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12. November 2008

Quantum of Solace

Everything he touches withers and dies.

Casino Royale ist kein Bond-Film, er ist die Vorbereitung auf einen Bond-Film und (..) Craig (…) ist (..) noch nicht vollends angelangt, den Gentleman-Spion zu verkörpern, den Bond eigentlich darstellt. Wohl auch noch nicht in Quantum of Solace (…)“. So lautete meine Meinung zum Neustart der Kinoreihe um den smarten MI6-Agenten aus der Feder von Ian Fleming. Und letztlich wird sie durch Marc Forsters Film sowohl untermauert als auch widerlegt. Mit dem neuesten Abenteuer von 007 verbindet MGM sowohl das Alte mit dem Neuen, schickt sich in Referenzen an die Vorgänger und bleibt seinem zuvor begonnenen Weg dennoch treu. Dabei begeht der neue Bond durchaus neue, ungewöhnliche Wege. Unabhängig davon, dass er wie die meisten neuen Bonds scheinbar finanziell die Rekorde des Vorgängers zu brechen weiß auch in anderer Hinsicht. Inhaltlich knüpft der Film direkt an Casino Royale an, was ihn nicht unbedingt zu einer direkten Fortsetzung macht, allerdings dennoch auf dem letzten Werk fußt.

Hierbei ist Jeffrey Wright der erste Darsteller, der zweimal hintereinander in die Rolle des CIA-Agenten Felix Leiter schlüpfen darf. Zum ersten Mal wird der Bond-Song auch von zwei Künstlern gemeinsam angestimmt. Natürlich dürfen für die Post-Brosnan-Ära die Missstimmungen nicht folgen. Ich selbst erachte Jack Whites und Alicia Keys Another Way to Die als Verbesserung zu Chris Cornells vorherigem Beitrag. Der Song ist kraftvoll und rebellisch, verfolgt seinen eigenen Sinn und passt damit durchaus zu Quantum of Solace. Lediglich die Titelsequenz ist wenig kreativ von MK12 gestaltet worden, da gefällt mir sogar die Coke Zero Werbung von der Aufmachung besser. Selbst der Filmtitel, so dümmlich er zu Beginn auch geklungen haben mag, will im finalen Film mit dessen gezeigter Handlung durchaus harmonieren. Eine konsequente Fortführung von Bonds „Wiedergeburt“, wenn auch nicht frei von Mäkeln und unnötigen Fehlern.

Barbara Broccoli sagte Quantum of Solace würde zwei Minuten nach Casino Royale einsetzen. Daniel Craig behauptet es wären zwanzig Minuten. Produzent Michael G. Wilson erklärt es sei eine Stunde. Man mag davon halten was man will, auf jeden Fall scheint es für James Bond (Daniel Craig) leichter gewesen zu sein, an Mr. White (Jesper Christensen) heran zu kommen, als wieder von dessen Anwesen weg zu gelangen. Zu Beginn des Filmes flieht er in seinem Aston Martin vor Maschinengewehrwütigen Gegnern und liefert sich eine wilde Verfolgungsjagd Richtung Siena (in Italien, nicht Miller). Mit im Gepäck ist der werte Mr. White. Doch was Bond und seine Vorgesetzte, M (Dame Judi Dench), von White erfahren, erfreut sie nicht sonderlich. Er sei Mitglied einer geheimen Untergrundorganisation. So geheim sogar, dass der MI6 von ihrer Existent keine Kenntnis hat. Außerdem habe man etliche Einrichtungen und Regierungen infiltriert. Sagte er und schon wird auf M und Bond ein Attentat verübt – aus den eigenen Reihen. Eine interessante und gelungene Wendung, die Dench’s M später mit unbeholfener Verletztheit schauspielerisch überzeugend darzustellen weiß.

007 setzt kurzerhand über die Dächer Sienas zur Verfolgung an, welche wenige Minuten später mit einem toten Zeugen endet – sehr zum Missfallen von M. Die einzige Spur die dem MI6 bleibt, führt nach Haiti. Bond begibt sich nach Port-au-Prince und stößt dort alsbald auf den nächsten toten Zeugen zu seinen Füßen. Als er dessen Identität annimmt landet er prompt zwischen den Fronten. Zum einen macht er die Bekanntschaft der hart gesottenen Camille (Olga Kurylenko), zum anderen des kühlen und kalkulierten Öko-Industriellen Dominic Greene (Mathieu Amalric). Um Camilles Leben zu retten gibt Bond seine Identität preis, trifft aber bereits kurz darauf in Bregenz erneut auf Greene. Hier werden die Ausmaße seiner Organisation für den MI6 erst wirklich erfassbar. Doch eine weitere unnötige Leiche bringt M’s Fass zum Überlaufen. Bond wird der Fall entzogen, doch für 007 ist es längst eine private Vendetta geworden.

In Casino Royale charakterisierte ich Bond noch als jemanden, „(…) der sich zu Beginn des Filmes bereits in bester Bourne-Manier durch das Geschehen prügeln darf“. Ähnlich verhält es sich bedauerlicherweise auch in Quantum of Solace. Enttäuschend ist hier weniger, dass man sich an der Figur Bournes selbst orientiert, sondern dass man mit der Häuserverfolgungsjagd in Siena, sowie der Zimmerprügelei in Port-au-Prince direkt zwei Szenen aus der Bourne-Reihe übernommen hat. Dabei hat Bond dies gar nicht nötig, ist er doch Bestandteil einer weitaus unterhaltsameren und stringenteren Serie. Was dem ganzen jedoch noch die Krone aufsetzt ist der überzogene Schnitt in der ersten Viertelstunde. Hier lässt Regisseur Marc Forster die Kamera kaum zwei vollständige Sekunden auf einem Bild ruhen, was durch die diffuse Wahl seiner Einstellungen nur noch verstärkt wird. Die Schnitte sind zwar nicht diffus, aber zu mannigfaltig.

Dies bessert sich zwar im Laufe des Filmes, verrät allerdings die Wurzeln des gebürtigen Deutschen im Drama-Fach und seine Schwierigkeiten mit dieser actionlastigen Handlung. Dennoch verfügt sein Film über die notwendige Waage an ruhigen wie schnellen Momenten, wobei letztere oft schöne kleine Reminiszenzen an die dalton’schen Bonds The Living Daylights und Licence to Kill beinhalten. Zudem verfügt das Drehbuch von Oscarpreisträger Paul Haggis noch über eine offensichtliche Hommage an den Klassiker Goldfinger. Doch auch wenn sich die Produzenten bemüht haben den Geist vergangener Tage hochzuhalten, bleiben sie ihrer bond’schen Frischzellen-Kur weiterhin treu. Bonds Vendetta unterscheidet sich durchaus von Daltons Rachefeldzug in Licence to Kill. War jener rein privater Natur, wird er diesmal in den Auftrag integriert bzw. geht mit diesem einher. Hier wie dort beginnt 007 sich jedoch von seinem Arbeitgeber zu distanzieren, als dieser ihm einen Riegel in seine Ermittlungen vorschieben möchte. So bleibt der smarte Brite weiterhin der etwas störrische Bulle, auch wenn seine Entwicklung zum Schluss wieder vorangetrieben wird.

Die meiste Zeit des Filmes über ist Bond weiterhin vom Tod Vesper Lynds (Eva Green) gebeutelt. Und das obwohl sie ihn verraten hat, selbst wenn sie es für ihren Freund tat. 007 bedeutet es etwas, jene Verantwortlichen zur Strecke zu bringen. Dazu gehört Mr. White, aber auch Dominic Greene. Auf beeindruckende Weise hält Haggis hier seiner Figur aus Casino Royale die Treue, wenn er Camille obschon ihrer offensichtlichen Reize die meiste Zeit auf sexueller Basis ignoriert. Das ist bei Bond nicht selbstverständlich. Und es zugleich ein Ausdruck von Respekt, den Bond für die Bolivianerin empfindet, was man gerade an seinem Verhalten gegenüber Agent Strawberry Fields (Gemma Arterton) merkt. Kaum auf dem Hotelzimmer, entledigt er sich kurzerhand seiner Klamotten. Kein großes Geplänkel, kein Werben oder Umgarnen wie bei Vesper der Fall. Bezeichnend ebenso für die Figur von Fields, dass sie ohne Kommentar, vielmehr mit einem Lächeln im Gesicht, quasi „Gehorsam“ leistet und sich ihrer Rolle als reine sexuelle Staffage fügt. Sehr schön auch die Einbettung in das Bond-Motto des Filmes, welches von Greene treffend formuliert wird: „Everything the touches withers and dies.“ Denn wenig später liegt auch Fields tot zu Füßen von Bond.

Generell reiht sich Arterton bestens in die lange Liste der klassischen eindimensionalen Betthäschen des britischen Agenten ein. Was jedoch Bond und Camille verbindet – wie die Szene in der chilenischen Wüste schön einzufangen weiß – ist der ungestillte Rachedurst für den Verlust einer geliebten Person. Wie sehr beide von diesem eingenommen sind, zeigt Bonds Entschuldigung Camille gerettet zu haben, als sie die Chance hatte ihr Hassobjekt, General Medrano (Joaquin Cosío), zu erschießen. „This man and I have some unfinished business“, gilt somit sowohl für Bond als auch für Camille. Im Gegensatz zu anderen stark emanzipierten Bond-Filmen, gerade denen der Brosnan-Ära, ist Camille in ihrer Rolle jedoch weniger Unterstützung als Begleitung. Obschon einst eine Agentin ihrer Regierung verfügt sie nicht über die Härte und Schlagkraft einer Wai Lin (Michelle Yeoh) oder Jinx (Halle Berry). Umso erstaunlicher, dass Bond sie im Finale auf eigenen Pfaden wandeln lässt.

Sehr schön ist auch die Weiterführung der QUANTUM-Handlung gelungen, die in Anlehnung an die klassische SPECTRE-Organisation geschieht. Hatte es Bond einst mit Dr. No als Handlanger der Untergrundverbindung zu tun, arbeitete er sich Stück für Stück empor, bis er schließlich beim Kopf, Blofeld, angelangt war. Ähnlich verhält es sich beim Neustart der Reihe. Hatte es 007 zuvor mit dem Banker von QUANTUM, Le Chiffré (Mads Mikkelsen) zu tun, arbeitet er sich nunmehr ein Stück in deren internen Personalstruktur empor. Ähnlich wie Le Chiffré ist auch Greene kein physischer Gegner für den Briten. Ein kühler, kalkulierter Kopf und gerade deswegen so bedrohlich. Als unbestimmbares Mitglied von QUANTUM nimmt Greene eine hohe, allerdings wie schon bei Le Chiffré nicht unersetzbare Position ein. Die Gefahr, die Greene ausstrahlt, transferiert Amalric dabei beeindruckend allein durch seine Augen.

Bedenkt man wie unterschiedlich Greene und White von QUANTUM behandelt werden, lässt dies hohe Hoffnungen für den kommenden Teil zu. Das ganze Konzept der Organisation, der in „Quantum of Solace“ nicht einmal sonderlich Gefahr von Bond oder einer der Regierungen droht, könnte sich als Gewinn für die craig’schen Bonds auszahlen. Allerdings bedarf es dann auch hierfür eines derartigen starken Charakters vom Niveau eines Ernst Stavro Blofeld. Jedoch ohne diesen über mehrere Teile zur Witzfigur verkommen zu lassen wie in On Her Majesty’s Secret Service geschehen. Aber ein Gegner auf Augenhöhe im nächsten Beitrag der Reihe wäre in der Tat eine wünschenswerte Ergänzung zu einem bisher durchaus akzeptablen Neustart von Flemings Erbe. Denn ernsthafte (körperliche) Gefahr geht für Bond jedoch im aktuellen Film nicht aus, dafür sind Anatole Taubman als Witzfigur Elvis, sowie Fernando Guillén Cuerco als Polizeichef der bolivianischen Polizei zu blass und keinerlei Konkurrenz zum Dobermann-artigen Craig.

Reizvoll ist auch die Rückkehr der beiden Figuren Felix Leiter (Jeffrey Wright) und René Mathis (Giancarlo Giannini). Während ersterer wie bereits in Casino Royale nicht über den Part des Schubsgebers im entscheidenden Moment hinaus kommt, ist es gerade Giannini, der mit seiner Figur nachhaltig für Eindruck sorgen kann. Bonds Besuch bei Mathis zur Mitte des Filmes hin ist damit eine durchaus gelungene Aufarbeitung der Ereignisse des vorangegangenen Teiles, gebührend abgeschlossen von ihrer Szene in La Paz. Lobend erwähnt werden sollte auch die musikalische Untermalung von David Arnold, dessen Stücke sich gut mit den Bildern zu verbinden wissen. Letztlich ist Quantum of Solace weit weniger actionreich geworden, wie man zuerst hat befürchten müssen. Ignoriert man die erste halbe Stunde hat Marc Forster einen durchaus überzeugenden Bond-Beitrag geleistet, der gerade in seinem schön fotografierten Finale Spaß macht. Auch wenn nicht klar werden will – oder erläutert wird – was ein Öko-Hotel mitten in der chilenischen Wüste macht. Passenderweise ist dieses dann so aufgebaut, dass es eher als Bühne für einen finalen Kampf wirkt, als zur Entspannung anregt.

Höhepunkt des Filmes ist sicherlich das QUANTUM-Meeting während der Aufführung von Tosca in Bregenz. Löblich zudem, dass Haggis den emotionalen Aspekt, insbesondere die Weiterentwicklung der Figur, nicht vernachlässigt hat. Zwar ist Bond noch immer nicht wirklich Bond, aber er ist erneut einen guten Schritt weitergekommen auf seinem Weg dorthin. Dass er sich schon längst nicht mehr über seine persönliche Vorstellung, Cocktailwünsche oder technischen Spielereien definiert, konnte man bereits in Casino Royale etablieren. Für mich selbst ist Craig jedoch weiterhin nicht Bond, wird es vermutlich auch nie werden. Unabhängig davon schlägt er sich jedoch wacker und gut, absorbiert den Charakter und rechtfertigt unterm Strich gesehen seine Besetzung. Es wäre allerdings zu empfehlen, nicht wie bei Brosnan den Zug zum Absprung zu verpassen. Noch zwei, maximal drei Filme rund um QUANTUM und Craig und man könnte äußerst gelungen eine Serie innerhalb der Serie integrieren. Letztlich vermag Quantum of Solace nicht an die Stärken von Casino Royale anzuknüpfen, was an den nicht wirklich ausgearbeiteten Figuren liegt, aber auch an der etwas simplen und ausgedehnten Handlung. Nichtsdestotrotz ist es ein solider Beitrag innerhalb der Serien-Geschichte, der immerhin Potential für den nächsten Beitrag bietet.

6.5/10

18. Januar 2008

The Kite Runner

For you, a thousand times over.

Geschichten von Schuld und Sühne verkaufen sich gut, denn schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Teufel, der bei Gelegenheit freigelassen wird. Manchmal lügen wir oder weichen jemandem gezielt aus, lästern hinter dem Rücken des Chefs oder begehen gedanklich Ehebruch mit dem Partner. Und doch schimpft sich die Mehrheit der Welt religiös und lebt dennoch nicht nach ihren Grundsätzen. Schuld ladet sich jeder in seinem Leben auf, der eine mehr, der andere weniger und der Akt eine Schuld zu begehen, ist ein rein menschlicher. Und da er so menschlich ist, ist es geradezu ausgeschlossen, einen solchen Akt in seinem Leben nicht zu begehen. Das Entscheidende ist jedoch, seine Tat zu bereuen, Sühne zu üben, denn nur dann, kann man in Frieden leben, mit seiner Umwelt, am wichtigsten jedoch mit sich selbst. Natürlich gibt es auch solche reuelosen Menschen, deren Seele verrottet ist und die so etwas wie Sühne oder Schuld nicht kennen, die restlichen Menschen leben jedoch solange mit ihrer Schuld, bis sie diese sühnen. Schuld und Sühne ist also ein durch und durch menschliches Thema, gerade erst hat mit Atonement eine Adaption den Golden Globe als Bester Film gewonnen, die ebenfalls von Schuld und Sühne handelt. Im Jahr 2003 erschien in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Geschichte über Schuld und Sühne, geschrieben von einem afghanisch-stämmigen Amerikaner und Anästhesisten, Khaled Hosseini. Nur zwei Romane wurden im Jahr 2005 in den USA häufiger verkauft, als Hosseinis The Kite Runner (dt. Drachenläufer), jetzt ist im Kino die Verfilmung gestartet.

San Francisco, Sommer 2000: Der afghanische Romanautor Amir (Khalid Abdalla) erhält einen Anruf aus Pakistan von Rahim Khan, einem ehemaligen Freund seines Vaters aus alten Zeiten in Kabul. Rahim Khan bittet Amir nach Pakistan zu kommen, es wäre sehr dringend, Rahim Khan schließt das Gespräch mit den Worten „Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gut zu machen“. Schweren Herzens verabschiedet sich Amir von seiner Frau Soraya (Atossa Leoni), denn Amir weiß ganz genau, was Rahim Khan mit seinen letzten Worten gemeint hat. Damals, im Winter 1975 in Kabul, hat Amir etwas getan, bzw. etwas nicht getan, was ihn den Rest seines Lebens verfolgen sollte. Als Amir (Zekeria Ebrahimi)zwölf Jahre alt ist, lebt er mit seinem reichen und einflussreichen Baba (Homayoun Ershadi) im Kabuler Wazir-Akbar-Khan Viertel und bereitet sich mit seinem Freund Hassan (Ahmad Khan Mahmidzada), der zugleich sein hauseigener Diener ist, da er zu der unterwürfigen Rasse der Hazara gehört, auf das traditionell-jährliche Drachen-Turnier vor. Für Amir hat das Turnier eine entscheidende Bedeutung, kann er mit einem Sieg doch seinem Baba beweisen, dass er nicht so schwach und armselig ist, wie dieser von ihm denkt. In der Tat gelingt es ihm im Drachenkampf zu obsiegen und Hassan eilt als Drachenläufer aus, ihm den Siegesdrachen als Trophäe zu ergattern. Amir folgt Hassan schließlich und findet diesen in einer Straßenecke von dem gleichaltrigen, aber soziopathischen Assef und seinen zwei Freunden drangsaliert. Aus Loyalität zu Amir verweigert er Assef den Drachen und wird daraufhin vergewaltigt – statt einzuschreiten, schaut Amir jedoch doch nur zu und fortan soll sein Leben nie mehr das gleiche sein, wie zuvor.

Hosseini gelang mit seinem Debütroman ein Stück wundervoll-melancholischer Literatur, voller Schmerz und Leid, nur mit Anflügen von Hoffnung hier und da. Ein Stück über Schuld und die daraus resultierende Sühne, zugleich ein Beispiel dafür, wie selbst aus Sühne noch neue Schuld entstehen kann. Viel fokussiert sich im Roman auf die Beziehung zwischen Amir und Baba in der Kabuler Zeit. Amirs Mutter starb bei seiner Geburt und wir viele Kinder, deren Mütter bei der Geburt starben, macht auch er sich schwere Vorwürfe deswegen. Amir fehlt die Begeisterung und Leidenschaft für die Hobbys und Interessen seines Vaters, er interessiert sich nicht für Fußball und ihm wird schlecht beim Autofahren. Zudem hält Baba seinen Sohn für verweichlicht, denn Amir wehrt sich nicht gegen andere Kinder, wenn diese ihm sein Spielzeug wegnehmen. Sein mangelndes Selbstbewusstsein lebt der wohlhabende Paschtune an seinem Diener Hassan aus, der zur verachteten Rasse der Hazara zählt. Da Hassan nicht lesen kann, obliegt es Amir ihm Geschichten und Märchen vorzutragen. Gerne verändert Amir jedoch die Geschichten oder zieht den ungebildeten Hassan mit seiner fehlenden Kenntnis von Fremdwörtern auf. An einem Tag zwingt Amir Hassan beinah Dreck zu fressen, fasziniert von dessen Loyalität ihm gegenüber, der Amir immer nur höflich mit „Amir Aga“ anspricht. Besonders eifersüchtig ist Amir auf die Zuneigung seines Vaters gegenüber Hassan, die scheinbar größer ist als die zu Amir.

Amir leidet sehr unter der fehlenden Nähe zu seinem Vater und sieht nur in einem Sieg beim Drachenkampf-Turnier die Möglichkeit in den Augen seines Vaters etwas zu erreichen. Hassan weiß das und deswegen – zusammen mit seiner Loyalität – lässt er Assef walten. Amir sieht zu, traut sich nicht einzuschreiten und wird dies den Rest seines Lebens büßen. Fortan ist es um die Freundschaft der beiden geschehen, Amir provoziert Hassan, er sucht, er verlangt geradezu nach einer Bestrafung für sein Verhalten – bekomm sie jedoch nicht. Da es Amir mit seiner Schuld nicht länger aushält, aber nicht sühnen kann, ladet er sich mehr und mehr Schuld auf, bis es irgendwann zu einem klaren Schnitt kommt, zu einer letzten großen Schuld. Nachdem Hassan und dessen Vater aus ihren Leben verschwunden sind, und sie selbst aus dem von Sowjets besetzten Kabul nach Amerika fliehen, beginnen sich Baba und Amir als Vater und Sohn einander anzunähern. Viel dreht sich in Hosseinis Geschichte um Afghanen und ihren Glauben, ihre Religion, ihr Lebensverständnis. Immer spielt nang und namoos, Ehre und Stolz, eine große Rolle. Im Alltag und besonders im Umgang mit Frauen. Als Amir in den USA mit Soraya die Tochter eines ehemaligen afghanischen Generals kennen lernt, merkt er, dass ein Afghane seiner Kultur nicht entfliehen kann, nicht einmal in Freemont, Kalifornien. Er und Soraya heiraten, auch wenn sich diese selbst Schuld in ihrer Vergangenheit aufgeladen hat – doch Amir vergibt ihr, da er selbst weiß, was es heißt sich eine große Portion Schuld aufzuladen. Immer wieder wird er an Hassan denken.

All diese Punkte und Motive tauchen im Drehbuch von David Benioff bedauerlicherweise nicht auf. Sträflich werden alle Szenen mit emotionalem Tiefgang, die für die Handlung von Bedeutung sind, ausgelassen. Stattdessen hangelt sich Benioff von einer oberflächlichen Situation zur nächsten, erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern wie es ihm gerade in den Kram passt. Die problematische Beziehung zwischen Amir und seinem Vater wird dabei genauso wenig thematisiert – bzw. in einem einzigen Satz abgehandelt – wie die Tatsache, dass Hassan mehr Amirs Diener ist, als dessen Freund. Genauso wenig sticht heraus, dass Assef ein Soziopath ist, was seinen Ursprung nicht nur in dessen Reichtum findet, sondern auch darin, dass seine Mutter eine Deutsche und er selbst deswegen so hoch gewachsen ist. Seine Herkunft bringt ein Interesse und schließlich eine Faszination für Hitler mit sich, doch das alles geht bei Benioff unter, hier ist Assef nur irgendein Schläger von der Strasse. Auch die Bedeutung von Hassan und Ali für Amirs Vater und die daraus resultierenden entscheidenden Szenen für die gesamte Handlung hält Benioff nicht für groß beachtenswert. Andere Streichungen wie die Weglassung von Hassans Mutter Sanaubar zum Beispiel sind gut gewählt, da bereits im Roman äußerst problematisch. Dennoch fehlt Benioff hier das Gespür für die wichtigen Szenen, das Talent zu unterscheiden, was für die Geschichte von Bedeutung ist und was nicht. An dieser Aufgabe scheitert er grandios, indem er all das in seinem Drehbuch akzentuiert, was für die Entwicklung, bzw. Darstellung der Figuren von keinerlei Belang ist.

Von Regisseur Marc Forster ist man nach diesem Film schon schwer enttäuscht, hätte man nach Finding Neverland doch einen Geniestreich bei einer solch großartigen Vorlage erwarten können. Doch auch Forser akzentuiert die Szenen falsch, legt sein Augenmerk lieber auf den Drachenkampf und die Hochzeit, macht sogar so gravierende Fehler wie afghanische Frauen und Männer gemeinsam an einem Grab stehen zu lassen oder Soraya am Esstisch mit ihrem Vater ein Glas Wein hinzustellen. Um die im Buch zu ausführlich dargestellte afghanische Kultur tut es einem in Forsters Film wirklich leid, denn diese kommt hier aus der klischeebehafteten arabischen Musik nicht sonderlich zur Geltung. Auch Kate Dowd, der in Finding Neverland noch eine so wunderbare Besetzung gelungen ist, tritt hier voll und ganz von einem Fettnäpfchen ins nächste, besonders Khalid Abdalla kann seine Rolle nicht tragen, vor allem in den Kabul-Szenen merkt man ihm das an. In The Kite Runner stimmt am Ende wirklich gar nichts und eine großartige Romanvorlage, auf deren Verfilmung ich mich seit Monaten gefreut habe, sorgte für beständiges Kopfschütteln im Kinosaal. Nicht einmal Adaptionsniete Peter Jackson hätte diese phantastische Geschichte so gegen die Wand fahren können, wie es Forster tut – wohl die Enttäuschung 2008.

1.5/10