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6. Juli 2015

Manhunter vs. Red Dragon

Sowas nennt man dann wohl Liebe auf den zweiten Blick. Bereits 1986 war Thomas Harris’ Roman Red Dragon in einen Spielfilm adaptiert worden. Michael Manns Manhunter war hingegen nicht gerade ein Kassenknüller, selbst wenn er positive Besprechungen erhielt. Nachdem aber sowohl The Silence of the Lambs – sogar mehrfach Oscarprämiert – und Hannibal, die beiden Filmadaptionen von Harris’ Folgeromanen beim Publikum Anklang fanden und zusammen über 600 Millionen Dolar einspielten, muhte die Cash Cow auf Hollywoods grüner Wiese. Und so machte sich Brett Ratner daran, Red Dragon erneut zu melken. Die Story ist dabei natürlich dieselbe, obschon der charakterliche Aufbau für die 2002er Version geändert wurde.

Der Fokus wurde stärker auf Anthony Hopkins’ Dr. Hannibal Lecter gelegt, jener Figur, die Harris’ vierteiliger Romanreihe ihren Anker schenken sollte. Entsprechend wurde Hopkins auch auf den Postern zum Film prominent ins Licht gerückt – obschon innerhalb der Handlung von Red Dragon lediglich eine Nebenfigur. Der Erfolg des Remakes – oder Reimaginings – hielt sich vor 13 Jahren in Grenzen. Zweifelsohne finanziell einträglicher als Manhunter 16 Jahre zuvor, lief Red Dragon in den USA seinerzeit Filmen wie Santa Clause 2 oder Manhattan Love Story hinterher. Anlass genug, für eine neue Runde „Versus“ hier im Blog: Michael Manns Manhunter oder Brett Ratners Red Dragon, welcher der beiden Filme funktioniert für sich genommen besser?

The Detective

Bei Michael Mann ist Will Graham eine von ihrer Vergangenheit gezeichnete Figur. Rauchend und trinkend muss sie zu Beginn dazu überredet werden, nochmals für einen letzten Fall zurückzukehren in jene Welt, die sie fast das Leben gekostet hat. Ungekämmt, mit Drei-Tage-Bart und dem Kleidungsstil eines wahren Geschmacks-Legasthenikers – türkisfarbene Krawatte zu Bordeauxhemd mit schwarzem Jackett – ist dieser Will Graham im Grunde fertig mit sich und mit der Welt. Entsprechend verstörend geraten jene Szenen, in denen William Petersens Figur mit sich selbst als Platzhalter für den Serienmörder spricht (“It’s just you and me now, sport”). Dieser Graham ist quasi ein ermittelndes Opfer. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 65%

Durch die Besetzung mit Edward Norton automatisch bubenhafter kommt derweil Brett Ratners Ermittler daher. Gerne in Nahaufnahme eingefangen wirkt dieser Graham weitaus sauberer – sowohl innerlich wie äußerlich. Was in der Natur der Sache liegt, ist er doch hier nur zweite Geige für Hopkins Kannibalen, den er – man sollte es nicht glauben – im Intro zu Beginn anhand eines Kochbuchs überführt. Eine Figur als Mittel zum Zweck, ohne echtes Profil. Da passt es, dass er im Finale nicht zu Hilfe eilen darf, sondern vielmehr seine eigene, an Cape Fear anmutende, Klimax erhält. Die Selbstgespräche wirken weniger peinlich als beim Kollegen – aber vielleicht nur, weil man sie gewohnt ist. Hard-Boiled-Detective-Faktor: 35%

The Serial Killer

Es dauert 75 Minuten, ehe der Zuschauer erstmals Francis Dolarhyde zu Gesicht kriegt, jenen Familienkiller, der sich als Tooth Fairy einen Namen macht. Tom Noonan gibt einen einsam wirkenden Soziopathen, der per se schon spinnert genug wirkt, auch ohne Netzmaske über dem Gesicht. Und wäre dieser eklige Faktor Eifersucht nicht, könnte man fast glauben, der Figur stünde eine Katharsis ganz gut, wo sie nun endlich die große Liebe gefunden hat. Wirklich zu fassen, trotz des atmosphärischen Openings, kriegt man Dolarhyde bzw. Tooth Fairy jedoch nicht. Dafür ist der Charakter zu wenig präsent. Und – mit Verlaub – im Vergleich zu einem Buffalo Bill auch nicht schräg genug inszeniert. Charles-Manson-Faktor: 55%

Die Tooth Fairy als Figur spielt in der 2002er Version eine untergeordnete Rolle gegenüber Francis Dolarhyde. Der wirkt von Stimmen geplagt und als vermeintliches Muttersöhnen wie ein Mix aus Psycho und The Cell. Die Hasenscharte muss als Auszeichnungsmerkmal reichen, die Bedrohlichkeit von Ralph Fiennes’ Charakter drückt sich in akustischen Halluzinationen aus. Als Spektakel wird da dann auch das Finale inszeniert, das vermeintlich im „heldenhaften“ Suizid endet – ehe dann noch das Nachklapp-Ende zwischen Prota- und Antagonist wartet. Wo Noonan schon per se ungewöhnlich wirkt, muss Fiennes etwas mehr Arbeit investieren. Das Ergebnis ist dann aber eher Norman Bates als Ted Bundy. Charles-Manson-Faktor: 45%

The Predecessor

Wer einen Verbrecher fangen will, muss sich in einen solchen hineinversetzen – so eine klassische Trope des Genres. Entsprechend sucht Graham Serienkiller-Rat bei einem Serienkiller. “Dream much, Will?”, fragt ein gegelter Brian Cox, der mit minimalistischem Spiel maximale Ergebnisse erzielt. Er hat noch ein Huhn zu rupfen mit diesem Will Graham, dem er aber durchaus mit Respekt begegnet. Dadurch wie sehr ihre erste Begegnung dem Ermittler nahe geht – er flüchtet schließlich aus dem Gebäude – wird genug verdeutlicht, welche Vergangenheit die Figuren teilen. Später auch vorzüglich in einem Supermarkt-Zwiegespräch zwischen Graham und seinen Sohn thematisiert. Weniger ist oft mehr. Caged-Monster-Faktor: 65%

Im Grunde ist Red Dragon ein einziges Prequel-Vehikel für Anthony Hopkins’ Darstellung des kannibalistischen Therapeuten. Seine Szenen eröffnen und beschließen den Film (das Ende dabei als peinlich bemühte Überleitung zu The Silence of the Lambs gedacht), bekommt auch im Mittelteil nochmal zwei Dialogszenen mit Nortons Figur. Statt neun Minuten im Original wird so die Anwesenheit des Doktors auf 23 Minuten gestreckt – ohne dass die Figur für die Handlung wirklich dermaßen von Bedeutung wäre. Das eingangs bebilderte Schlusskapitel der Lecter-Graham-Beziehung funktioniert im Original weitaus besser. Genauso wie Hopkins’ Spiel inzwischen nur noch gestelzt und ohne rechtes Leben wirkt. Caged-Monster-Faktor: 35%

The Love Interest

Liebe ist blind – im Falle von Reba McClane ist das sogar buchstäblich zu verstehen. Die Paarung von Joan Allen und Tom Noonan überrascht zwar optisch betrachtet, immerhin aber wirkt Allens Darstellung der blinden Frau durchaus selbstbestimmt. In ihrer Beziehung zu Dolarhyde scheint sie ein Katalysator zu sein, der seinen Wahnsinn zähmen könnte – selbst wenn dies im weiteren Verlaufe nicht gelingt. Etwas überhastet wird die Beziehung der beiden allerdings im Original erzählt. Kaum lernt sie der Zuschauer kennen, geht es auch schon zum Tiger-Date und ab nach Hause zum Beischlaf. Das verleiht der Figur bei aller emanzipatorischen Selbstbestimmung dann allerdings doch etwas Billiges. Damsel-in-Distress-Faktor: 60%

Etwas weniger leicht zu haben scheint derweil Emily Watson. Das erste Süße gibt es lediglich in Tortenform auf den Teller, später dann dafür zum Heimkinoabend einen Blowjob als Nachtisch. Immerhin scheint die Wirkung der Figur in der Neuauflage so ausgelegt, dass Dolarhydes Liebe zu ihr letztlich über seinen mordlüsternen Wahnsinn obsiegt. Im Gegensatz zum Original scheint die Gefahr dafür aber im Raum zu stehen. “What do you really know about the guy?”, fragt Ralph Mandy da zurecht, ehe ihn eine Kugel aus Dolarhydes Revolver erwartet. Optisch passen Fiennes und Watson zwar etwas besser zusammen, blass bleibt die englische Darstellerin im Vergleich zu Allen aber dennoch. Damsel-in-Distress-Faktor: 40%

The Journalist

Art imitates life sagt man wohl angesichts dessen, dass Journalisten ähnlich wie Politiker und Anwälte in Filmen wie im realen Leben nicht den allzu besten Ruf haben. Da unterscheidet sich Freddy Lounds nicht sonderlich vom Rest seiner Zunft und Stephen Lang vermag in seinen wenigen Szenen durchaus den Ekelfaktor des Tabloid-Reporters gemischt mit der aus der Vergangenheit resultierenden Animosität zwischen seiner Figur und Will Graham zu bündeln. Bei Mann sehen wir die Umstände des Lounds-Graham-Fotos und später auch, wie Lounds von Dolarhyde gezwungen wird, völlig aufgelöst, eine Gegendarstellung zu seinem Artikel zu diktieren. In der Summe hat Lang somit die Nase vorn. Klatschreporter-Faktor: 60%

Noch ein paar Jahre vor seinem Oscargewinn, aber bereits als veritabler Charakterdarsteller etabliert, wirkt Philip Seymour Hoffman speziell zu Beginn wie ein gelangweilter Fremdkörper. Mit einem darstellerischen Minimalaufwand gelingt es somit auch der Figur nicht, wirklich authentisch zu wirken. Erst später, in Dolarhydes Gewahrsam, setzt bei dem inzwischen verstorbenen Lounds-Darsteller das große Spiel ein. Obschon jedoch angemerkt werden muss, dass das Flehen um das eigene Leben von Lang ebenfalls überzeugender gespielt wird. Oder vielleicht auch nur so wirkt, weil die Figur weniger eindimensional erscheint, obschon der Charakter als solcher natürlich lediglich eine Karikatur ist. Klatschreporter-Faktor: 40%

The Boss

Wenn es um Jack Crawford geht, sind beide Filme zur Abwechslung mal auf Augenhöhe. Aus der Not geboren ruft Crawford seinen alten Weggefährten Will Graham um Hilfe. Dabei durchaus mit dessen Gewissen spielend, unter Androhung, dass die Tooth Fairy sonst erneut zuschlägt. Schließlich mordet Dolarhyde im Mondzyklus und dieser steht wieder ins Haus. Dennis Farina und Harvey Keitel füllen die Rolle beide mit ausreichend Leben aus, auch wenn Farina – womöglich allein wegen seines Schnauzers – etwas mehr Charisma zu verströmen scheint. Ansonsten ist Crawford allenfalls eine Randfigur, die speziell in der zweiten Hälfte nicht mehr sonderlich ins Film-Geschehen eingebunden wird. Angry-Captain-Faktor: jeweils 50%

The Wife

Ähnliches in den Hintergrund rücken wie bei Jack Crawford würde man sicherlich auch im Falle von Molly Graham erwarten: Wills Gattin, die zu Beginn der Geschichte „Lebevoll“ sagen muss, ehe es zum Ende des zweiten Akts zu einem Wiedersehen wider Willen kommt. Die unscheinbare Kim Geist spielt die Ehefrau, die wenig wohlwollend ihren Mann zurück in den Dienst lassen muss, überzeugend. Die Besorgnis untermauert Michael Mann zudem mit wiederholten Telefonanrufen und einer gefälligen Dock-Szene zwischen den Eheleuten als Übergang in den finalen Schlussakt des Films. Zwar fällt es Geist – dir zuvor schon in Miami Vice auftrat – selbst an Ausstrahlung, ihre Rolle zumindest wird mit solcher versehen. The-Good-Wife-Faktor: 65%

Ein Pluspunkt von Red Dragon für sich ist derweil sicherlich die Besetzung von Molly Graham mit der atemberaubenden Mary-Louise Parker. Umso bedauerlicher jedoch, dass auch ihre Rolle der ausufernden Screen Time von Hopkins’ Dr. Lecter zum Opfer zu Fallen scheint. Neben einem kurzen Abschied mit Schnute zu Beginn und einer wenig gelungenen Reunion-Szene im Mittelteil taucht sie zwar in der Cape Fear-Klimax erneut kurz auf, ist allerdings nie mehr als hübsches Beiwerk für einen Film, in dem das Testosteron das Temo bestimmt. Neben Harvey Keitel und Ralph Fiennes gehört Parkers Besetzung dennoch zu den wenig geglückten der 2002er Neuverfilmung von Thomas Harris’ Roman. The-Good-Wife-Faktor: 35%

The Tone

Es besteht kein Zweifel: Manhunter ist ein 80er-Film durch und durch. Das wird nicht nur durch das Plakat oder die Schriftart und -farbe des Titel ausgedrückt, auch die Farbgebung des Films – mit Blau- und Rottönen – und Mise-en-scene gehören dazu. Will Graham sieht aus wie eine abgehalfterte Version von Sonny Crockett und wird von Mann gerne in der Totalen oder Halbtotalen eingefangen. Eigentlicher Star von Manhunter ist derweil sein Soundtrack, der Songs wie “Strong As I Am” von den Prime Movers, Shriekbacks “The Big Hush” oder “Heartbeat” von Red 7 gekonnt einsetzt, um Szenen eine eigene Ausdrucksstärke zu verleihen. Kein Wunder gilt Manhunter unter Fans als Kultfilm. Got-the-Touch-Faktor: 75%

Brett Ratners Film hingegen fehlt es an jeglicher visueller Eigenständigkeit. Red Dragon ist eine reine Auftragsarbeit, die ziemlich offensichtlich bloß den Hopkins-Lecter-Hype bedienen soll. Infolgedessen versucht sich der Film von der Farbgebung her Ridley Scotts Hannibal anzugleichen, während er vom Art Design wiederum klar die Verbindung zu The Silence of the Lambs sucht. Infolgedessen begegnen sich Graham und Lecter hier wie zuvor/später Clarice Starling, sehen wir zugleich Anthony Heald und Frankie Faison ihre Rollen aus Jonathan Demmes Klassiker wiederholen. Red Dragon fehlt es somit an einer eigenen Stimme – was bleibt, ist ein lebloser Körper, der lediglich eine bloße Fassade darstellt. Got-the-Touch-Faktor: 25%

Fazit

Am Ende ist es eine klare Sache: Manhunter reüssiert überall dort, wo Red Dragon scheitert. Die Ursachen sind vielfältig und offensichtlich: Auf der einen Seite ein talentierter Regisseur, der eine Romanvorlage mit eigener Stimme auf die Leinwand bringt, selbst wenn er dabei durchaus in seiner Zeit verhaftet wirkt. Dem gegenüber steht eine Auftragsarbeit einer Regie-Drone, die lediglich nachäfft, was andere, größere Regisseure vor ihr bereits mit Erfolg krönten. Und sich hierfür eines Ensembles bedient, das entweder unterfordert oder schlicht fehlbesetzt ist. Manhunter ist keineswegs perfekt, mit viel gutem Willen halbwegs gut, aber dennoch klar Klassen – oder 8:1 Punkte – besser als Red Dragon. Winner by knockout: Manhunter.

8. März 2010

The Men Who Stare at Goats

Now more than ever, we need the Jedi.

Der Super-Soldat ist ein bekanntes Element in Unterhaltungsmedien. Er ist zu finden in Charakteren wie Luc Deveraux aus Roland Emmerichs Universal Soldier oder in seiner wohl bekanntesten Form in der Marvel-Comicfigur des Captain America. Ähnlich wie andere Comicfiguren (Logan im Weapon-X-Programm) ist der Ursprung der Super-Soldaten - wie der Terminus „Soldat“ bereits impliziert - militärischer Natur. Der Drang danach, einen möglichst unbesiegbaren Krieger in den eigenen Reihen zu haben, der zugleich nicht nur schwer auszuschalten ist, sondern auch zugleich Gegner mit Leichtigkeit selber ausschalten kann. Ein bekanntes Element in Unterhaltungsmedien, aber natürlich im wahren Leben nicht praktizierbar. Oder doch? Der Journalist Jon Ronson veröffentlichte vor sechs Jahren seinen Roman The Men Who Stare at Goats. Ein Werk, das sich wie reine Fiktion liest, aber dennoch - amüsanter-, erschreckenderweise? - auf wahren Recherchen zu basieren scheint.

In sechzehn Kapiteln erzählt Ronson von Armeegenerälen, die glauben, durch Wände laufen zu können. Von Ziegenlaboratorien, wo der Herzschlag der Tiere durch reines Anstarren ausgesetzt werden sollte. Ronson berichtet über Foltermethoden im Irak, in denen Gefangene mehrere Stunden der Musik von amerikanischen Kinderfernsehsendungen wie Barney & Friends ausgesetzt wurden. Und natürlich vom First Earth Battalion, einer Militäreinheit, die aus Kriegermönchen bestehen sollte, die eins mit ihrer Umwelt sind und friedlich ihre Feinde unterjochen. Es sind unterschiedliche und bisweilen zusammenhangslose Beispiele, die Ronsons unter dem Motto des Militärs zu vereinen versucht. Ein Unterfangen, das ihm nur gelegentlich gelingt. Die ersten siebzig Seiten seines Buchs sind mit das Köstlichste, was man vermutlich in seinem Leben lesen wird. Allein die Einführung der Jedi Warrior ist grandios und urkomisch. Ein humoristischer Aspekt, den der Roman nicht durchgehend aufrecht erhalten kann. Was es Grant Heslovs Filmadaption nicht leichter macht.

Hier portraitiert Ewan McGregor nun Ronsons filmisches Alter Ego Bob Wilton. Einen Kleinstadtjournalisten, der sich gen Irak ins (Kriegsberichterstatter-)Abenteuer stürzen will, um seine Frau (Rebecca Mader) zu beeindrucken, die ihn für seinen Redakteur verlassen hat. Allerdings landet Bob statt im umkämpften Irak im stillen Kuwait, trifft dort eines Abends jedoch zufällig Lyn Cassady (George Clooney). In Bobs Köpfchen klingelt etwas, war Cassady doch ein Mitglied einer militärischen Einheit mit psychischen Fähigkeiten, von dem ihm ein ehemaliger Interviewpartner Monate zuvor erzählt hat. Seine einstige Recherche bringt ihm dann Cassadys Vertrauen ein, der überschwänglich auf seinem Hotelzimmer von unsichtbaren Jedi-Kriegern erzählt. Und von seinem Mentor und ehemaligen Vorgesetzten Bill Django (Jeff Bridges), dem Erfinder der New Earth Army. Bob riecht eine Story. Seine Story, auf die er nun schon so lange gewartet hat. Gemeinsam mit Cassady macht er sich endlich in den Irak auf, wo Lyn reklamiert, eine geheime Psych-Operation durchzuführen.

Regisseur Grant Heslov verwebt nun in Anbetracht der Umstände beziehungsweise Vorlage die jeweiligen Geschichten zu einer relativ stringenten Einheit. Wobei das Eis, auf dem sich hier bewegt wird, äußerst dünn ist, betrachtet man allein die Ausgangsbasis für Wiltons Unterfangen (nicht jeder verlassene Mann stürzt sich gleich in einen Krieg). Dass The Men Who Stare at Goats vor allem - ausschließlich? - von seinen absurden Momenten lebt, ist selbstverständlich. Und die Absurdität der Geschichte wird kanalisiert in Clooneys Figur des Super-Soldaten, Krieger-Mönch oder Jedi-Kriegers - wie man ihn auch nennen mag. Wurde der von der Presse zum neuen Cary Grant geadelte Amerikaner dieses Jahr für Jason Reitmans Tiefflieger Up in the Air nominiert, ist es vielmehr seine Leistung in seiner zweiten Literaturadaption in 2010, die Lob verdient. Der Amerikaner ist ein Komödiendarsteller, hier liegen seine Stärken, hier fühlt er sich Zuhause. Daran ändern auch akzeptable Leistungen wie in Michael Clayton oder Syriana wenig.

Besonders gut liegen dem Womanizer dabei paranoide Figuren wie die eines Ulysses Everett McGill in O Brother, Where Art Thou? oder Harry Pfarrer in Burn After Reading. Verständlich, dass ihm ein Charakter wie Lyn Cassady nahezu auf den Leib geschrieben scheint. Wenn ein langhaariger und beschnauzter Clooney dann in einer Rückblende aus seiner New-Earth-Army-Zeit losgelöst mit geschlossenen Augen vor sich hin tanzt, dann ist das seine ihm angeborene Komik. Dagegen kann dann auch Jeff Bridges kaum anspielen, wobei Bridges unter seiner wenig ausgearbeiteten Figur leidet. Ein ähnliches Schicksal erfahren dann auch Nick Offerman und Stephen Lang, die lediglich Gastrollen ausfüllen. Lediglich Kevin Spacey kann ein wenig punkten, allerdings nur in den Rückblenden. McGregor hat in Heslovs Film die bedauernswerte Aufgabe erhalten, den Einäugigen unter den Blinden zu geben, was nicht ein Mal dann sonderlich überzeugen kann, als er sich peu a peu und schließlich ganz auch das verbleibende Auge aussticht.

Dennoch hebt sich Heslovs Film selten über seine Durchschnittlichkeit. Besonders misslungen ist die Scheibchenweise erzählte Geschichte der New Earth Army, die ohne saubere Übergänge an Cassadys und Wiltons Gegenwartsmission geschnitten wurde. Zudem verliert sich der Film ein wenig im zweiten Akt, wenn mit Robert Patrick ein amerikanischer Geschäftsmann mit privater Sicherheitsfirma kurz und völlig sinnlos die Szenerie betritt, um so schnell wie er kam auch wieder in einer irakischen Seitenstraße zu verschwinden. Ein Schicksal, das die meisten Figuren erfahren, die nicht gerade „Cassady“ heißen oder wie Wilton den Erzähler der Geschichte geben. Auch die Jedi-Jokes auf Kosten von „Obi-Wan Kenobi“-Darsteller McGregor wirken spätestens nach dem fünften Mal ausgelutscht, wie auch die Finaleinstellung ausgesprochen misslungen ist und den zu Beginn verlauteten Ton der (Semi-)Seriosität konterkariert. Abgesehen davon ist The Men Who Stare at Goats aber eine kurzweilige und insofern gelungene Romanadaption.

5.5/10

16. Dezember 2009

Avatar

That’s what I’m talking about, bitch.

Ein Sprichwort besagt: Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Die Wenigsten pflegen es in die Tat umzusetzen, ein Mann schien es getan zu haben. Hollywood-Regisseur James Cameron stand am 23. März 1998 auf der Bühne des Shrine Auditoriums in Los Angeles und verkündete, seinen ersten Academy Award für die beste Regie in der Hand haltend, dass er der „König der Welt“ sei. Ein Zitat aus seinem Monumentalwerk Titanic, mit welchem Cameron nicht nur elf der begehrten Trophäen gewann - und sich damit neben dem Klassiker Ben Hur einreihte -, sondern zugleich mit einem weltweiten Einspiel von 1,8 Milliarden US-Dollar auch den erfolgreichsten Film aller Zeiten (inflationsunbereinigt) ablieferte. Die Branche war sich sicher: Das würde auf lange Sicht niemand mehr übertrumpfen können. Zu der Einsicht schien auch der „König der Welt“ gekommen zu sein, und zog sich aus der Spielfilmbranche zurück.

Die Jahre zogen ins Land, Cameron produzierte zwei Unterwasser-Dokumentationen, The Return of the King - welch passender Filmtitel - gewann elf Academy Awards. Sowohl Peter Jacksons Lord of the Rings-Verfilmung als auch Gore Verbinskis Pirates of the Carribean-Filme spülten Milliardenbeträge in die Kassen ihrer Produzenten. Die Harry Potter-Adaptionen liefen nicht minder erfolgreich. Das Königreich Hollywood lebte in friedlichen Zeiten. All seine Prinzen und Fürsten, all jene Jacksons, Verbinskis, Raimis und Yates’ hielten den Glanz alter Tage aufrecht. Und unterdessen bereitete der König seine Rückkehr vor. Zuerst waren es Gerüchte, die Cameron mit einem alten Filmprojekt, einer Umsetzung des Mangas Battle Angel in Verbindung brachten. Dann wechselte der gebürtige Kanadier zu einem anderen, lang antizipierten Projekt. Zur klassischen Erzählung des “stranger in a strange land”. Zu Avatar.

Im Königreich sprach man von der Rückkehr des Regenten. Von seinen Ideen und Visionen. Cameron habe eine neue Filmtechnik entwickelt. Eine Technik, die die (Film-)Welt für immer verändern sollte. Eine Virtual Camera, die am Set bereits erlaubte, den fertigen Film zu sehen, noch während er gedreht wurde. Das alles in einer 3-D-Technik, die den Weg bereiten sollte ins neue digitale Zeitalter des Kinos. “One life begins. Another ends”, heißt es in Avatar, was nicht nur mehrfach für das Geschehen im Film anwendbar ist, sondern auch für dessen Bedeutung in der technischen Entwicktlung seiner Branche. Als so genannten game changer betrachteten Experten Camerons ersten Film nach zehn Jahren. Spätestens zu Avatars Filmstart würden die bisher noch skeptischen Kinos auf die neuen DLP-Projektoren und 3-D-Technik umsatteln. Die Euphorie war gering. Würde das Volk seinen alten König wieder akzeptieren?

Die Genesis von Avatar ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte für sich. Angefangen vom ersten Teaser, der bei vielen die Erwartungen tief fallen ließ. Große blaue computergenerierte Katzen, militärische Flugzeuge, eine Handvoll Tiere. “Up ahead was Pandora. You grew up hearing about it but I never figured I’d be going there”, berichtet Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) zu Beginn. Und spricht damit eine Haltung aus, die vielen Zuschauern zu Eigen war. Hier und da war im vergangenen Jahrzehnt von Avatar gesprochen worden. Grobe Handlungselemente, ein Besuch von Peter Jackson und Steven Spielberg am Set, die sich beide in Camerons neue Technik verliebten (und sie 2010 in The Adventures of Tintin selbst anwendeten). Aber es kam nie in den Sinn, selbst in die Welt von Avatar einzutauchen. Schon gar nicht in der Form, wie sie es Cameron 2009 schließlich für Millionen von Menschen möglich gemacht hat.

Was folgte, ist bekannt. Avatar lief Mitte Dezember an und wird auch ein halbes Jahr später noch in vielen Kinos gespielt. Im März wurden die Academy Awards verliehen - ohne Cameron auf der Bühne. Sein Film blieb in den wichtigen Kategorien außen vor und das nach Meinung vieler Menschen auch zu recht. An der Rückkehr des Königs änderte dies wenig. Gefördert von Aufschlagpreisen für die beeindruckende 3-D-Technik, avancierte Avatar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten - mit einer Milliarde Dollar (!) mehr Einspiel als Titanic. Nach dem Motto «Le Roi est mort. Vive le Roi!» oblag es Cameron selbst, seinen eigenen, vor zehn Jahren aufgestellten, Rekord zu brechen. Sein Film ist eine Marketing-Melkkuh, die Ende des Jahres in einer erweiterten Fassung nochmals in den Kinos startet und deren Fortsetzung, Avatar 2, bereits angekündigt wurde (und vermutlich in einem dritten Teil als Trilogie-Abschluss enden wird).

Zuvorderst ist Avatar ein Technikfilm. Ein Werk der visuellen und Spezialeffekte, mit exzellentem Ton ausgestattet und einem 3-D-Effekt mit Vorreiterfunktion. All diese technischen Dinge wurden bei den Academy Awards ausgezeichnet. Zwar lassen einige Einstellungen erkennen, dass sie gerade für 3-D konzipiert wurden und auch die visuellen Effekte wirken gelegentlich unsauber (zumindest im Vergleich zum restlichen Film). Dennoch setzt das CGI Maßstäbe für die nächsten Jahre und die Worte meiner ersten Besprechung („In seinen schlechtesten Momenten sieht Avatar aus wie ein sehr guter Animationsfilm. Und in seinen besten Momenten wirken die Szenen wie shot on location) haben weiter Bestand. Für seinen Handlungsrahmen wiederum beschränkte sich Cameron auf altbekannten Formeln - und übernahm einfach(e) Erzählgerüste aus ähnlich gearteten Filmen, die demselben Genre entsprungen sind.

“Up ahead was Pandora”, beschreibt Jake, während sich der erdähnliche Mond vor dem blauen Gasriesen Polyphemus erhebt. “You grew up hearing about it but I never figured I’d be going there.” Pandora ist eine fremde, eine gefährliche Welt. Hier trägt die Resources Development Alliance (RDA) als Imperialistenkonsortium Mitte des 22. Jahrhunderts den Rohstoff Unobtanium ab. Sehr zum Missfallen der Einheimischen, den humanoiden Na’vi. Während Ethnologen wie Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) den Dialog mit diesen suchen, würde sie derweil der militärische Oberkommandeur Col. Quaritch (Stephen Lang) am liebsten ausrotten. In diesen Konflikt wird nun Jake katapultiert als sein Zwillingsbruder und Wissenschaftler Tom, der am so genannten Avatar-Programm teilnahm, verstirbt. In diesem wird das Bewusstsein eines Menschen per „Download“ in einen Na’vi-Mensch-Hybrid geladen, um diesem als Avatar zu dienen.

Jakes Bruder Tom sei “a significant investment” gewesen, erklären RDA-Angestellte zu Beginn und geben damit sogleich den Ton des Filmes vor. Während die RDA viel Zeit und Geld aufwendet, um die Avatare zu kreieren, investiert Jake letztlich sein Leben in die ihm zu Grunde liegende Mission (auch Avatar selbst stellt natürlich eine „signifikante Investition“ dar). Und so wie Jake wegen seiner identischen DNS in Toms Fußstapfen treten muss (oder kann), so ist es James Cameron, der dank derselben DNS in seine eigenen Fußstapfen steigen und ihren Weg fortführen kann. “One life ends. Another begins.” Der Film als Gesamtwerk propagiert dabei in gewissem Sinne eine Mise en abyme, denn so wie Jake seinen Avatar nutzt, um in die Welt der Na’vi einzutauchen, so fungiert Jake wiederum für den Zuschauer als Avatar, um in die Welt der Avatare und dementsprechend auch die der Na’vi und Pandora vorzudringen.

Der Film präsentiert nun die beiden gegensätzlichen Kulturen von Natur und Industrialisierung, mit Giovanni Ribisis Firmenfigur des Parker Selfridge, der zuerst die Interessen der Aktieninhaber im Blick hat. Jake verkommt hier zur idealen Mittlerfigur, ist er doch durch seine Querschnittslähmung (man erfährt weder vollständig den Ursprung von Jakes Verletzung noch die Todesumstände von Tom) ein Kind zweier Welten. Kaum auf Pandora gelandet, wird er von den dortigen Marines als “hot rod” und “meals on wheels” verunglimpft. Eine wirkliche Funktion erfüllt Jake für Quaritch nur insofern, dass sein Kopf mit der militärischen Doktrin gefüllt ist und er dem Colonel somit als Spitzel dienen kann. Für die Wissenschaftler wiederum bringt Jakes Charakter eine gewisse Durchschlagskraft mit sich, die intuitiv handelt. Insofern ist Jake weniger „Auserwählter“ als vielmehr der richtige Mann am richtigen Ort.

Es sind diese Umstände, die die Handlung in Gang setzen. Als Nicht-Wissenschaftler steht Jake den Anderen im Weg, er entfernt sich von der Gruppe und bringt sich in Gefahr. “You are like a baby. Making noise, don’t know what to do”, beurteilt Na’vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana) später sein Verhalten. Und in der Tat verhält sich Jake gerade in der ersten Hälfte ausgesprochen kindlich, was jedoch als Offenheit zu lesen ist. Mit kindlicher Faszination spielt er mit Pandoras Flora und sieht sich plötzlich einem Thanator gegenüber. Auch später, beim Aufeinandertreffen mit Neytiri, behält sich Jake seine kindliche Faszination. Wie bei einem Kind, hat sein Verhalten jedoch auch Konsequenzen. Er erweckt die Aufmerksamkeit einiger Viperwölfe, derer er sich schließlich nur durch Neytiris Zutun erwehren kann. In einem kathartischen Moment schreitet dann das Schicksal, hier in Gestalt der Lebensspendenden Kraft Eywa, ein.

Was folgt, ist der große Ideenklau. Cameron bedient sich freigiebig bei Dances with Wolves, der Pocahontas-Legende - allen voran der Disney-Version von 1995 - und bei anderen (darunter FernGully: The Last Rainforest und Mononoke-hime). Der weiße Fremde lernt die Kultur der Einheimischen kennen. Das Band mit Eywa (“All energy is only borrowed, and one day you have to give it back”), Tsaheylu, die Verbindung mit den übrigen Lebensformen auf Pandora. Wie John Dunbar, wie John Smith vor ihm, beginnt sich Jake mit der fremden Zivilisation zu identifizieren. Verkommt zum “tree hugger”, wie man naturphile Menschen heute nennt und wie auch Jake und Co. im Film tituliert werden. Avatar ist ein Film über das Kulturgut indogener Völker, auf das bei Filmstart auch von manchen Rezensenten reichlich despektierlich herabgesehen wurde, wenn Camerons Werk vielerorts als „Esoterikkitsch“ abgetan wurde.

Dabei unterscheidet Eywa letztlich relativ wenig von George Lucas’ in Star Wars implementierter “force”, abgesehen von ihrer Etablierung und visuellen Manifestierung. Es fällt der westlichen iPod-Generation daher nachvollziehbar schwer, die Bedeutung von Eywa zu erfassen (Parker Selfridge drückt es passend aus, wenn er proklamiert: “You throw a stick in the air around here, it falls on some sacred fern”). Die Na’vi leben an der Basis des Lebens, die gesamte Indogenität ihrer Kultur fängt Cameron nicht nur in seinen Anlehnungen an die nordamerikanischen Ureinwohner, sondern auch durch James Horners mitreißende Musik (ebenfalls von vielen als „Ethnokitsch“ verschrien) ausgesprochen gelungen ein. Wenn überhaupt, dann übertreibt es der Regisseur lediglich in Augustines Heilungsprozedur mit der esoterischen Gewichtung, die an dieser Stelle zwar nicht peinlich, aber etwas aus dem Ruder gelaufen wirkt.

Konträr zur esoterischen Darstellung Pandoras platziert Cameron die kapitalistische RDA, die entgegen einiger Meinungen kein negatives Bild des US-Militärs darstellen soll. Vielmehr kritisiert Cameron hier das Söldnertum von Firmen wie Blackwater und ihre Involvierung in außenpolitische Ereignisse (s. hierzu auch State of Play). Dies verdeutlicht der Regisseur bereits zu Beginn, wenn er Jake noch am Flughafen erklären lässt, dass die anwesenden Soldaten auf der Erde Marines waren, “fighting for freedom”, auf Pandora nun jedoch “just hired guns” seien, “taking the money, working for the company”. Dementsprechend ist Quaritch dann auch lediglich eine Summe jeglicher Xenophobie, der im Zusammenhang mit den Na’vi deutlich macht, dass er diese zur Zusammenarbeit, wenn nötig, zwingen und „Terror mit Terror bekämpfen“ werde. Als reines Feindbild und Antagonist braucht Quaritch somit auch kein Motiv.

Die Szenen in Augustines Labor oder bei der RDA sind eher die Ausnahme. Fluchtmomente, die vor Augen führen, dass sich das „wirkliche“ Leben woanders abspielt. Und wie Jake kann es der Zuschauer nicht erwarten, wieder in sein Pod, zurück in den Avatar, zu steigen. Diese Sogentwicklung ist eine von Avatars großen Stärken, die zudem davon abhängt, dass der zweite Akt sich mit fast einer Stunde genug Zeit nimmt, neben Jake auch die Zuschauer in die Flora und Fauna von Polypephemus’ Trabanten einzuführen. Es sind jene Momente mit Jake und Neytiri in der Natur, die dem 3D-Effekt eine Daseinsberechtigung bescheren. Denn ohne die Flora des Trabanten, verkäme auch hier die Technik zum bloßen Gimmick. Insofern lohnt es sich in diesem Fall durchaus, für eine Sichtung einen Aufpreis zu zahlen, der in anderen Fällen wie Clash of the Titans) lediglich einem Griff in die Geldbörsen der Kinobesucher gleichkommt.

Seinen Wurzeln als Action-Regisseur wird Cameron dann im Finale gerecht, wenn er ein über halbstündiges Kampfgefecht anzettelt, das sich nicht zu schade ist, einige der über zwei Stunden liebgewonnenen Figuren über die Klippe zu schubsen. Fraglos etwas redundant über seine Dauer und hinsichtlich seines explosiven Ausmaßes auch etwas die Ideologie des Filmes konterkarierend, beeindruckt die Choreographie dennoch, auch oder gerade weil sie sich im Gegensatz zu einem Michael Bay die Zeit nimmt, dem Zuschauer tatsächlich zu zeigen, was sich gerade abspielt, anstatt Computerpixel unkoordiniert durcheinander zu schneiden. Dennoch kommt auch Cameron nicht umhin, sich in seinen Bildern zu verlieren und Einstellungen zu produzieren (Quaritch springt im AMP-Anzug aus dem abstürzenden Flugzeug, welches hinter ihm im Wald explodiert), die selbst für einen Film wie Avatar letzten Endes etwas over the top wirken.

Trotz seiner gelungenen Umsetzung produziert Avatar jedoch auch offene Fragen und Problemstellen. Sieht man von Quaritch ab, ist es bedauerlich, dass zumindest Figuren wie Trudy (Michelle Rodriguez) und Selfridge nicht etwas mehr Tiefe verliehen wurde. So erklärt sich nicht, wieso Trudy mit Sully, Augustine und Co. sympathisiert. Cameron wies zwar darauf hin, dass Trudy und Jake die beiden einzigen militärischen Figuren seien (weil sie über ihr Handeln nachdenken), dennoch wirkt ihre Verortung in das RDA-Programm und Sympathie mit den Avataristen etwas fragwürdig. Und wo sich bei Quaritch als vollkommenen Bösewicht auf eine Charakterstudie verzichten lässt, zeigt zumindest Selfridge bei der Zerstörung von Home Tree, dass er durchaus eine kritische Sicht auf sein eigenes Handeln haben könnte. Auch über Tom Sully - der immerhin das krasse Gegenteil seines Bruder darstellt - hätte sicherlich noch mehr gesagt werden können.

Andere Fragen betreffen die Fauna von Pandora, zum Beispiel wieso die Na’vi als einzige Lebewesen nur über vier und nicht wie die Übrigen über sechs Extremitäten verfügen. Doch ist dies eine untergeordnete Frage, die hinter der Integration von Tsaheylu zurücksteht. Jenem Band, das die Na’vi mit Eywa, einander und den übrigen Lebewesen verbindet. Besonders fragwürdig ist die Zähmung der Banshees, in der Jake sein auserwähltes Tier zu Boden ringt, und diesem Tsaheylu sprichwörtlich aufzwingt. Das Ganze verleiht speziell dieser Szene etwas von einer emotional-psychologischen Vergewaltigung, derer sich die Banshee nicht erwehren kann, sondern die sie über sich ergehen lassen muss. Was in unserer Kultur hinsichtlich der Zähmung eines Pferdes noch „vertretbar“ wäre, gewinnt in der Kultur der Na’vi, in der Eywa alles durchströmt und ein Band mit den übrigen Kreaturen geflochten wird, eine sehr zu hinterfragende Bedeutung, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Abgesehen davon ist Avatar jedoch ein außergewöhnlicher Film geworden. Nicht der proklamierte game changer und auch nicht die angekündigte Kinorevolution, aber dennoch einer der unterhaltsamsten und somit gelungensten Filme des Kinojahres 2009 bzw. 2010. Allerdings auch ein Film, der beim mehrmaligen Sehen abbaut und beginnt, Längen aufzuweisen. Was jedoch auf die meisten Filme zutrifft, wenn sie innerhalb weniger Monate mehrere Male gesehen werden. Letztlich hat James Cameron die Vakanz des Königsthrones, die von ihm selbst geschaffen wurde, aus Ermangelung eines Nachfolgers wieder mit sich selbst besetzt. Es ist somit eine triumphale Rückkehr des Königs, die dieser vorerst nicht wiederholen möchte. Avatar 2 ist aktuell für 2015 angekündigt, mit dem Versprechen auf zwei weitere Fortsetzungen und damit einer Filmserie. Aufhören, wenn es am Schönsten ist, ist eben nur ein Sprichwort.

8/10 - die ursprüngliche Besprechung findet sich bei evolver