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26. Mai 2017

Alien: Covenant

Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal Wreck, boundless and bare.
(“Ozymandias”, Percy Bysshe Shelley)


Wohl von kaum einem Regisseur gibt es so viele verschiedene Fassungen seiner Filme auf dem Markt wie von Ridley Scott. Zu gefühlt jedem zweiten Film findet sich ein Director’s Cut oder eine Extended Version, im Fall von Blade Runner sogar fünf unterschiedliche Schnittfassungen. Es scheint also bei Ridley Scott eine Divergenz zu geben zwischen der Version, die sich der Schöpfer des Films vorstellt und der, welche als am vielversprechendsten für die Zuschauer erachtet wird. Eine Art cineastischer Bastard stellt da Alien: Covenant dar, der jüngste Film von Scott, der eben diese Divergenz besser repräsentiert wie alle Filme zuvor, wirkt er doch wie eine Mischung aus dem Film, den Scott erzählen wollte und dem, den das Publikum erwartete.

Vor fünf Jahren schickte sich Scott mit Prometheus wieder an, einen Sci-Fi-Film zu drehen, der zwar als Prequel seines Kultfilms Alien angekündigt war, sich jedoch auf die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf fokussierte. Das Ergebnis wurde ambivalent aufgenommen, aber mit Covenant dennoch eine Fortsetzung angekündigt. In der sollte das ikonische Alien eigentlich gar keine Rolle mehr spielen, doch Scott hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aus Covenant wurde Alien: Covenant und aus dem geplanten Sequel zu Prometheus ein Film, der einerseits die Ideen des Vorgängers weiterspinnen wollte, zugleich jedoch auch eine Art Remake des Originalfilms darstellt.

Hier wie da wird die Crew eines Raumschiffs aus dem Kälteschlaf erweckt und folgt einem Signal auf einen scheinbar verlassenen Planeten, wo die Mitglieder nach und nach einem tödlichen Organismus anheim fallen. Soweit, so Alien. Zugleich integriert Ridley Scott mit Drehbuchautor John Logan aber auch Elemente aus Prometheus über Fragen von Schöpfung und Fall, in Person des zurückkehrenden Androiden David (Michael Fassbender) als Überbleibsel des Vorgängers. Die Krux in Alien: Covenant liegt darin, dass beide (Film-)Handlungen sich eher aneinander beißen, als ein harmonisches Gesamtgebilde abzugeben. Auch wenn die Macher sichtlich bestrebt sind, eine Symbiose zwischen den beiden kreativen Geschöpfen einzugehen.

Grundsolide ist die Nacherzählung von Alien, wenn eine Gruppe Kolonialisten um Wissenschaftlerin Daniels (Katherine Waterston), Pilot Tennessee (Danny McBride) und Neu-Kapitän Oram (Billy Crudup) nach einem Notsignal ihren Zielplaneten für die Neugründung ihrer Kolonie ändern. Zuerst beeindruckt, infizieren sich bald Team-Mitglieder mit gefährlichen Sporen, werden zu Wirten eines mörderischen Parasiten, der anschließend Jagd auf die Überlebenden macht. Zugleich begeht Scott die philosophischen Pfade von Prometheus, wenn er im Prolog zuerst David im Dialog mit seinem Schöpfer Peter Weyland (Guy Pearce) zeigt und den Androiden später seinem Crew-Pendant Walter (erneut Michael Fassbender) im Diskurs gegenüberstellt.

Hier widmet sich Scott nun der für ihn interessanten Idee, die bereits in Blade Runner innewohnte: dem „Schöpferwerdens des Geschöpfes“, wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Werk „Schöpfung und Fall“ beschrieb. Weyland selbst erschafft mit David ein Wesen, das seinem Schöpfer überlegen, das nicht sterblich ist. Folglich war es Weyland, der in Prometheus seinem Schöpfer gegenüberstehen wollte, ähnlich wie Roy Batty in Blade Runner. In einer Szene von Alien: Covenant lehrt David da Walter mit Flötenspielen einen kreativen Prozess, der den Androiden eigentlich untersagt sei. Scott inszeniert einen Moment, der den „Sturz aus dem Gehaltensein in der Geschöpflichkeit“ repräsentiert, um erneut mit Bonhoeffer zu sprechen.

Bereits in Prometheus sahen wir David, wie er sich als Schöpfer versuchte, indem er Holloway infizierte. Ein Prozess, der in Alien: Covenant ein Echo findet, die Figur den nächsten Schritt in diesem vermeintlichen Reifeprozess gehen lässt. Schöpferische Zerstörung, der Makroökonomie entlehnt. Oder getreu Bonhoeffer: „Die Zerstörung der Schöpfung durch das Geschöpf.“ Ein zwar interessanter Aspekt, dem sich Scott in diesem Hybrid-Film jedoch nicht vollumfänglich widmet, da eben auch noch das namentliche Alien – hier in verschiedenen Stadien und Formen gezeigt – in der Handlung auftauchen soll. Und für die versuchte Symbiose beider Plot-Stränge fehlt es dem Film am Ende an einer ausreichenden Exposition und Motivation für das Gezeigte.

Kaum ausgearbeitet wirken auch die Charaktere. Wir lernen wenig über sie und selbst wenn wir etwas erfahren, wie Orams Religiosität, hat dies keine wirkliche Konsequenzen auf das Geschehen. Im Vergleich zu den authentischen Figuren aus Alien atmen diese Charaktere kein Leben. Daniels ist keine Ripley, auch wenn der Plot-Verlauf und das Design der Figur es einen Glauben machen wollen. Insofern ist ein Großteil des Ensembles verschenkt, sei es Amy Seimetz oder Démian Bichir (herrlich dagegen fällt der Kurzauftritt von James Franco aus). Schauspielerisch machen sie alle jedoch aus wenig viel mit ihren eindimensionalen Figuren, während Fassbender aufgrund der Doppelrolle noch am meisten Form erhält.

So durchwachsen Prometheus auch war, ist es doch schade, dass dessen Entwicklungen im Finale hier relativ schnell und lieblos abgefrühstückt werden. Ob dies allein am Wunsch der Leute nach mehr Xenomorphs lag, sei dahingestellt. Letztlich ist Alien: Covenant irgendwie weder Fisch noch Fleisch, im Versuch eine Brücke zwischen zwei prinzipiell verschiedenen Filmen zu schlagen. „Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen“, schrieb Jean-Jacques Rousseau in „Emil oder Über die Erziehung“. Ob deshalb allerdings die Genesis des Aliens so sehr mit den Menschen zusammenhängen muss, bezweifle ich. Vielleicht bedarf es dafür aber nur einer neuen Schnittfassung.

6/10

6. September 2015

This Is the End [Das ist das Ende]

Hermione just stole all of our shit. And Jay suggested that we rape her.

Unverhofft kommt oft, heißt es so schön. Das sollte vermutlich für nichts mehr gelten als für das Ende aller Tage, auch als Armageddon bekannt. Und wie sich zeigt, gibt es wider Erwarten scheinbar keinen schlechteren Ort, um auf die biblische Entrückung zu hoffen, als eine Hollywood-Party zu besuchen. So zumindest lassen es einen Evan Goldberg und Seth Rogen in ihrem Regiedebüt This Is the End glauben, in dem sie ihren eigenen Freundeskreis die Apokalypse erleben lassen. Viel dramatischer als der Weltuntergang vor der eigenen Haustür entwickelt sich die Offenbarung, die sich innen statt draußen abspielt. Es sind die emotionalen Fassaden, die bröckeln, wenn sich eine Handvoll Freunde offen die Meinung sagt.

Beste Freunde seit gemeinsamen Undeclared-Tagen fürchtet Jay Baruchel im Film um seine Freundschaft zu Kollege Seth Rogen, der inzwischen seine Bromance mit Freaks-and-Geeks-Kollege James Franco intensiviert. Seine Clique rund um Jonah Hill versucht zwar alles, um Baruchel in ihre Mitte aufzunehmen, doch so wirklich will der nicht in deren Kreis passen. Craig Robinson und Emma Watson halten ihn sogleich für einen Hipster, der sich zu schade ist, die Toilette zu besuchen, nur weil Michael Cera auf Kokain dort gerade einen flotten Dreier verlebt. Als dann auch noch die Welt untergeht, sieht sich Baruchel eingesperrt mit Rogens Clique in Francos Haus. Dort wartet die Gruppe auf ihre Rettung, immerhin sind sie Hollywood-Stars.

Der Humor von This Is the End, so die Idee, zeugt von übersteigerten Darstellungen der öffentlichen Meinung der Stars. Oder, wie im Falle von Michael Cera, von deren totaler Verkehrung. So gibt Jonah Hill (“from Moneyball”) einen Schleimscheißer, James Franco inszeniert sein Bild als prätentiöser Seth-Rogen-Fan und Danny McBride gibt ein Arschloch vom Dienst, wie er es schon in The Pineapple Express oder Eastbound & Down perfektioniert hat. Das ist zwar ein interessantes und vielversprechendes Konzept, wird allerdings im Film von Goldberg und Rogen nicht konsequent zu Ende gedacht. Auch, weil der Meta-Gedanke im Laufe des zweiten Akts dann letztlich einem konventionellen dramatischen Verlauf geopfert wird.

Mit Beginn der Apokalypse beginnt zugleich das schleichende Ende des sich gegenseitig Aufziehens, in dem allenfalls James Franco eine Ausnahme darstellt. Speziell Craig Robinson verkommt zu einer eindimensionalen Figur, die mehr den Status des Token Black Guy einnimmt, anstatt dass Robinsons Persona als Sprungbrett für Sarkasmus oder Zynismus dient. Der Humor des Films, so scheint es, generiert sich zuvorderst daraus, dass Stars als sie selbst angesprochen werden, statt mit einem Charakternamen. Da taumelt Paul Rudd mit Schampusflasche einer Besucherin in den Schädel und Emma Watson verschwindet zuerst von Francos Party, um dann später kurz zurückzukommen, ohne dass der Film etwas mit ihr anzufangen wüsste.

Wenn ein vollgedröhnter Michael Cera den Hintern vom Rihanna begrabscht und diese ihm eine scheuert, ist das durchaus amüsante physical comedy, verpufft aber im Grunde genauso wie die wenig gehaltvollen Momente mit Stars wie Jason Segel, Kevin Hart oder Aziz Ansari. Es wäre This Is the End vielleicht mehr geholfen gewesen, wenn man Cera mit in die Gruppe eingeschlossen hätte und McBride als Antagonisten ersetzen lassen, statt dass Letzterer einfach eine Widersacher-Rolle aus seinen Filmen in die Realität übernimmt. Auch eine vertiefte weibliche Figur hätte hier nicht geschadet, um den Humor zu (ver-)stärken, beispielsweise mit Aubrey Plaza oder Linda Cardellini, um die Freaks and Geeks-Referenz weiterzutreiben.

Der weitere Filmverlauf beschränkt sich dann auf Goldbergs und Rogens aus Superbad übernommene Faszination mit Penissen, die Dämonen und Satan geschenkt werden, ohne dass sie einen Sinn ergeben, und dem Gedanken, wenn man sich für jemand opfert, wird man entrückt – selbst wenn es eine kalkulierte Selbstopferung ist, im Wissen, aus ihr resultiert die gewünschte Entrückung (Hollywoods Idee von Altruismus). Womöglich wäre This Is the End eine rundere Sache als verlängerter SNL Digital Short beziehungsweise in den Händen vom The Lonely Island-Team geworden, zumindest ein kompetenter Regisseur wie Adam McKay hätte jedoch geholfen. Am Ende gilt für den Film daher dasselbe wie für Aziz Ansari in ihm: “It’s too late for you.”

5/10

24. August 2015

Queen of the Desert [Königin der Wüste]

See the desert on a fine morning and die – if you can.
(Gertrude Bell, “Syria, The Desert and the Sown”, p. 64)

In der Regel scheint Werner Herzog eher dem Wahnsinn zugewandt. Egal ob er einen von der Leine losgelassenen Nicolas Cage in Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans agieren lässt, eine Dokumentation wie Grizzly Man über fanatische Bärenschützer erstellt oder sich mir Enfant terrible Klaus Kinski auseinandersetzte. Umso ungewöhnlicher ist es, dass Herzog nun mit Queen of the Desert der cineastischen Romantik verfällt. Und eine historische Biografie drehte, die klassischer kaum sein könnte. Als Thema wählte er dabei Gertrude Bell, eine Historikerin und Archäologin, die mit T. E. Lawrence mithalf, den Nahen Osten im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts politisch neu zu ordnen. Darunter fällt auch die Gründung des heutigen Irak.

Ende des 19. Jahrhunderts ist Gertrude Bell (Nicole Kidman) ihres Lebens auf dem Landgut ihres Vaters überdrüssig. Der sendet sie zum Schwager seiner Gattin nach Teheran, wo er als britischer Botschafter tätig ist. Hier lernt Bell den Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco) kennen und lieben. Genauso wie ihre Passion für den nahen Osten. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sie das Land und seine Leute näher erkunden, allen voran die Beduinenvölker. Dabei macht sie die Bekanntschaft eines jungen T. E. Lawrence (Robert Pattinson) und die des Konsuls des osmanischen Mersins, Charles Doughty-Wylie (Damian Lewis). Ihre Kenntnisse der Region machen Bell dabei zur respektierten politischen Beraterin des britischen Empires.

Ein mannigfaltiges Leben, welches natürlich in einem zweistündigen Kinofilm nicht vollends Platz zur Würdigung findet. So streift auch Herzog in Queen of the Desert lediglich Auszüge aus dem Leben Bells – und lässt vieles unerwähnt. Beispielsweise ihre Passion als Alpinistin und zahlreichen Bergbesteigungen, auch ihre vielen Reisen nach Deutschland oder Japan tauchen im Film nicht auf. Der will lieber von einer dreifachen Liebe Gertrude Bells erzählen, zu den Männern Henry Cadogan und Charles Doughty-Wylie sowie zur arabisch-persischen Region. Immer wieder zieht es Bell und ihre Begleiter rund um den treuen Fattouh (Jay Abdo) hinaus in die Wüste, zu verschiedenen Scheichs und Stammesführern sowie in die Oasenstadt Ha’il.

Viele Reisen, noch mehr Bekanntschaften und ein immer verstärkter mitschwingender politischer Kontext. Es dürfte für Herzog kein leichtes Unterfangen gewesen sein, das komplexe Leben von Gertrude Bell in seinem Drehbuch zu fassen zu kriegen. Und vollends gelingen vermag es ihm verständlicherweise nicht. Die Bedeutung von Land und Leute für Bell will bis zum Ende des Films nicht wirklich greifbar werden. Genauso wenig die Rolle, die Bell und T. E. Lawrence zu der damaligen Zeit gespielt haben. Queen of the Desert wirkt wie ein Durchblättern einer Enzyklopädie, die mit einigen romantischen Bekanntschaften angereichert ist, die natürlich ebenfalls nicht genauer ergründet werden. Herzog bewegt sich stets an der Oberfläche.

Das ist auf der einen Seite zwar bedauerlich, aber vermutlich zugleich unumgänglich, will man sich der Person Gertrude Bell nicht in einer Mini-Serie nähern. Die meiste Zeit funktioniert Herzogs zurückgenommene Regie dennoch erstaunlich gut, nicht zuletzt dank der gefälligen Bilder von Kameramann Peter Zeitlinger. Die Darsteller selbst spielen solide, auch wenn es gerade zu Beginn etwas befremdlich ist, Nicole Kidman eine 24-jährige Gertrude Bell spielen zu sehen. Damian Lewis schlägt sich achtbar, die zurückgenommenen James Franco und Robert Pattinson vermögen nur bedingt ihre historischen Persönlichkeiten vor ihre eigene verfrachten zu können. Immerhin gehen beide Charaktere nicht über Nebenrollen hinaus.

Am erstaunlichsten fällt der Ton des Films aus, der an klassische Filme des Genres erinnert, wie sie heutzutage nicht mehr gedreht werden. Sicher auch, weil sie finanziell wenig Ertrag versprechen, sodass Queen of the Desert womöglich bewusst Handlung aussparte, um das Budget nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Nichtsdestotrotz erzählt Herzog eine glaubwürdige Geschichte einer jungen Frau, für die ihre eingeschränkte Welt in England zu klein schien. Und die mithalf, andere Welten neu zu gestalten. Als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit Gertrude Bell funktioniert der Film somit durchaus. Und dürfte wohl all jene ansprechen, die klassische Werke wie Lawrence of Arabia und Co. zu schätzen wissen.

6.5/10

1. August 2015

Filmtagebuch: Juli 2015

ALIVE [ÜBERLEBEN!]
(USA/CDN 1993, Frank Marshall)

7.5/10

AN HONEST LIAR
(USA/CDN/E/I 2014, Tyler Measom/Justin Weinstein)
5/10

ANT-MAN
(USA 2015, Peyton Reed)
6.5/10

BOUNCE
(USA 2000, Don Roos)
6/10

COMMUNITY – SEASON 4
(USA 2013, Tristram Shapeero u.a.)
7/10

COMMUNITY – SEASON 5
(USA 2014, Tristram Shapeero u.a.)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 6
(USA 2015, Rob Schrab u.a.)
7/10

DAWN OF THE DEAD
(USA/CDN/J/F 2004, Zack Synder)
4/10

FAULTS
(USA 2014, Riley Stearns)
3/10

FRANCES HA
(USA 2012, Noah Baumbach)
8.5/10

GREY’S ANATOMY – SEASON 1
(USA 2005, Peter Horton u.a.)
7/10

GREENBERG
(USA 2010, Noah Baumbach)
6.5/10

HIGH FIDELITY
(USA/UK 2000, Stephen Frears)
5.5/10

INDECENT PROPOSAL [EIN UNMORALISCHES ANGEBOT]
(USA 1993, Adrian Lyne)

5.5/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6/10

JUMPER
(USA/CDN 2008, Doug Liman)
5.5/10

KICKING AND SCREAMING
(USA 1995, Noah Baumbach)
6/10

KNIGHT OF CUPS
(USA 2015, Terrence Malick)
7/10

PINEAPPLE EXPRESS [ANANAS EXPRESS]
(USA 2008, David Gordon Green)

5.5/10

PROMETHEUS
(USA/UK 2012, Ridley Scott)
4/10

QUEEN OF THE DESERT
(USA/MA 2015, Werner Herzog)
6.5/10

SLOW WEST
(UK/NZ 2015, John Maclean)
3.5/10

SOURCE CODE
(USA/CDN 2011, Duncan Jones)
6/10

THE TERMINATOR
(USA/UK 1984, James Cameron)
8/10

TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1991, James Cameron)

6.5/10

TERMINATOR 3: RISE OF THE MACHINES
(USA/D/UK 2003, Jonathan Mostow)
1/10

TERMINATOR SALVATION [TERMINATOR: DIE ERLÖSUNG]
(USA/D/UK/I 2009, McG)

2.5/10

THIS IS THE END
(USA 2013, Evan Goldberg/Seth Rogen)
5/10

TOKYO TRIBE
(J 2014, Sono Sion)
6/10

WAYWARD PINES
(USA 2015, Zal Batmanglij/Tim Hunter u.a.)
7/10

WHILE WE’RE YOUNG [GEFÜHLT MITTE ZWANZIG]
(USA 2014, Noah Baumbach)

7/10

Hannibal Lecter-Series


MANHUNTER [BLUTMOND]
(USA 1986, Michael Mann)

6/10

THE SILENCE OF THE LAMBS [DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER]
(USA 1991, Jonathan Demme)

6.5/10

HANNIBAL
(USA/UK 2001, Ridley Scott)
3/10

RED DRAGON [ROTER DRACHE]
(USA/D 2002, Brett Ratner)

3.5/10

HANNIBAL RISING
(UK/F/I/CZ, Peter Webber)
5.5/10

HANNIBAL – SEASON 1
(USA 2013, David Slade/Guillermo Navarro u.a.)
6/10

HANNIBAL – SEASON 2
(USA 2014, Michael Rymer u.a.)
5.5/10

11. März 2013

Spring Breakers

Hit Me, Baby, One More Time.

Harmony Korine macht es einem nicht leicht, was durchaus seine Berechtigung hat, ist der Auteur nicht von ungefähr dem Avantgardefilm zuzurechnen. Zuletzt irritierte er den gewöhnlichen Kinozuschauer, insofern der das Werk überhaupt zu Gesicht bekam, mit dem vergnüglichen VHS-Found-Footage-Porträt Trash Humpers. Am bekanntesten ist er aber für sein Varieté-inspiriertes Debüt Gummo von 1997. Stets abstrakt und meist non-linear verdichtet Korine gerne surreale Episoden über soziale Außenseiter. Mit Spring Breakers legt der Amerikaner nun seinen in gewisser Weise zwar unpersönlichsten und zugleich doch reifsten Film vor. Ein nahezu perfektes Amalgam aus Avantgarde, Arthouse und Mainstream. Und damit womöglich nicht mehr und nicht weniger als sein opus magnum.

Denn Spring Breakers kann durchaus als filmisches Spiegelbild des Rezipienten gelesen werden. So erzählt der Film auf der einen Seite natürlich „nur“ die Geschichte von vier heißen Studentinnen (u.a. Vanessa Hudgens und Selena Gomez), die in den Frühlingsferien leichtbekleidet dem Hedonismus in Florida frönen, um dem Uni-Alltag zu entkommen. Und die dabei letztlich vom regionalen Rapper Alien (James Franco) für sein Crime-Start-up rekrutiert werden. Sex, Drogen und Dubstep für die Facebook-Generation. Unter der Oberfläche werden jedoch malicksche Themen wie die Suche einer Generation nach einem versprochenen und verlorenen Paradies sowie einer eigenen Identität in einer Kultur, der man nur auf der Überholspur auf Augenhöhe zu begegnen vermag, behandelt.

“That’s what life is about”, proklamiert Alien später in seinem Strandhaus, während sich Candy (Vanessa Hudgens) auf einem Bett voller Dollar-Scheine wälzt und der bling-bling-Rapper stolz seine Sammlung an Uzis und AK-47 präsentiert. Die Botschaft des Films, das machen seine Figuren deutlich, ist, dass der American Dream nicht von selbst kommt. Man muss ihn sich nehmen. Oder konkreter: Man muss ihn anderen wegnehmen. Das fängt schon damit an, dass Brit (Ashley Benson), Candy und Cotty (Rachel Korine) aufgrund finanzieller Ebbe zu Beginn die Reisekosten nach Florida erstehlen müssen. “Pretend like it’s a videogame”, sagen sie sich und driften fortan verstärkt in eine surreale Parallelwelt ab, voll von Koks, Alkohol, schweren Waffen, Schalldämpfer-Fellatio und Britney Spears.

Korine kontrastiert dabei die abgedunkelten Hörsäle anonymisierter Hochschulen inmitten eines trostlosen und verregneten Nirgendwo mit den paradiesischen Vorstellungen eines von Sonne durchfluteten Floridas, in welchem die Zukunftssorgen und der Alltagsstress in der Heimat gelassen wurden und man stattdessen eine einzige große Party feiert, damit sich persönlich sowie alle anderen und letztlich das Leben selbst zelebrierend. Dieses findet nicht in der Ungewissheit des tomorrowland statt, sondern right here, right now. Wenn Faith (Selena Gomez) dann ihrer Bibelgruppe entflieht, um in nächtlichen Telefonanrufen ihre Oma zum Spring Break einzuladen und im Hotelpool philosophiert, ist die menschliche Suche nach dem Paradies gleichzeitig so nah und doch so fern wie möglich.

Natürlich lässt sich der Sorglosigkeit nicht lange entfliehen, die Realität ist in Spring Breakers immer nur zwei Schritte hinterher und so landen die Mädchen unweigerlich durch die Begegnung mit James Francos – jenseits des overactings in teilweise brillante Sphären kalibrierten – Alien in einer fremden Welt. Und damit in einem ausgewachsenen Bandenkrieg. Denn wie sich zeigt, ist Francos Figur auf ihre Weise eher ein “illegal alien” in Korines selbstgeschaffenem Garten Eden, den jeder der Charaktere in Spring Breakers für sich selbst beanspruchen will. Im Folgenden werden die neu geschaffenen Identitätsbilder der Mädchen und von Alien zur Prüfung auf die Waage gelegt. Und sie alle müssen sich entscheiden, ob sie ihrer „Realität“ standhalten können: “Pretend like it’s a videogame”.

Sowohl inhaltlich auch inszenatorisch hat Harmony Korines jüngster Film wenig mit seinen früheren Werken gemein. Das zeigt sich zuvorderst im Visuellen, das sich in klaren, scharfen, knackigen und bunten Farben widerspiegelt. “There’s this obsession nowadays with technology and with the fact that everything looks so clear”, hatte Korine zum Start von Trash Humpers noch im Gespräch mit Vulture kritisiert. “Everything needs to be so high-definition.” Mit Spring Breakers legt er nun selbst den totalen Gegenentwurf zu seinem Dogma 95-Film Julien Donkey-Boy vor. Kongenial von einem Score Cliff Martinez’ sowie Songs von Musikern wie Skrillex unterlegt, orientiert sich Spring Breakers formal wie narrativ eher an Korines Kurzfilmen Umshini Wam oder Lotus Community Workshop.

Das Beste aus zwei Welten, könnte man so sagen. Denn nur weil sich Korine visuell wie narrativ eher an den Mainstream anschmiedet, was sich allein durch die Besetzung zeigt, heißt dies nicht, dass man auf korineske Elemente verzichten muss. Während der Film in der Tat eher Erinnerungen an seine Kurzfilme, darunter auch Act da Fool, weckt, wird immer noch eine Geschichte von Vandalismus treibenden Außenseitern erzählt. Von einer Rebellion gegen das Establishment, sozusagen. Der „Wahnsinn“ des Regisseurs ist in diesem Fall an die Leine genommen, vergleichbar mit geerdeteren Filmen von Seelenverwandten wie Werner Herzog. Was Spring Breakers also auszeichnet, ist, dass die kreativen Auswüchse des Auteurs zur Abwechslung hier also nicht Amok, sondern ineinander laufen.

Das Ergebnis sind avantgardistische Ideen, kombiniert mit Elementen des Arthouse-Kinos im Gewand des Mainstream-Films. Der Wolf im Schafspelz, gewissermaßen. Aber wenn sich der so sexy und kokett verkleidet wie Ashley Benson und Vanessa Hudgens, um sich lasziv zu bunten Bildern von ins Nirvana hämmerndem Dubstep unterlegt zu räkeln, ist man gerne das Rotkäppchen. Am Ende kann – oder muss – konstatiert werden, dass Harmony Korine mit Spring Breakers nicht nur den bisher vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens erreicht hat, sondern mit seinem jüngsten Auswuchs einen der großen Filmen von 2013 abliefert – wahrscheinlich sogar darüber hinaus. Oder wie es James Franco an einer Stelle so schön sagt: “Spring Break. Spring Break. Spring Break forever, bitches”.

10/10

12. Februar 2011

127 Hours

Rock on!

In seinen Filmen berichtet der britische Regisseur Danny Boyle stets von Isolation, von der Ausgrenzung einer kleinen Gruppe vom Rest der Gesellschaft. Sei es eine exklusive und  exzentrische Wohngemeinschaft in Shallow Grave, Junkies in Trainspotting, ein Liebespaar auf der Flucht in A Life Less Ordinary, eine Backpacker-Kommune in The Beach, Überlebende einer Zombie-Pandemie in 28 Days Later, zwei Kinder mit spontanem Reichtum in Millions, Astronauten auf Weltrettungsmission in Sunshine oder indische Straßenkinder auf der Suche nach Liebe in Slumdog Millionaire. Doch nie inszenierte Boyle dieses Thema der Isolation so konsequent und offensichtlich, wie in seinem jüngsten Abenteuerdrama 127 Hours.

Nach seinem Regie-Oscar vor zwei Jahren hätte Boyle in die A-Liga Hollywoods aufsteigen können, wo die Budgets im neunstelligen Bereich laufen. So war der Brite unter anderem für die Inszenierung des neuen Bond-Films im Gespräch, doch schlechte Erfahrungen mit The Beach dürften Boyle weiterhin vom Blockbuster-Kino zurückschrecken lassen. Stattdessen nutzte er den Karriere-Push des Oscars, um eine Geschichte durchzuboxen, die er bereits seit Jahren erzählen wollte: Die Geschichte von Aron Ralston. Als der gelernte Maschinenbauer und begeisterte Bergsteiger im Mai 2003 auf eine Wochenendwanderung in den Blue John Canyon in Utah aufbrach, war er beinahe nicht mehr zurückgekehrt.

Die Geschichte eines Mannes, der über fünf Tage lang (genauer: 127 Stunden) durch einen Felsbrocken eingeklemmt war und zu verdursten drohte, ist nun mangels Interaktion und Action nicht gerade von großem Interesse. Und dennoch gelingt es Boyle mit 127 Hours ein packendes und intensives Drama abzuliefern, was umso bemerkenswerter ist, da der Ausgang des Szenarios bekannt ist. Hier verkommt ein vorbei fliegender Rabe und 15 Minuten morgendlicher Sonnenschein nicht nur für Aron Ralston (James Franco) zum Happening. Dass der sich durch den Canyon preschende Lichtstrahl Ralston auch angesichts seiner Situation noch ein bewunderndes Lächeln beschert, charakterisiert die Figur ganz gut.

Früh beginnt er, sich seinen Wasservorrat einzuteilen und verflucht, seine zusätzliche Flasche Gatorade im Wagen und sein Schweizer Armeemesser zu Hause gelassen zu haben. Ralston ist ein Abenteurer, der seine Wochenenden lieber alleine in der Natur verbringt, als mit seiner Freundin Rana (Clémence Poésy). Die Rückblenden, die Boyle seinem Protagonisten schenkt, zeigen ein ambivalentes Bild von ihm. So scheint er seinem Vater (Treat Williams) die Liebe zu den Canyons zu verdanken, seine Mutter (Kate Burton) ruft er jedoch nie zurück und mit Rana macht er schweigend während eines Basketballspiels Schluss. Es wirkt, als pralle dies alles am extrovertierten Ralston ab, der einzig für seine Naturausflüge lebt.

Als er zu Beginn die verirrten Freundinnen Kristi (Kate Mara) und Megan (Amber Tamblyn) trifft, verbringt er zwar einige Stunden mit ihnen, aber wenn Kristi bei der Verabschiedung resümiert, dass sie ihn wohl eher aufgehalten haben, liegt das nahe an der Wahrheit. Den Preis für seine Egomanie zahlt Ralston spätestens dann, als ein losgelöster Felsbrocken seinen rechten Unterarm einklemmt. Die Rückblenden, sowie Aufzeichnungen auf seiner Digitalkamera, unterbrechen gelungen die dramatische Situation. Wirklich nahe bringen sie einem die Hauptfigur jedoch nicht, die zwar nicht unsympathisch wirkt, deren Befreiung man ihr jedoch eher wünscht, weil man niemanden so enden sehen will.

Zugleich spielt James Franco (obschon nur zweite Wahl des Regisseurs) den lebensfrohen Ralston mit einer ebenso lebendigen Leistung. Es ist logisch und konsequent, dass von seiner Darstellung der Erfolg des Filmes abhängt, gibt es doch keine Szene, in der er nicht zu sehen ist. Audiovisuell ist 127 Hours dabei wie die meisten Filme Boyles ein Genuss, selbst wenn das Splitscreen-Verfahren zu Beginn ob seiner Länge und plakativen Verdeutlichung des Filmthemas (Gesellschaft der Massen vs. Isolation von Ralston) gerne kürzer hätte geraten dürfen. Ähnlich verhält es sich mit Ralstons durch Dehydrierung ausgelösten Halluzinationen, von denen besonders seine Schwester (Lizzy Caplan) keinen Mehrwert bringt.

Wo Boyles Mumbai-Märchen zum Feel Good Movie des Jahrzehnts verschrien wurde, käme dieser Titel zumindest in seinem Œuvre eher 127 Hours zu. “He went in there broken, and came out whole“, sieht der Regisseur selbst die Katharsis seiner Figur, die erst in einer Bergschlucht merkte, was in ihrem Leben falsch lief. Ist der Film gerade in seiner Klimax quälend-hoffnungsvoll, sprießen die satten rot-braun Töne der Bilder ansonsten vor lebensbejahender Freude. Mit 127 Hours ist Danny Boyle ein bisweilen amüsantes, sowie weitestgehend intensives Drama von abenteuerlicher Romantik gelungen, ansprechend audiovisuell verpackt und garniert mit einer bewegenden Leistung des Hauptdarstellers.

7.5/10

20. Februar 2009

Milk

A homosexual with power... that's scary.

Letztes Jahr wurde in Kalifornien dem Antrag 8 stattgegeben, der es Homosexuellen untersagt, gleichgeschlechtliche Ehen einzugehen. Schon 2003 hatte der damalige US-Präsident George W. Bush klargemacht, dass seiner Ansicht nach die Ehe für Mann und Frau vorbehalten sei. Dabei sind gleichgeschlechtliche Ehen heutzutage in vielen aufgeklärten Ländern wie Deutschland oder Kanada Alltag, doch in Amerika ticken die Uhren der größtenteils konservativen Gesellschaft eben anders. Dabei wurde dreißig Jahre zuvor ein kleiner Sieg errungen, gegen einen ähnlich kontroversen Antrag. Dieser, namentlich Antrag 6, sah die Entfernung aller Homosexuellen und deren Unterstützer aus dem Schulwesen vor. Denn homosexuelle Lehrkräfte erzeugen homosexuelle Schülerinnen und Schüler – so die Befürchtung einiger Erzkonservativer wie John Briggs oder Anita Bryant. Der Antrag wurde in Kalifornien abgelehnt, doch der vermeintliche Fortschritt erfuhr dreißig Jahre später einen bitteren Rückschlag.

Eine der zentralen Figuren in der damaligen Bürgerbewegung war der homosexuelle Stadtrat Harvey Milk. Oder besser gesagt, der erste sich öffentlich zur Homosexualität bekennende städtische Beamte. Nach mehreren Versuchen Mitte der siebziger Jahre gelang es Milk schließlich 1977 ins Amt eines Stadtrates gewählt zu werden. Allerdings wurde der damals 48-Jährige nach nur elf Monaten im Amt von seinem ehemaligen Kollegen Dan White erschossen. White, der zuvor von seinem Amt zurückgetreten war und dieses wenige Tage später wieder rückgängig machen wollte, erschoss am 27. November 1978 nicht nur Harvey Milk, sondern auch seinen Vorgesetzten und San Franciscos Bürgermeister George Moscone. Für Aufsehen sorgte schließlich Whites Verurteilung, in welcher er die Todesstrafe umschiffte, basierend auf der Verteidigung, er habe einen Zuckerschock durch Fast Food erlitten und dieser hätte in einer Depression gemündet. Urteile, wie sie nur in Amerika zu Stande kommen. Rob Epstein würdigte dem Leben von Harvey Milk 1984 mit The Times of Harvey Milk ein dokumentarisches Denkmal und wurde dafür mit einem Academy Award ausgezeichnet. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Milk, ein Spielfilm von Gus Van Sant, ebenfalls bei den Academy Awards vertreten.

Die Verfilmung von Harvey Milks Aufstieg endete wie so viele Hollywood Produktionen in der Entwicklungshölle. Zu einem Zeitpunkt war Oliver Stone daran interessiert das Projekt zu übernehmen, dann wanderte es von den homosexuellen Regisseuren Bryan Singer zu Gus Van Sant. Dieser wollte den Film zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit verschiedenen Darstellern in der Rolle von Milk umsetzen. Darunter waren Robin Williams, Richard Gere und Daniel Day-Lewis. Schließlich ging der Part an Charakterdarsteller Sean Penn und die Nebenrolle von Dan White wurde an Josh Brolin übergeben, der Matt Damon ersetzte, weil dieser aus zeitlichen Gründen unabkömmlich war. Mit einem ziemlich bescheidenen Budget von 15 Millionen Dollar wurde Milk an zahlreichen realen Schauplätzen gedreht, darunter der berühmten Castro Street in San Francisco und in Milks damaliger Wohnung. Mit Nominierungen in acht Kategorien blickt Gus Van Sants Rückkehr zu kommerziellen Pfaden nach Indie-Dramen wie Elephant und Paranoid Park hoffnungsvoll zur Verleihungen des prestigeträchtigsten Preises des Jahres.

Van Sant platziert Harvey Milk (Sean Penn) als den Erzähler seiner eigenen Geschichte, indem er den Film durch Milks Aufzeichnung seines Testamentes, neun Tage vor seiner Ermordung, ein- und ausleiten lässt. Über dieses Stilmittel, welches gemeinsam mit der Darstellung des Vorabends von Milks Tod fast schon Züge einer Kassandra einnimmt, lässt sich sicherlich streiten. Wirklich nötig war dieser narrative Faden nicht und oftmals wirkt er im Erzählfluss etwas störend. Ohnehin ist Van Sant der ganze Einstieg in seinen 13. Film (seine beiden Beiträge zu zwei Episodenfilmen nicht mitgezählt) eher misslungen. Von der ersten Einstellung des Kennenlernens von Milk und seinem Lebenspartner Scott (James Franco) wechselt das Bild anschließend direkt in eine neue Lebensphase des gebürtigen New Yorkers. Mit langen Haaren und wildem Bart machen sich die beiden Männer auf nach San Francisco, klar im Hippie-Wahn aber ohne den Weg dahin zu reflektieren.

Anschließend kaufen sich die beiden ihr eigenes Geschäft und es ist durchaus charmant, wenn der Regisseur sie vor diesem schmusend ablichtet, während in der Innenscheibe des designierten Kameraladens ein Schild mit der Aufschrift „Yes, we’re open“ hängt. Doch das Vorspulen durch Milks prä-politische Phase geht weiter. Die Diskriminierungen gegen Homosexuelle nehmen zu und finden schließlich auch ein Todesopfer. Auch hier weiß Van Sant durch eine nahezu brillant eingefangene Szene von Milk und einem Polizeisprecher in der Reflektion einer Trillerpfeife (die eigentlich zum Schutz der Homosexuellen gedacht war) zu gefallen. Drehbuchautor Dustin Lance Black versucht überdeutlich in wenigen Szenen das Vorleben Milks zu zeigen, doch wirken diese Augenblicke stark überhastet und lassen die Motivationen und Intentionen der Figuren nicht immer deutlich werden. Ein Einstieg direkt bei der ersten Kandidierung unter Bezugnahme auf die vorangegangenen Ereignisse in Dialogform wäre wahrscheinlich empfehlenswerter gewesen.

Auch bei der Interpretation von Milks Tod tritt Van Sant in das eine oder andere Fettnäpfchen. Der prophetische Besuch der unheilsvollen Oper Tosca am Vorabend seiner Ermordung und Verbindung mit Milks letztem Moment vor seinem Tod ist derartig kitschig, dass es schon beinahe widerlich ist. Dabei wäre auch diese Schwäche wie die anderen sehr leicht abwendbar gewesen und wären dem Film zu Gute gekommen. Denn in den neunzig Minuten zwischen Einleitung und Schluss ist Milk ein geradliniges und mitreißendes Biopic. Milks unermüdlicher Kampf zu der erstrebten politischen Position und sein Effekt auf seine Umgebung werden anschaulich portraitiert. Auf der Strecke bleiben dafür dann jedoch sein eigenes Innenleben, seine Zweifel und seine emotional schwachen Momente, insbesondere jedoch eine genauere Beleuchtung prinzipiell aller Nebenfiguren. Hat Scott zu einem Zeitpunkt keine Lust mehr auf Harvey politische Agenda, taucht er plötzlich wieder bei einem Treffen auf, sitzt in der Mitte, quasi als wäre er nie abwesend gewesen.

Mit der Kameraarbeit von Harris Savides war ich selbst nicht immer zufrieden. Ich hätte mir ruhigere Bilder und mehr Totalen gewünscht, anstatt dass Milk quasi in jeder Einstellung den Mittelpunkt stellte (selbst wenn der Film Milk heißt und sich auf diese Figur konzentriert). Dagegen wusste Danny Elfmans Score meinen Geschmack zu treffen, da er sich sehr harmonisch mit den Bildern funktioniert und weit weniger aufdringlich ist wie in manch anderen Filmen des letzten Jahres (z.B. Changeling). Ein großes Lob gebührt auch dem Darstellerensemble, selbst wenn ich – perfide wie ich bin – Damon in der Rolle von White gegenüber dem robusteren Brolin für geeigneter gehalten hätte. Die Nebendarsteller von Franco über Diego Luna bis hin zu Emile Hirsch machen ihre Sache, wie auch Brolin, gut. Doch gegen die Sean Penn-Show haben auch sie keine Chance. Seine nasale Stimme ist zwar nicht in jeder Szene mein Fall, aber man muss eingestehen, dass Penn hier oftmals eine starke Darbietung liefert, die sich über viele seiner durchschnittlichen (so auch Mystic River) hebt.

Letztlich ist Milk ein gutes Biopic, mit einem starken Mittelteil aber unzureichenden Außenstücken. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Van Sants Film gerade für Amerika ein wichtiger und bedeutender Film sein dürfte. Speziell dahingehend, dass er im selben Jahr erschienen ist, wie dem Antrag 8 zugestimmt wurde. Erschreckend, wie wenig weit es die Gleichberechtigung Homosexueller in den USA innerhalb von dreißig Jahren geschafft hat und wie nötig man auch heute noch einen Mann wie Harvey Milk hätte.

8/10

20. Oktober 2008

Pineapple Express

Fuck the po-lice!

Vor drei Jahren veröffentlichte Der Spiegel eine Studie, der zufolge jeder Fünfte Europäer zwischen 15 und 34 Jahren Cannabis konsumiere. Die meisten Menschen könnten auch in ihrem Freundeskreis eine oder mehr Personen aufzählen, die bereits einmal oder immer noch Haschisch rauchen. Weltweit bekannt ist die Handhabung in den Niederlanden, wo Marihuana inzwischen legalisiert wurde und in Coffee Shops frei zugänglich ist. Konservative Kreise verteufeln Haschisch, indem sie den Benutzern nachsagen, dass sie durch den Konsum verblöden würden. Dass Drogen sowohl berauschend als auch sucht gefährdend und lebensbedrohlich sein können hat kaum ein Film besser gezeigt als Darren Aronofskys Requiem for a Dream. Doch verteufelt werden meist nur die so genannten „harten Drogen“ wie Heroin, Crack und dergleichen. Gerade in den USA ist Cannabis eher eine lieb gewonnene Droge, speziell bei Heranwachsenden. Kiffer als sympathische Cliquen-Maskottchen finden sich in so Filmen wie Fast Times at Ridgemont High in der Person von Sean „Spicolli“ Penn oder auch in Tony Scotts True Romance durch den von Brad Pitt dargestellten Floyd. Letzterer diente dem neuen US-Komödien Guru Judd Apatow auch als Inspiration für seine aktuelle Produktion Pineapple Express, deren Drehbuch von Seth Rogen und Evan Goldberg stammt. Dasselbe Team also, welches bereits Superbad zu einem Hit hat werden lassen und auch mit ihrem neuen Werk konnten sie an ihre Erfolgsquote anknüpfen. Das britische EMPIRE Magazin hat Pineapple Express zu einem der Knüller des Sommers erklärt, waren es schließlich Rogen, Goldberg und Apatow, die Ansatzweise The Dark Knight zu gefährden vermochten. Letztlich war der Actionklamauk jedoch der Beweis, dass Amerikaner immer noch gerne über ihre kiffenden Slacker zu lachen vermögen und so befindet sich auch Hauptdarsteller Rogen weiterhin auf dem aufsteigenden Ast.

Regisseur David Gordon Green, der sich bisher durch namhaft besetzte Independent-Filme auszeichnen konnte, lässt seine Kiffermär durchaus charmant beginnen. In Schwarzweiß startet Pineapple Express wie ein guter alter Krimi, schlägt jedoch schon früh absurde Bahnen ein. Anfang der Dreißiger untersuchte die Regierung die Auswirkungen von Marihuana in der Person eines ihrer Soldaten (Bill Hader) am Menschen. Die Folgen waren katastrophal. Wirres Gerede und antiautoritäres Verhalten – diese Droge musste für illegal erklärt werden. Mehr als siebzig Jahre später knüpft die Handlung nun an und hat in den Folgenden zwei Stunden im Grunde überhaupt nichts mehr mit jenem schwarzweißen Prolog zu tun. Eddy Grants „Electric Avenue“ dröhnt aus den Boxen, nicht nur denen des Kinos, sondern auch aus Dales Autoboxen. Dale (Seth Rogen) ist ein sympathischer Kiffer, der seinen Job aus sprichwörtlich vollen Zügen genießt. Er überstellt gerichtliche Vorladungen und um all den Anfeindungen zu begegnen, zieht er hin und wieder einen durch. „We gonna rock down to Electric Avenue and then we'll take it higher” ist das Motto in Dales Leben. Doch es ist kein sorgenfreies Leben, denn Dales High School Freundin Angie (Amber Heard) versteht sich zu gut mit ihren gleichaltrigen Klassenkameraden. Zumindest nach Dales Geschmack. Und sein potentieller Nebenbuhler kann immerhin Jeff Goldblum nachmachen, was hat Dale da schon dagegen zu setzen. „Fuck Jeff Goldblum, man!“, wird Dale von seinem Dealer Saul (James Franco) eingeschworen. Zwar kennen sich beide erst seit zwei Monaten, doch die Freundschaft zwischen ihnen ist stark und innig. Jedenfalls wenn es nach Saul geht. Und deswegen bietet er Dale auch bereitwillig eine Kostprobe seines neuesten Produktes an. Der Ananas Express haut richtig rein und wird beiden anschließend noch gehörig Ärger verursachen. Als Dale zufällig einen Drogenmord beobachtet, können die Täter (Gary Cole, Rosie Perez) ihn und Saul anhand des Ananas Express identifizieren. Eine wilde Flucht-Verfolgung-Flucht nimmt ihren Lauf.

Grundsätzlich war die Idee, die hinter Pineapple Express steckt die, das es eine bekiffte Variante von Midnight Run sein sollte. Und per se hält Greens Film auch das was er verspricht. Gerade die erste Viertelstunde konzentriert sich stark darauf Dale und Saul als zwei strunzdoofe Klischeekiffer zu etablieren, wenn sie sich auf der Couch bei zwei gleichzeitig laufenden Fernsehern über sinnloses Zeug ereifern. Dass dies ziemlich schnell eintönig wird ergibt sich von selbst. Zudem sind die Dialoge der beiden über die meiste Zeit hinweg auch nicht besonders wort- und geistreich, sodass einem das Lachen in vielen Situationen schwer fällt. Doch hin und wieder gelingt es Rogen und Goldberg durchaus einen genialen Einzeiler raus zuhauen („Prepare to suck the cock of karma!“), die enttäuschenderweise rar gesät sind. Man merkt es dem Skript somit sehr wohl an, dass Rogen es bereits vor einigen Jahren geschrieben hat, denn im Gegensatz zu seinem Superbad verliert sich Pineapple Express unglaublich oft in seinen Nebenschauplätzen, dreht sich im Kreis und streckt sich dadurch. Am deutlichsten wird dies durch die Figur von Dales Freundin Angie und deren Familie. Jenes Handlungselement ist so überflüssig, dass nicht einmal Amber Heard darüber hinweg zu täuschen vermag. Unverständlich weshalb Rogen hier gut und gerne 15 Minuten für die Exposition einer Szene aufwendet, die im Kontext des Geschehens absolut belanglos ist und sich in einem Klischeeausspruch („You’re as high as a fucking kite“) verliert. Ähnliches gilt für das Finale des Filmes, der weitaus besser in eine Laufzeit von 90 Minuten gepasst hätte und den man ab einem gewissen Zeitpunkt anfangen muss zu ertragen anstatt ihn zu genießen. Denn nicht nur der Film selbst hätte gekürzt werden müssen, sondern auch die meisten Szenen sind viel zu langatmig und langweilen insbesondere durch ihren unlustigen Charakter. Eine Schlägerei zwischen drei Kiffern mag wohl nur dann wahrhaft lustig sein, wenn man selbst in jenem Augenblick bekifft ist.

Gut möglich dass man auch nur dann vollends seinen Spaß an Pineapple Express hat, wenn man selbst gerade bekifft oder am Kiffen ist. Doch zur Überraschung des Zuschauers stellen beide Figuren schon bald das Kiffen ein, wenn der eigentliche Actionanteil des Filmes losgeht. Dass sich an der Intelligenz der beiden Protagonisten trotz Cannabis-Mangels nichts großartig ändert, spricht dabei im Grunde für die konservative Einstellung des verdummenden Rauschmittels. Und so wirklich will die gezeigte Action dann auch nicht mit dem komödiantischen Teil konform gehen. Was sich in Shane Blacks Kiss Kiss Bang Bang zu einem wahnwitzigen Cocktail vermischte geht in Pineapple Express nicht auf. Viel zu unglaubwürdig ist das Szenario hier aufgebaut, was sich perfekt in den beiden Killern Budlofsky (Kevin Corrigan) und Matheson (Craig Robinson) manifestiert. Gut möglich dass man den beiden aufgrund ihrer Beteiligung an den Comedy-Formaten Grounded for Life und The Office nicht so recht die unbarmherzigen Killer abkauft, doch passen sie somit perfekt ins Bild. Denn dass Saul und Red (Danny McBride) die Drogendealer Nummer 3 und 2 in Los Angeles sind, will bei deren Geisteszustand auch nicht wirklich einleuchten. Hier ist es auch nicht hilfreich, dass Pineapple Express sich selbst nicht ernst und andere Genrevertreter hoch nehmen will. Dazu fehlt es Greens Film im Gegensatz zu einem Hot Fuzz viel zu sehr an unaufgesetzter Lockerheit, die entgegen der Erwartungen nicht von den beiden Kiffern versprüht wird. Zu Ideenlos, zu lang ist das ganze Theater, die Anspielungen auf das Genre verpuffen ins Nichts. Vielleicht funktionieren die Kifferkomödien nur in den USA, so richtig überzeugen will Pineapple Express jedenfalls nicht. Ganz im Gegensatz zum Soundtrack, für welchen Rogen auch Musikgröße Huey Lewis and the News gewinnen konnte, um den stimmigen Abspannsong zu komponieren. Dass der Song besser ist als der vorangegangene Film dürfte kaum überraschen.

5.5/10

29. September 2008

Spider-Man 3

Where do these guys come from?

Ein neues Phänomen erreichte in Hollywood 2007 seinen Höhepunkt: Fortsetzungen. Sie boomen wie nie und markieren neben Remakes die einträglichste Rubrik des aktuellen Kinos. Die Arbeit wird klein gehalten, man verwertet bekannte Geschichten und schlachtet andere Themen genüsslich aus. Gerade die dritten Teile hatten es dem vergangenen Jahr angetan, denn neben Shrek the Third, Ocean’s Thirteen und Rush Hour 3 warteten auch die Abschlüsse der Pirates of the Carribean- und Spider-Man-Trilogien auf. Letztgenannte Filme konnten sich erfolgsmäßig von der übrigen Masse absetzen. Den Rekord des teuersten Films aller Zeiten durfte Spider-Man 3 nach dem Start von Pirates of the Carribean: At World’s End an diesen abgeben. Auch finanziell war das letzte Piratenabenteuer noch eine Spur erfolgreicher als der Spinnenmann.

An den Top 10 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten scheiterte der Film mit Platz 11 nur knapp, immerhin lief er in den USA erfolgreicher als Jack Sparrow und Konsorten. Dabei stört es Sony relativ wenig, dass Spider-Man 3 einen Schlussstrich unter eine stringente Trilogie setzte, die Planungen für einen vierten Teil, der alsbald in die Kinos kommen soll, laufen bereits. Fraglich ist bisher noch, ob Sam Raimi wieder Regie und Tobey Maguire erneut die Hauptrolle spielen wird. Beide machen ein potentielles Engagement von dem Entscheid des anderen abhängig, ebenso wie Kirsten Dunst. Möglich – und im Grunde zum Scheitern verurteilt – wäre eine Neubelebung der Reihe, mit neuem Regisseur und Darstellern. Sehr wahrscheinlich, dass sich Sony dadurch selbst ins Knie schießt. Auch eine Fortsetzung der bisherigen Story ist wohl kritisch.

Im Vergleich zu den Vorgängern haben sich die Dinge für Peter Parker (Tobey Maguire) gewandelt. New York City liebt ihn und verleiht ihm nach der Rettung von Gwen Stacy (Bryce Dallas Howard) sogar den Schlüssel zur Stadt. Auch in Liebesdingen kann sich Peter nicht beklagen, führt er doch eine zufriedene und glückliche Beziehung mit seiner Jugendliebe MJ (Kirsten Dunst). Lediglich die zerrüttete Freundschaft zu Harry (James Franco) bereit ihm Kopfzerbrechen, während sich dieser insgeheim auf die finale Konfrontation mit Spider-Man vorbereitet. Während es für Peter bestens läuft, hat MJ mit Problemen zu kämpfen. Als Peter und Tante Mae (Rosemary Harris) dann erfahren, dass Onkel Bens wahrer Mörder, der Bankräuber Flint Marko (Thomas Haden Church), auf der Flucht ist, kocht in Peter wieder der scho in Spider-Man aufgetretene Wunsch nach Rache.

Nachdem Marko zu Beginn dann durch einen Unfall genetisch verändert und zum Sandman mutiert ist, sucht Peter später den Konflikt. Bei seiner Vergeltungssucht verletzt er dann nicht nur MJ, sondern auch seinen direkten Konkurrenten beim Daily Bugle, Eddie Brock Jr. (Topher Grace). Schuld an Peters Verhalten ist dabei ein außerirdischer Symbiont, der Besitz von ihm ergriffen hat. Für Peter gilt es nunmehr, sich auf seinen wahren Charakter zu besinnen und seine Gefühle unter Kontrolle zu kriegen. Eine Katharsis muss zu Ende gebracht werden, die in Spider-Man begonnen wurde. Gekonnt verknüpft Regisseur Sam Raimi hierbei die Handlung mit den Ereignissen aus den vorangegangen Teilen, sehr schön auch in der Eröffnungssequenz bebildert. Somit ist Spider-Man 3 letztlich ein würdiger Abschluss der Comic-Trilogie in allen Belangen.

Die Hauptthemen des Films sind Rache und Vergebung, die alle Figuren motivieren. Peter reitet sich in einen Rachedurst hinein, als er erfährt, dass Marko der eigentliche Mörder seines Onkels ist. Er stößt MJ von sich und verliert sich vollkommen in seiner Vergeltung. Nachdem er Marko vermeintlich getötet hat, stößt er bei seiner Tante zu seiner Überraschung nicht auf Dankbarkeit, sondern Abscheu. Sein Verhalten provoziert wiederum Rache beim Sandman, der zuvor keinerlei Aggressionen gegen Spider-Man hegte (“I don’t want to hurt you. Leave now.”). Diese Aggressionen leiten den Sandman letztlich zu Venom, der durch Eddie Brock Jr. gesteuert ebenfalls auf Rache aus ist. Brock ist ein schmieriger Charakter, der beim Anblick seiner Freundin, Gwen Stacy, in Lebensgefahr nichts Besseres zu tun hat, als Fotos für die Zeitung zu schießen.

Somit gehört Brock folglich zu der Sorte Mensch, die immer auf den kürzesten Weg zum erwünschten Ziel kommen möchte und sich dabei auch nicht scheut, fragwürdige Abkürzungen zu nehmen. Durch den Symbionten wird sich Peter also einen Feind schaffen, indem er Brock vor der gesamten Stadt demütigt. Auch Harry strebt es nach Rache, er will Spider-Man für den Tod seines Vaters aus dem ersten Teil büßen lassen, den er dem allseits beliebten Spinnenmann zu Unrecht angelastet hat. Nicht von ungefähr sind es dabei ausschließlich die männlichen Charaktere, denen es nach Rache gelüstet, während das weibliche Ensemble die Tugend der Vergebung propagiert. MJ muss Peter vergeben und diesen wiederum selbst dazu bringen, Flint Marko zu vergeben. Diese Lektion wird er auch außerdem noch von seiner Tante Mae lernen.

Im Trilogie-Abschluss macht Raimi vieles richtig und manches falsch. Die grundsätzliche Stimmung ist gut eingefangen, ein Comic-Flair spürbar. Die Action-Szenen (abgesehen vielleicht vom Finale) sind gut choreografiert und gebührend umgesetzt. Die Musik von Christopher Young kommt meist zwar nicht an den Score von Danny Elfman heran (es fehlt das Mystische), aber das Thema zu Flint Marko ist ausgesprochen gelungen. Nach der Zweitsichtung auf DVD hatte ich dem Film nochmals einen halben Punkt mehr zugesprochen, dem ich ihm bei der jetzigen Drittsichtung wieder abziehe. Zwar ist Spider-Man 3 weitaus lustiger und selbstironischer als es der erste Teil war, doch an den Humor von Spider-Man 2 kommt er dann doch nicht heran. Herausragend ist dennoch die Portraitierung des Evil Peter – herrlich selbstgefällig, arrogant und überheblich auf einmal.

Allein sein Walk-Down in den Straßen New Yorks mit Händeklatschen und Fingerpistole ist grandios, aber auch sonst sind viele Einstellungen amüsant geraten. Interessant ist der Aspekt von Raimi, einen Helden zu zeigen, der negative Eigenschaften trägt, im Gegensatz zum Antagonisten, der scheinbar aus löblichen Beweggründen agiert. Entgegen der allgemeinen Meinung fand ich den Film nicht zu schwülstig, sondern sehr glaubhaft und emotionsgeladen. Gefühle werden verletzt, Beziehungen stehen in Gefahr. Der Kameraschwenk in wunderschön romantischen Pastellfarben erinnert an King Kong und führt zu einem dramatischen Ende aller Konflikte. Entgegen anderer Trilogie-Abschlüsse (Pirates of the Carribean, Matrix) fährt Raimi den Karren nicht gegen die Wand, sondern bringt seine Handlung zu einem gelungen und würdigen Ende.

Dennoch hätte der Film weitaus besser sein können, denn vieles ist zu redundant ausgefallen. Wie in den Vorgänger muss MJ im Finale wieder von Spider-Man gerettet werden, sie wird entführt und als Falle ausgelobt. Das Ganze wurde schon im zweiten Teil eintönig und ist es hier erst recht. Dem hätte man zuvorkommen können, wenn man – wie ich an anderer Stelle schon mal erwähnt hatte – im ersten Teil auf MJ verzichtet und Gwen Stacy in den Mittelpunkt gerückt hätte. Es ist durchaus schön, diese nun endlich zu sehen und sie wird auch fantastisch von der attraktiven Bryce Dallas Howard dargestellt, nur wirkt sie etwas verschenkt. So wie sehr viel im Grunde verschenkt wird, denn Spider-Man 3 krankt an seinen drei Bösewichtern. Denn hatte es Spider-Man in den Vorgänger immer jeweils mit nur einem Gegner zu tun, so sind es dieses Mal derer drei.

Diese treten jedoch nicht parallel, sondern immer abwechselnd auf, sodass man gerne mal die anderen beiden vergisst, wenn sie 20 Minuten lang nicht im Bild sind. Frühzeitig legten sich Raimi und Tobey Maguire auf die Anwesenheit des Sandman fest. Dabei ist dieser eine ziemlich langweilige Figur und wurde vom Regisseur nur deswegen ausgewählt, weil seine Umsetzung eine Herausforderung darstellte. Und die Umsetzung ist auch gelungen, der Sandman wurde großartig animiert. So großartig, dass für Venom scheinbar nicht mehr genug Geld vorhanden war. Dass es Venom überhaupt in den Film geschafft hat, verdankt sich Produzent Avi Arad, der Raimi dazu aufforderte, den Fan-Liebling in den letzten Teil der Reihe mit einzubeziehen. Der Film wird Venom jedoch nicht gerecht, insbesondere nicht in dessen Animation und Darstellung durch Topher Grace.

Im Grunde stellt er nur einen Sidekick für Sandman dar, welcher der eigentliche Antagonist ist, da er Peters Rache-Thema vorantreibt. Eines sporadischen Venom hätte der Film dann nicht bedurft, die Figur ist verschenkt. Auch der Sandman, als liebender Vater, der nur das Beste für seine kranke Tochter wollte, ist ein kleiner Störfaktor. Besser wäre gewesen, man sich auf einen Hauptbösewicht beschränkt, dazu noch die Auseinandersetzung mit dem New Goblin. Wobei es fraglich ist, ob man Harry überhaupt ein Pseudonym geben muss, da er die Stadtbevölkerung gar nicht angreift. Die Handlung kann den drei Strängen jedenfalls nicht immer folgen, man fühlt sich bisweilen gehetzt, die finale Exposition kommt ebenfalls ziemlich überhastet. Auch die Einbindung der New Yorker ins Finale – inklusive Star Spangled Banner – beißt sich.

Meistens erweckt Spider-Man 3 den Eindruck, als habe man zwei Filme in einem erzählen wollen. So erklärt sich auch MJs Verhalten gegenüber Peter. Dennoch funktioniert der Film überaus gut, ich stufe ihn daher hinter dem zweiten Teil als den Besten der Trilogie ein. Entlohnen dürfte den Fan alleine der Cameo von Bruce Campbell, der seine Leistung aus dem Vorgänger erneut zu toppen weiß. Manches Logikloch im Skript findet sich dennoch, man hätte den Film durchaus anders und somit etwas plausibler erklären können. Wie ein anderes Ende für Spider-Man 3 hätte aussehen können, zeigt ein äußerst amüsanter und animierter Internet-Spoof. Dennoch war der dritte Teil ohne Frage ein Höhepunkt des vergangenen Kinojahres und zählt zu den gelungen Comicverfilmungen in einem Genrepool, der zurzeit keinen Beckenrand zu kennen scheint.

8/10

20. Juli 2008

Spider-Man 2

I believe there’s a hero in all of us.

Vielleicht wurde hier noch geschnitten, dort etwas editiert. Das Marketing rollte auf jeden Fall bereits in vollen Zügen und die Stimmung scheint gut. Ein Mann setzt seinen Namen unter einen Filmvertrag, Sam Raimi erklärt sich bereit, eine Fortsetzung zu Spider-Man zu drehen. Das alles gut einen Monat, bevor Spider-Man in den Kinos anlaufen und ein triumphaler Erfolg werden sollte. Die Produzenten von Sony engagierten Alfred Gough und Miles Millar (Shanghai Noon/Knights) für das Skript. Dieses sollte drei Gegner für Spider-Man vorsehen, letztlich verblieb man dann bei Doctor Octopus als alleinigen Antagonisten. Als Spider-Man mit einem Einspiel von 115 Millionen Dollar am Startwochenende  einen neuen Rekord aufstellte, gewährte Sony für das Sequel ein Budget von 200 Millionen Dollar, eine fast 50-prozentige Anhebung. Wenige Wochen später wurde aus dem Autoren-Duo ein Trio, als David Koepp die beiden unterstützte.

Innerhalb von zwei Monaten war das erste Drehbuch fertig und Michael Chabon wurde wieder engagiert, um es umzuschreiben. Letztlich pickten Regisseur Raimi und Drehbuchautor Alvin Sargent, der bereits für den ersten Teil engagiert wurde, sich das raus, was ihnen gefiel und Sargent machte sich an die endgültige Fassung. Die Dreharbeiten begannen allerdings bereits vor der Fertigstellung des finalen Skripts. Das Projekt stand voller Tatendrang und grenzenlosem Optimismus. Ende des Jahres 2002 verletzt sich Hauptdarsteller Tobey Maguire dann während der Dreharbeiten zu Seabiscuit am Rücken. Zu verdanken hatte er dies seiner Rolle als Jockey. Kurzerhand trat Sony an Jake Gyllenhaal heran, der ehemalige Kinderschauspieler war dank Donnie Darko zum Geheimtipp der Branche aufgestiegen. Zudem war er damals mit Hauptdarstellerin Kirsten Dunst liiert und verfügte somit über die nötige Chemie.

Doch der gute Stern stand über Spider-Man 2, denn Tobey Maguire erholte sich und konnte seine Rolle wiederaufnehmen, die ihm ein Gehalt von 17 Millionen bescherte und damit in die Champions League der Hollywood-Schauspieler katapultierte. Seine Rückenprobleme wussten Raimi und die Crew dabei gezielt auf die Schippe zu nehmen und verarbeiteten Referenzen in den Film, wenn Peter Parker in einer Hommage an The Matrix von einem Dach springt mit den Worten “I’m back! I’m back”, nur um mehrere Stockwerke tief zu fallen und zu Fuß davonzuschleichen, dabei murmelnd: “My back. My back”. Ein Wortwitz, der in der deutschen Synchronisation verloren geht. Die Rekorde, die Spider-Man aufgestellt hatte, konnte seine Fortsetzung locker brechen, selbst wenn er insgesamt finanziell das Nachsehen hatte. Sowohl in Nordamerika als auch weltweit gesehen, liegt die Fortsetzung vom Einspielergebnis hinter dem ersten Teil.

Dabei wurde der Film von Fans wie Kritikern besser bewertet als sein Vorgänger. So hat er bessere Bewertungen in der IMDb, wie auch bei Rotten Tomatoes. Die Besetzung blieb dieselbe, denn da mit Doc Ock lediglich eine neue Figur hinzukam, musste auch nur diese Rolle neu besetzt werden. Waren Stars wie Robert De Niro oder Charakterdarsteller wie Chris Cooper im Gespräch, so wurde es am Ende Alfred Molina, den Raimis Ehefrau in Frida besonders überzeugend fand. Eine wahrhaft gelungene Entscheidung, denn Molina haucht seiner Figur äußerst überzeugend Leben ein und hatte – wie die Special Features zeigen – sichtlich Spaß am Set. Neben dem finanziellen Erfolg und dem nunmehr feststehenden Star-Status von Maguire und Dunst durfte sich der Film auch bei den Academy Awards im Jahr darauf feiern lassen, bei welchen er mit dem Oscar für die Besten Visuellen Effekte ausgezeichnet wurde.

Die visuellen Effekte sind stark an den Matrix-Sequels orientiert, wirkt der animierte Spider-Man oft ebenso unnatürlich wie der digitalisierte Neo. Doch dies springt einem nur zu Beginn wirklich negativ ins Auge, bald schon fügen sich die Effekte besser ein und spätestens bei der Bahn-Szene überzeugt der Film restlos. Kein Wunder, arbeitetn doch 200 Leute an ihnen und verschlangen 50 Millionen Dollar des Budgets. Hilfreich beim Spider-Man-Feeling für die Zuschauer war die Einführung der so genannten Spydercam, die unter anderem an einem Seil befestigt fünfzig Stockwerke fallend filmen konnte. Eben jene Kamerafahrten sorgen für gehörige Stimmung und lassen einen richtig teilhaben an Peter Parkers nächtlichen Ausflügen. Für die sorgen auch Raimis vielfache Remineszensen an die Comic-Serie. Besonderen Einfluss auf die Handlung hatte dabei Spider-Man No More (#50), der Raimi sogar teils eins-zu-eins beeinflusste.

Aber es findet sich auch eine Referenz zur Animations-Folge The Terrible Triumph of Dr. Octopus. Zusätzlich verwies Raimi neben The Matrix auch auf Superman und seinen eigenen The Evil Dead sowie dessen Fortsetzung The Evil Dead II. Ergänzt werden diese Szenen dann von zwei Cameos durch Evil Dead II-Mitautor Scott Spiegel und den obligatorischen Bruce Campbell. Letzterer wird im übrigen mit jedem Spider-Man-Teil amüsanter, egal ob hier als Platzanweiser in MJs Theater oder in Spider-Man 3 als liebenswürdiger und planloser Maitre d’. Wie es sich für eine ordentliche Marvel-Verfilmung gehört, darf auch der Auftritt von Schöpfer Stan Lee nicht fehlen. Zudem wartet für alle Fans von Lost, denen er bei Hulk entgangen ist, auch hier in einer kurzen Nebenrolle wieder Daniel Dae-Kim auf. Und wer weniger ein Fan von Lost, dafür aber von Death Proof ist, der darf sich dafür in gleich zwei Szenen auf Vanessa Ferlito freuen.

Ist Peter Parker im ersten Teil noch seiner Verantwortung gefolgt, so erlebt er in der Fortsetzung die Schattenseiten seines Helden-Daseins. Um sie zu schützen, hat er sich von MJ los gesagt, doch packt ihn die Eifersucht, als diese sich mit John Jameson verlobt und der arme Peter das auch noch fotografieren muss. Die Beziehung zu Harry ist ebenfalls leicht erschüttert, da dieser von Peter die Identität Spider-Mans verlangt. Auch hier kommt es zur Klimax, in derselben Szene wie der MJ-Moment. Zeit für die Universität hat Peter kaum noch, seinen Nebenjob verliert er, das Leben seiner geliebten Tante Mae (Rosemary Harris) läuft an ihm vorbei. Das Spider-Man-Dasein beansprucht Peters ganze Zeit und dies auf Kosten seines Privatlebens. Kein Wunder, beginnt Peter mit seinem Schicksal zu hadern. Schließlich sagt er sich los vom Heldentum, stattdessen beginnt er ein ganz normales Leben, in welchem er glücklich mit MJ sein kann.

Hier baut Raimi starke Referenzen zum zweiten Superman-Abenteuer ein, in welchem auch der stählerne Mann seinen „Job“ an den Nagel hing. Mit der Zeit lernt Peter jedoch die Konsequenzen von Spider-Mans Abwesenheit. Sargent wickelt seine Katharsis in einen Dialog mit Tante Mae ein, der zwar etwas gelackt daherkommt, aber praktisch notwendig ist. Die Geschichte wird vorangetrieben, Peter hat eine Entscheidung getroffen und ist bereit, die Konsequenzen zu tragen. Menschen brauchen Identifikationsfiguren und Helden, Peter nimmt diese Rolle ein, letztlich gewinnt er sogar noch MJ. Was kann er sich mehr wünschen? Im Abschluss der Trilogie scheint Spider-Man zu Beginn dann auf seinem Höhepunkt, mit Paraden, T-Shirts und allerlei anderem Gedöns. Wie Peter hier jedoch im zweiten Teil hadert, ist ausgesprochen gelungen von Raimi in Szene gesetzt und kongenial von Maguire in die Kamera gespielt.

Dabei präsentiert Raimi viele der Zutaten, die bereits den Vorgänger so schmackhaft machten. Verschiedene Elemente (brennendes Haus, Peter bringt Müll raus) werden direkt übernommen, allen voran das Ende. Hier tritt genau das ein, was Peter eigentlich vermeiden wollte: MJ wird vom Bösewicht entführt. Das Finale selbst, obschon nicht sonderlich actionreich, darf als gelungen angesehen werden, allein wegen Peters Demaskierung und Octavius’ Läuterung. Das hier der erste Teil grüßen lässt, hätte man durchaus vermeiden können, wenn man im ersten Teil einfach auf Gwen Stacy gesetzt hätte. Dann hätte man die Redundanz von „Mary Jane wird entführt“ vermeiden können. Spider-Man 2 überwiegt jedoch an positiven Aspekten, darunter wie immer Danny Elfmans Score. Scheinbar kam es jedoch zur Spaltung zwischen Elfman und Raimi, zumindest wurden viele Stücke von Christopher Young im Anschluss nachkomponiert.

Auch die Action weiß zu überzeugen, allen voran die zwischen Spider-Man und Doc Ock auf der Bahn. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fallen auch nicht mehr die negativen Aspekte des digitalen Spider-Man auf. Was den zweiten Teil jedoch so gelungen macht, ist sein Humor, der den ersten Teil übertrifft. Neben der „Rücken“-Szene ist beispielsweise auch die Fahrstuhlszene ein Reißer für sich und weiß, wie der Großteil des Films, zu unterhalten. Mit seiner Fortsetzung ist Raimi somit eine merkliche Steigerung zu Spider-Man gelungen, dessen Dialoge im Vergleich zu diesem Teil weitaus gestelzter wirkten. Mit dem dritten Teil ist Raimi damit eine der gelungensten, da stimmigsten, Trilogien in der Filmgeschichte gelungen, in welcher der erste Teil mal nicht so hohe Erwartungen schuf, dass die Fortsetzungen diesen nicht gerecht werden konnten. Spider-Man 2 ist jedenfalls eine der besten Comic-Verfilmungen aller Zeiten.

9/10

8. Juni 2008

Spider-Man

With great power comes great responsibility.

In den 1960ern sollte Marvel zu seinem heutigen Ruhm aufsteigen, indem es in diesem Jahrzehnt seine berühmten und beliebten Charaktere wie den Hulk, die X-Men oder Spider-Man erschuf. Während Namor (1939) und Captain America (1941) zu den Pionieren der Marvel-Comichelden zählten, hatte Spider-Man seinen ersten Auftritt erst 1962. Seitdem hat es die von Stan Lee und Steven Ditko erschaffene Figur im Grunde zum Liebling des erfolgreichen Studios geschafft, was ihrem Charakter zu verdanken sein dürfte, der sicherlich näher an seiner Leserschaft ist als es bei anderen Superhelden der Fall. Inzwischen wird Spider-Man von Marvel selbst als Maskottchen verwendet und eine Identifikation der Firma mit der Figur ist eingetreten. Über zwei Dutzend verschiedene Serien um den Spinnenmann gibt es inzwischen, hunderte von Ausgaben beschäftigten sich in den vergangenen 46 Jahren mit den Abenteuern von Peter Parker.

Hierzu kommen noch fast zwei Dutzend TV-Animationsserien, am bekanntesten dürfte die Figur jedoch aufgrund ihrer Kino-Trilogie sein. Wurden die Neunziger praktisch von den Batman-Verfilmungen beherrscht, war es um die anderen Comichelden ruhig. Nachdem das Genre mit dem trashigen Batman & Robin gegen die Wand gefahren wurde und der Markt gesättigt schien, wagte man um das Millennium einen Neubeginn. Allen voran ist es Blade (1998) und insbesondere X-Men (2000) zu verdanken, dass die Kinoindustrie nun vom Superhelden-Genre dominiert wird. Kaum ein Jahr, in dem nicht irgendein maskierter Rächer durch die Städte streift. Dieses Jahr schaffte es Iron Man in die Kinos, folgen werden ihm noch The Incredible Hulk, Hellboy 2: The Golden Army und The Dark Knight. Für das kommende Jahr dürfen sich die Fans neben Alan Moores Watchmen auch auf Will Eisners The Spirit und X-Men Origins: Wolverine freuen.

25 Jahre lang hatte man sich an einem Spider-Man-Film versucht, ehe die Planungen in den Neunzigern ihr Endstadium erreichten. James Cameron schrieb ein Drehbuch, welches Doc Ock als Bösewicht vorsah und auf Mary Jane gänzlich verzichtete, stattdessen Flash und Gwen Stacy stärker in die Handlung einband. Cameron selbst war als Regisseur für die Verfilmung überhaupt nicht vorgesehen, stattdessen bemühte man sich im Tim Burton, Tony Scott, Roland Emmerich und David Fincher. Letzterem sagte das Drehbuch nicht zu, welches dann von David Koepp überarbeitet wurde, dessen Skript zum vierten Indiana Jones-Film für Gesprächsstoff sorgte. Koepp übernahm viele Elemente von Cameron, allerdings zur Unzufriedenheit der Macher. Zwar wird Koepp als alleiniger Autor von Spider-Man geführt, sein Skript überarbeiteten aber noch Scott Rosenberg (Con Air) und anschließend von Alvin Sargent (Ordinary People).

Sargent sollte die Dialoge etwas aufpolieren, was einem bei wie ein Witz vorkommen muss, da grade die Dialoge zu den großen Mängeln des Films zählen. Für die Hauptrollen von Peter Parker und Mary Jane Watson waren unter anderem Leonardo Di Caprio und Alicia Witt vorgesehen, doch sollte alles anders kommen. Der im Horror beheimtatete Sam Raimi, der bereits mit Darkman eine Comicverfilmung vorweisen konnte, wurde als Regisseur an Bord geholt und entschied sich nach Sichtung von The Cider House Rules für den aufstrebenden Tobey Maguire als Peter Parker. An seiner Seite wurde die recht unbekannte Kirsten Dunst gecastet und der Part von Norman Osborne, den Nicolas Cage und John Malkovich aus Zeitgründen ablehnten, wanderte zu Willem Dafoe. Für 130 Millionen Dollar entstand Spider-Man schließlich 40 Jahre nach seiner Geburt und avancierte zum ertragreichsten Film des Jahres in den USA.

Wie angesprochen liegen die Sympathien für Peter Parker wohl an seinem Charakter, ist er doch kein Milliardär (Bruce Wayne, Tony Stark) oder Erwachsener (Die Fantastischen Vier, X-Men), sondern ein Teenager und Schüler. Mit seiner Brille und seinem Interesse an  Naturwissenschaften ist er der Inbegriff eines Nerds und bedient damit ohne Frage seine Zielgruppe. Sportskanonen und Kiffer dürften kaum den Massenanteil der Comic-Leserschaft stellen, wer sich die Nerdhaftigkeit des Klientels vor Augen führen möchte, darf gerne zu der jährlichen Abhaltung von Comic Con fahren und die Fans des Franchise beobachten. Vollwaise Peter Parker (Tobey Maguire) verpasst jeden Morgen den Schulbus, in diesem will keiner neben ihm sitzen und er liebt logischerweise das Mädchen von nebenan: MJ (Kirsten Dunst). Diese geht jedoch, wie es der Zufall so will, mit dem größten Trottel der Schule aus: Football-Spieler Flash.

Paradoxerweise ist Peters einziger Freund der Milliardärssohn Harry Osborne (James Franco). Nachdem Raimi seinen Helden als Average Joe etabliert hat, kann er zu dessen Metamorphose schreiten. Ein Schulausflug wirkt sich fatal aus, nachdem Peter von einer mutierten Spinne gebissen wird. Hier bediente sich Koepp scheinbar von seinem Drehbuch zu Jurassic Park, wenn die verschiedenen Spinnengenome einen DNS-Strang komplettieren. Die Spinnengene verbinden sich also mit Parkers DNS und lassen ihn zur menschlichen Spinne verkommen oder anders gesagt (Bruce Campbells Cameo lässt grüßen): zum “amazing spider-man”. Entgegen der Comic-Reihe erzeugt Parker das Spinnennetzgewebe selbst, sprich organisch, anstatt es chemisch herzustellen. Raimi zufolge sollte dies die Glaubwürdigkeit des Charakters stärken, Fans dürfen davon halten was sie wollen. Parkers Metamorphose ist jedenfalls eingeleitet.

Raimi serviert dem Publikum seinen Helden mit einer gehörigen Portion Witz, die fast schon an die Gagdichte des dritten Teiles heranreicht. Amüsant sind vor allem Parkers erste Versuche das Spinnengewebe zu erzeugen, die zu Referenzen von Superman (“up, up and away!”) und Captain Marvel (“shazam!”) verkommen. Anschließend wird sich auch nicht lange mit der Entwicklung der Kräfte aufgehalten, der kathartische Moment von Onkel Bens Tod wirft Parker quasi ins kalte Wasser, in welchem er sich anschließend bewährt. Die Handlungsebene von Onkel Ben wird speziell im Trilogieabschluss erneut aufgegriffen, auch sein verklärtes Motto, dass mit großer Macht große Verantwortung einhergeht. Entgegen den Planungen von Maguire wird nun an einer neuen Spider-Man-Trilogie gearbeitet, mit frischen jungen Gesichtern, da Dunst und Raimi ihr Engagement von Maguires Entscheidung abhängig machten.

Während Peter Parker und im Grunde auch Harry Osborn näher durchleuchtet werden, gerät MJ etwas ins Hintertreffen. Alles was der Zuschauer erfährt, ist ihr zerrüttetes Elternhaus und ihre Leidenschaft fürs Theater. Wieso sie Gefühle für Flash und Harry entwickelt, erfährt man ebenso wenig, wie ihre endgültige Entscheidung zugunsten von Peter. Fraglich, weshalb man nicht – die Trilogie stand ja fest – im ersten Teil Gwen Stacy anstelle von MJ eingebaut hat, anstatt dies nachträglich im dritten Teil zu tun. Gerade da die Filmhandlung zu einem Großteil ohnehin auf der Ausgabe The Night Gwen Stacy Died basiert, was auch den Abschied des Charakters mit einbezogen hätte. Womöglich wollte Raimi seinen Film aber nicht mit gleich zwei traumatischen Erlebnissen für seinen Helden überfrachten. Problematisch bleibt dennoch, dass Dunst fehlbesetzt wirkt und in dem Triumvirat der Männer unterzugehen scheint.

Dass es sich bei den Superhelden um Außenseiter handelt, merkt man spätestens an den Namen Tim Burton und Danny Elfman, die jedesmal bei Projekten aufkommen (Batman, Superman, Spider-Man, X-Men). Gerade Elfman steuert gerne die Musik fürs Genre bei, stammen außer den Burton-Batman-Filmen doch auch der Soundtrack zu Spider-Man oder Hulk von ihm. Seine Töne, wenn Spider-Man sich durch die Straßen Manhattans schwingt, passen perfekt zur Figur und vermischen Sinnliches mit Übersinnlichem. Maguire geht dabei in seiner Rolle sehr gut auf, hadert jedoch mit den ernsten Momenten. Den Schultölper Peter Parker jedoch spielt er mit einer überzeugenden Leichtigkeit, die seine lange Verankerung im Filmgeschäft durch Rollen wie in The Wonder Boys oder Eerie, Indiana sicherlich zu fördern wusste. Als Peter aber einen Fehler macht, wird dies das Leben seines geliebten Onkel Ben kosten.

Die Konstellation Rache-Tod bildet in Spider-Man 3 den Startpunkt der Handlung. Zudem wird hier am Ende die Rahmenhandlung für einen neuen Antagonisten gebaut, obschon eine Internetparodie die Schwäche des Drehbuches offen zulegen scheint. Dieses hat ohnehin an vielen Punkten Probleme, die Handlung voran zu treiben, was X-Men sehr viel besser gelang (wobei dieser ebenfalls Schwächen besaß). Das gespiegelte Schizophrenie-Gespräch fand sich Ende 2002 auch in The Two Towers wieder, wobei es dort weit weniger lächerlich wirkte, als es hier bei Osborn der Fall ist. Ganz bitter ist jedoch, dass Koepp die Klimax des Finales aus Batman Forever klaut (Chase und Robin hier, MJ und Gondel mit Kindern da). Koepp scheint insgesamt kein Talent für gute Drehbücher zu haben, was seine bisherigen Arbeiten (Snake Eyes, Secret Window, War of the Worlds) bis auf wenige Ausnahmen bestätigen können.

Ein Superhelden-Film ist kein Superhelden-Film, wenn er nicht mit Actionszenen und den dazu nötigen Effekten aufwarten kann. Hier unterliegt Spider-Man derselben Schwäche wie The Matrix Reloaded, bieten beide einen Helden, der aus dem PC stammt und auch entsprechend aussieht. Wie es richtig geht, zeigte Bryan Singer zwei Jahre zuvor in X-Men, auch wenn dort mancher Effekt noch etwas unbeholfen wirkte. Wirklich negativ fällt der animierte Spider-Man zwar nicht auf, dennoch überzeugen die Effekte in Teil 2 mehr. Das Problem dürfte hier daran liegen, dass durch die Kostümierung von Maguire gänzlich nichts zu sehen ist und somit keinerlei Notwendigkeit für eine nähere Darstellung besteht (im Gegensatz zu X-Men, wo die Identitäten nicht durch Kostüme geschützt werden müssen). Die Mankos des ersten Spider-Man sind neben dem teils holprigen Drehbuch und den schwachen Dialogen somit die Action.

Die mehrfache Konfrontation des Green Goblin mit Spider-Man verliert mehr und mehr an Tempo, vor allem da eine direkte Konfrontation nicht wirklich auftritt. Gelungen ist natürlich die Tatsache, dass der Goblin Spider-Man von seinen Idealen überzeugen will, dennoch verliert die Geschichte mit jedem Aufeinandertreffen an Intensität. Die Actionszenen selbst sind dabei noch ziemlich spärlich und reichen in keinster Weise an den furiosen zweiten Teil heran. Als Origin-Story geht Spider-Man in Ordnung, da sie schwer zu inszenieren war, bedenkt man die aufwendigen Szenen durch Manhattan, die wenig bis gar keine Zentrierung von Kämpfen möglich machen. Raimi ist für seine Arbeit ein Lob auszusprechen, allgemein ist seine Trilogie durchaus gelungen. Spider-Man ist ein gutes Beispiel für einen Film mit einer gelungenen Helden-Exposition, an der sich ein Iron Man hätte orientieren können.

7.5/10