11. April 2008

Street Kings

In my world, bad breeds more bad.


Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was eigentlich aus Alonzo Harris wurde? Richtig, ja, er wurde am Ende von Training Day erschossen. Was wäre jedoch, wenn ihn die Russenmafia in Ruhe gelassen hätte und der gute Hoyt ihm nicht vor den Karren gefahren wäre? In dem Fall würde er wohl Jack Wander heißen und Captain des LAPD Spezialkommandos Ad Vice sein. Erstaunlich, dass Drehbuchautor David Ayer seine afro-amerikanischen befehlshabenden Cops in Training Day und nun in Street Kings so identisch anlegt, dass Denzel Washington und Forest Whitaker nicht nur versuchen im selben Ton zu reden, sondern sich sogar ähnlich anziehen. Das spricht in der Tat für Ayers Kreativität, die sich spätestens dann nachvollziehen lässt, wenn man sich mal sein Sujet ansieht.

Der gute Mann verfasste die Drehbücher zu den Filmen Training Day, Dark Blue und Harsh Times, die sich im Grunde alle ähneln und so verwundert es auch nicht, dass Ayers neuester, Street Kings hier im wahrsten Sinne des Wortes wie der Arsch auf den Eimer passt. Wie bereits bei Dark Blue der Fall, adaptierte Ayer eine Geschichte des Kriminalautoren James Ellroy, dessen L.A. Confidential den meisten besser in Erinnerung geblieben sein dürfte, als The Black Dahlia. Zusammen mit einer handvollen namhafter Akteure, sowie real life thugs und Gangsta-Rappern inszenierte Ayer das, was er beherrscht respektive nicht beherrscht: einen Polizeithriller rund um das Thema Korruption. Sein Bestreben bei Street Kings war jedoch, zu zeigen wie es heutzutage ist, ein Cop in Los Angeles zu sein. Er möchte zeigen wie die amerikanische Exekutive vorgeht, wollte das Genre erweitern, nein, die Grenzen des Genre sogar sprengen.

Was am Ende dabei herauskam, ist ein Film, den man praktisch an jeder Filmhochschule der Welt zeigen könnte, wenn es um die Thematik des Polizeithriller-Genres geht. Von Grenzen sprengen ist hier weit und breit nichts zu sehen, denn wer den Bösewicht der Geschichte nach den ersten zehn Minuten nicht ausgemacht hat, dem scheint nicht mehr zu helfen zu sein. Keanu Reeves, nach seinem Erfolg mit The Matrix in den letzten Jahren wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen ist, spielt den polizeilichen Ermittler Tom Ludlow. Ayer bürstete seine Heldenfigur nach dem gängigen Klischee, Ludlow hat jemanden einst verloren (seine Frau) und ertränkt seinen Kummer täglich in Alkohol. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, nebenbei noch Supercop zu spielen. Als Ein-Mann-Kommando räumt er zu Beginn des Filmes einen koreanischen Kinderporno-Ring auf, im Krankenhaus wird er anschließend von dem internen Ermittler gefragt, woher Ludlow wusste, wie er die Täter zu finden hatte (da immerhin die ganze Stadt nach diesen suchte).

Ludlow presst ein „Das ist mein Job hervor“ und es ist klar, dass es keine Rolle spielt, wie er den Koreanern auf die Schliche kam, denn Ludlow ist DER Mann. Später nimmt das ganze noch bizarrere Auswüchse, wenn Ludlows Vorgesetzter, Captain Wander (Forest Whitaker), ihn als „die Speerspitze“ seiner Einheit bezeichnet, quasi als Achilles des Ad Vice Teams. Hier hat man Ludlow, den trinkenden Cop, der immer den Tag rettet und dabei auch gerne mal Gewalt anwendet. Der nicht nach den Regeln spielt, und Tatorte so stellt, dass man ihm nichts nachweisen kann. Seine Einheit (Amaury Nolasco aus Prison Break, Jay Mohr mit dämmlichen Schnauzer und Carrie Bradshaws Ex, John Corbett) steht hinter ihm, allen voran sein Chef, der ihn praktisch von der Picke auf zu dem gemacht hat, was er heute darstellt.


Man hat es praktisch mit dem dreckigen Dutzend zu tun, die nicht grad die bessten Menschen sind, aber durch ihre Arbeit die anderen beschützen – im Grunde also Leute wie man sie in Denzel Washingtons Einheit in Training Day oder bei Kurt Russell in Dark Blue bereits gefunden hat. Dem entgegen steht wie immer der interne Ermittler, die Cop-Jäger, verhasst von ihren Kollegen und die einzig guten in einem Sumpf aus Korruption und Amtsmissbrauch. Man merkt bereits, Ayer hat in der Tat das Genre revolutioniert. Was er seine Figuren anschließend treiben lässt, fasziniert auch lediglich durch seine Einfallslosigkeit. Ludlow bekommt Ärger, jemand ist ihm auf der Spur, dadurch kommt er jemand auf die Spur und steckt in noch mehr Ärger – der Schlinge zieht sich enger und enger, sodass am Ende das eintritt, was in diesem Genre immer eintritt.

Da Street Kings inhaltlich auf einen Bierdeckel passt beziehungsweise es sich genau genommen um die beidseitig beschriebenen Bierdeckel von Training Day und Dark Blue handelt, ist das, was sich vordergründig abspielt, nicht wirklich von Belang. Da Ayer und seine Produzenten besonders die Authenzität ihrer Geschichte und Figuren loben, wären diese sicherlich eines genaueren Blickes wert. „Ludlow darf von Berufs wegen Leute auslöschen, die dem Gesetz nicht gehorchen“, beschreibt Ayer seinen Helden, sodass man sich fragt, in welcher Welt der gute Mann eigentlich lebt. Ein Cop wie es Tom Ludlow ist, würde sich im echten LAPD bestimmt nicht finden, mäht er doch fast alles nieder, was sich im in den Weg stellt. Amerikanische Polizisten haben ein bestimmtes Limit, so unpassend das Wort auch ist, an Erschießungen. Geschehen allein zwei tödliche Schüsse auf Verdächtige innerhalb einer kurzen Zeit, müssen sich die jeweiligen Polizisten vor einem Ausschuss verantworten.


Seltsamerweise hat Ayer dies in Dark Blue noch richtig dargestellt, sodass seine dort von Scott Speedman dargestellte Figur Bobby Keough eher echter Cop ist, wie Ludlow. Da wundert es auch nicht, dass Ludlow wie es ihm gefällt auf eigene Faust mit einem Kollegen einer anderen Abteilung irgendwelche Mordfälle aufklärt. Auch die inzwischen monotone Darstellung des Los Angeles Police Department langweilt inzwischen und würde sie dem von Ayer proklamierten realen Bild entsprechen, wäre dies sicher längst behoben worden. Das einzige was an der Darstellung der Polizei authentisch ist, ist die Ausstattung, die bis ins Detail ausgearbeitet wurde und sich den technischen Beratern und Ex-Polizisten um Jaime Fitzsimons verdanken lässt. Hier spielt wahrscheinlich doch eher Ayers eigene Vergangenheit in der Bandenhochburg South Central eine Rolle, denn wer am Ende eigentlich kein böser Cop ist, ist schwieriger zu beantworten als andersherum.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: die Handlung ist nach dem Genre gebürstet und auch die in ihr auftretenden Figuren sind nach Genre gebürstet, selbst die Verfolgungsjagden sind nach Genre gebürstet. Gerade die Verfolgung eines Verdächtigen durch ein Wohnviertel hat man dieses Jahr bereits in In the Valley of Elah gesehen, auch wenn sie dort nicht weniger lächerlich wirkte, als sie dies hier tut. Wie in seinen anderen Geschichten würzt Ayer auch diese nicht nur mit Rap und Hip Hop Musik, sondern wirft auch wieder den einen oder anderen Rapper selbst in das Geschehen. Verdankten in Training Day noch Snoop Dogg, Dr. Dre und Macy Gray ihren Leinwandauftritt, so dürfen in Street Kings Dr. Dre Protege The Game und Grammy-Gewinner Common (Smokin' Aces) ihr (nicht existentes) Schauspieltalent unter Beweis stellen.


Neben den wie immer hölzern agierenden Keanu Reeves oder Chris Evans fällt das jedoch nicht einmal großartig ins Gewicht, auch Oscarpreisträger Whitaker fällt mit seiner Denzel-Washington-Gedächtnis-Performance durch das Raster, wirklich überzeugen können lediglich House M.D. Hugh Laurie und der oben angesprochene Jay Mohr, dessen Schnauzer wie der Kinnbart von John Corbett oder das Mohrsche Pendant bei Whitaker nur zum Schmunzeln anregen. Die weiblichen Rollen mit Martha Higareda (wenn auch hübsch anzusehen als Krankenschwester) und Pirates of the Caribbean-Actrice Naomie Harris sind nicht nur im Kontext der Geschichte unnötig, sondern an sich auch verschenkt, da nicht herausgefordert. In einer weiteren Nebenrolle darf dann noch Cle Shaheed Sloan auftreten, der den Einwohner von Los Angeles eher unter seinem Straßennamen „Bone“ bekannt sein dürfte und ein ehemaliges Mitglied der Straßengang Bloods ist.

Der gute Mann durfte bei Training Day als Gang-Berater fungieren und sogar verschiedene Mörder und Gangbanger der in Los Angeles beheimateten Banden Crips und Bloods für Filmautritte gewinnen. Wo wir schon dabei sind, von Bandengewalt kann auch Jayceon Taylor ein Lied singen, der heute unter dem Pseudonym The Game bekannt ist. Seine Eltern waren beide Mitglieder der Crips und so verbrachte er seine Jugend hauptsächlich in einem Pflegeheim, bevor er wegen Drogen von der Uni flog und fünfmal angeschossen wurde. Sein Rap-College Common verfasst inzwischen Kinderbücher und Cedric the Entertainer, der ebenfalls eine kleine Rolle hat, bemüht sich gegen Armut. Authenzität bezüglich des Lebens in Los Angeles ist also vorhanden gewesen am Set, zumindest das Leben auf den Straßen, zu dessen Königen ja der Titel die Protagonisten verklärt.


Was bleibt also von Street Kings, der ursprünglich The Night Watchman hieß? Ein spannender oder rasanter Thriller? Eher nicht. Ein authentisches Bild der heutigen Polizei von Los Angeles? Lachhaft. Ein gut gespieltes Stück Genrekost? Leider nein. Der Film selbst ist solide inszeniert, dass will man Ayer durchaus nicht absprechen, die Musik nervt zwar, die Geschichte ist belanglos und die Darbietung leidlich erträglich – aber wenn man es genau nimmt, dann funktioniert der Film für die Klientel, die ihn sehen soll. Der amerikanische Jugendliche von 14 ab bis hin zum Mittdreißiger, die Personen, die MTV sehen, für die der amerikanische Trailer sehr viel mehr auf The Game und Common zugeschnitten wurde, als der internationale. Die amerikanische Kinomasse möchte gedanklich nicht zu sehr beansprucht werden, sondern einfach nur unterhalten. Da braucht man nicht erklären, wieso das, was man da auf der Leinwand sieht, überhaupt möglich ist, oder weshalb die Charaktere manchmal so idiotisch reagieren wie sie reagieren (Chris Evans wird in einer Szene mit zwei schwer bewaffneten Gangstern ausrufen „Ich weiß woher ich die kenne!“, was schließlich zu dem Ergebnis führt, zu welchem es logischerweise führen muss). David Ayer präsentiert das, was man von ihm kennt, und was wohl das einzige ist, das er auch beherrscht.

3.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

Kommentare:

  1. Wir haben erstaunliche Übereinstimmungen, was wohl daran liegt, dass die Schwächen des Films einfach sehr eindeutig sind und deshalb von vielen gleichermaßen erkannt werden dürften (zum Beispiel, dass Ayer die selbe Geschichte schon drei Mal erzählt hat).

    Du gestehst dem Film immerhin zu, dass er für die Zielgruppe funktionieren sollte, wozu ich nicht bereit bin, schlicht aus meiner totalen Abneigung gegen solche Filme. Deshalb bin ich hier auch komplett subjektiv.

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  2. Soviel Text zu einem unwichtigem Film. Aber ich lese ja gerne bei Dir. Was mich immer wirklich verwundert ist aber das Klischee des amerikanischen Kinogängers. Ich wüßte nicht warum er sich im wesentlichen vom europäischen unterscheiden sollte schaut man sich regelmäßig die hiesigen Kinocharts an. 1. Die Welle (finde ich toll, ist aber sicher der mauen Konkurrenz geschuldet;)), 2. Jumper, 3. Daddy ohne Plan. Was ja meines Erachtens bei der Bemessung des allgemeinen Filmgeschmacks fälschlicherweise überhaupt nicht berücksichtigt wird sind die P2P Netzwerke. Obwohl ich davon ausgehe, daß es da noch schlimmer aussieht:D

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  3. @MVV: Ich fand den Film doch auch scheiße, mönsch ;) Denke aber dennoch, dass der für den durchschnittlichen amerikanischen High School Schüler, der sich mit 50 Cent Musik zudröhnt ein funktionierender Film sein dürfte.

    @tumulder: Soviel Text (...) stimme ich dir zu *g* Ich sprach explizit (wenn ich überhaupt sprach) vom Ami-Kinogänger, weil der Film mir eben zugeschnitten scheint auf diesen, wobei dieselbe Szene, der er dort gefallen dürfte, auch bei uns etwas mit The Game und Common anzufangen wissen dürfte.

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  4. Das war auch eher eine allgemeine Frage. Gar nicht mal so auf Dein Review oder Dich bezogen;)

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