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2. August 2026

Filmjahresrückblick 2001: Top Ten

It's all one film to me, just different chapters. 

(Robert Altman) 

Der Wechsel ins neue Jahrtausend geschah bereits 2000, doch die Richtung für unsere Gesellschaft gab erst das Folgejahr vor. Nicht, wie von Stanley Kubrick einmal angerissen, eher durch 9/11 beeinflusst und viele Facetten, speziell politisch, aber auch kulturell, beeinflussend. „Wo warst Du, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen?“ avancierte zum kollektiven JFK-Attentat-Gedächtnismoment unserer Zeit. Zugleich war 2001 ein Jahr, das bis heute cineastisch prägt, angesichts des Starts zweier der größten Filmreihen, mit Harry Potter einerseits und Lord of the Rings andererseits. Wenn man möchte, könnte man – angesichts bevorstehender Fortführungen – auch Shrek und Ocean’s Eleven hier noch hinzuzählen. 

Kinobesuche waren für mich nicht gerade die Regel. Blicke ich auf die Veröffentlichungen jenes Jahres, kann ich jene Filme, an die ich mich erinnere, sie im Kino gesehen zu haben, an einer Hand abzählen (und bräuchte nicht einmal alle Finger). Lebhaft habe ich dafür noch in Erinnerung, an meinem 18. Geburtstag, der anders verlief als geplant, abends in The Mummy Returns gegangen zu sein. Vorrangig konsumierte ich damals DVDs, die noch ein relativ frisches Medium für mich waren. Gegenüber 1983, als seinerzeit deutlich weniger Filme produziert wurden, war der Output 2001 bereits deutlich höher. In den vergangenen 25 Jahren kam ich so in Summe auf 196 Filme aus 2001, die ich bisher gesehen habe. 

Nie zuvor gab es so viele Kinobesucher wie im Jahr 2001.
Wie erwähnt fast nur im Heimkino, wobei man festhalten muss, dass es teils Filme gibt (ein paar davon auch in meiner Top Ten), die selbst ein Vierteljahrhundert später keine Auswertung in Deutschland erhalten haben. Es waren andere Zeiten – bessere nicht zuletzt auch für Lichtspielhäuser. Jack Valenti, damaliger Präsident der Motion Picture Association of America (MPAA) erklärte 2001 gar für das bis dato erfolgreichste Kinojahr überhaupt. In Deutschland machten Harry Potter and the Philosopher’s Stone, The Fellowship of the Ring und Der Schuh des Manitu allein ein Fünftel des Marktes aus – ihre rund 35 Millionen verkauften Tickets von damals entsprechen zugleich 40 Prozent des Gesamtertrags von 2025. 

Deutlich bessere Zeiten also für Filmverleihe, Kino und Produktionsstudios gegenüber der Streaming-Kultur heutzutage. Und auch wenn Harry Potters erstes Abenteuer mit fast einer Milliarde Dollar (inflationsbereinigt wären es inzwischen 1,7 Milliarden) der erfolgreichste Film des Jahres wurde, scheint The Fellowship of the Ring doch der König der Herzen zu sein, mit einem Einspiel von 868 Millionen und von den Nutzern der Internet Movie Database (IMDb) mit einer Bewertung von 8.9/10 zum beliebtesten Film des Jahres 2001 (und dem generell achtbeliebtesten Film aller Zeiten) gewählt. Knapp vor Sen to Chihiro no kamikakushi [Spirited Away] mit einer Bewertung von 8.6/10 und Le Fabuleux Destin d’Amélie [Amélie] mit 8.2/10. 

Filmreihen-Auftakte oder -Fortsetzungen runden die Top Ten an der Kinokasse ab.
Der dritterfolgreichste Film jenes Jahres war derweil Monsters, Inc., der so auch den ertragreichsten Animationsfilm 2001 darstellt, knapp vor Shrek, der dafür aber bei der darauffolgenden Oscarverleihung in der betreffenden Kategorie das Rennen gegen die Konkurrenz machte. Auf den Plätzen 5 bis 7 folgen Ocean’s Eleven, Pearl Harbor und The Mummy Returns, die alle drei auf ein Einspielergebnis von über 400 Millionen Dollar kamen. Die Franchise-Filme Jurassic Park III, Planet of the Apes und Hannibal vervollständigen wiederum die zehn finanziell überzeugendsten Filme des Jahres. Obgleich Tim Burtons Affenplanet ordentlich Kasse machte, sollte ein Jahrzehnt bis zum nächsten Teil vergehen, der selbst ein Reboot markierte.

In der Regel folgt an dieser Stelle ein Querschnitt durch die Länder, wo welcher Film gegenüber den anderen mehr auf Anklang stieß. Meine sonstigen Quellen hierzu reichen allerdings kein Vierteljahrhundert zurück, sodass sich konkret kaum wirkliche Aussagen hierzu treffen lassen. Wie erwähnt waren in Deutschland Michael „Bully“ Herbigs Der Schuh des Manitu und The Fellowship of the Ring deutlich erfolgreicher unterwegs als die übrigen Veröffentlichungen des Jahres, am meisten Zuschauer lockte aber Harry Potter and the Philosopher’s Stone an. Dieser wurde auch der erfolgreichste Film in den USA, allerdings hauchdünn, spielte er doch nur vier Millionen Dollar mehr ein als der Auftakt der Lord of the Rings-Reihe. 

Mit 12,5 Millionen Besuchern war Harry Potter der Jahressieger der deutschen Kinocharts.
Sehr viel anders dürfte dies wahrscheinlich auch international nicht gewesen sein, mit Vorteilen für das eine Franchise hier und für das andere dort. Berücksichtigt man, dass heutzutage in Südamerika gerade Animationsfilme oftmals die Kinocharts des Jahres anführen, könnte dort das ein oder andere Land eventuell auch Monsters, Inc. oder Shrek den Vorzug gegeben haben, während in Japan mit Sicherheit Sen to Chihiro no kamikakushi die Nase vorn hatte. Interessant ist zumindest, dass in Deutschland auf dem vierten Platz hinter dem genannten Triumvirat What Women Want auftaucht, der fast doppelt so viele Besucher fand wie Shrek. In den USA war dies Rush Hour 2 vorbehalten, der hierzulande erst 2002 anlaufen sollte.

Angesichts des Erfolgs von The Fellowship of the Ring dürften für das Jahr 2001 alle Involvierten als Gewinner gesehen werden, von New Line Cinema über Regisseur Peter Jackson hin zum VFX-Studio Weta. Steven Soderbergh schlug sich letztlich selbst in der Regie-Kategorie der Oscarverleihung für Traffic gegen Erin Brockovich. Eine weitere IP, die damals auf der Bildfläche erschien und sich bis heute hält, ist The Fast and the Furious; ein Film, der die Karrieren von Vin Diesel und Paul Walker auf die Überholspur schickte. In der TV-Landschaft debütierten mit Band of Brothers, Six Feet Under, der US-Version von The Office, 24 und Scrubs einige Shows, die nachhaltig Spuren in der Branche sowie auch in der Popkultur hinterließen.

Die besten Darstellerleistungen: Isabelle Huppert, Anaïs Reboux und Gene Hackman.
Bei den Schauspielern hatte Gene Hackman ein überaus gelungenes Filmjahr, überzeugte nicht nur in The Royal Tenenbaums und Heist, sondern auch in Heartbreakers und in Behind Enemy Lines. Bei den Schauspielerinnen hinterließ niemand wirklich einen nachdrücklichen Eindruck, selbst wenn einige gute Leistungen erbracht wurden, beispielsweise Maribel Verdú in Y Tu Mamá También oder Sissy Spacek in In the Bedroom. Am ehesten verdient hat eine Auszeichnung wahrscheinlich noch Isabelle Huppert für La Pianiste, während bei den Jungdarstellern Anaïs Reboux in À ma sœur! von Catherine Breillat auf sich aufmerksam machte, wobei auch Alakina Mann in The Others einen überzeugenden Job ablieferte.

Sonst war 2001 ein Jahr, in dem sich manch Regisseur an Science Fiction heranwagte – neben Tim Burton auch Steven Spielberg mit A.I.  Artificial Intelligence oder John Carpenter mit Ghosts of Mars –, beide Scott-Brüder ablieferten (Ridley doppelt mit Black Hawk Down und Hannibal, Tony mit Spy Game) oder Größen wie Robert Altman (Gosford Park) und die Coen-Brüder (The Man Who Wasn’t There) in Genres eintauchten. Die Filmqualität war noch gut, die Wertung der vordersten 20 Filme liegt höher als heute oft die Wertung des besten Films. Früher war eben mehr Lametta. In diesem Sinne endet also dieser Jahresrückblick für 2001 nun mit der Vorstellung meiner persönlichen Top Ten. Die volle Liste ist wie immer auf Letterboxd:


10. Ghost World (Terry Zwigoff, USA/UK/D 2001): Unvertraut mit der Vorlage ist Terry Zwigoffs Ghost World nichtsdestotrotz eine Comicverfilmung der ungewöhnlichen Sorte oder konkreter die Verfilmung eines Graphic Novels. Dieses widmet sich Außenseitern und ihrer Selbstfindung sowie der damit einhergehenden Entfremdung von ihrer Umgebung. Der Humor ist nicht so schwarz, wie er sein könnte und die Nebenfiguren von Brad Renfro und Scarlett Johansson etwas zu sehr im Hintergrund, aber dem Film wohnt eine soziale Aussage inne, die ihn zu mehr macht als seichter Unterhaltung.

9. The Tailor of Panama (John Boorman, IRL/USA 2001): Diese Adaption von John le Carrés Romanvorlage ist nicht zuletzt dank der Besetzung mit Pierce Brosnan eine wunderbar zynische Umkehrung eines Agententhrillers. Ähnlich wie in Wag the Dog inszenieren auch die beiden Hauptfiguren in The Tailor of Panama ein vermeintliches politisches Drama zum jeweils persönlichen Selbstzweck. Brosnan ist dabei wunderbar schmierig und charmant zugleich, während John Boorman die Chuzpe hatte, mit Brendan Gleeson einen Iren als abgehalfterten panamesischen Guerillakämpfer zu besetzen.

8. The Royal Tenenbaums (Wes Anderson, USA 2001): Innerhalb seiner Filmographie dürfte The Royal Tenenbaums Wes Andersons Opus magnum sein. Gegenüber Rushmore näherte sich seine symmetrische Mise en Scène und Stilisierung nah jener Palette, die seither sein Schaffen bestimmt. Gene Hackman brilliert als alternder Egoist, den die Umstände dazu zwingen, sich wieder jener Familie gegenüber zu öffnen, die er einst sich selbst überlassen hatte. Die Folge ist nicht nur charakterliche Selbstheilung, sondern auch der Versuch, begangene emotionale familiären Schäden zu beheben.

7. Distance (Kore-eda Hirokazu, J 2001): Kennen wir die Menschen, die wir zu kennen glauben? Und wissen wir überhaupt, wer wir selbst sind? Fragen, die Kore-eda Hirokazu mit Distance aufwirft, wenn vier Menschen in ihrem Gedenken an verstorbene Familienmitglieder die Chance geboten wird, deren Identität und die eigene Beziehung zu diesen zu hinterfragen. Das Quartett ist unterschiedlich von Verlust beeinflusst, findet teils über Umwege neu zu sich selbst, ähnlich wie ihre Angehörigen. Aus Unverständnis wird hierbei nicht zwingend Einsicht, aber aus Trauer vielleicht Akzeptanz.

6. Monsters, Inc. (Pete Docter, USA 2001): In den Nullerjahren des laufenden Jahrhunderts war Pixar noch eine nicht zu unterschätzende Studiogröße in Sachen Kreativität, während das Folgejahrzehnt zwar noch erfolgreicher ausfiel, aber inhaltlich und in Sachen Originalität abzubauen begann. Eingeläutet hatte jene Ära Monsters, Inc., eine humorvolle Geschichte über die Überwindung von Xenophobie und die Bedeutung von Empathie. Vom Verstehen, dass die Dinge, vor denen man Angst hat, nicht unbedingt zum Fürchten sind. Gleichwohl war 2001 ein Animationsfilm noch besser.

5. The Others (Alejandro Amenábar, USA/F/E 2001): Mit The Others erzählt Alejandro Amenábar originell eine schauerhafte Geistergeschichte der etwas anderen Art – selbst wenn The Sixth Sense zwei Jahre zuvor hinsichtlich der Auflösung bereits etwas den Wind aus den Segeln genommen hatte. Ruhig und bedacht, ohne Abhängigkeit von Jump Scares, widmet sich der Film, ähnlich wie Distance, der Erkenntnis einer neuen Lebensrealität und Akzeptanz von Verlust sowie dessen Bewältigung. Das Ergebnis ist atmosphärisch dicht und vom Ensemble überaus überzeugend gespielt.

4. Sen to Chihiro no kamikakushi (Miyazaki Hayao, J/USA 2001): Kreativität findet sich in Sen to Chihiro no kamikakushi [Chihiros Reise ins Zauberland]. von Miyazaki Hayao buchstäblich im Überfluss, der ein Sammelsurium an originellen Charakteren und Settings erschafft. Wie in anderen früheren und späteren Filmen wie Kaze no tani no Naushika oder Gake no ue no Ponyo wohnt dem Narrativ eine ökologische Botschaft inne; wenn auch letztlich der Film erzählerisch nicht ganz mit seinem visuellen Einfallsreichtum mithalten kann, ist dieser allein in diesem Fall eigentlich ausreichend genug.

3. Wet Hot American Summer (David Wain, USA 2001): Absurder Humor bewegt sich meist auf schmalem Grat hinsichtlich seiner Funktionalität. Als Vorreiter und Wegbereiter solcher gelungener Filme wie Hot Rod und Anchorman dürfte wohl David Wains Wet Hot American Summer gesehen werden, der vom finalen Tag eines Sommerferienlagers, Begehrlichkeiten, sexuellem Erwachen und einem möglichen Einschlag von Weltraumschrott erzählt. Das Ergebnis ist grotesk und aberwitzig, stellenweise wunderbar „drüber“, aber aufgrund seines Humors nicht zwingend jedermanns Sache.

2. Moulin Rouge! (Baz Luhrmann, AUS/USA 2001 ): Knallige Farben, Pomp und Glamour verknüpft Baz Luhrmann gekonnt in diesem Pop-Musical, das zwischen Tragik und Komik wandelt, wenn eine Liebe, die nicht sein darf, trotzdem ihren Weg findet. Die Handlung ist in Moulin Rouge! sekundär, eher der Rahmen für die postmoderne Einbettung bekannter Songs, um Gefühle und Erzählung der Geschichte zu unterstreichen. Im Montmartre kann man sich vielleicht keine Liebe erlauben, als Zuschauer dieses romantischen Leinwandspektakels aber allemal: I will love you, until my dying day!

1. Mulholland Drive (David Lynch, USA/F 2001): Als Meister des Surrealen lässt David Lynch in seinem Neo-Noir-Meisterwerk Mulholland Drive seine Hauptfigur nach ihren Träumen jagen, nur damit diese, sobald eingefangen, sich als Albtraum entpuppen – da hilft auch eine Neuerfindung nicht mehr. Es hat seinen Grund, dass Hollywood als Traumfabrik eine Nebenrolle spielt, gegenüber gegenüber Lynch nicht mit subtilen Seitenhieben spart. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz, kulminierend in Komponist Angelo Badalamenti als dem wohl schärfsten Espresso-Kritiker der Welt.