Posts mit dem Label David Benioff werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label David Benioff werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2. Juli 2016

Game of Thrones – Season Six

It’s only tits and dragons.
(Ian McShane)


Schließlich war es soweit: das Kind musste auf eigenen Beinen stehen. Keine Windel mehr, keine Stützräder, kein Dach über dem Kopf im Elternhaus. Im Laufe des Lebens ist immer wieder Eigenständigkeit gefragt – und solche war, mit Abstrichen, dieses Jahr auch von David Benioff und D.B. Weiss gefordert. Beide Männer sind ihres Zeichens Showrunner und Autoren der populären HBO-Serie Game of Thrones, die in ihren ersten fünf Staffeln auf Buchmaterial von George R.R. Martins Reihe A Song of Ice and Fire basierte. Nur, dass der jüngste Roman The Winds of Winter bisher noch nicht erschien. Insofern tasteten sich Benioff und Weiss in der sechsten Staffel der Show vor in unbekannte Gefilde. Was man Game of Thrones deutlich anmerkte.

Zugleich hatten nun Kenner der Bücher keinen Wissensvorsprung, erlebten die meisten Ereignisse des sechsten Jahres so unbefleckt wie Romanlaien seit Beginn der Serie. So oder so dürfte es wohl für die wenigsten Zuschauer ein Schock gewesen sein, zu erfahren, dass Serienheld Jon Snow (Kit Harrington) zwar in der Tat tot war, es aber im Verlauf der jüngsten Staffel keineswegs blieb. Ohnehin kann sich Game of Thrones dieses Jahr nicht wirklich rühmen, besonders innovativ oder überraschend gewesen zu sein. Vielmehr wirkt das sechste Jahr wie ein kurzes Durchatmen, um sich auf den baldigen Schlussakt vorzubereiten. In zwei Jahren ist nämlich Schluss in Westeros, mit der achten Staffel als Finale für das Fantasy-Ränkespiel.

Vielleicht auch im Wissen, das Ende der geplanten siebenteiligen Buchreihe ohnehin nicht zu erleben, wo die Publikation des fünften Bands noch aussteht. Und auch wenn sich Benioff und Weiss im Vorfeld mit Martin zusammensetzten, wirkt es doch so, als wisse Game of Thrones nicht so wirklich, was es erzählen soll, ohne sich auf einen Zielort in A Song of Ice and Fire berufen zu können. So fiel mancher lahme Handlungsstrang dieses Jahr schlicht unter den Tisch, andere wurden gnädiger Weise zum Ende der Staffel hin wiederum eingestellt, nachdem sie zwei Jahre lang auf der Stelle traten. Allen voran der wenig ertragreiche Ausflug von Arya Stark (Maisie Williams) nach Braavos zum Auftragskiller-Training der Faceless Men.

Zwei Staffeln lang verdingte sich die jüngste Stark-Tochter hier als Azubi von Jaqen H’ghar (Tom Wlaschiha), ohne dass dies wirklich einem Zweck folgte, außer Beschäftigungstherapie für die Figur zu sein. Ähnlich wirkt der Handlungsstrang von Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die nochmals die Reise vom Dothrakischen Meer nach Meereen bestreiten darf. Dort erwarten ihr Berater Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und Konsorten ihre Rückkehr und versuchen derweil, den Frieden aufrecht zu erhalten. Wenn Game of Thrones im Staffelfinale The Winds of Winter buchstäblich die Segel setzt und Essos hinter sich lässt, nimmt das Geschehen endlich Fahrt auf. Selbst wenn der Zuschauer davon erst etwas in den finalen beiden Staffeln hat.

Die Krux liegt sicher auch mit am umfangreichen Ensemble der Serie. Entsprechend dienen die Staffelauftakt-Folgen wie The Red Woman nahezu ausschließlich dazu, den aktuellen Stand der zentralen Figuren abzuhaken. Eine wirklich flüssige Narration vermag sich da nicht einzustellen, so unstet wie die Episoden oft ausfallen. Da gerät ein inhaltlich eigentlich bedeutender Handlungsstrang wie Dorne nach dem Prinzessinen-Mord im Vorjahresfinale ins Hintertreffen. Stattdessen begleiten wir vereinzelt Samwell Tarly (John Bradley) und seine Freundin Gilly (Hannah Murray) auf ihrer ereignislosen Reise zur Bibliothekshauptstadt Oldtown. Ähnlich unterbeschäftigt sind auch Petyr Baelish (Aidan Gillen) und Brienne of Tarth (Gwendoline Christie).

Ersterer taucht nur sporadisch auf, Letztere erledigt primär Botengänge. Irgendwie ein solcher ist auch der Ausflug von Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) jenseits der Mauer, wo er wie seine Schwester eine Ausbildung antritt – hier beim Seher Three-eyed Raven (Max von Sydow) –, die er dann nicht beendet. Hauptsächlich schickt sich die sechste Staffel an, die Charaktere in Position zu bringen für die Dinge, die da nahen. Es kommt zu neuen Bündnissen und Wiedersehen. Der königlose Ritter Ser Davos (Liam Cunningham) und Hexe Melisandre (Carice van Houten) scharen sich nun um Jon Snow, der mit Schwester Sansa (Sophie Turner) an seiner Seite die Konfrontation mit Winterfell-Besetzer Ramsay Bolton (Iwan Rheon) sucht.

In Bewegung kommen auch die Iron Islands, wo Rückkehrer Theon Greyjoy (Alfie Allen) sich mit seiner Schwester Yara (Gemma Whelan) ebenfalls einem Usurpator in Person ihres Onkels Euron (Pilou Asbæk) gegenüber sieht. Stagnation zelebriert derweil King’s Landing, wo sich Cersei (Lena Headey) und Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) nebst den Tyrells um Königin Margaery (Natalie Dormer) weiterhin mit der Sekte des High Sparrows (Jonathan Pryce) auseinandersetzen müssen. Die Hintergründe der Situation – die beiden mächtigsten Familien Westeros’ sind Geiseln von zwei Dutzend Fundamentalisten – arbeiten Benioff und Weiss dabei nicht heraus. Was zum großen Bedauern auf fast jeden der Handlungsstränge zutrifft.

Getreu klassischer HBO-Manier entwickeln sich die meisten Figuren nicht weiter (Jaime Lannister ist eine der wenigen Ausnahmen), reflektieren auch nicht ihre eigene Vergangenheit und Taten. In der Folge wirken Charaktere wie Jon Snow oder Cersei Lannister enorm eindimensional, wenn sie schlicht über ihre Handlungen definiert werden, aber mit oft fehlender Motivation. Die Figuren in der Serie hinterfragen sich nicht. Wenn Petyr Baelish da in The Winds of Winter wiederholt, sein Ziel sei es, auf dem Iron Throne zu sitzen, lässt Game of Thrones die Frage im Raum stehen: wieso? Selbiges ließe sich im Prinzip auch über Daenerys Targaryen sagen, die Show propagiert Macht um der Macht willen, ohne dass sich von ihr etwas versprochen wird.

Gleichzeitig stellt die sechste Staffel auch wiederholt die Generationen einander gegenüber. Wie bereits in früheren Staffeln wird Daenerys da der Vergleich zu ihrem Vater, dem Mad King, vor Augen geführt. Auch die übrigen Nachkommen, von König Tommen (Dean-Charles Chapman) über Ramsay Bolton bis hin zu den Greyjoys und Jon sowie Sansa, müssen sich dem Erbe ihrer Väter und Häuser stellen. Eine wirkliche Wahl in ihrem Handeln haben sie dabei allerdings nicht. “Fire and blood”, spricht da im Staffelfinale eine Figur das Motto eines der Häuser aus. “What is dead may never die”, hieß es im Vorfeld bereits anderswo in Westeros. Ein Königreich, dessen gemeinsame Sprache Blut, Mord und Gewalt ist. Auch dieses Jahr.

Den Blick zurück wagen lediglich Arya als Zuschauerin einer Show innerhalb der Show sowie ihr Bruder Bran als designierter Seher – welche Bedeutung diese Rolle auch immer im Kontext der Geschichte einnimmt. Als Folge bedient sich Game of Thrones bisweilen Rückblenden, um bislang offene Fragen mit Antworten zu versehen. Was nicht bedeutet, dass auch hierbei auf Gewalt verzichtet werden muss. Gut zwei Dutzend bekannter Figuren verabschieden sich von der Serien-Gehaltsliste – das Feld dünnt sich aus. Wohl auch, weil sich Benioff und Weiss des aufgeblähten Ensembles bewusst sind. Und in den ausbleibenden Episoden, die weniger als die üblichen zehn pro Staffel sein werden, voll auf die “key player” fokussieren wollen.

Insofern verdient sich die jüngste Staffel zumindest über weite Teile den Status als Füllmittel. Wenn in drei Jahren auf alle acht Staffeln zurückgeblickt wird, dürfte man zu dem Schluss kommen, dass das Alles auch in weniger Folgen hätte erzählt werden können. Und dabei insbesondere auf die Staffeln 5 und 6 blicken. Was nicht bedeutet, dass dieses Jahr nicht seine Momente gehabt hätte. Zwar baute die zweite Hälfte der Staffel merklich ab, dennoch wusste die Serie gerade mit der Bran-lastigen Episode The Door sowohl narrativ wie von der Inszenierung her einen der wenigen Höhepunkte ihrer Geschichte abzuliefern. Was sicher auch mit daran gelegen haben mag, dass Lost-Veteran Jack Bender hier erstmals die Regie übernommen hatte.

Auch Book of the Stranger wusste zu gefallen, wohingegen The Battle of the Bastards nicht nur, aber auch wegen des renommierten Status’ als neunte Folge stark enttäuschte. Weniger von ihrem Umfang und Umsetzung her, als dem, was sie erzählte. Selten war eine Fernseh-Episode wohl vorhersehbarer gewesen als hier. Nahezu eine Ohrfeige für eine Serie, die zuvorderst dadurch funktionieren will, indem sie ihre Zuschauer überrascht und schockiert. Letzteres war ebenfalls die Intention des Staffelfinales The Winds of Winter, doch auch jene Episode wartete zum einen mit Twists auf, die sich erahnen ließen. Und vermochte zum anderen wie ihre zahlreichen Vorgänger die Motivation hinter den Handlungen der Charaktere nicht zu erklären.

Abseits der Drehbuchautoren verdient sich Game of Thrones jedoch ohne Zweifel seinen Ruf als Qualitätsfernsehen. Ob Ausstattung oder Kostüme, von der Maske bis hin zu den Special Effects – noch nie sah die Show so gut aus wie im sechsten Jahr. Lob, das sich auch das umfangreiche Ensemble verdient, welches seine Figuren – so weit es die Drehbücher eben zulassen – zum Leben erweckt. Oft sind es die kleinen Momente und stillen Blicke, in denen Schauspieler wie Alfie Allen, Maisie Williams, Carice van Houten oder auch einmalige Gast-Darsteller wie Ian McShane ihre Klasse abrufen. Hinzu kommen herrliche Neunankömmlinge wie die kecke Lady Mormont (Bella Ramsey) sowie lieb gewonnene Legenden wie Olenna Tyrell (Diana Rigg).

Wer damit leben kann, dass Benioff und Weiss mit der sechsten Staffel von Game of Thrones primär den Tisch decken für das noch ausstehende Zwei-Gänge-Menü – oder wer generell mit den Grundprämissen der Show, von Ian McShane wunderbar als “tits and dragons” umschrieben, schon zufrieden genug ist –, für den hält die Serie erneut alles bereit, was das Herz begehrt. Als kurzweilige und opulent inszenierte Unterhaltung geht dieses sechste Jahr in Ordnung, selbst wenn sich die Serie gegenüber anderen Shows mit den Jahren nicht sonderlich weiter entwickelt hat. Insofern sind die Showrunner trotz fehlender Buchvorlage immer noch so etwas wie Nesthocker im Hause George R.R. Martins. Ausgezogen wird nächstes Jahr.

7/10

14. August 2008

Troy [Director’s Cut]

Do you know what’s waiting beyond that beach? Immortality! Take it! It’s yours!

Mit Geschichte nimmt man es in Hollywood nicht so genau, meist ist sie eher Mittel zum Zweck. Daher sollte man bezüglich einer Arbeit in Römischer Geschichte lieber nicht Gladiator ansehen und wer etwas über die Kreuzzüge und Tempelritter erfahren will, einen Bogen um Kingdom of Heaven machen. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass ausschließlich Ridley Scott den wahren Geschehnissen den Allerwertesten zuwendet, wie sehr man die Geschichte zum eigenen Vorteil verändern kann, bewiesen auch die Deutschen zuletzt mit Der Rote Baron. Ohnehin ist Geschichte eher ein Schul-Staubfänger und wie Mathematik ein Pflichtfach. Es lässt sich aber trotzdem nicht abstreiten, dass unsere Geschichte einen Nährboden für Filme darstellt, gerade weil sie interessant ist. Die Schlacht der Griechen an den Thermopylen gegen das persische Heer Xerxes’ verlief natürlich etwas anders, als man es von Zack Snyder in 300 erzählt bekommt, aber das wahre Ereignis (Spartanerkönig Leonidas opfert sich und 298 Spartaner, um den versammelten Griechen mehr Zeit gegen die Perser zu verschaffen) findet Einzug in den Film.

Doch je weiter die Geschichtsschreibung sich von Christi Geburt entfernt, desto verstärkt muss man geschilderte Ereignisse als Legende, denn als historische Begebenheit ansehen. Eine solche Legende findet sich unter anderem bei Homer. In seiner Ilias schilderte er in 24 Gesängen rund 50 Tage während des Trojanischen Krieges. Ob dieser tatsächlich stattgefunden hat, kann heute nicht eindeutig geklärt werden. Dass er so stattfand, wie ihn Homer schildert, ist zu bezweifeln. Denn bei ihm sind die Menschen nur Spielbälle für die Gelüste der Götter. Ein freier Wille existiert nicht, Hellenen und Trojaner verkommen zu Marionetten. Die griechische Kultur verfügte über etliche Götter, von solchen zur Jagd (Athene) bis hin zu den des Weines (Bacchus). Nun sind diese sehr eigen, selbstverliebt und streitsüchtig. Ihre Zwiste tragen sie nicht selbst aus, sondern lassen Menschen dies tun. Sie wählen eine Partei aus und lassen diese gegen die des Konkurrenten antreten. So stehen auf Seiten der Trojaner Aphrodite, Göttin der Schönheit, sowie ihr Bruder Apollon, den die Trojaner verehren. Für die Griechen sind derweil Athene und Ares, Gott des Krieges. Sie greifen in Abstimmung mit Göttervater Zeus in das Kriegsgeschehen ein und entscheiden dieses.

Nun ist Mono- und Polytheismus jedermanns eigene Sache, ein Grund jedoch mehr für den deutschen Regisseur Wolfgang Petersen, in seiner Adaption des Trojanischen Krieges auf das Auftreten der Götter zu verzichten. Für 180 Millionen Dollar engagierte Petersen eine namhaftes Ensemble um Brad Pitt, dennoch wurde Troy bei Erscheinen kritisiert, darunter von Fachgelehrten wegen des Verzichts der Götter. Immerhin gelang es Troy, fast das Dreifache seiner Kosten einzuspielen, sodass er zumindest kein Flop wurde. Im letzten Jahr brachte Petersen dann einen Director’s Cut heraus. Diese erweiterte Fassung ist um 30 Minuten Filmmaterial ergänzt, von Schlachtszenen bis zu nackten Tatsachen einer Diane Krüger. Für Wolfgang Petersen selbst ist diese über drei Stunden lange Fassung jetzt stimmiger als der Kinoschnitt, was sich nur bestätigen lässt. Wer die Kinofassung gut fand oder generell auf Monumentalfilme abfährt, kommt an Troy nicht vorbei. Für Fans der Ilias dagegen dürfte der Film womöglich eher abschreckend sein, da er etwaige Kürzungen und Änderungen an der Vorlage vornimmt. In einem Satz: der Director’s Cut von Troy bietet mehr Gewalt, mehr Blut und mehr Brüste.

Während Homer sich in der Ilias eher auf die Sicht der Griechen beschränkt, degradiert Petersen im Film Agamemnon (Brian Cox) und Co. zu den Bösewichtern. Die Helden sind die Trojaner, allen voran Prinz und Heerführer Hektor (Eric Bana). Auch die Darstellung seines Todes gerät weitaus ehren- und heldenhafter als bei Homer. Auch wenn sich über dessen Schreibstil dahingehend streiten lässt, da verschiedene Figuren mal heldenhaft und mal feige agieren. Auf welcher Seite Petersen und Drehbuchautor David Benioff stehen, wird spätestens beim Einfall von Agamemnons Truppen in Troja klar. Hier ergreift der Director’s Cut vollends Partei: Frauen werden vergewaltigt und Kinder ermordet. Mit Homer hat das nun gar nichts mehr zu tun, endet dessen Ilias doch mit Hektors Begräbnis. Dagegen versucht Troy die Geschichte zu Ende zu erzählen, mit Anfang und Ende. Der Legende nach begann der Trojanische Krieg mit der Entführung von Helena (Diane Krüger) durch Paris (Orlando Bloom). Beide beginnen eine Affäre und mit dieser letztlich auch der Krieg zwischen Athen und Troja. Dabei war die Helenas Entführung nur der Auslöser des Krieges, nicht aber seine Ursache. Der Film fängt zum Glück ein, dass Agamemnon die Entführung seiner Schwägerin sehr recht kommt. Ganz Griechenland steht unter seinem Joch – außer Sparta, der große Konkurrent jenseits des Meeres. Wann, wenn nicht jetzt, scheint sich Agamemnon zu denken. Und zieht bereitwillig in den Krieg.

Dieser Tatsache ist sich auch Hektor sehr wohl bewusst, weshalb er sich und sein Volk bereitwillig ihrem Schicksal ergibt. Dabei ist nicht gesagt, dass Petersen die Götter tatsächlich aus seinem Film ausschloss, denn nur weil man sie nicht sehen kann, muss dies keineswegs bedeuten, sie wären nicht da. So machen die Szenen zwischen Helena und Paris im Schlafgemach oder zwischen Paris und Hektor auf dem Schiff ebenso Andeutungen wie der finale Konflikt zwischen Paris und Achilles. Auch in Wolfgang Petersens Film sind die Menschen lediglich Bauern auf einem riesigen Schachbrett, ihre Handlungen lassen sich nicht durch sie kontrollieren, ihr Schicksal scheint vorherbestimmt. Am ehesten sind sich wohl Hektor und sein Kontrahent Achilles (Brad Pitt) dieser Tatsache bewusst. Beide erahnen, dass es für sie kein Entrinnen aus diesem Krieg gibt und beide ergeben sich ihrem Schicksal. Aber beide aus unterschiedlichen Beweggründen – ein großes Attribut von Troy, dessen finale Einstellung dies kongenial unterstreicht.

Während Hektor in den Krieg zog, um für sein Land und dessen Volk zu kämpfen, suchte Achilles nur den Ruhm. Benioff hebt dies brillant hervor, indem er Odysseus (Sean Bean) Achilles auf diese Weise zur Kriegsteilnahme bewegt. Der größte Krieg, den die Welt je gesehen hat – und Achilles war nicht dabei? Der größte Kämpfer aller Zeiten? “They will write stories about your victories in thousands of years! And the world will remember your name”, verspricht Odysseus. Das sieht auch Achilles ein. Obschon er es dank seiner Mutter besser weiß, er sucht den Krieg, braucht ihn. Achilles wollte unsterblich werden und es ist ihm gelungen. Noch 3000 Jahre später würde man seine Geschichte erzählen, diese filmisch würdigen. Seinen Platz muss er sich allerdings mit Hektor teilen, einem Sterblichen, der ihm in Fragen des Ruhmes in nichts nachsteht. Umso passender hat Benioff die letzten Worte des Filmes, von Odysseus gesprochen, gewählt: “Let them say I lived in the time of Hector, tamer of horses. Let them say I lived in the time of Achilles.”

Auffällig ist in Troy natürlich der Einsatz der visuellen Effekte, die Reise der tausend griechischen Schiffe ist ebenso imposant wie die Erschaffung Trojas. Ergänzt werden die Effekte von exzellenten Ausstattungen und Kostümen, besser lässt sich ein Monumentalepos von technischer Seite kaum gestalten. Die Choreographie des Angriffes von Achilles auf den Tempel Apollons ist meisterlich und ungemein flüssig. Da stört es auch nicht groß, dass die gesamte Sequenz ob ihres Inhalts lachhaft ist. Achilles nimmt alleine mit 50 Mann den besetzten Strand der Trojaner ein? Egal, Benioff und Petersen versuchen Achilles’ Status gerecht zu werden. In der Ilias ist er allein für Sieg oder Niederlage der Griechen verantwortlich. Sein Entschluss dem Geschehen fernzubleiben sorgt fast für die Zerschlagung von Agamemnons Truppen. Auch dies fängt Troy ein, so wie die Ursache für Achilles’ Entscheidung. Streitfaktor ist Briseis (Rose Byrne), die Agamemnon für sich beansprucht, obschon sie Achilles „gehört“. Der Film macht hier eine Abänderung, wo Briseis bei Homer eine Sklavin ist, heben sie Petersen und Benioff zur Cousine von Hektor und Paris empor. Sinn und Zweck soll wohl eine Dramatisierung sein, die jedoch eigentlich völlig unnötig war.

Ohnehin folgt der Film eher filmischen Konventionen, entwickelt eine Parteilichkeit und versucht sich an einem Happy End, das den Schilderungen der Legende widerspricht. Das kann man Petersen sicher zum Vorwurf machen, aber wann wurde schon eine historische Begebenheit authentisch wiedergegeben? Wahrscheinlich ist die Ilias in ihrer Form unverfilmbar, da sie im neunten Jahr des Trojanischen Krieges beginnt und nicht mal bis zu seinem Ende andauert. Ein Großteil der Handlung dreht sich um die Streitereien der Götter und der andere Teil um den Konflikt zwischen Achilles und Agamemnon. Das Publikum ist verwöhnt und nicht gewöhnt, dass eine Geschichte einen schlechten Ausgang haben könnte. Bedenkt man das enorme Budget des Filmes, wäre die authentische Erzählung vielleicht sogar ein finanzieller Selbstmord gewesen. Viele Figuren sterben der Legende nach nicht, andere sterben nicht so wie geschildert, wieder andere tauchen gar nicht auf, was ob ihres Schicksals nicht unbedingt die schlechteste Entscheidung war. Benioff und Petersen wollten bestimmt nicht versuchen, so nah wie möglich den wahren Ereignissen Tribut zu zollen, sondern sie nahmen sich einer Legende an, um ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Letztlich basiert Troy bloß auf der Ilias und stellt keine Verfilmung von ihr dar. Das was der Film sein möchte, gelingt ihm zu sein. Ein Schlachten-Epos, garniert mit Helden, gepfeffert mit einem Schuss Romantik. Besonderes Schmankerl sind die kleinen Referenzen zu Homers Odyssee und Vergils Aeneis, die Benioff in sein Skript eingebaut hat. Auch wenn diese Szenen wahrscheinlich lediglich für Historiker besonders interessant und amüsant gerät. Neben den Effekten, Kostümen, der Ausstattung und dem pathetischen Score von James Horner wird der Film allerdings auch von seinem Schauspiel-Ensemble getragen. Von Brad Pitt über Eric Bana bis hin zu Orlando Bloom, Saffron Burrows und Julie Christie ist Troy durchweg namhaft besetzt. Zwar verdient keiner der Darsteller eine Auszeichnung für sein oder ihr Schauspiel, am ehesten vielleicht noch Altmeister Peter O’Toole. Eric Bana ist kein großer Charakterdarsteller, aber die Figur von Hektor weiß er einzufangen. Orlando Bloom hingegen muss einen Schönling spielen und bewerkstelligt dies – mit geringen Abstrichen – auch zufriedenstellend.

Die alten Theaterhaudegen Brian Cox und Brendan Gleeson haben mit ihren Rollen derweil keine Probleme und sichtlich Spaß, Diane Krüger kann sich als Lustobjekt nicht sonderlich hervortun. Star des Films ist Brad Pitt und obschon er über schauspielerisches Talent verfügt, scheitert er an der Eindimensionalität der Figur. Achilles ist im Grunde ein leerer Körper, ihm fehlt die Emotionalität. Er kennt keine Gnade und kein Erbarmen. Zwar lernt er das nach der Schleifung von Hektor, doch ändert dies wenig an seinem Charakter. Pitt hat große Probleme mit seiner Figur, vielleicht unterforderte sie ihn oder ihm fehlte die rechte Herangehensweise. Außer einer langen Mähne und einem gestählten Körper kann er wenig bieten. Doch dies spielt in Troy keine Rolle, es geht um Kämpfe, Schlachten, Auseinandersetzungen. Dies steht im Vordergrund und dies bekommt das Publikum serviert. Die Kirsche auf das Sahnehäubschen ist dabei schlussendlich der Dialogreichtum von Benioff, der seinen Figuren teils herrliche Einzeiler (“Get up, Prince of Troy! I won't let a stone rob me of my glory!”) und Dialoge in den Mund legt.

8/10

18. Januar 2008

The Kite Runner

For you, a thousand times over.

Geschichten von Schuld und Sühne verkaufen sich gut, denn schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Teufel, der bei Gelegenheit freigelassen wird. Manchmal lügen wir oder weichen jemandem gezielt aus, lästern hinter dem Rücken des Chefs oder begehen gedanklich Ehebruch mit dem Partner. Und doch schimpft sich die Mehrheit der Welt religiös und lebt dennoch nicht nach ihren Grundsätzen. Schuld ladet sich jeder in seinem Leben auf, der eine mehr, der andere weniger und der Akt eine Schuld zu begehen, ist ein rein menschlicher. Und da er so menschlich ist, ist es geradezu ausgeschlossen, einen solchen Akt in seinem Leben nicht zu begehen. Das Entscheidende ist jedoch, seine Tat zu bereuen, Sühne zu üben, denn nur dann, kann man in Frieden leben, mit seiner Umwelt, am wichtigsten jedoch mit sich selbst. Natürlich gibt es auch solche reuelosen Menschen, deren Seele verrottet ist und die so etwas wie Sühne oder Schuld nicht kennen, die restlichen Menschen leben jedoch solange mit ihrer Schuld, bis sie diese sühnen. Schuld und Sühne ist also ein durch und durch menschliches Thema, gerade erst hat mit Atonement eine Adaption den Golden Globe als Bester Film gewonnen, die ebenfalls von Schuld und Sühne handelt. Im Jahr 2003 erschien in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Geschichte über Schuld und Sühne, geschrieben von einem afghanisch-stämmigen Amerikaner und Anästhesisten, Khaled Hosseini. Nur zwei Romane wurden im Jahr 2005 in den USA häufiger verkauft, als Hosseinis The Kite Runner (dt. Drachenläufer), jetzt ist im Kino die Verfilmung gestartet.

San Francisco, Sommer 2000: Der afghanische Romanautor Amir (Khalid Abdalla) erhält einen Anruf aus Pakistan von Rahim Khan, einem ehemaligen Freund seines Vaters aus alten Zeiten in Kabul. Rahim Khan bittet Amir nach Pakistan zu kommen, es wäre sehr dringend, Rahim Khan schließt das Gespräch mit den Worten „Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gut zu machen“. Schweren Herzens verabschiedet sich Amir von seiner Frau Soraya (Atossa Leoni), denn Amir weiß ganz genau, was Rahim Khan mit seinen letzten Worten gemeint hat. Damals, im Winter 1975 in Kabul, hat Amir etwas getan, bzw. etwas nicht getan, was ihn den Rest seines Lebens verfolgen sollte. Als Amir (Zekeria Ebrahimi)zwölf Jahre alt ist, lebt er mit seinem reichen und einflussreichen Baba (Homayoun Ershadi) im Kabuler Wazir-Akbar-Khan Viertel und bereitet sich mit seinem Freund Hassan (Ahmad Khan Mahmidzada), der zugleich sein hauseigener Diener ist, da er zu der unterwürfigen Rasse der Hazara gehört, auf das traditionell-jährliche Drachen-Turnier vor. Für Amir hat das Turnier eine entscheidende Bedeutung, kann er mit einem Sieg doch seinem Baba beweisen, dass er nicht so schwach und armselig ist, wie dieser von ihm denkt. In der Tat gelingt es ihm im Drachenkampf zu obsiegen und Hassan eilt als Drachenläufer aus, ihm den Siegesdrachen als Trophäe zu ergattern. Amir folgt Hassan schließlich und findet diesen in einer Straßenecke von dem gleichaltrigen, aber soziopathischen Assef und seinen zwei Freunden drangsaliert. Aus Loyalität zu Amir verweigert er Assef den Drachen und wird daraufhin vergewaltigt – statt einzuschreiten, schaut Amir jedoch doch nur zu und fortan soll sein Leben nie mehr das gleiche sein, wie zuvor.

Hosseini gelang mit seinem Debütroman ein Stück wundervoll-melancholischer Literatur, voller Schmerz und Leid, nur mit Anflügen von Hoffnung hier und da. Ein Stück über Schuld und die daraus resultierende Sühne, zugleich ein Beispiel dafür, wie selbst aus Sühne noch neue Schuld entstehen kann. Viel fokussiert sich im Roman auf die Beziehung zwischen Amir und Baba in der Kabuler Zeit. Amirs Mutter starb bei seiner Geburt und wir viele Kinder, deren Mütter bei der Geburt starben, macht auch er sich schwere Vorwürfe deswegen. Amir fehlt die Begeisterung und Leidenschaft für die Hobbys und Interessen seines Vaters, er interessiert sich nicht für Fußball und ihm wird schlecht beim Autofahren. Zudem hält Baba seinen Sohn für verweichlicht, denn Amir wehrt sich nicht gegen andere Kinder, wenn diese ihm sein Spielzeug wegnehmen. Sein mangelndes Selbstbewusstsein lebt der wohlhabende Paschtune an seinem Diener Hassan aus, der zur verachteten Rasse der Hazara zählt. Da Hassan nicht lesen kann, obliegt es Amir ihm Geschichten und Märchen vorzutragen. Gerne verändert Amir jedoch die Geschichten oder zieht den ungebildeten Hassan mit seiner fehlenden Kenntnis von Fremdwörtern auf. An einem Tag zwingt Amir Hassan beinah Dreck zu fressen, fasziniert von dessen Loyalität ihm gegenüber, der Amir immer nur höflich mit „Amir Aga“ anspricht. Besonders eifersüchtig ist Amir auf die Zuneigung seines Vaters gegenüber Hassan, die scheinbar größer ist als die zu Amir.

Amir leidet sehr unter der fehlenden Nähe zu seinem Vater und sieht nur in einem Sieg beim Drachenkampf-Turnier die Möglichkeit in den Augen seines Vaters etwas zu erreichen. Hassan weiß das und deswegen – zusammen mit seiner Loyalität – lässt er Assef walten. Amir sieht zu, traut sich nicht einzuschreiten und wird dies den Rest seines Lebens büßen. Fortan ist es um die Freundschaft der beiden geschehen, Amir provoziert Hassan, er sucht, er verlangt geradezu nach einer Bestrafung für sein Verhalten – bekomm sie jedoch nicht. Da es Amir mit seiner Schuld nicht länger aushält, aber nicht sühnen kann, ladet er sich mehr und mehr Schuld auf, bis es irgendwann zu einem klaren Schnitt kommt, zu einer letzten großen Schuld. Nachdem Hassan und dessen Vater aus ihren Leben verschwunden sind, und sie selbst aus dem von Sowjets besetzten Kabul nach Amerika fliehen, beginnen sich Baba und Amir als Vater und Sohn einander anzunähern. Viel dreht sich in Hosseinis Geschichte um Afghanen und ihren Glauben, ihre Religion, ihr Lebensverständnis. Immer spielt nang und namoos, Ehre und Stolz, eine große Rolle. Im Alltag und besonders im Umgang mit Frauen. Als Amir in den USA mit Soraya die Tochter eines ehemaligen afghanischen Generals kennen lernt, merkt er, dass ein Afghane seiner Kultur nicht entfliehen kann, nicht einmal in Freemont, Kalifornien. Er und Soraya heiraten, auch wenn sich diese selbst Schuld in ihrer Vergangenheit aufgeladen hat – doch Amir vergibt ihr, da er selbst weiß, was es heißt sich eine große Portion Schuld aufzuladen. Immer wieder wird er an Hassan denken.

All diese Punkte und Motive tauchen im Drehbuch von David Benioff bedauerlicherweise nicht auf. Sträflich werden alle Szenen mit emotionalem Tiefgang, die für die Handlung von Bedeutung sind, ausgelassen. Stattdessen hangelt sich Benioff von einer oberflächlichen Situation zur nächsten, erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern wie es ihm gerade in den Kram passt. Die problematische Beziehung zwischen Amir und seinem Vater wird dabei genauso wenig thematisiert – bzw. in einem einzigen Satz abgehandelt – wie die Tatsache, dass Hassan mehr Amirs Diener ist, als dessen Freund. Genauso wenig sticht heraus, dass Assef ein Soziopath ist, was seinen Ursprung nicht nur in dessen Reichtum findet, sondern auch darin, dass seine Mutter eine Deutsche und er selbst deswegen so hoch gewachsen ist. Seine Herkunft bringt ein Interesse und schließlich eine Faszination für Hitler mit sich, doch das alles geht bei Benioff unter, hier ist Assef nur irgendein Schläger von der Strasse. Auch die Bedeutung von Hassan und Ali für Amirs Vater und die daraus resultierenden entscheidenden Szenen für die gesamte Handlung hält Benioff nicht für groß beachtenswert. Andere Streichungen wie die Weglassung von Hassans Mutter Sanaubar zum Beispiel sind gut gewählt, da bereits im Roman äußerst problematisch. Dennoch fehlt Benioff hier das Gespür für die wichtigen Szenen, das Talent zu unterscheiden, was für die Geschichte von Bedeutung ist und was nicht. An dieser Aufgabe scheitert er grandios, indem er all das in seinem Drehbuch akzentuiert, was für die Entwicklung, bzw. Darstellung der Figuren von keinerlei Belang ist.

Von Regisseur Marc Forster ist man nach diesem Film schon schwer enttäuscht, hätte man nach Finding Neverland doch einen Geniestreich bei einer solch großartigen Vorlage erwarten können. Doch auch Forser akzentuiert die Szenen falsch, legt sein Augenmerk lieber auf den Drachenkampf und die Hochzeit, macht sogar so gravierende Fehler wie afghanische Frauen und Männer gemeinsam an einem Grab stehen zu lassen oder Soraya am Esstisch mit ihrem Vater ein Glas Wein hinzustellen. Um die im Buch zu ausführlich dargestellte afghanische Kultur tut es einem in Forsters Film wirklich leid, denn diese kommt hier aus der klischeebehafteten arabischen Musik nicht sonderlich zur Geltung. Auch Kate Dowd, der in Finding Neverland noch eine so wunderbare Besetzung gelungen ist, tritt hier voll und ganz von einem Fettnäpfchen ins nächste, besonders Khalid Abdalla kann seine Rolle nicht tragen, vor allem in den Kabul-Szenen merkt man ihm das an. In The Kite Runner stimmt am Ende wirklich gar nichts und eine großartige Romanvorlage, auf deren Verfilmung ich mich seit Monaten gefreut habe, sorgte für beständiges Kopfschütteln im Kinosaal. Nicht einmal Adaptionsniete Peter Jackson hätte diese phantastische Geschichte so gegen die Wand fahren können, wie es Forster tut – wohl die Enttäuschung 2008.

1.5/10