Posts mit dem Label Emile Hirsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Emile Hirsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

19. Oktober 2009

Taking Woodstock

You have a permit, right?

Vor 40 Jahren fand das legendäre Musikfestival Woodstock statt, das quasi für die gesamte Hippie-Bewegung angefangen mit den 68ern bis hinein in die siebziger Jahre stehen kann. Dass zum Jubiläum ein Film über jenes Festival in die Kinos kam, wurde von den Medien natürlich wärmstens aufgenommen. Und plötzlich stellt sich – zumindest für die Öffentlichkeit – heraus, dass nach vier Jahrzehnten ja doch alles ein wenig anders war, wie man es zuvor gekannt hat. Denn in Taking Woodstock, dem Film wie dem Roman, wird Elliot Tiber zum Helden der Geschichte. In der Süddeutschen erkor man Tiber zum „Mann, der Woodstock gerettet hat“ und für den Spiegel ist er gar der „Mann, der Woodstock möglich machte“. Wogegen er in einem anderen Artikel des Spiegels lediglich zum „Mann mit der Wiese“ erklärt wurde. „Man hat mich über Jahrzehnte ignoriert“, beklagte Tiber im Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Doch diese Phase war nun, vierzig Jahre später vorbei. Oscarpreisträger Ang Lee sei Dank.

Für SZ-Autorin Christina Waechter ist es „das wichtigste Festival aller Zeiten“, ihr Spiegel-Kollege Marc Pitzke sieht in Woodstock die „legendärste Spielwiese“ der Blumenkinder. Deswegen ist sich Roland Lindner von der FAZ auch sicher: „Ohne Elliot Tiber wäre es nicht so weit gekommen.“ Elliot Tiber also, der Mann, der Woodstock gerettet hat oder möglich gemacht hat. Wie man es sehen möchte. Auf jeden Fall der Mann mit der Wiese. Oder eigentlich doch nicht. Denn die Wiese gehörte Max Yasgur, einem örtlichen Milchbauern. Aber wie Tim Burton schon dem legendären Regisseur Edward D. Wood Jr. in den Mund legte: Film-Making is not about the tiny details, it's all about the big picture. Insofern spielt es für Taking Woodstock keine Rolle, dass die Wiese von Yasgur (Eugene Levy) nicht dank Elliot Tiber (Demetri Martin) in die Hände von Woodstock-Organisator Michael Lang (Jonathan Groff) gelangte. Oder dass Elliot – entgegen den Bildern, die Lee vermittelt – bereits vor Woodstock im Klaren über seine Homosexualität war.

Ohnehin erfährt man von Elliots Leben nicht sonderlich viel. Von seinem aufregenden New Yorker Nachtleben – er traf scheinbar Marlon Brando und Rock Hudson, war sogar mit Truman Capote befreundet – ganz zu Schweigen. Thomas Alberthauser bezeichnet ihn in der WELT daher als „Müttersöhnchen“. Denn Elliot steckt seine ganzen Ersparnisse in das heruntergekommene Motel seiner Eltern, zweier russischer Juden, die einst in die USA ausgewandert waren. Fleißig kommt er jedes Wochenende nach Hause, hilft aus und versucht die Bank um einen Aufschub der Hypothek zu bemühen. Dass Elliot ein herzensguter Junge ist, merkt man auch an seiner Organisation der örtlichen Freizeitgestaltung oder dass er eine freizügige Lokaltheatergruppe (u.a. Dan Fogler) in der elterlichen Scheune hausen lässt. Als er dann von einer möglichen Absage des Woodstock-Festivals hört, schnellen ihm die Dollarzeichen in die Pupillen und einen Anruf später scheinen die Probleme von jedem gelöst zu sein. Yasgur erhält 75.000 US-Dollar Miete für seine Wiese und das Motel von Elliots Eltern (Imelda Staunton, Henry Goodman) ist den ganzen Sommer ausgebucht.

Alberthauser lobt, dass Ang Lee „das Festival ganz ohne Konzert“ feiert und darüber hinaus nicht nur „die xte Coming-Out-Story“ propagiert. Was so nun auch nicht stimmt, denn Elliots Coming Out spielt durchaus eine Rolle in Taking Woodstock, wenn auch nur eine subtile. Einer der Handwerker hat es ihm angetan und so wie Lee die Bilder zusammenfügt, könnte man meinen, dass Elliot selbst zuvor noch gar nicht wusste, dass er eigentlich homosexuell ist. Also nicht die xte Coming-Out-Story, gut. Und dass Lee das Festival als solches abgesehen von einer sehr schön photographierten Meeres-Metapher nicht präsentiert, ist auch legitim. Wenn er aber schon keine Coming-Out- oder Coming-of-Age-Story erzählen möchte, und auch keinen Film, bei dem Woodstock als solches im Zentrum steht, dann doch bitte irgendetwas anderes. Hauptsache eine Geschichte. Auf eine solche wartet man jedoch vergeblich. Stattdessen verliert sich Lee in seiner Referenz an Michael Wadleighs Woodstock-Doku, wenn er unentwegt Bilder in ein unsinniges Split-Screen-Verfahren presst.

Und wenn man nicht gerade inhaltsfreie Bilder im Drei- oder Vierfach-Split-Screen bewundern darf, schubst Lee eine schrullige Figur nach der anderen vor die Kamera, um ein paar Lacher herauszukitzeln. Da wäre die Nudisten-Theatergruppe, der mehr als nervige Vietnam-Veteran Billy (Emile Hirsch), der/die Ex-Marine und jetziger Transvestit Vilma (Liev Schreiber), zwei Acid-Twens im VW-Bus (Kelli Garner, Paul Dano) oder ein von Blumenkindern bekehrter Streifenpolizist. Dass sich Lee erdreistet dann auch noch das ausgelutschte Bild der bekifften Eltern zu integrieren – eine Szene, die schon in Michael Bays Transformers: Revenge of the Fallen nicht mehr lustig war -, kommt da dann nur noch wie eine schallende Ohrfeige daher. Nicht nur sind all diese Figuren total unlustig – im Falle von Hirsch sogar grauenhaft schlecht und klischeehaft -, sondern sie haben auch keinerlei Mehrwert für dieses armselige Konstrukt, das bei Lee und Drehbuchautor James Schamus wohl gerne als Handlung durchgegangen wäre.

Insofern ist Taking Woodstock im eigentlichen Sinne kein Film, sondern eine Aneinanderreihung von Bildern, die versuchen ein ´69er-Gefühl zu erwecken, indem langhaarige Nackte, Drogenkonsum und Schlammhügel gezeigt werden. Und selbst wenn sich dann gelegentlich der Ansatz für eine Geschichte zu erkennen gibt, betoniert Lee diese Momente mit einem raschen Szenenwechsel zu. Da findet Elliot am Ende seine Mutter im Wandschrank, wo sie fast schon raffend 97.000 US-Dollar hortet, während ihr Sohn seine Ersparnisse und Freizeit in ihre Bruchbude von Motel gesteckt hat. Hier ist sie, eine mögliche Wende in der Geschichte oder besser gesagt ein möglicher Ansatz für eine solche. Doch Lee ignoriert die Szene. Als Elliot enttäuscht seine Sachen packt, um endlich sein eigenes Leben zu leben, fragt er seinen Vater, wie dieser es vierzig Jahre mit dieser Frau ausgehalten habe. „I love her“, entgegnet dieser erwartungsgemäß, ohne dass in den zwei Stunden zuvor in auch nur einer einzigen Szene eine Begründung für dieses Liebesgefühl zu entdecken gewesen wäre.

Als wirkliches Ende kann man den Schluss auch nicht bezeichnen, weil Lee einfach irgendwann ausblendet, wie er zwei Stunden zuvor auch plötzlich eingeblendet hat. Einen „Entwicklungsroman eines jungen Mannes“, wie Alberthauser es bezeichnet, lässt sich schwer ausmachen. Eher schon das Erfassen von „Zuckungen“, wie es Fritz Göttler in der SZ schrieb. Die Frage ist jedoch, wozu es eines Spielfilms bedarf, um ein Gefühl von Woodstock zu transferieren, wo dies in Hadleighs Dokumentation doch sehr viel besser gelingt. Denn zwei Stunden Split-Screen und ein halbes Dutzend nutzloser, durchgeknallter Nebenfiguren, die sich stets nur in der Peripherie des Geschehens bewegen – wobei „bewegen“ schon zuviel des Guten ist -, langt nicht aus, um eines Filmes, allen voran eines von Ang Lee, würdig zu sein. Da will dann auch die herausragende darstellerische Leistung von Imelda Staunton kaum noch etwas bewirken. Somit kann man wohl sagen, dass Elliot Tiber der Mann ist, der Taking Woodstock möglich gemacht hat. Der Mann, der diesen Film gerettet hat, ist er jedoch nicht.

4.5/10

20. Februar 2009

Milk

A homosexual with power... that's scary.

Letztes Jahr wurde in Kalifornien dem Antrag 8 stattgegeben, der es Homosexuellen untersagt, gleichgeschlechtliche Ehen einzugehen. Schon 2003 hatte der damalige US-Präsident George W. Bush klargemacht, dass seiner Ansicht nach die Ehe für Mann und Frau vorbehalten sei. Dabei sind gleichgeschlechtliche Ehen heutzutage in vielen aufgeklärten Ländern wie Deutschland oder Kanada Alltag, doch in Amerika ticken die Uhren der größtenteils konservativen Gesellschaft eben anders. Dabei wurde dreißig Jahre zuvor ein kleiner Sieg errungen, gegen einen ähnlich kontroversen Antrag. Dieser, namentlich Antrag 6, sah die Entfernung aller Homosexuellen und deren Unterstützer aus dem Schulwesen vor. Denn homosexuelle Lehrkräfte erzeugen homosexuelle Schülerinnen und Schüler – so die Befürchtung einiger Erzkonservativer wie John Briggs oder Anita Bryant. Der Antrag wurde in Kalifornien abgelehnt, doch der vermeintliche Fortschritt erfuhr dreißig Jahre später einen bitteren Rückschlag.

Eine der zentralen Figuren in der damaligen Bürgerbewegung war der homosexuelle Stadtrat Harvey Milk. Oder besser gesagt, der erste sich öffentlich zur Homosexualität bekennende städtische Beamte. Nach mehreren Versuchen Mitte der siebziger Jahre gelang es Milk schließlich 1977 ins Amt eines Stadtrates gewählt zu werden. Allerdings wurde der damals 48-Jährige nach nur elf Monaten im Amt von seinem ehemaligen Kollegen Dan White erschossen. White, der zuvor von seinem Amt zurückgetreten war und dieses wenige Tage später wieder rückgängig machen wollte, erschoss am 27. November 1978 nicht nur Harvey Milk, sondern auch seinen Vorgesetzten und San Franciscos Bürgermeister George Moscone. Für Aufsehen sorgte schließlich Whites Verurteilung, in welcher er die Todesstrafe umschiffte, basierend auf der Verteidigung, er habe einen Zuckerschock durch Fast Food erlitten und dieser hätte in einer Depression gemündet. Urteile, wie sie nur in Amerika zu Stande kommen. Rob Epstein würdigte dem Leben von Harvey Milk 1984 mit The Times of Harvey Milk ein dokumentarisches Denkmal und wurde dafür mit einem Academy Award ausgezeichnet. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Milk, ein Spielfilm von Gus Van Sant, ebenfalls bei den Academy Awards vertreten.

Die Verfilmung von Harvey Milks Aufstieg endete wie so viele Hollywood Produktionen in der Entwicklungshölle. Zu einem Zeitpunkt war Oliver Stone daran interessiert das Projekt zu übernehmen, dann wanderte es von den homosexuellen Regisseuren Bryan Singer zu Gus Van Sant. Dieser wollte den Film zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit verschiedenen Darstellern in der Rolle von Milk umsetzen. Darunter waren Robin Williams, Richard Gere und Daniel Day-Lewis. Schließlich ging der Part an Charakterdarsteller Sean Penn und die Nebenrolle von Dan White wurde an Josh Brolin übergeben, der Matt Damon ersetzte, weil dieser aus zeitlichen Gründen unabkömmlich war. Mit einem ziemlich bescheidenen Budget von 15 Millionen Dollar wurde Milk an zahlreichen realen Schauplätzen gedreht, darunter der berühmten Castro Street in San Francisco und in Milks damaliger Wohnung. Mit Nominierungen in acht Kategorien blickt Gus Van Sants Rückkehr zu kommerziellen Pfaden nach Indie-Dramen wie Elephant und Paranoid Park hoffnungsvoll zur Verleihungen des prestigeträchtigsten Preises des Jahres.

Van Sant platziert Harvey Milk (Sean Penn) als den Erzähler seiner eigenen Geschichte, indem er den Film durch Milks Aufzeichnung seines Testamentes, neun Tage vor seiner Ermordung, ein- und ausleiten lässt. Über dieses Stilmittel, welches gemeinsam mit der Darstellung des Vorabends von Milks Tod fast schon Züge einer Kassandra einnimmt, lässt sich sicherlich streiten. Wirklich nötig war dieser narrative Faden nicht und oftmals wirkt er im Erzählfluss etwas störend. Ohnehin ist Van Sant der ganze Einstieg in seinen 13. Film (seine beiden Beiträge zu zwei Episodenfilmen nicht mitgezählt) eher misslungen. Von der ersten Einstellung des Kennenlernens von Milk und seinem Lebenspartner Scott (James Franco) wechselt das Bild anschließend direkt in eine neue Lebensphase des gebürtigen New Yorkers. Mit langen Haaren und wildem Bart machen sich die beiden Männer auf nach San Francisco, klar im Hippie-Wahn aber ohne den Weg dahin zu reflektieren.

Anschließend kaufen sich die beiden ihr eigenes Geschäft und es ist durchaus charmant, wenn der Regisseur sie vor diesem schmusend ablichtet, während in der Innenscheibe des designierten Kameraladens ein Schild mit der Aufschrift „Yes, we’re open“ hängt. Doch das Vorspulen durch Milks prä-politische Phase geht weiter. Die Diskriminierungen gegen Homosexuelle nehmen zu und finden schließlich auch ein Todesopfer. Auch hier weiß Van Sant durch eine nahezu brillant eingefangene Szene von Milk und einem Polizeisprecher in der Reflektion einer Trillerpfeife (die eigentlich zum Schutz der Homosexuellen gedacht war) zu gefallen. Drehbuchautor Dustin Lance Black versucht überdeutlich in wenigen Szenen das Vorleben Milks zu zeigen, doch wirken diese Augenblicke stark überhastet und lassen die Motivationen und Intentionen der Figuren nicht immer deutlich werden. Ein Einstieg direkt bei der ersten Kandidierung unter Bezugnahme auf die vorangegangenen Ereignisse in Dialogform wäre wahrscheinlich empfehlenswerter gewesen.

Auch bei der Interpretation von Milks Tod tritt Van Sant in das eine oder andere Fettnäpfchen. Der prophetische Besuch der unheilsvollen Oper Tosca am Vorabend seiner Ermordung und Verbindung mit Milks letztem Moment vor seinem Tod ist derartig kitschig, dass es schon beinahe widerlich ist. Dabei wäre auch diese Schwäche wie die anderen sehr leicht abwendbar gewesen und wären dem Film zu Gute gekommen. Denn in den neunzig Minuten zwischen Einleitung und Schluss ist Milk ein geradliniges und mitreißendes Biopic. Milks unermüdlicher Kampf zu der erstrebten politischen Position und sein Effekt auf seine Umgebung werden anschaulich portraitiert. Auf der Strecke bleiben dafür dann jedoch sein eigenes Innenleben, seine Zweifel und seine emotional schwachen Momente, insbesondere jedoch eine genauere Beleuchtung prinzipiell aller Nebenfiguren. Hat Scott zu einem Zeitpunkt keine Lust mehr auf Harvey politische Agenda, taucht er plötzlich wieder bei einem Treffen auf, sitzt in der Mitte, quasi als wäre er nie abwesend gewesen.

Mit der Kameraarbeit von Harris Savides war ich selbst nicht immer zufrieden. Ich hätte mir ruhigere Bilder und mehr Totalen gewünscht, anstatt dass Milk quasi in jeder Einstellung den Mittelpunkt stellte (selbst wenn der Film Milk heißt und sich auf diese Figur konzentriert). Dagegen wusste Danny Elfmans Score meinen Geschmack zu treffen, da er sich sehr harmonisch mit den Bildern funktioniert und weit weniger aufdringlich ist wie in manch anderen Filmen des letzten Jahres (z.B. Changeling). Ein großes Lob gebührt auch dem Darstellerensemble, selbst wenn ich – perfide wie ich bin – Damon in der Rolle von White gegenüber dem robusteren Brolin für geeigneter gehalten hätte. Die Nebendarsteller von Franco über Diego Luna bis hin zu Emile Hirsch machen ihre Sache, wie auch Brolin, gut. Doch gegen die Sean Penn-Show haben auch sie keine Chance. Seine nasale Stimme ist zwar nicht in jeder Szene mein Fall, aber man muss eingestehen, dass Penn hier oftmals eine starke Darbietung liefert, die sich über viele seiner durchschnittlichen (so auch Mystic River) hebt.

Letztlich ist Milk ein gutes Biopic, mit einem starken Mittelteil aber unzureichenden Außenstücken. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Van Sants Film gerade für Amerika ein wichtiger und bedeutender Film sein dürfte. Speziell dahingehend, dass er im selben Jahr erschienen ist, wie dem Antrag 8 zugestimmt wurde. Erschreckend, wie wenig weit es die Gleichberechtigung Homosexueller in den USA innerhalb von dreißig Jahren geschafft hat und wie nötig man auch heute noch einen Mann wie Harvey Milk hätte.

8/10

5. Mai 2008

Speed Racer

Cool beans.

Das Wort Anime entstammt dem lateinischen animare: zum Leben erwecken. Als Animes gelten im Westen Zeichentrickfilme aus dem japanischen Raum, dort gelten alle Zeichentrickfilme als Animes, die eigenen, wie auch die fremden. Die Wurzeln der Animes in Japan erkennt man an den bis zu 200 Serien, die jedes Jahr entstehen. Schaltet man nachmittags auf RTL 2, springen einem Dragonball Z, Pokémon und viele mehr entgegen. Einer der Pioniere des Anime-Genres ist dabei Yoshida Tatsuo (†1977), der in den 1960ern einen Manga mit dem Titel Pilot Ace schuf und ihn 1967 in den Anime Mach GoGoGo umwandelte. Dabei bezog er Inspiration aus dem Westen, orientierte sich bei seinem Helden an Elvis Presley in Viva Las Vegas und bei der Technik an Goldfinger.

Held dieser Serie war der junge Mifune Gō, ein passionierter Rennfahrer im überlegenen Wagen Mach 5. So leitet sich auch der Titel der Serie ab, steht das “Mach” für den Mach 5 und die Dreifachnennung von “Go” setzt sich aus der japanischen Bezeichnung für die Zahl 5, Mifunes Namen und dem englischen “go” zusammen. In den USA wurden die 52 Folgen der Serie von 1967 bis 1968 als Speed Racer ausgestrahlt und halfen, Animes in den USA zu etablieren. Mit Speed Racer als einer der erfolgreichsten. In Deutschland ist die Serie den meisten unbekannt, die ARD strahlte zwar die ersten drei Folgen Anfang der Siebziger aus, stellte sie jedoch anschließend ein, da sie angeblich zu gewalttätig war und von der deutschen Presse reißerisch als „Horror Comic“ verschrien wurde.

Fünf Menschen, die mit Speed Racer respektive Mach GoGoGo aufwuchsen, sind Andy und Lana Wachowski, John Goodman, Emile Hirsch und Hiroyuki Sanada. Produzent Joel Silver vereinte sich mit erneut mit den Wachowski-Geschwistern, um die Live-Action-Version des Anime in die Kinos zu bringen. Ironischerweise spielt hierbei auch Deutschland eine große Rolle, jenes Land, das die Serie nie richtig zu schätzen wusste. Die Macher entschiedenen sich für das Studio Babelsberg, um dort während 60 Tagen vor Greenscreen zu filmen. Hierfür verwendeten die Wachowskis die HD-Kamera F-23 von Sony, die damals noch gar nicht auf dem Markt erhältlich war. Für die von den Geschwistern gewünschte bunt-artifizielle Optik des Films war das Medium High Definition jedoch wie geschaffen.

Und da der Film schon in Deutschland gedreht wurde, war sich die deutsche Filmförderung auch nicht zu schade, stolze 13 Millionen Dollar deutscher Steuergelder in diese 120 Millionen Dollar teure US-Produktion zu stecken. Da 13 Millionen im Vergleich zu 120 relativ irrelevant sind, kann man diese Summe eher als eine Art Bestechungsgeld verstehen, um einige deutsche B-Promis im Film unterzubringen. Neben Cosma Shiva Hagen und Benno Fürmann tummeln sich daher noch Moritz Bleibtreu, Ralph Herforth, Christian Oliver, Oscar Ortega Sanchez und so manch anderer in Nebenrollen. Doch dazu später mehr, zumindest dürfen sich die deutschen Zuschauer den Film auch mit leicht stolz geschwellter Brust zu Gemüte führen – schließlich haben sie Speed Racer (mit-)finanziert.

Realisieren sollte das Projekt ursprünglich Alfonso Cúaron, nach einem Drehbuch von J.J. Abrams. Stattdessen engagierte Silver die Wachowskis, mit denen er bereits die Matrix-Trilogie und V for Vendetta gedreht hatte. Spekulierte man anfangs noch mit Joseph Gordon-Levitt oder Shia LaBeouf in der Hauptrolle, vertraute man diese dann doch Emile Hirsch an, einem Fan der Serie. Hatte Keanu Reeves seinen bereits wieder verbleichenden Ruhm den Wachowskis zu verdanken, lehnte er dennoch den Part des Racer X ab. Auch Vince Vaughn, der eine Zeit lang für die Rolle und als ausführender Produzent vorgesehen war, verließ das Projekt wieder vor den Dreharbeiten. Letztlich engagierte man Lost-Star Matthew Fox für die mysteriöse und verschwiegene Figur als talentierten Fahrer Racer X.

Weder Kate Mara noch Elisha Cuthbert bekamen den Zuschlag als Speeds Freundin Trixie, dafür angelte sich die inzwischen auf Charakterrollen festgelegte Christina Ricci diesen Charakter. Allgemein kann man bei der Besetzung also nicht meckern, bei der sich sehr an die Figuren der Originalserie gehalten wurde. Egal ob John Goodman als Pops Racer oder die liebreizende Susan Sarandon als Mom Racer, die Ähnlichkeit ist vorhanden, auch dank der Kostümtreue zu dem Anime aus den Endsechzigern. Diesem wird schließlich vollends in Speeds Beteiligung am Casa Cristo 5000 gewürdigt, wenn er darin sein obligatorisches blaues Hemd mit weißem Kragen und roten Halsband tragen darf. Und auch beim schicken, weißen Mach 5 bewahrte die Macher die Treue zur Vorlage.

Was die Wachowskis zu Speed Racer trieb, war ihr Wunsch, einen Familienfilm zu machen. Und genau das ist der Film geworden, ist er nicht nur für die ganze Familie, sondern die Familie steht zentral im Mittelpunkt. In der World Racing League (WRL) bestimmen einzelne Hersteller das Geschehen, egal ob Togokhan Motors oder die Firma von Mr. Musha (Hiroyuki Sanada). An der Spitze steht jedoch Royalton Industries von Arnold Royalton (Roger Allam). In diesem Klassen-System behauptet sich das Familienunternehmen von Pops Racer und seinen Söhnen. Dessen ältester Sprößling, Rex Racer, suchte nach einem Zwist mit dem Vater jedoch den Weg in die WRL. Dort fand er schließlich den Tod und hinterließ in seiner Familie eine Kluft, die diese noch enger zusammenschweißte.

Von einer besonderen Stärke ist die Anfangsphase gezeichnet, wenn Speed das Rennen in Thunderhead quasi gegen die Erinnerung an Rex fährt. Und egal was im Film geschieht, die Racers halten zusammen. Dabei sind sie nicht vor Meinungsverschiedenheiten gefeit, aber sie gehen die Probleme gemeinsam an. Hierbei hat man es jedoch nicht mit einer Heile-Welt-Familie zu tun, die von klischeehafter US-amerikanischer Harmonie getragen wird, sondern es ist gerade jener Tod von Rex, der diese Gemeinschaft erschaffen hat. Es ist bewundernswert, wenn die beiden Wachowskis am Ende des Films dann nicht denselben Weg wie zuvor die Anime-Serie beschreiten, damit in ihrer Geschichte individuell bleiben und auf diese Weise mit den Erwartungen der Zuschauer spielen.

Neben dem Familienelement wird die andere Hälfte von Speed Racer natürlich von den verschiedenen Rennszenen eingenommen. Und im Gegensatz zu George Lucas’ wenig immersiver Pod-Race-Szene machen die Choreographien der Wachowskis enorm viel Laune, soviel sei verraten. Das Thunderhead-Rennen zu Beginn ist hierbei nicht mehr als ein Appetizer und Vorgeschmack auf das, was die Zuschauer in den kommenden knapp zwei Stunden noch erwarten wird. Denn bereits das zweite Rennen des Fuji Helexicon Kurses schlägt einen allein wegen seiner Aufmachung in den Bann. Hier bekommt man nun nochmals einen besseren Eindruck, welches Potential in Speed Racer tatsächlich steckt und der Höhepunkt des Films lässt ab da nicht mehr lange auf sich warten.

Speed nimmt an einer Querfeldein-Rallye über mehrere Kontinente teil, genannt: ‘The Crucible’ (dt. die Feuertaufe). Ihr offizieller Name lautet Casa Cristo 5000 und sie ist das Rennen, das Rex das Leben kostete. Hier hat der Film seinen stärksten Moment, kurz vor den Malteser Eishöhlen. Es kommt alles zusammen, die Action, der Charme, die Kamera, der Schnitt und das wunderbare Theme von Michael Giacchino – die Rennszenen des Casa Cristo sind dabei zum Niederknien und werden auch im Final-Grand-Prix nicht mehr erreicht. Was auf der Leinwand als Mischung als Days of Thunder und Cars daherkommt, ist weitaus weniger gefährlich als es den Anschein hat, aber trotz allem nicht frei von Spannung. Speziell hier haben sich die Wachowskis außerordentliche Mühe gegeben.

Der Grund das Speed Racer funktioniert, ist seine Optik. Die ist knallig, bunt, schrill, einfach eine Phantasiewelt, in die man sich hineinversetzen muss. Der Film verwendet mitunter zwar auch originale Landschaftsbilder und orientiert sich an den Skylines aufstrebender Städte wie Shanghai und Hongkong, erhebt jedoch nicht den Anspruch, ein authentisches Bild wiedergeben zu wollen. Die Farbgebung ist dabei gewollt intensiver als üblich und vom Effekt-Mann Dan Glass daher auch treffend als “pop-timistic” und “Techno-Color” bezeichnet. Hierbei handelt es sich nicht um die einzigen Wortneuschöpfungen. Der dargestellte Motor-Extremsport wurde von den Wachowskis liebevoll “Car-Fu” getauft, da es sich teilweise – und die Bilder bestätigen das – um Martial Arts mit Autos handelt.

Obschon Settings wie die Malteser Eishöhlen oder die Megastadt Cosmopolis durch ihre intensive Farbgebung mehr als unnatürlich wirken, gewinnen sie dadurch erst den Charme. Es ist ein poppiges buntes Spektakel, das sich selbstverständlich in vorderster Linie an Kinder richtet. Unerklärlich ist, dass die Visuellen Effekte von Dan Glass und John Gaeta bei den Oscars nicht einmal nominiert wurden. Das auditive Yang zum visuellen Yin liefert dann Michael Giacchino, der an verschiedenen Stellen Abwandlungen des Speed Racer-Anime-Themes einbringt und mit seiner ganzen Erfahrung die Stimmung einfängt. Hiervon ausgenommen sind die mit Vocals bedachten Pop-Songs, die sich an die Miley-Cyrus-Generation wenden, abgesehen vielleicht vom rap-haften Abspannsong.

Wenn man sagt, dass das Schlechteste an Speed Racer die Auftritte seiner deutschen Gaststars ist, spricht das für die gelungene restliche Arbeit aller Beteiligten. Neben der poplastigen Musik stören gelegentlich die Szenen mit Spritle und Chim-Chim, bei denen die Grenzen des comic relief sehr weit ausgelastet werden. Beide gehören natürlich zum Franchise dazu und sorgen auch für einige Lacher, doch gerade in der klimatischen Szene zwischen Royalton und Speed stören ihre ständigen Unterbrechungen den Erzählfluss ungemein. Vor allem wenn man bedenkt, dass ihre eigene kleine „Geschichte“, für das große Ganze keinerlei Zweck erfüllt. Erträglich und charmant sind die beiden jedoch allemal und ein klares Zugeständnis an das junge Publikum, welches ihnen sofort anheim fallen dürfte.

Der wahre Dorn im Auge sind dagegen unsere deutschen Schauspieler. Cosma Shiva Hagen kann in ihrer Rolle als Quasi-Hostess mit wenig Text kaum etwas falsch machen und selbst Benno Fürmann, wenn auch total fehlbesetzt, schlägt sich relativ gut. Da weiß am ehesten schon Christian Oliver in der Rolle von Speeds Erzfeind Snake Oiler zu gefallen, etwas das Ralph Herforth nicht zu gelingen vermag. Herforth muss in einem Schlafsack in den Babelsberger Studios wohnen, anders lässt sich nicht erklären, wieso sein völlig talentfreies Gesicht in jeder US-Produktion von dort (siehe hierzu auch Æon Flux) auftaucht. Doch wer sich zu früh freut, den bestraft das Leben. Denn das Unmögliche tritt dann doch noch ein: Herforths schauspielerische Leistung wird sogar unterboten.

Selbstverständlich kommt dafür nur ein weiterer deutscher Schauspieler in Frage und es ist der gute Moritz Bleibtreu, der mit seiner Darstellung von Grey Ghost so ziemlich sicher einen vorderen Platz in den Top Ten der miesesten schauspielerischen Leistungen des Jahres inne haben dürfte. Bleibtreus nerviges Spiel trübte zumindest mein Kinoerlebnis, außerdem verlieren sich die Wachowskis mitunter etwas im eigenen Erzählfluss, insbesondere deshalb, da ihre Profil-Nahaufnahmen mit der Zeit ebenso redundant wirken, wie der Beginn des Grand Prix. Trotz allem ist Speed Racer aber ein vergnüglicher und gerade optisch beeindruckender Spaß geworden, der nicht nur eine der gelungeneren Comicverfilmungen ist, sondern neben Pixars Wall-E wohl der Familienfilm des Jahres.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

6. Februar 2008

Into the Wild

Wind in my hair, I feel part of everywhere.
(Eddie Vedder - “Guaranteed")

Wer kennt sie nicht, die 68er Generation, rund um Rockmusik und Rebellion, Aufstand gegen das Altbewährte und für das Neue. Eines dieser Gesichter in Deutschland war Rudi Duttschke, stehend für eine junge Generation mit Zug zur Freiheit. Ein Film begleitete jahrelang dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit: Easy Rider, unter der Regie von Dennis Hopper 1969 in die amerikanischen Kinos gebracht. Zwei Männer, zwei Motorräder und die weite Leere der amerikanischen Straßen vor sich, dabei von einem Drogenrausch in den nächsten düsend. „Wir sehnen uns nach der absoluten Freiheit, und der Weg dorthin führt immer gen Westen“, schrieb einst Wallace Stegner und spricht damit dem Ur-Instinkt eines jeden Lebewesens aus der Seele.

Freiheit. Was Hopper seiner Zeit gemäß als Drogenrausch und Widersetzung gegen das Establishment inszenierte, ist heute nur noch im Kontext seiner Zeit begreifbar, identifizieren kann man sich damit nicht mehr. Das ändert jedoch nichts am menschlichen Wunsch nach Freiheit, ist in den meisten Ländern wie Deutschland doch eine Gefängnisstrafe die höchste Bestrafung die jemand drohen kann, der gegen die Gesetze seiner Gesellschaft verstößt. Wer sich nicht fügt, der büßt seine Freiheit ein und um diese zu wahren, muss man nach den Regeln spielen. Es ergibt sich von selbst, dass das, was dem Otto-Normalbürger als Freiheit vorkommt, nichts weiteres ist, als ein weiteres, selbstauferlegtes Gefängnis. Dahingestellt ob Gesetze gut oder schlecht sind, gibt jeder Bürger und jede Bürgerin einen Teil seiner beziehungsweise ihrer Freiheit auf innerhalb einer sozialen Gesellschaft.

Sommer 1990: der 22-jährige Christopher McCandless (Emile Hirsch) hat seinen Universitätsabschluss in Politik gemacht und spielt mit dem Gedanken an ein Jurastudium in Harvard. Doch dazu kommt es nicht, denn der junge Mann, der jahrelang mit seiner Schwester unter den elterlichen Streitereien und einem dunklen Familiengeheimnis litt, hat seinen eigenen Plan gefasst. Seine Ersparnisse von $24.000 spendet er wohltätigen Zwecken, alle seine Ausweise und Papiere vernichtet er. Gegenüber seinen Eltern verliert er kein Wort, wohlwissend, dass diese ihn niemals unterstützen würden – zu spießig sind sie. Auch sein Auto verliert Chris bald und an einer Raststätte lässt er sogar seine alte Identität zurück. Fortan nennt er sich Alexander Supertramp und lebt von dem Inhalt seines Rucksacks, schläft in einem Campingzelt.

Sein Ziel ist Alaska, wo er mehrere Monate frei in der Wildnis leben will, fernab von der verrotteten Gesellschaft, in der jeder Mensch sich nur Böse verhält. Auf seiner Reise begegnet Chris immer wieder verschiedenen Personen: wie Wayne (Vince Vaughn), einem vom FBI-gesuchten Farmer, zwei flippigen Dänen oder dem Alt-Hippie-Pärchen und vermutlichen 68ern Jan (Catherine Keener) und Rayne (Brian Dierker). Über Mexiko gelangt Chris nach Kalifornien und schließlich gen Norden, an die Grenze der USA. Zu allen seinen Bekanntschaften wie Wayne, Jan, dem Trailer-Park-Girl Tracy (Kristen Stewart) oder dem verwitweten Ex-Soldaten Ray (Hal Halbrook) entwickelt Chris enge zwischenmenschliche Beziehung, dennoch ist er bestrebt, seiner Reise nach Alaska keinen Einhalt zu gewähren.

Die Geschichte von Christopher McCandless erzählt wahre Begebenheiten. Am 18. August 1992 wurde er tot in einem alten Bus mitten in der Wildnis gefunden. Vollkommen abgemagert sowie einen leeren Fünf-Kilo-Reissack und ein Jagdgewehr neben sich. Die genaue Todesursache ist bis heute ungeklärt, der Journalist Jon Krakauer, der die Erlebnisse des Twen 1993 in einem Artikel im Outside Magazin und drei Jahre später in dem Roman Into the Wild verarbeitete, sieht eine Vergiftung von Pflanzensamen als Todesursache. Sean Penn sicherte sich die Rechte an Krakauers Roman und verarbeitet den Stoff in seiner vierten Regiearbeit. Bis in die Nebenrollen namhaft besetzt und mit einem Soundtrack von Pearl Jams-Frontmann Eddie Vedder ausgestattet, orientierte sich der Film an Krakauers Roman sowie an Interviews mit den Personen, denen Chris auf seiner Reise begegnete.

Wie alle von Penns Filmen zeichnet sich auch Into the Wild vor allem durch seine Bildstärke aus. Chris’ Reise wird von dem Regisseur mit vielen großartigen Landschaftsaufnahmen porträtiert, die allesamt an den Originalschauplätzen stattgefunden haben. Die ganze Schönheit Alaskas oder der Felder South Dakotas, die Chris selbst wahrgenommen haben dürfte, transferiert Penn nunmehr auf die Leinwand. Unterstützt wird dieses Gefühl bildhafter Freiheit von einem entsprechend gelungenen Soundtrack Vedders. Zudem haben sich Penn und Francine Maisler selbst übertroffen, denn es gelingt dem Schauspielensemble erschreckend authentisch, die Tiefe der zwischenmenschlichen Beziehungen darzustellen – besonders in den Szenen zwischen Hirsch und Halbrook, dessen Oscarnominierung konsequent war.

Bilder, Musik und Darstellung bilden hier eine fast perfekte Symbiose, die kaum Wünsche offen lässt. Ein schöner Moment zeigt wie Chris in Los Angeles eintrifft, sich in einem Obdachlosenheim einquartiert und dann durch die Strassen wandert. Als er jedoch die von der Gesellschaft eingepferchten Menschen sieht, in ihren Anzügen und gegelten Haaren, eilt er zurück und zieht schnell weiter. Denn in der Stadt scheint Freiheit nicht möglich. Um wahrhaft frei zu sein, muss er zu den Wurzeln des Menschen zurückkehren – zurück in die Wildnis. Chris hat afrikanische Gesellschaftspolitik studiert, sich also damit beschäftigt, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen (können). Die Schuld schreibt er der Zivilisation zu und daher will er fern von dieser sein. Fern von Ausweisen, Anträgen oder einem Geldsystem.

Wirklich frei lebt Chris dabei jedoch nicht, stets muss er Gelegenheitsjobs übernehmen, um seine Reise zu finanzieren. Interessanterweise kann er sich auch bis zu seinem Tod nicht von seiner Uhr trennen, dem letzten Relikt seines Gefangenendaseins. Vielleicht ist dies auch der letzte Rettungsanker vor der Verwahrlosung, von Geld selbst und Einzäunung hält der junge Uniabsolvent jedoch rein gar nichts. Als er einen Fluss mit einem Kajak hinunterfahren will, reagiert er mit Unglauben als der Park-Ranger nicht nur $2.000 dafür verlangt, sondern ihn auch noch auf eine 12-jährige Warteliste setzt – all das, um einen Fluss hinunterzufahren, der an sich niemandem gehört und jedem frei zur Verfügung stehen müsste, sodass Chris dann auch auf eigene Faust ins Kajak steigt und ohne Lizenz gen Mexiko padelt.

Es spricht für sich, dass Chris während seiner zweijährigen Reise nur freundliche Menschen trifft. So gesehen hat Chris seinen Wunsch von Freiheit ausgelebt, wohl in der heutzutage reinstmöglichen Form – denn als er in Alaska auf sich selbst gestellt ist, versagt er an seinen Fehlern. Die schlimmste Tragödie seines Lebens wird das Schießen eines Elches sein, den er nicht vor den Fliegen retten kann und dessen Tod somit vergeudet wurde. Auch dies eine sehr starke Szene. Penn interpretiert Krakauers Gedanken zu Chris’ Tod nochmals eindringlicher und lässt diesen schließlich aus einem Leichtsinnsfehler des jungen Mannes resultieren. Gegen Ende ist der einst gesunde junge Mann nur noch ein Skelett und Schatten seiner selbst. In der Einsamkeit der Wälder Alaskas seine letzte Erkenntnis findend.

Penn gelingt es, diese Wanderung einer verstörten Seele mit brillanten Bildern einzufangen, verschiedene atemberaubende landschaftliche Großaufnahmen unterstützen dieses in gewissem Sinne spirituelle Road-Movie, ohne in Kitsch abzugleiten. Dabei werden die gut zweieinhalb Stunden spielend überbrückt und im Gegensatz zu Easy Rider wird kein Freiheitsbild einer Generation gezeigt, eher ein allgemein-verständlicher Ansatz eines durch und durch menschlichen Gefühles dargestellt. Als Pünktchen auf dem I gelingt es Sean Penn dann schließlich noch, seinem Film diesen gewissen Hauch von Magie beizusteuern. Into the Wild ist ein ganz besonderer Film über einen ganz besonderen Menschen und eine ganz besondere Tat.

9/10