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20. April 2018

First Blood [Rambo]

Have a Coke and smile.

Wie kaum ein anderer Krieg hat sich der Konflikt der USA von 1964 bis 1975 in Vietnam ins kollektive cineastische Gedächtnis gebrannt. Keine glühende heroische Verehrung wie es sie zum 2. Weltkrieg gibt herrschte hier in der filmischen Aufarbeitung vor. Vielmehr widmen sich Filme wie Apocalypse Now und Platoon eher dem Wahnsinn des Krieges als solchen, während Werke wie The Deer Hunter, Coming Home, Jacob’s Ladder und Born on the Fourth of July sich mit den psychologisch-sozialen Folgen für die US-Soldaten und der Gesellschaft in der Heimat befassten. Auch Ted Kotcheffs First Blood – in Deutschland unter dem Titel Rambo vermarktet – zählt zu diesen Post-Vietnam-Filmen, obgleich die Thematik hier eher subtil behandelt wird.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von David Morrell von 1972 erzählt First Blood von dem Kampf eines Soldaten gegen seine Kriegsdämonen sowie dem der zivilen Gesellschaft gegen den Dämon Krieg. “Wearing that flag on that jacket, looking the way you do, you’re asking for trouble around here”, lässt Sheriff Will Teasle (Brian Dennehy) eingangs den plötzlich in seiner Kleinstadt Hope auftauchenden Vietnam-Veteranen John Rambo (Sylvester Stallone) wissen. Der ist eigentlich bloß auf der Durchreise, aber eben jemand, der nur von Armee-Vorgesetzten Befehle annimmt. Rambo ist nicht Willens, nachzugeben, als ihn Teasle am Ortsausgang absetzt. Teasle wiederum kann und will sein Gesicht nicht verlieren, als Rambo dann bockt.

Beide Figuren repräsentieren exemplarisch den generellen Konflikt zwischen Vietnam-Veteran und Zivilist. “Most of them had been warned to expect a hostile reception”, zitiert David K. Shipler in einem Artikel des New Yorker den Autoren James E. Wright. Der Zwiespalt der Gesellschaft, die erstmals einen Krieg ihrer Nation von zuhause am Fernseher verfolgen konnte, übertrug sich auf diejenigen, die ihn für sie durchführten. Statt auf diejenigen, die ihn verantworteten. Auch Rambo klagt im Finale des Films gegenüber seinem ehemaligen Vorgesetzten Trautman (Richard Crenna), dass er bespuckt und als „Baby-Mörder“ bezeichnet worden sei. Statt einer Unterstützung erfährt er nur Misstrauen und Gleichgültigkeit ob des Erlebten.

“I didn’t do anything”, wird Rambo mehrmals und zweideutig in First Blood reklamieren – selbst als die Lage bereits eskaliert ist. “Why you pushing me?”, fragt er da eingangs noch keck Teasle, als der ihn nicht einmal etwas essen lassen will. Der versteckt sich hinter dem vermeintlichen Vorwurf der Landstreicherei. Es handele sich um ein ruhiges, ja, langweiliges Städtchen, das keinen Ärger sucht. Hoffnung ist für Rambo in Hope also keine zu finden – ein geradezu zynisches Statement. Inwieweit die Gemeinde durch Rambos Präsenz hätte beunruhigt werden können, bleibt offen, ein wirkliches Bild zeichnet Kotcheff von Hope vor der Eskalation nicht. Ganz haltlos mag der Verdacht von Teasle grundsätzlich dabei gar nicht einmal gewesen sein.

Etwa vier von zehn Vietnam-Veteranen waren mit finanziellen Problemen und Arbeitslosigkeit konfrontiert. Speziell unter den Minderheiten und ärmeren, ungebildeten Schicht, wie Ron Suskind in der New York Times schon 1985 schrieb. Von Rambo hören wir im Finale ähnliche Vorwürfe. “Back there (…) I was in charge of million dollar equipment”, echauffiert er sich, “back here I can’t even hold a job parking cars.” Das Gefühl der Alleingelassenheit wird zu Beginn noch dadurch verstärkt, dass Rambos letzter überlebender Kamerad seiner Einheit von acht Mann ohne sein Wissen ebenfalls verstorben ist. Und das auch noch an den Folgen von chemischer Kriegsführung in einem Konflikt, der nun öffentlich als verachtenswert gesehen wird.

Ein Verständnis erwartet die Figur nicht – nicht einmal wirklich von Trautman selbst, der einen gebrochenen Rambo zum Schluss in seine Arme nimmt. Vom Militärapparat fallen gelassen, von der Gesellschaft verstoßen. Etwas bedauerlich gerät da, dass First Blood in Teasle einen weiteren Kriegsveteranen präsentiert, dies die Figur aber selbst gar nicht wahrnimmt. Teasle kämpfte im Korea-Krieg, ist dabei wie Rambo selbst hochdekoriert – das zeigt ein Medaillen-Trio in einer späteren Szene in seinem Büro. Woher die sofortige Animosität von Teasle gegenüber Rambo stammt, bleibt somit unklar. Vielleicht ist es der leise Vorwurf des verlorenen Krieges, womöglich auch der über die dort teilweise verübten unmenschlichen Verbrechen.

Spannend gerät in First Blood dabei die Reinszenierung des Vietnam-Kriegs unter verkehrten Vorzeichen. Getriezt bis ihn seine posttraumatische Belastungsstörung in die Defensive drängt, sucht Rambo das Weite und verschwindet in den umliegenden Wäldern. Hier mutiert er selbst zu einer Ein-Mann-Version des Vietcong, wenn er überall und nirgendwo ist, sich das Terrain zu eigen macht und in scheinbar übermenschlicher Art und Weise die Eindringlinge der US-amerikanischen Exekutive aus dem Verkehr zieht. “Like bringing the pigeons to the cat”, unkt Col. Trautman nach seiner Ankunft angesichts der vergeblichen Bemühungen der städtischen Polizei und der sie unterstützenden – sowie aus Zivilisten bestehenden – Nationalgarde.

“You sure picked one hell of a guy to mess around with”, wird Teasle von einem seiner Beamten vorgehalten, als Rambos Identität geklärt ist. Als “war hero”, bezeichnet er diesen aufgrund seiner Medal of Honor – der höchsten militärischen Auszeichnung. Wenn Trautman über Rambo spricht, so tut er dies weniger als Held, denn als Werkzeug. Als Kriegsmaschine und Ein-Mann-Armee, für die das Ende des Krieges zugleich das Ende ihrer Verwertbarkeit bedeutet. “Don’t push it”, macht Rambo seinem Gegenüber Teasle da später nochmals klar. “Let it go! Let it go.” Zu dem Zeitpunkt ist mit dem Tod von Teasles Untergebenen und Freund Art Galt (Jack Starrett) aber die Brücke eines Auswegs bereits abgebrannt, die Hoffnung in Hope erloschen.

Gerade die Szene auf der Polizeistation spiegelt dabei weniger die Abneigung gegenüber Vietnam-Veteranen wider, als dass sie ein frühes Statement zur Polizeigewalt darstellt. In Galt und dem jungen Beamten Mitch (David Caruso) zeichnet Kotcheff ebenfalls Gegenentwürfe voneinander. Ersterer kennt nur rohe Gewalt, die sich vielleicht gerade deshalb Bahn bricht, weil die „langweilige“ Stadt Hope – so der O-Ton von Teasle – ihm sonst wenig Gelegenheit zur übertriebenen Ausübung seiner Staatsgewalt bietet. Mitch hingegen gibt sich verständiger und dient im Verlauf noch am ehesten als Identifikationsfigur des Zuschauers, ehe Caruso in der zweiten Filmhälfte nicht mehr am Geschehen teilnimmt, nachdem ihn Rambo im Wald attakiert.

First Blood ist ungeachtet all dessen jedoch vordergründig kein Kommentar auf die Lage der Nation oder den Vietnam-Krieg. Im Kern handelt es sich um einen Action-Film, der dem Subgenre des „Einer-gegen-Alle“ zuzuordnen ist, das später noch Vertreter wie Die Hard hervorbringen sollte. Kotcheff vermag aber durchaus, den Krieg als solchen nicht unter den Teppich zu kehren, ohne sich deswegen gleich in unsäglichen Rückblenden zu verlieren. Die sind kurz und prägnant inszeniert, um als Erklärung für Rambos vermeintliche Überreaktion zu dienen. Im Fokus steht aber die Hauptfigur als Getriebener, mitunter buchstäblich, sei es wenn Rambo auf dem Motorrad vor Teasle flieht oder sich vor dem auf ihn schießenden Galt in einen Abgrund stürzt.

Stallone spielt den Part physisch sehr überzeugend, auch wenn sein finaler und tränenreicher Schlussmonolog etwas zu theatralisch ausfällt. Wie erwähnt wäre es schön gewesen, First Blood wäre noch etwas mehr auf die Beziehung von Teasle zu Rambo eingegangen bzw. hätte diese zu einem Zeitpunkt einmal reflektiert. Dass beide Charaktere im Gegensatz zu Morrells Vorlage überleben, mag die gelungenere, wenngleich romantischere, Botschaft sein. Optional hätte auch die Medienberichterstattung im Film selbst das Problem der vergessenen Kriegs-Veteranen aufgreifen können, was in der dreistündigen Rohfassung der Fall gewesen sein mag, mit seinen nun 90 Minuten reizt der Film dafür sein Spannungsmoment nicht aus.

“I learned in war the price that is paid when diplomacy fails”, hat John Kerry, US-Außenminister unter Präsident Obama und seines Zeichens selbst Vietnam-Veteran, einmal gesagt. Ähnlich ergeht es Teasle in First Blood – auch wenn er es, ähnlich wie Rambo, nicht einsehen mag. “People start fucking around with the law and all hell breaks loose”, ätzt der Sheriff später. Der von Trautman unternommene Versuch eines Dialogs mit Rambo scheitert, für die Beteiligten scheint Diplomatie keine Lösung. “They drew first blood, not me”, jammert Rambo in der Manier eines Kleinkindes, auch wenn ihn das nicht zum Schuldigen macht. Letztlich, das mag die Botschaft des Films sein, kennt ein Krieg eben immer nur Verlierer – auf beiden Seiten.

7.5/10

1. April 2015

Filmtagebuch: März 2015

APPROPRIATE BEHAVIOR
(UK 2014, Desiree Akhavan)
6.5/10

THE BIG SLEEP [TOTE SCHLAFEN FEST]
(USA 1946, Howard Hawks)

5.5/10

CHEF [KISS THE COOK: SO SCHMECKT DAS LEBEN]
(USA 2014, Jon Favreau)

2.5/10

CLIFFHANGER
(USA/I/F 1993, Renny Harlin)
7.5/10

DIVERGENT [DIE BESTIMMUNG – DIVERGENT]
(USA 2014, Neil Burger)

5.5/10

FOUR BROTHERS
(USA 2005, John Singleton)
5.5/10

FOXCATCHER
(USA 2014, Bennett Miller)
5.5/10

HALLOWEEN H20: 20 YEARS LATER
(USA 2008, Steve Miner)
4/10

TO HAVE AND HAVE NOT [HABEN UND NICHTHABEN]
(USA 1944, Howard Hawks)

6/10

IDENTITY [IDENTITÄT]
(USA 2003, James Mangold)

4/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6.5/10

JACK THE GIANT SLAYER [JACK AND THE GIANTS]
(USA 2013, Bryan Singer)

2.5/10

THE PRESTIGE
(USA/UK 2006, Christopher Nolan)
5.5/10

REAL STEEL
(USA/IND 2011, Shawn Levy)
6.5/10

SHOOTER
(USA 2007, Antoine Fuqua)
5.5/10

Retrospektive: Rocky


ROCKY
(USA 1976, John G. Avildsen)
9/10

ROCKY II
(USA 1979, Sylvester Stallone)
8/10

ROCKY III
(USA 1982, Sylvester Stallone)
6.5/10

ROCKY IV
(USA 1985, Sylvester Stallone)
5.5/10

ROCKY V
(USA 1990, John G. Avildsen)
5.5/10

ROCKY BALBOA
(USA 2006, Sylvester Stallone)
6.5/10

Werkschau: Adam Sandler


AIRHEADS
(USA 1994, Michael Lehmann)
6/10

BILLY MADISON
(USA 1995, Tamra Davis)
6.5/10

HAPPY GILMORE
(USA 1996, Dennis Dugan)
9/10

BULLETPROOF
(USA 1996, Ernest R. Dickerson)
5/10

THE WATERBOY
(USA 1998, Frank Coraci)
6.5/10

BIG DADDY
(USA 1999, Dennis Dugan)
8.5/10

LITTLE NICKY
(USA 2002, Steven Brill)
1.5/10

PUNCH-DRUNK LOVE
(USA 2002, Paul Thomas Anderson)
6/10

MR. DEEDS
(USA 2002, Steven Brill)
5.5/10

ANGER MANAGEMENT [DIE WUTPROBE]
(USA 2003, Peter Segal)

6/10

50 FIRST DATES
(USA 2004, Peter Segal)
6.5/10

SPANGLISH
(USA 2004, James L. Brooks)
5.5/10

THE LONGEST YARD [SPIEL OHNE REGELN]
(USA 2005, Peter Segal)

6/10

CLICK [KLICK]
(USA 2006, Frank Coraci)

4.5/10

REIGN OVER ME [DIE LIEBE IN MIR]
(USA 2007, Mike Binder)

7.5/10

I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY
[CHUCK & LARRY – WIE FEUER UND FLAMME]
(USA 2007, Dennis Dugan)
2.5/10

YOU DONT MESS WITH THE ZOHAN [LEG DICH NICHT MIT ZOHAN AN]
(USA 2008, Dennis Dugan)
5.5/10

BEDTIME STORIES
(USA 2008, Adam Shankman)
4.5/10

HOTEL TRANSYLVANIA
(USA 2012, Genndy Tartakovsky)
5.5/10

18. Februar 2008

Kurz & Knackig: Bleihaltig

Judge Dredd – eine der vielen Sly Stallone Trash-Perlen, die es sogar schafft Demolition Man zu übertreffen. In schrillen und modetechnisch abstoßend hässlichen Uniformen macht Sly als britische Comic-Figur Judge Dredd die Strassen von Mega-City unsicher und darf dabei im Gegensatz zum Comic nicht nur sein Gesicht zeigen, sondern sogar mit Judge Hershey (Diane Lane!) anbandeln. Damals war Jürgen ´the German’ Prochnow noch Szene-Bösewicht Nummer Eins und auch Max von Sydow lässt sich nicht lumpen. Obendrauf gibt es noch zwei der coolsten One-Liner überhaupt: „I am the law“ und „I knew he’d say that“. Für so viel Trash gibt es dann auch verdiente 7.5/10.

Les Pétroleuses – Western-Komödie von 1971 die sich um die beiden Damen Brigitte Bardot und Claudia Cardinale dreht als zwei Gaunerinnen, die sich um ein Grundstück schlagen, welches Petroleum beherbergt. Passend dass die Bardot dabei vier Schwestern und die Cardinale vier Brüder hat – den Rest kann man sich ja dann wohl denken. Dazu gibt es noch Michael J. Pollard als depperten Sheriff der Französisch mit amerikanischem Akzent trällern darf. Der Film ist so vorhersehbar wie unlustig, wobei das auch an den Pointen der Sechziger Jahre liegen kann, die für die Autoren als maßgebend galten. Wenn man auch damals drüber lachen konnte, außer den Dekolletés der Bardot und Cardinale gibt es bedauerlicherweise nichts zu sehen, daher mühsame 2/10.

Der Eisbär – und der Til-Schweiger-Preis für den besten Film geht an Til Schweiger! Na, so weit ist es dann nicht gekommen, auch wenn der Ernst-Lubitsch-Preis für den schrottigen KeinOhrHasen des Guten zu viel war. Mit Der Eisbär feierte der gute Til einst sein Regiedebüt und war sich nicht zu schade bei den Herren Rodriguez und Tarantino zu klauen. Was dabei herumkam ist Benno Fürmann als potenzieller 16jähriger und noch zig andere deutsche „Stars“ (Katharina Thalbach, Willy Tomczyk, Ralf Richter – wo war Martin Semmelrogge?). Im Vergleich zu KeinOhrHasen ist das hier ein Meisterwerk und auch sonst eine relativ unterhaltsame Gangsterkomödie die einzig und allein von Karina Krawczyk zusammengehalten wird – wer sich am Ende nicht in ihr Lächeln verliebt hat, dem kann keiner mehr helfen und dafür gibt es auch durchschnittliche 5/10.

14. Februar 2008

Rambo

Rambo. Boom, boom.
(Gremlins 2: The New Batch)

Der Name ist Rambo, John J. Rambo. Ausgestattet mit der Lizenz zum Töten, merzte dieser Mann alles nieder, was sich ihm in den letzten 20 Jahren in den Weg stellte. Sozusagen. Denn seit zwei Jahrzehnten war Rambo eigentlich im Ruhestand, nachdem er 1988 in Afghanistan sein letztes Gefecht beendete, die Trilogie abschloss. Selbst in den Duden hatte er es anschließend geschafft, benannte man wild und ohne Rücksicht Agierende schließlich nicht „Terminatoren“ sondern „Rambos“. Nach drei Teilen in sechs Jahren nunmehr 20 Jahre Pause, ehe Amerikas Wild Boy zurück auf die Leinwand kehrt, ausgelöst durch Sylvester Stallones Nostalgie-Tour, mit der er durch Hollywood zieht. Reaktivierte er vor zwei Jahren seinen 60-jährigen Rocky Balboa, um ein letztes Mal in den Ring zu steigen (im Übrigen auch das Motto der vorangegangenen Teile), so darf nun noch mal John „The Animal“ Rambo über die Leinwand meucheln.

Logischerweise ist der nicht jünger geworden und Stallone gab unumwunden zu, sich mit Anabolika aufgeputscht zu haben, um seiner Paraderolle gerecht zu werden. Wer also schon immer mal Rambo auf Steroide sehen wollte, sollte sich schleunigst eine Kinokarte lösen. Dabei ist es jedoch so, dass ein Rambo heutzutage niemanden mehr schockt oder ins Kino lockt, wo Herren wie Eli Roth ungeniert ihre perversen Phantasien oder die des Publikums auf der Leinwand ausleben. Daher wurde von Stallone der Body Count seines vierten Abenteuers gehörig nach oben geschraubt. Nicht weniger als 236 Menschen lassen in Rambo ihr Leben, was exakt 2.59 Toten pro Minute entspricht. Dazu werden – auch wenn man es bei uns dank Zensur nicht sieht – Köpfe abgeschnitten, Kinder aufgespießt, Babys in Flammen geschmissen und sonst alles weggepustet, was über das Reisfeld huscht.

Die Einleitung inthronisiert das Setting: Schauplatz ist Birma, die eiserne Hand von Than Shwe. Und damit niemand etwas falsch versteht, zeigt Stallone dem Publikum, wer die birmanischen Militärputschisten sind. Kriegsgefangene werden durch ein Minenmeer gejagt, die Überlebenden zur allgemeinen Belustigung anschließend erschossen. Ganz schön fiese Kerle. Kein Zweifel darf bestehen, dass sie der Abgrund der Menschlichkeit sind. Nazis wären Schmusekätzchen dagegen. Nachdem Stallone das erstmal geklärt hat, wirft er seinen Köder aus. Christliche Missionare kommen nach Thailand und fragen, ob Rambo (Sylvester Stallone) sie in seinem Boot nach Birma bringt. Doch der lehnt ab, hält es für Selbstmord und raunt: “Fuck the world!“. Aber als die liebliche Missionarin Sarah (Julie Benz) noch mal nachsetzt, entsprechend dem Motto „Was juckt es dich, was wir machen?“, betört sie den guten John J. soweit, dass er einwillig.

Dann kommt, was kommen musste (und von Rambo vorhergesehen wurde): Die Missionare werden von den Birmanen geschnappt und in ihr Lager gebracht. Was tun?, denkt sich ihr US-Pastor, und heuert eine Handvoll Söldner an. Rambo soll auch sie den Fluss hinauf bringen. Doch wenn man will, dass etwas richtig gemacht wird, macht man es am besten selbst. Nachdem Rambo das den Söldnern anschaulich verklickert hat, machen sich alle gemeinsam auf, um Sarah und Co. zu befreien. Bezüglich Rambo (der bei uns John Rambo heißt, weil damals First Blood bereits als Rambo lief) spalten sich die Meinungen. Auf der einen Seite hat es euphorische und zum Teil einäugige Reviews, auf der anderen Seite dagegen die weniger guten Rezensionen der Kritiker, die nicht nur die Gewalt im Film verdammen. Dabei steht fest: Wer Rambo erwartet, bekommt auch Rambo. Den Fans der Reihe dürfte das wohl genügen.

All diejenigen, die mit der Rambo-Filmreihe wenig bis gar nichts anfangen können, werden vermutlich nicht verstehen, was da nun gerade auf der Leinwand passiert ist. Stallones Verortung der Handlung nach Birma dürfte in der Heimat wie Fiktion anmuten, bedenkt man, dass die meisten US-Amerikaner sich nicht einmal wirklich in Europa auskennen. Und was Stallone dann zeigt, lässt sich zweifellos als chauvinistisch bezeichnen. Und mitunter gerät dies äußerst wahnwitzig, wenn er die Birmanen wie die Berseker in ein Dorf einfallen lässt, wo sie auf der Stelle alles und jeden abstechen/verbrennen/vergewaltigen, den sie in die Finger kriegen, während ihre Kollegen zur gleichen Zeit das Dorf bombardieren. Komisch, dass man Häuser beschießt, in denen sich die eigenen Leute aufhalten. Aber nicht ganz so komisch, wie eine Plastikkobra, die während eines ganzen Dialogs ohne sich zu bewegen Stellung bewahrt.

Hier merkt man Stallone sein etwas mangelndes Talent für die Regie durchaus an. Zudem fragt man sich, wieso diese birmanische Militärjunta unter Bombenhagel die einheimischen Frauen vergewaltigen (muss), dann jedoch die weiße Christin Sarah tagelang in ihrem Lager unangetastet lässt? Oder warum jeder Mensch im Dorf niedergemetzelt wird, nicht aber die westlichen Missionare? Aber an sich ist dies auch egal, schließlich handelt es sich bloß um einen Action-Film, weshalb dieser weder intelligent oder schlüssig zu sein hat. Hatte First Blood noch eine gewisse politische Note (fehlender Respekt gegenüber den heimkehrenden Vietnam-Veteranen) geht Rambo jede tiefere Bedeutung ab. Rambo lebt in Thailand, will seine Ruhe haben und hält sich fern von jeder Gewalt. Zumindest solange, bis Missionare in die Scheiße geraten, sodass John J. schließlich erkennt, dass er nicht dagegen ankämpfen kann, was er ist.

Da Richad Crenna vor einigen Jahren verstorben ist, kann Rambo kein Col. Trautman mehr als Gewissen dienen, und so inszeniert Stallone einen ziemlich lächerlich wirkenden inneren Monolog, der die nachfolgende Handlung erklären soll. Nein, Rambo hat nicht getötet, weil es sein Land wollte, sondern weil er selbst es wollte. Manche Leben sind eben etwas wert, andere nicht – “live for nothing, or die for something”. Plakative Äußerungen, Militärfetisch – eigentlich hat man darauf gewartet, dazu noch ein grimmiges „Nur ein totes Schlitzauge ist ein gutes Schlitzauge“ zu hören, aber das spart Stallone sich dann glücklicherweise doch. Obschon Graham McTavishs Söldner Lewis eine ähnliche Äußerung von sich geben darf. Im Folgenden gibt es dann eine Rückkehr zur Bebilderung der bösen Birmanen (falls einige Zuschauer vergessen hatten, wie böse sie sind) und die beginnende Klimax von Rambo gegen den Rest der Welt.

Dass da im Dschungel eine ehemalige Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall. Genausowenig, dass einer der Söldner eine Claymore-Miene im Rucksack trägt. Dabei ist ein großer Teil der nächtlichen Rettungsaktion weniger reine Action, als vielmehr in bester Splinter Cell-Manier gedreht. Dann folgt aber der Showdown und hier zeigen sich die Defizite in Stallones Regie, dabei hätte er angesichts seiner TV-Darsteller sicher auch einen talentierten TV-Regisseur für Rambo gewinnen können. Die Action ist dabei, klar, unnötig explizit dargestellt, zudem teils sinnlos und übertrieben. Um etwas Spaß kommt man aber nicht umhin, mag es das Testosteron sein oder das Geschehen, wenn Rambo Katz und Maus spielt, MG-Salven loslässt und alles vernichtet, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Was allerdings auf der großen Leinwand funktioniert, erweist sich auf DVD als langatmig und kurzweilig.

Im Gegensatz zu einem Bruce Willis springt und turnt Stallone dann auch nicht die ganze Zeit über die Leinwand, sodass er sich weniger lächerlich macht, als man es von einem aufgedunsenen Rambo erwarten könnte. Eine wirkliche Handlung hat Rambo trotzdem nicht, eine Botschaft schon drei Mal nicht. Alles was man für sein Geld bekommt, ist Action, Action und Action. Diese macht gelegentlich sogar Spaß, zugegeben, aber am Ende war der ganze Film dann irgendwie doch sehr unnötig. Dabei bekommt der Film von mir noch zwei extra Boni, den einen für die überaus gelungene und mitreißende Musik von Brian Tyler (allein wegen des Battle Adagio könnte man sich den Soundtrack zulegen) und einen dafür, dass Schoolboy-Darsteller Matthew Marsden an den jungen Michael Biehn erinnert. Und es gibt niemand cooleres als Michael Biehn – auch nicht nach über 20 Jahren.

5/10