Posts mit dem Label Francis Ford Coppola werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Francis Ford Coppola werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

8. April 2009

Die Top 5: Francis Ford Coppola

I could make five failures. Five pictures nobody liked, and I’d still be the guy who directed „The Godfather“.
(Francis Ford Coppola)

Ohne Frage zählt Francis Ford Coppola zu den bedeutendsten Regisseuren unserer Zeit. Mit fünf Academy Awards ausgezeichnet, beherrschte der Italo-Amerikaner gerade in den siebziger Jahren das amerikanische Kino. Doch Coppola war nie das, was man als bodenständig bezeichnen würde. Speziell bei den Studiobossen eckte der Regisseur des Öfteren an, wusste es sich jedoch auch mit Freunden und Kollegen zu verscherzen. Berauscht von seiner eigenen Hochphase, begann sich Coppola Ende der Siebziger und durch die Achtziger hindurch sein eigenes Denkmal zu demontieren. Die Karriere dieses außerordentlichen Regisseurs und seine vielschichtige Filmographie bilden den Rahmen für diesen Beitrag der „Top 5“-Reihe. Wer ist Francis Ford Coppola und wie schaffte er es, den hollywoodschen Olymp zu besteigen, nur um kurz darauf beinahe bankrott dazustehen? Welche Geschichten stecken hinter seinen Werken und wodurch zeichnen sich diese aus? Diese Fragen sollen mit Unterstützung der Biographien von Gabriele Weyand sowie von Goodman und Wise beantwortet werden.

Am 7. April 1939 wurde Francis Ford Coppola als zweites von drei Kindern geboren. Als Sohn einer Künstlerfamilie (der Großvater inszenierte Bühnenstücke, die Mutter arbeitete einst als Schauspielerin und der Vater war Musiker) war Coppola stets einer besonderen Erwartungshaltung ausgesetzt. Insbesondere da er Zeit seines Lebens im Schatten seines großen Bruders August stand – selbst nachdem er fünf Oscars gewonnen hatte. „If it wasn’t for Augie (August, d. Red.), Francis would be nothing“, urteilte Italia Coppola (vgl. Goodman/Wise, S. 17). Umso unvorteilhafter, dass Coppola mit neun Jahren an Polio erkrankte und ein ganzes Jahr ans Bett gefesselt war (dies., S. 19f., vgl. auch Weyand, S. 12). „Damals lernte er was Isolation und Einsamkeit bedeutet“, interpretiert Weyand hinsichtlich Coppolas späterer Werke und derer Protagonisten (Weyand, S. 12). Das Jahr im Bett verbrachte Coppola mit dem Konsum von Fernseh- und Radiosendungen, während er zugleich selbst begann, derartige Sendungen mit einer 8mm Kamera aufzuzeichnen und seiner Familie vorzuspielen (vgl. Goodman/Wise, S. 19f.). „I am sure that from those shows came the idea of my own studio“, reflektierte Coppola Jahrzehnte später über diese harte Zeit (dies., S. 20). Und in der Tat sollte Coppola dereinst sein eigenes Studiogelände besitzen.

In seinen Jugendjahren machte Coppola schließlich mehrere Erfahrungen, die zukünftige Projekte von ihm beeinflussen sollten. Mit 13 bzw. 14 Jahren entwickelte der Teenager eine Affinität für geheime Mikrophone (vgl. Goodman/Wise, S. 21). Ein Hobby, welches schließlich zum Thema für The Conversation werden sollte. Mit siebzehn Jahren sah er dann im Kino Sergej Eisensteins Oktyabr – ein Erlebnis, welches ihn scheinbar dazu motivierte selbst Filmemacher zu werden (vgl. Goodman/Wise, S. 14, siehe hierzu auch Weyand, S. 12). Auch dass ihn sein Vater Carmine für 18 Monate an eine Militärschule schickte, sollte sich für den Jugendlichen noch auszahlen bzw. diesem letztlich sogar seine Karriere retten. Nach seinem Schulabschluss zog es Coppola an das Hofstra College, wo er unter anderem James Caan kennenlernte (vgl. Goodman/Wise, S. 24). Hier gründete Coppola nicht nur einen Kino Workshop, sondern inszenierte bereits äußerst erfolgreich Bühnenstücke. Zu diesen zählte The Rope, eine Produktion, die unter keinem guten Stern stand und schon fast prophetisch Schatten für die Dreharbeiten zu The Godfather voraus werfen sollte. Coppola hinkte zeitlich hinterher und die gesamte Crew am Set hielt ihn für inkompetent (vgl. Goodman/Wise, S. 26). Entgegen der Erwartungen wurde The Rope jedoch ein immenser Erfolg und von einigen Dozenten als das beste, von einem Studenten inszenierte, Stück bezeichnet, das sie je gesehen hatten (dies., S. 27).

Nach seinem Bachelor-Abschluss in Theaterwissenschaften wurde Coppola an der UCLA Filmhochschule angenommen. Hier studierte er gemeinsam mit dem späteren „The Doors“-Frontmann Jim Morrison Regie. Doch das Studium war dem Nachwuchsregisseur zu theoretisch. Coppola begann als 22-Jähriger mit The Peeper kleine Schmuddelfilmchen im Stile eines Russ Meyer zu drehen (dies., S. 35). Nach drei solcher Werke heuerte er anschließend bei B-Movie-Größe Roger Corman an. Bei seinen Kommilitonen kam Coppolas „Ausverkauf“ nicht sonderlich gut an, bescherte dem Twen jedoch die filmische Erfahrung, nach der er lechzte. „It was really like an intensive course in the mechanics of putting a film together“, urteilte Coppola über die Arbeit mit seinem Mentor Corman (dies., S. 42). Corman, dafür bekannt Filme auch mal für $ 50.000 innerhalb von zehn Tagen zu drehen, war es auch, der dem Italo-Amerikaner seinen Debütfilm finanzierte (dies., S. 39). Nachdem bei einer Produktion Geld übrig geblieben war, durfte Coppola in Irland für $ 40.000 während zweiwöchigem Aufenthalt mit Dementia 13 (1963) seinen ersten Kinofilm drehen (dies., S. 44). „Schon in seinem ersten Film zeigt sich Coppolas ausgeprägtes Interesse an der Familie“, resümiert Weyand (Weyand, S. 21). Der Slasherfilm, konstruiert um ein Familiendrama, nimmt starke Anleihen bei Hitchcocks zuvor veröffentlichtem Meisterwerk Psycho (dies., S. 17). Nichtsdestotrotz verfügt der Film speziell hinsichtlich der Kameraarbeit über einige Stärken, welche die Drehbuchmängel oftmals vergessen machen.

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Dementia 13 und verschiedenen Drehbucharbeiten für das Produktionsstudio Warner Seven trat Fox an Coppola heran. Das Studio wollte einen Film über General Patton ins Kino bringen und Coppola schien für Fox der richtige Mann zu sein, um das entsprechende Drehbuch zu schreiben. Denn dem jungen Regisseur wurde aufgrund seiner Militärschulvergangenheit nicht nur Ahnung über die amerikanische Armee attestiert, sondern eine Mitwirkung als Drehbuchautor an Is Paris Burning? erwarb ihm in der Branche den Ruf, Ahnung vom Zweiten Weltkrieg zu haben (vgl. Goodman/Wise, S. 59). Es würde der Drehbuchoscar für Patton sein, der Coppola schließlich den Job bei The Godfather retten sollte. Doch die Arbeit für Warner Seven brachte Coppola nicht weiter. Er wollte selbst Regie führen. Ein Drehbuch hatte er bereits geschrieben, doch wäre dies wegen seinem Arbeitsengagement unweigerlich Eigentum von Warner Seven gewesen. Um einen Rechtsstreit zu umgehen kaufte sich Coppola die Rechte an David Benedictus’ Roman You’re a Big Boy Now. Ein Werk, das starke Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Drehbuch hatte (vgl. Weyand, S. 22). Schon für You’re a Big Boy Now (1966) begann Coppola seine Tradition, mit seinen Darstellern zwei bis drei Wochen vor Drehstart die Szenen einzustudieren (vgl. Goodman/Wise, S. 64f.). Sinn und Zweck von Coppolas Proben war jedoch weniger die Vorbereitung auf den Dreh, als vielmehr die Entwicklung einer Beziehung zwischen dem Schauspielerensemble (ebd.).

Big Boy tells its story with images and a sharply observant camera.“, befinden Goodman und Wise (vgl. Goodman/Wise, S. 68). Coppola verwendete für die Erzählung seiner Geschichte oft jump cuts – ein für Hollywood unübliches Stilmittel zur damaligen Zeit (vgl. Weyand, S. 25). Der Film selbst erzählt vom Leben eines jungen Mannes, der sich zuerst in die falsche Frau verliebt und Schwierigkeiten mit seinen Eltern hat. Erneut taucht hier Coppolas Lieblingsmotiv, die Familie, auf. Und auch ein anderer Aspekt seiner Filme entfaltet sich: sein Chauvinismus. In vielen Filmen Coppolas wird ein frauenfeindliches Bild gezeichnet, wie speziell Weyand in ihrer Biographie hervorhebt. „Weigert sich die Frau, diesen Platz (die klassische Geschlechterrolle, d. Red.) einzunehmen, zerbricht die Struktur, und zurück bleiben vereinsamte Menschen.“ (vgl. Weyand, S. 242). Dies lässt sich besonders gut in Coppolas Werken The Rain People, One from the Heart, Peggy Sue Got Married oder The Godfather: Part II beobachten. Gerade bei Letzterem zeigt sich, dass „das Aufbäumen der Frau (..) ein untrügliches Zeichen für den Verfall [ist]“ (Weyand, S. 99).

Ein finanzieller Erfolg war You’re a Big Boy Now nicht beschert, doch immerhin rückte der Film das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf Coppola. Diesem stieg die Aufmerksamkeit schnell zu Kopf, was in eine seiner zahlreichen, unglücklichen Äußerungen mündete. „I pattern my life on Hitler“, erklärte er auf die Frage, wie er es in Hollywood zu Ruhm bringen wolle (vgl. Goodman/Wise, S. 73). Worauf er hinaus wollte, war das Studiosystem von innen heraus zu unterminieren. Sich des Systems mit seinen eigenen Mitteln zu bemächtigen. Hier eine Analogie zu Adolf Hitler zu beschwören, passte allerdings zum Übermut des Italo-Amerikaners, der sich später auch noch mit Fidel Castro vergleichen sollte (dies., S. 206). Während Coppola You’re a Big Boy Now als seinen Abschlussfilm an der UCLA einreichte, stürzte er sich bereits in die Dreharbeiten zu Finian’s Rainbow. Das Bühnenstück aus den vierziger Jahren brachte es am Broadway auf 723 Aufführungen und war „ein großer Triumph“ (Weyand, S. 34). Für Coppola stellte der Film eine große Herausforderung dar, konnte er sich über das Musical doch seinem Vater, dem Komponisten, beweisen. Wohingegen ein durchschnittliches Musical Ende der Sechsziger ein Budget von zehn Millionen Dollar erhielt, musste Coppola mit einem Drittel dieser Summe auskommen (vgl. Goodman/Wise, S. 76). Hierbei handelt es sich jedoch nur um eine der Ursachen, weshalb der Film zum Scheitern verurteilt war.

Das Bühnenstück, mit seiner „Rassenproblematik“, war nach zwanzig Jahren jedoch „hopelessly dated“ (dies., S. 76). Daher legte Coppola, selbst einer Migrantenfamilie entstammend, den Schwerpunkt auf die „Einwandererthematik“. Dies führte im Nachhinein jedoch dazu, dass dem Film eine „ernstgemeinte Auseinandersetzung“ mit seiner Handlung fehlte (vgl. Weyand, S. 36). Die Geschichte eines irischen Einwanderers, der einem Kobold einen Topf voll Gold gestohlen hat, haperte aber auch wegen Coppolas lascher Inszenierung. Es misslang ihm nämlich nicht nur seinen Kobold-Darsteller Tommy Steele vom gnadenlosen Overacting abzubringen, sondern ein viel tiefgreiferendes – und wie sich herausstellen würde, für Coppolas typisches – Problem war dessen Konflikt mit dem Filmchoreographen. Der Regisseur hatte für jede Szene eine bestimmte Tanznummer im Kopf, nur vertrug die sich nie mit den Vorstellungen des Choreographen Hermes Pan. Pan war der Stammchoreograph von Hauptdarsteller Fred Astaire. Nichtsdestotrotz feuerte Coppola ihn. „He might just as well have shot himself in the foot.“, befinden Goodman und Wise (vgl. Goodman/Wise, S. 79. Die Beiden sehen kaum eine selbst zerstörerische Handlung, als in der Mitte eines Musicals den Choreographen zu entlassen (dies., S. 80). Es würde nicht das letzte Mal sein, dass Coppola mit seinem Choreographen aneinander geriet. Bei One from the Heart feuerte er Gene Kelly (dies., S. 317) und auch in The Cotton Club wurde der Choreograph schließlich entlassen (dies., S. 378).

Dass Finian’s Rainbow (1968) floppte, war allerdings auch Fox Pictures geschuldet, die das Bildformat für den Vertrieb änderten und somit speziell die Tanzeinlagen von Astaire unterwanderten. An dem Respekt, den man Coppola zu diesem Zeitpunkt entgegenbrachte, änderte dies nichts – allerdings war Finian’s Rainbow auch noch nicht erschienen. Warner Bros. Pictures gab Coppola die finanzielle Unterstützung für dessen nächstes Projekt The Rain People (1969). Mit einer zwanzigköpfigen Crew, darunter auch Coppolas Zögling und Freund George Lucas, reiste der Regisseur durchs Land und inszenierte so sprichwörtlich ein Road Movie. Für Coppola war dies seine erste, langersehnte Annäherung an einen Arthouse-Film (vgl. Goodman/Wise, S. 89). Doch auch hier zeigten sich schon zukünftige Mängel des Regisseurs. Hauptdarstellerin Shirley Knight erzählte, dass Coppola um sich herum nur Leute duldete, die ihm unentwegt versicherten, was für ein Genie er doch sei (dies., S. 88). Hinzu kam, dass der Film bei Drehbeginn über kein fertiges Drehbuch verfügte, sondern dieses während des Prozesses kontinuierlich entstand. Beides Punkte, die sich in Coppolas Karriere, insbesondere während Apocalypse Now, wiederholen sollten.

Während sich The Rain People und Finian’s Rainbow in der Nachproduktion befanden, handelte Coppola seinen berühmten Vertrag mit Warner Seven für Coppolas und Lucas’ Produktionsfirma American Zoetrope aus. „All I want from Hollywood is their money“, äußerte Coppola damals (vgl. Goodman/Wise, S. 96). In Coppolas Augen sollte in San Francisco ein neues Kreativmonopol an Regisseuren entstehen. American Zoetrope sollte ein Ort von künstlerischer Freiheit und Autonomie sein. Das Ganze klang so vielversprechend, dass unter anderem Stanley Kubrick und Orson Welles an einer Zusammenarbeit mit Coppola und Zoetrope interessiert waren (dies., S. 98). Doch es drohte alles anders zu kommen. Nicht nur Coppolas Filme floppten an den Kinokassen, sondern auch Lucas Spielfilmdebüt THX-1138. Warner Seven zog ihren Vorschuss zurück und Coppola sah sich auf einmal mit Schulden in Höhe von einer halben Million Dollar konfrontiert. Nachdem er mehrfach abgelehnt hatte, war er nun praktisch gezwungen als Regisseur für ein Projekt zu dienen, welches auf Mario Puzos Bestseller The Godfather basierte. (Hinsichtlich der Entstehungsgeschichte von The Godfather (1972) sei auf meinen separaten Aufsatz verwiesen). Womit niemand gerechnet hatte, am wenigsten sicherlich Coppola selbst, war ein Genremeisterwerk, welches in die Filmgeschichte eingehen würde. Und mit ihm auch sein Regisseur.

„The success of The Godfather went to my head like a rush of perfume. I thought I couldn’t do anything wrong.”, blickte Coppola auf das Jahr 1972 zurück (vgl. Goodman/Wise, S. 140). Es folgten ein zweiter Drehbuchoscar und endlich jene Anerkennung, die sich Coppola stets gewünscht hatte. Bevor er sich allerdings an die Fortsetzung seines Meisterwerkes wagte, wollte er etwas Abstand gewinnen. Die Zeit war gekommen, sein bereits 1968 geschriebenes Drehbuch zu The Conversation zu verfilmen (weitere Informationen zu The Conversation (1974) finden sich ebenfalls in meinem separaten Aufsatz). Dessen Geschichte hat zwar speziell in der zweiten Hälfte einige Hänger und Fehler, dennoch ist es ein bemerkenswerter Film von Coppola und maßgebend für Genrevertreter wie Tony Scotts Enemy of the State. Für The Godfather: Part II (1974) verfügte Coppola über alle erdenklichen Freiheiten. Warner Bros. ließ ihn schalten und walten wie es dem Regisseur beliebte (auch hierzu sei auf meinen eigenständigen Aufsatz verwiesen). Der Lohn beider Filme waren allein für Coppola fünf Oscarnominierungen bei den Academy Awards 1975, wo der Regisseur schließlich drei Trophäen mit nach Hause nehmen konnte. Mit nunmehr fünf Auszeichnungen gab es eigentlich nichts, was Coppola nicht hätte gelingen können. Er war der König von Hollywood. Doch manche Königreiche verlieren ebenso schnell an Bedeutung, wie sie diese gewonnen haben. Coppolas gut vierjährige Involvierung in Apocalypse Now (1979) brachte ihn nicht nur fast an den Rand des Wahnsinns und finanziellen Ruins, sondern sorgte auch für eine Relativierung des Mythos „Coppola“ (hier verweise ich ebenso auf meinen Essay).

Nach dem Abenteuer Apocalypse Now kaufte Coppola 1980 für zwölf Millionen Dollar ein Studiogelände für seine Zoetrope Studios. Hier wollte er mit One from the Heart (1982) seinen ersten, vollkommen eigenständig finanzierten Film drehen (vgl. Weyand, S. 122). Ziel und Zweck der Zoetrope Studios sei es gewesen, „old-fashioned movies“ zu drehen (vgl. Goodman/Wise, S. 296). Coppola erhielt von MGM mit drei Millionen Dollar das höchste Gehalt, das je einem Regisseur bezahlt worden war (dies., S. 298). Zudem wollte er mit technischen Neuerungen die industrielle Revolution wie einen dörflichen Versuch aussehen lassen (vgl. Weyand, S. 123). Anhand einer „three-stage previsualization technique“, dem „electric storyboard“, konnte Coppola jede Szene vor Drehbeginn planen, gestalten und perfektionieren (vgl. Goodman/Wise, S. 299). „If a scene didn’t work, he could fix it before he shot it” (dies., S. 300). Was revolutionär klingt (und sicherlich auch war) und Kosten sparen sollte, verbrauchte letztlich jedoch „twice as much [feet of film] as most films needed“ (vgl. Goodman/Wise, S. 316).

Da Produktionsdesigner Dean Tavoularis zudem ein Bühnenset von Las Vegas baute, dass strahlender und heller als die echte Glitzerstadt sein sollte, stiegen die Produktionskosten unentwegt an (vgl. Goodman/Wise, S. 301). So geriet der Film mit 25 Millionen Dollar (fast so viel wie Apocalypse Now verschlungen hatte) zehn Millionen Dollar über das Budget und Coppola war gezwungen einen Kredit aufzunehmen, welchen er zu einem Zinssatz von 21% zurückzahlen musste (vgl. Weyand, S. 125). Zoetrope pfiff aus dem letzten Loch, Projekte von David Lynch und Paul Schrader konnten nicht finanziert werden, weshalb es nie zu einer Zusammenarbeit mit diesen kam (vgl. Goodman/Wise, S. 309). One from the Heart selbst begeistert durch seine farbenfrohe Inszenierung und innovativen Einstellungen, während – wie so oft bei Coppola – die Handlung nicht an die formale Klasse heranzureichen wusste. Der Film startete schließlich lediglich in acht Städten und spielte innerhalb von sechs Wochen weniger als eine Million Dollar ein (vgl. Weyand, S. 125). So schnell wie der Traum vom eigenen Studio verwirklicht wurde, musste sich Coppola auch schon wieder von diesem verabschieden. Zoetrope ging pleite und das Studiogelände musste unter Wert verkauft werden (ebd.). Für Coppola bedeutete dies einen weiteren Rückschlag in seiner Karriere und eine harte Ankunft in den achtziger Jahren – seiner schwächsten produktiven Phase.

Im Jahr 1983 verfilmte Coppola back to back zwei Jugendromane von S.E. Hinton. Den Anfang machte hierbei Hintons Debütroman The Outsiders, der „mit sieben Millionen verkauften Exemplaren Kultstatus genoß“ und Coppola von einer Schulklasse zugesendet worden war (vgl. Weyand, S. 135). Der Film selbst „had to get developed in the cheapest possible way or not at all“, erklärte Co-Produzent Fred Roos (vgl. Goodman/Wise, S. 323). Coppola selbst war zu diesem Zeitpunkt in Höhe von vierzig bis fünfzig Millionen Dollar verschuldet, dank des Bankrott der Zoetrope Studios (dies., S. 345). The Outsiders (1983), der von den Kritikern zwar verrissen, aber dennoch ein nennenswerter Erfolg war (vgl. Weyand, S. 140, siehe hierzu auch Goodman/Wise, S. 356), handelte von missverstandenen Jugendlichen, die ihre Flucht in Gewalt suchen. Anerkennung und Zuneigung können sie nur untereinander finden. Der Film ist besonders hinsichtlich seiner Besetzung interessant, die unter anderem Tom Cruise, Matt Dillon, Diane Lane, Emilio Estevez, Rob Lowe und Patrick Swayze umfasste. Nachdem Coppola während der Dreharbeiten Hintons dritten Roman Rumble Fish gelesen hatte, drehte er diesen gleich im Anschluss mit einem Großteil seiner Outsider-Crew (darunter auch Dillon und Lane). In Rumble Fish (1983) ist das Thema, dass den Jugendlichen die Zeit davonläuft. Dies wird von Coppola bevorzugt durch die Symbolik von Uhren und die Verwendung von Zeitraffern deutlich gemacht (vgl. auch Goodman/Wise, S. 348).

„If visuals were all, One from the Heart would be one of the most thrilling experimental films ever made”, befanden Goodman/Wise (vgl. Goodman/Wise, S. 328). Auch Rumble Fish zeichnet sich durch seine experimentelle Inszenierung aus. Der Film ist aufgrund der Farbblindheit von Motorcycle Boy in Schwarz-Weiß gehalten. Lediglich die symbolisch für die Jugendlichen stehenden Rumblefish sind in Farbe photographiert (dies., S. 349). Die surrealen Bilder dienen dabei der Darstellung der inneren Vorgänge. „Schwarz-Weiß Film (…) bedeutete die bewußte Hinwendung zur Künstlichkeit“ (vgl. Weyand, S. 143). Weyand sieht Coppola hier – wie auch in einigen seiner anderen Filme, darunter The Conversation – seiner Zeit voraus (dies., S. 150). Rumble Fish beeindruckt ebenfalls durch seine Darsteller, unter ihnen Mickey Rourke und Dennis Hopper. Abseits von der gelungenen Inszenierung ist jedoch erneut die eigentliche Geschichte das große Manko des Filmes. Im Gegensatz zu The Outsiders war Rumble Fish nicht sonderlich erfolgreich. Der Film spielte ähnlich wie One from the Heart kaum eine Million Dollar ein (dies., S. 149), wusste dafür aber diesmal viele Kritiker zu überzeugen.

Die finanziellen Probleme von Coppola wurden jedoch nicht gelöst, sodass er notgedrungen (wie schon bei The Godfather der Fall gewesen), seine Zusage zu The Cotton Club erteilte. „Realistically Coppola had no choice“, urteilen auch Goodman und Wise (vgl. Goodman/Wise, S. 360). Das Cotton Club-Projekt sollte ähnlich dramatisch verlaufen wie Coppolas erste Mafiasaga. Schon bevor Coppola zum Film stieß, befand sich dieser über dem Budget, explodierte jedoch letztlich von 24 auf 47 Millionen Dollar (dies., S. 366; vgl. auch Weyand, S. 152). Hauptdarsteller Richard Gere blieb die erste Woche der Dreharbeiten wegen kreativer Differenzen dem Set fern (vgl. Goodman/Wise, S. 373) und die zwielichtigen Investoren aus Las Vegas sendeten einen Mafiosi, der dafür sorgen sollte, dass Coppola dem Drehplan folgte (dies., S. 386). Behandelte das Skript ursprünglich als period piece die afroamerikanische Jazz-Kultur im New York der dreißiger Jahren, blieb von dieser „Rassenproblematik“ wie schon in „Finian’s Rainbow“ bei Coppola nicht mehr viel übrig (vgl. Weyand, S. 158). Die Geschichte des weißen Jazz-Musikers Dixie Dwyer, der sich in die Geliebte eines Mafioso verliebt, teil sich viele Stilmittel mit The Godfather, allen voran die Parallelmontage im Finale. Während auch hier wieder die Handlung schwächelt, ist es Coppolas Licht- und Farbdramaturgie, die zu gefallen weiß. Der Ärger um Cotton Club nahm auch nach den Dreharbeiten nicht ab, als sich Coppola mehrfach mit Produzent Robert Evans stritt („The men actually discussed the possibility of fighting a duel“, vgl. Goodman/Wise, S. 388). Oftmals vor Gericht und sogar über „Kleinigkeiten“ wie die musikalische Untermalung des Filmes (dies., S. 393ff.).

Während in Coppolas Filmen meistens sehr viel aus seinem eigenen Leben widergespiegelt wird (man vergleiche hierzu allein The Godfather: Part III), war Peggy Sue Got Married (1986) wohl sein unpersönlichster Film (vgl. Goodman/Wise, S. 434). Gemeinsam mit The Cotton Club und dem folgenden Gardens of Stone stellte diese Phase in Coppolas Leben eine Zeit der Auftragsarbeiten dar. Wie so oft nahm der Italo-Amerikaner die Regie bei Peggy Sue aus finanziellen Gründen an. Die Zeitreise-Geschichte, deren Innovation speziell darunter leidet, dass der Film nach Back to the Future erschien (obschon er vor diesem in Produktion ging), weiß – natürlich – durch ihre Farbinterpretation zu gefallen (vgl. auch Weyand, S. 173). Allerdings zeichnet Coppola auch hier erneut ein sehr chauvinistisches Frauenbild einer Peggy Sue, die letzten Endes in einem mehr als kitschigen Finale zu ihrem untreuen Ehemann Charlie zurückkehrt. Des Weiteren leidet der Film unter dem schlechten Spiel von Coppolas Neffen Nicolas Cage, der hier zum dritten Mal unter der Regie seines Onkels spielte. Den unweigerlichen Vergleich mit dem sehr viel unterhaltsameren Zemeckis-Werk kann Peggy Sue nur verlieren. Nichtsdestotrotz stellte der Film Coppolas „größten kommerziellen Erfolg in den 80er Jahren dar“ (ebd.; vgl. auch Goodman/Wise, S. 436). „Now a multimillionaire once more, he finally could be Francis Ford Coppola again.”, lassen Goodman und Wise fast wie eine Drohung anklingen (vgl. Goodman/Wise, S. 438).

In Gardens of Stone (1987) vereinte Coppola sich wieder mit James Caan, der nach fünfjährigerer Pause wegen Drogensucht auf die Leinwand zurückkehrte (vgl. Goodman/Wise, S. 425). Die Geschichte über einen Armeeausbilder während des Vietnamkrieges, dessen ehemaliger Kadett und Zögling auf der anderen Seite der Welt sterben muss, steht dank seiner „militärfreundlichen Strömung“ ziemlich konträr zu Coppolas zehn Jahre zuvor gedrehtem Apocalypse Now (vgl. Weyand, S. 180). Überschattet wurden die Dreharbeiten jedoch von Gian-Carlo Coppolas Tod. Coppolas Sohn und oftmaliger Produktionsassistent auf seinem Set starb bei einem nächtlichen Motorbootunfall, den er in alkoholisiertem Zustand mit Ryan O’Neals Sohn Griffin verursachte hatte (vgl. Goodman/Wise, S. 428). Francis Ford Coppola beendete zwar die Dreharbeiten, wurde jedoch während dieser wiederholt von Depressionen und Zusammenbrüchen geplagt (ebd.). Den Verlust seines Sohnes würde Coppola schließlich drei Jahre später in seinem Finale für The Godfather: Part III (1990) einbauen, und seinen persönlichen Kummer und Schmerz so versuchen zu verarbeiten.

Seit seiner Kindheit hatte Coppola davon geträumt, eines Tages einen Film über seinen Helden Preston Tucker zu drehen. Nach mehreren Versuchen begannen Ende der Achtziger mit finanzieller Unterstützung von George Lucas schließlich die Dreharbeiten an Coppolas Herzensprojekt. „Tucker is of little interest as a film, it is of great interest for the light it throws on Coppola’s vision of himself“ (Goodman/Wise, S. 460). In der Tat ist Tucker: A Man and His Dream (1988) wie ein Abziehbild von Coppolas eigenem Leben zu sehen. Der unverstandene Visionär und Familienvater, der sich seiner Kritiker erwehren muss, um mit geringen finanziellen Mitteln die Welt zu revolutionieren. Tucker ist ein kleines modernes Märchen, dem verständlicherweise jeglicher kritischer Blick an der Person Preston Tucker abgeht. Es ist neben Rumble Fish Coppolas bester Film der achtziger Jahre und dennoch nicht mehr als Durchschnitt. Erst mit seinem nächsten Projekt sollte der Regisseur wieder zu alter Klasse finden. Nach jahrelangen Anfragen ließ Coppola sich schließlich zur Arbeit an The Godfather: Part III überreden (siehe hierzu die separate Filmbesprechung). Der Film überzeugt, bescherte Coppola seine bisher letzten Oscarnominierungen, und ist letztlich doch nicht mehr, als „eine Wiederholung bereits gesehener Ereignisse“ und damit ein Film, der überquillt „vor inhaltlichen Entsprechungen mit den vorhergehenden Teilen“ (Weyand, S. 201). Doch Coppola war wieder da und sein Name hatte Strahlkraft zurück gewonnen.

Es folgte zwei Jahre später die Adaption von Bram Stoker’s Dracula (1992). Bei einem Budget von 45 Millionen Dollar verlangte Columbia Pictures von Coppola, dass er auf sein obligatorisches Personal (Dean Tavoularis, Vittorio Storaro) verzichtet, „weil diese in dem Ruf standen, routinemäßig das Budget zu überziehen“ (Weyand, S. 209). In seiner farbgewaltigen und starbesetzten Adaption des Dracula-Stoffes versuchte Coppola „die Vorlage gegen den Strich zu lesen“ (dies., S. 224) und „reiht [mit artistischer Eleganz] (..) Einstellung zu Einstellung Bildzitate auf“ (dies., S. 217). Doch der Film krankt an den typischen coppola’schen Fehlern. Die Bildkomposition ist beeindruckend, die Geschichtserzählung mangelhaft. Angefangen von der pathetischen Einleitung wirkt Dracula unentwegt lächerlich, was sich auch an der miserablen Besetzung jeder einzelnen Figur bemerkbar macht. Zum Erstaunen aller wurde der Film die Überraschung des Jahres 1992 und spielte in den ersten vier Monaten weltweit 200 Millionen Dollar ein (vgl. Weyand, S. 225). Damit ist Bram Stoker’s Dracula nach The Godfather Coppolas kommerziell erfolgreichster Film. Dies nahm der Regisseur zum Anlass, sich die nächsten vier Jahre etwas aus dem Geschäft zurückzuziehen. Die bis dahin längste kreativste Pause seiner Karriere.

Sein nächstes Projekt war die Komödie Jack (1996). Wahrscheinlich der schlechteste Film in Coppolas Karriere. Von Beginn des Filmes an „wiederholt [Coppola] sich pausenlos und macht seine Regieeinfälle dadurch voraussehbar und in letzter Konsequenz langweilig“ (Weyand, S. 232). Hier verwendet der Regisseur zahlreiche Stilmittel, die bereits in all seinen anderen Filmen zum Einsatz kamen. Neben seiner gefühlsduseligen Handlung krankt Jack speziell am grenzenlosen Overacting von Robin Williams. Bemerkenswert ist der Film ausschließlich dahingehend, dass er zu den wenigen Werken des Italo-Amerikaners zählt, das mit Diane Lanes Figur ein starkes Frauenbild erschafft und im Gegensatz zum Vater die Mutter ins Zentrum rückt. Überraschenderweise folgte mit The Rainmaker (1997) ein Jahr später im Gegenzug einer von Coppolas besten Filmen. Die John Grisham Adaption ist ein solide verfilmtes Gerichtsdrama, das vor allem von Jon Voights und Danny de Vitos frischem Spiel lebt und somit zu den unterhaltsameren Grisham-Verfilmungen zählt. Lediglich der Nebenplot um Claire Danes’ Figur schadet der Handlung, macht The Rainmaker aber darum nicht weniger zu einem gelungenen Film. Anschließend sollte Coppola für ein ganzes Jahrzehnt der Filmwelt fern bleiben und lediglich als Produzent der Werke seiner Tochter Sofia fungieren.

Vor zwei Jahren meldete sich die Regielegende mit der Mircea Eliade Adaption Youth Without Youth (2007) wieder zurück. Hier wird erneut Coppolas Drang Arthouse-Filme zu drehen deutlich, wenn er versucht eine metaphysische Liebesgeschichte über Vergänglichkeit zu erzählen. Dummerweise verstrickt er sich hier mehrfach in verschiedenen Genres, sodass sein durchaus ambivalenter Film als misslungen anzusehen ist. Dieses Jahr widmet er sich dafür in Tetro (2009) einem Thema, welches er zuletzt in Jack angekratzt hatte. Hier wird eine (Immigranten)Familie im Zentrum stehen und somit eine Handlungskomponente, mit der sich der Sohn von Einwanderern bestens auseinandersetzen kann. Coppola, einer der Mitbegründer des New Hollywood (vgl. Goodman/Wise, S. 10), ist im Gegensatz zu einigen Kollegen wie Martin Scorsese inzwischen etwas in der Versenkung verschwunden. Fernab von finanziellen Sorgen nimmt sich der Regisseur nunmehr jener Projekte an, die er mit Herzblut verwirklichen möchte. Seinem stets vorherrschenden Ziel Arthouse-Filme zu drehen, ist Coppola mit Beiträgen wie Youth Without Youth und Tetro also näher gekommen. Dennoch sind die siebziger Jahre sicher seine stärkste Schaffensphase gewesen, die er anschließend nie wieder zu erreichen vermochte. Bevor nunmehr die fünf besten Filme Coppolas (die ohnehin kaum eine Überraschung darstellen dürften) vorgestellt werden, wird nochmals auf die Fragen zu Beginn eingegangen: was Coppolas Filme auszeichnet.

„In many ways Francis Ford Coppola is more interesting than his films.“, erkennen Goodman und Wise sehr treffend (vgl. Goodman/Wise, S. 7). Auch ihr Fazit für diesen Regisseur enthält sehr viel Wahrheit: „Coppola is (…) his own worst enemy“ (dies., S. 8). Das oft für Coppola verwendete Attribut „größenwahnsinnig“ ist nicht unangebracht. Beinahe unentwegt am Rande des finanziellen Ruins lebend, gab Coppola immer mehr Geld aus, als er tatsächlich besaß. Ein Mann, der sich für ein verkanntes und nicht gewürdigtes Genie hielt, welches von der Presse verfolgt wurde. Seine Filme zeichnen sich durch eine Faszination für „mächtige, dominante Männer“ aus (Weyand, S. 32), wie z.B. an Figuren wie Patton, Vito und Michael Corleone oder Kurtz erkennbar wird. Das chauvinistische Frauenbild in seinen Filmen entspringt seinem eigenen Gedankengut, zentral ist generell die Familie, die über allem steht (und ein Lieblingsmotiv von Coppola darstellt). Dem väterlichen Oberhaupt haben die Frauen generell und die Mutter speziell loyal zu folgen. Sind die Farb- und Bildkompositionen seiner Filme im Grunde durchweg gelungen, hapert es meist an den Charakteren sowie der eigentlichen Handlung. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Regisseure, die so viel aus ihrem eigenen Leben in ihre Filme transferiert haben. Ungeachtet seiner vielen enttäuschenden und durchschnittlichen Filme zählt Francis Ford Coppola, der am gestrigen Tage 70 Jahre alt geworden ist, dennoch zu den großen Regisseuren Hollywoods. Es folgen seine fünf gelungensten Filme in der Kurzvorstellung:


5. The Godfather: Part III (1990): Das Ensemble erfüllt seinen Zweck und die Geschichte weiß trotz der Tatsache zu gefallen, dass hier nur erneut die beiden Vorgänger unentwegt zitiert werden. Aber allein aufgrund seiner gelungenen Einbindung des Konfliktes um die Vatikanbank sehr gelungen und zudem exemplarisch für Coppolas Selbstidentifikation mit seinen Werken.

4. The Conversation (1974): Technisch ohne Frage ein brillanter und bisweilen auch visionärer Film. Woran es hapert ist letztlich das zum Teil schwach ausgearbeitete Drehbuch, welches speziell in der zweiten Hälfte mitunter recht banale Ausmaße annimmt. Zudem weiß weder die Handlung noch die Hauptfigur sonderlich zu fesseln. Nichtsdestotrotz gerade wegen seiner Andersartigkeit ein interessantes Werk in Coppolas Filmographie.

3. The Godfather: Part II (1974): Im Grunde handelt es sich hier um zwei Filme, von denen nur die Vito-Sequenzen etwas Neues zur Geschichte beizutragen wissen. Die Fortführung der Geschichte verliert sich in Wiederholungen aus dem Vorgänger. Im Nachhinein ist der zweite Teil der Saga zwar vielfältiger, aber durch seine Redundanz weniger kompakt als sein Vorgänger.

2. Apocalypse Now Redux (1979/2001): Der Film der nicht den Vietnam-Krieg widerspiegelt, sondern der zum Vietnam-Krieg wurde. Das ungeordnete Projekt, welches erst in der Nachproduktion in eine Form gepresst wurde, besticht durch seine Surrealität, die besonders im Redux-Schnitt hervorsticht. Ein gelungener Anti-Kriegsfilm und eine überzeugende Romanadaption.

1. The Godfather (1972): In der Tat das ewige Meisterwerk des Regisseurs. Das Schauspielensemble, der Handlungsaufbau, die Kameraarbeit – alles perfekt. Gilt zu Recht als Meilenstein seines Genres und Geburt des Blockbusterkinos. Bedenkt man, dass Coppola praktisch nach drei Wochen Drehzeit vor der Entlassung stand, ist dieser Film und seine Entstehung eine von Hollywoods wunderbarsten Anekdoten.


Verwendete Literatur:

• Goodwin, Michael/Wise, Naomi: On the Edge. The Life and Times of Francis Coppola, New York 1989.
• Weyand, Gabriele: Der Visionär. Francis Ford Coppola und seine Filme, St. Augustin 2000.

24. März 2009

Charlie don’t surf! – Apocalypse Now (Redux), eine cause célèbre

Inhaltsverzeichnis

1. When it was over, I’d never want another – Eine Einleitung
2. Going to the worst place in the world – Der Anfang der Mission
.... 2.1. Who’s in charge here? – Willard, der Antiheld
.... 2.2. Of flying cowboys and neocolonialism – Das Herz des Films
3. Penetrating deeper and deeper into the heart of darkness – Conradsche Elemente
4. He broke from them. And then he broke from himself – Der Blick in den Abgrund
.... 4.1. Turning into Kurtz – Wenn Film zur Realität wird
.... 4.2. I don’t see any method at all – Marlon Brando und das Finale
5. There are two of you, don't you see? – Die unterschiedlichen Filmfassungen
6. A fifth-grader in a third-grade world – Ein Fazit


1. When it was over, I’d never want another – Eine Einleitung
Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts überschatte ein Name ganz Hollywood: Francis Ford Coppola. Mit seinen beiden The Godfather-Filmen war der Italo-Amerikaner zu Ruhm, Reichtum und Anerkennung gelangt. „In the eyes of the world Coppola was more than a genius; he was an auteur“, blicken Goodman und Wise auf jene Zeit zurück (Goodman/Wise, S. 211). Coppola war ohne Zweifel der König der Welt, versehen mit vier Oscarauszeichnungen innerhalb von drei Jahren. Von dem jungen, unerfahrenen Regisseur, der wenige Jahre zuvor quasi schon seines Amtes bei The Godfather enthoben worden war, fand sich nun nichts mehr. Der Name Coppola stand für die Studiobosse stattdessen als Synonym für Erfolg und bescherte dem Regisseur „eine für Hollywood seltene kreative Autonomie“ (Weyand, S. 103). Was Coppola jedoch nicht ahnte, war, dass die nächsten Jahre eine Tortur und Achterbahnfahrt der Gefühle darstellen und ihn als veränderten Mann zurücklassen würden.

Zu Beginn des Jahrzehntes hatte sich Coppola mit seiner und George Lucas’ Produktionsfirma American Zoetrope ein Drehbuch von John Milius gesichert. Es war vorgesehen, dass George Lucas jenes Drehbuch unter dem Titel Apocalypse Now als zweiten Spielfilm nach THX-1138 umsetzen sollte. Nach den finanziellen Streitigkeiten mit Warner Seven versandete das Projekt und Lucas fokussierte sich zuerst auf American Graffiti und schließlich auf Star Wars. Es war Coppola, der sich letztlich erneut des Drehbuches annahm und begann es umzuschreiben. Was der Regisseur als locker leichtes Projekt im Pazifik erachtete, würde ihn drei zehrende Jahre seines Lebens kosten und beinahe in den Konkurs treiben. Nach 238 Drehtagen und 15 Monaten im philippinischen Dschungel sollte sich nicht nur das Budget des Filmes von geplanten 12 auf 30 Millionen Dollar aufblähen, sondern auch der Hauptdarsteller beinahe an einem Herzinfarkt sterben (vgl. Weyand, S. 104). Für die heimatlichen Medien stellte Apocalypse Now somit noch vor dem Filmstart ein gefundenes Fressen dar, tituliert als „legend even before its lifetime“ (Adair, S. 143) und „cause celebre“ (Virgin Film Guide, S. 34).

2. Going to the worst place in the world – Der Anfang der Mission
Am 1. März 1976 brach Francis Ford Coppola zu den Philippinen auf, ohne über ein fertiges Drehbuch zu verfügen oder seine Hauptdarsteller gefunden zu haben. Die erste Zeit verbrachte er stattdessen damit, Spezialeffekte und Schlachten zu filmen. Essentiell für seinen Film war das militärische Ausstattungsmaterial, welches er von der amerikanischen Armee beziehen wollte. Als dieser Milius’ Skript vorgelegt wurde, empfand sie es als „a series of some of the worst things, real and imagined, that happened or could have happened during the Vietnam War“ (Suid, S. 310). Das Verteidigungsministerium lehnte somit die Mitarbeit ab, da es jegliche Unterstützung des Projektes als Zustimmung oder Anerkennung der Philosophie des Filmes verstanden hätte (vgl. Suid, S. 311). Später sollte Coppola nochmals ein Telegramm direkt an den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter schicken, um erneut Hubschrauber und Material der Armee anzufragen (vgl. Suid, S. 313). Nicht nur bei den Amerikanern blitzte Coppola ab, auch die australische Regierung wollte „not a film-extra-agency“ darstellen und lehnte die Bitte des Regisseurs nach 10,000 Soldaten und 400 Hubschraubern brüsk an (vgl. Suid, S. 311).

Fündig sollte Coppola schließlich bei der philippinischen Regierung von Ferdinand Marcos werden. Gegen eine hohe Summe wurden der Filmcrew amerikanische Hubschrauber, Panzer und anderes Material zur Verfügung gestellt. Nur gelegentlich wurden die Hubschrauber wieder abgezogen, weil Marcos mit ihnen einige Rebellen in anderen Teilen des Landes bekämpfen musste (vgl. Weyand, S. 118). Nichtsdestotrotz war die Anzahl an Statisten, Hubschraubern und Booten von Seiten der Regierung enorm. „There were three or four countries in the world we could have taken easily“, scherzte Dick White, der Flugberater des Filmes (Goodman/Wise, S. 213). Inzwischen hatte Coppola auch seine beiden wichtigsten Darsteller gefunden. Nach einigen Querelen mit Steve McQueen wandte sich der Regisseur erneut an seinen Vertrauten, Marlon Brando, um die Rolle von Colonel Kurtz zu verkörpern. Für 3 Millionen Dollar Gage sicherte der Star zu, vier Wochen in die Philippinen zu fliegen. Die Hauptfigur des Captain Willard sollte der aufstrebende Harvey Keitel spielen. Keitel, ein Stadtjunge, hatte große Probleme mit den Dreharbeiten im Dschungel (vgl. Goodman/Wise, S. 214). Nach den ersten Wochen Drehzeit bemerkte auch Coppola, dass Keitels Präsenz im Film nicht wirklich funktionieren wollte. Infolgedessen wurde Keitel als Hauptdarsteller gefeuert, wie genau dies geschah, ist umstritten. Ob Keitel seine Entlassung tatsächlich über seinen Agenten erhalten hat, nachdem ihm niemand direkt die Entscheidung mitteilen wollte, sei dahingestellt. Unbestritten ist jedoch, dass der New Yorker froh war, dass er zurück in die Staaten durfte.

Ersatz war schnell gefunden. Bei einem Aufenthalt in Amerika traf sich Coppola kurz in einer Flughafenlounge mit Martin Sheen. Sheen, der bereits für die Rolle des Michael Corleone in The Godfather vorgesprochen hatte, war aus zeitlichen Gründen gezwungen sein Engagement zuzusagen, ohne einen Blick in das Drehbuch werfen zu können. Zu diesem Zeitpunkt konnte Sheen noch nicht ahnen, worauf er sich genau eingelassen hatte. Nicht nur erwartete ihn beinahe der Tod, sondern die Dämonen des Projektes sollten ihn die nächsten Jahre hindurch in den Alkoholismus treiben. Mitverantwortlich dafür war mit Abstrichen auch Coppola selbst. Wie schon bei Keitel der Fall, so war der Regisseur auch mit Sheens Portraitierung unzufrieden. Um dem Schauspieler seine Rolle zu vergegenwärtigen, sperrte er ihn in ein Hotelzimmer ein und ließ ihn sich stundenlang betrinken. Dass diese Szene gefilmt wurde, hatte allein den Zweck, dass Sheen sich hinterher mit seiner Leistung auseinandersetzen konnte. Die finale Einbindung in den Film war ebenso wie einige andere Szenen eher von spontaner Natur. Wie so vieles bleibt auch die Hotelszene recht schwammig. Während Goodman und Wise berichten, dass Sheen derartig betrunken war, dass er unabsichtlich den Spiegel zerschlug und sich selbst verletzte (vgl. Goodman/Wise, S. 225), variieren die Berichte von einem geplanten Zerschlagen und einem unabsichtlichen aber bewussten Zerschlagen.

2.1. Who’s in charge here? – Willard, der Antiheld

Die ersten Minuten von Apocalypse Now verdanken sich dem Zufall. Bereits die Einleitung des Filmes entstammt sprichwörtlich dem Mülleimer, als Coppola in der Nachbearbeitung Überflussmaterial des Napalmangriffs entdeckte. Unterlegt mit „The End“ von The Doors (mit deren Sänger Jim Morrison Coppola übrigens zusammen zur Filmschule gegangen war), der Überlappung der Hubschrauberrotoren und des Deckenventilator und mit dem Sheen-Material entstand eine ungewollte aber dennoch – oder gerade deswegen – eindringliche Anfangssequenz, welche Gabriele Weyand sogar als „beste des Regisseurs überhaupt“ lobt (Weyand, S. 105). Hier inthronisiert Coppola seine Titelfigur: einen desillusionierten und inhaltsleeren Willard (Martin Sheen), der in seinem Saigoner Hotelzimmer vor sich hin vegetiert und seine Bestimmungslosigkeit in Alkohol ertränkt. Eine Figur, die sich nur noch durch den Krieg definiert. „I wanted a mission. And for my sins they gave me one“, erklärt Willard zu Beginn, um als Erzähler seiner eigenen Geschichte gleich vorweg zu nehmen: „When it was over, I’d never want another“. Die Einführung der Figur sieht Hellman sogar „through the specific conventions of the hard-boiled detective formula“ (Hellman, S. 57). Der Ermittler, engagiert um eine Person ausfindig zu machen, sich dabei immer mehr sowohl im Fall an sich als auch in der zu findenden Person verlierend.

Was für ein Mensch Willard ist, wird früh klar. Und es ist nicht unbedingt ein guter Mensch. Als ihn zwei MP zu einem Briefing abholen kommen, ist seine erste Reaktion nach seiner Anklage zu fragen. Später gesteht Willard dem Publikum, dass er mindestens sechs Menschen umgebracht hat, nachdem ihn Colonel Lucas (Harrison Ford) beim Briefing zuvor quasi als militärischen Auftragskiller geoutet hat. Eine Bezeichnung, die Willard selbst so nicht unbedingt akzeptiert, korrigiert er Kurtz bei ihrer ersten Begegnung mit den Worten: „I’m a soldier“. Letztlich trifft Kurtz’ Definition durchaus die Wahrheit. Willard als Laufbursche soll eine Rechnung eintreiben. Coppola zeichnet Willard als ruhigen Menschen, der über seinen Auftrag meditiert und mit seiner Umwelt kaum korrespondiert. Die meiste Zeit des Filmes über sieht man Willard folglich alleine auf dem Patrouillenboot in das Militärdossier über Kurtz vertieft. Mit den anderen Mitgliedern seiner Einheit spricht Willard nur selten und nur dann wenn es nötig ist. Exemplarisch hierfür auch die Playmate-Szene in Hau Phat, wo Willard während der Show alleine und abseits seiner Männer steht. Sein wahres Gesicht zeigt er schließlich nochmals in der Sampan-Szene, wenn er nach der durch Cleans (Larry Fishburne) Überreaktion missglückten Kontrolle die vietnamesische Frau erschießt, um den Fortgang der Mission nicht zu gefährden. Seine Äußerung gegenüber Chief (Albert Hall), dass, hätte dieser nicht extra gestoppt, das Massaker nicht passiert wäre, spricht für Willards Loyalität und Linientreue gegenüber seinem Auftrag.

Essentiell für die Entwicklung der Figur sind dann das Briefing zu Beginn und das Dossier über Kurtz. Hier greift General Corman (G.D. Spradlin) bereits die Analogie der Geschichte vorweg, wenn er Willard erklärt, dass in jedem Herzen eine gute, rationale und eine böse, dunkle, irrationale Seite herrschen. „Every man has a breaking point“, lautet sein Fazit und letztlich sein Resümee bezüglich Kurtz’ Verhalten. Als trivialer Aspekt sei die Hommage an Coppolas Regiekollegen und Freunde George Lucas und Roger Corman angesprochen, nach denen die beiden Offiziere in der Briefing-Szene benannt wurden. In jenem Dossier erhält das Publikum gleichermaßen mit Willard die ersten Eindrücke von Kurtz. Ein Paradebeispiel eines guten Soldaten, in höchsten Ehren gehalten. „The more I read and began to understand the more I admired him“, offenbart Willard im Laufe des Filmes. Ein schmaler Grat für ihn und im Kern eine Gefährdung seiner Mission. Wie er erst später erfahren wird, wurde bereits vor sechs Monaten mit Captain Colby (Scott Glenn) ein anderer Soldat losgeschickt, um Kurtz zur Rechenschaft zu ziehen. Coppola impliziert sogar, dass es Chief war, der Colby damals den Fluss hochgefahren hat.

Für Willard wird die Identifizierung mit Kurtz – beide waren in Westpoint, beide unternahmen mehrere Touren in Vietnam, beide hassen nichts mehr als Lügen – zu einem gefährlichen Spiel. Nicht ohne Grund sah Milius’ ursprüngliches Skript vor, dass Willard am Ende des Filmes, wie schon Colby zuvor, Kurtz unterstützen würde. Kurtz ist die Konstante im Film, das scheinbar einzig greifbar Reale in diesem Fluss von Surrealität, dem Willard sich ausgesetzt sieht. „The thing I felt the most … much stronger than fear, was the desire to confront him“, bestärkt Willard immer wieder sein Begehren. Einer der Aspekte von Apocalypse Now, der sehr stark an Joseph Conrads Novelle Heart of Darkness angelehnt ist. Es ist nachvollziehbar, weshalb Lucas und Corman sich Willard für ihre Mission ausgesucht haben. Nachdem der Green Beret Colby gescheitert ist, wahrscheinlich aufgrund der Ähnlichkeiten gegenüber Kurtz, ist es naheliegend, einen prädestinierten Killer wie Willard - den mal losschickt, um die Drecksarbeit zu erledigen - auf Kurtz anzusetzen. Weshalb Willard letztlich an dieser Aufgabe scheitern muss oder zumindest scheitern wird, hebt der Redux-Cut des Filmes von 2001 sehr ausführlich hervor. Eine These, die jedoch unter dem fünften Punkt, welcher sich eingehender mit den Unterschieden zwischen beiden Fassungen beschäftigt, genauer erörtert werden soll.

2.2. Of flying cowboys and neocolonialism – Das Herz des Films

Entgegen einer ausführlichen Vorstellung der Boots-Besatzung (ohnehin misslungen, wie in einer geschnittenen Szene zu sehen), schenkt Coppola den vier Männern zuerst lediglich eine kurze Einführung. Peu a peu wird Willard dem Zuschauer die Männer näher bringen, selbst wenn die erste Einstellung bereits nahezu ausreichend ist. Bezeichnend für die Charakterisierung ist eine singuläre Einstellung des Regisseurs. Beginnend mit Chef (Frederic Forrest), der ein Buch liest, schwenkt Coppola zu Mr. Clean, dem Teenager, ein Comic lesend, während sich der kalifornische Star-Surfer Lance (Sam Bottoms) aufs Sonnen beschränkt und Chief als Vater der Truppe das Boot lenkt. Nach der kurzen Vorstellung der Männer beginnt die eigentliche Mission, die kurz darauf zumindest im filmischen Sinne ihren Höhepunkt erreichen wird. Die schillerndste und in gewissem Sinne surrealste und doch beispielhafteste Figur, nicht nur für den Vietnamkrieg sondern auch für die Produktion von Apocalypse Now, wird die Szenerie betreten und die nächsten 24 Minuten dominieren. Bei einem Angriff erwartet Willard und seine Truppe die Begegnung mit Lt. Colonel Kilgore (Robert Duvall) und mit ihm quasi der Wahnsinn dieses Krieges. Die gesamte Sequenz dient Coppola, der aufgrund der Verhinderung einiger Schauspieler selbst einen Kurzauftritt als Fernsehregisseur hat, für eine Anprangerung an die eigene Zivilisation. Weyand sieht Kilgore hierbei als „wandelndes Zitat der amerikanischen Kultur“ (Weyand, S. 116).

Kilgore ist ein wahres Geschenk und die Ambivalenz in Person. Eingeführt wird er von seinem Hubschrauber aus, der die bezeichnende Aufschrift „Death From Above“ trägt. Mit Stetson-Hut verkörpert er damit in der Tat einen „flying cowboy“ (Norris, S. 499). Nachdem er gelandet ist, stößt er auf die Unmenschlichkeit seiner Soldaten. Ein sterbender Vietcong verlangt nach Wasser. Kilgore brüskiert sich, wird beinahe handgreiflich und will dem niedergerungenen Feind aus seiner eigenen Flasche zu trinken geben. Die Szene verkehrt sich ins Absurde, wenn er abrupt abbricht – sogar das Wasser verschüttet -, nachdem er erfährt, dass Lance anwesend ist. Hatte er Willard zuvor noch hinsichtlich seiner Mission abgewiesen, ist er nun wieder ganz Ohr. Wie Lance stammt Kilgore aus Kalifornien und surft. Ein glücklicher Zufall oder Vorherbestimmung. Das abendliche Lagerfeuer verkommt dann zur doppelten Allegorie. Für seine Männer war es sich Kilgore nicht zu teuer, Bier und Barbecue einfliegen zu lassen. Eine Widerspiegelung der neokolonialistischen Thematik des ganzen Krieges: „The colonialist (or neocolonialist) never truely leaves home, he takes home with him, duplicating its values and artefacts whereever he settles“ (Adair, S. 155).

Ein sich wiederholendes Schema im Film, beispielsweise wenn Lance Wasserski fährt, während Clean “Satisfaction” von den Rolling Stones im Radio hört, während die vietnamesischen Bauern von der Bugwelle des Bootes ins Wasser geworfen werden. Aber auch ein sich wiederholendes Schema für die Filmproduktion selbst, wenn Coppola sich zu seinem Geburtstag eine Torte aus den Vereinigten Staaten einfliegen ließ (vgl. Goodman/Wise, S. 215) oder Kameramann Vittorio Storaro und andere italienische Crewmitglieder Essen aus Rom importieren ließen (ebd.). Für Kilgore stellt es lediglich eine Versorgung seiner militärischen „Familie“ dar. Als Willard zurück auf seine Mission zu sprechen kommt, erklärt ihm Kilgore, dass der ausgewählte Landeplatz haarig sei. Diesen Fakt lässt er sich von einem seiner Männer sogar bestätigen, der nicht müde wird, dies zu betonen. Es sei so haarig, dass man neulich sogar einen Mann dort verloren hätte. Zufällig wird erwähnt, dass die Wellen an jenem Landeplatz jedoch sechs Fuß hoch seien. Logischerweise wird Kilgore sofort hellhörig, auch da Lance anwesend ist. Warum man ihm dies nicht früher gesagt hätte, will er wissen und bekommt sein eigenes Mantra entgegengeschmettert. Es sei haarig. Doch Kilgores Entscheidung ist gefallen und mündet in einem der gelungensten Filmzitate aller Zeiten: „Charlie don’t surf!“. Hier ist er wieder, der Neokolonialismus.

Was folgt ist jene Szene, für die Apocalypse Now im Gedächtnis geblieben ist und in die Filmgeschichte einging. Natürlich eingeleitet vom Kavallerie-Horn, die Surfbretter an die Hubschrauber neben die Maschinengewehre platziert, hebt das Geschwader des „fliegenden Cowboys“ ab. Die 14-minütige Walküre-Szene beanspruchte siebeneinhalb Wochen Drehzeit, resultierte in unglaublichen 130.000 Fuß Filmmaterial und beinhaltet „168 Einstellungen in 10,5 Minuten“ (Darmstädter, S. 41). Eine mehr als imposante Szene, virtuos inszeniert und photographiert, ihren Ausgang in dem überwältigenden Napalmangriff findend. Wenn man den Cuttern um Walter Murch glauben darf, wurde derartig viel in die Luft gesprengt, dass man daraus einen eigenen Film hätte schneiden können. Doch erneut bildet die Szenerie nur den Auftakt für die beeindruckende Leistung von Robert Duvall. Nochmals portraitiert Coppola dessen unwahrscheinliche Ambivalenz. Nachdem er einer vietnamesischen Mutter mit ihrem Kind einen Platz in seinem Hubschrauber sichert, zwingt er zwei seiner Soldaten quasi dazu, noch während des Gefechtes ins Wasser zu steigen und zu surfen. Es ist lediglich der Napalmangriff, der Lance vor demselben Schicksal bewahrt. Zugleich bietet die Szene noch den Auftakt für Duvalls vielleicht größte Szene in seiner Karriere. „I love the smell of napalm in the morning“, schwadroniert er und ergänzt, „it smells like victory“. Hier findet das Thema des hoch technologisierten Krieges ein kurzes aber prägnantes Echo.

3. Penetrating deeper and deeper into the heart of darkness – Conradsche Elemente
Joseph Conrads Novelle Heart of Darkness von 1899 bildete die Basis für Apocalypse Now, selbst wenn Conrad im Abspann keine Anerkennung erfährt. Basierend auf seinen eigenen Erlebnissen im Kongo erzählt Conrad von dem Seemann Marlowe, der im afrikanischen Dschungel auf die Suche nach dem Elfenbeinhändler Kurtz ging. Der gebürtige Pole behandelte zwei Themen in seiner Novelle. Auf der einen Seite, wie man sich denken kann, den Kolonialismus der europäischen Großmächte – in diesem Fall Großbritannien. Auf der anderen Seite impliziert seine Geschichte „a universal darkness in man“ (Hellman, S. 70). Die äußerliche Ähnlichkeit zu Coppolas bzw. Milius’ Werk ist gering, die innere dafür umso größer. Marlowe wird nicht geschickt, um Kurtz zu töten und letzterer stirbt schließlich auch durch die Hand eines Dritten. Zudem ist die Surrealität der Geschichte eher von rationaler Natur – ein Engländer zum ersten Mal in Afrika -, als dass ihr surreale Elemente wie in Coppolas Film inne wohnen. Identisch ist jedoch die Faszination der Titelfigur an Kurtz und dessen Korruption durch seine eigenen Dämonen.

Einige Elemente des Buches finden sich in Apocalypse Now sogar direkt wieder, zum Beispiel jener Aspekt, dass Marlowe Kurtz zuerst lediglich über das Hören kennenlernt. Es sind die positiven Stimmen, die Marlowe ein Bild dieses Mannes geben. „[Kurtz] was just a word for me. I did not see the man in the name any more than you do“, schreibt Conrad auf Seite 27 und später dann: „I made the strange discovery that I had never imagined him as doing, you know, but as discoursing. (…) The man presented himself as a voice” (Conrad, S. 47). Demgegenüber steht dann die grandios geschrieben Erzählstimme von Michael Herr für Willard, wenn dieser Sätze äußert wie: „I couldn’t connect up this voice with this man“. Hinsichtlich des Verlaufs von Apocalypse Now beginnt sich das Rad der Geschichte zurück zu drehen. Mit jeder neuen Station verlässt das Patrouillenboot mehr und mehr die Zivilisation und reist praktisch, noch deutlicher im Redux-Cut, in die Vergangenheit (vgl. Weyand, S. 108). „Going up that river was like travelling back to the earliest beginnings of the world“ (Conrad, S. 33). Genauso wie der Film spielt auch Conrad mit dem Bild, das er von Kurtz evoziert. Während Marlon Brando lediglich im letzten Sechstel des Filmes auftaucht, begegnen sich auch Marlowe und Kurtz erst, als bereits Dreiviertel der Geschichte erzählt wurden.

Was somit beide Geschichten eint, ist speziell der Wandel, den die Figur von Kurtz als Surrogat für die gesamte westliche Zivilisation erfährt. „He broke from them. And then he broke from himself“, lautet Willards Erklärung für das Verhalten des Abtrünnigen. Letztlich verkörpert Kurtz jenes westliche Ideal (sei es das Britische oder das Amerikanische), welches durch den Krieg und (Neo-)Kolonialismus korrumpiert wurde. „Kurtz (..) sees his own perversity as the interiorization of the perversity of the war“ (Norris, S. 498). Wenn man so will, stehen Willard, Kilgore und Kurtz exemplarisch für den Verlauf der USA während bzw. durch den Vietnam Krieg. Willard wie Marlowe verkörpern die alten Ideale, eine Idee des sauberen und gerechten Amerika. Durch das Bleiben auf dem (moralischen) Pfad, sichert man sich seine innerliche Ehrlichkeit. Dieses altruistische Bild der Demokratieverfechter des Zweiten Weltkriegs ist de facto nicht mehr präsent. An diese Stelle ist nunmehr Kilgore getreten, der Repräsentant des gegenwärtigen Amerika. Er verkörpert den Yankee, den Cowboy, der mit Stetson-Hut und Surfbrett Barbecue-Grills und Bier importiert. Kurtz hingegen stellt die Bedrohung des baldigen Amerika dar. Eine in der eigenen Dunkelheit verlorene Seele. „I think [the darkness] had whispered to him things about himself which he did not know, things of which he had no conception till he took counsel with great solitude – and the whisper had proved irresistibly fascinating“, fasst Conrad Kurtz’ Wandel in einem Satz zusammen (Conrad, S. 57).

4. He broke from them. And then he broke from himself – Der Blick in den Abgrund
Nach der Kilgore-Episode erwartet das Patroiullenboot ein Zwischenstopp auf der Basis Hau Phat. Das umfangreiche Set wusste seine eigene Geschichte zu erzählen und war unter anderem mitverantwortlich für die Explosion des Budgets, als es nach dem Einfall des Hurrikans „Olga“ im Grunde vollständig zerstört und wieder aufgebaut wurde (vgl. Weyand, S. 103f.). Coppola nutzte die Zeit, um sechs Wochen in die USA zu fliegen, um dort ein Ende für seinen Film zu finden. Zu diesem Zeitpunkt war der Regisseur bereits derart fertig mit den Nerven, sodass er sogar vom Tod sprach. Drehbuchautor John Milius wies er an, dass wenn er, Coppola, sterbe, Milius selbst die Regie für den Film übernehmen müsste. Sollte auch Milius sterben, würde die Regie an George Lucas fallen (vgl. Goodman/Wise, S. 223). Welch bittere Ironie, dass im Verlauf der Dreharbeiten beinahe tatsächlich jemand gestorben wäre. Eines Tages erlitt Martin Sheen während des Joggens einen Herzinfarkt (vgl. Weyand, S. 103f., sowie Goodman/Wise, S. 232). Er schleppte sich in einen Bus und konnte schließlich von Produktionsdesigner Dean Tavoularis gefunden werden. Um den Gesundheitszustand von Sheen soll es so schlecht gestanden sein, dass ihm ein herbeigeholter Priester bereits die Absolution erteilt hatte (vgl. Cowie, S. 200).

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, schrieb Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse. Ein Aphorismus, der begann Apocalypse Now zu überwältigen, sowohl im Film, als auch auf dem Set. Als Mitte des Filmes fungiert die Szene an der Do Lung Brücke – praktisch dem Rubikon von Vietnam. Jede Nacht bauen die amerikanischen Soldaten diese Brücke auf, bevor sie um 8 Uhr Morgens vom Vietcong wieder zerbombt wird. Diese Sysyphus-Arbeit dient dem alleinigen Zweck, behaupten zu können, dass der Weg nach Kambodscha frei sei. Dabei ist es lediglich der Vietcong, der sich der Brücke überhaupt bedient. Für Coppola selbst stellte jene Sequenz eine Allegorie auf Dantes Inferno dar. Das Dunkel der Nacht wird lediglich von gelegentlichen Scheinwerfern, Explosionen, Feuern oder einer Lichterkette durchbrochen. Von allen Seiten ertönen Schreie und als sich das Patrouillenboot der Brücke nähert, stürmen amerikanische Soldaten mit gepackten Koffern aus dem Ufer ins Wasser, um mitgenommen zu werden. „You’re in the asshole of the world, Captain“, ruft Willard ein Offizier zu, nachdem er ihm eine Erweiterung des Dossiers zukommen ließ und im Dickicht verschwand. Gemeinsam mit Lance, vollgedröhnt mit LSD und seinem Hundewelpen in der Brusttasche, macht sich Willard auf, um den Befehlshabenden Offizier ausfindig zu machen. Wieso wird nicht klar und der Sinn und Zweck der Szene ist auch vielmehr der sinnlose Wahnsinn zweier ungeordneter Parteien, sie sich unentwegt beschießen. Als Willard einen Soldaten schließlich fragt, wer nun der Befehlshabende Offizier sei, erhält er die bezeichnende Gegenfrage: „Nicht Sie?“.

Wie in den anderen Szenen stellt auch die Do Lung-Sequenz nur ein Spiegelbild der amerikanischen Bestrebungen in Vietnam dar. „The river journey (…) takes the detective and viewer, not through Vietnam as a separate culture, but through Vietnam as the resisting object of a hallucinatory self-projection of the American culture“ (Hellman, S. 70). Hier wird der Vietnamkrieg als ein sinnloses Gefecht dargestellt, welches auf Kosten des eigenen Verstandes ausgefochten wird. Auch die folgende Szene beinhaltet einen weiteren Kritikpunkt und zwar der des jungen Soldaten. In der geschnittenen Szene der Besatzungsvorstellunug erklärt Chief gegenüber Willard, dass Mr. Clean heißt wie er heißt, weil er sehr sauber und ordentlich sei. Passender ist jedoch die Interpretation von Greiff: „Clean (…) is in truth only a child, innocent as his name implies and not yet old enough (…) for valid moral choice“ (Greiff, S. 489). Mit der Situation eines Krieges kann der 17-Jährige (noch) nicht entsprechend umgehen. Dies äußert sich in seiner überhasteten Erschießung der Sampan-Besatzung und letztlich auch in seinem eigenen Tod. „Clean’s special role in the film, is as every war’s victimized infant – victimized in his pathetic death and even victimized in his pathetic killing of others.“ (Greiff, S. 489). Wenn Coppola den Tod des Teenagers schließlich simultan zu den Anweisungen seiner Mutter (im Übrigen ist hier Fishburnes eigene Mutter zu hören), sich vor den Kugeln in Acht zu nehmen und gesund nach Hause zu kommen, abspielen lässt, bedarf es für die Figuren keiner trauernden oder anklagenden Worte mehr.

4.1. Turning into Kurtz – Wenn Film zur Realität wird
Während der Film unweigerlich auf sein Finale zusteuerte – in einer weiteren direkten Conrad-Referenz scheidet auch Chief noch aus dem Leben -, hatte Coppola mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Nicht nur befand er sich bereits viel zu lange im philippinischen Dschungel, sondern sein Budget wuchs auf fast schon astronomische Ausmaße an. Aus den eingeplanten zwölf Millionen Dollar wurden dreißig und ein Großteil stammte aus Coppolas eigener Tasche. Apocalypse Now wurde im Laufe der Jahre zum heißen Eisen, an dem sich niemand die Finger verbrennen wollte. Die Verzögerungen bei den Dreharbeiten sorgten dafür, dass man in der Heimat bereits zynisch von Apocalypse Never scherzte. Für die enormen Kosten war Coppola jedoch selbst verantwortlich. Nicht nur bezahlte er der philippinischen Regierung Unsummen für deren Militärapparat, sondern mit Geld wurde allgemein nicht sonderlich gegeizt. Ähnlich wie Kilgore ließ es sich der Oscarpreisträger nicht nehmen, Steaks, Wein und Klimaanlagen aus Amerika einfliegen zu lassen, um den Aufenthalt im Dschungel so angenehm wie möglich zu gestalten. Es wurde bereits erwähnt, dass er sich zu seinem Geburtstag eigens eine Torte importieren ließ und auch die Bestellungen von Vittorio Storaro und den anderen Italienern am Set wurden angesprochen. Letzterer Fall ist exemplarisch für die Ausuferung des Budgets, denn jene Würste und andere Lebensmittel, die Storaro und Co. für $700 aus Rom orderten, kosteten im Nachhinein mit Versand und Zollgebühren ganze $8,000 (vgl. Goodman/Wise, S. 215).

Identifizierte sich Coppola zu Beginn noch mit Willard, wandelte sich dies im Laufe der Drehzeit. „He was turning into Kurtz“, hielt Coppolas Ehefrau Eleanor in ihrem Tagebuch fest (vgl. Weyand, S. 118). Der Italo-Amerikaner verlor sich inzwischen immer mehr in seinem Projekt. „My film is not (…) about Vietnam. It is Vietnam“, erklärte er (Weyand, S. 119; Herv. d. Verf.). Die Surrealität des Filmes nahm überhand. In einigen Szenen verwendete man echte Leichen, denn diese waren „less costly than dummies“ (vgl. Goodman/Wise, S. 216). Erinnerungen an den Pferdekopf in The Godfather werden wach. Immer wieder improvisierte Coppola während der Dreharbeiten, hielt sich schon lange nicht mehr primär ans Drehbuch, sondern filmte was ihm gerade einfiel. So erklärt sich die vielfache Verwendung der Rauchbomben, an deren Farben sich Coppola, Storaro und Tavoularis immer wieder ergötzten oder die Einbindung von Lance, der mit einem Pfeil im Kopf Chief zu Grabe trägt. Alles stets unter der Prämisse, dass der Regisseur keine Ahnung hatte, wie oder wann der Film enden sollte. Dies führte zur nur halb im Scherz geäußerten Bemerkung an Frederic Forrest, dass dieser nie wieder nach Hause kommen würde. Teilweise verbrachte Coppola seine Abende jammernd und den Tränen nahe, schier verzweifelnd an dem Projekt, dass er als seinen persönlichen Niedergang sah. Lediglich eine Affäre, die er auch nach den Dreharbeiten noch aufrecht erhielt, wusste seine Laune kurzzeitig zu bessern. Was Coppola inzwischen in Apocalypse Now betrieb, war filming by doing.

4.2. I don’t see any method at all – Marlon Brando und das Finale

Die Aussichten des Filmes wurden nicht besser. Marlon Brando kündigte sich an, um innerhalb von vier Wochen für drei Millionen Dollar seine Rolle als Kurtz zu spielen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Coppola immer noch keine Vorstellung davon, wie das Ende des Filmes aussehen würde, geschweige denn die Szenen mit Brando. Als dieser eintraf, verschlimmerten sich Coppolas Befürchtungen. Seit der Regisseur den Star das letzte Mal gesehen hatte, war dieser noch dicker geworden. Brando war von einer derartigen Fettleibigkeit gezeichnet, dass es dem Hollywood-Star schon selbst peinlich war. Während der ersten Tage war an Drehen nicht zu denken, da Brando sich weigerte, den Ideen von Coppola Folge zu leisten. Stattdessen verbrachten die beiden Männer die Tage damit, über Termiten zu diskutieren, während die Produktion stillstand. Erst als Brando Heart of Darkness gelesen hatte, konnte das Drehen weitergehen. Infolge seiner Fettleibigkeit wurde der Star größtenteils nur bis zu seinem Schultern gefilmt, während für die anderen Szenen ein Körperdouble einsprang. An ein Drehbuch war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken, es war praktisch nicht mehr existent. Stattdessen improvisierte Brando seinen Text die meiste Zeit, so stammt im Grunde sein kompletter erster Dialog mit Willard vollkommen von ihm selbst.

Das zeitliche Problem mit Brando war zugleich ein finanzielles. Sollte man seine Szenen nicht in den vertraglich vorgeschriebenen vier Wochen abgedreht haben, müsste man für jede zusätzliche Woche nochmals Millionenbeträge ausgeben. Teilweise wurde stundenlang von Brando improvisiert, woraus in der Post-Produktion halbwegs zusammenhänge Monologe geschnitten werden mussten. Grundsätzlich ist die Besetzung des übergroßen Kurtz mit dem übergroßen Brando sichtlich gelungen. Die Eigenheiten des enfant terrible verzeiht man ihm, wenn man zu Schätzen lernt, was er hier erschaffen hat. Auch die improvisierten Dialoge des Schauspielers sind von einer pointierten Präzision, die sich ganz in den Dienst der Surrealität des Filmes stellt. Lediglich die Conradsche Übernahme der finalen Worte („The horror. The horror.“) will im Film selbst nicht so recht passen, da der Kontext von Kurtz hier etwas differenzierter ist als in Heart of Darkness. Dennoch verkommt Colonel Kurtz zu einer von Brandos imposantesten Figuren, die sich vor Vito Corleone oder Terry Malloy nicht zu verstecken braucht. Für die Brando-Szenen gilt ebenso wie für einige andere Einstellung speziell, jedoch ohnehin für den Film allgemein, dass Storaro hier eine grandiose und beeindruckende Leistung abgeliefert hat. Sein Licht- und Schatteneinsatz stellen sich ganz in den Dienst der Handlung.

Erst kurz vor knapp fand Apocalypse Now sein heutiges Ende. Nach eigenen Angaben hatte Coppola um die 500 Entwürfe im Laufe der Zeit skizziert und alle verworfen. Letztlich verdankte der Film sein Finale Dennis Jakob, sowie der Dokumentation von Eleanor Coppola. Jakob, ein Kommilitone und Freund Coppolas von der Filmhochschule, hatte einst an einem Kurzfilm über James George Frazers The Golden Bough gearbeitet und den Film als Lektüre für Kurtz im Film nahegelegt. Jenes mythische Buch, in dem ein König getötet wird, damit dessen Nachfolger als neuer König für einen Neuanfang stehen kann, inspirierte Coppola letztlich zu den finalen Minuten, die für Kurtz und Willard ein Ende und zugleich einen Neuanfang darstellen sollten. Als Coppolas Frau Eleanor mit Aufzeichnungen von der rituellen Opferung eines Wasserbüffels durch das eingeborene Volk der Ifugao heimkehrte, offenbarte sich dem Regisseur jene Verbindung zwischen Zeremonie und Mord, die sich auch in anderen Werken (z.B. Cotton Club) finden würde. Das Ende war gefunden, der Film abgeschlossen. Anstatt Willard zum neuen König verkommen oder Kurtz’ Lager in die Luft sprengen zu lassen, begnügte Coppola sich mit einem relativ friedlichen Schluss und der Rückkehr von Willard und Lance in die Zivilisation. Doch das Ende der Dreharbeiten bedeutete noch lange nicht das Ende des Filmes. Die Nachproduktion sollte ebenfalls zu einem länger währenden Prozess werden, in welchem das, was man als „Film“ bezeichnen konnte, sich noch herauskristallisieren musste.

5. There are two of you, don't you see? – Die unterschiedlichen Filmfassungen
Schon bald nachdem man Apocalypse Now abgedreht hatte, verschob man den Starttermin. Zu diesem Zeitpunkt war der Film bereits ein Jahr überfällig und es wurde begonnen Immobilien von Coppola aufgrund seiner Verschuldung zu pfänden (vgl. Goodman/Wise, S. 257). Als Walter Murch 1977 zum Schnitt des Filmes dazu stieß, gestand er: „there was only a 20 per cent chance [I] could pull off the film“ (Cowie, S. 100). Coppola hatte einfach drauf los gefilmt, viele Szenen ergaben keinen Sinn, erklärten ihren Kontext nicht. Murch empfahl eine Erzählstimme einzubauen, die sogar im ursprünglichen Skript von Milius vorgesehen war. Im selben Jahr holte man Michael Herr an Bord, der mit seiner Aufsatz-Sammlung Dispatches über den Vietnam-Krieg zuvor für Aufsehen gesorgt hat (vgl. Cowie, S. 105). Schließlich sind es zu einem Großteil Herrs brillante Monologe, die den fertigen Film zu dem machen, was er letztlich geworden ist. Nichtsdestotrotz empfand Coppola sein Werk als zu lang für die Zuschauer. Im Zuge seiner Anmeldung beim Filmfest in Cannes – wo Apocalypse Now infolgedessen gemeinsam mit Die Blechtrommel die Palm d’Or gewann – wurde der Film stringenter geschnitten und existierte anschließend für gut zwanzig Jahre in seiner Kinofassung.

Ende der neunziger Jahre stolperte Coppola bei einer Fernsehausstrahlung über sein Werk und war überrascht. „[Apocalypse Now] looked like a regular movie”, bemerkte der Regisseur. Was folgte war die Wiederherstellung einer Schnittfassung, die mehr den Wünschen und den Ideen des Regisseurs entsprach. Die 2001er Version des Filmes, Apocalypse Now Redux getauft, sollte die Handlung bereichern und einiges verständlicher machen, während man die Stringenz des Originals durchbrach. Hierbei handelt es sich oft um Erweiterungen für Willards Entwicklung. Darunter fallen die „Flucht“ vor Kilgore und der Diebstahl seines Surfbretts. Für sich genommen wirkt der Diebstahl genauso wie Kilgores Reaktion auf diesen recht kindisch, zumindest aber nicht typisch für Willards Charakter. Es sollte jedoch bedacht werden, mit welchem Unglauben Willard auf die Begegnung mit Kilgore reagiert. Das Unverständnis, was man gegen Kurtz haben kann, wenn man Leute wie Kilgore an der langen Leine lässt. Jemand, der das Leben seiner Soldaten gefährdet, um zu Surfen. Gemeinsam mit der Playmates-Sequenz steht der Raub des Surfbrettes für die „Vermenschlichung“ des Armee-Killers. Willard, der Einzelgänger, ist nun Teil einer Einheit. Etwas, das für ihn ungewohnt ist, von dem er sich teilweise anstecken lässt (Surfbrettdiebstahl), aber dann auch gleich wieder distanziert (Marihuana-Konsum). Kilgores Bittstellung an Lance – der ursprünglich im Skript als Dieb vorgesehen war – reflektiert anschließend nur nochmals seine ganze Position zum Surfer und Neokolonialismus an sich.

Die nächste Erweiterung ist das verregnete Lager und die dort gestrandeten Playmates. Dass Willard hier als Zuhälter auftritt, der seiner Crew eine, um es euphemistisch auszudrücken, „Erleichterung“ zuteil werden lässt, resultiert aus den Anspannungen innerhalb der Truppe (die auch zugleich während Willards Abwesenheit erkenntlich werden). Die Sequenz an sich ist somit zum einen als Dienst an der Truppe zu verstehen und ein weiteres Indiz für Willards „Vermenschlichung“ und zum anderen weiteres Exempel für den Wahnsinn des Krieges (selbst ohne Feindkontakt), welcher selbst vor, wenn man sie so nennen will, „Unterhaltungsmedien“ nicht Halt macht. Es ist dieser offenere, umgänglichere Willard, der schließlich im Finale nicht der Versuchung erliegt, sondern der Verheißung des „Königreiches“ den Rücken zukehrt. Der stärkste Einschnitt geschieht jedoch sicherlich durch die 23-minütige Sequenz auf der französischen Plantage. Hier widmet sich Coppola allein in einer neunminütigen Tischszene (großartig ausgeleuchtet von Storaro) der Thematik des Vietnamkrieges. „You Americans are fighting for the biggest nothing in history“, urteilt Hubert de Marais (Christian Marquand) über die Bestrebungen der Amerikaner. Dass die amerikanische Regierung dieselben Fehler wie die Franzosen zwei Jahrzehnte zuvor begehen, das geschichtliche Thema des „geerbten Krieges“, kulminiert in der Klimax der Szene, wenn de Marais schließlich sein Verweilen in Vietnam dem Wohle der Familie unterordnet, die inzwischen, sich über die politische Lage brüskierend, vom Tisch entfernt hat.

Des Weiteren sorgen die Playmate- und Plantageszenen dafür, dass Apocalypse Now Redux sich von der gewöhnlichen Stringenz des Vorgängers entfernt. Es entstehen Pausen, Stimmungs- und Farbwechsel, sodass die Handlungspunkte (Sampan-Massaker, Do Lung Brücke, Mr. Cleans und Chiefs Tod) nicht Schlag auf Schlag geschehen, sondern in ruhigeren und durch ihre Einbindung in surrealere Szenen eingebettet werden. Zusätzlich erklärt die Plantagensequenz auch, was mit Cleans Leichnam passiert ist und fördert außerdem nochmals die Vermenschlichung von Willard. Wenn Roxanne (Aurore Clément) ihn nach einer Opiumpfeife (deren richtige Stopfung von einem extra von der philippinischen Regierung geschickten Gefängnisinsassen angeleitet wurde) seinen Charakterbruch („There are two of you, don’t you see? One that kills … and one that loves“) vergegenwärtigt, spielt auch dies wieder in die Entwicklung von Willard und seine finale Entscheidung den Militärdienst zu quittieren mit hinein. Währenddessen bezieht sich die ergänzte Kurtz-Szene mit den TIME Magazine Artikeln erneut auf den politischen Aspekt des Krieges. Wenn man so will, ist Apocalypse Now Redux durchaus ein Anti-Kriegsfilm, während dieser Aspekt in der Kinofassung weniger zu Tage tritt (vgl. Darmstädter, S. 40). Grundsätzlich ist die Geschichte jedoch eine „Frage nach der Grenze zwischen Gut und Böse“ (ebd.), in der Willard am Ende „by his own inner honesty“ (Cowie, S. 172) gerettet wird.

6. A fifth-grader in a third-grade world – Ein Fazit
Im Nachhinein kam Apocalypse Now obschon der Auszeichnung in Cannes bei den Kritikern nicht sonderlich gut an. Nach einigen Testvorführungen, vor denen Coppola darum gebeten hatte, anschließend keine Kritik zu verfassen, da es sich noch um einen Film im Arbeitsprozess handeln würde, war das Urteil teilweise vernichtend. Coppola glaubt sich im Audiokommentar zu entsinnen, dass das TIME Magazin den Film damals als das Schlechteste bezeichnete, was das Kino in den letzten vierzig Jahren hervorgebracht habe (was Coppola bedrückt zurück und sich fragen ließ, ob es nicht wenigstens nur der drittschlechteste Film sei). Auch andere Rezensenten blickten verachtend auf jenes Werk, das geschlagene drei Jahre auf sich warten ließ (Tookey spricht von einen prätentiösen Ende und einer hoffnungslosen, selbstverliebten Darstellung Brandos, vgl. Tookey, S. 32). Coppola, der inzwischen nicht nur sein Herzblut, sondern auch sein Vermögen in das Projekt gesteckt hatte, fühlte sich nicht entsprechend gewürdigt. „I feel like a fifth-grader living in a third-grade world“, schmollte der korpulente Regisseur (vgl. Goodman/Wise, S. 271).

Retrospektiv betrachtet zählt Apocalypse Now inzwischen zu den geschätzten Meisterwerken des vergangenen Jahrhunderts. Der Virgin Film Guide nennt das Werk „(…) one of the most complex and unforgettable war movies ever made“ (Virgin Film Guide, S. 34) und das britische Empire Magazin führt ihn auf Platz Sieben der 500 Besten Filme aller Zeiten. Kim Newman befindet den Redux-Schnitt als „einen langsameren Film, mit Geist und Gedanken“ (Newman, Internet), will sich jedoch nicht festlegen, welche der beiden Versionen die Bessere ist. Den Ausführungen im vorangegangenen Kapitel tendiert der Autor selbst dazu, die neue Schnittfassung der alten vorzuziehen. Es entsteht eine stimmigere Version mit mehr charakterlicher Tiefe, speziell wie angesprochen in Bezug auf Willard. Die endgültige Entscheidung, welcher der beiden Filme dem anderen überlegen ist, muss dennoch jeder Zuschauer und jede Zuschauerin für sich selbst treffen. Die Hochphase des fünffachen Oscarpreisträgers war nach Apocalypse Now jedenfalls vorbei, der Ruhm und die Anerkennung hatten gelitten, selbst wenn Coppolas Name weiterhin zahlreiche Stars zu seinen Projekten lockte.

Wie in der Einleitung angesprochen wurde, war Coppola bei der Rückkehr von den Philippinen nicht mehr derselbe Mann, der The Godfather gedreht hatte. Dieser Mann sei, so der Regisseur selbst, im Dschungel gestorben. „I think that I’m a more interesting person and I’m going to do more interesting films“, prognostizierte Coppola, der in den folgenden neun Jahren seinen zweiten Vornamen „Ford“ ablegen sollte (vgl. Goodman/Wise, S. 272). Es folgte mit den Achtzigern das Jahrzehnt seiner schwächsten schöpferischen Phase, in welcher Coppola sich vom Blockbuster-Denken zu lösen und in die lang ersehnte Arthouse-Richtung vorzustoßen versuchte. Es sollte noch Jahre dauern, ehe Apocalypse Now seine Kosten wieder einspielte und Coppola selbst hatte sich bereits ein neues, nicht minder kostspieligeres „Hobby“ zugelegt. Ein eigenes Gelände für sein ins Leben gerufenes Zoetrope Studio. Für über zwanzig Millionen Dollar würde Coppola hier Straßenzüge der Glitzerstadt Las Vegas nachbauen lassen und auf neue, technologische Innovationen für sein kommendes Projekt One from the Heart setzen. Doch keines seiner kommenden Projekte sollte je wieder an die Stärke seiner Schaffensphase der Siebziger anschließen können. Nichtsdestotrotz bleibt Francis Ford Coppola wahrscheinlich der dominierende Regisseur dieses Jahrzehnts schlechthin.


Apocalypse Now: 8.5/10
Apocalypse Now Redux: 9/10


Quellen und Literatur:
• Adair, Gilbert: Hollywood’s Vietnam. From THE GREEN BERETS to APOCALYPSE NOW, London/New York 1981.
• Audiokommentar von Francis Ford Coppola, Apocalypse Now Redux, Apocalypse Now Collector’s Edition, Miramax, 2006.
• Conrad, Joseph: Heart of Darkness. Authorative text backgrounds and contexts criticism, Paul B. Armstrong (Hrg.), New York/London 2006.
• Cowie, Peter: The Apocalypse Now Book, London 2000.
• Darmstädter, Tim: Artikel „Apocalypse Now“, in: Töteberg, Michael (Hrg.): Metzler Film Lexikon, Stuttgart/Weimar ²2005, S. 39-41.
• Goodwin, Michael/Wise, Naomi: On the Edge. The Life and Times of Francis Coppola, New York 1989.
• Greiff, Lois K.: Conrad’s Ethics and the Margins of Apocalypse Now. In: Conrad, Joseph: Heart of Darkness. Authorative text backgrounds and contexts criticism, Paul B. Armstrong (Hrg.), New York/London 2006, S. 484-491.
• Hellman, John: Vietnam and the Hollywood Genre Film. Inversions of American Mythology in The Deer Hunter and Apocalypse Now. In: Anderegg, Michael (Hrg.): Inventing Vietnam. The War in Film and Television, Philadelphia 1991, S. 56-81.
• Newman, Kim: Apocalypse Now Redux (1979/2000). In: Empireonline.com, o.J., http://www.empireonline.com/reviews/reviewcomplete.asp?FID=15049 <22 .03.2009="">
• Norris, Margot: Modernism and Vietnam. In: Conrad, Joseph: Heart of Darkness. Authorative text backgrounds and contexts criticism, Paul B. Armstrong (Hrg.), New York/London 2006, S. 491-499.
• o.A.: Artikel “Apocalypse Now”, in: The Eighth Virgin Film Guide, London 1999, S. 34.
• Suid, Lawrence H.: Guts & Glory. Great American War Movies, London u.a. 1978.
• Tookey, Christopher: The Critic’s Film Guide, London 1994.
• Weyand, Gabriele: Der Visionär. Francis Ford Coppola und seine Filme, St. Augustin 2000.

erschienen bei Wicked-Vision

5. Februar 2009

The Conversation. An Essay

He'd kill us if he got the chance.

Die Filmkarriere von Francis Ford Coppola ist durchzogen von Auseinandersetzungen mit Studiovorsitzenden, Produzenten, Kameraleuten und im Grunde ohnehin jedem, der irgendwie nicht seiner Meinung war oder seinen Ansprüchen genügte. Kaum einer seiner Filme kommt ohne einen persönlichen Disput mit jemandem am Set aus. Da kann es durchaus passieren, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller hinter dessen Rücken als Arschloch bezeichnet, weil er sich zu sehr in seiner problematisch ausgearbeiteten Figur verliert. Und wenn seine Angestellten nicht in der Lage sind, den Wünschen des Egomanen gerecht zu werden, müssen diese kurzerhand ihre Stelle räumen. Unabhängig davon, ob die Produktion nicht ohnehin bereits in Verzug ist. So geschehen mit dem Choreograph bei Finian’s Rainbow oder mit Haskell Wexler, dem Kameramann von The Conversation. Es war Wexlers Arbeit an American Graffiti, die Coppola dazu bewog ihn für seinen „Arthouse“-Film The Conversation an Bord zu holen. Als Wexler dann einige Einstellungen des Regisseurs als unmöglich auszuleuchten einstufte, schmiss der Italo-Amerikaner ihn einfach raus. Eine Kompromisslösung, wie mit Gordon Willis während The Godfather geschehen, schien keine Option zu sein. Stattdessen übernahm Bill Butler die Arbeit als Kameramann und drehte den Film vollends zu Ende. Wiederholt arbeitete Coppola entweder mit alten Bekannten oder Familienmitgliedern an seinen Filmen, oftmals beides gleichzeitig. Leute von „außerhalb“ scheint das Ego des Regisseurs nicht am Set ausgehalten zu haben. Dies artete schließlich so weit aus, dass auch die Freundschaft mit George Lucas getrübt wurde. Aus den ehemals dicken Kumpels, die Coppolas Produktionsfirma American Zoetrope gründeten, wurden zwei Regisseure, die sich gegenseitig begannen ihren Erfolg zu missgönnen.

„The success of The Godfather went to my head like a rush of perfume. I thought I couldn’t do anything wrong”, blickte Coppola auf das Jahr 1972 zurück (vgl. Goodwin/Wise, S. 140). Drei Jahre später würde Coppola zum König von Hollywood aufsteigen, nachdem er drei Oscars für The Godfather: Part II abgeräumt hatte und nebenbei noch zwei weitere Mal für The Conversation nominiert worden war. Zuvor war dem Film bei den Festspielen von Cannes bereits die Palme d’Or verliehen worden und speziell in Europa kam The Conversation ohnehin besser als in den USA an. Der (britische) Virgin Film Guide überschlägt sich fast, spricht von einem „small, intimate, and brilliantly crafted film“, um nochmals zu bestärken, dass Coppolas Film „technically brilliant“ und „certainly one of the key films of the 1970s“ sei (vgl. Virgin Film Guide, S. 149). Und ohne Frage, was Coppola für fünf Millionen Dollar Produktionskosten und – wie so häufig bei ihm damals – unter immensem Zeitdruck zu Stande gebracht hat, ist von audio-visueller Seite her ausgesprochen gelungen. Die Darsteller sind gut besetzt, sei es der frischgebackene Oscarpreisträger Gene Hackman oder der in einer Nebenrolle glänzende Harrison Ford. Gerade die Szenen zwischen den beiden zählen zu den Stärken des Filmes. Dabei war dies, wie so vieles in Coppolas Filmen, weniger geplant als vielmehr improvisiert. Denn The Conversation war in seinem Ursprung nicht das, was er letztlich geworden ist. Coppola hatte 1968 nach den Dreharbeiten von The Rain People begonnen an einem Drehbuchentwurf zu The Conversation zu arbeiten, als ihm das Engagement von Finian’s Rainbow dazwischen kam. Während er das Skript über die Jahre fertig stellte (er hatte es übrigens bei Drehbeginn immer noch nicht abgeschlossen), sah er in seinem Werk eher einen Horrorfilm nach Hitchcocks Prägung (vgl. Johnson, S. 130). Die Hauptrolle sollte Marlon Brando spielen und die Rolle des Direktorassistenten Stett war eigentlich nur eine Randfigur. Wie immer bei Coppola, kam dann jedoch alles anders als zuvor geplant.

Zu Beginn des Filmes überblickt das Publikum einen öffentlichen Platz voller Menschen. Es ertönt die Musik einer Jazzcombo und ab und an ein geräuschvolles Knistern und Knacken. Es sind ungewohnte technische Töne, die zwar nicht gefährlich anmuten, aber dennoch eine gewisse Bedrohlichkeit in sich bergen. Die Kamera zoomt allmählich heran und konzentriert sich auf einen bebrillten Mann mit anbahnender Halbglatze und Schnauzbart. Es ist ein relativ warmer Tag, die Sonne scheint und dennoch trägt der Mann einen Plastikregenmantel. Als ein Pantomime ihn nachahmt, ergreift der Mann die Flucht, kann seinen Verfolger jedoch erst nach einigen Schritten hinter sich lassen. Doch in dieser Szene geht es nicht um jenen Mann, der auf den Namen Harry Caul (Gene Hackman) hört. Im Zentrum des Geschehens steht ein junges Pärchen (Frederic Forrest, Cindy Williams), das versucht ein entscheidendes Gespräch inmitten des umherwandelnden Pulks zu führen. Jene erste Sequenz ist der ausschlaggebende Punkt für The Conversation, dessen Handlung dann beginnt, als Coppola statt den Bespitzelten lieber der Person folgt, die jene Bespitzelung vornimmt. Zugleich war dies die Szene, die Coppola überhaupt dazu brachte, den Film von vorneherein zu drehen. Auf die Idee kam er über Regiekollege Irvin Kershner, der Coppola davon berichtete, dass entgegen der allgemeinen Meinung, man wäre in einer Menschenmasse im Freien anonym, inzwischen Mikrophone existierten, die so stark wären, dass man auch diese Gespräche einfangen könnte (vgl. Johnson, S. 129f.). Es ist bezeichnend, dass sowohl die Einleitung als auch die Auflösung des Filmes nicht von Coppola selbst entstammten.

Nachdem der Regisseur das Titelgebende Gespräch platziert hat, beginnt er seine Hauptfigur auszubauen. Als Harry Caul nach Hause kommt, erhält er Geburtstagsglückwunsche von einer Mitbewohnerin seines Gebäudekomplexes. Die Irritation hierüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Als er seine Haustür öffnet, die mit drei Schlössern versehen ist, stolpert er fast über eine Rotweinflasche. Seine Vermieterin hat diese in seiner Wohnung platziert, zusammen mit einer Grußkarte und Glückwünschen zu seinem 44. Geburtstag. Harry ist verwirrt, schließlich nahm er an den einzigen Schlüssel zu besitzen. Und auch der Zuschauer ist perplex, denn hier offenbart sich bereits eine von vielen Handlungslöchern, die Coppola nicht im Stande ist auszufüllen. Denn selbst wenn die Vermieterin über eine Kopie von Harrys Hausschlüssel verfügt, erklärt dies nicht, wie sie an den anderen beiden Schlössern vorbeigelangt ist. Was Coppola in diesem Moment bezwecken will, ist offensichtlich. Ein steril wirkendes Appartment, abgesichert mit drei Schlössern und einen durchaus paranoiden Protagonisten, der zu Hause zwar zwei Telefone stehen hat, aber für Anrufe dennoch an Münzfernsprecher geht. Coppolas Film ignoriert „die (offensichtlichen) Unplausibilitäten der Kriminalgeschichte wissentlich. Damit läuft der Film den Sehgewohnheiten des Kinozuschauers zuwider“, befindet Gabriele Weyand (vgl. Weyand, S. 77). Für sie sind die inhaltlichen Schwächen des Drehbuches entschuldbar, da der Regisseur sich vielmehr auf eine „Charakterstudie“ fokussieren wollte. Dass beides Hand in Hand geht, da sich die Figur über die Handlung definiert, scheint Weyand dabei vergessen zu haben. Denn durch die Zentralisierung der Geschichte auf eine einzige Person, steht und fällt der Film letztlich auch mit dieser. Und wenn es sich bei jener Person um eine derartig introvertierte Figur wie Harry Caul handelt, kann dies einem Film mitunter weitaus mehr schaden, als andernfalls.

„Henry Caul (…) was so introverted he bored even Coppola“, berichten dessen Biographen Goodwin und Wise (vgl. Goodwin/Wise, S. 145). Der Problematik seiner Hauptfigur war sich Coppola bewusst, selbst Hackman beklagte die fehlende Motivation der Figur. Das hat zur Folge, dass das Publikum leicht die Aufmerksamkeit zu verlieren droht, wenn Harry im Bild ist. Primär, weil er keinen wirklichen Einfluss auf das Gesehen ausübt. Auch über seine Person erfährt man so gut wie nichts. Scheinbar lebte er einst in New York, was selbst seinen eigenen Angestellten Stan (John Cazale) überrascht. Dort habe er einen hochprofessionellen Abhörjob erledigt, der in der Szene zur Legende geworden ist. Wobei es berühmt-berüchtigt wohl besser trifft, kostete die Aktion hinterher drei Menschen das Leben. Aus jenen Schuldgefühlen heraus, die Harry allerdings nie wirklich eingesteht, zog der Abhörspezialist nach San Francisco und verwickelt sich emotional in seinen aktuellen Fall. Wie der introvertierte Harry zu seiner Geliebten Amy (Teri Garr) kam oder wie lange sie zusammen waren bleibt im Dunkeln. Am meisten erfährt das Publikum anhand einer Traumsequenz über Harry. Wenig verwunderlich, dass Coppola seiner Figur erneut seine eigene Vergangenheit übertrug. Er sei als kleiner Junge Monate lang ans Bett gefesselt gewesen aufgrund von Polio, erklärt Caul in seinem Traum jener jungen Frau, deren Leben er retten will. Beinahe ertrunken sei er damals, ergänzt er und reflektiert somit neben der Polio Coppolas eigenen Unfall im Badezimmer, als seine Mutter Italia ihn in der Wanne vergaß. Kaum ein Regisseur dürfte so viel in seine Filme von sich selbst hineingetragen haben wie Francis Ford Coppola.

Es ist jene Traumsequenz, die den negativen Höhepunkt des Filmes markiert, nicht nur wegen der zu diesem Zeitpunkt inzwischen aufgetretenen Belanglosigkeit für persönliche Informationen, sondern gerade wegen ihrem surrealen Charakter, der sich nicht mit dem restlichen Film deckt. Hierzu kommen noch zwei Hitchcockeske Momente später im Hotelzimmer, wenn Coppola versucht den Horrorcharakter seines Filmes zu kreieren. All die Referenzen zu Alfred Hitchcocks Psycho, Michelangelo Antonionis Blow-Up sowie Herman Hesses Steppenwolf sind durchaus recht nett, bisweilen zwar sehr gezwungen, schaffen es jedoch nicht dem Film eine eigenständige Seele zu verleihen. Sei es ein Vito Corleone in The Godfather, ein Michael Corleone in The Godfather: Part II oder ein Captain Willard in Apocalypse Now, stets präsentiert Coppola eine starke und diskussionswürdige Figur als Helden seiner Geschichte. Im Vergleich zu seinen anderen Charakteren sticht Harry Caul total heraus. Er ist ein Held, der seine Entscheidungen dem Publikum nicht erläutert, dessen Aktionen sich im Rahmen des Geschehenen nicht nachvollziehen lassen. Dies wird speziell durch die Schwäche des Drehbuches deutlich, dessen Erzähltempo derart langsam ist, dass man geneigt ist einzuschlafen. Seinen Teil hierzu trägt Coppolas beliebte Maßnahme der Wiederholung bei, die sich bereits in seinen beiden Godfather-Fortsetzungen kenntlich machte. „I’m using repetition instead of exposition“, gesteht der Regisseur seinen Makel ein, ohne ihn als solchen zu sehen (vgl. Johnson, S. 132). Durchaus gewinnt die Auflösung am Ende ihre Stärke durch das mehrfache Abspielen der entscheidenden Gesprächspassage, doch steht dies wiederum in Verbindung mit all den Schwachpunkten, die nicht nur die Handlung, sondern zugleich unabdingbar die „Charakterstudie“ des Filmes unterminieren. „The plot loses its way in a forest of repetition and the hero’s character becomes implausible“, erkannte Tookey sehr treffend (vgl. Tookey, S. 145).

Entscheidend ist hierbei die Partyszene in Harrys Büro. Ebenjenes Büro, das nur einen Bruchteil einer gemieteten Etage ausmacht und in welchem Harry fürsorglich alles abschließt, was seinen Job ausmacht. Führte Coppola seinen Helden zu Beginn als paranoid und introvertiert ein, so verwundert die folgende Szene über alle Maße. Flippte Harry zu Beginn fast aus, als seine Vermieterin Zutritt zu seiner Wohnung erlangte – obschon nach seiner Aussage nichts Persönliches dort existiert -, so lädt er in der Mitte des Filmes nicht nur mehrere Prostituierte in sein Büro ein, sondern auch noch Kollegen und Konkurrenten! Diese können sich in seinem Arbeitsmaterial dann auch frei bewegen, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Stan jenes ominöse Tonband abspielt. Dass dieses schließlich entwendet wird, sollte dann auch die Hauptfigur nicht mehr überraschen. Zu deutlich merkt man dem Film an, dass er zu keinem Zeitpunkt ein voll ausgearbeitetes Drehbuch hatte und sich viel zu sehr auf Improvisation stützte. Dass Coppola gerade diesen Film als seinen persönlichen Lieblingsfilm charakterisiert, überrascht da nur noch mehr. Denn dass der Film überhaupt über ein richtiges Ende verfügt, verdankt er Walter Murch, der für den Tonschnitt verantwortlich war. Coppola hatte sich zum Schluss nicht einmal mehr die Mühe gemacht, selbst seine Szenen zusammen zu ordnen und war an das Set von The Godfather: Part II weiter gewandert. So ist es Murchs Aufmerksamkeit zu verdanken, dass die finale Auflösung überhaupt als solche existiert. So gelungen diese auch anmuten mag, wirkt sie in ihrer Platzierung doch sehr stark gezwungen, wie ohnehin die gesamte Hotelszene nicht nur wegen der Hitchcock-Elemente nicht so recht mit dem Rest des Filmes fließen mag.

Der Schwachpunkt von The Conversation ist fraglos seine schlecht ausgearbeitete und unspannend garnierte Handlung. Diese orientiert sich an ihrem Hauptprotagonisten den sie – und damit sich selbst – im Laufe des Filmes korrumpiert. Die Moral des Filmes, dass „nicht alles was technisch möglich ist, gemacht werden [darf]“ (vgl. Weyand, S. 79) geht hier zudem stark unter. Denn letztlich wird Harrys Handeln von diesem nicht in Frage gestellt. Unabhängig davon besticht Coppolas „Zwischenstück“ der beiden Godfather-Filme durch seine durchaus technische Fingerfertigkeit. Angefangen vom ersten Kranzoom, über die Bespitzelung der Plaza und der ungewohnten Kameraeinstellungen in Harrys Wohnung ist die Kameraarbeit sehr gut. Hand in Hand geht dies selbstverständlich mit Murchs Tonschnitt, der sehr liebevoll jenen entscheidenden Gesprächsfaden emporzuheben weiß. Dass die Beleuchtung durchaus ein Problem war, welches auch Butler nicht fähig war zu beheben, merkt man dem Film bisweilen an. Die doch überraschende, wenn auch im Nachhinein extrem gezwungene, Auflösung, sowie das ungemein stimmige Ende des Filmes in seiner finalen Einstellung machen hier einiges wett, was die gemächliche Handlung zuvor in den Sand gesetzt hat. In seiner Epoche, kurz nach dem Watergate-Skandal, dürfte der Film durchaus sehr stark gewirkt haben und als Charakterstudie mag er bisweilen auch zugegebenermaßen funktionieren. Zum Meisterwerk fällt ihm dann jedoch viel zu viel, als dass dem einhelligen Chor der Lobpreisungen eingestimmt werden könnte. So ist The Conversation ein durchaus technisch brillanter Film, der jedoch an der typischen Coppola-Schwäche des Drehbuches hapert, welches er selbstständig verfasst hat. Die Besetzung geht in Ordnung, in einer Gastrolle als Direktor ist Robert Duvall zu sehen, der aufgrund der fehlenden Zeit jedoch keine Akzente setzen kann. Ebenso wenig wie Williams und Forrest. Lediglich der junge Harrison Ford hebt sich hervor und Hackman spielt den äußerst schwierigen Part durchaus ansehnlich. Ganze 24 Jahre später sollte Hackman in Tony Scotts Enemy of the State als Brill im Grunde eine Quasi-Fortsetzung zu The Conversation drehen.

7.5/10


Quellen und Literatur:

• Audiokommentar von Francis Ford Coppola, The Conversation, Paramount Pictures 2005.
• Goodwin, Michael/Wise, Naomi: On the Edge. The Life and Times of Francis Coppola, New York 1989.
• Johnson, Robert K.: Francis Ford Coppola, Boston 1977.
• Tookey, Christopher: The Critic’s Film Guide, London 1994.
• o. A.: Artikel “The Godfather, in: The Eighth Virgin Film Guide, London 1999, S. 291.
• Weyand, Gabriele: Der Visionär. Francis Ford Coppola und seine Filme, St. Augustin 2000.