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23. Juli 2016

Roseanne – Season One

Now I want you two to fight to the death.

Die Sitcom Family hat im US-Fernsehen eine lange Tradition, von Serien wie Leave It to Beaver und The Brady Bunch über Family Ties bis hin zu Modern Family in der Gegenwart. Mitte der 1980er Jahre eroberte The Cosby Show die Fernsehgeräte der Amerikaner und erzielte von 1985 bis 1988 die besten Quoten. Die Show fokussierte sich auf die in New York lebende schwarze Oberschichtsfamilie um den Gynäkologen Heathcliff Huxtable und seine Anwaltsgattin Clair. Vier Jahre später würden die Cosby-Produzenten Marcy Carsey und Tom Werner eine neue Familienserie ins Leben rufen: Roseanne. Ihres Zeichens eine Art Gegenentwurf zur The Cosby Show – und schon in ihrem ersten Jahr nach den Cosbys das meistgesehene Programm.

Im fiktionalen Lanford, Illinois lebt die Arbeiterfamilie der Conners. Mutter Roseanne (Roseanne Barr) ist als Bandarbeiterin einer Plastikbesteck-Firma der finanzielle Ruhepol der Familie, während Gatte Dan (John Goodman) zu Beginn der Staffel als Bauunternehmer auf Jobsuche ist. Roseanne und Dan, beide Anfang/Mitte 30, stammen aus der bürgerlichen Mitte und begegnen ihrem Alltag und dessen Problemen sowie der Erziehung ihrer drei Kinder Becky (Lecy Goranson), Darlene (Sara Gilbert) und D.J. (Michael Fishman) teils mit Ironie und mitunter auch mal mit Sarkasmus. Den materiellen Luxus der Huxtables konnten sich die Conners allerdings nicht leisten. Was beide Familien jedoch einte, war ihr Zusammenhalt untereinander.

Liebevoll, aber prinzipiell bestimmt wirkt da die Erziehung von Heathcliff Huxtable auf der einen Seite (z.B. in der Pilotfolge, wenn Cliff seinem Sohn Theo eine Wirtschaftslehrstunde mittels Monopoly-Spielgeld erteilt). Roseanne begegnet ihrem Nachwuchs weitaus liberaler und grundsätzlich mit einem gewissen Unernst, der auf seine Weise Spannungen beerdigt. Aufgrund der unterschiedlichen sozialen Welten vermochte Roseanne andere Themenaspekte zu behandeln wie The Cosby Show. Angefangen von der finanziellen Instabilität durch Dans Arbeitslosigkeit in der Pilotfolge Life and Stuff, die sich auch später noch in Episoden wie Mall Story niederschlägt, wenn Becky ein neues Kleid möchte, das Roseanne nicht bezahlen kann.

Aber auch zwischenmenschliche Konfliktherde tauchen in Lanford eher auf. So thematisiert die Serie früh in der vierten Folge Language Lessons Dans Probleme mit der steten Anwesenheit von Roseannes Schwester und Arbeitskollegin Jackie (Laurie Metcalf) in seinem Haus. Auch zu seinem Vater Ed (Ned Beatty), der mit der Berufswahl seines Sohnes unglücklich ist, hat Dan wie in Father’s Day zu sehen ein schwieriges Verhältnis. Gattin Roseanne geht es da – wie die Folge Dear Mom und Dad zeigt – wenig besser. Auch die pubertäre Becky und der rebellische Tomboy Darlene reiben sich bisweilen zuvorderst an ihrer Mutter. Die nimmt im Vergleich zu ihrem Mann als berufstätige Hausfrau eine sehr viel zentralere Rolle ein.

Eben dies war auch der Ansatz der Show, die Carsey und Werner um eine arbeitende Mutter bauen wollten. Wie geschaffen wirkte da Stand-up-Comedienne Roseanne Barr, die in ihrem Programm die Idee von der häuslichen Göttin pflegte. Eine ebensolche ist auch Roseanne Conner dann, die nach der täglichen Arbeit noch das Haus putzen, die Wäsche waschen und das Essen kochen muss. Die Sitcom selbst nutzt all dies jedoch weniger als vordergründige Problembildung, sondern lässt es stets als comic relief Running Gag im Hintergrund als Fußnote einer Szene laufen. Stattdessen behandelt Roseanne im ersten Jahr mitunter den Aspekt der Connerschen Ehe zweier High-School-Sweethearts, die womöglich zu früh Eltern wurden.

Wo The Cosby Show ein gereifteres Elternpaar präsentiert, fehlt es Roseanne und Dan nicht nur an der finanziellen Absicherung, sondern auch Erfahrung. Mit Mitte 30 leben sie nun nicht gerade das Leben, das sie sich womöglich einst ausgemalt haben. So träumte Roseanne einst von einer Karriere als Schriftstellerin und Radio Days thematisiert Dans Faible als Musiker. Wiederholt hebt die Show hervor, wie stark die Beziehung ihrer Hauptfiguren ist. So zählen sie in D-I-V-O-R-C-E zu den wenigen Paaren ihrer Schulzeit, die noch verheiratet sind und in The Memory Game kann auch ein vergangener Fehltritt das Familienbild nicht ins Wanken bringen. Weitaus mehr hadert Roseanne da schon mit den Verhältnissen an ihrem Arbeitsplatz.

Seien es Überstunden wie in Workin’ Overtime oder Anforderung an die Sollerfüllung wie in Let’s Call It Quits, die Bandarbeiterinnen um Roseanne haben es nicht leicht mit ihrer Firma, die zumeist durch Vorarbeiter Booker (George Clooney) repräsentiert wird. Zuhause warten dann noch erste Monatsblutungen der Tochter (Nightmare on Oak Street), Wirbelstürme (Toto, We’re Not in Kansas Anymore) und plötzlich versterbende Handelsvertreter (Death and Stuff). Roseanne erzählt weitestgehend Geschichten aus dem Leben, mit denen sich der durchschnittliche Zuschauer wohl etwas mehr identifizieren konnte als den Erlebnissen der Huxtables. Immerhin 21 Millionen Haushalte schalteten in der ersten Staffel ein.

Die Serie lebt dabei primär von den witzigen und innovativen Dialogen zwischen den Figuren, die in der Regel von einer ironischen Bemerkung Roseannes beendet werden. Auch die Dynamik und Chemie zwischen dem Ensemble ist vorzüglich. Barr und Goodman harmonieren exzellent, auch Goranson und Gilbert fügen sich neben Metcalf exzellent ein. Das Fishman, der nach dem Piloten Sal Barone ersetzte, abfällt, mag man durch sein junges Alter entschuldigen. Bis 1994 sollte Roseanne zu den fünf populärsten Fernsehprogrammen gehören, insgesamt lief die Show, die John Goodman zum Durchbruch verhalf, über neun Staffeln und 222 Episoden. Und gehört fraglos zum Pantheon der  Family Sitcoms wie den Cosbys und Bundys.

7/10

31. Januar 2016

Leaving Las Vegas

Like the kling klang king of the rim ram room.

In wenigen Wochen geht sie wieder los, die Sehnsucht der Stars nach einem Oscar. Allen voran Leonardo DiCaprio lechzt nach fünf erfolglosen Anläufen nach der Goldstatue als Bestätigung seines Schaffens und Status’ – dabei ist der Oscar oft weniger Segen denn Fluch. Was wurde aus Adrien Brody und Roberto Benigni oder aus Halle Berry und Jennifer Hudson nach ihrem Gewinn? Jüngere Zuschauer erinnern sich vermutlich gar nicht einmal daran, dass Nicolas Cage auch zum erlesenen Kreis der Prämierten zählt. Der Schauspieler, der sich heuer primär auf dem DTV-Markt in flachen B-Movies – neben Kollegen wie Hayden Christensen und Veronica Ferres– wiederfindet, reckte die Statue vor rund 20 Jahren für Leaving Las Vegas in die Höhe.

Darin spielt er Ben, einen Drehbuchautor in seinen Dreißigern, der beruflich wie körperlich am Ende angelangt ist – dem Alkohol sei Dank. Frau und Kind haben ihn bereits verlassen, ob Bens Alkoholismus dafür der Auslöser war oder umgekehrt ist der Figur selbst nicht mehr klar. Als er schließlich von seinem Filmstudio gekündigt wird, bildet dies den letzten Anreiz für einen wohl schon länger unterbewusst gefassten Plan: sich ins Jenseits zu trinken. Mit seiner Abfindung im Gepäck macht sich Ben auf nach Las Vegas, wo er auf die Prostituierte Sera (Elisabeth Shue) trifft. Jeder für sich eine gebrochene und vom Leben gebeutelte Seele, entwickeln beide über die nächsten Tage und Wochen eine romantische Beziehung zueinander.

Über die Hintergründe der Figuren verrät Regisseur und Drehbuchautor Mike Figgis (in beiden Kategorien seinerzeit ebenfalls Oscar-nominiert) dem Publikum nicht viel. Die Umstände für Bens Alkoholismus bleiben offen, genauso die für Seras Profession. Dabei schneidet Leaving Las Vegas gerade im Fall von Letzterer bisweilen zu Psychiaterterminen, die von der Figur wahrgenommen werden, in denen sie aber nicht auf ihre Vorgeschichte eingeht. So wandelt Sera Abend für Abend über die Straßen von Vegas und bietet ihren Körper für 30 Minuten à $300 (und $500 im Anschluss daran) an. “I’m an equation most of the time”, erläutert sie ihrem Psychiater, der vermutlich in einer ähnlichen Preisklasse wie die Prostituierte arbeitet.

Die Beziehung zwischen Ben und Sera wird mit kleinen Momenten erklärt. So sehnt er sich weniger nach Sex mit ihr, sondern begnügt sich mit ihrer Gesellschaft. Eine simple Geste, die bei der von ihrem Zuhälter Yuri (Julian Sands) misshandelten Frau emotional viel bewirkt. “The only thing I have to come home to is a bottle of mouthwash to get the taste of cum out of my mouth”, fasst Sera es selbst zusammen. Und gesteht: “I’m tired of being alone. So tired.” Es ist ihre Einsamkeit, die Ben und Sera zusammenführt. Er akzeptiert ihren Beruf und besteht darauf, ihre Miete zu übernehmen, als sie ihn bei sich einquartiert. Und sie wiederum toleriert nicht nur seinen Alkoholismus, sondern schenkt ihm zum Einzug obendrein einen Flachmann.

“It looks like I’m with the right girl“, meint Ben da als Kompliment. Dabei lässt Sera später durchaus durchblicken, dass sie die Hoffnung hegt, ihre Beziehung könnte Ben von seinem Suizidplan abbringen. Doch Ben hat seinen Entschluss bereits gefasst. Figgis lässt beide in seinem etwas unharmonisch wirkenden Schlussakt kurz getrennte Wege gehen und spart hierbei den von Cage sogar ganz aus. Es ist ein etwas unsauberer Abschluss einer Geschichte, die grundsätzlich nie vollends stimmig gerät. Angefangen mit Seras visuell wenig berauschend überblendeten Therapiesitzungen bis hin zu einem müden Subplot mit polnischen Gangstern, die zum Ende des ersten Akts des Films Seras Zuhälter Yuri aus der Handlung befördern.

Sie hatte Ben zuvor auf seinem Weg nach Las Vegas ebenso an einer Tankstelle getroffen wie Yuri in einem Pfandhaus. Zufallsbegegnungen, die völlig irrelevant sind, wie auch Yuri als Figur – er kriegt sowohl gewalttätige wie fürsorgliche Szenen mit Sera – luftleer im Raum hängen bleibt. Hinzu kommen offene Fragen wie die, wie sich Sera einen Psychiater leisten kann. Oder warum Ben mit Ausgaben von $300 pro Tag kalkuliert in vier Wochen zu sterben (inklusive seiner Abfindung und dem Verkauf seiner Uhr und seines Wagens besäße er dann keine $9,000). Weitaus ärgerlicher als die unfertige Figurenzeichnung und das etwas überrumpelnde Ende des Films gerät allerdings die musikalische Untermalung von Leaving Las Vegas.

Figgis, zugleich Komponist seines Films, steuerte zahlreiche Jazz-Stücke zu Bens Geschichte bei. Nur will Jazz als musikalische Begleitung eines Alkoholiker-Zerfalls in Las Vegas nicht wirklich passen und reißt mehr aus dem Geschehen raus als dass es einen in dieses hineinzieht. Gerät zumindest der Soundtrack zuerst erfreulich stimmiger, greift Figgis in der Folge fast ausschließlich auf melancholische Stücke von Sting zurück. Eine ärgerliche Entscheidung, die zumindest akustisch die Unstimmigkeit untermauert, die dem Film auch narrativ an mancher Stelle innewohnt. Zumindest darstellerisch überzeugt Leaving Las Vegas jedoch fast über seine gesamte Laufzeit hinweg dank der Leistung von Nicolas Cage und Elisabeth Shue.

Cage legte jedoch bereits hier wieder verstärkt seine Ticks solcher Filme wie Vampire’s Kiss an den Tag (nach Werken wie Guarding Tess), die er später zu seinem universellen Markenzeichen ausweiten sollte. Dennoch sind die Darbietungen der Hauptdarsteller fraglos das Qualitätsmerkmal eines Films, der inhaltlich nicht immer zu überzeugen weiß. Ungeachtet dessen, dass er seine Momente hat, beispielsweise wenn sich Ben und Sera miteinander verabreden, während im Hintergrund zwei Nonnen versuchen, mit Flyern die Sünder von ihren Vergehen abzubringen. Nach einer kurzen Karriere-Hochphase ist es um Cage nun wieder etwas ruhiger geworden. Aber der Mann braucht auch keinen Oscar, um zu den Stars seiner Zunft zu gehören.

6/10