A homosexual with power... that's scary.Letztes Jahr wurde in Kalifornien dem Antrag 8 stattgegeben, der es Homosexuellen untersagt, gleichgeschlechtliche Ehen einzugehen. Schon 2003 hatte der damalige US-Präsident George W. Bush klargemacht, dass seiner Ansicht nach die Ehe für Mann und Frau vorbehalten sei. Dabei sind gleichgeschlechtliche Ehen heutzutage in vielen aufgeklärten Ländern wie Deutschland oder Kanada Alltag, doch in Amerika ticken die Uhren der größtenteils konservativen Gesellschaft eben anders. Dabei wurde dreißig Jahre zuvor ein kleiner Sieg errungen, gegen einen ähnlich kontroversen Antrag. Dieser, namentlich Antrag 6, sah die Entfernung aller Homosexuellen und deren Unterstützer aus dem Schulwesen vor. Denn homosexuelle Lehrkräfte erzeugen homosexuelle Schülerinnen und Schüler – so die Befürchtung einiger Erzkonservativer wie John Briggs oder Anita Bryant. Der Antrag wurde in Kalifornien abgelehnt, doch der vermeintliche Fortschritt erfuhr dreißig Jahre später einen bitteren Rückschlag.
Eine der zentralen Figuren in der damaligen Bürgerbewegung war der homosexuelle Stadtrat Harvey Milk. Oder besser gesagt, der erste sich öffentlich zur Homosexualität bekennende städtische Beamte. Nach mehreren Versuchen Mitte der siebziger Jahre gelang es Milk schließlich 1977 ins Amt eines Stadtrates gewählt zu werden. Allerdings wurde der damals 48-Jährige nach nur elf Monaten im Amt von seinem ehemaligen Kollegen Dan White erschossen. White, der zuvor von seinem Amt zurückgetreten war und dieses wenige Tage später wieder rückgängig machen wollte, erschoss am 27. November 1978 nicht nur Harvey Milk, sondern auch seinen Vorgesetzten und San Franciscos Bürgermeister George Moscone. Für Aufsehen sorgte schließlich Whites Verurteilung, in welcher er die Todesstrafe umschiffte, basierend auf der Verteidigung, er habe einen Zuckerschock durch Fast Food erlitten und dieser hätte in einer Depression gemündet. Urteile, wie sie nur in Amerika zu Stande kommen. Rob Epstein würdigte dem Leben von Harvey Milk 1984 mit The Times of Harvey Milk ein dokumentarisches Denkmal und wurde dafür mit einem Academy Award ausgezeichnet. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Milk, ein Spielfilm von Gus Van Sant, ebenfalls bei den Academy Awards vertreten.
Die Verfilmung von Harvey Milks Aufstieg endete wie so viele Hollywood Produktionen in der Entwicklungshölle. Zu einem Zeitpunkt war Oliver Stone daran interessiert das Projekt zu übernehmen, dann wanderte es von den homosexuellen Regisseuren Bryan Singer zu Gus Van Sant. Dieser wollte den Film zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit verschiedenen Darstellern in der Rolle von Milk umsetzen. Darunter waren Robin Williams, Richard Gere und Daniel Day-Lewis. Schließlich ging der Part an Charakterdarsteller Sean Penn und die Nebenrolle von Dan White wurde an Josh Brolin übergeben, der Matt Damon ersetzte, weil dieser aus zeitlichen Gründen unabkömmlich war. Mit einem ziemlich bescheidenen Budget von 15 Millionen Dollar wurde Milk an zahlreichen realen Schauplätzen gedreht, darunter der berühmten Castro Street in San Francisco und in Milks damaliger Wohnung. Mit Nominierungen in acht Kategorien blickt Gus Van Sants Rückkehr zu kommerziellen Pfaden nach Indie-Dramen wie Elephant und Paranoid Park hoffnungsvoll zur Verleihungen des prestigeträchtigsten Preises des Jahres.
Van Sant platziert Harvey Milk (Sean Penn) als den Erzähler seiner eigenen Geschichte, indem er den Film durch Milks Aufzeichnung seines Testamentes, neun Tage vor seiner Ermordung, ein- und ausleiten lässt. Über dieses Stilmittel, welches gemeinsam mit der Darstellung des Vorabends von Milks Tod fast schon Züge einer Kassandra einnimmt, lässt sich sicherlich streiten. Wirklich nötig war dieser narrative Faden nicht und oftmals wirkt er im Erzählfluss etwas störend. Ohnehin ist Van Sant der ganze Einstieg in seinen 13. Film (seine beiden Beiträge zu zwei Episodenfilmen nicht mitgezählt) eher misslungen. Von der ersten Einstellung des Kennenlernens von Milk und seinem Lebenspartner Scott (James Franco) wechselt das Bild anschließend direkt in eine neue Lebensphase des gebürtigen New Yorkers. Mit langen Haaren und wildem Bart machen sich die beiden Männer auf nach San Francisco, klar im Hippie-Wahn aber ohne den Weg dahin zu reflektieren.
Anschließend kaufen sich die beiden ihr eigenes Geschäft und es ist durchaus charmant, wenn der Regisseur sie vor diesem schmusend ablichtet, während in der Innenscheibe des designierten Kameraladens ein Schild mit der Aufschrift „Yes, we’re open“ hängt. Doch das Vorspulen durch Milks prä-politische Phase geht weiter. Die Diskriminierungen gegen Homosexuelle nehmen zu und finden schließlich auch ein Todesopfer. Auch hier weiß Van Sant durch eine nahezu brillant eingefangene Szene von Milk und einem Polizeisprecher in der Reflektion einer Trillerpfeife (die eigentlich zum Schutz der Homosexuellen gedacht war) zu gefallen. Drehbuchautor Dustin Lance Black versucht überdeutlich in wenigen Szenen das Vorleben Milks zu zeigen, doch wirken diese Augenblicke stark überhastet und lassen die Motivationen und Intentionen der Figuren nicht immer deutlich werden. Ein Einstieg direkt bei der ersten Kandidierung unter Bezugnahme auf die vorangegangenen Ereignisse in Dialogform wäre wahrscheinlich empfehlenswerter gewesen.
Auch bei der Interpretation von Milks Tod tritt Van Sant in das eine oder andere Fettnäpfchen. Der prophetische Besuch der unheilsvollen Oper Tosca am Vorabend seiner Ermordung und Verbindung mit Milks letztem Moment vor seinem Tod ist derartig kitschig, dass es schon beinahe widerlich ist. Dabei wäre auch diese Schwäche wie die anderen sehr leicht abwendbar gewesen und wären dem Film zu Gute gekommen. Denn in den neunzig Minuten zwischen Einleitung und Schluss ist Milk ein geradliniges und mitreißendes Biopic. Milks unermüdlicher Kampf zu der erstrebten politischen Position und sein Effekt auf seine Umgebung werden anschaulich portraitiert. Auf der Strecke bleiben dafür dann jedoch sein eigenes Innenleben, seine Zweifel und seine emotional schwachen Momente, insbesondere jedoch eine genauere Beleuchtung prinzipiell aller Nebenfiguren. Hat Scott zu einem Zeitpunkt keine Lust mehr auf Harvey politische Agenda, taucht er plötzlich wieder bei einem Treffen auf, sitzt in der Mitte, quasi als wäre er nie abwesend gewesen.
Mit der Kameraarbeit von Harris Savides war ich selbst nicht immer zufrieden. Ich hätte mir ruhigere Bilder und mehr Totalen gewünscht, anstatt dass Milk quasi in jeder Einstellung den Mittelpunkt stellte (selbst wenn der Film Milk heißt und sich auf diese Figur konzentriert). Dagegen wusste Danny Elfmans Score meinen Geschmack zu treffen, da er sich sehr harmonisch mit den Bildern funktioniert und weit weniger aufdringlich ist wie in manch anderen Filmen des letzten Jahres (z.B. Changeling). Ein großes Lob gebührt auch dem Darstellerensemble, selbst wenn ich – perfide wie ich bin – Damon in der Rolle von White gegenüber dem robusteren Brolin für geeigneter gehalten hätte. Die Nebendarsteller von Franco über Diego Luna bis hin zu Emile Hirsch machen ihre Sache, wie auch Brolin, gut. Doch gegen die Sean Penn-Show haben auch sie keine Chance. Seine nasale Stimme ist zwar nicht in jeder Szene mein Fall, aber man muss eingestehen, dass Penn hier oftmals eine starke Darbietung liefert, die sich über viele seiner durchschnittlichen (so auch Mystic River) hebt.
Letztlich ist Milk ein gutes Biopic, mit einem starken Mittelteil aber unzureichenden Außenstücken. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Van Sants Film gerade für Amerika ein wichtiger und bedeutender Film sein dürfte. Speziell dahingehend, dass er im selben Jahr erschienen ist, wie dem Antrag 8 zugestimmt wurde. Erschreckend, wie wenig weit es die Gleichberechtigung Homosexueller in den USA innerhalb von dreißig Jahren geschafft hat und wie nötig man auch heute noch einen Mann wie Harvey Milk hätte.
8/10
Auch bei der Interpretation von Milks Tod tritt Van Sant in das eine oder andere Fettnäpfchen. Der prophetische Besuch der unheilsvollen Oper Tosca am Vorabend seiner Ermordung und Verbindung mit Milks letztem Moment vor seinem Tod ist derartig kitschig, dass es schon beinahe widerlich ist. Dabei wäre auch diese Schwäche wie die anderen sehr leicht abwendbar gewesen und wären dem Film zu Gute gekommen. Denn in den neunzig Minuten zwischen Einleitung und Schluss ist Milk ein geradliniges und mitreißendes Biopic. Milks unermüdlicher Kampf zu der erstrebten politischen Position und sein Effekt auf seine Umgebung werden anschaulich portraitiert. Auf der Strecke bleiben dafür dann jedoch sein eigenes Innenleben, seine Zweifel und seine emotional schwachen Momente, insbesondere jedoch eine genauere Beleuchtung prinzipiell aller Nebenfiguren. Hat Scott zu einem Zeitpunkt keine Lust mehr auf Harvey politische Agenda, taucht er plötzlich wieder bei einem Treffen auf, sitzt in der Mitte, quasi als wäre er nie abwesend gewesen.
Mit der Kameraarbeit von Harris Savides war ich selbst nicht immer zufrieden. Ich hätte mir ruhigere Bilder und mehr Totalen gewünscht, anstatt dass Milk quasi in jeder Einstellung den Mittelpunkt stellte (selbst wenn der Film Milk heißt und sich auf diese Figur konzentriert). Dagegen wusste Danny Elfmans Score meinen Geschmack zu treffen, da er sich sehr harmonisch mit den Bildern funktioniert und weit weniger aufdringlich ist wie in manch anderen Filmen des letzten Jahres (z.B. Changeling). Ein großes Lob gebührt auch dem Darstellerensemble, selbst wenn ich – perfide wie ich bin – Damon in der Rolle von White gegenüber dem robusteren Brolin für geeigneter gehalten hätte. Die Nebendarsteller von Franco über Diego Luna bis hin zu Emile Hirsch machen ihre Sache, wie auch Brolin, gut. Doch gegen die Sean Penn-Show haben auch sie keine Chance. Seine nasale Stimme ist zwar nicht in jeder Szene mein Fall, aber man muss eingestehen, dass Penn hier oftmals eine starke Darbietung liefert, die sich über viele seiner durchschnittlichen (so auch Mystic River) hebt.
Letztlich ist Milk ein gutes Biopic, mit einem starken Mittelteil aber unzureichenden Außenstücken. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Van Sants Film gerade für Amerika ein wichtiger und bedeutender Film sein dürfte. Speziell dahingehend, dass er im selben Jahr erschienen ist, wie dem Antrag 8 zugestimmt wurde. Erschreckend, wie wenig weit es die Gleichberechtigung Homosexueller in den USA innerhalb von dreißig Jahren geschafft hat und wie nötig man auch heute noch einen Mann wie Harvey Milk hätte.
8/10