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19. Juli 2020

Basic Instinct

He got off before he got offed.

Sharon Stones Beinüberschlag in Paul Verhoevens und Joe Eszterhas’ Basic Instinct gilt als einer der kultigsten Momente der Filmgeschichte, dabei ist die Sequenz, in der er stattfindet und der er dient, eigentlich viel eindringlicher als die entblößte Vulva der Hauptdarstellerin. Das Verhör der Krimi-Autorin Catherine Tramell (Sharon Stone) durch eine Gruppe schmieriger Polizisten des Morddezernats visualisiert den Kontrollverlust der Beamten rund um ihren Ermittler Nick Curran (Michael Douglas). Vermeintliche Trümpfe erhärten sich nicht, ins Schwitzen geraten eher die Polizisten, spätestens dann als Catherine pointiert ihre Sexualität einsetzt, um das Kartenhaus von Nick und Co. vollends zum Einsturz zu bringen.

Kontrastiert wird diese Szene etwas später im Film, wenn es Nick ist, der sich plötzlich im Verhörzimmer den Fragen seiner Kollegen stellen muss, als der gegen ihn ermittelnde Kollege für innere Angelegenheiten ermordet wird. Nick versucht sich ähnlich aalglatt wie zuvor Catherine zu geben, wirkt jedoch weitaus weniger souverän. Bereits zuvor hat er seine Gelassenheit verloren, nach mehrmonatiger Abstinenz wieder mit dem Trinken und Rauchen angefangen. Auch hierin finden sich weitere Anzeichen des Kontrollverlusts der Detektiv-Figur, die exemplarisch für die Polizei als Ganzes steht. Dass dieser Kontrollverlust durch eine Frau herbeigeführt wird, ist nochmals emaskulierender, die Versuche, ihn zurückzugewinnen, kläglich.

“You like playing games, don’t you?”, fragt Nick noch punktgenau in Catherines Polizeiverhör. Und erhöht im Laufe des Films immer mehr die Einsätze für ein Spiel, dessen Regeln er sich nicht wirklich bewusst ist. “You shouldn’t play this game”, weist ihn Catherine an einer Stelle entsprechend an. “You’re in over your head.” Für Macho Nick ist dies jedoch nur weiterer Anreiz, All-in zu gehen. Gekonnt spielt die gewitzte Multimillionärin mit Chic mit dem heruntergekommenen Großstadt-Bullen. Der gemeinsame Sex der Nacht zuvor wird von diesem als “fuck of the century” deklariert, für Catherine ist er allenfalls ein solider Anfang. Der nächste Kratzer in Nicks Ego, der nie über Catherines Sexualität hinauszuschauen vermag.

Jene Kontrolle, die Nick in seinen Mordermittlungen und gegenüber Catherine verliert, versucht er sich in seiner gescheiterten Beziehung zu der Polizeipsychologin Beth Garner (Jeanne Tripplehorn) zurückzuholen. Kulminierend in der Vergewaltigung als direkte Folge auf Catherines Verhör zuvor. “You’ve never been like this before”, versucht sich Beth die Vergewaltigung zu erklären. “I wasn’t making love to you”, erklärt Nick lapidar – und differenziert zwischen einer romantizierten Sicht auf Sex und einer animalischeren, zu der ihn Catherine animiert. “I wasn’t dating him. I was fucking him”, beschrieb die ihr Verhältnis zum ersten Mordopfer. Folglich umschreibt auch Nick ihre Liebesnacht daher als “fuck of the century”.

Prinzipiell ist Basic Instinct ein sexualisierter Film noir, dessen “hard-boiled detective” sich in seiner Faszination für eine undurchsichtige Femme fatale verliert. Quasi ein vulgär-obzöner Hitchcock-Film, was nochmals durch Jerry Goldsmiths an Bernard Herrmann angelegte musikalische Untermalung verstärkt wird. Im Zentrum steht dabei weniger Michael Douglas’ Polizist als vielmehr Sharon Stones alle Fäden in der Hand haltende Mordverdächtige. Sie lebt außerhalb der Konformität, zieht ihre Eiswürfel statt vorgefertigt aus einer Form lieber unsauber abgeschlagen mit einem Eispickel vor. “I like rough edges”, erklärt sie – und geht mit dieser Erklärung über ihre Vorliebe für Eiswürfel hinaus, quasi hin zu einer allgemeinen Lebensphilosophie.

Verhoeven und Eszterhas versehen Basic Instinct zugleich mit einem gewissen Meta-Element, wenn vergangene Bücher von Catherine alte Mordfälle beschreiben und ihr aktueller Roman, der von Nick inspiriert ist (“he falls for the wrong woman”), zugleich kommende Morde vorwegnimmt (“it’s practically writing itself”). Sharon Stone vereinnahmt diesen 90er Jahre Sex-Thriller und untermauert ihr kokettes Talent, welches sie zuvor bereits in Verhoevens Total Recall hatte aufblitzen lassen. Der Schlussakt verliert sich zwar ein bisschen in sich selbst, das passende Ende tröstet darüber aber in gewisser Weise hinweg. Was bleibt ist ein sehr unterhaltsamer, sleaziger Film, der weitaus mehr zu bieten hat als lediglich einen Beinüberschlag.

7.5/10

21. Februar 2016

Total Recall

I feel like I was meant for something more than this.

Tag aus, Tag ein immer dasselbe. Man steht auf, geht zur Arbeit, folgt stets derselben Routine. “Without questioning it”, klagt Fabrikarbeiter Doug Quaid (Colin Farrell). Sogar dieselben Plätze nehmen er und Arbeitskollege Harry (Bokeem Woodbine) täglich im Shuttle-Transport zur Arbeit ein. Das kann es nicht gewesen sein, vor allem, als Quaid erfährt, dass eine erhoffte Beförderung ausbleibt. Aus Frust sucht er Rekall auf, eine Firma, die falsche Erinnerungen ins Gehirn transplantiert. Quaid will einen Traum, in dem er mit einer mysteriösen Frau (Jessica Biel) als Geheimagent arbeitet, vertiefen. Nur scheint der Traum weniger Traum als subtile Erinnerung zu sein.

Wer alt genug ist, mag sich daran erinnern, dass diese Geschichte bereits erzählt wurde. Paul Verhoeven adaptierte 1990 Total Recall aus Philip K. Dicks Kurzgeschichte “We Remember It For You Wholesale”. Darin spielte Arnold Schwarzenegger den Bauarbeiter Doug Quaid, der von einer Mars-Reise träumte – ehe Mitarbeiter von Rekall feststellten, dass er diese bereits getätigt hatte. Als Spielball zwischen dem Mars-Gouverneur Cohaagen und dem subversiven Widerstand erlebt Quaid ein wildes Abenteuer auf einem fremden Planeten – oder womöglich doch nicht. Verhoeven ließ dabei offen, ob sein Film letztlich nicht vielleicht doch bloß ein Rekall-Implantat war.

Derartig verspielt gibt sich das 2012er Remake von Regisseur Len Wiseman keineswegs. Dies fängt bereits mit dem Beginn an. Wo Verhoeven eine simple, kurze Szene auf dem Mars zwischen Quaid und einer unbekannten Frau (Rachel Ticotin) inszenierte, setzt sich Wisemans einleitender Traum visuell nicht wirklich von der Realität ab. Und wirkt somit weitaus weniger als Traum, sondern ziemlich offensichtlich wie eine Erinnerung. Der restliche erste Akt folgt weitestgehend dem Originalfilm, verzichtet lediglich auf die Mars-Komponente und präsentiert dem Zuschauer eine dystopische Zukunft mit zwei Handlungsorten: der United Federation of Britain und der Kolonie.

Zumindest visuell macht die Kolonie – eine Blade-Runner-eske Interpretation einer asiatisch angehauchten Shanty Town – etwas her, nur verlagert sich die Handlung in der zweiten Filmhälfte in das sterilere Groß-Großbritannien. Im Remake ist Rekall weniger seriöse Firma als ein Hinterhof-Esoterik-Schuppen neben Straßen-Tattoo-Shops (hat aber das Budget, große Werbereklamen in der Kolonie zu schalten. Die Rekall-Implantation kommt nicht zu Stande, Quaid wird auf der Flucht zum Mörder und sieht sich Zuhause mit seiner Frau Lori (Kate Beckinsale) einer Agentin von UFB-Kanzler Cohaagen (hier: Bryan Cranston) konfrontiert. Erneut muss Quaid danach die Flucht ergreifen.

Wo Verhoeven nun den Plot auf den Mars verlagert, wo Quaids vorheriges Alter Ego ihn instruiert, Melina, jene mysteriöse Frau, aufzusuchen, um den Kontakt zu Rebellenführer Kuato herzustellen, substrahiert Wiseman den Mutanten-Subplot aus der Gleichung, folgt aber in der Struktur dem Original (wobei Kuato hier zu Matthias, gespielt von Bill Nighy, wird). Lebt die 1990er Version vom futuristischen Mars-Setting inklusive Mutanten, Johnnycab und “I got five kids to feed”-Benny (Mel Johnson, Jr.), verliert sich das Remake in seiner glanzlosen Darstellung einer mehrstöckigen Gebäudewelt. Verhoevens Film atmet durchweg Philip K. Dick, Wiseman äfft eher Minority Report nach.

Zugleich gerät das, was dem Zuschauer präsentiert wird, wenig interessant. Jede Actionszene besteht aus derselben Flucht von Quaid vor Lori (Wiseman verschmilzt in ihr Lori und Michael Ironsides Figur Richter), was sie repetitiv-ermüdend macht. Zudem wird Cohaagen mit einer suspekten Motivation ausgestattet. Zwar schwand gegen Ende meine Aufmerksamkeit, aber es wirkte so, als wolle er die Menschen in der Kolonie ausmerzen, und sie durch seine UFB-Dronen ersetzen. Aber die könnten an sich ja auch in Afrika oder Nordamerika hausen (?). Im Gegenzug präsentierte Verhoeven eine weitaus simplere Action und Handlung, die jedoch sehr viel spannender gerieten.

Wisemans Inszenierung ist trotz aller futuristischen Spielerei eine reichlich lieblos-sterile Angelegenheit. Weitaus ärgerlicher als die belanglose Action ist dabei sein ausuferndes Faible für Lens Flares. Die brechen in fast jeder Szene über einen herein, reißen dabei immer wieder aus dem Geschehen heraus und scheinen nahezu ein Eigenleben zu entwickeln. Total Recall vereint so viele Lens Flares in sich wie drei J.J. Abrams’ Filme – und das will etwas heißen. Was Remake und Original aber noch mehr unterscheidet, ist der Ton. Hier und da versucht Wiseman den süffisanten Humor der 1990er Version zu übernehmen (“It’s safe to say we’re separated”) – und scheitert.

Bei Verhoeven und Dick ging es um Dougs Identitätskrise und dem Wunsch nach mehr (“I want to do something with my life”). Rekall versprach hier “a vacation from yourself” – nur war der vermeintliche Kunde nicht die Person, die er zu sein schien. Der doppelte Boden des Rekall-Implantants fehlt im Remake gänzlich. “People are trying to kill you left and right, you meet this beautiful exotic woman (…) I don’t want to spoil it for you, but rest assured: by the time the trip is over you get the girl, kill the bad guys and save the entire planet”, nimmt im Original Rekall-Chef Bob McClane (Ray Baker) den Filmverlauf vorweg. Entsprechend offen lässt Verhoeven diesen enden.

Sein Total Recall ging auch um Vertrauen – oder dessen Mangel. Cohaagen traute der außerirdischen Technologie nicht. Melina vertraut Quaid, vormals Hauser, auch nachdem dieser als Schläfer enttarnt wird. Und Quaid vertraut letztlich seiner neuen Identität gegenüber seiner alten. Die 1990er Version überzeugt in allen Belangen, ist Actionreich und gewaltvoll, aber in kleinen Dosen. Dabei bleibt der Humor nicht auf der Strecke und sowohl visuell (Effekte, Make-up) als auch auditiv (Jerry Goldsmiths Musik) und mit seinem Ensemble (Sharon Stone vor ihrem Durchbruch in Verhoevens Basic Instinct zwei Jahre später) weiß Total Recall auf ganzer Linie zu überzeugen.

Was sich vom Remake nicht sagen lässt. Der talentfreie Handlanger Wiseman gibt sich besonders schlau (Farrell liest auf dem Weg zur Arbeit Ian Flemings The Spy Who Loved Me), zitiert fleißig das Original, hat dieses aber wie so viele Remake-Marionetten (siehe auch RoboCop) schlicht nicht verstanden. Es erstaunt immer wieder, dass Leute wie Wiseman, Brett Ratner oder McG weiterhin Jobs in Hollywood kriegen. Der Vorteil dieses Total Recall-Remakes ist, dass man es bereits beim Sehen vergisst, während man an die Klasse des Originals denkt. “Best memories I have”, lässt sich zum Verhoeven-Film ein Zitat des Remakes ummünzen. “A whole lot better than this shit.”

2.5/10

27. September 2008

Vorlage vs. Film: Sphere

Sphere (1987)

Neben Stephen King und John Grisham zählt sicherlich auch Michael Crichton zu Amerikas meistgelesenem Bestsellerautor, dessen Werke immer wieder gerne von den Produzenten in Hollywood aufgegriffen werden. Dabei konzentrieren sich Crichtons Romane oft auf dieselbe Thematik, nämlich ein schief gelaufenes wissenschaftliches Experiment als warnendes soziales Beispiel anzuprangern. Letztlich ist es das Streben nach jener wissenschaftlichen Errungenschaft, welche die Protagonisten seiner Geschichten in ihr Dilemma führt. Hierzu zählen unter anderem Werke wie Prey oder auch sein letzter Roman Next. Hierbei vertieft sich Crichton meist durchaus in das jeweilige Thema, recherchiert das Fachgebiet, auf welches er Bezug nimmt und gibt dieses über weite Strecken akkurat wieder. Grundsätzlich „technisch“ sind seine Geschichten allerdings nicht, eher wirken diese Einschübe gestreut zwischen seinen staffelartigen Spannungsmomenten. Auf der literarischen Ebene ist Crichton kein Ernest Hemingway, wobei man ihm zugestehen muss, dass seine Dialoge ein auffälliges Streben nach Authentizität haben. Seine Stärke liegt dabei vormerklich in der Exposition und der Hinführung zu einer durchaus interessanten Thematik. Lediglich mit dem weiteren Verlauf respektive Ende seiner Geschichten hapert es bei dem 66-Jährigen etwas. Zuletzt sorgte Crichton auch für Kontroversen, als er in seinem Roman State of Fear die Globale Erwärmung negierte und in Next einen Zeitungsredakteur persönlich angriff. Da verwundert es auch nicht, dass seit 2003 keiner seiner Romane mehr für die Kinoleinwand adaptiert wurde, nachdem die letzten drei Versuche grandios gefloppt waren.

Auch Sphere, der in Deutschland unter dem Titel Die Gedanken des Bösen vertrieben wurde (ein undankbar schlechter Titel), beschäftigt sich mit einem von Crichtons beliebten Warnbeispielen. Der Psychologe Norman Johnson wird in den Pazifik hinaus geflogen, wo er auch eine Militärflotte trifft. Ursache für das Szenario ist ein abgestürztes und in 300 Meter Meerestiefe gefundenes Raumschiff, welches außerirdischen Ursprungs sein soll. Norman, der einst einen Kontaktbericht über Außerirdische verfasst hat, soll gemeinsam mit vier anderen Wissenschaftler in ein Tiefseehabitat und mit jenen unbekannten Wesen in Verbindung treten. Was niemand weiß: Norman hatte seinen Auftrag nie Ernst genommen und wahllos Bekannte als Kontaktpersonen eingesetzt. Als die Gruppe um Mathematik-Genius Harry Adams, Astrophysiker Ted Fielding und Biologin Beth Halpern in der Tiefe ankommt, stellt sich bald heraus, dass es sich vielmehr um ein amerikanisches Raumschiff aus der Zukunft, denn ein außerirdisches UFO handelt. Diese Entdeckung, welche Harry bereits an der Oberfläche gemacht hat, spaltet die Gruppe in zwei Parteien. Da kein außerirdischer Kontakt vorhanden ist, zieht es Norman, Beth und Harry zurück an die Oberfläche – doch es kommt alles anders. Im Frachtraum des Raumschiffes entdeckt die Gruppe eine ominöse Kugel (engl. sphere), welches sich offenbar jedoch nicht öffnen lässt. Als ein Zyklon an der Oberfläche aufzieht, ist das Team jedoch gezwungen einige Tage auszuharren – da stellt sich heraus, dass Harry in die Kugel gegangen ist. Nachdem er wieder aus ihr erscheint, beginnen sich seltsame Zufälle zu ereignen. Der Meeresboden ist plötzlich von Lebensformen belebt und es findet sich eine Matrix auf dem Bordcomputer. Scheinbar versucht die Kugel mit Norman und den anderen Crew-Mitgliedern in Kontakt zu treten.

Das Geheimnis der außerirdischen Entität Jerry ist dabei ebenso leicht durchschaubar, wie das von Crichton angestrebte Finale. Besser wäre es wahrscheinlich gewesen, hätte sich die Handlung nicht allein auf Norman konzentriert, sondern abwechselnd auf die drei tragenden Charaktere des Psychologen sowie Harry und Beth. Denn das Bild, das die Leser von diesen beiden erhalten, ist durch Norman bereits vorgegeben, während eine wirkliche Reflexion seiner Figur durch die Augen der Anderen nicht vorhanden ist. Was es dabei genau mit der Kugel auf sich hat, spielt für den Ausgang der Geschichte eine untergeordnete Rolle. Das Bild, welches man von ihr in den späteren Kapiteln, darunter dem Epilog, erhält, ist für eine Interpretation ausreichend. Umso schrecklicher daher der deutsche Titel, der hier ein völlig falsches Resümee der ganzen Ereignisse zieht. Die technisch-wissenschaftlichen Einschübe Crichtons über die Funktion von Unterwasserhabitaten, den Aufbau von Schwarzen Löchern und anderen Themenfeldern sind gut recherchiert, informativ und dabei in Verbindung mit der Geschichte nicht so abgehoben, dass sie verfälschend wären. In regelmäßigem Abstand wissen sie die sich im Kreis drehenden Dialoge und thrillerlastige Geschichte auf ein semi-authentisches Niveau zu heben. Im Ganzen ist Sphere jedoch wegen seiner narrativen Schwächen, gerade zum Ende hin, ein etwas unausgegorenes Werk, welches durch die rudimentäre Übersetzung von Alfred Hans („Kreuzdonnerwetter“, „Rutsch mir doch den Buckel runter“, etc.) einen ungewollt trashigen Zug erhält.

Sphere (1998)

We're all gonna die down here.

Neben Steven Spielberg zählt auch Oscarpreisträger Barry Levinson zu den Regisseuren, die zwei Mal einen Roman von Michael Crichton verfilmt haben. Vier Jahre nach Disclosure würde Levinson sich des Stoffes von Sphere annehmen und für 80 Millionen Dollar einen Flop für Warner Bros. Pictures einbringen. Dabei ist sein Film eine weitestgehend getreue Adaption der Romanvorlage, die lediglich hier und da eine Abweichung präsentiert, abgesehen vom veränderten Finale. Mit Dustin Hoffman, Sharon Stone und Samuel L. Jackson konnte Levinson auch drei namhafte Darsteller gewinnen, die durch den damals noch recht unbekannten Liev Schreiber ergänzt wurden. Weltweit konnte der Film lediglich 50 Millionen Dollar einspielen und sollte auch für Levinson eine Pause in seiner Karriere bewirken, konnten doch keine seiner folgenden Filme an Erfolge wie Rain Man oder Good Morning, Vietnam anknüpfen. Ohnehin war das Jahr 1998 mit Filmen wie Armageddon oder Deep Impact ziemlich beengt, was Missionen in luftdichten Anzügen anging. Obschon es sich wie erwähnt um eine ziemlich getreue Adaption handelt, geht Levinson einen anderen Weg als es Crichton im Buch gepflegt hat. Die technischen Aspekte werden nur so weit erläutert, wie sie für das Verständnis des Filmes von Nöten sind. Im Gegensatz zur Vorlage wird daher vielleicht nicht jeder exakt verstehen, wie ein Schwarzes Loch funktioniert, wenn die Person es nicht ohnehin bereits weiß. Aber allgemein spielt die Kugel in Sphere eine weitaus geringere Rolle, als sie Crichton in seinem Roman benutzt. Levinson bedient sich ihrer vormerklich als Projektionsfläche für ein Überthema: Angst.

Im Film ist die Kugel gewichtiger aus Auslöser der unterbewussten Angst dargestellt, als es im Roman der Fall ist. Dort verwendet die Crew auch mehr Zeit in ihren Gesprächen mit Jerry, die ebenfalls anders strukturiert werden, um später eine Identifikation mit Harry (Samuel L. Jackson) zu offenbaren. Levinson wirft dieses Konstrukt vollkommen über Bord, sodass die Szenen selbst noch mal eine andere Bedeutung als im Kontext des Romans erhalten. Stattdessen ist die Kugel hier lediglich der Auslöser, wird aber nicht großartig im weiteren Verlauf berücksichtigt. Für ihr Verständnis fehlt dann auch Normans (Dustin Hoffman) Besuch in ihr, der im Film ohnehin viel früher stattfindet und zu einem wahren Mischmasch der Ereignisse führt. Dem Publikum erschließt sich im Film daher nicht um was es sich genau bei der Kugel handelt bzw. nicht handelt, da diese Frage von den Charakteren hier nicht erörtert wird. Da der Film in seiner vorhanden Form über zwei Stunden lang ist scheint sich die Ursache hierfür in der Laufzeit niederzuschlagen, die man ungern über zweieinhalb Stunden dehnen wollte. Ohnehin begeht Levinson den typischen Weg einer Romanadaption indem er viele Haken schlägt. Was als wichtig erachtet wird, erfährt eine Thematisierung, ist dabei oftmals aus seinem Zusammenhang gerissen, weshalb viele Einstellungen unfertig und nichts sagend wirken.

Mach mir den Kubrick, Barry ... 2001: A Spacey Odyssey meets Sphere.

Hinzu kommen kleine, unwichtige Veränderungen wie Norman und Beths (Sharon Stone) Nachnamen. Unklar, weshalb Norman im Film Goodman und nicht Johnson heißt, ebenso wie Beths Name von Halpern zu Halperin geändert wurde. Ebensowenig tragisch ist der Alterstausch der Figuren Harry und Ted (Liev Schreiber). Wohingegen Ted im Roman vierzig und Harry dreißig und bebrillt ist, ist es im Film umgekehrt. Gut möglich dass Levinson einfach keinen bekannten dreißigjährigen Afroamerikaner gefunden hat, der ihm geeignet schien die Rolle von Harry zu spielen. Grundsätzlich lässt sich an den Besetzungsentscheidungen jedoch nicht meckern, die Darsteller repräsentieren ihre Figuren authentisch und spielen sie über weite Strecken auch glaubhaft und überzeugend. Es ist wenn dann das Drehbuch, das sie mitunter ins Overacting treibt, da es übertrieben auf jenes Element der Angst ausgerichtet ist. Die Konzentration auf jene sollte für Levinson den Film wohl verstärkt in die Thriller-Kategorie schieben, was ihm jedoch misslingt, da er nicht den Punkt der Vorlage trifft. Hierzu zählt auch das flache und unspannende Finale, welches selbst das des Romans noch mal unterbietet und kulminiert schließlich in dem veränderten Ende, welches seine zwiespältige Interpretation – zumindest hat es den Anschein – aufgeben muss. Die Veränderungen gegenüber der Vorlage stoßen nur hier etwas sauer auf, hat man zuvor bereits die Tode von Barnes (Peter Coyote) und Ted in ihrer abgewandelten Form – mehr Unfall wie „Absicht“ – bereitwillig geschluckt. Das Finale des Filmes ist in seiner Form jedoch zu weichgespült und mehr als unglaubwürdig. Mordversuche der Überlebenden aneinander werden sofort vergeben, umso lächerlicher, da zuvor eine extreme Spannung zwischen allen vorbereitet wurde.

Zudem scheitert der Film an seiner versuchten Vertiefung der jeweiligen Charaktere, speziell natürlich Harry und Beth. Des einen Tintenfischabneigung und der anderen Vorgeschichte mit Norman ist prinzipiell zur Erzählung der Geschichte nicht notwendig und erfüllt dabei auch nicht den Zweck der Dramatisierung. Dafür werden diese Aspekte nicht stark genug gewichtet, sodass der Versuch zeitweise in den Bereich des Horror abzutauchen jedes Mal grandios scheitern. Auch von den Nebenkriegsschauplätzen bei Crichton (Norman war nur vierte Wahl, Barnes belügt das Team) ist im Film nicht mehr viel geblieben, insgesamt entfaltet sich bei Levinson die angespannte Situation aller Beteiligten, nicht nur untereinander sondern vor allem gegenüber Jerry, weniger gelungen wie in der Romanvorlage. Andere Kürzungen wie den Angriff des Riesenkalmars hat man soweit umgeformt, dass man sich die Effekte für jenen Kalmar sparen konnte. Das ist gerade deswegen enttäuschend, da die Ursache für einige Todesfälle dadurch abgeändert wird und umso erstaunlicher, weil es Levinsons Ansatz der Geschichte eigentlich unterstützt hätte. Im Grunde bleibt Sphere jedoch von der Adaption her eine gute Umsetzung, deren Fehler weniger die Arbeit von Levinson und Konsorten ist, als vielmehr Crichtons Vorlage. Der Film versagt aus denselben Gründen, weshalb es auch dem Roman nicht zu gelingen vermag mehr als Durchschnitt zu sein, obschon er zu meinen Lieblingswerken zählt (was ich mir selbst nicht erklären kann). Die Ausstattung, die Effekte, die Besetzung der Figuren – alles ist im Grunde gelungen, lediglich die Geschichte von Crichton gibt nicht mehr her, als das was dem Zuschauer hier geboten werden kann. Ähnlich, wie es auch bei anderen Crichton-Verfilmungen (Timeline, Congo) der Fall gewesen ist.

5/10