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22. September 2017

Die Top 5: Bates Motel

You really can’t make this shit up.

Es liegt sicher eine gewisse Faszination im Bestreben, dem einen Sinn zu geben, das man zwar nicht versteht, aber auf eine bestimmte Art und Weise bewundert. So deutete dies David Lynch zum Teil in seinem Revival zu Twin Peaks an – ohne sich jedoch gänzlich damit aufzuhalten. Auch Serien wie Lost glaubten, schlussendlich eine Antwort liefern zu müssen, für ihr originäres Mysterium. Und Vertreter wie Breaking Bad beschränkten sich gleich ganz auf die Genese als das eigentliche faszinierende Element. Auch Alfred Hitchcocks Meisterwerk Psycho bemüht sich in seinem Schluss, dem Horror einen Sinn zu geben, als ein Psychiater den anderen Figuren (und dem Publikum) in einem Monolog die Dichotomie der Hauptfigur erklärt.

Die Szene habe seinen Film gerettet, soll Hitchcock später gesagt haben. Dabei ist sie für manche Kritiker wie Roger Ebert der einzige Makel in einem ansonsten makellosem Film gewesen. Es wird erläutert, wieso Norman Bates (Anthony Perkins) zum identitätsgestörten Mörder wurde, die Mutter der Figur sei “a clingy, demanding woman” gewesen. Die durch den Sohn am Ende ihren Tod fand, der ihre Identität usurpierte, um sich letztlich in ihr zu verlieren. Carlton Cuse und Kerry Ehrin nahmen im Jahr 2012 nun natürlich Psycho zum einen, aber auch diesen Monolog zum anderen als Aufhänger für ihre Serie Bates Motel, die über fünf Staffeln jene Geschichte von Norman Bates und seiner Mutter erzählte, bevor sie ihr bekanntes Ende nahm.

Nach dem Tod seines Vaters siedelt Norman Bates (Freddie Highmore) mit seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) in das Küstenstädtchen White Pine Bay um. Dort erstehen sie ein altes Motel, päppeln es auf, streben nach einem Neuanfang. Doch schon bald landen die ersten Leichen Reservierungen in der Unterkunft, während Norma und Norman über die Staffeln hinweg ihre Beziehung und Abhängigkeit voneinander auf die Probe stellen. Da ist Norma durchaus oft (genug) jene “clingy, demanding woman”, fühlt sich bisweilen aber auch erstickt und überfordert von den (Besitz-)Ansprüchen ihres Sohnes. Kern des Ganzes bildet dabei das stetige Bestreben Normas, eine harmonische, liebevolle Familie zu sein. Aller vorhandenen Tragik zum Trotz.

Gesunde Familien präsentiert Bates Motel dabei keine einzige. Norma selbst stammt aus einem zerrütteten Elternhaus und erhält eine inzestuöse Beziehung zu ihrem älteren Bruder Caleb (Kenny Johnson), welche die Figur letztlich brandmarkte. Ein vorbelastetes Verhältnis zu dem ersten Sohn Dylan (Max Thieriot) wird somit ersetzt durch das innige Verhältnis zu Norman. Beide Figuren haben nur einander – und die anderen Charaktere nicht viel mehr. So ist Dylan auch über die Staffeln oft auf sich allein gestellt, mit eigenen Nebenhandlungen ausgestattet, nur an der Peripherie der Beziehung von Mutter und Bruder partizipierend. Auch die mit den Bates’ befreundete Emma (Olivia Cooke) trauert einer Mutter nach, die einst die Familie verließ.

Mehrere Figuren, von Dylan über Emma bis hin zum lokalen Sheriff Romero (Nestor Carbonell) versuchen über fünf Staffeln, Teil der Bates-Familie zu werden, die aus nur zwei Mitgliedern besteht. Wirklich gelingen will es nicht. Norma will dabei natürlich den jüngsten Sohn primär beschützen, Letzterer die Affektion seiner Mutter nicht unbedingt mit anderen teilen. “Certain things can never change”, sagt Norman in der vierten Staffel einmal. Bates Motel liefert aber nicht nur Einblicke in das Familienleben von ihm und seiner Mutter, sondern versucht sich auch in Vorausdeutungen der Ereignisse, die Hitchocks Psycho ausmachen. So erlebte Norman trotz des Behütens durch Norma sein eigenes Trauma in der Kindheit – und dieses hat Konsequenzen.

Jede Staffel verfügt über eigene Mordfälle, die verdeckt werden müssen. Gerade die ersten drei Jahre verlieren sich in Bates Motel da oft in den teilweise kruden Subplots, die um das Drama zwischen Norma und Norman gestrickt werden und dieses sicher auch mitbefeuern. Sei es die Existenz eines illegalen Rings um chinesische Sexsklavinnen (Staffel 1), ein völlig ausgearteter Krieg zwischen zwei rivalisierenden Drogenbanden innerhalb der Stadt (Staffel 2) oder eine Vereinigung reicher Machthaber, zu denen belastendes Material in die Hände der Bates’ fällt (Staffel 3). Nichts davon ist wirklich spannend und wirkt eher wie Füllmaterial, das bei Gelegenheit Futter für die eigentliche Handlung der Serie um das Bates’sche Verhältnis liefert.

Honorable Mention: Check-Out (Season 2, Episode 4/John David Coles)
Erst mit Ende der dritten und Beginn der vierten Staffel widmet sich Bates Motel zuvorderst des Prequel-Elements zu Psycho, wenn die eingebildete Identität der Mutter in Norman immer mehr Kontrolle gewinnt. Bereits zuvor zeigte die Serie Charakterelemente wie seine Taxidermie (Staffel 1) oder seinen Voyeurismus (Staffel 3), genauso wie Auftreten und Übernahme von Norman durch „Mutter“. Getreu dem exploitativen Anstrich, den Hitchcock Psycho verleihen wollte, inszenierten Cuse und Ehrin auch die Serie extrem überpointiert und theatralisch. Gar nicht aufzählen kann man die etlichen Schrei-Duelle, die sich Highmore und Farmiga über die Jahre geliefert haben. Die jedoch stets aufgrund des exaltierten Spiels ein Highlight waren.

Generell war die Show nie vollends für voll zu nehmen – und wollte es auch gar nicht. Amüsant waren da stets die etlichen Frauenfiguren, die sich zu dem eher verschrobenen Norman hingezogen fühlten. “I don’t know why, but unhinged women seem drawn to you”, konstatierte da auch Norma, als in Escort Annika (Tracy Spiridakos) eingangs zur dritten Staffel mal wieder eine solche ein Zimmer im Bates Motel buchte. Grundsätzlich funktionierte die Serie immer am besten, wenn sie den Fokus auf die Beziehung ihrer beiden interessantesten Figuren legte. Eine Beziehung, die direkt von Beginn an durch Mord begleitet wurde, was im Verlauf zum konstanten Element werden würde. Wenn auch später eher durch „Mutter“ denn Norma begünstigt.

“How many times have we done this, Mother?”, fragt Norman da gegen Ende der fünften Staffel in Inseparable, als er und Mutter mal wieder eine Leiche entsorgen. Den Punkt von “a boy’s best friend is his mother”, wie Norman Bates in Psycho sagte, haben wir da längst überschritten. Jeder werde manchmal etwas verrückt, hatte Norman im Film gegenüber Marion Crane (Janet Leigh) gemeint. “Sometimes just one time can be enough”, erwiderte die. Ein Dialog, der sich Mitte der fünften Staffel, wenn Bates Motel seine eigene Version von Psycho um Marion Crane (Rihanna) erzählt, nicht wiederholt. Aber dennoch die Geschehnisse reflektiert, wenn Norman zu Marion an einer Stelle sagt: “We need people, but that need can destroy us.”

Der Prequel-Serie des A&E Network gelang es dabei, sich nach einer mäßigen ersten Staffel schließlich merklich zu steigern. Ungeachtet der eher belanglosen Nebenplots waren die zweite und dritte Staffel eine erfreuliche Verbesserung in allen Bereichen, die vierte und fünfte Staffel untermauerten dies mit nahezu durchgängiger Konstanz. Und selbst wenn Bates Motel (zu) selten eine wirklich gute Serie war, so war sie doch aufgrund ihres stets überzeugenden Ensembles und ihrer mitunter gelungenen Herangehensweise an das Sujet immerzu sehenswert. Allzu schwer war es dennoch nicht, aus den insgesamt 50 Episoden der fünf Staffeln die aus meiner Sicht fünf gelungensten Folgen (Spoiler sind zu erwarten) herauszusuchen:


5. Unconscious (Season 3, Episode 10/Tucker Gates): “Mother would like to talk to you” ist einer dieser Sätze, die man – genauer: Frau – lieber nicht aus dem Mund von Norman Bates hören sollte. Während Romero aus Liebe zu Norma die Nebenhandlung mit Bob Paris zu einem Ende führt, ist Normans „Flucht“ mit Bradley (Nicola Peltz) vor einem Leben mit seiner Mutter von kurzer Dauer. Und die junge Frau verkommt zum ersten klassischen Opfer (inklusive Leichenentsorgung) des identitätsgestörten Serienmörders.

4. Unfaithful (Season 4, Episode 8/Stephen Surjik): Mit ihrem Entschluss, die Ehe mit Romero aufrecht zu erhalten und nicht zum alten Status Quo zurückzukehren, besiegelt Norma in dieser Folge unwissentlich ihr Schicksal. “All fixed now!”, freut sich Norman zuvor noch nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik, dass alles wieder beim Alten ist – hat dabei jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lange waren beide nicht bereit, einander mit anderen zu teilen. Ein Schwur, dessen Bruch Folgen hat.

3. The Body (Season 5, Episode 8/Freddie Highmore): Als Norman sich für seine mörderische Tat gegenüber Sheriff Greene (Brooke Smith) verantworten will, übernimmt Mutter kurzerhand wieder das Kommando. So leicht lässt sich die Persönlichkeit nicht unterkriegen – geschweige denn in die Anstalt stecken. Unterdessen schafft es Romero in sein altes Zuhause zurück, wo Chick (Ryan Hurst) wiederum bemüht ist, sich angesichts der Ermittlungsumstände für seinen kommenden True-Crime-Roman atmosphärisch inspirieren zu lassen.

2. The Immutable Truth (Season 2, Episode 10/Tucker Gates): Romero und Dylan beenden den – in jeglicher Hinsicht – aus dem Ruder gelaufenen Drogenkrieg von White Pine Bay auf ihre (blutige) Art. Norman will für seine vermeintliche Tat an Blair Watson die Konsequenzen tragen, ehe ihn Norma vom angestrebten Suizid abhält, der künftige Leichen erspart hätte. Zugleich ist es am Ende das Auftauchen von Mutter, die ihren Sohn vor der Justiz schützt, indem sie Norman alternative Fakten für seine Mord-Nacht liefert.

1. Norman (Season 4, Episode 10/Tucker Gates): Mit dieser Folge war der Prequel-Charakter der Serie im Prinzip abgeschlossen. Norman exhumiert und präpariert den Leichnam Normas und will ihr ursprüngliches Leben wieder aufnehmen – nur spielt die traurige Realität da nicht ganz mit. Durch Chick mit dieser konfrontiert will Norman seinem Leben (mal wieder) ein Ende setzen, bevor Mutter aus Selbstschutz Gnade vor Recht walten lässt. Gemeinsam begehen die beiden dann ein Weihnachten der besonderen Art.

28. Juli 2017

Valerian and the City of a Thousand Planets

Time flies when you’re having fun.

Als John F. Kennedy am 12. September 1962 seine berühmte Rede an der Rice University in Houston hielt, kündigte er sein Weltraumprogramm an mit den Worten: “the eyes of the world now look into space, to the moon and to the planets beyond, and we have vowed that we shall not see it governed by a hostile flag of conquest, but by a banner of freedom and peace.” Man fühlt sich an Kennedys Rede erinnert in den ersten Minuten der Comic-Adaption Valerian and the City of a Thousand Planets. Unterlegt von David Bowies Space Oddity sehen wir darin, wie sich zuerst verschiedene Nationen auf einer Weltraumstation im Orbit der Erde begrüßen, ehe nach und nach außerirdische Spezies dazu stoßen. Sitting in a tin can, far above the world.

Ungeachtet dieses Einstiegs hat Valerian and the City of a Thousand Planets jedoch weniger mit Weltraum-Politik à la Star Trek zu tun. Luc Besson verfilmte das Sci-Fi-Fantasy-Comic Valérian and Laureline von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin, welches von 1967 bis 2010 publiziert wurde, als ein Weltraum-Abenteuer der Marke Star Wars, Guardians of the Galaxy und Co. Darin spielt Dane DeHaan den überheblichen Major Valerian, der mit seiner Partnerin Laureline (Cara Delevingne) zuerst ein begehrtes Objekt sicherstellen muss, ehe beide als Bodyguard für den Kommandanten jener Weltraumstation zu Beginn – dargestellt von Clive Owen – abgestellt werden. Die treibt inzwischen durchs All, als intergalaktische Raumstation-Metropole.

Es ist eine reich bevölkerte Welt, die Besson hier erschafft respektive aus Valérian and Laureline übernimmt. Angefangen mit dem Planeten Mül und seinem naturverbundenen Volk der Pearls bis hin zu einem Schnabeltier-Trio, das auf der Weltraumstation Informationen gegen Bares tauscht. Zugleich setzt Valerian and the City of a Thousand Planets viel Vorwissen voraus, sei es zu der Comic-Serie oder zumindest zum Genre allgemein. So sind Valerian und Laureline direkt mitten im Flirt-Modus als das Publikum ihnen zuerst begegnet. Er will mit ihr zusammensein, sie gibt sich widerwillig. Immerhin ist Valerian ein Frauenheld und seine Partnerin will nicht zur nächsten bloßen Trophäe in dessen buchstäblicher Galerie von Errungenschaften verkommen.

Eine wirkliche Basis hat die Beziehung keine, genauso wie die von Laureline zu dem erwähnten Schnabeltier-Trio. Die Charaktere kennen sich und haben eine Historie, was sich aber nur ablesen lässt aus ihrer teils verspielten, teils subtil-aggressiven Neckerei. Genauso irritiert, wieso die Völkervereinigung auf der Raumstation “Human Council” heißt, obschon auch all die Spezies darin vertreten sind, die wir in der Space Oddity-Montage zu Beginn sahen. Man muss Besson jedoch zu Gute halten, dass diese Momente des Stutzens den Film und seine Geschichte nie ausbremsen. Auch wenn gerade die Romanze zwischen den Hauptfiguren, die kurz darauf noch einen Verlobungs-Subplot erhält, durchweg den Film hindurch etwas unbeholfen erscheint.

Immer wieder gibt es solche Momente, die nicht vollends zünden wollen. Speziell Dane DeHaan ist ein solcher, gänzlich fehlbesetzt als von sich selbst überzeugter Abenteurer und Schwerenöter. Wobei die Figur generell keine dankbare ist, auch wenn sie fraglos eines Schauspielers bedurfte der Marke „junger Harrison Ford“. Laureline ist da etwas sanftmütiger, aber deswegen nicht minder überheblich, ihre Selbstsicherheit oft ebenso Risiko wie Attribut. Eine starke Frauenfigur ist sie allemal, wie sie so oft bei Besson existiert, von La femme Nikita über The Messenger hin zu Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec vor einigen Jahren. Cara Delevingne meistert diese Szenen in der Folge oft (genug) mit ihrer eigenen kecken wie frechen Persönlichkeit.

Charakterliche Tiefe sollte man dennoch keine erwarten, die Nebenfiguren werden wegen des komplexen Plots weitaus eindimensionaler gestaltet. Darunter auch Ethan Hawke als Lustmeilen-Zuhälter und Rihanna in einer belanglosen und vorhersehbaren Rolle als Gestaltenwandlerin. Spannendere Figuren wie der von John Goodman gesprochene Alien-Gangster Igon Siruss, der Valerian im ersten Akt eine Vendetta schwört, die sicher als Aufhänger oder roter Faden für das/die erhoffte(n) Sequel(s) dienen soll, verabschieden sich leider viel zu früh. Immerhin ist Igon Siruss Teil des wohl spannendsten Teils dieses in der Summe doch leicht überfrachteten, über zwei Stunden langen Epos’ – in einem Set-Piece, das so einfallsreich wie verspielt ist.

In einer Touristen-Attraktion, als eine Art interdimensionales VR-Erlebnis angelegt, müssen Valerian und Laureline in einem innovativen Heist-Szenario jenes Objekt sichern, das sie letztlich zu ihrer Mission auf die Raumstation führt. Auch wenn die Mechanismen hinter diesem interdimensionellen Katz-und-Maus-Spiel nicht vollends klar sind, macht es doch ungemein Spaß und ist sehr viel mitreißender wie eine Verfolgungsjagd im zweiten Akt, die als Mix aus The Fifth Element und Star Wars – Episode II: Attack of the Clones anmutet. Zwar ist Valerian and the City of a Thousand Planets – schade, dass der Film nicht schlicht Valerian and Laureline heißt – narrativ überladen, aber zugleich jenes visuelle Bombastkino, das Besson einst ausgezeichnete.

Valerian hat durchaus Potential zur vergnüglichen Sci-Fi-Fantasy-Saga – abhängig vom Erfolg an den Kinokassen. Nicht zuletzt, da der Film mit einem Budget um die 200 Millionen Euro alles andere als eine billige Angelegenheit ist. “I think we're going to do it, and I think that we must pay what needs to be paid”, sagte bereits John F. Kennedy in Houston in seiner Rede zum Weltraumprogramm. Weder dieses noch Valerian and the City of a Thousand Planets war ein preiswertes Projekt. Ob sich das von Besson ähnlich bezahlbar machen wird wie das des US-Präsidenten bleibt abzuwarten. In der Herangehensweise sind sie sich aber ähnlich: “not because they are easy, but because they are hard.” Zwei echte Weltraum-Abenteuer eben.

8.5/10

6. September 2015

This Is the End [Das ist das Ende]

Hermione just stole all of our shit. And Jay suggested that we rape her.

Unverhofft kommt oft, heißt es so schön. Das sollte vermutlich für nichts mehr gelten als für das Ende aller Tage, auch als Armageddon bekannt. Und wie sich zeigt, gibt es wider Erwarten scheinbar keinen schlechteren Ort, um auf die biblische Entrückung zu hoffen, als eine Hollywood-Party zu besuchen. So zumindest lassen es einen Evan Goldberg und Seth Rogen in ihrem Regiedebüt This Is the End glauben, in dem sie ihren eigenen Freundeskreis die Apokalypse erleben lassen. Viel dramatischer als der Weltuntergang vor der eigenen Haustür entwickelt sich die Offenbarung, die sich innen statt draußen abspielt. Es sind die emotionalen Fassaden, die bröckeln, wenn sich eine Handvoll Freunde offen die Meinung sagt.

Beste Freunde seit gemeinsamen Undeclared-Tagen fürchtet Jay Baruchel im Film um seine Freundschaft zu Kollege Seth Rogen, der inzwischen seine Bromance mit Freaks-and-Geeks-Kollege James Franco intensiviert. Seine Clique rund um Jonah Hill versucht zwar alles, um Baruchel in ihre Mitte aufzunehmen, doch so wirklich will der nicht in deren Kreis passen. Craig Robinson und Emma Watson halten ihn sogleich für einen Hipster, der sich zu schade ist, die Toilette zu besuchen, nur weil Michael Cera auf Kokain dort gerade einen flotten Dreier verlebt. Als dann auch noch die Welt untergeht, sieht sich Baruchel eingesperrt mit Rogens Clique in Francos Haus. Dort wartet die Gruppe auf ihre Rettung, immerhin sind sie Hollywood-Stars.

Der Humor von This Is the End, so die Idee, zeugt von übersteigerten Darstellungen der öffentlichen Meinung der Stars. Oder, wie im Falle von Michael Cera, von deren totaler Verkehrung. So gibt Jonah Hill (“from Moneyball”) einen Schleimscheißer, James Franco inszeniert sein Bild als prätentiöser Seth-Rogen-Fan und Danny McBride gibt ein Arschloch vom Dienst, wie er es schon in The Pineapple Express oder Eastbound & Down perfektioniert hat. Das ist zwar ein interessantes und vielversprechendes Konzept, wird allerdings im Film von Goldberg und Rogen nicht konsequent zu Ende gedacht. Auch, weil der Meta-Gedanke im Laufe des zweiten Akts dann letztlich einem konventionellen dramatischen Verlauf geopfert wird.

Mit Beginn der Apokalypse beginnt zugleich das schleichende Ende des sich gegenseitig Aufziehens, in dem allenfalls James Franco eine Ausnahme darstellt. Speziell Craig Robinson verkommt zu einer eindimensionalen Figur, die mehr den Status des Token Black Guy einnimmt, anstatt dass Robinsons Persona als Sprungbrett für Sarkasmus oder Zynismus dient. Der Humor des Films, so scheint es, generiert sich zuvorderst daraus, dass Stars als sie selbst angesprochen werden, statt mit einem Charakternamen. Da taumelt Paul Rudd mit Schampusflasche einer Besucherin in den Schädel und Emma Watson verschwindet zuerst von Francos Party, um dann später kurz zurückzukommen, ohne dass der Film etwas mit ihr anzufangen wüsste.

Wenn ein vollgedröhnter Michael Cera den Hintern vom Rihanna begrabscht und diese ihm eine scheuert, ist das durchaus amüsante physical comedy, verpufft aber im Grunde genauso wie die wenig gehaltvollen Momente mit Stars wie Jason Segel, Kevin Hart oder Aziz Ansari. Es wäre This Is the End vielleicht mehr geholfen gewesen, wenn man Cera mit in die Gruppe eingeschlossen hätte und McBride als Antagonisten ersetzen lassen, statt dass Letzterer einfach eine Widersacher-Rolle aus seinen Filmen in die Realität übernimmt. Auch eine vertiefte weibliche Figur hätte hier nicht geschadet, um den Humor zu (ver-)stärken, beispielsweise mit Aubrey Plaza oder Linda Cardellini, um die Freaks and Geeks-Referenz weiterzutreiben.

Der weitere Filmverlauf beschränkt sich dann auf Goldbergs und Rogens aus Superbad übernommene Faszination mit Penissen, die Dämonen und Satan geschenkt werden, ohne dass sie einen Sinn ergeben, und dem Gedanken, wenn man sich für jemand opfert, wird man entrückt – selbst wenn es eine kalkulierte Selbstopferung ist, im Wissen, aus ihr resultiert die gewünschte Entrückung (Hollywoods Idee von Altruismus). Womöglich wäre This Is the End eine rundere Sache als verlängerter SNL Digital Short beziehungsweise in den Händen vom The Lonely Island-Team geworden, zumindest ein kompetenter Regisseur wie Adam McKay hätte jedoch geholfen. Am Ende gilt für den Film daher dasselbe wie für Aziz Ansari in ihm: “It’s too late for you.”

5/10