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22. September 2017

Die Top 5: Bates Motel

You really can’t make this shit up.

Es liegt sicher eine gewisse Faszination im Bestreben, dem einen Sinn zu geben, das man zwar nicht versteht, aber auf eine bestimmte Art und Weise bewundert. So deutete dies David Lynch zum Teil in seinem Revival zu Twin Peaks an – ohne sich jedoch gänzlich damit aufzuhalten. Auch Serien wie Lost glaubten, schlussendlich eine Antwort liefern zu müssen, für ihr originäres Mysterium. Und Vertreter wie Breaking Bad beschränkten sich gleich ganz auf die Genese als das eigentliche faszinierende Element. Auch Alfred Hitchcocks Meisterwerk Psycho bemüht sich in seinem Schluss, dem Horror einen Sinn zu geben, als ein Psychiater den anderen Figuren (und dem Publikum) in einem Monolog die Dichotomie der Hauptfigur erklärt.

Die Szene habe seinen Film gerettet, soll Hitchcock später gesagt haben. Dabei ist sie für manche Kritiker wie Roger Ebert der einzige Makel in einem ansonsten makellosem Film gewesen. Es wird erläutert, wieso Norman Bates (Anthony Perkins) zum identitätsgestörten Mörder wurde, die Mutter der Figur sei “a clingy, demanding woman” gewesen. Die durch den Sohn am Ende ihren Tod fand, der ihre Identität usurpierte, um sich letztlich in ihr zu verlieren. Carlton Cuse und Kerry Ehrin nahmen im Jahr 2012 nun natürlich Psycho zum einen, aber auch diesen Monolog zum anderen als Aufhänger für ihre Serie Bates Motel, die über fünf Staffeln jene Geschichte von Norman Bates und seiner Mutter erzählte, bevor sie ihr bekanntes Ende nahm.

Nach dem Tod seines Vaters siedelt Norman Bates (Freddie Highmore) mit seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) in das Küstenstädtchen White Pine Bay um. Dort erstehen sie ein altes Motel, päppeln es auf, streben nach einem Neuanfang. Doch schon bald landen die ersten Leichen Reservierungen in der Unterkunft, während Norma und Norman über die Staffeln hinweg ihre Beziehung und Abhängigkeit voneinander auf die Probe stellen. Da ist Norma durchaus oft (genug) jene “clingy, demanding woman”, fühlt sich bisweilen aber auch erstickt und überfordert von den (Besitz-)Ansprüchen ihres Sohnes. Kern des Ganzes bildet dabei das stetige Bestreben Normas, eine harmonische, liebevolle Familie zu sein. Aller vorhandenen Tragik zum Trotz.

Gesunde Familien präsentiert Bates Motel dabei keine einzige. Norma selbst stammt aus einem zerrütteten Elternhaus und erhält eine inzestuöse Beziehung zu ihrem älteren Bruder Caleb (Kenny Johnson), welche die Figur letztlich brandmarkte. Ein vorbelastetes Verhältnis zu dem ersten Sohn Dylan (Max Thieriot) wird somit ersetzt durch das innige Verhältnis zu Norman. Beide Figuren haben nur einander – und die anderen Charaktere nicht viel mehr. So ist Dylan auch über die Staffeln oft auf sich allein gestellt, mit eigenen Nebenhandlungen ausgestattet, nur an der Peripherie der Beziehung von Mutter und Bruder partizipierend. Auch die mit den Bates’ befreundete Emma (Olivia Cooke) trauert einer Mutter nach, die einst die Familie verließ.

Mehrere Figuren, von Dylan über Emma bis hin zum lokalen Sheriff Romero (Nestor Carbonell) versuchen über fünf Staffeln, Teil der Bates-Familie zu werden, die aus nur zwei Mitgliedern besteht. Wirklich gelingen will es nicht. Norma will dabei natürlich den jüngsten Sohn primär beschützen, Letzterer die Affektion seiner Mutter nicht unbedingt mit anderen teilen. “Certain things can never change”, sagt Norman in der vierten Staffel einmal. Bates Motel liefert aber nicht nur Einblicke in das Familienleben von ihm und seiner Mutter, sondern versucht sich auch in Vorausdeutungen der Ereignisse, die Hitchocks Psycho ausmachen. So erlebte Norman trotz des Behütens durch Norma sein eigenes Trauma in der Kindheit – und dieses hat Konsequenzen.

Jede Staffel verfügt über eigene Mordfälle, die verdeckt werden müssen. Gerade die ersten drei Jahre verlieren sich in Bates Motel da oft in den teilweise kruden Subplots, die um das Drama zwischen Norma und Norman gestrickt werden und dieses sicher auch mitbefeuern. Sei es die Existenz eines illegalen Rings um chinesische Sexsklavinnen (Staffel 1), ein völlig ausgearteter Krieg zwischen zwei rivalisierenden Drogenbanden innerhalb der Stadt (Staffel 2) oder eine Vereinigung reicher Machthaber, zu denen belastendes Material in die Hände der Bates’ fällt (Staffel 3). Nichts davon ist wirklich spannend und wirkt eher wie Füllmaterial, das bei Gelegenheit Futter für die eigentliche Handlung der Serie um das Bates’sche Verhältnis liefert.

Honorable Mention: Check-Out (Season 2, Episode 4/John David Coles)
Erst mit Ende der dritten und Beginn der vierten Staffel widmet sich Bates Motel zuvorderst des Prequel-Elements zu Psycho, wenn die eingebildete Identität der Mutter in Norman immer mehr Kontrolle gewinnt. Bereits zuvor zeigte die Serie Charakterelemente wie seine Taxidermie (Staffel 1) oder seinen Voyeurismus (Staffel 3), genauso wie Auftreten und Übernahme von Norman durch „Mutter“. Getreu dem exploitativen Anstrich, den Hitchcock Psycho verleihen wollte, inszenierten Cuse und Ehrin auch die Serie extrem überpointiert und theatralisch. Gar nicht aufzählen kann man die etlichen Schrei-Duelle, die sich Highmore und Farmiga über die Jahre geliefert haben. Die jedoch stets aufgrund des exaltierten Spiels ein Highlight waren.

Generell war die Show nie vollends für voll zu nehmen – und wollte es auch gar nicht. Amüsant waren da stets die etlichen Frauenfiguren, die sich zu dem eher verschrobenen Norman hingezogen fühlten. “I don’t know why, but unhinged women seem drawn to you”, konstatierte da auch Norma, als in Escort Annika (Tracy Spiridakos) eingangs zur dritten Staffel mal wieder eine solche ein Zimmer im Bates Motel buchte. Grundsätzlich funktionierte die Serie immer am besten, wenn sie den Fokus auf die Beziehung ihrer beiden interessantesten Figuren legte. Eine Beziehung, die direkt von Beginn an durch Mord begleitet wurde, was im Verlauf zum konstanten Element werden würde. Wenn auch später eher durch „Mutter“ denn Norma begünstigt.

“How many times have we done this, Mother?”, fragt Norman da gegen Ende der fünften Staffel in Inseparable, als er und Mutter mal wieder eine Leiche entsorgen. Den Punkt von “a boy’s best friend is his mother”, wie Norman Bates in Psycho sagte, haben wir da längst überschritten. Jeder werde manchmal etwas verrückt, hatte Norman im Film gegenüber Marion Crane (Janet Leigh) gemeint. “Sometimes just one time can be enough”, erwiderte die. Ein Dialog, der sich Mitte der fünften Staffel, wenn Bates Motel seine eigene Version von Psycho um Marion Crane (Rihanna) erzählt, nicht wiederholt. Aber dennoch die Geschehnisse reflektiert, wenn Norman zu Marion an einer Stelle sagt: “We need people, but that need can destroy us.”

Der Prequel-Serie des A&E Network gelang es dabei, sich nach einer mäßigen ersten Staffel schließlich merklich zu steigern. Ungeachtet der eher belanglosen Nebenplots waren die zweite und dritte Staffel eine erfreuliche Verbesserung in allen Bereichen, die vierte und fünfte Staffel untermauerten dies mit nahezu durchgängiger Konstanz. Und selbst wenn Bates Motel (zu) selten eine wirklich gute Serie war, so war sie doch aufgrund ihres stets überzeugenden Ensembles und ihrer mitunter gelungenen Herangehensweise an das Sujet immerzu sehenswert. Allzu schwer war es dennoch nicht, aus den insgesamt 50 Episoden der fünf Staffeln die aus meiner Sicht fünf gelungensten Folgen (Spoiler sind zu erwarten) herauszusuchen:


5. Unconscious (Season 3, Episode 10/Tucker Gates): “Mother would like to talk to you” ist einer dieser Sätze, die man – genauer: Frau – lieber nicht aus dem Mund von Norman Bates hören sollte. Während Romero aus Liebe zu Norma die Nebenhandlung mit Bob Paris zu einem Ende führt, ist Normans „Flucht“ mit Bradley (Nicola Peltz) vor einem Leben mit seiner Mutter von kurzer Dauer. Und die junge Frau verkommt zum ersten klassischen Opfer (inklusive Leichenentsorgung) des identitätsgestörten Serienmörders.

4. Unfaithful (Season 4, Episode 8/Stephen Surjik): Mit ihrem Entschluss, die Ehe mit Romero aufrecht zu erhalten und nicht zum alten Status Quo zurückzukehren, besiegelt Norma in dieser Folge unwissentlich ihr Schicksal. “All fixed now!”, freut sich Norman zuvor noch nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik, dass alles wieder beim Alten ist – hat dabei jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lange waren beide nicht bereit, einander mit anderen zu teilen. Ein Schwur, dessen Bruch Folgen hat.

3. The Body (Season 5, Episode 8/Freddie Highmore): Als Norman sich für seine mörderische Tat gegenüber Sheriff Greene (Brooke Smith) verantworten will, übernimmt Mutter kurzerhand wieder das Kommando. So leicht lässt sich die Persönlichkeit nicht unterkriegen – geschweige denn in die Anstalt stecken. Unterdessen schafft es Romero in sein altes Zuhause zurück, wo Chick (Ryan Hurst) wiederum bemüht ist, sich angesichts der Ermittlungsumstände für seinen kommenden True-Crime-Roman atmosphärisch inspirieren zu lassen.

2. The Immutable Truth (Season 2, Episode 10/Tucker Gates): Romero und Dylan beenden den – in jeglicher Hinsicht – aus dem Ruder gelaufenen Drogenkrieg von White Pine Bay auf ihre (blutige) Art. Norman will für seine vermeintliche Tat an Blair Watson die Konsequenzen tragen, ehe ihn Norma vom angestrebten Suizid abhält, der künftige Leichen erspart hätte. Zugleich ist es am Ende das Auftauchen von Mutter, die ihren Sohn vor der Justiz schützt, indem sie Norman alternative Fakten für seine Mord-Nacht liefert.

1. Norman (Season 4, Episode 10/Tucker Gates): Mit dieser Folge war der Prequel-Charakter der Serie im Prinzip abgeschlossen. Norman exhumiert und präpariert den Leichnam Normas und will ihr ursprüngliches Leben wieder aufnehmen – nur spielt die traurige Realität da nicht ganz mit. Durch Chick mit dieser konfrontiert will Norman seinem Leben (mal wieder) ein Ende setzen, bevor Mutter aus Selbstschutz Gnade vor Recht walten lässt. Gemeinsam begehen die beiden dann ein Weihnachten der besonderen Art.

4. August 2017

Bates Motel – Season Two

This is the road that’s gonna ruin our lives.

Der erste Schritt ist immer der schwerste – und ehe man sich versieht, eilt man wie der Wind durch die Felder. So – oder so ähnlich – ließe es sich auch auf Bates Motel münzen, das campige TV-Prequel zu Alfred Hitchcocks Klassiker Psycho. Taten sich die Showrunner Carlton Cuse und Kerry Ehrin in der ersten Staffel noch etwas schwer, die unterschiedlichen Tonalitäten zwischen den Darstellern und Handlungssträngen harmonisch zu verweben, glückt ihnen dies im zweiten Jahr nun erkennbar besser. Zwar bewegt sich die Auftaktfolge Gone But Not Forgotten noch auf dem durchwachsenen Niveau des Vorjahres, doch schon kurz darauf steigert sich Bates Motel zu einer guten Serie. Selbst wenn sie kurz vor dem Finale etwas nachlässt.

Inhaltlich knüpft die Show da an, wo sie im Staffelfinale zuvor aufgehört hat. Der Leichnam von Blair Watson (Keegan Connor Tracy) wird entdeckt und Norma (Vera Farmiga) befürchtet automatisch, dass Norman (Freddie Highmore) der Täter sein muss. Während Sheriff Romero (Nestor Carbonell) mit seinen Ermittlungen beginnt, die wenig später zu einem – vorläufigen – Abschluss kommen, rückt Dylan (Max Thieriot) in der Hackordnung seines Marihuana-Kartells unter dessen neuer Führung durch den überdrehten Zane (Michael Eklund) auf. Dieses befindet sich jedoch alsbald in einem verstärkt eskalierenden Drogenkrieg mit der rivalisierenden Gang von Nick Ford (Michael O’Neill), einem der großen Power Player von White Pine Bay.

Der Drogenkrieg – wobei die Bezeichnung etwas hoch gegriffen ist – dient als der primäre Nebenhandlungsstrang für Dylan, der zwar peripher an dem „Beziehungsdrama“ zwischen Norma und Norman teilnimmt, aber wohl für Cuse und Ehrin einer eigenen Beschäftigung bedurfte. Nur ist der Konflikt zwischen den Parteien leidlich spannend, da einem die Identifikation fehlt. Da Dylan selbst eine wenig interessante Figur ist und die einzige, die dem Publikum als Anker dient, beobachtet es zwar die Ereignisse, wird jedoch nicht wirklich ins Geschehen gezogen. Erfreulich ist immerhin, dass später Dylans Kartell-Boss Jodi von Beverly Hills 90210-Alumni Kathleen Robertson porträtiert wird. Besser macht dies den Drogenplot aber auch nicht.

Etwas Gutes bringt er dennoch mit sich: Da der Krieg der beiden Gangs durch einen Racheakt von Bradley (Nicola Peltz) ausgelöst wird, schreibt die Serie diese zu Beginn der Staffel dankenswerter Weise aus der Serie (wenn auch eher Peltz’ Engagement in Michael Bays Transformer: Age of Extinction geschuldet). Zumindest eine belanglose Figur verabschiedet sich von der Bildfläche, während Cuse und Ehrin ihre vakante Rolle der Femme fatale für Norman kurz darauf durch die rebellische Cody (Paloma Kwiatkowska) ersetzen. Die bringt im Gegensatz zu Bradley mehr Feuer in die Handlung, auch weil ihre Beziehung zu Norman sehr viel deutlicher als Stein des Anstoßes für das Mutter-Sohn-Verhältnis von Norma und Norman dient.

“You need to be out in the world, doing normal things”, instruiert da Norma ihren Sohn noch im Staffelauftakt. Was angesichts ihrer rigorosen Bemutterung aus dem Vorjahr, wo sie den Sprößling kaum alleine aus dem Haus lassen wollte, etwas verwundert. Da passt es zugleich ins Bild, dass zu Beginn des zweiten Jahres die Darsteller sich nicht ein- oder zwei- sondern direkt dreimal ein Schrei-Duell liefern. Und damit in gewisser Weise die Richtung vorgeben: Bates Motel dreht in seiner zweiten Staffel den Drama-Regler eine Stufe nach oben. Nicht zuletzt dadurch, dass mit Caleb (Kenny Johnson) unerwartet Normas Bruder und Vergewaltiger sowie Dylans Vater/Onkel vor der Tür steht. Was die Emotionen weiter hochkochen lässt.

In jener Quasi-Doppelfolge Caleb und Check-Out legt Bates Motel eine deutliche Leistungssteigerung an den Tag. Familien-Geheimnisse und Tragödien werden aufgedeckt, mit weiterer psychischer Verschlechterung von Normans Zustand als Folge. So Psycho wie in Check-Out war die Show bis dato noch nicht gewesen, wenn Norman seinen Onkel in seiner Mutter-Persona mit dessen Taten konfrontiert. Immer öfter knirscht und knackst es fortan in der Psyche des Teenagers und Bates Motel macht einen merklichen Schritt zu auf seinen Weg, der schlussendlich in Hitchcocks Film münden wird. “We have to be together”, betont Norma da im starken Staffelfinale The Immutable Truth gegenüber Norman. “We’re supposed to be together.”

Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist naturgemäß weiterhin der Mittelpunkt der Show. Während Norman durch seinen Blackout die Ereignisse der Nacht bei Blair Watson verdrängt hat, langen Norma die Informationen, die sie besitzt, um Norman zu verurteilen und als Folge dessen zugleich beschützen zu müssen. Dass beiden Figuren dabei romantische Partner zugewiesen werden – Norma in Person von Anwalt George (Michael Vartan) –, die der jeweils andere mehr als kritisch beäugt, steigert die sexuelle Spannung zwischen ihnen noch. Auch, da die Show sie wiederholt in erotisch aufgeladene Momente stürzt: in der Regel inzestuöse Bett-Kuscheleinheiten, die für die Zuschauer bewusst unangenehm anzusehen sind.

Wie ein narratives schwarzes Loch entziehen die Norma-Norman-Szenen dabei den anderen Figuren etwas die Schwerkraft. Kein Wunder, wird Dylan mit einem eigenen Subplot versehen, der zum Ende der Staffel hin mit den Hauptfiguren verstrickt wird. Weitaus weniger Glück hat da im zweiten Jahr Olivia Cookes herzallerliebste Emma, die mitunter oft dabei, aber nie so recht mittendrin ist. Immerhin artikuliert die Figur später selbst ihren Frust über diesen Zustand. Dennoch bleibt viel auf der Strecke in der zweiten Staffel, darunter die Tatsache, dass eine neue Bundesstraße gebaut wird, die den Hauptverkehr um das Bates Motel führen würde. Ein Handlungsstrang, der Potential hat, aber bald scheinbar gewichtigeren Dingen weichen muss.

Somit fühlt sich die Serie auch in ihrer zweiten Staffel etwas überfrachtet an. Der Mord an Blair Watson, das Drama um Bradley, die Beziehung zwischen Norman und Cody, Normas Auseinandersetzung mit der Bundesstraße, das kritischer werdende Verhältnis zu Norman, die Anwesenheit von Caleb sowie dessen Vaterschaft von Dylan, dessen Rolle im Krieg zwischen den beiden Gangs – mehr Fokus auf weniger Themen würde Bates Motel generell nicht schaden. Dennoch bewegen sich dieses Mal die übrigen Handlungen und Darsteller etwas mehr auf demselben Level wie die beiden Hauptfiguren, hat die Serie allgemein also inzwischen scheinbar eine Rolle für sich entdeckt, die zu ihr passt und in der sie sich merklich wohler fühlt als zuvor.

Dem schwachen Auftakt und einer kurzen Abklang-Phase zu Beginn der zweiten Hälfte zum Trotz gelingt der Staffel eine beeindruckende Steigerung zum ersten Jahr. Höhepunkt bleibt das oft überpointierte Spiel von Freddie Highmore und speziell Vera Farmiga, nette Zugänge für Serien-Fans stellen Michael O’Neill (Rectify), Kenny Johnson (The Shield), Michael Vartan (Alias) oder Kathleen Robertson dar. Mit Einführung der Mutter-Persönlichkeit stärkt Bates Motel zudem seinen Bezug zum Original, indem Norman einen merklichen Wandel durchmacht, der auch den übrigen Figuren nicht verborgen bleibt. Ein Schritt in die richtige Richtung – auf die Straße, die ihr Leben zerstören wird, wie Norma unbewusst doppeldeutig erklärt.

6.5/10

14. Juli 2017

Bates Motel – Season One

Did you just “whatever” me?

Es ist eine Eigenart der jüngeren Zeit, aus Ideenmangel (oder simpler Faulheit) den Weg der Prequels zu beschreiten – insbesondere im Fernsehen. So erzählt Better Call Saul die Vorgeschichte einer Nebenfigur aus Breaking Bad, Hannibal von den Ereignissen, die Robert Harris’ Manhunter vorausgingen, Gotham lässt die gesamten Batman-Bösewichter in dessen Kindheit von der Leine und Wet Hot American Summer: First Day of Camp machte sich einen Spaß daraus, mit seinem gealterten Ensemble ein narratives Quasi-Remake des Original-Films zu inszenieren. Da passt Bates Motel gut ins Bild, jene Serie des Senders A&E, die ab dem Jahr 2012 die Hintergründe vor den Geschehnissen aus Alfred Hitchcocks Psycho aufgreift.

Nach dem Tod seines Vaters zieht da eingangs der 17-jährige Norman Bates (Freddie Highmore) mit seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) in das beschauliche Küstenstädtchen White Pine Bay. Dort planen sie, ein altes Motel aufzumöbeln und einen Neuanfang zu wagen. Dumm nur, dass der Motel-Vorbesitzer gleich am ersten Abend aus Wut über die Enteignung über Norma herfällt. Kurz darauf ist der Angreifer tot und das Mutter-Sohn-Gespann muss die Leiche entsorgen. Wirklich zur Ruhe will ihr Leben danach aber nicht kommen, da nicht nur in Dylan (Max Thieriot) der entfremdete älteste Sohn Normas auf der Bildfläche erscheint, sondern Orts-Sheriff Romero (Nestor Carbonell) auch dem Bates-Verbrechen auf der Spur ist.

Im Fall von Bates Motel lässt sich wie bei fast jedem Prequel direkt über Sinn und Unsinn seines Daseins streiten. Wie wichtig ist es zu erzählen, wie die Rebellen vor Star Wars an die Pläne des Todessterns kamen? Wie Saul Goodman in Breaking Bad zu Saul Goodman wurde oder eben hier Norman Bates zu dem schizophrenen Mörder, der er war? Nur weil es von Interesse ist, was eine Figur macht, heißt das nicht, dass ausbuchstabiert werden muss, wie sie dazu kam, das zu tun, was sie tut. Carlton Cuse (Lost) und Kerry Ehrin (Friday Night Lights) gaben an, mit Bates Motel quasi David Lynchs Twin Peaks weitererzählen zu wollen. Dahingehend, dass die Geschichte in einer mysteriösen Stadt spielt mit abstrusen Vorkommnissen.

So präsentiert die Serie in ihren Auftaktfolgen gleich zwei Mal eine in Brand gesteckte Person, unter anderem öffentlich im belebten Ortskern, und Dylan verdingt sich wenig später als Handlanger einer lokalen Marihuana-Plantage. Die stellt die offiziell-inoffizielle Haupteinnahmequelle des Örtchens dar, gehört mehreren Familien der Stadt, die in Millionen-Dollar-Häusern leben und europäische Wagen fahren. “The people in this town deal with things in a different way”, verrät der ihr wohlgesonnene Deputy Shelby (Mike Vogel) da Norma in der zweiten Folge Nice Town You Picked, Norma... Ihr Sohn forscht zeitgleich mit seiner an Mukoviszidose erkrankten Mitschülerin Emma (Olivia Cooke) nach einem geheimen Ring von chinesischen Sex-Sklavinnen.

Bates Motel ist direkt vom Fleck weg ein seltsames Gebilde, zwischen verschiedenen Tönen schwankend, ohne sich für einen entscheiden zu können. Kaum in der Stadt wird Norman direkt von allen Frauen-Figuren belagert, neben Emma zählt da auch Bradley (Nicola Peltz), das populärste Mädchen der Schule, dazu – genauso wie Normans Klassenlehrerin. Übertroffen wird dies nur noch davon, dass die Serie hierbei Freddie Highmore stets in Hemden und bunte Sweater steckt, die so altbacken wirken wie es Psycho mit seinem 1960er-Jahrgang ist. Nur, dass die Show in der Gegenwart spielt, inklusive MP3-Player und WhatsApp. Die Frage stellt sich mehrfach: Was ist hier Hommage, was nahe an der Persiflage?

Im Zentrum steht neben den kriminellen Geschehnissen an allen Fronten die ungesunde Beziehung zwischen Norma und Norman. Sie, die geborene Helikopter-Mutter. Er, das anerzogene Muttersöhnchen. Der für die Serie dazu erfundene Halbbruder Dylan dient als lautstarkes Sprachrohr dieses fast schon inzestuösen Verhältnisses. Da passt es ins Bild, dass Norma gegenüber dem jüngsten Sohn kein Blatt vor dem Mund nimmt, wenn es um ihre eigene Vergewaltigung auf dem Küchentisch geht, ihre vorbelastete Kindheit oder Normans eigene sexuellen Erlebnisse. Dies alles zelebriert Bates Motel gerne eine Oktave schriller als nötig, wenn sich speziell zum Ende der ersten Staffel hin Mutter und Sohn in Wutanfällen überbieten.

Gerade in diesen Szenen ist Bates Motel stets übertrieben affektiert – übertrieben zumindest im Verhältnis zu den Handlungssträngen, welche die Show dem Publikum sonst anbietet. Mit Vergewaltigungen, Sexsklaverei, organisiertem Drogenhandel, mehreren Todesfällen und Verbrennungen in gewisser Weise harter Tobak. Das wird dann gewürzt mit “teen angst”, Coming of Age, erdrückender Erziehung und der ersten Liebe. Immer wieder rutscht die Präsentation aber fast ins Kitschige, kontrastiert mit dem ausdruckslosen Spiel Carbonells und dem gutherzigen von Cooke einerseits sowie den oft theatralischen Darbietungen von Farmiga und Highmore. Letztere spielen dies durchaus gewollt, was mitunter zu Misstönen führt.

Bates Motel ist keine gute Serie, eher eine schlechte, jedoch oft auch kurz davor, bewusst so schlecht zu sein, dass es schon wieder gut ist. Viele Dialoge und Szenarien, genauso wie das Spiel von Farmiga im Speziellen gehen oft ins Überpointierte, nur bewegt sich die Serie selbst nicht immer als Ganzes in denselben Sphären. Schön und gut, wenn White Pine Bay ein verschrobener Ort ist, der sich mit Marihuana finanziert und Leute in Brand steckt, aber dann bitte durchweg und nicht nur zum Auftakt. Es irritiert, wenn Norma später Hotel-Flyer in einem lokalen Restaurant ausstellen will, aber die Betreiberin dies aufgrund der Ereignisse auf Normas Grundstück ablehnt. Als wären die so viel anders als das, was sonst im Ort passiert.

Ein Kernproblem der ersten Staffel ist auch, dass sie zu viel zu schnell erzählen will. Aus dem Nichts kommt da buchstäblich die Vergewaltigung in der Pilotfolge, für die nur die minimalste Exposition geliefert wird. Anstatt, dass der Konflikt mit dem Vorbesitzer etwas anschwellt über zwei, drei Episoden, ehe man ihn zur Staffelmitte in Ocean View eskalieren lässt. Ähnlich ließe sich im Fall des Sexsklaverei-Subplots argumentieren, der nach ein paar Folgen scheinbar aufgelöst wird, ehe er doch noch etwas in einem Subplot des Subplots vor sich hindümpelt. Dass Bates Motel in seinen zehn Folgen über gut sechs Stunden gleich drei Antagonisten mit der Bates-Familie konfrontiert, passt hier ebenso ins Bild der überladenen Geschichte.

All dies hat natürlich mit den Ereignissen in Psycho nichts zu tun, sodass die Charaktere aus Hitchcocks Film im Grunde lediglich Aufhänger für eine entlehnte Ausrede sind. Zwar sehen wir bereits früh Norman mit „Mutter“ reden und erhalten Informationen, dass er ein unzuverlässiger Erzähler seiner Erlebnisse ist, genauso wie die Figur durch Emmas Vater ihre Vorliebe zur Tierpräparation erhält, doch ist dies eher Fanservice als eine wirkliche psychologische Analyse der Hauptfigur. Anfangs noch (überraschend) als das Darling der Frauenwelt inszeniert, wird Norman da kurz darauf gegenüber Norma von der Schulaufsicht zum sozialen Außenseiter erklärt, anstatt dass Bates Motel dies seinen Zuschauern mit Bildern und Szenen erzählt.

Ein gewisser Unterhaltungsfaktor kann dennoch nicht abgesprochen werden, die Darsteller – ausgenommen vielleicht Peltz und Thieriot – überzeugen und die affektierten Anfälle von Farmiga und Highmore sind narrativ zwar überkandidelt, aber zugleich amüsant. Wäre die Serie durchweg skurril, wie es Twin Peaks zumeist war, wäre das vertretbar. Oder sie müsste ein aufrichtiges, ernstes Interesse an der Dekonstruktion ihrer zwei Hauptfiguren an den Tag legen – jedoch ohne immer wieder ins Theatralische abzugleiten. Das Potential hätte Bates Motel durchaus, Prequel-Sinnhaftigkeit hin oder her. Etwas mehr atmosphärische Kohärenz bei gleichzeitiger reduzierter Narration hätte der ersten Staffel da deutlich besser zu Gesicht gestanden.

So bleibt nach der ersten Staffel, die in ihrer zweiten Hälfte verstärkt abbaut, zumindest die Hoffnung, dass Bates Motel noch ein gewisses Gleichgewicht seiner Tonalitäten oder alternativ eine klare Richtung findet (auch wenn die Auftaktfolge der zweiten Staffel da weitermacht, wo Cuse und Ehrin im ersten Jahr aufgehört haben). Immerhin darf man gespannt sein, welche spinnerten Ideen die Autoren für Norma und Norman bereithalten, Leichen dürften sicher wieder den Weg der Protagonisten pflastern. Und die Oktaven der Dialoge ins Hysterische abgleiten. Es ist ja in der Tat auch irgendwie zum Schreien, dieser Prequel-Wahn. Oder wie es Anthony Perkins in Hitchcocks Psycho formulierte: “We all go a little mad sometimes. Haven’t you?”

5.5/10