19. Februar 2008

Lars and the Real Girl

What would Jesus do?

Außenseiter. Jeder kennt sie und die meisten wollen mit ihnen nichts zu tun haben. Denn Außenseiter sind meistens verschroben, eigenartig, seltsam. Eben nicht normal und niemand will mit jemanden gesehen werden, der nicht normal ist, denn dann wird gleich die eigene Normalität hinterfragt. Am häufigsten werden Außenseiter in High School Filmen inszeniert, die nerdigen Brillenträger oder Dickerchen, die im Sportunterricht immer als letzte gewählt werden und in der Umkleide vom Quarterback eins mit dem Handtuch hinten drauf kriegen. Und wer kannte an seiner eigenen Schule nicht auch einen solchen Außenseiter, jemand den man nie in seiner Gruppe haben wollte. Einfach weil er komisch, weil er anders war. Eben nicht normal, nicht so wie man selbst. Doch auch nach der Schulzeit spielt Konformität noch eine große Rolle, bloß nicht aus der Reihe tanzen, nicht auffallen, sich anpassen. Gerade diese erwachsenen Außenseiter sind meist kein Thema für große Filme, wenn sie nicht den pubertären Spielereien einer Teenie-Komödie dienen. Paul Thomas Anderson portraitierte Adam Sandler als einen solchen Außenseiter in Punch-Drunk Love. Darin spielte Sandler einen schüchternen, verklemmten Verkäufer, welcher nicht sonderlich gut mit Frauenbekanntschaften auskam. In der deutschen The Office-Adaption Stromberg wurde eine solche Figur von Bjarne Mädel verkörpert, dem Mobbing-Opfer seiner Büroabteilung. Diese Figuren leben von ihrer Umgebung isoliert, fallen durch ihre äußerliche Erscheinung auf und sind sexuell an sich abstinent. Sie leben in ihrer eigenen Welt und dienen als Lachnummer für den konformen Rest der sich selbst als normal erachtet.

Lars (Ryan Gosling) lebt ein unscheinbares Leben in einer Garage. Den Einladungen seiner im Haus nebenan lebenden Schwägerin Karin (Emily Mortimer) weicht er geschickt aus und zu seinem Bruder Gus (Paul Schneider) hat er auch ein unterkühltes Verhältnis. Im Geschäft und der Kirche ist er höflich und zuvorkommend, auf private Fragen oder gar Avancen seiner schrulligen Arbeitskollegin Margo (Kelli Garner) geht er jedoch nicht ein. Lars steht morgens auf, fährt zur Arbeit und von dort wieder zurück nach Hause. Er hat so wenig zwischenmenschliche Kontakte wie nötig. Durch seinen Arbeitskollegen wurde Lars jedoch auf eine Homepage aufmerksam gemacht, die lebensechte Sexpuppen vertreibt, deren Aussehen man selbst bestimmen kann und die sogar mit fiktiver Vorgeschichte geliefert werden. Sechs Wochen später trifft eine solche Puppe bei Lars ein und schlagartig ändert sich sein Leben. Er holt seinen schönsten Pullover heraus, kämmt sich die Haare und eröffnet seinem Bruder und seiner Schwägerin, dass er Frauenbesuch hat, was bei den beiden für ekstatische Euphorie sorgt. Beim Abendessen stellen sie dann schockiert fest, dass Lars neue Freundin Bianca, halb Dänin halb Brasilianerin, nicht nur im Rollstuhl sitzt, sondern nicht einmal echt ist. Da Lars sie jedoch wie eine reale Person behandelt, bringen sie ihn am nächsten Tag zur Allgemeinärztin und Psychologin der Stadt. Diese rät nicht nur Karin und Gus, sondern allen Einwohnern das Spiel um Bianca einfach mitzuspielen, bis sich Lars selbständig von seiner Illusion zu lösen bereit ist. Lars, der sich nun erstmalig in sein soziales Umfeld zu integrieren bereit ist, sieht bald dass seine Freundin mehr Zeit mit den anderen Bewohnern verbringt, als mit ihm.

Mit Lars and the Real Girl ist Nancy Oliver eine großartige Geschichte über Einsamkeit, Liebe und Akzeptanz gelungen, die sehr viel mehr das Herz berührt als dass sie die Lachmuskeln anregt. Oliver, die einige Drehbücher für die tiefsinnig-humoristische HBO Serie Six Feet Under verfasst hat, stieß im Internet selbst eines Tages auf die Homepage der RealGirls, zu denen auch die im Film dargestellte Bianca gehört. Anstatt dies in eine debile konforme Komödie zu verpacken, schuf sie stattdessen eine tiefsinnige emotionale Geschichte. Produzent Sidney Kimmel, der gerne mal Independentfilme unterstützt gehört der größte Respekt gezollt, diese Geschichte tatsächlich auf die Beine gestellt zu haben. Als Regisseur gewann er den mehrfach ausgezeichneten Werbefilmer Craig Gillespie, der unter anderem für die Limonaden Mountain Dew und Pepsi (mit Justin Timberlake in der Hauptrolle) TV-Spots gedreht hat. Als weitere Produzenten kamen John Cameron an Bord, der mehrfach mit den Coen-Brüdern produzierte, aber auch Schauspieler und Regisseur Peter Berg unterstütze das Projekt, wie auch William Horberg der hinter Filmen wie Death at a Funeral und The Quiet American steht. Als Schauspieler konnten neben dem mehrfach nominierten Ryan Gosling auch solche bekannte Namen wie Emily Mortimer (Match Point), Patricia Clarkson (Dogville) und Paul Schneider (The Assassination of Jesse James) gewonnen werden, die allesamt perfekt harmonieren und den Film zu einem großartig gespielten Erlebnis machen.

Dass Lars so ist wie er ist, entspricht keinem Zufall, sondern hängt mit seiner Kindheit zusammen. Die Mutter starb bei seiner Geburt und durch ihren Tod wurde die Familie auseinander gerissen. Sein älterer Bruder Gus büchste irgendwann von zu Hause aus und der Vater lebte nach dem Tod seiner Frau mit gebrochenem Herzen weiter. So kam es, dass Lars von Haus aus nie wirklich Zuwendung oder Liebe verspürt hat, alles was er von seiner Mutter besitzt ist ein himmelsblauer Schal, den sie ihm genäht hat und den er immer bei sich trägt. Wer in einer isolierten und apathischen Umgebung aufwächst kann an sich auch nur isoliert und apathisch werden. So schlägt sich die fehlende Zuwendung und Nähe seiner Kindheit irgendwie selbstverständlich in Lars Haphtephobie nieder. Er trägt mehrere Kleider übereinander um vor Berührungen anderer Menschen, die er wie ein Brennen empfindet, gefeit zu sein. Wenn er dann nach einiger Zeit seiner Kollegen Margo die nackte Hand zum Schütteln entgegenreicht, besitzt dies eine unaussprechliche Ausdrucksstärke. Selbst Bianca berührt Lars nur äußerst selten und der eigentliche Sinn, den sie erfüllen sollte, tritt bei Lars überhaupt nicht auf. Zu Bett gebracht wird sie von Gus und schlafen tut sie im ehemaligen Zimmer von Lars’ Mutter, sodass alles Sexuelle zwischen den Beiden entfällt und der Kuss zwischen ihnen am Ende sinnbildhaft für diese Beziehung steht. Während des ganzen Filmes ist sich Gus immer sehr wohl bewusst, was Lars eigentlich wirklich fehlt bzw. gefehlt hat und wie sehr ihn dies auch selbst belastet. Durch Lars’ Umstände ist Gus gezwungen mehr Zeit mit seinem Bruder zu verbringen, als er es vorher je tat und durch diese gemeinsam verbrachte Zeit gelingt es ihm schließlich sich selbst zu vergeben.

Der Umstand das Lars Bianca wie eine reale Person behandelt sorgt für die Einwohner im Film zuerst für dasselbe Unverständnis und Amüsement wie bei den Kinozuschauern. Dabei zeigt Gillespie in seinem Film sehr bald, dass nicht wirklich etwas Belustigendes an Lars’ Verhalten ist. Jeder Mensch hat seine Spinnereien oder Illusionen und während manche eine Sexpuppe als real erachten, ziehen andere ihren Katzen Kleider an, hängen an ihren Actionfiguren oder Kuscheltieren, führen Selbstgespräche, lassen ihre Kinder in dem Stadion ihres Lieblingsfußballvereins taufen oder hoffen darauf, dass sie ein vor zweitausend Jahren ermordeter jüdischer Zimmermann eines Tages erretten wird. Jeder Mensch hat folglich seine Illusionen und es macht wenig Sinn sich über die einen mehr lustig zu machen,als über die anderen. Während des Filmes mag man sich die Frage stellen, was so abwegig an Lars’ Verhalten sein soll. Dieselben kleinen Gespräche führt jeder auch mit seinen realen Partnern, was unterscheidet Lars’ Beziehung zu Bianca so sehr von Gus’ Beziehung zu Karin? Oliver portraitiert in ihrem Drehbuch gekonnt wie durch Lars und Bianca allen anderen Einwohner der Stadt ein sozialer Spiegel vorgehalten wird. Lars behandelt seine künstliche Freundin zuvorkommend, freundlich, höflich und gerade durch sein Verhalten zu Bianca beeinflusst er auch das Verhalten der anderen zu Bianca. Natürlich spielen diese das Spiel nur aus Liebe zu Lars mit, aber in ihren Begegnungen mit der Puppe entwickeln sich auch alle anderen Einwohner – allen voran Gus – menschlich weiter.

Ohne Frage ist Lars and the Real Girl witzig, wenn Lars eine Blume wegwirft als er Margo gegenübersteht oder mit Bianca in irgendwelchen sozialen Szenen verwickelt wird. Es ist aber vor allem ein sehr bewegender und emotionaler Film, exzellent bebildert, sodass Lars nie wirklich ins Lächerliche gezogen wird. Wenn er plötzlich beginnen muss seine Freundin mit anderen zu teilen, so ist dies ebenso toll dargestellt wie die Tatsache, dass sich Lars erst durch Bianca traut am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Bianca wird von allen deswegen akzeptiert, weil Lars von ihnen akzeptiert wird und spätestens an diesem Punkt verlässt der Film dann die Konventionen durchschnittlicher Kinofilme. Natürlich wird man nirgends eine solche Stadt finden, die einen der Einwohner umsorgt, der eine Beziehung mit einer Sexpuppe führt. Der Grund hierfür liegt aber an uns, den Einwohnern, den Zuschauern, dem Publikum. Wer würde so etwas schon akzeptieren? Den Außenseiter, der nicht normal ist, weil er nicht wie wir ist. Gus steht stellvertretend für alle anderen, wenn die erste Frage die ihm in den Kopf schießt lautet: was werden die anderen von uns denken? Konformität, von jeher der Fluch des Menschen. Was werden die andern von uns denken, wenn wir in einem jüdischen Geschäft einkaufen?, wird man sich 1934 in Deutschland gedacht haben. Was wird man von uns denken, wenn die Nachbarn herausfinden, dass das eigene Kind, der Kumpel, der Mannschaftskamerad womöglich homosexuell ist? Was wird man von uns denken, wenn der eigene Bruder eine Beziehung mit einer Puppe eingeht und zum ersten Mal in seinem Leben glücklich ist und sich angenommen und geliebt fühlt?

Oliver und Gillespie zaubern in schönen Bildern und toller musikalischer Untermalung eine superbe kleine Moralfabel auf die Leinwand, die sich weniger damit beschäftigt, dass sich Lars an die Allgemeinheit, sondern vielmehr die Allgemeinheit an Lars anpassen soll. Das dies auf der Leinwand so hervorragend funktioniert, ist zu einem Großteil natürlich Ryan Gosling zu verdanken, der hier wieder einmal beweisen kann, weshalb er zu den aufstrebenden jungen Charakterdarstellern unserer Zeit gehört. Verdient waren die Golden Globe Nominierungen für Gosling und Oliver allemal und es liegt wohl allein an der starken Konkurrenz dieses Jahr, dass es Gosling zu keiner Oscarnomierung gebracht hat. Zu guter Letzt lässt sich sagen, dass Lars and the Real Girl ein unglaublich mutiger Film ist, da er von den wenigsten entsprechend aufgenommen wird. Mutig ist es, einen solchen Film tatsächlich zum Finanzieren zu bekommen und ihn auf so magische und berührende Weise schließlich zu inszenieren. Dass die gesamte Crew des Filmes am Set die Sexpuppe Bianca tatsächlich wie eine reale Person behandelt hat, ist bei Betrachtung des Filmes nicht weiter verwunderlich und steht stellvertretend für das Herz dass diese Geschichte besitzt. Einziger Wemutstropfen ist die Tatsache, dass man den plötzlichen Wandel, welchen die Figur von Lars erlebt, nicht ohne weiteres nachvollziehen kann. Die fehlende Liebe ist das eine, weshalb er jedoch mit 27 Jahren anfängt eine Sexpuppe im Internet zu bestellen und sie wie eine reale Person zu behandeln ist das andere. Hier hätte man sich noch etwas mehr Ausarbeitung des Charakters gewünscht. Lars and the Real Girl zählt fraglos zu den besten Filmen dieses Kinojahres und sicherlich nicht zu denen, die jeder gesehen haben sollte, denn um den Film wirklich zu verstehen, muss man sich auf ihn einlassen. Dann behandelt man hinterher vielleicht auch den einen oder anderen Außenseiter in seiner Umgebung mit etwas mehr Respekt.

8.5/10

Kommentare:

  1. Stimme größtenteils zu, ein sehr schöner Film. Ein wenig überrascht bin ich angesichts der Titulierung 'Meisterwerk' dann aber doch, von Deiner #1 des Jahres 08 ganz zu schweigen... ;-)

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  2. Tja, wir können ja nicht alle RAMBO und CLOVERFIELD hochfeiern ;)

    Arthouse rulez!

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  3. Klingt interessant. Danke für den Tipp!

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  4. Puh, ich habe ja bislang noch fast nichts gutes über den gelesen, die meisten meiner Freudne fanden den auch schlecht. "Meisterwerk"? Ich weiß nicht, ob ich dir da vertrauen kann. ;)

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  5. Ich weiß nicht, ob ich dir da vertrauen kann.

    Im Fall der Fälle lieber nicht, ist ja ein sehr subjektives Gefühlserlebnis gewesen. Aber Timo fand ich auch gut (http://mr-vengeance.blogspot.com/search?q=Lars).

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  6. Aber Timo fand ich auch gut

    (...) fand IHN auch gut - muss es natürlich heißen. Sonst kommen hier manche noch auf falsche Gedanken ;)

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  7. Ebenfalls Zustimmung von mir. Fand den Film ja bekanntlich auch ganz schön. Von Meisterwerk würde ich aber nicht sprechen wollen. Das trifft schon eher auf den neuen Coen zu. Freut mich aber, dass Dir LARS gefallen hat, Rudi! ;-)

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  8. Von Meisterwerk würde ich auch nie sprechen, aber ist alles natürlich mal wieder jedem selbst überlassen sich ein eigenes Bild zu machen.

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  9. "Meisterwerk" heißt ja jetzt nicht dass er in die Filmgeschichte eingehen könnte, das missverstehen scheint mir manche. Das ist für mich gesehen ein meisterlicher Film gewesen, an dem ich nichts auszusetzen hatte.

    Vielleicht sollte ich doch zu dem alten oder nem anderen Bewertungssystem zurückkehren *g*

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  10. Ach, man sollte das nicht alles so eng sehen. Wenn er für Dich ein Meisterwerk ist, dann bleibe auch dabei. Die Fanboys nehmen sich ja auch heraus für John Rambo 9/10 Punkte zu vergeben;-)

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  11. @ rudi

    ja stimmt, ein kleiner, sehr bescheidener und mutiger film, der fast immer den richtigen ton trifft. gosling spielt wieder einmal großartig und der witz des films trifft genau mein humorzentrum. kannst bei gelegenheit mal meinen text auf critic.de dazu nachlesen.

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  12. Ich habe ihn nun auch schon sehen können. Ganz, ganz toller Film. Daumen doppelt hoch. So etwas brauchte es öfter im Ozean des Schwachsinns;-)

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