist ein lebloser Körper, der lediglich eine bloße Fassade darstellt. Got-the-Touch-Faktor: 25%

Fazit

Am Ende ist es eine klare Sache: Manhunter reüssiert überall dort, wo Red Dragon scheitert. Die Ursachen sind vielfältig und offensichtlich: Auf der einen Seite ein talentierter Regisseur, der eine Romanvorlage mit eigener Stimme auf die Leinwand bringt, selbst wenn er dabei durchaus in seiner Zeit verhaftet wirkt. Dem gegenüber steht eine Auftragsarbeit einer Regie-Drone, die lediglich nachäfft, was andere, größere Regisseure vor ihr bereits mit Erfolg krönten. Und sich hierfür eines Ensembles bedient, das entweder unterfordert oder schlicht fehlbesetzt ist. Manhunter ist keineswegs perfekt, mit viel gutem Willen halbwegs gut, aber dennoch klar Klassen – oder 8:1 Punkte – besser als Red Dragon. Winner by knockout: Manhunter.

20. März 2011

Wait a Second... - Saving Private Ryan

FUBAR.

Mit Saving Private Ryan legte Hollywood-Regisseur Steven Spielberg endlich seinen eigenen Combat-Film vor. „Combat stories“, das sind Geschichten, die Spielberg im April 1998 in einem Artikel (Of Guts and Glory) des Magazins Newsweek als „tunes of glory“ bezeichnete. “Maybe this is why I became such a war-movie fanatic”, so Spielberg. Und im Nachhinein kann man bestätigen, Saving Private Ryan bietet beides: Eingeweide (das Wortspiel mit Mumm außen vor gelassen) und Ruhm. Zuvorderst ist Saving Private Ryan jedoch ein grauenvolles Stück cineastischer Pathos-Mist, mit einer Geschichte, die selten wirklich Sinn macht und Szenen, die einen mit verständnislosem Blick zurücklassen.

Nach dem kitschigen Opening, in dem ein alter Mann über den Normandy American Cemetery watschelt, ehe er mit himmelsblau-wässrigen Augen an einem Kreuz zu Boden kniet, wirft Spielberg den Zuschauer in eine grausig-unsinnige D-Day-Szene, die seither vom Publikum wie Kritikern gottgleich verehrt wird. Es ist eine pseudo-authentische Sequenz, die mit gorigen Gewaltszenen kokettiert, um sich als „true-war-reality“ anbiedern. Nach dem Motto: Genau so sieht Krieg aus. Für all diejenigen, denen es nie vergönnt war, die „tunes of glory“ von WW2 live-in-action zu hören.

Während der Landung an Omaha Beach zeigt sich, dass die Nazis offenbar von einer Invasion ausgingen. Zumindest installierten sie MG-Stände, mit denen sie - ausgesprochen effektiv - die anstürmenden US-Soldaten wegpusten wie Fliegen mit einem Fön. Spielbergs Bilder erwecken den Eindruck, dass allenfalls zehn Prozent der Männer überleben. Wer nicht bereits auf dem Schiff abgeknallt wird, ertrinkt durch das Gewicht seiner Ausrüstung, wird von Flammenwerfern vertilgt oder sucht händeringend nach seinen abgeschossenen Extremitäten. Mühsam retten sich Tom Hanks und Mannen in Deckung, doch wie sie es schaffen sollen, den Tag zu überleben, geschweige denn die MG-Stationen der Nazis einzunehmen, bleibt zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel. Wie dem auch sei, die Männer schaffen es, sich über den Strand hinter eine Sandbank zu retten.

Nun stellt sich mir, als jemand, der nie Wehrdienst geleistet hat, die Frage: Warum ist da eigentlich eine Sandbank, hinter der sich jemand vor den MG-Salven der Nazis verstecken kann? Haben die Nazis die Sandbank aufgeschippt? Und wenn ja: wieso? Warum schippt jemand eine Sandbank, hinter der er mit seinen MG-Salven niemanden mehr erschießen kann und hinter denen auch keine eigenen Männer positioniert sind? Oder anders: Warum wurde die Sandbank, wenn man sie schon aufschippt, nicht mit Sprengsätzen versehen? Warum gibt es keine Luftunterstützung, die die Nazis, aber insbesondere die Alliierten gebrauchen könnten? Die offizielle Seite der US-Army gibt an, dass sie am D-Day immerhin 13.000 (!) Flugzeuge zur Luftunterstützung hatten - hätte bei 5.000 Landungsbooten nicht pro Schiff ein Flugzeug abgestellt werden können? Wie gesagt, ich wurde ausgemustert, aber bei Anblick dieser Szene erscheint mir, als hätten die Nazis Omaha Beach irgendwie... besser schützen können.

Die Inkompetenz der Nazis scheint jedoch Voraussetzung dafür zu sein, dass die Invasion bei Spielberg gelingt. Denn als ein Verwundeter von 3 Sanitätern, darunter auch Giovanni Ribisi, versorgt wird, schützen diese den Verwundeten zuerst vor einer MG-Salve, die mit einem bereits verstorbenen G.I. abgefangen wird, ehe der Verwundete selbst jedoch durch einen Kopfschuss getötet wird. Die drei vor ihm knienden Sanitäter bleiben unverletzt und das obschon sie vollkommen ungeschützt sind. Die Nazis treffen sie nicht, dabei ließ sie Spielberg zuvor mindestens zwei Mal genau in ihre unmittelbare Nähe schießen. Vermutlich waren es einfach ziellose Schüsse, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Szene lediglich dazu dient, Ribisi als emotional-involvierten Sanitäter einzuführen.

Nachdem jedenfalls Tom Hanks und seine Männer die Sandbank erreichen, stürmen sie in schnellen Zügen den Hügel. Mit der Kreativität eines MacGyver bastelt Hanks aus einem Messer, einem Spiegel und dem Kaugummi von Adam Goldberg einen Handspiegel, um mit diesem die Position und Zahl der Nazis auf einer Erhöhung auszuspähen. Im Folgenden erklärt Hanks seinem Scharfschützen Barry Pepper, dass dieser die Nazis außer Gefecht setzen soll. Was dieser dann tut, weshalb die Szene durchaus auch der Überwältigung der Nazis dient, zuvorderst jedoch der Talentschau von Peppers später noch wichtigen Geschick am Gewehr.

Anschließend geht es ziemlich schnell. In wenigen Zügen nehmen Hanks’ Männer den Strand ein. Die Nazis werden erschossen, verbrannt und bestohlen - die Invasion ist geglückt. Zu welchem Preis, zeigen einige Halbtotalen, von denen eine auf einem toten Soldaten endet, dessen Name als „Ryan“ enthüllt wird. Es folgt ein Schnitt in die Heimat, in ein Großraumbüro voller Tippsen, die die Beileidsbekundungen an die Familien schreiben. Auf einer von ihnen ruht schließlich die Weitwinkelaufnahme (inklusive Anschnitt). Die gute Frau tippt einen Brief und hält plötzlich inne. Denn tief in ihren Erinnerungen weiß sie: Da war doch irgendwas.

Der Name der adressierten Person kommt ihr scheinbar bekannt vor und sie sucht in ihren Unterlagen nach einem weiteren Brief. Als sie ihn findet, begutachtet sie ihn und beide Briefe haben wohl etwas gemeinsam.

Die Tippse hat die Bestätigung und sie erinnert sich nochmals an etwas.

Deshalb steht sie auf und geht zu ihrer Kollegin, kramt in deren Unterlagen (ohne dass die Kollegin diese Handlung kommentiert, geschweige denn registriert) und stößt auf einen weiteren Brief. Es sind drei Briefe an Mrs. Ryan, die vom Tod dreier Söhne berichten. Was verwundert, ist die Choreographie dieser Szene. Zwar hab ich keine Daten, wie viele Briefe jede Tippse in Zeiten des Krieges täglich getippt hat, aber ich schätze, es waren viele (alleine am D-Day starben laut dem D-Day Museum 1.465 US-Soldaten). Dass unsere Tippse also einen Brief mit „Ryan“ mit einem anderen Brief mit „Ryan“ in Verbindung bringt, den sie zuvor geschrieben hat, nehme ich Spielberg noch ab. Warum aber den dritten Brief einer anderen Tippse geben? Woher weiß unsere Tippse, dass ihre Kollegin ebenfalls an eine „Mrs. Ryan“ geschrieben hat? Erzählen die sich das in der Mittagspause? Vielleicht hat unsere Tippse den Brief ja selbst geschrieben, an einem früheren Tag. Warum aber an einem anderen Schreibtisch? Die Tippsen sitzen wohl jeden Tag anders in diesem Großraumbüro...

Mit den drei Briefen geht die Tippse jedenfalls zu ihrem Chef. „Schauen Sie, Chef. Drei Briefe, alle an dieselbe Frau“. Was ist der Hintersinn dieser Aktion? Weiß unsere Tippse, dass es einen vierten Sohn gibt? Oder mutmaßt sie, dass es einfach noch mehr Söhne gibt? Macht sie sich Sorgen, dass Mrs. Ryan alle Briefe am selben Tag erhält? Wie dem auch sei, die Szene will nicht überzeugen. Vor allem, weil die Söhne zu unterschiedlichen Zeiten starben, der dritte Bruder eine ganze Woche vor den anderen Beiden. Wie lange hebt die US-Armee die Briefe auf? Werden die lediglich ein Mal die Woche raus gesendet? Erst wenn alle/genug Familienmitglieder tot sind? Fiel der eine Bruder vor einer Woche, doch der Brief konnte erst gestern geschrieben werden? Fragen über Fragen.

Es folgt eine nutzlose, aber emotional-gewichtige Szene aus dem Hause Spielberg. Die Vorstellung, dass Mrs. Ryan die Briefe bekommt, kann der Zuschauer nicht visualisieren. Deswegen macht Spielberg das. Und um der Szene mehr Gewicht zu verleihen, wohnt Mrs. Ryan am Arsch der Welt, mitten in der Pampa. Dass das so ist, hat einen einfachen Grund.

Dadurch, dass die gute Mrs. Ryan so weit ab vom Schuss lebt, kann Spielberg die Darstellerin einfangen, wie sie das sich ihrem Haus nähernde Auto bemerkt. Und weil sie am Arsch der Welt lebt, ist ein Auto, das zu ihr fährt, in Kriegszeiten mit 4 involvierten Söhnen kein gutes Zeichen.

Nachdem die arme Frau zusammenbricht, wechselt die Kamera wieder zurück zum Militär. Zuvor war der Chef der Tippse mit den Briefen zu Bryan Cranston gegangen - seinem Chef. Und der ging damit wiederum zu seinem Chef - General of the Army George Marshall. Als der von dem Tod dreier Söhne einer Mutter erfährt, stapft er zu seinem Schreibtisch. Dort greift er zielsicher nach einem Buch, in dem ein Brief von Abraham Lincoln steckt. Passend zum Thema ist es ein Beileidschreiben an die Mutter von 5 Söhnen, die im Bürgerkrieg gefallen waren. Wie zufällig hat Marshall diesen Brief griffbereit. Er liest ihn vor, um ihn dann vollends frei aus dem Gedächtnis zu rezitieren. Aber warum macht er das? Warum liest er überhaupt vor, wenn er Lincolns Worte sowieso auswendig kann? Warum holt er überhaupt den Brief, wenn er die Worte auswendig kann?

Und viel wichtiger, was ist der Sinn des Briefes? Lincoln hebt hervor, dass die Mutter Trost finden kann, dass ihre Söhne für die Erkämpfung der Freiheit starben (“the solemn pride that must be yours to have laid so costly a sacrifice upon the altar of freedom“). Was der Brief wiederum damit zu tun hat, dass Mrs. Ryans vierter Sohn von der Front gerettet wird, ist nicht klar, da Marshall dies niemandem im Raum erklärt. Die Tatsache, dass er den Brief auswendig kann, legt nahe, dass der Inhalt ihm wichtig ist. 3 tote Söhne sind genug, der 4. muss am Leben bleiben. Dies wirft wiederum die Frage auf, warum die Armee überhaupt 4 Söhne einer Familie einzog, die nur 4 Söhne hat? Ging man davon aus, dass in einem Weltkrieg keiner von ihnen stirbt? Oder allenfalls einer? Oder zwei? Gibt es einen Plan, dass bei 75 Prozent Ausfall einer Familie der Rest nach Hause darf? In diesem Moment wird die gesamte Prämisse des Filmes (Rettet Soldat Ryan!) eingeführt - ohne dass sie Sinn macht.

Wie dem auch sei, die Handlung wendet sich wieder dem Geschehen in der Normandie zu. Tom Hanks geht zu seinem Vorgesetzten, Dennis Farina, und erstattet diesem Bericht. 35 Tote habe seine Truppe zu verzeichnen, was erstaunlich wenig erscheint, angesichts der gorigen Anfangssequenz. Also zurückgespult und nachgeschaut. Denn nach meiner Rechnung sterben am D-Day mindestens 36 Soldaten aus Hanks’ Einheit. Und dabei wurden nur diejenigen berücksichtigt, von denen ich anhand der Bilder auch wirklich überzeugt bin, dass sie tot waren oder tödlich verletzt wurden. Wie die ersten Männer, die beim Verlassen des Schiffs sterben.

Nicht mitgezählt wurden dabei zum Beispiel der Soldat, dem ein Bein weggesprengt wird oder sein Kollege, der einen Arm vermisst.

Auch diese Soldaten, die in Flammen aus ihrem Boot den Strand stürmen, wurden gnädiger Weise als „verletzt, aber lebendig“ katalogisiert. Aber gut, die Bilder sind bisweilen sehr rasch geschnitten, die Handlung nicht minder temporeich. Vielleicht habe ich auch schlichtweg falsch gezählt.

Vielleicht ist ja einer von den beiden hier nicht tot.

Oder er hier.

Möglicherweise hat er überlebt.

Oder der Funker, dem das halbe Gesicht weggesprengt wird. Dabei ist es im Grunde auch nicht so wichtig, ob dieser Soldat, der nach einem Streifschuss an seinem Helm diesen abnimmt und per Kopfschuss getötet wird, nun der 35. oder 36. Tote ist. Er ist auf jeden Fall der letzte G.I. aus Hanks’ Truppe, der in der Anfangssequenz sein Leben lässt. Was bemerkenswert ist, da zu diesem Zeitpunkt lediglich etwas mehr als die Hälfte der Omaha-Beach-Sequenz abgelaufen war. Die Stürmung des Küstenhangs verläuft folglich ohne einen Verlust auf eigener Seite. Und was ebenfalls bemerkenswert ist: Die Szene mit dem Toten Nr. 35 bzw. 36 untermauert erneut, wie inkompetent die Nazis eigentlich sind. Nachdem der erste Schuss den Helm des Soldaten streift, folgt kurz darauf ein nahezu identischer Schuss, der ihn zwischen die Augen trifft.

Das suggeriert zumindest ein Schema, welches die Nazis jedoch zuvor vermissen ließen, als sie die 3 Sanitäter nicht treffen konnten.

Erstaunlich gering ist auch die Zahl der lediglich 35 Toten, wenn man eine der Halbtotalen betrachtet, ehe die Handlung zur Tippse driftet. Allein in einer (!) dieser Einstellungen lassen sich 20 Tote ausmachen (dazu kommen noch die beiden Toten bei den Sanitätern, die drei Toten im Wasser, die drei Toten durch die Explosion des Flammenwerfers, der vermeintliche Tote mit ausgequillten Eingeweiden, sowie die zwei Soldaten, die in Hanks’ Armen sterben - insgesamt also schon 31 Tote).

Aber die Szene zwischen Hanks und Farina ist auch in anderer Hinsicht interessant. Denn nachdem Hanks mit der eigentlichen Mission beauftragt wird, fragt er seinen Untergebenen, Tom Sizemore, namentlich nach einem Dolmetscher (Beasley). “Beasley’s dead“, erklärt Sizemore. Hanks fragt dann, erneut namentlich, nach einem anderen Dolmetscher (Talbot). Auch der ist verstorben. Angesichts der gerade gegenüber Farina berichteten Zahl der 35 Toten und der Tatsache, dass Hanks wie ein Captain erscheint, der mit seinem Männern vertraut umgeht (in einer späteren Szene reminiszieren Sizemore und Hanks einen Soldaten namens Vecchio), liegt die Vermutung zumindest nahe, dass er sich die Liste mit den 35 Toten angesehen hat - und scheinbar seine zwei Dolmetscher nicht darunter fand. Also waren die Dolmetscher zum Zeitpunkt der Erstellung der Liste noch am Leben, ihr Versterben impliziert, dass sie zu den rund 70 Verletzten gezählt haben dürften. Die Frage, warum Hanks einen Soldaten mit auf seine Mission nehmen will, der verletzt ist, wird wahrscheinlich dadurch entkräftet, dass er wohl wusste, dass die Beiden nicht tot waren, aber nicht mitgeteilt bekam, dass sie verletzt waren. Nehmen wir dies mal an, wobei unabhängig davon die Szene lediglich den Sinn hat, dem Publikum zu erklären, warum Jeremy Davies nun neu zur Einheit stößt.

Dieser ist wiederum am Leben geblieben, was auch dank seinem Geständnis, seine Waffe seit der Grundausbildung nicht mehr abgefeuert zu haben (“I’ve never been in combat“), wohl so zu verstehen ist, dass er erst nach Stürmung von Omaha Beach an Land gebracht wurde. Dann wäre jedoch die Frage, warum dies bei Hanks’ beiden Dolmetscher nicht der Fall war? Vielleicht, weil Davies ein ausgebildeter Dolmetscher ist und die Soldaten von Hanks eher zufällig dreisprachig waren. Oder die Dolmetscher in der US-Armee werden einfach unterschiedlich behandelt...

Die Spezialeinheit von Hanks trabt mit seinen acht Mitgliedern nun also Richtung Neuville los, auf der Suche nach dem Soldaten James Ryan, dessen genauen Aufenthaltsort die Armee allerdings nicht kennt, sondern lediglich mutmaßt (“They think he’s up there somewhere part of all those airborne misdrops”). Scheinbar ist Hanks am Omaha Beach also noch die Person, zu der man am besten Funkkontakt hat, um ihr den Rettungsauftrag zu geben (folgerichtig sind alle Einheiten Richtung Landesinneres kommunikativ von Washington und Omaha Beach abgeschnitten). Und weil Davies die neue Figur ist, kann er dem Zuschauer als Identifikationsfigur dienen, indem er den anderen Charakteren Fragen stellt. Zum Beispiel Vin Diesel, der erklärt, Davies solle Hanks nicht salutieren, weil er ihn damit gegenüber den Nazis als Captain entlarvt.

Wäre Jeremy Davies nun eine richtige, eine dreidimensionale Figur, würde sie Vin Diesel darauf hinweisen, dass Hanks’ Helm im Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern der Truppe ein weißes Zeichen aufgemalt bekommen hat, welches ihn vermutlich als Captain für andere Soldaten im Getümmel kenntlich machen soll. Wie bereits erwähnt, ich wurde ausgemustert, aber wäre ich ein Soldat, der acht Soldaten ausmacht, von denen einer eine weiße Markierung am Helm hat, würde ich mir denken, dass dies irgendeinen Grund haben wird - vermutlich den, dass er der Captain ist.

Die Szene dient auch dazu, dass endlich mal einer - es ist Edward Burns - die Idiotie der aufgetragenen Mission anspricht. Warum werden acht Leben aufs Spiel gesetzt, um ein einziges zu retten? Dies könnte eine interessante Szene sein, haben wir hier doch eine aufgesprengte Sub-Einheit, wo man also Butter bei die Fische geben kann. Aber ähnlich wie später in Munich, als sich Israelis und Palästinenser begegnen, nutzt Spielberg diesen Moment nicht. “Where's the sense of riskin’ the lives of the eight of us to save one guy?”, fragt Burns also. “We all have orders, we have to follow”, antwortet Hanks brav und ergänzt: “That supersedes everything, including your mothers”. Das Folgen des Befehls, egal wie bescheuert dieser ist, überragt also auch die Gefühle der Mütter von Hanks’ Einheit (allerdings nicht die von Mrs. Ryan). Und mit dieser Äußerung ist das Thema für den weiteren Verlauf des Filmes gegessen.

Es geht also weiter. Die Truppe kommt an ein zerschossenes Dorf und trifft auf Paul Giamatti. Dessen versprengte Hälfte seiner Einheit auf der anderen Seite des Dorfes könne sagen, wo Ryan ist. Als die Einheit unterwegs auf eine französische Familie stößt und diese darum bittet, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, verlässt Vin Diesel die Pfade der Mission und bezahlt diese Entscheidung letztlich mit seinem Leben.  

Ein deutscher Scharfschütze verwundet ihn tödlich und wird anschließend von Barry Pepper und seinem guten Auge (“put me and this here sniper rifle anywhere up to and including one mile from Adolf Hitler... with a clean line of sight... Pack your bags, fellas. War’s over“) weggeballert.

Diese Szene hat drei Bedeutungen. Zum einen wird erneut untermauert, wie talentiert Pepper ist und zum anderen zeigt sich erneut, wie emotional involviert Ribisi auftritt, ohne Rücksicht auf das eigene Wohl. Des Weiteren wird deutlich, was passiert, wenn man nicht der Mission folgt (“We’re not here to do the decent thing, we’re here to follow fucking orders!”).

Die Situation scheint bereinigt, Ted Danson führt Hanks zu Private Ryan, der in Form von Nathan Fillion antrabt und in Tränen ausbricht, als ihm gesagt wird, das seine Brüder tot seien. Natürlich hat Fillion nicht nur einen Bruder, sondern diese gleich in Mehrzahl - sonst funktioniert die Szene nicht. Spielberg nutzt das Missverständnis zur humoristischen Auflockerung (darum kommt die Szene aufgrund von Fillions Spiel nicht herum). Einem treudoofen Soldaten wird zur Erheiterung des Zuschauers erzählt, dass seine zwei kleinen Brüder tot sind. Ob Spielberg einen solch niveaulosen Gag gebraucht hat? Interessant ist jedoch, dass man offensichtlich James Francis Ryan und James Frederik Ryan leicht verwechseln kann. Wie viele „James F. Ryan“ gab es wohl im Zweiten Weltkrieg? Zumindest zwei.

Jedenfalls genug, dass Verwirrung an der Front aufkommt, nicht jedoch bei unserer Tippse in der Heimat, die 1 und 1 und 1 zusammenzählen konnte.

Erfolglos ruht sich die Truppe in einer Kirche aus, wo Hanks mit Sizemore in Erinnerungen an einen ehemaligen Soldaten namens Vecchio schwelgt, den Hanks ebenso wie Diesel für weitaus wertvoller hält als Ryan. “I wouldn’t trade ten Ryans for one Vecchio or one Caparzo“, sagt er und offenbart, dass er selbst die Mission für panne hält. Nach einer Stunde Laufzeit gesteht die vermeintliche Hauptfigur also, dass die Prämisse des Filmes sinnlos ist. “This Ryan better be worth it. He’d better go home and cure some disease or invent a longer-lasting light bulb or something“, heizt Hanks die zukünftigen Erwartungen an den zu rettenden Ryan an.

Dass Hanks sich übrigens nicht nur an Vecchio erinnert, sondern auch genau weiß, wie viele Soldaten unter seinem Kommando ihr Leben ließen (94, was wiederum bedeutet, dass er allein ⅓ davon an Omaha Beach verloren hat), unterstützt meine Vermutung, dass er sich erkundigt hat, wer zu den 35 Gefallenen gehört hatte und seine beiden Dolmetscher ursprünglich nicht zu diesen gehört hatten. Egal, die Mission geht weiter.

Ähnlich wie zuvor Vin Diesel muss auch dem nächsten Toten erst ein Sympathiedenkmal errichtet werden. Bei einer abgestürzten Einheit (passenderweise mussten für einen General 22 Soldaten ihr Leben lassen, weil er seinen Jeep kugelsicher machte, das Flugzeug das Gewicht jedoch nicht tragen konnte) suchen Hanks und Co. nach Ryans Erkennungsmarke unter deren Verstorbenen. Bis Ribisi heranstürmt und sie dafür scheltet.

Dies führt bei Hanks zur Besinnung, unter den anwesenden Soldaten einfach mal wahllos wie nach einem verlorenen Kind nach Ryan zu rufen.

Natürlich reagiert sofort jemand, weil an der Front einfach jeder jeden kennt und es ja genug Soldaten namens „Ryan“ gibt. Und ironischer Weise ist es ein G.I., der nicht richtig hören kann, der auf Hanks’ Ruf antwortet.

Die Truppe kann nach neuen Angaben also weiterziehen. Und weil Spielberg jetzt einen Zwischenschnitt gebraucht hat und die ohnehin alle gleich aussehen, hat er der Einfachheit halber einen aus dem ersten Drittel eingefügt, in dem acht Soldaten, also auch der inzwischen verstorbene Vin Diesel, zu sehen sind. Aber gut, sowas kann passieren. Geschenkt.

Dann stößt die Einheit auf einen Stützpunkt, der von Nazis besetzt ist. Plötzlich will Hanks deren MG in Beschlag nehmen, damit ihm keine andere Einheit zum Opfer fällt. Seine Männer weisen ihn darauf hin, dass dies nicht zu ihrer Mission gehört (“I mean, this isn’t our mission, right, Sir?”).

Und was passiert, wenn man von der Mission abweicht, hat man zuvor durch das eigen deswegen geschriebene Szenario mit Diesel gesehen.

Aber Hanks setzt sich durch und stürmt die Anhöhe mit den anderen.

Bis auf Jeremy Davies, der zurückbleibt, während Ribisi, der Sanitäter, mit angreift. Erneut, ich wurde ausgemustert, aber warum stürmt der einzige Sanitäter einer Einheit eine Anhöhe mit MG, vor allem, wenn gleichzeitig der bis zu diesem Zeitpunkt (und auch anschließend noch) total überflüssige Dolmetscher zurückbleibt? Wäre es nicht schlauer, der Sanitäter bleibt zurück, falls einer der anderen verletzt wird? Oder nicht?

Stattdessen wird also Ribisi angeschossen und erliegt seinen Verletzungen. Er ist der zweite G.I. der Einheit, der sein Leben lassen musste, weil man von der eigentlichen Mission abwich. Er ist der Zweite, der sterben musste, um den Soldat James Ryan nach Hause zu bringen. Aber warum war es eigentlich notwendig, dass die gesamte Einheit die Anhöhe stürmt?

Hätte Barry Pepper nicht einfach die Deutschen abknallen können? Hat man ihn nicht als Super-Scharfschützen eingeführt, der an Omaha Beach die Stürmung der Nazi-Stützpunkte erst ermöglichte und der zuvor den deutschen Scharfschützen in Neuville erledigte? Warum konnte Pepper nun nicht einfach die Nazis der Anhöhe töten, anstatt dass alle diese stürmen?

Hanks wiederum hat nun miterlebt, was passiert, wenn man nicht der Mission folgt. Menschen sterben. Währenddessen planen die anderen, den überlebenden Nazi zu exekutieren, was jedoch Davies versucht, zu verhindern. Dass die US-Soldaten, die einfach nur Befehlen folgen, dies bei ihrem Gegner nicht als Ausrede gelten lassen wollen, beziehungsweise dies nicht in Saving Private Ryan thematisiert wird, ist legitim. Muss auch nicht sein. Spielberg plant ja keinen Diskurs über den Krieg (wie Terrence Malicks The Thin Red Line), sondern er lauscht den „tunes of glory“.

Dank Hanks’ Rückbesinnung wird der Nazi also freigelassen, was Ed Burns nicht so recht akzeptieren mag und weswegen Tom Sizemore droht, Burns hinzurichten. Die Situation droht zu eskalieren, ehe Hanks einschreitet. Er verrät, woher er kommt und was er macht und das beruhigt alle, weil alle das wissen wollten (das weiß der Zuschauer durch Jeremy Davies’ Integration in die Handlung). Burns, der eigentlich die Mission desertieren wollte, wird zum Bleiben bewegt, weil Hanks ihm sagt: “I just know, that every man I kill, the farther away from home I feel“. Eine bewegende Aussage. So menschlich. Und so sinnlos, so irgendwie. Weil Hanks mitteilt, dass ihm der Krieg egal ist, dass er einfach nur nach Hause will. Und das die Rettung von Ryan dafür sorgen kann. Dabei wurde das zuvor nirgends bestätigt, weder von Marshall, noch von Farina. Niemand hat gesagt, dass Hanks und Co. nach Hause dürfen, wenn sie Ryan finden. Was für mich als Ausgemusterten wenig Sinn macht, dass man einen Weltkrieg führt und nicht nur einem, sondern neun Soldaten ein Ticket nach Hause schenkt.

Dieses Geständnis von Hanks, dass er einfach nur nach Hause will, verwundert. Schließlich leidet er, so wird zumindest suggeriert, an Parkinson. Und dass die Armee einen Soldaten, der an Parkinson leidet, kämpfen lässt, erscheint mir als Ausgemusterten unwahrscheinlich.

Die Mission geht weiter, die Einheit stößt auf einen deutschen Panzer. Und Hanks, den die Tötung jedes Mannes weiter weg von Zuhause fühlen lässt, mäht keine vier Minuten nach dieser Äußerung Nazis weg, ohne ihnen die Chance auf Ergebung zu gewähren. Aber gut, dieser Mann hat einen Krieg zu kämpfen, da driften Wort und Tat gerne mal etwas auseinander.

Wie der Zufall so will, finden Hanks und Co. nun jedenfalls Ryan. Doch der will nicht nach Hause geschickt werden, sondern mit seiner Truppe eine Brücke in einem leeren und zerstörten Dorf beschützen. Anstatt der Mission zu folgen (und Hanks hat nun bereits mitbekommen, was die Konsequenz ist, wenn man nicht der Mission folgt), bleiben Hanks und Co. ebenfalls im Dorf. Und unterstützen die Verteidigung der Brücke, während gleichzeitig Ryans Leben beschützt werden soll. “Someday we might look back on this and decide that saving Private Ryan was the one decent thing we were able to pull out of this God-awful shitty mess“, überzeugt Sizemore seinen Captain. Was die Frage aufwirft, ob es nicht auch nobel gewesen wäre, hätte man Ryan seinem Schicksal überlassen und dafür wären Diesel und Ribisi am Leben geblieben? Scheinbar nicht. Bisher sind jedenfalls zwei Männer für Ryan gestorben und es ist unklar, wer noch alles sterben wird oder ob Ryan die Mission überhaupt überlebt.

Alle bereiten sich nun jedenfalls auf die Verteidigung der Brücke vor und Hanks behauptet erneut, dass die Überlebenden durch die Rettung von Ryan nach Hause dürfen (ob das so ist, bleibt weiterhin unklar). Und weil der Zuschauer eigentlich nichts von diesem James Ryan weiß, baut Spielberg noch einen Dialog zwischen Matt Damon und Tom Hanks ein, in welchem Damon mit seinem Pferdegebiss-Lächeln eine Geschichte über seine Brüder erzählt, die uns die Figur nahebringen soll, ohne das dies auch nur ansatzweise so gelingt wie beim Mädchen-rettenden Diesel oder dem moralisch integren Ribisi. Damons Ryan bleibt ein reiner Name.

Dann kommen die Nazis und das actionreiche Finale beginnt. Barry Pepper ist der Dritte, der für Ryan sein Leben lässt, als er in die Luft gejagt wird.

Ihm folgt Adam Goldberg, der von einem Nazi erstochen wird, weil Davies ihm nicht zu Hilfe eilt, was im Finale zu dessen einzigem Schuss im ganzen Film führt, wenn er jenen Deutschen am Ende des Gefechts exekutiert. Und selbst jetzt macht die Integration von Davies in den Film noch keinen Sinn. Würde man ihn digital entfernen, man würde es nicht merken.

Als Vorletzter stirbt Tom Sizemore. Hanks und Co. sind kurz davor, die Brücke zu sprengen, die scheinbar immens wichtig ist. Weswegen erfahren wir nicht und ohnehin ist sie nur insofern wichtig, als das die Nazis sie nicht benutzen dürfen. Bereit, sie in die Luft zu jagen, ist man allemal.

Nun muss Tom Hanks das Zeitliche segnen. In einer heroischen Aktion stürmt er die Brücke und ballert in seinem Stumpfsinn mit seiner Pistole auf einen deutschen Panzer. Und nur, damit uns Spielberg eine Sekunde lang im Glauben lassen kann, dass es Hanks zu verdanken ist, wenn die anschließende Luftunterstützung den Panzer letztlich in die Luft jagt.

Kommen wir zur Luftunterstützung, die aus heiterem Himmel erscheint und die eigenen Truppen rettet. Woher kamen die Flugzeuge? Hanks und Co. haben sie nicht gerufen, denn sie hatten ja nicht mal ein Funkgerät und mussten extra von Omaha Beach aufbrechen, weil niemand näher an Ryan war als sie. Die einzig sinnvolle Erklärung wäre, dass die Fliegerstaffel gesehen hat, wie die Nazis marschieren, daraus dann schloss, dass sie zu jener Brücke wollten und dort dann zufällig feststellten, dass sie gleichzeitig auch ihre eigenen Männer beschützen können. Oder so.

Wie dem auch sei. Nun ist es also geschafft. Ryan lebt und für sein Überleben und seine Rückkehr in die Heimat mussten lediglich seine drei Brüder sterben, sowie sechs von Hanks’ Männern (lediglich Davies und Burns überleben), einschließlich diesem selbst. Das zusätzlich vier Männer aus Ryans eigener Einheit getötet wurden, soll nicht auch noch Ryan zur Last gelegt werden. “Earn this“, raunt Hanks schließlich Ryan zu, dessen Leben in diesem Moment das von sechs anderen Männern aufwiegt. Welche psychologische Belastung daraus resultieren muss für jemand, der weiß, er lebt nur, weil neun Männer sterben mussten? Das wäre doch ein Stoff für ein richtig gutes Drama. Aber wir sind ja in einem Spielberg-Film.

Zum Schluss springt Spielberg zurück zum Normandy American Cemetery. Hier kniet nun der alte James Ryan, der (nach den Bildern zu urteilen) nicht mehr mit seinem Leben hingekriegt hat, als zu heiraten und (Enkel-)Kinder zu bekommen. Was Vin Diesel, Giovanni Ribisi, Barry Pepper, Adam Goldberg, Tom Sizemore und Tom Hanks sicher auch gelungen wäre. Am Ende ist Ryan ein Normalo. Ein G.I. Joe eben.

“Tell me I have led a good life“, stellt er seiner Frau - die scheinbar zum ersten Mal mit ihm in Colleville-sur-Mer ist und den Namen “John H. Miller“ noch nie gehört  hat - schluchzend eine Suggestivfrage. Diese bestätigt das natürlich, weil sie ohnehin - wie auch der Zuschauer - keine Ahnung hat, was das ganze Theater, das Spielberg hier präsentiert, eigentlich soll.

Was bleibt von Saving Private Ryan? Die Geschichte von acht Menschen, von denen Sechs starben, damit ein Anderer nach Hause konnte. Von wahren amerikanischen Helden also (Hitler hätte nie acht Nazis nach Stalingrad geschickt, damit sie Soldat Thomas Müller nach Hause bringen, da drei andere dicke, kleine Müllers bereits gefallen waren). Von Eingeweiden und Ruhm. Spielberg erschuf einen Film, der sich während seiner zweieinhalb Stunden Laufzeit kein einziges Mal ernsthaft damit auseinandersetzte, ob - und wenn ja, warum - es gerechtfertigt ist, das Leben von acht Menschen zu riskieren, um ein einziges zu retten.

Beziehungsweise steht nach Hanks’ eigener Rechnung aus der Kirchenszene ein geopfertes Leben eines seiner Soldaten für zehn bis zwanzig gerettete Leben. Dadurch, dass also sechs Männer aus Hanks’ Truppe sterben, konnten 60 bis 120 andere Personen nicht gerettet werden, damit der Soldat James Ryan heim zu seiner Mama darf.

Saving Private Ryan... FUBAR. Fucked Up Beyond All Repair.


Filmausschnitte von Saving Private Ryan © Paramount Home Ent.
(Hervorhebungen in den Bildern vom Verfasser vorgenommen)