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4. Mai 2018

Paper Girls – Volume Four | Doomsday Clock #3-4

Gut Ding will Weile haben, heißt es ja so schön. Das gilt insbesondere auch, wenn es um die Wartezeiten zwischen Comic-Ausgaben geht. Erst jüngst hat Geoff Johns angekündigt, dass statt wie geplant einmal im Monat nun neue Ausgaben von Doomsday Clock alle acht Wochen erscheinen. Immerhin erhalten die Leser hier ein Update, während derzeit Kelly Sue DeConnicks Bitch Planet weiterhin AWOL ist. Rund ein Jahr ist es her, seit #10 über die Ladentheke wanderte. Wann oder ob eine elfte Ausgabe ansteht, wurde bislang nicht kommuniziert. Gut, dass zumindest Brian K. Vaughans Paper Girls mit Volume 4 einen neuen Sammelband auf die Wege gebracht hat. Aber hat sich das Warten auf Paper Girls und Doomsday Clock gelohnt?

Paper Girls – Volume Four

All shall be done and forgotten.

“Context is king”, hatte dieses Jahr Captain Lorca (Jason Isaacs) in der jüngsten Star Trek-Serie Discovery einmal gesagt. Nach etwas kryptischem Beginn in seinem ersten Band sowie auch den Folgenden hat Brian K. Vaughan nun in Volume 4 von Paper Girls etwas mehr Fleisch an den narrativen Knochen gepackt. Zumindest was in etwa die Prämisse betrifft – selbst wenn dies nun nichts ist, was sich in den letzten Bänden nicht bereits abzeichnete oder hat entsprechend interpretieren lassen. Grundsätzlich unterscheidet sich Volume 4 dabei gar nicht einmal wirklich von den Vorgängern, tritt die Handlung doch etwas auf der Stelle, während sich der Autor wieder mal zu sehr in seinen pop-kulturellen Referenzen verliert.

Angekommen am Silvesterabend des Jahres 1999 und inmitten der Y2K-Befürchtungen sind die Mädels um Erin, Mac, KJ und Tiffany erneut getrennt. Ein Schema, das inzwischen wohl nur dazu dient, parallel Handlungsstränge abspielen zu lassen. So trifft Tiffany in ihrem alten Elternhaus wider Erwarten den Goth-Ehemann ihres (buchstäblichen) Alter Egos und Erin, Mac und KJ sind auf der Suche nach ihr. Die führt das Trio kurzzeitig zu einer lokalen Cartoonistin, die verdeckt Informationen zu den bisherigen Vorgängen des Konflikts zwischen Alt und Jung der Generationen aus der Zukunft in ihre Arbeit einfließen lässt. In wenigen Panels vertieft Vaughan zudem den Einblick in die Person und die Vergangenheit des mysteriösen Grand Father.

Als “The Battle of the Ages” erhält der seit vier Bänden schwellende Konflikt der Generationen nun schließlich einen Namen. Die jugendlichen Nachfahren des Grand Father und seiner treuen Anhängerin Prioress “declared war on the entire timeline”, so das Oberhaupt. Mit der Erfindung der Zeitreise sah sich die Jugend in einer gesellschaftlichen Pflicht, das Wohl der Menschen in der Vergangenheit zu verbessern. So referiert die Cartoonistin an der Schwelle zum Jahr 2000 bereits durch ihre Quellen aus der Zukunft die Anschläge des 11. September oder den aktuellen Smombie-Wahn. Als Puristen der 4. Dimension spielen sich wiederum die Vorfahren dieser jungen Generation auf: Mit der Vergangenheit ist nicht zu spaßen, so das Motto.

Mit Pandoras Box des Zeitreise-Paradoxes hält sich Paper Girls zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf. Selbst wenn Vaughan wieder fleißig auf Filme wie The Terminator, 12 Monkeys und Star Trek IV: The Voyage Home verweist, ebenso wie auf den TV-Klassiker Quantum Leap. Die Einschübe wirken immer noch so unpassend und gekünstelt, der Autor wird sie sich aber wohl auch nicht mehr abgewöhnen. Dass auch Volume 4 nicht wirklich von der Stelle kommen will, ist da schon etwas bedauerlicher. Nach Erin in Volume 2 ist es nun Tiffany, die einer älteren Version von sich begegnet. Und auch sie muss wie Erin erkennen, dass ihr Alter Ego im Erwachsenenalter nicht wirklich an einem Punkt im Leben angelangt ist, der sie zufrieden stellt.

Insofern ist absehbar, dass das Comic wohl das Hin- und Hergespringe durch die Zeit dazu nutzt, um die Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes mit sich selbst zu konfrontieren. Somit dürften Begegnungen der KJs und Macs in kommenden Bänden noch ausstehen – zugleich aber auch etwas interessanter ausfallen. Erneut wird kurz Macs Leukämie-Tod angesprochen, ebenso wie KJs Homosexualität in Kontrast zu Macs Homophobie in den Fokus rückt. Zwei „Probleme“, die in der Aufarbeitung da doch interessanter ausfallen dürften, als Tiffanys Adoption – die hier quasi ohne Relevanz ist – oder Erins Hintergrund. Nett ist zudem, dass Terry – falls sich überhaupt noch jemand an ihn erinnert – aus Volume 1 einen kleinen Cameo erhält.

Selbst wenn die Handlung teils etwas stagniert, inszeniert Vaughan doch so schnelllebig, wie die Mädchen die Zeitlinien wechseln. Ähnlich wie Dr. Braunstein in Volume 3 werden auch hier frisch eingeführte Charaktere direkt wieder ins Jenseits verabschiedet. Was natürlich in einer Geschichte, die von Zeitreisen(den) handelt, letztlich nichts heißen muss und künftige Auftritte nicht ausschließt. Als Leser ist man Paper Girls einerseits dankbar, dass das Kind des Konflikts beim Namen genannt ist, andererseits wirkt es dadurch aber weiter nicht unbedingt so, als ließe sich erahnen, dass das Comic weiß, in welche Richtung es sich bewegt. Jetzt geht es erstmal zurück in die Zukunft – eine Referenz, die Vaughan sicher in Volume 5 einbaut.

7.5/10


Doomsday Clock #3-4

What page are you on?

Die Geschehnisse vergangener Tage bestimmen auch die Handlung in den jüngsten beiden Ausgaben von Geoff Johns’ Doomsday Clock. Nahezu ausnahmslos alle Figuren hadern mit den Geistern, die sie riefen – allen voran natürlich Ozymandias. Getreu dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ muss Veidt in Walk on Water (#4) erkennen, dass der durch seinen Massenmord initiierte Weltfrieden nur eine kurze Halbwertszeit hatte. Direkt zu Beginn von Not Victory Nor Defeat (#3) begegnet ihm dabei im Büro von Lex Luthor in Person des von den Toten auferstandenen The Comedian ein weiteres Verbrechen seiner Vergangenheit. Der Pfad der Vergebung ist kein leichter, wie Veidt schmerzhaft im Verlauf von Ausgabe #3 feststellen wird.

Es war eine nachvollziehbare Entscheidung, in der vergangenen Ausgabe Veidt mit Luthor und Batman mit Rorschach zu konfrontieren, handelt es sich doch jeweils um Brüder im Geiste. Hier die leicht soziopathischen Oligarchen, dort die vom Waisentrauma geplagten maskierten Verbrechensbekämpfer. Das Aufeinandertreffen von Batman und Rorschach dient Johns für eine willkommene humorvolle Auflockerung, die jedoch alsbald vorhersehbare narrative Wege beschreitet. Ungeachtet Walter Kovacs Tagebuch nimmt Bruce Wayne sein Gegenüber nicht für voll – Ozymandias hätte das Anliegen vielleicht etwas geschickter vorgebracht. Der ist selbst jedoch ebenso wenig erfolgreich, auf der intendierten Suche nach der Spur von Dr. Manhattan.

Die Handlung wird in Not Victory Nor Defeat und Walk on Water fürs Erste leicht entschleunigt. Sogar so weit, dass sich in Ausgabe #3 ein Nebenhandlungsstrang um den von seiner Familie im Seniorenheim vergessenen Mr. Thunder einer Geschichte-in-der-Geschichte widmet. In der Tradition von Dashiell Hammett ermittelt in dem fiktiven Film noir The Adjournment der ermordete Hollywood-Star Carver Coleman als hard-boiled detective einen Doppelmord. Ob sich der Film als Kommentar auf das Geschehen ähnlich wie in Watchmen die Comic-Story Tales of the Black Freighter durch die übrigen Ausgaben ziehen wird, steht momentan noch aus. Wirklich viel beizutragen zur Einordnung hat der Film aber (noch) nicht.

Offen bleibt auch, welche Rolle dem öffentlichen Aufruhr um die Superhelden im DC-Universum zukommt. Wieder wird die Anti-Metahuman-Position erwähnt, mit Bezug auf von Luthor entwickelte Metagen-Detektoren, die Menschen mit speziellen Fähigkeiten ermitteln. “We’re God-knows-where doing God-knows-what”, kommentiert The Marionette relative treffend die noch ungenaue Richtung der Entwicklungen. Ihr und The Mime gehört dabei in Not Victory Nor Defeat der imposanteste Moment, wenn beide unwissentlich das Hoheitsgebiet des Jokers betreten und sich dort auf blutige Weise seinen Handlangern vorstellen. “I can see the noose around your neck from here”, heißt es an einer Stelle, was quasi für alle Figuren gelten könnte.

Noch mehr Tempo reduziert hier Walk on Water, konzentriert sich die Ausgabe nahezu in Gänze dem Trauma von Reggie Long, das ihn zur zweiten Inkarnation von Rorschach werden ließ. Johns verdoppelt dabei die Watchmen-Referenz, wenn nicht nur die Verwandtschaft des neuen Rorschach zu Kovacs Psychiater Malcolm Long bestätigt wird, sondern indem Reggie nach Zeugnis des Massakers von New York in einer Nervenheilanstalt auch noch von Byron ‘Mothman’ Lewis unter die Fittiche genommen wird. “All this anger inside me… it’s got nowhere to go”, fasst Reggie sein Kernproblem zusammen, das – eben ähnlich wie bei Bruce Wayne mit dem Trauma des Elterntodes der Fall – letztlich in seiner Heldengeburt kanalisiert wird.

Wirklich Einblicke in die Figur schenkt diese ausgiebige Charakterisierung jedoch nicht. Der Leser lernt nichts, was er sich nicht bereits hätte denken können. Zumal die aus seinem Überlebensschuld-Syndrom geborenen Rachegelüste dann – wie die erste Ausgabe ohnehin vorweg nahm – schlussendlich ziemlich schnell wieder abgekühlt sind. Insofern wirkt Walk on Water angesichts der nur noch verbliebenen acht Ausgaben wie ein wenig verschenkte Mühe, um eine Figur dreidimensionaler zu gestalten, die dies erstens nicht bedurfte und zweitens bereits greifbar genug gewesen ist. Bleibt nur zu hoffen, dass Doomsday Clock und Geoff Johns in der nächsten Ausgabe wieder etwas mehr Tempo gewinnen. Die Uhr tickt schließlich.

7.5/10

15. September 2017

Bitch Planet | Clean Room | Paper Girls

Aus zwei mach drei – beziehungsweise umgekehrt. Die bisherige Paarung im Rahmen der Comic-Vorstellungen wird etwas aufgesprengt. Während Bitch Planet mit seiner Ausgabe #10 seinen zweiten Lauf abschließt – in der Regel werden stets fünf Ausgaben für einen Sammelband zusammengefasst – und Paper Girls mit seinem Volume 3 seine Protagonisten in das nächste Abenteuer schickt, verabschiedet sich mit Clean Room Volume 3 bereits ein Comic, kaum dass es für sich Werbung machen konnte. Immerhin drehen sie sich alle um starke Frauenfiguren, wie es der Zufall so will. Und auch wenn sie sich darin ähnlich sind, unterscheiden sie sich in ihrer jüngsten Rezeption doch – einerseits in Frustration, Stagnation sowie in einem Fall in Akzeptanz.

Bitch Planet #10

I never liked making decisions anyway.

In der Regel konsumiere ich Comic-Serien stets Bände-weise. Sprich: Statt Einzelausgaben, die monatlich erscheinen, warte ich drei bis vier Quartale auf einen Sammelband. Das macht das Lesen flüssiger und steigert den Effekt der Handlung. Bitch Planet von Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro ist da eine Ausnahme. Die einzelnen Ausgaben zieren meine Sammlung, aber auf diese warte ich inzwischen auch fast genauso lange wie auf die Sammelbände von Serien wie beispielweise Saga. Fünf Monate sind seit Bitch Planet #9 vergangen – genauso lange wie zuvor zwischen Ausgabe #8 und #9. Das Warten „frustriert“ auch deshalb, weil gefühlsmäßig relativ wenig passiert, in den Momentaufnahmen der Bitch Planet-Ausgaben.

Zuletzt wirkte es so, als würden DeConnick und De Landro eine narrative Kurskorrektur vornehmen. Derartige Mutmaßungen sollte ich wohl inzwischen ad acta legen. Bitch Planet #10 begleitet weiterhin den durch Makoto Maki ausgelösten Aufstand des Auxiliary Compliance Outposts, wo Eleanor Doane nun nicht mehr nur aus ihrer Zelle befreit wurde, sondern auch das Kommando über die Einrichtung gewonnen zu haben scheint. Währenddessen findet ein zweiter Aufstand außerhalb des A.C.O. statt – beinahe zeitgleich von Eleanor Doanes Anhängerinnen ausgeübt. Thematisch finden sich Analogien nicht nur zur Gewalt gegen Schwarze in den USA, sondern auch ein Kommentar zu Hillary Clintons verlorener US-Wahl 2016.

Noch wissen wir nicht viel über Eleanor Doane, doch wie Maki verrät, war sie einst “the leader of the free world”. Die Idee einer schwarzen, weiblichen US-Präsidenten ist angesichts der Trump-Wahl natürlich durchaus sehr Science-Fiction-esk. Und eine Präsidentin Doane sicher der Albtraum des weißen amerikanischen Patriarchats. Immerhin hatte mehr als jeder zweite weiße Amerikaner eine unvorteilhafte Meinung zu Clinton – wohin sich drei Viertel der schwarzen Männer durchaus mit einer Frau als Staatsoberhaupt hätten anfreunden können. “You are the reason we got here”, ätzt einer der Wärter, der gegenüber Doane in der Ausgabe handgreiflich wird. “You fucked it all up.” Selten spricht das Comic die Angst des weißen Mannes so deutlich an.

Auch das Rassen-Element taucht im Konflikt zwischen Doane und dem Wärter auf, der ihr nach dem Leben trachtet. “You can’t kill us all, boy”, lässt diese ihn wissen. Der weiße Mann fürchtet somit nicht nur die Verdrängung seiner ethnischen Gruppe, sondern auch die Verdrängung aus dem Machtvakuum, welches er Jahrhunderte lang exklusiv hatte. Grundsätzlich funktionieren solche Analogien sehr gut in DeConnick und De Landros Serie. So gut sogar, dass man sich wünschen würde, Bitch Planet würde sie etwas verstärkter integrieren, statt oft in den ausufernden Essays am Buchende zu erörtern. Löblich ist die Entwicklung allemal und die Ereignisse spannend, wenn auch mit offenem Ausgang. Nun heißt es erstmal wieder: warten.

7/10


Clean Room – Volume 3

Because the cow goes Moo.

Viele offenen Fragen warf Gail Simone in den ersten zwei Bänden ihres Comics Clean Room auf – was als Exposition sicher vertretbar ist. Umso überrumpelter gerät da Volume 3, das nicht nur wenig bis keine Antworten liefert, sondern – so hat es den Anschein – die Comic-Serie auch sehr überraschend zu einem Abschluss bringt. In der Kürze liegt durchaus die Würze und generell ziehe ich bei Fernsehserien Vertreter mit 10 Episoden pro Staffel ihren längeren Kollegen vor. Aber die drei Bände von Clean Room haben im Nachhinein nicht gereicht, um ihre Welt ausreichend vorzustellen und die darin erzählte Geschichte zu einem kohärenten und zufrieden stellenden Ende zu bringen. Clean Room hinterlässt viel Unordnung.

Wie schon am Ende von Volume 1 muss hier erneut Astrid den Weg nach Florida antreten, um Chloe zurück in ihre Organisation zu locken. Die erhält sogar diesmal einen Namen: The Honest World Foundation. Nach dem vermeintlichen Verrat von Killian und Duncan wird diesen zwar vergeben, doch Chloe soll nun Astrids neue Nummer 2 in der H.W.F. sein. Während sich Astrid ihrer von Dämonen besessenen Nichte Derica widmet, müssen sich Chloe und Killian im Clean Room mit Artus Greenhand auseinandersetzen. Der selbsterklärte #1 Astrid Müller Fan hat jedoch mehr als ein Autogramm im Sinn, als er die beiden Frauen in eine vergangene Erinnerung von sich entführt und dort zurücklässt, die ihn als misogynen Serienkiller entlarvt.

Volume 3 führt nunmehr neue Figuren ein, wie Artus und auch Derica, die mit dem obligatorischen Vulgär-Mundwerk à la Exorcist ausgestattet ist. Ihre Funktion will sich jedoch nicht wirklich erklären. Dasselbe ließe sich über Marcus Tyrell Webber sagen, einen Anhänger der Dämonen, der zwar optisch durch Selbstverschandelung cool aussieht, aber keine rechte Luft zum Atment erhält. Eine ganze Ausgabe widmet sich mit Mary Carmody einem Mitglied von Astrids Sekte, sodass man denken würde, sie wird eine bedeutende Rolle einnehmen – tut sie dann aber nicht. Kurzum: Der finale Band ist ohne Struktur und Ordnung inszeniert, sodass es nicht überrascht, dass der Kampf Gut gegen Böse entsprechend überhastet ein Ende findet.

Zuvor hatte Astrid die Dämonen als gelangweilte Außenseiter eingeführt, von ihrer Rasse verstoßen. “The sadists, the killers, the torturers and rapists”, so Astrid. Was wiederum bedeutet, dass es irgendwo andere Dämonen gibt, auf die all dies nicht zutrifft. Engel vielleicht? Wobei die Serie die Dämonen ohnehin eher als Außerirdische behandelt. Was nun genau die Handlung war, will sich einem abschließend nicht vollends erschließen, während zuvor als gefährliche Widersacher eingeführte Charaktere wie der Chirurg hier von ein paar Rednecks mit Baseballschlägern zusammengeschlagen wird. Was genau wollte nun Astrids Sekte eigentlich erreichen? Denn der Ausgang von Volume 3 wäre jederzeit zu einem anderen Zeitpunkt möglich gewesen.

Mutmaßen ließe sich nun, dass Simone die Serie für andere Aufgaben aufgibt und daher zu einem Ende bringen wollte. Schließlich hat sich Zeichner Jon Davis-Hunt bereits verabschiedet – was einem bereits bei einem Blick in die Panels ins Auge springt. Walter Geovani und auch Sanya Anwar, die eine Ausgabe übernommen hat, weisen einen deutlich hässlicheren Zeichenstil auf, der nicht nur mit Davis-Hunt Stil bricht, sondern sich auch voneinander unterscheidet. Insofern sehen Figuren wie Astrid, Chloe und Killian mal so, dann wieder so aus, was verstört. Wozu dann Figuren wie Mary eingeführt werden, anstatt die Panels als Hintergrundoption für beispielsweise Capones Vergangenheit zu nutzen, bleibt wie der Plot ein Mysterium für sich.

Letzten Endes hat Clean Room aus einer grundsätzlich vielversprechenden Prämisse wenig bis nichts gemacht. Auch in Volume 3 sehen wir leise Echos des Potentials eines They Live!-Szenarios mit den Dämonen, die mitten unter uns leben. Nur wurde dies nie wirklich vertieft, so wie auch Chloe eine besondere Rolle zukam, deren Bedeutung keine Erläuterung erfand. Aufgrund der eher düsteren Elemente – auch hier wieder mit Artus als Serienmörder – hätte Clean Room durchaus eine Sonderstellung einnehmen können. Entweder fehlte jedoch die Resonanz unter den Lesern oder das Interesse bei den Produzenten. So bleibt nur ein reichlich unsauberes, frustrierendes Ende eines Comics, das unter seinen Möglichkeiten blieb.

6/10


Paper Girls - Volume 3

I think tradition is fucking garbage.

Nostalgie zu evozieren, kann eine schöne Sache sein. Viele Filme aus der Kindheit schätzt man wohl hauptsächlich, weil man mit diesen aufgewachsen ist. Das Erlebnis steht somit über der eigentlichen Qualität. Wer zu sehr auf einen Nostalgie-Bonus setzt, kann das Pendel aber auch schnell in die andere Richtung umschlagen lassen. So biederte sich Stranger Things auf nahezu ekelhafte Art und Weise an die 1980er Jahre Popkultur an, nur noch übertroffen vom ersten Teaser-Trailer zu Steven Spielbergs Ready Player One. Jemand, der sich ebenfalls einer solchen Popkultur-Anbiederei schuldig macht, ist Brian K. Vaughan in seiner Comic-Serie Paper Girls. Hier folgt eine Referenz auf die nächste – und das meist ohne wirklichen Hintersinn.

Nach den Ereignissen der ersten beiden Bände landen Erin, Mac, KJ und Tiffany nun in einer prähistorische anmutenden Welt voller riesiger aggressiver Monster, wo sie bei einer Begegnung mit einem solchen bereits kurz darauf wieder voneinander getrennt werden. Während KJ und Mac versuchen, erneut zu den anderen zwei aufzuschließen, lernen die derweil in Wari eine gleichaltrige Einheimische kennen. Wari ist eine junge Mutter, die ihren Sohn Jahpo vor drei Männern beschützen will, die den Säugling als Vater jeder für sich reklamieren. Zur selben Zeit reist Dr. Qanta Braunstein vom Team Apple X aus der Zukunft in die Vergangenheit, um dort unerwartet in das Abenteuer unserer vier Protagonistinnen verwickelt zu werden.

Aufgrund der Welt und seiner Lebewesen hält sich Vaughan nicht lange damit auf, mit Land of the Lost die erste Referenz auf die Leser loszulassen. Passend dazu dürfen The Flintstones später nicht fehlen, auch Planet of the Apes bietet sich an. Aber unsere Mädchengruppe findet auch noch Gelegenheit, mal wieder Star Trek zu referieren, nebst A Hitchhiker’s Guide Through the Galaxy und MacGyver. Wieso ein Quartett jugendlicher Mädchen durchweg miteinander via TV- und Kino-Referenzen kommuniziert, bleibt offen. Genauso wieso Vaughan meint, den Leser mit seinen Vergleichen penetrieren zu müssen, anstatt den die Assoziation gegebenenfalls einfach selbst ziehen zu lassen. Es muss nicht alles ausbuchstabiert werden.

Abseits davon tut sich in der Welt von Paper Girls immer noch relativ wenig. Mit Qanta Braunstein begegnen wir einer neuen Figur, über die wir jedoch nahezu nichts erfahren. Scheinbar ist sie die erste Zeitreisende ihrer Geschichtszeichnung, was genau hinter Apple X steckt, wird jedoch nicht erläutert. Dafür setzt dies die zahlreichen Apple-Hinweise fort (so führt Braunstein ein Gerät namens iBeam mit sich). Auf einer späteren Splash-Seite sehen wir auch den Anführer der Erwachsenen aus der Zukunft wieder, ohne dass ein Zusammenhang zwischen den Mädchen, Braunstein und ihm wirklich deutlich wird. Was angesichts der Tatsache, dass wir uns inzwischen am Ende von Volume 3 befinden, etwas planlos anmutet.

Im Vergleich dazu hatte Vaughan in Saga vom Fleck weg deutlich gemacht, um was es in der Geschichte genau geht. Auch wenn dort in Regelmäßigkeit Widrigkeiten auftauchen, die das Prozedere in die Länge ziehen. Wohin sich Paper Girls entwickelt, ist jedoch nicht ausformuliert, außer dass die namentlichen Zeitungsmädchen von einer Zeitepoche in die nächste springen, um sich dort behaupten zu müssen, während eine von ihnen mit Wahrheiten über sich selbst konfrontiert wird. So hadert Mac weiterhin mit ihrer drohenden Leukämie und KJ erlebt ihren ersten Menstruationszyklus. Gerade diese Szenen und Momente funktionieren besser als die Sci-Fi-Apple-Geschehnisse, da sie greifbarer sind und einen narrativ abholen.

Was Paper Girs in seiner Phase der Stagnation bräuchte, wäre eine Hilfsfigur, die den Charakteren – und damit den Lesern – erklärt, wo sie sich befinden. Sowohl zeitlich als auch was die Prämisse der Erzählung anbelangt. Am ehesten scheint dies in der Zukunft möglich, wohin die Mädchen am Ende immerhin wieder auf dem Weg sind. Grundsätzlich wirkt es jedoch so, als wüssten Vaughan und Chiang nicht so recht, wohin sie mit ihrer Serie hin wollen. Und wenn sie es wissen, sollten sie langsam einen Zahn zulegen. Denn so schön die Welt und die Figuren auch sind, irgendwann ist der nächste Schritt notwendig. Immerhin sind die Mädchen jetzt zurück – zurück in der Zukunft. Eine Referenz, die wohl auch Vaughan in Volume 4 bringt.

6.5/10

30. Juni 2017

Paper Girls – Vol. 1&2 | Clean Room – Vol. 1&2

This... this is a lot to process.

Mehr als ein Drittel meiner Comic-Sammlung stammt aus der Feder von Brian K. Vaughan. Und das liegt nicht einmal (nur) daran, dass meine Sammlung nicht ausufernd groß ist (immerhin hat sie den Umfang eines Viertels meiner Film-Sammlung). Aber mit Y: The Last Man und vor allem Saga hat sich der 41-jährige Amerikaner entsprechend Vorschusslorbeeren erarbeitet, die er zuletzt auch mit seiner jüngsten Serie Paper Girls für Image Comics wieder ernten konnte. Mit dem Zeichner Cliff Chiang scheint Vaughan dabei etwas auf den Stranger Things-Hype-Zug aufzuspringen, wenn sein neuestes Sci-Fi-Fantasy-Comic der Geschichte einer Gruppe von vier jugendlichen Mädchen folgt, die sich 1988 auf ein Abenteuer begeben.

Es ist der frühe Morgen an Allerheiligen in einem Vorort von Cleveland, als die 12 Jahre alte Erin sich auf ihre Fahrradroute als Zeitungsmädchen begibt. Unterwegs stößt sie auf ein Trio weiterer Austräger rund um Pionierin Mac sowie Tiffany und KJ. Als sie eine Gruppe verkleideter Männer überfällt und sie diese verfolgen, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Riesige Dinosauriervögel, beritten von Erwachsenen mit seltsamem Dialekt, stellen sich ihnen in den Weg und die verkleideten Männer derweil als Teenager aus der fernen Zukunft heraus. Wider Willen sind die vier Mädchen in einen scheinbaren Generationenkonflikt hineingeraten, der sie bald auf eine wilde Reise durch die Zeit, von der Vergangenheit in die Zukunft, katapultiert.

Die Welt, die Vaughan hier erschafft, ist wie schon in Saga unwahrscheinlich komplex, aber zugleich weniger zugänglich. Wo der Kriegskonflikt in Saga im Kern verständlich ist und die Liebesgeschichte zwischen Soldaten verfeindeter Parteien das Fundament bildet, hält Vaughan den Leser in Paper Girls auf dem Wissensstand seiner Protagonisten. Wenn da die Erwachsenen aus der Zukunft von einer “ablution” sprechen, die derzeit in Gange sei und von einer Ausgangssperre, versteht man auch nach den ersten beiden Volumes (noch) lediglich Bahnhof. Die mutierten Teenager aus der Zukunft – scheinbar uns exorbitante 68.000 Jahre voraus – sammeln in der Vergangenheit Telefone und nutzen zugleich unbekannte Apple-Geräte.

Ob die Erwachsenen tatsächlich die „Bösewichter“ der Geschichte sind oder sich die Dinge nicht womöglich vielschichtiger darstellen als es den Anschein hat, ist unklar. Schlicht, weil die Motivationen der Vertreter aus der Zukunft fehlen. Während Volume 1 die Mädchengruppe mit den beiden Parteien und ihrem vorherrschenden Zwist konfrontiert, katapultiert sie Volume 2 schließlich aus dem Jahr 1988 in die Gegenwart des Comic-Lesers respektive das Jahr 2016. Wie es das Zeitreise-Genre diktiert, trifft die 12-jährige Erin auf ihr etwa 40 Jahre altes Alter Ego. Die erinnert sich nicht an die Erlebnisse aus dem Band zuvor und hat somit weitaus mehr Probleme, die ganzen abstrusen Ereignisse und ihr junges Ich entsprechend zu verarbeiten.

Ähnlich wie in vergangenen Comics verliert sich Vaughan dabei etwas zu sehr in seinen pop-kulturellen Anspielungen. So wird unter anderem Star Trek IV, The Terminator, Pacific Rim und Airwolf Referenz erwiesen, in Erins Schlafzimmer von 1988 hängt dazu passend ein Poster von The Monster Squad. Da sie und die anderen Mädchen eingangs noch per Rad unterwegs sind, liegen die Ähnlichkeiten zu Stranger Things, Stand by Me, E.T. und Co. auf der Hand – immerhin jedoch unter dem Aspekt des “gender swap” und Fokussierung auf ein Quartett jugendlicher Mädchen. Auch abseits von Film und Fernsehen verweist Paper Girls auf die Gegenwart, sei es ein loser Kommentar auf das Zeitungssterben oder die US-Wahl von 2016.

“The poor bastards have no idea the problems are about to begin”, sagt der Anführer der Zukunfts-Alten und man kommt nicht umhin, es auf die Trump-Präsidentschaft zu beziehen. Deutlich ist in Paper Girls, dass Jungs hier eine untergeordnete Rolle spielen, abseits der Teens aus der Zukunft. Dominiert werden die ersten beiden Sammelbände vielmehr von den Mädchen und ihrer weiblichen Verwandschaft, womit der feministische Trend der letzten Jahre auch in den Comics verstärkt Einzug findet. Das ist grundsätzlich wie die Geschichte und die vier Figuren interessant, auch wenn noch nicht klar ist, um was genau sich die Handlung dreht und in welche Richtung sie sich entwickelt. Oder wie die alte Erin sagt: “This… this is a lot to process.”

7.5/10


It’s harvest time in the meat hospital.

Letztendlich hat Religion sicher auch den Zweck, die Menschen zu trösten. Dem Sinnlosen einen Sinn zu geben und vermeintliche Unterstützung im Leben zu bieten. Da unterscheidet sich das Christentum nicht allzu sehr von jüngeren Sekten wie Scientology. Gail Simone präsentiert in ihrer neuen Comic-Reihe Clean Room eine Scientology-ähnliche Selbsthilfe-Organisation der 34 Jahre alten Deutschen Astrid Müller. Die verspricht ihren Anhängern, Hilfe zur Selbstverwirklichung in einem ominösen Clean Room zu erlangen. Auch der Fotograf Philip gehörte zu ihren Jüngern, ehe er sich nach Erlangen der nächsten „Erleuchtungsstufe“ in seiner Küche den halben Kopf mit einer Pistole wegblies. Was anschließend seine Verlobte Chloe auf den Plan ruft.

Chloe verlor mit Philip nicht nur ihren Verlobten, sondern wie sie später am Rande erzählt auch ein Baby und letztlich ihren Lebenswillen. Ein Suizidversuch geht schief, bringt jedoch in der Folge böse Visionen von Dämonen und anderen Kreaturen mit sich. Als Journalistin will Chloe nun Astrid Müller zur Rede stellen, ist aber unwissentlich bereits mitten in einen Konflikt geraten, der weit über ihre persönliche Vendetta hinausgeht. Die Realität ist, dass die Hölle existiert, genauso wie dämonenhafte Kreaturen, die mitten unter uns leben. Wie sich zeigt, brachte ihr Suizidversuch mit kurzzeitigem Ableben Chloe “an elevated sense of reality”. Und Astrid Müller muss es wissen, begegnete sie doch als Kind schon ihrem ersten Dämon.

Ähnlich wie Paper Girls wirft Clean Room von Gail Simone und Jon Davis-Hunt in seinen ersten beiden Volumes viele Fragen auf, ohne genügend Antworten zu liefern. Kern der Geschichte scheint ein “They Live!”-Szenario zu sein, in welchem böswillige Geschöpfe unerkannt unter den Menschen leben. Nur wenigen Personen ist dies gewahr. Clean Room handelt dabei in gewisser Weise aber auch vom klassischen Kampf zwischen Gut und Böse, von Korruption, Perversion, Schmerz, aber auch Liebe. Warum sie sonntags immer in die Kirche müssen, fragt da eingangs eine junge Astrid ihren Vater in einer deutschen Kleinstadt. Um den Teufel fernzuhalten, so seine Antwort. Wie wir kurz darauf sehen, hat der das Mädchen aber bereits gefunden.

Was genau hinter Astrids Organisation steckt und wie diese funktioniert verrät das Comic nicht. Im titelgebenden Clean Room, einen technischen Raum, in welchem Astrid die Probanten mit ihren sinnbildlichen Dämonen konfrontiert, wartet die Erlösung – aber wie sich zeigen wird, auch eine Gefahr. Zu Astrids Anhängern zählen jedenfalls auch zahlreiche Prominente, darunter der rehabilitierte Action-Schauspieler Rand Tanner, der sich jedoch unerwartet das Leben nimmt und somit Publicity-Schatten auf Astrids Gruppe zu werfen droht. Die besteht aus etlichen ehemaligen Militär-Mitgliedern wie Ex-Mossad-Agentin Killian Reed oder der bedrohlichen Ms. Capone. “Everyone’s a nobody”, sagt Astrid, “until they are not.”

Dies schließt wohl auch Chloe mit ein, die verstärkt Kontakt zu der anderen Seite der Realität erhält, sei es wenn ein Auftragskiller aus der Hölle sie aufsucht oder ein exorzierter Dämon sich wohlwollend an ihre Seite stellt. Clean Room postuliert im Laufe seiner beiden Bände immer deutlicher, dass Chloe eine besondere Rolle zukommt, wenn die Machenschaften der Dämonen, für die die Menschheit laut Astrid lediglich “roadkill” darstellt und im Weg steht, gestoppt werden wollen. Ärgerlich ist da bloß, dass Chloe eine etwas anstrengende Figur ist, einerseits ihren toten Verlobten in den Himmel lobend, andererseits sich bereits ein paar Monate später der erstbesten nächsten männlichen, uninteressanten Figur an den Hals werfend.

Astrid ist dagegen schon wesentlich spannender, da ambivalenter. Zuerst sehr negativ gezeichnet, beginnt der Leser sie eingangs von Volume 2 in einem positiveren Licht zu sehen, ehe Simone kurzzeitig wieder den Stecker zieht. Charakterlich ist das Comic somit noch etwas unrund. Clean Room lebt daher bislang am meisten von seinem angedeuteten Mysterium und seinen gorigen Handlungsmomenten, die das Comic bisweilen eher in den Horror-Bereich schieben. Grundsätzlich bin ich solchen Settings des Übernatürlichen à la Hellblazer oder Preacher durchaus aufgeschlossen – insofern die Handlung, siehe Paper Girls, irgendwann auch ein Gerüst erhält. Momentan ist die Prämisse aber noch genug, um mich zu einem Anhänger zu machen.

7/10