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7. Juli 2010

Breaking Bad - Season Three

There’s no honour among thieves. Except us… of course.

In seinem Werk Jenseits von Gut und Böse schrieb Friedrich Nietzsche als Aphorismus 146 einst die unsterblichen Worte: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. Ein Zitat, wie es sich auch auf die dritte Staffel von Vince Gilligans Drama-Serie Breaking Bad münzen ließe. Die Geschichte vom Krebskranken Chemielehrer Walter White, der zur finanziellen Absicherung seiner Familie beginnt, Meth zu kochen, brachte nicht nur Gilligan Ruhm und Ehre, sondern auch der Show selbst, die nächsten Sommer in ihr viertes Jahr gehen wird, eine etablierte Stellung im TV-Geschäft. Im Gegensatz zu anderen Serien wie Chuck oder True Blood gelang es Breaking Bad jedoch nicht, sich im dritten Jahr zu steigern. Zu unsympathisch sind die Figuren, zu problematisch das ausufernde Konzept wie man es von Kabel-TV-Serien gewohnt ist.

Der Krebs ist besiegt, die Tochter ist da. Dennoch könnte Walter Whites (Bryan Cranston) Leben nicht miserabler aussehen. Ehefrau Skylar (Anna Gunn) ist hinter seine Lügen gekommen, hat der erschreckenden Wahrheit ins Gesicht geblickt. Trennung ist angesagt, die Scheidung steht bevor, Skylar selbst hüpft bereits mit ihrem Chef ins Bett. In seinem größten Sieg lag Walters größte Niederlage. Hinzu kommt ein Zerwürfnis mit seinem Protege, Partner und Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul), dass die beiden Männer entzweit. Nach einem lukrativen Angebot von Kartell-Filialleiter Gus (Giancarlo Esposito) entschließt sich Walter, zur weiteren finanziellen Absicherung seiner beiden Kinder seine Drogenkarriere fortzuführen. Doch die Aktivitäten von Walters Alter Ego „Heisenberg“ erregen erneut die Aufmerksamkeit von Walters Schwager Hank (Dean Norris), sowie jenseits der mexikanischen Grenze bei verwandten Auftragskillern von Tuco, die für das Verscheiden des Cousins Walter verantwortlich machen und nach Rache dürsten.

Das neue Konzept von Breaking Bad ist weder originell noch überraschend, vielmehr eine der vielen Ausfahrten, die sich nehmen ließ, um mal einen anderen Stadtteil zu sehen. In der vorherigen zweiten Staffel wurde kritisiert, dass „einige Subplots derart gedehnt [werden], dass sie sich oft verlieren“. Ein klassisches Problem der überlangen Kabel-TV-Serien, die oft die 40-Minuten-Laufzeit der Kabelserien überschreiten. Auch in Breaking Bad werden kleinste Nebenhandlungen aufs Äußerste ausgedehnt. Das getrennte Leben von Walter und Skylar ist bereits nach zwei Episoden ausufernd erzählt, wird jedoch weiterhin in auswälzender Form breitgetreten. Ähnlich verhält es sich mit dem Streit zwischen Walter und Jesse oder den Rachegelüsten von Tucos Cousins. Wie sehr Gilligan die kleinsten Aspekte zu strecken bereit ist, verdeutlicht die Folge Fly sehr gut, die im Grunde überhaupt keinen Inhalt hat, dies allerdings fast fünfzig Minuten vorzugeben versucht, natürlich scheitern muss und die schlechteste Folge der Staffel darstellt.

„I can’t be the bad guy”, sagt Walter relative früh in der dritten Staffel. Er ist ein ehrbarer Bürger, der nur das Gesetz übertritt, um seine Familie zu versorgen. Aber „wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“. Dieser konsequente Schritt, der bereits im letzten Drittel der zweiten Staffel angedeutet wurde, als Walter seinen Status immer mehr zu genießen begann, wird leider nicht fortgeführt. Erst zum furiosen Finale der Staffel, das wie im Falle der ersten Staffel (die „nach hinten raus dann noch einigen Boden gutmachen“ konnte) der Serie den Arsch rettet, bringt Gilligan seinen Protagonisten einen Schritt weiter (zumindest in dramatischer Sicht). Es sind die letzten drei Folgen, die das gemächliche Galopp der Serie durchbrechen, endlich mal das Tempo anziehen und dadurch Schlag auf Schlag erzählen und somit Spannung erzeugen. Etwas, das vielen Folgen zuvor nicht gelang. Daher finden sich die besten Episoden in den finalen Episoden Half Measures und Full Measure, die (endlich) die Karten neu mischen.

Allerdings vermag auch das Finale nicht zu kaschieren, dass Breaking Bad im dritten Jahr abbaut. Eine Tendenz, die hätte verhindert werden können, hätte Gilligan seine Figuren nicht stagnieren lassen, wie es David Chase in The Sopranos tat. Der Charakterschritt von Walter war überfällig, so wie es auch Hanks Ermittlungen gegen Heisenberg sind, die wie bereits im Vorjahr erneut auf später verschoben werden (dabei zeigte doch die zweite Staffel von Dexter, wie viel Potential sich in einem derartigen Konzept verbirgt). So ist Gilligans Serie inzwischen recht nervig geraten, wenn Jesse Walter immer noch mit „Mr. White“ annölt und vermeintliche Identifikationsfiguren wie Walter, Skylar und Jesse weniger Sympathien erwecken als die heimlichen „Stars“: der skrupellose „Mr. Wolf“-Verschnitt Mike (Jonathan Banks) oder der schmierige Winkeladvokat Saul (Bob Odenkirk). Wenn Breaking Bad also wieder etwas Land gewinnen will, sollte Gilligan im Juli 2011 beginnen, seine Figuren weiterzuentwickeln. Ansonsten verschwindet seine Serie bald ganz im Abgrund.

7/10

15. März 2010

Breaking Bad - Season Two

I take my time but I always win.

Von Drogen hatten wir es hier bei Traffic schon mal. Wo laut dem Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen in den USA der Cannabis-Konsum immer mehr steigt, nahm der Konsum von Methamphetamin - kurz Meth oder Crystal genannt - seit 2004 wieder ab und erreichte das Niveau zu Beginn des Jahrzehnts. Die Droge selbst kommt dabei wie so viele aus dem Nachbarstaat Mexiko. Die Amerikaner, die auf eigene Kosten selbst ihr Meth herstellen, dürften somit in der Unterzahl sein. Eine Nische, die es zu besetzen gilt. Zumindest wird dies zur Thematik in der zweiten Staffel von Vince Gilligans Breaking Bad, einer Serie, der enorme Vorschußlorbeeren vorausgingen. Doch je größer das Lob zu Serien westlich des Atlantiks, desto größer gebietet sich auch die Skepsis. Denn auch mit Breaking Bad verhält es sich wie mit Kollegen wie The Sopranos oder 30 Rock. Es wird heißer gekocht als gegessen.

Der Verlauf der Staffel verhält sich ähnlich wie im Vorjahr. Zu Beginn bekommen es Walter (Bryan Cranston) und Jesse (Aaron Paul) mit einem wahnwitzigen Partner zu tun, ehe sich alles erstmal stabilisiert. Die Anfangspisoden um den soziopathischen Tuco (Raymond Cruz) sind dann auch ein verhältnismäßig guter Einstieg in die neue Staffel. Als Tuco dann das Bild verlässt, gilt es für die beiden Meth-Köche sich einen neuen Partner zu suchen. Und als sich keiner anbieten, beginnen sie selbst in Albuquerque ihre Drogen zu verkaufen. Was wiederum die Aufmerksamkeit von Walts Schwager Hank (Dean Norris) auf sich zieht. Die Familienhandlung dagegen fokussiert sich mehr auf die Probleme zwischen Walt und Skylar (Anna Gunn), die peu a peu hinter Walts ganze Geheimniskrämerei kommt. Ihre Schwangerschaft und Walts Chemotherapie bzw. Krebsbehandlung bilden hierbei eher den Rahmen, der diese kriselnde Beziehung umschließt.

Was besonders ins Auge fällt: ähnlich wie bei The Sopranos stagnieren die Figuren in Breaking Bad scheinbar. Die Beziehung zwischen Walt und Jesse entwickelt sich nicht wirklich weiter - sehr gut sichtbar in 4 Days Out. Jesse bleibt weiterhin der Klotz an Walts Bein, der nur dazu gut ist, das Meth an den Mann zu bringen. Etwas verwunderlich auch, dass Jesse nach all den Ereignissen der ersten und zweiten Staffel Walt weiterhin als „Mr White“ anspricht. Die Beziehung zwischen den Beiden ist also weitestgehend gleich geblieben. Und wo Jesse sich relativ treu bleibt, beginnt bei Walt zumindest eine Wandlung einzusetzen. Die Illegalität seines Handelns scheint ihm zu gefallen. So stiftet er einerseits Jesse dazu an, Kunden, die nicht bezahlen wollen, abzuknallen, andererseits markiert er gegen Ende der Staffel selbst sein Revier, als es darum geht, Herr im (Meth-)Haus zu sein. Doch auch dies ist hier bisweilen inkonsequent.

Es mag an der beinahe verdoppelten Episodenzahl liegen, aber einige Subplots werden derart gedehnt, dass sie sich oft verlieren. Da kulminiert der Zwist zwischen Walt und Skylar, nur um plötzlich vergessen zu sein, damit er im Staffelfinale wieder eskaliert. Ähnlich verhält es sich mit Walts Alter Ego „Heisenberg“, das manchmal im Fokus der Ermittlungen von Hank steht - oder sogar im Auge der mexikanischen Kartelle landet -, nur um dann letztlich doch wieder fallen gelassen zu werden. Ein durchaus frustrierender Mechanismus, der nur leidlich unterhalten will und eher störend daherkommt. So wird Hank zu einem Zeitpunkt befördert und näher an die mexikanische Grenze versetzt, um nach einem Zwischenfall nur wieder in Albuquerque zu landen. Möglich, dass einfach nur Kürzungen vieles aussparen, sonderlich harmonisch ist das für die Stringenz jedoch nicht. Eine reduzierte Episodenzahl und kompakterer Erzählweise wären wohl besser gewesen.

Manche Serien wie Chuck wissen in ihrer zweiten Instanz ein wenig besser zu überzeugen. Bei Breaking Bad ist dies nicht der Fall. Zwar ist die zweite Staffel nicht schlechter als die Erste, jedoch kommt sie selten über ihr durchschnittliches Niveau hinaus. Es sind vereinzelte Folgen wie Grilled, Peekabo, Better Call Saul und Over, denen es gelingt sich vom Rest abzusetzen. Doch auch diese Episoden leiden im Nachhinein von der Eintönigkeit, welche die gesamte Serie durchzieht. Man würde sich wünschen, dass Hank die Schlinge um Walt a.k.a. Heisenberg enger zieht oder dass die mexikanischen Kartelle versuchen, den amerikanischen Konkurrenten zu unterbinden. Doch nichts hiervon ist der Fall. Möglich, dass dies in der dritten Staffel auftreten wird. Mit Giancarlo Esposito kündigte sich zumindest Ende des zweiten Jahres schon mal eine viel versprechende Figur an. Bis dahin bleibt Breaking Bad leicht überdurchschnittlich. Mehr aber auch nicht.

7.5/10

6. November 2009

Breaking Bad - Season One

I can’t even pronounce half this shit.

Wenn eine Serie fast ein Jahrzehnt lang läuft, ist davon auszugehen, dass innerhalb dieser vielen Jahre mehr als ein Talent zu Tage gefördert wird. Wie unter anderem auch bei The X Files der Fall. Das Mysteryformat brachte nicht nur Entwickler Chris Carter sowie die Hauptdarsteller David Duchovny und Gillian Anderson groß heraus, sondern öffnete auch Regisseuren wie Rob Bowman und James Wong die Pforte nach Hollywood. Einer der treuen Produzenten von Carters Serie war auch Vince Gilligan, der im vergangenen Jahr nach sechsjähriger Ebbe – sieht man von einem Drehbuchbeitrag für Hancock ab – mit Breaking Bad wieder einen richtigen Erfolg feiern durfte. Neben vier Emmy-Nominierungen – und zwei Auszeichnungen – wurden Gilligan und seine Serie auch von der WGA geehrt. Kein Wunder also, dass die erste Staffel mit nur sieben Episoden für eine Fortsetzung in 2009 verlängert wurde. Und auch im zweiten Jahr blieb der Erfolg der Serie treu.

Walter White (Bryan Cranston) hat kein leichtes Leben. Einst zockte ihn sein Studienkollege bei ihrer gemeinsamen Firmengründung ab, weshalb Walter nun ein Dasein als High School Chemielehrer fristet. Kontinuierlich wird er von seinem Schwager Hank (Dean Norris), einem Drogencop, in seine Männlichkeitsschranken verwiesen, während er versucht seinem behinderten Sohn Walter Jr. (RJ Mitte) ein guter Vater zu sein. Doch das aktuelle Jahr meint es noch schlechter mit Walter. Zwar erwartet seine Frau Skylar (Anna Gunn) ihr zweites Kind, eine Tochter, doch Walter erhält die schlechte Nachricht, dass er an Lungenkrebs leidet. Um für seine Chemotherapie zu zahlen und im Falle seines Ablebens seiner Familie eine finanzielle Stütze zu verleihen, beginnt Walter mit seinem ehemaligen Schüler Jesse (Aaron Paul) in dessen Wohnwagen draußen in der Wüste New Mexikos Meth zu kochen. Und ehe sich die beiden versehen, haben sie es mit konkurrierenden Drogendealern, soziopathischen Unterweltbossen und aufdringlichen Hausbesichtigern zu tun.

Vorab kann bereits gesagt werden, dass Breaking Bad keine überragende Serie ist. Sicherlich ist die Prämisse des Drogen kochenden Chemielehrers reizvoll und gewinnt vor allem in der Kombination mit dem Ex-Schüler im Hip-Hop-Style. Doch Gilligans Serie hat ihre Längen, weshalb sich auch hier, wie in einigen anderen Fällen, vielleicht ein 20- oder 30-minütiges Format eher angeboten hätte. Gerade die ersten Folgen nach der guten Pilot-Episode wirken etwas dröge und ohne richtigen Antrieb, bevor die Serie nach hinten raus dann noch einigen Boden gutmachen kann. Speziell die Doppelfolge The Cat’s in the Bag and the Bag’s in the River, die sich mit der Beseitigung zweier Leichen beschäftigt, will nicht richtig funktionieren. Oder kommt einfach zu früh, denn einen harmlosen Ottonormalbürger wie Walter neben seiner Drogenkriminalität nun auch noch gleich zum Doppelmörder werden zu lassen, wirkt in der zweiten Episode etwas zu viel des Guten.

Ansonsten ist es beachtlich, dass Gilligan gerade die Krankheit und ihren Heilungsprozess so ins Geschehen einbaut. Walters Chemotherapie nimmt nicht wenig Raum ein, bedenkt man dass die Serie eigentlich primär aus ihrer irrwitzigen Prämisse heraus funktioniert. Gilligan schenkt zudem auch seinen Nebenfiguren, allen voran Skylar, Walter Jr. und Hank, ihren Anteil an Aufmerksamkeit, sodass Breaking Bad nicht vollends zur Bryan-Cranston-Show verkommt. Dessen zweifache Emmy-Auszeichnung wirkt bei ordentlichem Spiel des ehemaligen Malcolm in the Middle-Darstellers dann allerdings doch zuviel des Guten. Auch wenn es wie schon angesprochen gerade sein und Aaron Pauls Verdienst ist – was allerdings auch ihren Figuren geschuldet ist -, dass die Serie durchaus gefällt. Die vorletzte Folge der ersten Staffel, Crazy Handful of Nothin’, führt eindrucksvoll vor Augen, welches Potential in dieser Serie steckt und gegebenenfalls bzw. hoffentlich auch in der zweiten und fast doppelt so langen zweiten Staffel ausgeschöpft wird.

Dabei ist Breaking Bad eigentlich schlecht in eine Schublade zu stecken. Es gibt vereinzelt Action, aber nur gelegentlich. Manchmal Humor, aber nicht durchweg. Ein wenig Drama, aber trotz der Prämisse ist die Serie nicht wirklich dramatisch. Sieht man die Serie als Erlenmeyerkolben, mischt Gilligan hiervon eine Unze und davon eine Messerspitze zu seinem Fernsehcocktail zusammen. Und dies erstaunlich gut, wenn auch – wie erwähnt – nicht herausragend. Die Lockerheit und Innovativität der Serie – die Titelsequenz referiert passenderweise das Periodensystem – ist jedoch begrüßenswert und verdeutlicht erneut, dass es an spritzigen Ideen in Hollywood nicht mangelt. Auch wenn dabei nicht immer zwingend eine neue über-Serie entstehen muss. Doch was im Falle von Breaking Bad nicht ist, kann ja noch werden. In der zweiten Staffel hat Gilligan die Chance seinen Figuren noch mehr Tiefe zu verleihen, die Konstellationen auszureizen und die Spannung anzuheben. Denn je größer der Erlenmeyerkolben, desto umfangreicher können die Zutaten sein.

7.5/10