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1. Februar 2019

Hook

Kill the lawyer!

Erwachsen zu werden ist zumeist gleichbedeutend mit dem Ende der Jugend. So schrieb Paulus an die Korinther: Als er ein Mann wurde, „tat ich ab, was kindlich war“ (1. Kor, 13,11). Der Übergang des Kindes zum Erwachsenen deutet sich als harter an – das eine beginnt dann, wenn das andere aufhört. “When are you gonna stop acting like a child?”, herrscht da auch Anwalt Peter Banning (Robin Williams) seinen Sohn Jack (Charlie Korsmo) im ersten Akt von Steven Spielbergs Hook an. “Grow up!”, lautet die Botschaft des Vaters. Der Verlust der kindlichen Unbekümmertheit bildet den Kern von Spielbergs vermutlich meistunterschätzten Film, der heutzutage allgemein zu den schlechtesten Werken des Hollywood-Regisseurs gezählt wird.

So hält Hook bei Rotten Tomatoes mit 28% den niedrigsten Wert innerhalb Spielbergs Filmografie, bei Metacritic liegt das Fantasy-Abenteuer zumindest noch vor Always und 1941. Dabei war die Fortsetzung von J. M. Barries Peter Pan seiner Zeit ein veritabler Hit, landete in den weltweiten Kinocharts von 1991 mit einem Einspielergebnis von 300 Millionen Dollar auf dem vierten Rang. Über Weihnachten veröffentlicht, hielt sich Hook vier Wochen auf dem ersten Platz in den USA, seine dort erzielten 120 Millionen Dollar liegen marginal hinter den 137 Millionen, die Spielbergs Ready Player One in 2018 verbuchen konnte. Damals war Hook vielmehr einer der erfolgreicheren Filme des Regisseurs außerhalb der Indiana Jones-Reihe gewesen.

Zwei Jahre zuvor vermochte Always lediglich ein Drittel von Hooks Einspielergebnis zu erzielen, Empire of the Sun wiederum hatte es 1987 in seiner Debütwoche gerade so unter die Top Ten geschafft. Der kommerzielle Erfolg von Hook änderte jedoch wenig an der Haltung der Kritiker zum Film. Georg Seeßlen sieht ihn als gescheiterten Versuch einer Selbstlektüre Spielbergs und für Roger Ebert bestand das wesentliche Versagen von Hook in seiner Unfähigkeit, “to re-imagine the material”. Eberts Resümee, mit dem er nicht alleine dasteht: “Spielberg should simply have remade the original story.” Die Idee und Essenz von Hook ging bei den Kritikern weitestgehend verloren: die Rückbesinnung auf kindliche Werte als Erwachsener.

Voraussetzung für die Geschichte von Hook ist ein weitergedachtes Was-wäre-wenn-Szenario. Was wäre aus Peter Pan geworden, wenn er das Adoptionsangebot der Darlings zum Ende von Barries Buch angenommen hätte? Die Figur wäre erwachsen geworden – und hätte sich von ihren Idealen entfremdet. Als Wirtschaftsanwalt verdient Peter sein Brot mit Übernahmen, er segle herein und übernehme das Kommando, wie Jack den Beruf des Vaters gegenüber Granny Wendy (Maggie Smith) blumig beschreibt. “You’ve become a pirate”, realisiert diese. Die Assimilation von Peter in seine Feinde von früher ist dabei nur konsequent. “All grown-ups are pirates”, klärt Rufio (Dante Basco) seinen alten Weggefährten später auf.

Dass Peter Pan als der Junge, der nicht erwachsen wird, nun in Hook erwachsen geworden ist, soll weniger Frevel sein und drückt auch keine Unverständnis gegenüber der Vorlage aus, sondern reflektiert stattdessen die Hintergründe dieser Haltung. Peter hat vergessen, Peter Pan zu sein – womit hier weniger eine Figur, sondern ein Gefühl gemeint ist. Ein Spieltrieb (“Play!”), eine Unbekümmertheit, für die in seiner beruflichen Welt kaum Platz ist. Dass Peter Pan nicht ganz verblasst ist, zeigt sich zumindest in seinem Handy-zück-Duell mit einem Mitarbeiter, zugleich greift Spielberg mit dem Mobiltelefon auch auf die Omnipräsenz des Berufs selbst in der Freizeit zurück – und erscheint damit im Prinzip seiner damaligen Ära voraus.

Ein essentieller Bestandteil hierbei ist die Zeit. In der Arbeitswelt ist sie buchstäblich Geld, weil flüchtig. Sie ist es auch, die Captain Hook (Dustin Hoffman) später einen Zugang zu Jack gewährt, da er sie durch das Zerstören aller Uhren im wahrsten Sinne stehenbleiben lässt und damit dem Jungen schenkt. Zeit ist, was Peter in Nimmerland stets unbegrenzt hatte als Ort der ewigen Stasis. Weshalb er sie in der realen Welt nicht richtig zu würdigen weiß als es um die Beziehung zu seinen Kindern Jack und Maggie (Amber Scott) geht, wenn er die Zeit mit ihnen mit Berufsverpflichtungen zu vereinen versucht. “It’s so fast, Peter. It’s a few years and it’s over”, hebt Moira (Caroline Goodall) die Bedeutung der kurzen Kindheit hervor.

Doch Peter hat mit seiner Abkehr aus Nimmerland alles Kindliche abgetan. “Was I ever that young?”, fragt er erstaunt, als ihm Moira ein altes Bild von sich zeigt. Im Grunde hat Peter seither seinen Schatten verloren – und Nimmerland mit ihm ein Stück weit sich selbst. “There’s no adventure here”, lamentiert Hook gegenüber Smee (Bob Hoskins). Wie Peter den Spaß verloren hat, verlor Nimmerland mit Peter den Spaß. Wir erleben Hook hier depressiv und suizidal, buchstäblich lebensmüde. Peter Pan und Hook sind wie Yin und Yang: Einander polar entgegengesetzt, aber doch aufeinander bezogene Kräfte. Nimmerland ist eine Welt des Status quo, ein ewiger Kreislauf – dem Peter mit seinem Abschied dann ein jähes Ende setzte.

Wenn Hook seiner Besatzung quasi die Mutter aller Kriege gegen Pan und die verlorenen Jungen verspricht, ist dies nur als neues Kapitel in einer unendlichen Geschichte gedacht. Die Zeit steht still in Nimmerland, wo die verlorenen Jungen um Rufio, Thud Butt (Raushan Hammond), Pockets (Isaiah Robinson), Too Small (Thomas Tulak) und Co. nie älter werden. Sie existieren losgelöst aus Raum und Zeit, ihr Konflikt mit den Piraten – und vice versa – ist immerwährend. Zeit repräsentiert Vergänglich- oder Sterblichkeit, manifestiert durch das Ticken der Uhr im Bauch des Krokodils, das Hook seither mit dem Tod asoziiert. Peters Rückkehr nach Nimmerland ist eine Rückkehr zur kindlichen Unschuld und totalen Sorglosigkeit.

Die Figur muss dabei erst wieder zu sich selbst finden. Die für Peter Banning implementierte Höhen- und Flugangst spiegelt hier die Verdrängung der Kindlichkeit wider. Ohnehin ist das Fliegen in Barries Geschichte eigentlich weniger ein Fliegen, als ein Verlieren in einer schönen Erinnerung, die paradoxer Weise vielmehr sogar einen emotionalen Anker darstellt. Peters Unvermögen zu fliegen ist daher ein vermeintlicher Mangel an glücklichen Gedanken, für die im Stress seines Berufsalltags kein Platz mehr ist. Auch seinen Hunger vermag er später erst zu stillen, als er sich im Spiel mit den verlorenen Jungen verliert und seine Vorstellungskraft öffnet. Oder umgedeutet: Indem er beginnt, sich (wieder) wie ein Kind zu verhalten.

Zugleich folgt die Entfremdung Peters von der eigenen Kindheit und von seinen Kindern einem der zentralen Themen in Spielbergs Schaffen von dysfunktionalen Vater-Kind-Beziehungen. So fehlt auch Richard Dreyfus im Verlauf von Close Encounters of the Third Kind verstärkt die Bindung zu seiner Familie mit der schlussendlichen Trennung von dieser, die in E.T. the Extra-Terrestrial oder War of the Worlds sogar bereits zu Filmbeginn vollzogen ist. Das Verhältnis zwischen Henry Jones Senior und Junior in Indiana Jones and the Last Crusade ist ebenfalls zerrüttet und in Artificial Intelligence vermag Haley Joel Osments David zu keiner seiner zwei verschiedenen Vater-Figuren eine richtige Beziehung aufzubauen.

Entsprechend pointiert ist, dass es gerade Peters Wunsch der Vaterrolle war, die ihn letztlich dazu bewog, Nimmerland den Rücken zu kehren. Die Erwachsenwerdung der Figur durch den Film ist dabei kein Verrat an der Vorlage, sondern ein Verrat der Figur an sich selbst. Etwas, dessen sie sich gewahr werden muss. Kind sein heißt für Peter nichts weniger als Spaß zu haben – wer sich diesen im Alter behält, kann also Mann sein, ohne das Kindliche abzutun. Da Hook weniger eine Reise nach Nimmerland als zu sich selbst darstellt, erklärt sich auch, dass Spielberg die Insel weniger als dreidimensionale Welt inszeniert, sondern im Sinne der Dualität der Figur zwischen zwei Sets (Piraten, verlorene Jungs) hin- und herwechselt.

Die Studio-Sets sehen dabei wie das aus, was sie sind: ein künstlicher Raum. Nimmerland ist hier jedoch nur Repräsentant zweier Generationskonzepte, die im Konflikt miteinander stehen und zwischen deren Fronten sich Peter nunmehr findet. Da die Handlung innerhalb von 72 Stunden spielt, mag sich zusätzlich erklären, wieso für Ausflüge – beispielsweise zu Tiger Lily – keine Zeit ist. Eben weil in dieser eigentlich zeitlosen Welt durch die Vereinbarung von Hook mit Tinker Bell (Julia Roberts) plötzlich ein Ultimatum implementiert wird. Die eingegrenzte Sicht auf Nimmerland mag auch budgetäre Gründe gehabt haben, lagen die Filmkosten mit 70 Millionen Dollar doch bereits 45 Prozent höher als bei Indiana Jones and the Crusade.

Es wäre ein einfaches gewesen, wenn Spielberg das Buch von Barrie 1:1 adaptiert hätte, im Stile eines Chris Columbus mit Harry Potter and the Philsopher’s Stone. Aber eben auch wenig originell, abseits von der visuellen Umsetzung Nimmerlands. Weitaus spannender ist da der Ansatz einer Fortsetzung, die zum Kern der Vorlage zurückkehrt. Eben jenem Zwiespalt, das Kindliche ins Erwachsenenalter hinüberzuretten. Ein Gegenbeispiel zu Peter findet sich da in Granny Wendy, deren erste Hausregel entsprechend lautet: “no growing up”. Zwar alterte Wendy (Gwyneth Paltrow) seit ihrer ersten Begegnung mit Peter über die Jahr(zehnt)e, blieb sich – und ihrer in Nimmerland auferlegten Mutter-Rolle – dabei jedoch immerzu treu.

“Many of you here tonight were once lost children”, erinnert Peter anfangs noch bei einer Ehrung von Wendys sozialem Engagement einen Saal voller ehemaliger Waisen. Für all diese “lost boys” hatte Wendy ebenso wie für Tootles und sogar Peter eine Familie gefunden. Peter hingegen vergaß seine Ursprünge und Spielgefährten, ähnlich wie die Figur dies innerhalb von Barries Geschichte tut. Stets muss sie sich dort an Wendy erinnern, am Ende verblassen aber selbst Tinker Bell und Captain Hook in ihrem Gedächtnis. Die Erwachsenwerdung Peter Pans ist insofern die bestmögliche Art und Weise, um aufzuzeigen, was die Figur ursprünglich davor abschreckte. Das ist weniger Selbstlektüre Spielbergs als ein Verständnis der Buchvorlage.

Spielberg inszeniert dies alles – ungeachtet der scheinbaren Probleme am Set – mit vielen humorvollen Details. Zum Beispiel wenn die Bannings von den USA nach London mit der Fluglinie Pan Am reisen, Hook auf einen installierten roten Teppich pocht, ehe er seine Männer adressiert, oder Maggie sich über ihre schlechte Note echauffiert, als sie Hooks „Test“ nicht besteht. Der wiederum scheint, Manipulation hin oder her, durchaus selbst Gefallen an seiner neugewonnenen Vaterrolle gegenüber Jack zu empfinden. Vollends zum Leben erweckt wird die Welt von Nimmerland dann im Schlussakt, der quasi wieder zum Status quo zurückkehrt, wenn Peter Pan kräht und fliegt sowie sich verlorene Jungs und Piraten bekriegen.

Aus der Reihe tanzt nur die Finalität des Gezeigten. Der Zwist ist keiner von vielen, die Kommen und Gehen, sondern dieses Mal einer mit Konsequenzen. Rufios Tod fällt wie der von Hook etwas aus der Rolle und bringt unerwartet – und etwas unpassend – die Realität in diese Märchenwelt. Die bisherige (stagnierende) Geschichte in Nimmerland geht nicht weiter, Hook ist insofern ein Schlusskapitel für die Abenteuer von Peter, Hook und Rufio in Nimmerland. Selbst wenn Thud Butt der neue Anführer der verbliebenen verlorenen Jungs wird, bleibt offen, was für Abenteuer diese noch erwarten kann ohne Hook. Sowohl sie als auch Smee und die Piraten sind nun in gewisser Weise frei von ihrer blinden Loyalität gegenüber einem Alphatier.

Die sehr gute musikalische Untermalung von John Williams – die stellenweise an seinen Score zu Home Alone erinnert – trägt ihren Teil zur Erschaffung von Nimmerland bei. Dankbar sollte das Publikum auch sein, dass hier noch Dean Cundey für die Kameraarbeit zuständig war – nicht auszudenken, wie Hook aussehen würde, wäre bereits Janusz Kamiński für die Bilder verantwortlich gewesen. Das Ensemble ist solide bis gut, selbst wenn Robin Williams teils zu sehr den Kasper gibt und Julia Roberts etwas alt als Tinker Bell wirkt (zwiespältig bleibt die Kuss-Szene mit Peter). Bob Hoskins avanciert zum heimlichen Star, Dustin Hoffman gefällt als überdrüssiger Hook und die Lost Boys um Dante Basco gehen ebenfalls in Ordnung.

Obschon ein Fantasy- und Kinderfilm drängen sich einem manche Fragen auf. Wieso wird Peter älter, obwohl ihn Tink als Baby nach Nimmerland brachte, während Pockets und Too Small deutlich jünger sind als die anderen verlorenen Jungen? Und was plant Hook mit all den anderen Kindern neben Jack und Maggie, die wir am Ende auf seinem Schiff sehen? Nichtsdestotrotz ist der Film ein großer Spaß, mit dem der Zuschauer vielleicht als Kind aufgewachsen sein muss (oder sich seinen eigenen, inneren „Pan“ bewahrt hat), um an jenem Spaß teilhaben zu können. Steven Spielbergs Hook jedenfalls gehört – für mich – zu seinen besseren Filmen (“Bangarang!”). Mancher heutige „Pirat“ mag mir da nun vorwerfen “I’ve lost my marbles”.

9/10

27. Oktober 2017

The Meyerowitz Stories (New and Selected)

Was that a spot?

Künstler sind oft exzentrisch – von Vincent van Gogh bis hin zu Salvador Dali. Hierin liegt wohl auch mit ein Faktor für die Faszination mit jenen Künstlern. Der Bildhauer Harold Meyerowitz (Dustin Hoffman) ist ebenfalls leicht exzentrisch, wenn er im Trenchcoat Sohn Danny (Adam Sandler) und Enkelin Eliza (Grace Van Patten) daheim empfängt. Die Faszination der Kunstwelt mit ihm hält sich inzwischen jedoch in Grenzen. Auch deswegen organisieren Danny und seine Schwester Jean (Elizabeth Marvel) eine Retrospektive für den Vater, der aktuell plant, sein Haus sowie Kunstbestand aufzulösen. Noah Baumbach erzählt in seinem neuen Film The Meyerowitz Stories (New and Selected) in Auszügen aus dem Leben dieser Familie.

Zu ihr gehört auch Matthew (Ben Stiller), der jüngste Sohn Harolds, der aus der Ehe mit seiner zweiten Frau stammt. Er ist der Gegenentwurf zu seinem Halbbruder: Beruflich erfolgreich als Finanzberater genießt er die Zuneigung seines Vaters, auch wenn er diesen in seiner Heimat New York als Angelito eher selten besucht. Danny hingegen hat nur eine gescheiterte Karriere als Pianist vorzuweisen, seit Elizas Geburt hat er gar nicht gearbeitet, sondern war Hausmann. Da die Tochter nun selbst ein Filmstudium beginnt, können auch die Eltern endlich ihre gescheiterte Ehe offiziell machen. Was Danny wiederum obdachlos macht, weshalb er vorerst bei Harold und dessen vierter Ehefrau und Alt-Hippie Maureen (Emma Thompson) unterkommt.

Weitestgehend erinnert The Meyerowitz Stories dabei an eine Mischung aus Woody Allen und Wes Anderson, der Humor ist subtil und nuanciert. Baumbachs Film dreht sich im Kern um die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern. So hat Danny zwar weder eine Arbeit noch eine Bleibe, dafür aber ein sehr inniges Verhältnis zu seiner jugendlichen Tochter, die er bereitwillig bei ihren pornografischen Avantgarde-Kurzfilmen unterstützt. Die Beziehung von Danny und Eliza kontrastiert dabei die von Danny zum eigenen Vater. Von Harold wurde Danny meist außen vor gelassen, was mit dadurch begünstigt war, dass Letzterer zumeist bei seiner Mutter und getrennt vom Vater lebte. Der wiederum konzentriert sein Interesse auf Matthew.

Zwar ist Matthew selbst kein Künstler, kommt aber ganz nach dem Vater. Der Kontakt zu Harold ist ähnlich eingeschränkt wie der zum eigenen Sohn, der bei der Ex-Frau lebt. Per Facetime kommuniziert Matthew zwischendurch, ist aber mehr unterwegs als im Leben des Sohnes präsent. Missgunst von Danny und Jean ist dennoch kaum vorhanden, auch wenn Matthew später vom großen (Halb-)Bruder vorgeworfen wird: “You make me feel real bad about myself.” Noch weniger leicht hatte es Jean, die den Brüdern bei einem offenen Austausch gesteht, sie würden nie nachvollziehen können “what it means to be me in the family”. Obschon weniger geliebt als Matthew sind es trotzdem gerade Danny und Jean, die sich mehr um Harold kümmern.

Der weiß dies wenig zu schätzen, selbst als er im Verlauf stürzt und Zeit im Krankenhaus verbringt. Baumbach nutzt diesen Umstand, um die drei Geschwister, speziell die Brüder, wieder einander näher zu bringen. Dabei steht Adam Sandler im Zentrum, der eine seiner seltenen ernsthaften Rollen spielt und dabei wie jeher überzeugt. Das gefällige Ensemble, zu dem auch Judd Hirsch als Harolds erfolgreicherer Kunstkollege L.J. Shapiro gehört, trägt den Film die meiste Zeit insgesamt sehr gut. Garniert mit kurzweiligen Gast-Auftritten von Sigourney Weaver, Candice Bergen und Adam Driver. Nur wenn The Meyerowitz Stories gegen Ende zeitweilig eine emotionale Richtung einschlägt, fällt speziell Ben Stiller leicht aus dem Rahmen.

Ob es für die Beziehung von Harold zu seinen Kindern zu spät ist, bleibt dabei offen. Zumindest die der Geschwister untereinander wirkt jedoch zum Schluss der Geschichte(n) gestärkt. “It’s always been the same, same old story”, sang Cat Stevens in seinem Evergreen “Father and Son” über das schwierige Verhältnis eines Vaters zu seinem Sohn. Noah Baumbach inszeniert seine Version dieser Beziehung mit seiner gewohnten unernsten Ernsthaftigkeit, der im Vergleich zu seinen letzten Filmen Frances Ha und Mistress America – mit Muse und Freundin Greta Gerwig – etwas die Leichtigkeit fehlt. Exzentrisch genug ist The Meyerowitz Stories aber allemal. Womit ihm eine gewisse Faszination nicht abgesprochen werden kann.

6.5/10

18. August 2017

Classic Scene: The Graduate – “I got it all right.”

DIE SZENERIE: Nachdem sich der 20-jährige Benjamin (Dustin Hoffman) und Mrs. Robinson (Anne Bancroft), eine Freundin seiner Eltern, in einer Hotelbar verabredet haben, ermutigt die ältere Frau ihn dazu, für ein Schäferstündchen ein Hotelzimmer zu organisieren. Etwas ungeschickt bewerkstelligt Benjamin dies unter dem Pseudonym “Mr. Gladstone”, der vorgibt, kein Gepäck dabei zu haben – außer seiner Zahnbürste im Auto. Nach der Zimmerbuchung kontaktiert Benjamin schließlich Mrs. Robinson per Telefon aus der Hotellobby, um sie über den Status zu informieren.

INT. VERANDA ROOM – NIGHT

MRS. ROBINSON sits, patiently and calmly. Her face betrays absolutely nothing as she stares ahead of her and sips her martini.


WAITER: Mrs. Robinson?

She looks up. A WAITER is standing next to the table with a telephone.

MRS. ROBINSON: Yes?

WAITER: For you.

MRS. ROBINSON: Thank you.

The waiter plugs the phone into the wall socket next to the table and hands her the receiver.

MRS. ROBINSON: Hello?

BEN’S VOICE: Mrs. Robinson?

MRS. ROBINSON (into phone): Yes?

BEN’S VOICE: It’s Benjamin. Benjamin Braddock.

MRS. ROBINSON: Benjamin, where are you?

BEN’S VOICE: Can you look through the glass?

Mrs. Robinson turns in her chair and looks through the glass into the lobby. BEN is in the phone booth no more than twenty feet away.

BEN’S VOICE: Can you see me now?

MRS. ROBINSON: Yes, I can.

Over Ben’s shoulder we can see his face reflected in the glass door and, through it, Mrs. Robinson sitting in the Veranda Room.

BEN: I got a single room.

MRS. ROBINSON: That’s fine.

BEN: But there’s one thing. The desk clerk seemed to be a little bit suspicious. Now I don’t know what their policy is but –

MRS. ROBINSON: Well, do you want to go up first?

BEN: Yes. I think that would be good.

MRS. ROBINSON: I’ll be up in five minutes.

BEN: Well… goodbye then.

MRS. ROBINSON: Benjamin?

BEN: Yes?

MRS. ROBINSON: Isn’t there something you want to tell me?

BEN: Tell you?

MRS. ROBINSON: Yes.

BEN: Well, I want you to know how much I appreciate this, really –

MRS. ROBINSON: The number.

BEN: What?

MRS. ROBINSON: The room number, Benjamin. I think you ought to tell me that.

BEN: Oh? You’re absolutely right. It’s 568.

MRS. ROBINSON: Thank you.

BEN: You’re welcome. Well… I’ll see you later, Mrs. Robinson.

He hangs up – so does Mrs. Robinson and calls for the waiter.

MRS. ROBINSON: Check please.

Ben leaves the phone booth and walks into the lobby. As he passes the desk on his way to the elevator, he pats his breast pocket.

BEN: I’ve got it.

The DESK CLERK looks over.

BEN: I say I’ve got it.

CLERK: Sir?

BEN: The toothbrush. I got it all right.

CLERK: Very good, sir.

BEN: Yes. Well -– goodnight.

CLERK: Goodnight, sir.

Ben walks out of shot while the desk clerk looks after him.

1. März 2014

Filmtagebuch: Februar 2014

20 FEET FROM STARDOM
(USA 2013, Morgan Neville)
6/10

THE ABANDONED
(E/UK/BG 2006, Nacho Cerdà)
4/10

AKIRA
(J 1988, Ōtomo Katsuhiro)
8/10

ALL IS LOST
(USA 2013, J.C. Chandor)
6/10

CAST AWAY
(USA 2000, Robert Zemeckis)
6/10

FRUITVALE STATION
(USA 2013, Ryan Coogler)
5.5/10

IN A WORLD...
(USA 2013, Lake Bell)
3.5/10

SHORT TERM 12
(USA 2013, Destin Cretton)
5.5/10

STROMBERG - 1. STAFFEL
(D 2004, Arne Feldhusen)
9/10

STROMBERG - DER FILM
(D 2014, Arne Feldhusen)
7/10

ZOMBIELAND
(USA 2009, Ruben Fleischer)
2.5/10

Themenpunk: Journalismus


ACE IN THE HOLE [REPORTER DES SATANS]
(USA 1951, Billy Wilder)

8/10

ALL THE PRESIDENT’S MEN [DIE UNBESTECHLICHEN]
(USA 1976, Alan J. Pakula)

8/10

ANCHORMAN: THE LEGEND OF RON BURGUNDY
(USA 2004, Adam McKay)
9/10

ANCHORMAN 2: THE LEGEND CONTINUES
(USA 2013, Adam McKay)
6.5/10

THE BANG BANG CLUB
(CDN/ZA 2010, Steven Silver)
5.5/10

BROADCAST NEWS [BROADCAST NEWS - NACHRICHTENFIEBER]
(USA 1987, James L. Brooks)

4.5/10

CITIZEN KANE
(USA 1941, Orson Welles)
7.5/10

THE FRONT PAGE [EXTRABLATT]
(USA 1974, Billy Wilder)

6/10

FROST/NIXON
(USA/UK/F 2008, Ron Howard)
6/10

GONZO: THE LIFE AND WORK OF DR. HUNTER S. THOMPSON
(USA 2008, Alex Gibney)
7/10

THE INSIDER
(USA 1999, Michael Mann)
8.5/10

MAD CITY
(USA 1997, Costa-Gavras)
5.5/10

NETWORK
(USA 1976, Sidney Lumet)
6.5/10

PAGE ONE: INSIDE THE NEW YORK TIMES
(USA 2011, Andrew Rossi)
7/10

THE PAPER [SCHLAGZEILEN]
(USA 1994, Ron Howard)

7/10

SCHTONK!
(D 1992, Helmut Dietl)
5/10

STATE OF PLAY [MORD AUF SEITE EINS]
(UK 2003, David Yates)

7/10

STATE OF PLAY [STATE OF PLAY - STAND DER DINGE]
(USA/UK/F 2009, Kevin Macdonald)

7/10

TRUE CRIME [EIN WAHRES VERBRECHEN]
(USA 1999, Clint Eastwood)

6.5/10

WAG THE DOG
(USA 1997, Barry Levinson)
8.5/10

27. September 2008

Vorlage vs. Film: Sphere

Sphere (1987)

Neben Stephen King und John Grisham zählt sicherlich auch Michael Crichton zu Amerikas meistgelesenem Bestsellerautor, dessen Werke immer wieder gerne von den Produzenten in Hollywood aufgegriffen werden. Dabei konzentrieren sich Crichtons Romane oft auf dieselbe Thematik, nämlich ein schief gelaufenes wissenschaftliches Experiment als warnendes soziales Beispiel anzuprangern. Letztlich ist es das Streben nach jener wissenschaftlichen Errungenschaft, welche die Protagonisten seiner Geschichten in ihr Dilemma führt. Hierzu zählen unter anderem Werke wie Prey oder auch sein letzter Roman Next. Hierbei vertieft sich Crichton meist durchaus in das jeweilige Thema, recherchiert das Fachgebiet, auf welches er Bezug nimmt und gibt dieses über weite Strecken akkurat wieder. Grundsätzlich „technisch“ sind seine Geschichten allerdings nicht, eher wirken diese Einschübe gestreut zwischen seinen staffelartigen Spannungsmomenten. Auf der literarischen Ebene ist Crichton kein Ernest Hemingway, wobei man ihm zugestehen muss, dass seine Dialoge ein auffälliges Streben nach Authentizität haben. Seine Stärke liegt dabei vormerklich in der Exposition und der Hinführung zu einer durchaus interessanten Thematik. Lediglich mit dem weiteren Verlauf respektive Ende seiner Geschichten hapert es bei dem 66-Jährigen etwas. Zuletzt sorgte Crichton auch für Kontroversen, als er in seinem Roman State of Fear die Globale Erwärmung negierte und in Next einen Zeitungsredakteur persönlich angriff. Da verwundert es auch nicht, dass seit 2003 keiner seiner Romane mehr für die Kinoleinwand adaptiert wurde, nachdem die letzten drei Versuche grandios gefloppt waren.

Auch Sphere, der in Deutschland unter dem Titel Die Gedanken des Bösen vertrieben wurde (ein undankbar schlechter Titel), beschäftigt sich mit einem von Crichtons beliebten Warnbeispielen. Der Psychologe Norman Johnson wird in den Pazifik hinaus geflogen, wo er auch eine Militärflotte trifft. Ursache für das Szenario ist ein abgestürztes und in 300 Meter Meerestiefe gefundenes Raumschiff, welches außerirdischen Ursprungs sein soll. Norman, der einst einen Kontaktbericht über Außerirdische verfasst hat, soll gemeinsam mit vier anderen Wissenschaftler in ein Tiefseehabitat und mit jenen unbekannten Wesen in Verbindung treten. Was niemand weiß: Norman hatte seinen Auftrag nie Ernst genommen und wahllos Bekannte als Kontaktpersonen eingesetzt. Als die Gruppe um Mathematik-Genius Harry Adams, Astrophysiker Ted Fielding und Biologin Beth Halpern in der Tiefe ankommt, stellt sich bald heraus, dass es sich vielmehr um ein amerikanisches Raumschiff aus der Zukunft, denn ein außerirdisches UFO handelt. Diese Entdeckung, welche Harry bereits an der Oberfläche gemacht hat, spaltet die Gruppe in zwei Parteien. Da kein außerirdischer Kontakt vorhanden ist, zieht es Norman, Beth und Harry zurück an die Oberfläche – doch es kommt alles anders. Im Frachtraum des Raumschiffes entdeckt die Gruppe eine ominöse Kugel (engl. sphere), welches sich offenbar jedoch nicht öffnen lässt. Als ein Zyklon an der Oberfläche aufzieht, ist das Team jedoch gezwungen einige Tage auszuharren – da stellt sich heraus, dass Harry in die Kugel gegangen ist. Nachdem er wieder aus ihr erscheint, beginnen sich seltsame Zufälle zu ereignen. Der Meeresboden ist plötzlich von Lebensformen belebt und es findet sich eine Matrix auf dem Bordcomputer. Scheinbar versucht die Kugel mit Norman und den anderen Crew-Mitgliedern in Kontakt zu treten.

Das Geheimnis der außerirdischen Entität Jerry ist dabei ebenso leicht durchschaubar, wie das von Crichton angestrebte Finale. Besser wäre es wahrscheinlich gewesen, hätte sich die Handlung nicht allein auf Norman konzentriert, sondern abwechselnd auf die drei tragenden Charaktere des Psychologen sowie Harry und Beth. Denn das Bild, das die Leser von diesen beiden erhalten, ist durch Norman bereits vorgegeben, während eine wirkliche Reflexion seiner Figur durch die Augen der Anderen nicht vorhanden ist. Was es dabei genau mit der Kugel auf sich hat, spielt für den Ausgang der Geschichte eine untergeordnete Rolle. Das Bild, welches man von ihr in den späteren Kapiteln, darunter dem Epilog, erhält, ist für eine Interpretation ausreichend. Umso schrecklicher daher der deutsche Titel, der hier ein völlig falsches Resümee der ganzen Ereignisse zieht. Die technisch-wissenschaftlichen Einschübe Crichtons über die Funktion von Unterwasserhabitaten, den Aufbau von Schwarzen Löchern und anderen Themenfeldern sind gut recherchiert, informativ und dabei in Verbindung mit der Geschichte nicht so abgehoben, dass sie verfälschend wären. In regelmäßigem Abstand wissen sie die sich im Kreis drehenden Dialoge und thrillerlastige Geschichte auf ein semi-authentisches Niveau zu heben. Im Ganzen ist Sphere jedoch wegen seiner narrativen Schwächen, gerade zum Ende hin, ein etwas unausgegorenes Werk, welches durch die rudimentäre Übersetzung von Alfred Hans („Kreuzdonnerwetter“, „Rutsch mir doch den Buckel runter“, etc.) einen ungewollt trashigen Zug erhält.

Sphere (1998)

We're all gonna die down here.

Neben Steven Spielberg zählt auch Oscarpreisträger Barry Levinson zu den Regisseuren, die zwei Mal einen Roman von Michael Crichton verfilmt haben. Vier Jahre nach Disclosure würde Levinson sich des Stoffes von Sphere annehmen und für 80 Millionen Dollar einen Flop für Warner Bros. Pictures einbringen. Dabei ist sein Film eine weitestgehend getreue Adaption der Romanvorlage, die lediglich hier und da eine Abweichung präsentiert, abgesehen vom veränderten Finale. Mit Dustin Hoffman, Sharon Stone und Samuel L. Jackson konnte Levinson auch drei namhafte Darsteller gewinnen, die durch den damals noch recht unbekannten Liev Schreiber ergänzt wurden. Weltweit konnte der Film lediglich 50 Millionen Dollar einspielen und sollte auch für Levinson eine Pause in seiner Karriere bewirken, konnten doch keine seiner folgenden Filme an Erfolge wie Rain Man oder Good Morning, Vietnam anknüpfen. Ohnehin war das Jahr 1998 mit Filmen wie Armageddon oder Deep Impact ziemlich beengt, was Missionen in luftdichten Anzügen anging. Obschon es sich wie erwähnt um eine ziemlich getreue Adaption handelt, geht Levinson einen anderen Weg als es Crichton im Buch gepflegt hat. Die technischen Aspekte werden nur so weit erläutert, wie sie für das Verständnis des Filmes von Nöten sind. Im Gegensatz zur Vorlage wird daher vielleicht nicht jeder exakt verstehen, wie ein Schwarzes Loch funktioniert, wenn die Person es nicht ohnehin bereits weiß. Aber allgemein spielt die Kugel in Sphere eine weitaus geringere Rolle, als sie Crichton in seinem Roman benutzt. Levinson bedient sich ihrer vormerklich als Projektionsfläche für ein Überthema: Angst.

Im Film ist die Kugel gewichtiger aus Auslöser der unterbewussten Angst dargestellt, als es im Roman der Fall ist. Dort verwendet die Crew auch mehr Zeit in ihren Gesprächen mit Jerry, die ebenfalls anders strukturiert werden, um später eine Identifikation mit Harry (Samuel L. Jackson) zu offenbaren. Levinson wirft dieses Konstrukt vollkommen über Bord, sodass die Szenen selbst noch mal eine andere Bedeutung als im Kontext des Romans erhalten. Stattdessen ist die Kugel hier lediglich der Auslöser, wird aber nicht großartig im weiteren Verlauf berücksichtigt. Für ihr Verständnis fehlt dann auch Normans (Dustin Hoffman) Besuch in ihr, der im Film ohnehin viel früher stattfindet und zu einem wahren Mischmasch der Ereignisse führt. Dem Publikum erschließt sich im Film daher nicht um was es sich genau bei der Kugel handelt bzw. nicht handelt, da diese Frage von den Charakteren hier nicht erörtert wird. Da der Film in seiner vorhanden Form über zwei Stunden lang ist scheint sich die Ursache hierfür in der Laufzeit niederzuschlagen, die man ungern über zweieinhalb Stunden dehnen wollte. Ohnehin begeht Levinson den typischen Weg einer Romanadaption indem er viele Haken schlägt. Was als wichtig erachtet wird, erfährt eine Thematisierung, ist dabei oftmals aus seinem Zusammenhang gerissen, weshalb viele Einstellungen unfertig und nichts sagend wirken.

Mach mir den Kubrick, Barry ... 2001: A Spacey Odyssey meets Sphere.

Hinzu kommen kleine, unwichtige Veränderungen wie Norman und Beths (Sharon Stone) Nachnamen. Unklar, weshalb Norman im Film Goodman und nicht Johnson heißt, ebenso wie Beths Name von Halpern zu Halperin geändert wurde. Ebensowenig tragisch ist der Alterstausch der Figuren Harry und Ted (Liev Schreiber). Wohingegen Ted im Roman vierzig und Harry dreißig und bebrillt ist, ist es im Film umgekehrt. Gut möglich dass Levinson einfach keinen bekannten dreißigjährigen Afroamerikaner gefunden hat, der ihm geeignet schien die Rolle von Harry zu spielen. Grundsätzlich lässt sich an den Besetzungsentscheidungen jedoch nicht meckern, die Darsteller repräsentieren ihre Figuren authentisch und spielen sie über weite Strecken auch glaubhaft und überzeugend. Es ist wenn dann das Drehbuch, das sie mitunter ins Overacting treibt, da es übertrieben auf jenes Element der Angst ausgerichtet ist. Die Konzentration auf jene sollte für Levinson den Film wohl verstärkt in die Thriller-Kategorie schieben, was ihm jedoch misslingt, da er nicht den Punkt der Vorlage trifft. Hierzu zählt auch das flache und unspannende Finale, welches selbst das des Romans noch mal unterbietet und kulminiert schließlich in dem veränderten Ende, welches seine zwiespältige Interpretation – zumindest hat es den Anschein – aufgeben muss. Die Veränderungen gegenüber der Vorlage stoßen nur hier etwas sauer auf, hat man zuvor bereits die Tode von Barnes (Peter Coyote) und Ted in ihrer abgewandelten Form – mehr Unfall wie „Absicht“ – bereitwillig geschluckt. Das Finale des Filmes ist in seiner Form jedoch zu weichgespült und mehr als unglaubwürdig. Mordversuche der Überlebenden aneinander werden sofort vergeben, umso lächerlicher, da zuvor eine extreme Spannung zwischen allen vorbereitet wurde.

Zudem scheitert der Film an seiner versuchten Vertiefung der jeweiligen Charaktere, speziell natürlich Harry und Beth. Des einen Tintenfischabneigung und der anderen Vorgeschichte mit Norman ist prinzipiell zur Erzählung der Geschichte nicht notwendig und erfüllt dabei auch nicht den Zweck der Dramatisierung. Dafür werden diese Aspekte nicht stark genug gewichtet, sodass der Versuch zeitweise in den Bereich des Horror abzutauchen jedes Mal grandios scheitern. Auch von den Nebenkriegsschauplätzen bei Crichton (Norman war nur vierte Wahl, Barnes belügt das Team) ist im Film nicht mehr viel geblieben, insgesamt entfaltet sich bei Levinson die angespannte Situation aller Beteiligten, nicht nur untereinander sondern vor allem gegenüber Jerry, weniger gelungen wie in der Romanvorlage. Andere Kürzungen wie den Angriff des Riesenkalmars hat man soweit umgeformt, dass man sich die Effekte für jenen Kalmar sparen konnte. Das ist gerade deswegen enttäuschend, da die Ursache für einige Todesfälle dadurch abgeändert wird und umso erstaunlicher, weil es Levinsons Ansatz der Geschichte eigentlich unterstützt hätte. Im Grunde bleibt Sphere jedoch von der Adaption her eine gute Umsetzung, deren Fehler weniger die Arbeit von Levinson und Konsorten ist, als vielmehr Crichtons Vorlage. Der Film versagt aus denselben Gründen, weshalb es auch dem Roman nicht zu gelingen vermag mehr als Durchschnitt zu sein, obschon er zu meinen Lieblingswerken zählt (was ich mir selbst nicht erklären kann). Die Ausstattung, die Effekte, die Besetzung der Figuren – alles ist im Grunde gelungen, lediglich die Geschichte von Crichton gibt nicht mehr her, als das was dem Zuschauer hier geboten werden kann. Ähnlich, wie es auch bei anderen Crichton-Verfilmungen (Timeline, Congo) der Fall gewesen ist.

5/10

1. August 2008

Wag the Dog

This is nothing. Piece of cake, walk in the park. This is nothing.

„I did not have sexual relations with that woman”, sprach US-Präsident Bill Clinton 1998 an sein Volk - und gab später reumütig seine Affäre mit der Sekretärin des Oval Office zu. Eine heikle Angelegenheit war dies zu der damaligen Zeit, es gab anschließend sogar zu einem Amtsenthebungsverfahren, nach welchem Clinton jedoch im Amt bleiben konnte. Um von der Lewinsky-Affäre abzulenken, soll Clinton einen Militärschlag gegen den Irak (Operation Desert Fox) initiiert haben. Das Ironische hierbei ist die Tatsache, dass diese Ereignisse ein Jahr zuvor in einem Hollywood-Film erschienen waren, fünf Jahre zuvor in einem Roman. In Wag the Dog wird dem Präsidenten - der während des gesamten Filmes hindurch gesichtslos bleibt - eine sexuelle Affäre mit einer minderjährigen Schülerin nachgewiesen. Dummerweise geschieht das alles elf Tage vor seiner Wiederwahl, weshalb der gegnerische Kandidat, Senator Neal (Craig T. Nelson), Hoffnung wittert.

Um von dem Sexskandal abzulenken, wird Imageberater Conrad Brean (Robert De Niro) engagiert, der gemeinsam mit Winifred Ames (Anne Heche), der Beraterin des Präsidenten, versuchen soll die Wahl zu retten. Kurzerhand erfindet Brean eine kriegerische Auseinandersetzung mit Albanien, für deren mediale Inszenierung er den erfolgreichen Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman) engagiert. In den kommenden elf Tagen versucht die Truppe durch gefälschte Kriegsberichte, pathetische Musik und gestelzte Helden die Blicke des amerikanischen Volkes von einer minderjährigen Schülerin hin zu der Terrorzelle Albanien zu lenken. Doch können Brean und Co. damit neben dem Volk auch Senator Neal und CIA-Agent Young (William H. Macy) an der Nase herumführen? Und was findet der psychisch-labile Häftling Schumann (Woody Harrelson) eigentlich davon, zum Kriegshelden „Old Shoe“ abgestempelt zu werden? Die Antworten präsentiert Oscarpreisträger Barry Levinson.

Den Roman American Hero verfasste Autor Larry Beinhart 1993 und befasste sich in diesem mit George H. W. Bush und seiner Vermutung, dass dieser die Operation Desert Storm nur initiierte, um seine Wiederwahl zu sichern. Dass es sich beim 2. Golfkrieg nur leidlich um einen „echten“ Krieg gehandelt habe, argumentiert auch Jean Baudrillard in seinem Buch The Gulf War Did Not Take Place. Baudrillard führt darin an, dass im Golfkrieg weniger amerikanische Soldaten gestorben waren, als rein statistisch der Fall gewesen wäre, wenn sie alle zu Hause geblieben und bei Autounfällen umgekommen wären. Welche Farce dieser Krieg in der Tat war, dokumentierte Oscarpreisträger Sam Mendes 2005 mit seinem Film Jarhead, in welchem Scharfschütze Swoff ganze vier Tage im Kriegseinsatz war und dabei keine einzige Kugel abgefeuert hatte. Unabhängig davon, ob man den Zweiten Golfkrieg als echten Krieg sehen möchte oder nicht, ist unbestritten, dass Kriege und ihre Abläufe in heutiger Zeit von den Medien mitbestimmt werden. Offensichtlich wurde dies erst wieder im Dritten Golfkrieg, von welchem dem amerikanischen Volk nur die Bilder gezeigt wurden, die vorher vom Militär und der Regierung abgesegnet wurden. Dass ein Krieg jedoch gar nicht stattfindet, obschon angekündigt, ist in Zeiten von Google und YouTube äußerst unwahrscheinlich. Anfang der Neunziger waren Google und YouTube jedoch noch nicht präsent und das Geschehen, welches Levinson in Wag the Dog skizziert, ist in seiner Form so absurd, dass es schon wieder wahr sein könnte. Zumindest in der damaligen Zeit. Ein Krieg gegen ein kleines Volk, irgendwo im Niemandsland, von dem keiner weiß wie es heißt und wo es liegt. Glaubhaft möglich ist dies natürlich in den USA, wo man auch gerne mal Austria und Australia verwechselt. 

Winifred Ames: Why Albania?
Conrad Brean: Why not?
Winifred Ames: What have they done to us?
Conrad Brean: What have they done for us? What do you know about them?
Winifred Ames: Nothing.
Conrad Brean: See? They keep to themselves. Shifty. Untrustable. 

Innerhalb weniger Stunden entscheidet sich Brean für den fiktiven Krieg gegen Albanien. Ein Land, das dem Durchschnittsamerikaner nicht bekannt sein dürfte, scheinbar in Hollywood jedoch gerne als Antagonist herhalten muss (z.B. in der Simpsons-Folge The Crepes of Wrath). Albaner sind verschlagen und ihnen kann nicht getraut werden - ohnehin, was hat Albanien je für die USA getan? Ein vom Hass getriebenes Land, welches den Amerikanern ihre Freiheit neidet. Daher wird versucht eine nukleare Kofferbombe über die kanadische Grenze in die Vereinigten Staaten zu schleusen. Wird deswegen der B3-Bomber zum Einsatz kommen? Was für ein B3-Bomber überhaupt? Wenn Brean erst einmal mit seinem perfiden Plan in Fahrt kommt, ist die zynische Stärke des Filmes kaum noch zu stoppen. Es ist kein perfekter Plan, aber Brean hat lieber heute einen guten Plan, als morgen einen perfekten. Wie er schließlich seinen Krieg inszeniert, ist beeindruckend einfach. Ein paar „Journalisten“ stellen bei der Pressekonferenz die richtigen Fragen, ein Lied wird aufgenommen, künstlich gealtert und in die dreißiger Jahre Abteilung der Kongressbibliothek verfrachtet.

Bilder und Videos werden den Medien zugespielt, die genau das beinhalten, was Brean den Zuschauern zeigen möchte. Nicht von ungefähr halten sich seit jeher die Gerüchte, die Mondlandung von Neil Armstrong wäre tatsächlich im Studio nachgedreht worden. Ähnliche Kommentare gibt Brean auch in Bezug auf den Zweiten Golfkrieg von sich. Doch Brean ist kein medialer Fachmann, weshalb er den Filmproduzent Motss aufsucht. Motss weiß war er will, weiß wie er das Bewusstsein der Bevölkerung auf sich ziehen kann. Das Trauma muss offensichtlich, der Beschützerinstinkt der USA geweckt werden. Eine Schauspielerin (Kirsten Dunst) wird engagiert eine albanische Flüchtige zu spielen. Inklusive Kätzchen auf dem Arm. Dieses ist in Wirklichkeit eine Tüte Chips, der Hintergrund ein Bluescreen, die Effekte aus dem Computer. Genau wie beim letzten Schwarzenegger-Film, erklärt Motss stolz.

Entstanden ist Wag the Dog in der Drehpause der Michael Crichton-Adaption Sphere. Levinson versammelte sich mit dem dortigen Hauptdarsteller Dustin Hoffman, der gemeinsam mit Robert De Niro in dieser Satire nicht nur umsonst, sondern auch als Produzent auftrat. Beide Kinolegenden gemeinsam vor der Kamera zu sehen macht ungemein Spaß, ihre jeweiligen Figuren – der manische Motss und der grimmige Brean – werden von den Altstars mit entsprechend glaubhaftem Leben gefüllt. Levinsons Regie ist solide, jedoch weit entfernt von Vollkommenheit. Hier ein dilettantischer Zoom, dort eine unglückliche Einstellung – scheinbar war der Regisseur nicht so geistig anwesend wie seine Darsteller. Diese werden kongenial komplettiert von Anne Heche, Woody Harrelson, William H. Macy und Denis Leary. In einer Gastrolle ist zudem Folks-Star Willie Nelson zu sehen, die Musik zum Film stammt dagegen von Kultmusiker Mark Knopfler. Der Leim, der den Film zusammenhält, ist jedoch sein grandioses Drehbuch, welches vor intelligent-witzigen Dialogen respektive Monologen nur so platzt.

Beispielsweise wenn Brean CIA-Agent Young erklärt, dass ohne seinen fiktiven Krieg Young überhaupt keinen Job hätte („When there’s no threat...what good are you?“). Frei von Mängeln ist der Film, abgesehen von Levinsons Regie, aber nicht. Die Auslandspresse wird außen vor gelassen, die Glaubwürdigkeit des Krieges beim Volk selbst beziehungsweise einer anderen Partei als den Initiatoren wird nicht hinterfragt. Diese Einseitigkeit schadet dem Film etwas, vor allem da er sich als politische Satire durchaus ernst nimmt. Das lässt sich an seiner finalen Einstellung erkennen, die durch ihre Zweideutigkeit nicht klar zu interpretieren ist. Ein neuer Schachzug der Regierung oder hat man sich unbewusst ein Monster geschaffen? Levinson lässt diesen Moment so stehen und für das Publikum zur Interpretation. Wer wedelt am Ende mit wem? Der Hund mit dem Schwanz oder doch der Schwanz mit dem Hund? Mit Wag the Dog ist Levinson jedenfalls eine großartige Satire gelungen, vermutlich sein gelungenstes Werk.

9/10

1. Juli 2008

Kung Fu Panda

There is no charge for awesomeness.

Unter Panda-Diplomatie versteht man, wenn China sich versucht dem Westen anzubiedern und ihm dabei einen oder mehr Pandabären schenkt. Die vom Aussterben bedrohten Tiere stellen somit eine Kostbarkeit dar und auch Helmut Kohl nahm 1980 zwei Pandabären als Geschenk an, die anschließend im Berliner Zoo versauern durften. Der perverse Drang des Menschen, anderen Lebewesen (einschließlich sich selbst) die Freiheit zu nehmen, wird natürlich von Hollywood selten bis nie angeprangert. Im Gegenteil, dürfte DreamWorks neuestes animiertes Abenteuer für begeisterte Anstürme in den Zoos sorgen. Das bedeutet noch mal extra Stress für die armen Tiere, die ihrer Würde vom Menschen lange Zeit beraubt wurden. Da ist es fast schon Zynismus, dass DreamWorks zuletzt mit Madagascar die Rückkehr von Zoo-Tieren in ihre natürliche Umgebung darstellte. Diese fanden sich in freier Wildbahn schließlich gar nicht mehr zurecht, sodass man ihre Gefangenschaft den Kindern als grotesken Euphemismus verkaufen konnte.

Welches kleine Kind wird nach dem neuesten digitalen Hit Kung Fu Panda nicht auch mal einen echten Panda im Zoo sehen wollen? Und wenn der Zoo (noch) keinen Panda hat, muss man sich eben einen besorgen. An potentiellen Lieferanten dürfte es nicht fehlen. So löblich es auch ist, dass man den Kleinen anhand digitaler Abenteuer die Tierwelt näher bringen will, einen Gefallen tut man ebenjener Tierwelt damit ganz gewiss nicht. Wieso man nicht wie Disney jahrelang Abenteuer mit Fokus auf die menschlichen Protagonisten erschaffen konnte, bleibt zu hinterfragen, seine Produktionskosten von 130 Millionen Dollar hatte der Film jedenfalls bereits in der ersten Woche wieder eingespielt – einer Fortsetzung steht damit praktisch nichts im Wege. Da Madagascar 2 bereits in den Startlöchern steht, ist sogar ein Sequel zu befürchten, DreamWorks wirkt im Grunde geradezu abhängig von den Fortsetzungen seiner Filme, was die Shrek-Reihe am eindrucksvollsten zeigt.

Seit 1993 liefen die Planungen für Kung Fu Panda, doch erst 2004 begann man mit der Produktion. Das Ergebnis lässt sich nun vier Jahre später in den Kinos begutachten und eingeläutet wird der Film auch mit einer sehr kunstvollen Zeichnung des DreamWorks Logos. Die Freude währt jedoch nur kurz und man befindet sich bereits in der digitalen Welt des Studios, der animierten Version des alten China. Wenn Shrek nicht wäre, könnte man meinen es wäre der Zeichenstil des Studios, dass alles etwas kantiger aussieht, als normal. Die Figurenzeichnung erinnert stark an Madagascar und trifft vielleicht den Geschmack von manchem. An die Detailverliebtheit eines Pixar-Films reicht es jedoch dennoch nicht heran. Sehr humoristisch wird die Titelfigur, Panda Po, dem Publikum vorgestellt. In einer Traumsequenz erfährt man sogleich, Po ist Kung Fu Fan, ja, ein riesiger Kung Fu Fan, der nichts lieber möchte, als selber Kung Fu zu können. Aber Po ist lediglich der Sohn eines Nudelverkäufers. Just an diesem Tag wird jedoch der heilsbringende Drachenkrieger ausgewählt, der gegen den finstren Tai Lung antreten soll.

Kung Fu Meister Shifu macht sich Hoffnungen, dass einer seiner Schüler diese Ehre erhält, nach einem tollpatschigen Missgeschick wird jedoch Po zum „Auserwählten“ erkoren. Sehr zum Unmut von Tigress, Shifus vielversprechendster Schülerin. Da eigentlich so niemand Vertrauen in Po hat – nicht mal er selbst – blicken alle etwas verdattert in die Zukunft, während sich dem eingesperrten Tai Lung die Chance zum Ausbruch bietet. Gerade an den beiden Riesenkatzen, der Tigerin Tigress und dem Schneeleoparden Tai Lung, sieht man die lieblos wirkende Animation von DreamWorks. Wo bei Pixar Haar für Haar mühevoll am Computer projiziert wird, erinnern die beiden kämpfenden Katzen ständig an den plumpen Alex aus Madagascar. Ihre grellen Augen tragen die ihren Teil zu bei. Die Nebencharaktere wie Viper oder Monkey zeugen auch nicht von besonderer Liebe zum Detail, was vielleicht auch nicht so nötig ist, da die Nebenfiguren hier wirklich nicht mehr sind als Nebenfiguren.

Wenn der Film schon Kung Fu Panda heißt, darf man wohl auch Kung Fu erwarten und hier wird der Zuschauer auch nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, die gesamte zweite Hälfte des Filmes besteht nur noch aus Kämpfen. Pausenlos. Ein großes Manko des Filmes, der prinzipiell eigentlich gar keine Handlung zu erzählen hat (auch wenn die Macher das strikt behaupten). Von den Wuxia-Hits Wo hu cang long und Co inspiriert setzten die Regisseure Mark Osborne und John Stevenson alles auf die Karte „Hau-drauf“. Minutenlanges Puff-Puff wird jedoch mit der Dauer langweilig, vor allem da es im Grunde gar nichts mit der Geschichte zu tun hat beziehungsweise sehr viel „cooler“ dargestellt wird, wie es für Kinder vielleicht angedacht ist. Aber um Kinderschutz schert man sich heutzutage ohnehin nicht mehr viel, wenn in Schulaufführungen von Siebtklässlern „Lollipop“ von Lil’ Wayne gespielt wird und ähnliche Songtexte einem um die Mittagszeit im Saturn um die Ohren geknallt werden. Dafür werden dann Filme wie Iron Man oder The Happening beschnitten, die deutsche Unterhaltungsindustrie gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis.

Natürlich sind animierte Tiere immer eher als Unterhaltungsform zu sehen und auch Willie E. Coyote ist ja nie wirklich etwas passiert, wenn er denn die Schlucht hinuntergefallen ist. Man darf aber davon ausgehen, dass das erste, was die Kinder zu Hause machen werden, das Nachahmen des Filmes sein dürfte. Dass man bei DreamWorks gute dreißig Minuten am Stück auf den Kampf-Faktor setzt, zeugt schließlich auch davon, dass man nur so glaubt die Kleinen noch für den Film begeistern zu können. Bei einer einfachen Geschichte wie Sleeping Beauty würden die Armen wohl wegratzen. Dabei sind die Kämpfe ansehnlich choreographiert, keine Frage, nur verdrängen sie die ohnehin schon kränkelnde Handlung, für die anschließend kaum noch Platz ist und was noch viel schlimmer ist, durch die im Finale die eigentliche Botschaft des Filmes irgendwie unter geht. Was wie und warum jetzt Po gelernt hat, spielt kaum eine Rolle, denn der Kampf gegen Tai Lung steht an. Bei den Charakterhintergründen hätte man auch ein versöhnliches Ende wählen können, immerhin ist dies ein Kinderfilm, da verkommt es noch nicht zum Kitsch, wenn man ein Happy End präsentiert. Stattdessen wird jedoch alles auf den Gewaltfaktor gelegt, kein Erbarmen, kein Mitleid, kein Vergeben.

Für die Kinder dürfte der Film natürlich trotzdem funktionieren, wahrscheinlich sogar gerade deswegen und neben der zu großzügig eingesetzten Kampf-Thematik kommen auch viele amüsante Momente nicht zu kurz. Po selbst allen voran ist natürlich ein absolut sympathischer Charakter und der Film durchaus das eine oder andere Mal zum Schmunzeln. Vorab sei erwähnt, dass die Bewertung sich auf die englische Version bezieht, die der deutschen Variante weitaus überlegen ist. Schon allein wegen Jack Black als Po ist diese besser, als die deutsche Version. Bedenkt man, dass man Po extra nach Blacks Vorbild geschaffen hat, verkommt es zum Unsinn hier Hape Kerkeling als Synchronstimme zu engagieren. Warum man hier nicht Tobias Meister genommen hat will sich mir nicht erschließen. Auch Gottfried John (Shifu) als Ersatz für Dustin Hoffman kann nur leidlich überzeugen, Thomas Fritsch (Tai Lung) hingegen wirkt nach seiner Beteiligung an den Ice Age-Filmen als Riesenkatze ausgelutscht, aber kann sich dennoch beweisen.

Wer die Chance hat, den Film in seiner Originalfassung zu sehen, der sollte sie wahrnehmen, die Atmosphäre gewinnt dadurch nur. Ein anderes Problem ist die Verwendung des Denglisch, der Film ist für eine entsprechende Generation gemacht, natürlich, weshalb man aber in einer deutschen Version von „Dad“ spricht, will sich mir (weiterhin) nicht erschließen. Gegen „chillen“ und „flexen“ lässt sich ja kaum noch was sagen, zudem passt es sich der jeweiligen Szene an, aber diese „Dad“'s wollen mir einfach noch nicht runtergehen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kung Fu Panda ein solider Spaß für die Kleinen sein dürfte, der Score von Hans Zimmer jedenfalls ist zum Träumen. Man sollte sich aber auch eingestehen, dass wenn man einen Pixar zur Hand hat, getrost auf ein DreamWorks-Vehikel verzichten kann. Auf unterhaltsame, spannende und intelligente digitale Filme haben die Leute von Pixar einfach das Monopol, da helfen auch dritte oder vierte Aufgüsse vom grünen Oger oder vier streunenden Zoo-Tieren nichts.

6/10

2. Dezember 2007

Mr. Magorium’s Wonder Emporium

Your life is an occasion, rise to it.

Insofern man das sagen kann, handelt es sich hierbei um meinen persönlichen Film 2007, also denjenigen, auf welchen ich mich am meisten gefreut habe. Da mir bereits der von Zach Helm geschriebene Stranger Than Fiction gefiel, hatte ich auch Vertrauen in sein zweites Projekt, allein des großartigen Titels wegen. Dabei markiert Mr. Magorium’s Wonder Emporium sein erstes Skript, dass er an 20th Century Fox verkauft hatte und an welchem er sich die Rechte nach der Vollendung von Stranger Than Fiction zurückholte. Der Film markiert auch Helms Regiedebüt, für das er neben Dustin Hoffman in der Hauptrolle, welcher bereits in der ersten Verfilmung von Helms Stoff mitwirkte, auch die atemberaubende Natalie Portman gewinnen konnte. Unterstützt werden die beiden von Arrested Development Star Jason Bateman und Newcomer Zach Mills, sowie in einem Kurzauftritt von Helms Freundin Kiele Sanchez, die den meisten durch die dritte Staffel von Lost bekannt sein dürfte. Bedauerlicherweise gehörte Mr. Magorium in Deutschland mal wieder zu den Filmen, die kaum Kopien erhielten und daher in meiner Region nur an einem einzigen Tag für eine Vorstellung gezeigt wurde.

Der stämmige Bellini wurde in dem Keller unter einem Spielzeugladen geboren und dort lebt er noch heute, um die Lebensgeschichte von Mr. Magorium aufzuzeichnen, dem Besitzer des Spielzeugladens. Mr. Magorium (Dustin Hoffman), manchen auch als Steve bekannt, ist stolze 243 Jahre alt und dennoch quietschfidel. In seinem magischen Spielzeugladen erwachen die Spielzeuge zum Leben und erfreuen groß wie klein. Geschäftsführerin des Ladens ist die als Pianistin gescheiterte Molly Mahone (Natalie Portman), die sich inzwischen fragt, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Mr. Magorium hat da ganz andere Pläne für sie und bestellt den Mutanten, bzw. Buchhalter, Henry (Jason Bateman) in seinen Laden, damit er den Laden rechtlich an Mahone abtreten kann. Während das neben Mr. Magorium und dem kleinen Hutnarren Eric (Zach Mills) sehr gefällt, hat nicht nur Mahone ernste Zweifel, sondern auch der Laden selber. Als Mr. Magorium sein Ableben vorbereitet, verschwindet die Magie aus dem Laden und scheinbar auch aus dem Leben von Mahone.

Besonders lobende Worte haben sich für den Film nicht gefunden, was mich jedoch nicht davon abgehalten hat, ihn mir dennoch anzuschauen. Und zugegeben, der Film schöpft seine Möglichkeiten und sein Potenzial nicht vollends aus, das merkt man ihm in manchen Szenen an. Wenn man im Hinterkopf behält, dass es sich um Helms erstes Skript und erste Regiearbeit handelt, sollte ihm dies dennoch zu verzeihen sein, da der Film seine Grundbotschaft dennoch erfolgreich transferiert. Man sollte der Magie wieder sein Herz öffnen und mehr das Kind in einem wecken, aufhören ein „Nur“-Mensch zu sein und alles in seine Einzelteile zu zerlegen. Nichts ist im Leben unbekümmerter, als ein Kind und von allen Figuren hat gerade der 243 Jahre alte Mr. Magorium am wenigsten scheu sich „kindisch“ oder peinlich zu verhalten, solange es ihm Spaß bereitet (und wohl auch die Ursache für sein hohes Alter sein dürfte). Auch Mahone muss die Erfahrung machen, dass Magie nicht das ist, was wir sehen, sondern das, was wir glauben oder zu glauben bereit sind. Während es Eric sehr viel leichter fällt, unterstützt von seinem Einzelgängerstatus, in der Welt von Mr. Magorium zu Hause zu sein, beginnt Mahone sich zu fragen, ob sie nicht endlich erwachsen werden und ebenjene phantastische Welt verlassen soll. Dabei sah Natalie Portman nie liebreizender und umwerfender aus, als in diesem Film.

Die Vergleiche mit Charlie and the Chocolate Factory finde ich dabei nicht angebracht, da Mr. Magorium weder versucht diesen zu kopieren und es auch nicht tut. Da erinnert die Botschaft doch sehr viel mehr an Finding Neverland, wo es ebenfalls darum ging, nicht den Glauben an die Magie der Phantasie zu verlieren. Da verwundert es auch nicht, dass Hoffman in jenem Film ebenfalls eine Nebenrolle hatte und auch bereits in Hook seinen Geist für phantastische Geschichten geöffnet hat. Viel büßt der Zauber des Filmes dabei bei seiner Synchronisation ein, was mitunter der Grund ist, weshalb ich Filme immer in der Originalsprache anzusehen empfehle. Mr. Magorium steht jedoch nicht hinter seinen Effekten zurück, sondern hat fraglos (s)eine eigentständige Geschichte, auch wenn man diese hätte besser ausarbeiten können. Helms Film gehört jedoch zu solchen phantastischen Werken, auf die man sich als Zuschauer wirklich einlassen muss, was erfordert das Kind in einem herauszuholen und nicht mit dem spröden Geist eines Erwachsenen an das Thema heranzugehen. Am Ende bleibt es – in meinen Augen – eine immer noch gelungene Fabel über Freundschaft und den Glauben an das Kind in uns, ein Thema über das man sicherlich nicht genug Filme drehen kann. Und wenn diese auch noch Natalie Portman aufbieten können, dann sind sie allemal wert gesehen zu werden.

6/10- erschienen bei Wicked-Vision