Posts mit dem Label Ben Richardson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ben Richardson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2. Februar 2018

Wind River

I got some good news and I got some bad news.

Im Jahr 2009 war es dann schließlich so weit: Die USA entschuldigten sich bei den amerikanischen Ureinwohnern für all die Gewalt und Misshandlung, die seitens der Bevölkerung an ihnen verübt wurden. Wenn auch nicht öffentlich und im Grunde nicht wirklich. Präsident Obama unterzeichnete zwar eine Art Schuldeingeständnis mit dem Defense Appropriations Act, dieser wurde jedoch nie offiziell verkündet, wie auch Obama selbst sich nie öffentlich bei den Ureinwohnern entschuldigte. “I got some good news and I got some bad news”, sagt der Fährtensucher Cory (Jeremy Renner) an einer Stelle in Taylor Sheridons Krimi Wind River. Und könnte damit im Grunde über die Situation der amerikanischen Ureinwohner als Ganzes referieren.

Sheridans Film streift diese, erzählt im Kern jedoch einen gewöhnlichen Mord-Krimi. Auf dem Gelände des Wind River Indian Reservats findet Cory während der Jagd auf einen Berglöwen den Leichnam einer jungen Frau. Zu Tode erfroren und zuvor vergewaltigt. Zur Klärung der Zuständigkeit und des genauen Verbrechens wird FBI-Agentin Jane (Elizabeth Olsen) hinzugerufen. Die nimmt bereitwillig Corys Hilfe und Kenntnisse innerhalb des Waldgebietes und des Reservats an, um mit ihm und Ben (Graham Greene), Chef der Stammes-Polizei, den Fall aufzuklären, den Jane als Mord klassifiziert. Für Cory geraten die Ermittlungen zur Reise in die Vergangenheit, starb Jahre zuvor doch seine eigene jugendliche Tochter unter ähnlichen Umständen.

Amerikanische Ureinwohner machen etwa ein Prozent der US-Bevölkerung aus, viele von ihnen leben in Reservaten unter eigenen Rechtsbefugnis. Dort entsprechen die Lebensumstände jedoch in der Regel denen von Dritte-Welt-Ländern. Es gibt kaum Arbeit und viel Armut – die Kombination daraus bietet der Drogenkultur Hochkonjunktur. Keine ethnische Gruppe in den USA ist drogenanfälliger als die der Ureinwohner. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt oft keine $7,000 im Jahr, die Möglichkeiten für die Jugend sind gering und enden oft in Besserungsanstalten. Allesamt Aspekte, die Sheridan für seine Szenerie in Wind River aufgreift, um diese geschickt anzureißen, ohne sich allerdings dabei zu sehr in ihnen zu verlieren.

“I’m so tired of fighting this life”, entfährt es da Martin (Gil Birmingham) an einer Stelle, dem Vater des Opfers. Die Tochter ist tot, Sohnemann Chip lebt zwar am Ende der Straße, aber aufgrund seiner Drogenabhängigkeit doch in einer anderen Welt. Als Jane, Cory und Ben später Chip einen Besuch abstatten, eskaliert die Situation mit ihm und seinen Freunden gegenüber den Gesetzeshütern. “They expect to go to prison”, klärt Ben die junge FBI-Agentin auf. “It’s a rite of passage.” Es gehört zum Erwachsenwerden für diese Jugend dazu, ist normal, wird erwartet. Ein teuflischer Kreislauf dieser Bevölkerungsgruppe, den vor einem Jahr bereits die Dokumentation The Seventh Fire von Jack Pettibone Riccobono sehenswert skizzierte.

Die Situation der Ureinwohner auf dem Reservat ist in Wind River wie erwähnt aber nur Schauplatz, der Kern der Geschichte könnte sich im Grunde auch überall in Amerika und nicht nur in Wyoming abspielen. Nach und nach tasten sich Cory und Jane vor, um nachzuvollziehen, was mit dem Opfer passierte und wo. Eine besondere emotionale Note erhält die Geschichte dabei dadurch, dass Cory selbst ein Betroffener ist. Er weiß, was Martin durchmacht, was den Szenen zwischen den beiden Männern mehr Gewicht verleiht. Überaus gekonnt und atmosphärisch dicht inszeniert Sheridan den Verlauf des Mordfalls, nur um kurz vor Schluss in dem ausartenden Finale nahezu alles in den Sand zu setzen, was er sich aufbaute.

Plötzlich gerät das ruhige Krimi-Drama zum blutigen Action-Western. Primär weil Sheridan die Auflösung unverhältnismäßig ausarten lässt, kaum Motivation für das Gezeigte liefert, sobald die Hintergründe des Mordes deutlich werden. Auf einmal denkt Wind River nur so weit, wie seine Figuren schießen können. Was viel von dem einreißt, was sich der Film in den 60 Minuten zuvor geschickt aufgebaut hat. Dabei ließe sich der Schlussakt sogar weitestgehend auf die Weise und mit der Auflösung erzählen, wie es Sheridan tut (dramatisches Potential ist erkennbar), nur übertreibt es der Drehbuchautor in seinem zweiten Spielfilm, indem er die Geschehnisse in Rückblenden sowie danach überzieht und ins Absurde abdriften lässt.

Sauer stößt auch die Entscheidung auf, eine Geschichte über amerikanische Ureinwohner und einen Mordfall auf einem Reservat mit zwei weißen Hauptdarstellern zu erzählen. Wo dies bei Jane als außenstehende FBI-Agentin noch verständlich sein mag – und man dankbar sein muss, dass Wind River nicht die Route von Michael Apteds Thunderheart wählt –, will nicht wirklich klar werden, wieso Cory ein verständnis- und respektvoller Weißer gegenüber den Shoshonen sein muss, anstatt selbst einer zu sein. Gil Birmingham hätte die Rolle ebenso gut getragen, wie seine Leinwandpräsenz zeigt. Auch wenn der Film alleine mit Elizabeth Olsen in der Hauptrolle wohl kaum dem weißen US-Publikum gegenüber vermarktbar gewesen wäre.

Grundsätzlich überzeugt das Ensemble, das Julia Jones als Corys Ex-Frau, Kelsey Asbille als Martins Tochter und Mordopfer Natalie sowie Jon Bernthal und Martin Sensmeier in Nebenrollen aufweist. Insbesondere auch Jeremy Renner, dem obigen Absatz zum Trotz. Die Szenerie Wyomings sowie Utahs, eingefangen von Ben Richardson, unterstützt die Kraft und Schönheit, die mit amerikanischen Ureinwohnern verbunden werden. Veranschaulicht aber zugleich die Trostlosigkeit ihrer Situation. Ruhe und Abgeschottenheit können etwas Friedliches, wie sich in Wind River zeigt aber auch etwas Tödliches haben. Selbst wenn wir vom Wind River Indian Reservat sowie dem angrenzen Umland nur ein peripheres, statt ein wirkliches Bild erhalten.

Obschon der Großteil des dritten Akts viel von dem unterminiert, was er sich zuvor aufgebaut hat, kriegt Sheridan am Ende in den Schlussminuten doch noch leicht die Kurve. Insofern zeigt Wind River zwei Gesichter (“I got some good news and I got some bad news”), besitzt aber zumindest den Anstand, Schicksal und Historie der amerikanischen Ureinwohner nicht auszublenden, sondern in Ansätzen anzureißen, statt über die Vorfälle der Geschichte zu schweigen. “After all that we've been through I will make it up to you”, sang in “Hard to Say I’m Sorry” die US-Band Chicago. Die gleichnamige Stadt verdankt ihren Namen den Potawatomi, die sich wie die über 500 anderen Stämme sicher über eine Entschuldigung freuen würden. Besser spät als nie.

5.5/10

6. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild

Once there was a Hushpuppy and she lived with her daddy in The Bathtub.

Das Kino hatte wohl spätestens mit dem Kurzfilm L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat der Gebrüder Lumière den Status etwas „Magischen“ inne. Ein Erlebnis, in dem Realität und Fiktion zu verschwimmen schienen, vermutlich weniger dem Film als solchen denn dem frühen Filmerlebnis per se geschuldet. Mit der Zeit und mit den Jahrzehnten wurden die magischen Filmmomente immer rarer und seltener. Je mehr Filme produziert werden, desto mehr Einheitsbrei ist darunter und desto seltener werden kleine, magische Werke. Dass “movie magic” noch nicht ausgestorben ist, beweist Benh Zeitlin mit seinem Indie-Märchen Beasts of the Southern Wild.

Die darin erzählte Geschichte ist unterm Strich relativ simpel, handelt es sich doch um ein Coming of Age-Drama. Gemeinsam mit ihrem Vater Wink (Dwight Henry) und einigen anderen Aussiedlern wohnt die 6-jährige Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) in der Inselsiedlung The Bathtub vor der Küste von Louisiana. Als sich dann plötzlich Winks gesundheitlicher Zustand verschlechtert und ein hereinbrechender Sturm The Bathtub unter Wasser setzt, muss Hushpuppy, die sich für die beiden Situationen verantwortlich fühlt, schnell lernen, ihre Kindlichkeit abzulegen und zudem ihren rechtmäßigen Platz als “king of The Bathtub” einzunehmen.

In semi-Selbstständigkeit erzogen, Hushpuppy wohnt in einem eigenen Trailer, beginnt die Handlung, als Wink für kurze Zeit verschwindet. Mit seinem Gesundheitszustand beschäftigt, gerät der alleinerziehende Vater bei seiner Rückkehr mit seiner Tochter schließlich aneinander und erleidet dabei just in dem Moment einen Anfall, als sich ein Sturm ankündigt, vor dem die Kinder des Bathtub seit jeher gewarnt wurden. Hushpuppy sieht sich als Auslöser für beide Vorfälle – und viel mehr. “The whole universe depends on everything fitting together just right”, sinniert sie. “If one piece busts, even the smallest piece…the whole universe will get busted.”

Fortan vermischen sich bisweilen die Ebenen zwischen Realität und Fiktion, wenn das kleine Mädchen versucht, mit der Umwälzung ihrer Lebenswelt klarzukommen und dies in Einklang mit dem bringen will, was ihr von ihrer Lehrerin Miss Bathsheba (Gina Montana) beigebracht wurde. “Sometimes you can break something so bad”, meint Hushpuppy, “that it can’t get put back together”. Eben das versucht Beasts of the Southern Wild jedoch zu schaffen: alles wieder so zusammenzufügen, wie es vorher war. Für Hushpuppy bedeutet dies, dass Wink als einziges Familienmitglied im Bild bleibt. Für Wink bedeutet es, seiner Tochter eine Zukunft zu ermöglichen.

Von zentraler Bedeutung ist dabei die gemeinschaftliche Kommune des Bathtub, einer eigenen kleinen Welt, die sich an der zivilisatorischen Basis bewegt. Den Kindern wird hier beigebracht, zu überleben, während sie gleichzeitig für jenen Sturm präpariert werden, der irgendwann kommen muss. Somit ist The Bathtub auch im Verständnis seiner Bewohner nur ein Ort auf Zeit – ein Paradies, das irgendwann verloren wird. Zumindest solange niemand bereit ist, dafür zu kämpfen. Obschon keine Hierarchie zu erkennen ist, nimmt Wink doch eine Vorreiterrolle ein. Zumindest unter jenen Mitgliedern, die sich vom Sturm nicht haben vertreiben lassen.

Somit erzählt Benh Zeitlin, der mit diesem Film ein beeindruckendes Debüt abliefert, prinzipiell vom Überleben einer Gemeinschaft, sowohl als kleine Familie zwischen Wink und Hushpuppy als auch als große Familie mit den übrigen Mitgliedern der Kommune. Zugleich dreht sich die Handlung um das Loslassen und Festhalten von Objekten, Personen und Werten. Für die Sechsjährige hält Beasts of the Southern Wild zudem in gewisser Weise eine Odyssee bereit, in der sie sich später ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, um sich auf ihre Zukunft einlassen zu können. “I see that I’m a little piece of a big, big universe”, realisiert Hushpuppy am Ende.

Dabei ist Zeitlins Film letztlich nur so gut, wie seine beiden Darsteller, die diesen tragen. Das Ergebnis ist umso beachtlicher, da es sich um Laien handelt. So balanciert Bäcker Dwight Henry gekonnt zwischen den resignierenden Momenten seiner Figur und jenen Augenblicken, in denen er um die Zukunft seiner Tochter kämpft. Henry verleiht Wink Optimismus und Charme, was ihn auch in seinen wenigen Szenen sympathisch werden lässt. Das Highlight ist aber die Leistung von Quvenzhané Wallis: Sich stark und zugleich verletztlich gebend, ist es ihre Hushpuppy, die den Film weitestgehend alleine schultert und dies gekonnt über die gesamte Dauer.

Ebenfalls erwähnenswert ist die Kameraarbeit von Ben Richardson und insbesondere die musikalische Untermalung von Zeitlin und Dan Romer. Ihr Bläser- und Streicherorchester inszeniert ländlich-folkloristische Musik von jener lebensbejahenden Kraft, von der auch der Film erzählt. Und spätestens, wenn das Orchester zum großen Finale ausholt und Hushpuppy dann in einer starken Schlusseinstellung am Ende ihres Reifeprozesses angelangt ist, spürt man als Zuschauer, was auch zuvor während Beasts of the Southern Wild des Öfteren aufgeblitzt ist: Eine cineastische Gänsehaut und das Wissen, dass “movie magic” doch noch nicht ausgestorben ist.

9/10