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22. Mai 2009

Grey’s Anatomy - Season Five

It’s time to make your own speeches.

Langlebige Serien sind in der heutigen Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Denn in der Medienwelt sind Quoten die neue Währung und wer kein „Geld“ hat, der darf nicht mitspielen. Schließlich sind es die Unterhaltungssendungen, die den Sendern ihre Existenzberechtigung verleihen. So kommt es, dass Serien wie Joss Whedons Dollhouse wohl allein wegen ihrer geringen Zuschauerzahl keine Verlängerung erfahren, während andere Serien im Herbst zurückkehren werden. Unter ihnen wird sich auch Shonda Rhimes’ Grey’s Anatomy mit ihrer sechsten Staffel. Und das, obschon die Quoten für Grey’s erneut gefallen sind, nachdem die Serie mit ihrer vierten Staffel im Vorjahr ihren bisherigen Tiefpunkt erlitten hatte. Bedenkt man die Entwicklungen im diesjährigen Staffelfinale, lässt sich davon ausgehen, dass die Quoten auch nächstes Jahr nochmals einbrechen werden. Dies könnte das Ende für das Ärzte-Drama darstellen. Aber soweit soll an dieser Stelle noch nicht gedacht werden.

In der Auftaktepisode Dream a Little Dream of Me – Part I weiß Rhimes gekonnt mit den Zuschauererwartungen zu spielen. Die ersten Sekunden befriedigen nämlich das, was das Finale des letzten Jahres suggeriert hatte. Doch natürlich hatte Derek (Patrick Dempsey) keinen Unfall, der ihn dem Tode nahe ins Seattle Grace Hospital einlieferte. Die große Überraschung der fünften Staffel ist sicherlich die Tatsache, dass Rhimes das Drama aus der Beziehung zwischen dem Neurochirurgen und Meredith Grey (Ellen Pompeo) herausnimmt. Im Gegenteil, die Liaison der beiden Ärzte festigt sich paradoxerweise sogar – sieht man von einem kurzzeitigen Lapsus Dereks ab. Am Ende steht dann die Verlobung der Beiden – und damit etwas, von dem Meredith selbst, gerade in der vierten Staffel, nicht zu Denken gewagt hätte. Ähnlich wie bei der Jim-Pam-Verlobung in The Office lässt die erwartete Hochzeit jedoch noch auf sich warten und wird für größere Effekthascherei aufgeschoben. Denn andere Ereignisse wissen sich stets in den Vordergrund zu drängen.

Für Meredith ergibt sich die Gelegenheit, ihre Mutter besser kennen zu lernen. Als sie deren Tagebücher findet, scheint sie in ihrem Charakter zu festigen und insgesamt zu reifen. Dies merkt man vor allem daran, dass sie sich endlich ihrer kleinen Halbschwester Lexie (Chyler Leigh) öffnet und diese als Familienmitglied akzeptiert. Erfreulicherweise hält sich Pompeos Figur ansonsten – im Gegensatz zur dritten Staffel – etwas im Hintergrund bzw. lässt den anderen Charakteren Luft zum Atmen. Für Dempseys Figur hat sich Rhimes eine Katharsis bei dem großen Vorbild Scrubs abgeschaut. In I Will Follow You Into the Dark kopiert die Serie My Fallen Hero, als Derek sich isoliert und dem Alkohol zuwendet, nachdem er einen Patienten verloren hat. Wie in vielen Belangen (z.B. Pompeos Voice-over) vermag Rhimes jedoch nicht an die Klasse von Lawrence Sitcom heranzureichen. Dass Shepherd sich letztlich wieder zusammenreißt, versteht sich natürlich von selbst.

Aber immerhin habe ich, was die anderen Ärzte angeht, weitestgehend Recht behalten. Cristina (Sandra Oh) darf erneut mit einem Vorgesetzten anbandeln, der aber überraschenderweise nicht der Kardiologie entstammt. Doch Owen Hunt (Kevin McKidd) hat als Veteran des Irakkriegs mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen, die kurz darauf auch Cristina heimsuchen werden. Die Beziehung ist aber sehr nett und vorsichtig ausgearbeitet und findet im Staffelfinale eine nette Konklusion – auch wenn diese natürlich im Schatten des überwältigenden Dramas steht. Wo Meredith jedoch besonnener werden darf, erhält Cristina menschlichere Züge. Beides sehr löbliche Entwicklungen innerhalb der Serie. Weniger löblich ist da die Platzierung von Alex Karev (Justin Chambers), der wie jedes Jahr kaum Aufmerksamkeit erhält und ähnlich wie T.R. Knight als George O’Malley bis zu den finalen Folgen eher ins Hintertreffen gerät. Mit der Figur scheint Rhimes an ihre Grenzen geraten zu sein, wirklich neuartige Wendungen lassen sich kaum noch mit Karev vollziehen.

Dasselbe Schicksal offenbart sich Mark Sloan (Eric Dane), dem man zwar nach hinten raus eine viel versprechende Beziehung mit Lexie angedichtet hat (wobei nicht wirklich klar wird, wieso diese Beziehung viel versprechend ist), der allerdings ansonsten wie Dr. Bailey (Chandra Wilson) eher nur Mittel zum Zweck ist. Im Falle der Sloan-Lexie-Affäre ist der ganze Umstand für sich schon ungewöhnlich, da Rhimes Lexie sich erst wenige Folgen zuvor in George verlieben ließ. Diese Nebenhandlung wurde anschließend komischerweise ganz fallen gelassen. Etwas sauer stößt auch der plötzliche Abschied von Erika Hahn (Brooke Smith) auf, die im Stile eines Isaiah Washington das Seattle Grace verlassen hat. Scheinbar wollte Rhime die Show heterosexueller gestalten, nachdem mit Smith und Melissa Georges Gastfigur Sadie neben Callie Torres (Sara Ramirez) scheinbar zu viele „lesbische“ Figuren in Grey’s aufgetreten waren. Das hätte man besser lösen können, vor allem da mit Jessica Capshaw kurz darauf eine neue lesbische Ärztin die Bühne betritt.

Etwas schlecht gelöst hat Rhimes dann die Storyline um Izzie Stevens (Katherine Heigl). Nachdem Heigl bereits im Vorjahr mit einem Emmy ausgezeichnet wurde, ist sie zudem die einzige Person des Grey’s-Ensembles, die den Sprung ins Kino geschafft zu haben scheint. Da war die Gehirntumor-Geschichte in Verbindung mit den Halluzinationen um Denny (Jeffrey Dean Morgan) ein willkommenes Mittel, um Heigl aus der Serie zu schreiben. Problematisch ist hier lediglich der nicht vorhandene Spannungsbogen, der auch schon Dominic Monaghans Ausstieg aus Lost zu absehbar machte. Es ist somit keine Frage, ob die Person stirbt, sondern wie. Dass James Pickens, Jr. den Ausstiegt von Heigl und Knight bereits in der Mitte der Staffel ausplauderte, machte die Sache natürlich nicht besser. Dahingehend weiß das Staffelfinale Now or Never zumindest in einer Weise wirklich zu überraschen. Und zwar auf eine Art und Weise, wie ich selbst sie im Fernsehen schon lange nicht mehr gesehen habe. An dem Ausstiegt der beiden Schauspieler dürfte dies jedoch nichts ändern, auch wenn der Cliffhanger hier mehrdeutig ist.

Wie bereits in den Staffeln zuvor wartet Grey’s Anatomy auch dieses Jahr wieder mit einigen Gaststars auf. Kevin McKidd verkommt mit seiner Präsenz praktisch schon zum Hauptcast, während Mary McDonell, Eric Stoltz und Melissa George in mehreren und August Schellenberg, Faye Dunaway und Hector Elizondo in Einzelfolgen auftauchen. Die fünfte Staffel ist erstaunlich homogen und weiß dank der oben genannten Vorzüge im Vergleich zu den beiden Jahren zuvor wieder zuzulegen. Die gelungenste Episode stellt Stairway to Heaven dar, in welcher Stevens’ Zustand offenbart wird und Stoltz seinen Auftritt hat. Des Weiteren wissen auch eine Handvoll anderer Folgen zu überzeugen, der Rest bewegt sich im durchschnittlichen Bereich. Gelegentlich schimmert der gute alte Grey’s-Humor durch und auch mit splatter-artigen Szenen auf dem OP-Tisch hält die Show nicht zurück. Zwar weiß die Krebs-Handlung um Izzie nicht so recht zu unterhalten, aber grundsätzlich stellte die fünfte Staffel eine Verbesserung dar. Inwieweit die sechste Staffel hieran anknüpfen kann, ohne Heigl und Knight, wird man im Herbst sehen.

7.5/10

4. Juni 2008

Grey’s Anatomy - Season Four

We are each others keepers.

Ursprünglich als Ersatzserie für Desperate Housewives im März 2005 gestartet, entwickelte sich Shonda Rhimes’ Serie Grey’s Anatomy schnell zu einer eigenständigen Erfolgsgeschichte und nahm in ihrer zweiten Staffel bereits den fünftbesten Sendeplatz ein. Die Serie, deren Titel eine Anlehnung an das medizinische Fachbuch Gray’s Anatomy darstellt und die sich um das Leben der Assistenzärztin Meredith Grey (Ellen Pompeo) dreht, musste dieses Jahr in ihrer vierten Instanz erneut an Quoten einbüßen und erreichte einen Tiefstand von durchschnittlich 16 Millionen Zuschauern pro Folge. Habe ich mich nach der dritten Staffel noch gehörig über den eingeschlagenen Weg der Serie geärgert, so lässt sich nun sagen, dass dies wohl lediglich ein Affektärger war. Das heißt nicht, dass Grey’s nicht weiterhin eine Mischung aus Scrubs und Sex and the City ist oder zu einem Krankenhaus-Melrose Place verkommen ist, eher das Gegenteil. Der Grey’s-Kosmos dreht sich ausschließlich um das Seattle Grace Hospital, rund 16 Stunden des Tages halten sich die Charaktere dort auf, man sieht sie selten bis gar nicht in einem äußeren Setting.

Schon gar nicht sieht man sie mit Menschen, die nicht zum Krankenhaus gehören, interagieren. Selbst Barmann Joe taucht in der vierten Staffel fast gar nicht mehr auf und auch sonst bestehen die Kontakte der Figuren nur aus Ärzten, Kollegen und Krankenschwestern. Unglaubwürdiger geht es wohl kaum, doch war dies bereits die Krux anderer Serien wie ER, auch wenn jenes zumindest versuchte das Privatleben seiner Ärzte ausführlicher und differenzierter zu zeichnen. Während Serien wie Scrubs es spielend schaffen, viele Momente außerhalb des Krankenhauses zu präsentieren, wird dies bei Grey’s reduziert. Da verwundert es auch nicht, dass Dr. Mark „McSteamy“ Sloan (Eric Dane) seine gesamten (!) Sexualpartner aus dem Krankenhauspersonal aussucht. Auch die anderen Figuren schlafen im Grunde nur mit Angestellten des SGH, was in einer der letzteren Folgen zumindest humoristisch angesprochen wird. Die Macher sind sich ihres Bildes bewusst.

Der positivste Aspekt der vierten Staffel dürfte Meredith Grey sein, hierbei weniger die Figur, als vielmehr die Tatsache, dass die Figur einem weniger auf den Wecker geht, wie noch in der dritten Staffel kritisiert. Die Figur selbst ein Sopranoesker Charakter, sprich eine Figur die seit der ersten Staffel stagniert und sich keinen Deut weiter entwickelt hat. Dies mag sicherlich auch ein Grund sein, weshalb sie mir bitter aufstößt, doch nimmt Rhimes den Charakter glücklicherweise etwas zurück, besonders zu Beginn. Der setzt an die Ereignisse des dritten Staffelfinales an, nachdem George (T.R. Knight) und Callies (Sara Ramirez) Ehe gescheitert ist, versucht der schüchterne George in einer Beziehung mit Izzie (Katherine Heigl). Dass diese schon nach wenigen Folgen scheitert zeugt von der fehlenden Kreativität der Autoren. Da wird im letzten Drittel der vorangegangen Staffel groß auf der Liebe der beiden rumgehackt, nur um diese im ersten Viertel der neuen Staffel wieder zu den Akten zu legen. Ebenso inkonsequent - wie sich im Finale herausstellt – ist die Tatsache, dass George sein Abschlußexamen vermasselt hat und nun sein Assistenzjahr wiederholen darf.

Dass das alles wahrscheinlich nur heiße Luft war, stellt sich in der Doppelfolge Freedom zum Ende heraus. Immerhin räumt es eine nähere Charakterisierung der neuen Figur Lexie Grey (Chyler Leigh) ein, die gemeinsam mit George ausgebildet wird und hierbei der karrieregeilen Cristina (Sandra Oh) zugeteilt ist. Die Einführung von Lexie verdankt sich wohl den Gerüchten um einen Abschied der Pompeo, deren Figur vermehrt als suizidal dargestellt wird. Dank Leighs Engagement könnte man die Serie anschließend weiterhin guten Gewissens als Grey’s Anatomy weiterlaufen lassen. Bedauerlicherweise wird die Beziehung der beiden Halbgeschwister immer nur angedeutet, eine wirkliche Auseinandersetzung von Meredith mit ihrer Schwester vermisst man jedoch. Ebenfalls neues Gesicht ist der Gaststar der beiden vorherigen Staffeln: Dr. Erica Hahn, die den gekündigten Isaiah Washington ersetzt.

Wie immer haben die Figuren der Serie an ihrem Päckchen zu tragen, bei George und Izzie ist es das Scheitern ihrer Beziehung und zum Ende hin Georges Dasein als Assistenzarzt, während seine Freunde erfolgreichere Wege beschreiten. Cristina hat zuerst mit Burkes Abwesenheit zu kämpfen und schließlich mit der Intoleranz der Kardiologin Hahn ihr gegenüber. Callie versucht sich nach ihrer gescheiterten Ehe im Krankenhaus als Leiterin der Assistenzärzte durchzusetzen, muss diesen Posten jedoch wieder an Dr. Bailey (Chandra Wilson) abgeben, die wiederum für ihre Arbeit ihre Ehe opfern muss. Wie so oft gerät der von Justin Chambers wunderbar gespielte Alex Karev etwas ins Hintertreffen, darf erst in den letzten vier Folgen etwas mehr ins Zentrum rücken – über die Rolle des Arsches kommt er (glücklicherweise) nicht hinaus. Es dürfte niemanden verwundern, dass sich bei Grey’s Anatomy weiterhin alles hauptsächlich um die Beziehung von Meredith und Derek Shepard (Patrick Dempsey) dreht. Beide hatten (wieder einmal) im Staffelfinale Schluss gemacht, führen aber ihre sexuelle Beziehung zu Beginn der vierten Staffel fort. Dann wird auch diese beendet, nur um darin zu resultieren, dass sich beide hinterher trauern.

So berechenbar wie die Serie ist, dürfte es nicht überraschend sein, dass beide im Staffelfinale der aktuellen Staffel wieder zusammen kommen (auch wenn ein dramatisches Opening der fünften Staffel sich meiner Ansicht nach ankündigt). Die fünfte Staffel lässt sich bereits zu diesem Zeitpunkt erahnen: Meredith und Derek sind ein paar Folgen zusammen, dann kriegt Meredith wieder Bindungsangst, macht Schluss und am Ende der Staffel kommen beide wieder zusammen. George wird wohl sein Examen bei der Wiederholung bestehen, die Beziehung zwischen Izzie und Alex wieder aufflammen und Cristina irgendeinen neuen Chef vorgesetzt bekommen. Es ist sicherlich bedauerlich zu sehen, dass in Grey’s Anatomy seit Beginn der Serie wenig bis gar keine Entwicklung eingesetzt hat. Da sich die Serie immer noch auf demselben Niveau wie die dritte Staffel bewegt, verdient sie sich auf dieselbe Bewertung. Die beiden gelungensten (jedoch nicht herausragenden) Folgen waren Crash Into Me (1) und Where The Wild Things Are. Für die fünfte Staffel sehe ich sozusagen schwarz, leider.

7/10