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23. Juni 2008

Jerry Maguire

You had me at “hello“.

Er ist einer der größten Hollywood-Stars, vielleicht einer der größten aller Zeiten, zugleich jedoch einer der umstrittensten. In seiner langen Karriere hat er noch nie bei einem Audiokommentar zu einem seiner Filme mitgemacht, bis schließlich dieses Werk hier kam. Man kann Tom Cruise also Glauben schenken, wenn er in ebenjenem AK seine Beweggründe damit begründet, dass er diesen Film liebt, ihn unbedingt machen wollte und sich gemeinsam mit Autor und Regisseur Cameron Crowe, sowie den beiden Nebendarstellern Cuba Gooding Jr. und Renée Zellweger zu einem AK bequemte. Auch heute, zwölf Jahre nach Entstehen des Filmes, markiert Jerry Maguire noch den größten Erfolg von Cameron Crowe, mit einem weltweiten Einspiel von rund 270 Millionen Dollar. Lediglich seine zweite Kollaboration mit Tom Cruise fünf Jahre später im Abre los ojos Remake Vanilla Sky sollte mit zweihundert Millionen Dollar ähnlich erfolgreich sein. Tom Cruise würde seine Rolle als Jerry Maguire die zweite von insgesamt drei Oscarnominierungen bescheren respektive die letzte Nominierung als Bester Hauptdarsteller bis zum heutigen Tage. Ironischerweise haben „alle“ anderen am Set inzwischen einen (oder anders gesagt ihren) Oscar gewonnen: Crowe für sein Drehbuch zu Almost Famous vier Jahre später, Zellweger für ihre Nebenrolle in Anthony Minghellas Cold Mountain und Cuba Gooding Jr. für seine Beteiligung an diesem Projekt als Rod Tidwell. Eben alle außer Cruise, selbst seine Ex-Frau gewann inzwischen den Preis, nicht vorstellbar, wie dies an ihm nagen muss. Dabei wäre er eventuell nicht einmal nominiert worden, war die Rolle des Jerry Maguire schließlich überhaupt nicht für ihn vorgesehen. Geschrieben hatte Crowe seine beiden Protagonisten Jerry Maguire und Dorothy Boyd nämlich für Tom Hanks und Winona Ryder. Da Hanks jedoch im selben Jahr mit seiner Arbeit an That Thing You Do beschäftigt war, kam Cruise an Bord. Beim Vorsprechen sahen Cruise und Ryder aufgrund ihrer Haarfarbe jedoch aus wie Bruder und Schwester, sodass Ryder das Projekt anschließend verlassen musste und es ein Hauen und Stechen für die Rolle der Dorothy gab (u.a. Cameron Diaz, Mira Sorvino, Courtney Love).

Am Ende erhielt die damals weitestgehend unbekannte Renée Zellweger den Zuschlag, die eigenen Angaben nach zum damaligen Zeitpunkt so pleite war, dass sie nicht einmal Geld abheben konnte. Auch Gooding Jr., der sich gegen Jamie Foxx durchsetzte, war noch ein relativ unbeflecktes Gesicht und hatte erst im Jahr zuvor unter Wolfang Petersen in Outbreak auf sich aufmerksam machen können. Am Ende erhielt Jerry Maguire fünf Oscarnominierungen, darunter auch für den Besten Film des Jahres, und hat bei den Benutzern von Rotten Tomatoes (83%) und Metacritic (88%) noch ein hohes Ansehen. Hierzu tragen auch die vielen Zitate bei, die der Film in der Gesellschaft etablieren konnte und von denen es die zwei bekanntesten auch unter die Top 100 des American Film Institutes geschafft haben. Das oben benannte ist sicherlich das romantische, etwas verkitschte, aber deswegen nicht weniger schöne und auf Platz 52 wieder zu finden. Dagegen dürfte Crowes Film den meisten wegen seines zweiten Zitates und der damit verbundenen Szene im Gedächtnis geblieben sein. Jerrys Kampf um Rod Tidwells Gunst, kulminierend in einer geschrieenen Affektion von „Show me the money!“, die es mit Platz 25 unter die Top 30 und damit noch vor Schwarzeneggers „I’ll be back“ (Platz 37) geschafft hat. Mit Jerry Maguire gelang Crowe, der sich vier Jahre später mit Almost Famous zu der Top-Riege der Regisseure um die Jahrtausendwende zählen durfte, eine gelungene Geschichte über Moral und Zusammenhalt. Getragen wird der Film hierbei neben seinem kongenialen und wunderbar zusammenspielenden Ensemble vor allem durch die Musikwahl Crowes (am einschneidensten natürlich durch Bruce Springsteens „Secret Garden“) und die Ausleuchtung von Spielberg-Spezi Janusz Kaminski, die selbst Gooding Jr. auf dem AK hervorhebt. Der Film verschmilzt geradezu mit seiner Musik, was es umso verständlicher macht, dass diese auch während der Dreharbeiten am Set nebenher lief und die Gefühle erzeugte, die Crowe sich wünschte.

Tom Cruise, der anschließend die nächsten drei Jahre bis zu Kubricks Eyes Wide Shut keinen Film drehen sollte, ist als Schauspieler ein Grenzfall, da die eine Hälfte seiner Darstellungen durch übertriebenes Schauspiel (Mission Impossible, Minority Report) und die andere Hälfte durch sein wahnhaftes Grinsen getrübt werden. Hier bildet Jerry Maguire dankenswerterweise eine gelungene Ausnahme (und daher auch den einzigen Film mit Cruise, der sich in meiner DVD-Sammlung befindet), was Cruise seiner Figur zu schulden hat. Jerry Maguire (Tom Cruise), Sportagent, ist ein wahrhafter Kotzbrocken, wie er im Buche steht. Entgegen vieler anderer Filme lässt Crowe jedoch die Katharsis der Figur (zumindest die erste) nicht am Ende stattfinden, sondern bereits zu Beginn, um sie als Ausgangspunkt seiner Geschichte zu nutzen. Der Sohn eines verletzten Klienten zeigt Maguire auf, zu was er geworden ist. In einem depressiven Affekt verfasst Maguire ein Manifest, ein Memo, welches er an seine Agentur weiterleitet. Bereits im selben Moment, als er dieses losschickt, merkt er seinen Fehler und sieht sein Schicksal kommen. Im Grunde handelt es sich hierbei um die stärkste weil intensivste Szene von Cruise im ganzen Film, ein früher Höhepunkt, dem er anschließend nicht mehr gerecht werden kann, was seine positive Leistung aber wenn nur minimal schmälert. Was anschließend folgt, ist ein Hinfallen und Aufrappeln, das Crowe sogar mehrfach bildlich umsetzt, wenn Maguire mal für mal ins Straucheln gerät. Am einschlägigsten ist der Moment nach seiner Entlassung geraten, wenn Maguire in sein Büro zurückkehrt, stürzt und sich sofort wieder aufrappelt. Was folgt ist die oben angesprochene Szene, welche bereits die grundsätzliche Botschaft des gesamten Filmes beinhaltet. Von seinen über siebzig Klienten versucht Maguire so viele mitzunehmen, wie er kann, bleibt aber mittendrin am Running Back der Arizona Cardinals, Rod Tidwell (Cuba Gooding Jr.), hängen und verstrickt sich mit diesem. Sein Kampf um Tidwell wird Maguire alle anderen Klienten kosten, Auslöser hierfür sein commitment (Engagement, Verpflichtung) gegenüber Tidwell.

Weiterer zentraler Punkt ist das Verlieren von Cush (Jerry O’Connell), eine Nacht vor dem Draft. Cruises gefrorenes Lächeln ist überzeugender, als seine gesamte Leistung im Spielberg-Schinken War of the Worlds. Auch hierfür ist Tidwell verantwortlich, die gesamte Szenerie, mit der beendeten Beziehung zu Maguires Freundin Avery (Kelly Preston) ist ein weiterer –sprichwörtlicher – Tiefschlag für Jerry, aus welchem er sich ebenfalls sofort aufrappelt. Was folgt ist eine gezwungene Bindung an Tidwell, die zu Beginn noch nicht das darstellt, was Tidwell so liebevoll als „kwan“ bezeichnen wird. Wie jede andere Beziehung in Crowes Film, muss auch diese zuerst wachsen, und interessanterweise kommt die berufliche Beziehung, obschon sie Ausgangspunkt ist, erst nachdem beide sich als gegenseitige Freunde etabliert haben. Besser gesagt ist Tidwell Maguires einziger Freund durch den ganzen Film hindurch, da sich seine vorherigen Freunde als Haifische im Becken ausgewiesen haben. Crowe zelebriert seinen Jerry Maguire als Mann, der am Tiefpunkt angelangt ist. Ein Sportagent ohne Sportklienten, ohne Verlobte, ohne Job, ohne Geld. Ein Mann der alles verliert, um am Ende alles gewinnen zu können. Crowe fasst dies in seiner letzten Einstellung, die zu den gelungensten der letzten zehn Jahre zählt, brillant zusammen, wenn er Maguires Mentor zusammenfassen lässt, dass man im Leben ebenso oft verliert, wie man gewinnt. Was zählt, ist das man sich aufrappelt und nicht liegen bleibt, ein Motto, aus dem Sport entlehnt, welches man in Amerika zweifelsohne verinnerlicht hat und anpreist. So verwundert es auch nicht, dass Jerry Maguire eine zutiefst amerikanische Figur ist, die symbolisch für amerikanische Werte steht, die heute kaum noch vorzufinden sind. Allgemein ist die Einbeziehung von Dickie Fox, Maguires Mentor und angelehnt an Regielegende Billy Wilder (der sie ursprünglich auch spielen sollte), ein ausgesprochen netter Zusatz zu diesem tollen Film.

Das Herz und die Seele des Filmes ist jedoch zweifelsohne die Beziehung zwischen Jerry und Dorothy oder besser gesagt die Darstellung dieser durch Zellweger. Unerklärlicherweise wurde sie von allen drei Akteuren als einzige nicht für den Oscar nominiert, dabei ist ihr Schauspiel der Leim der alles zusammenhält und die schönsten und gelungensten Momente des Filmes trägt (wie auch einmündig beim AK von den männlichen Beteiligten attestiert). Bereits mit ihrer Eröffnungsszene gewinnt Zellweger die Leinwand in einer allgemein sehr gelungenen Einstellung, wenn Dorothy als Passagier zweiter Klasse eingeführt wird und ihrem Jerry in die erste Klasse hinterher trauert. Schließlich wird sie von der Stewardess bildlich durch einen Vorhang ausgeschlossen, von dem besseren Leben, wie sie auch selbst bemerkt. Ihr nächster großer Moment ist die Ablieferung von Maguire am Flughafen, wenn Zellweger mit traurigem Blick die perfekte Familie vorgesetzt bekommt, die sie nicht hat und nach der sie sich sehnt. Hierzu kommt dann noch der goldige Jonathan Lipnicki, der perfekt mit Zellweger harmoniert beziehungsweise vice versa. Sehr toll auch die Inthronisierung der Beziehung Jerry-Ray, die von Crowe immer wieder vorangetrieben wird. Durch ihre Liebe zu Jerry geblendet erkennt Dorothy nicht, dass sich Jerry weniger in sie, als vielmehr in ihren Sohn verliebt hat. Während Dorothy mit Jerry eine Geschäftsbeziehung eingeht, sprich für ihn ihren Job kündigt, weil sie ihn liebt, geht Jerry mit Dorothy eine Ehe ein, weil er ihren Sohn liebt. Perfektes Beispiel hierfür ist Jerry Heiratsantrag, vor dem er einen letzten Blick zu Ray wirft und der schließlich auch die Anlaufperson ist, als Dorothy schließlich einwilligt. Für Jerry geht es bei Beziehungen um Loyalität, was ihn auch zur Ehe mit Dorothy bewegt. Zugegebenermaßen ist die Liebeskatharsis von Jerry letzten Endes etwas unübersichtlich geraten, bzw. zu wenig ausgeleuchtet. Hier folgt Crowe eher dem Motto, das man etwas erst vermisst, wenn man es nicht mehr sein eigen nennt. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass Jerry in seiner Entschuldigung den Satz des verliebten Taubstummen klaut.

Vier Jahre nach Singles ist Cameron Crowe eine nochmalige Steigerung gelungen, die weitere vier Jahre später mit Almost Famous ihren Abschluss finden würde. Sein Amenábar-Remake ist auf unerklärliche Weise unnötig und scheint Crowe ein Jahr nach seinem Erfolg mit Almost Famous ins Wanken gebracht zu haben. Er hielt wieder seine vier Jahres Pause ein und lieferte daraufhin seinen Elizabethtown ab, der weder Kritiker noch Fans begeistern konnte. Seitdem ist es still um Crowe geworden und es bleibt abzuwarten, ob nächstes Jahr (s)ein neues Projekt von ihm auf der Leinwand erscheinen wird. Jerry Maguire hingegen ist nahezu perfekte Unterhaltung, dessen größtes Manko seine Laufzeit ist. In manchen Szenen tritt Crowe zu lange auf der Stelle und benötigt zu viel Zeit, um seine Handlung voranzubringen. Gerade die Momente zwischen Dorothy und Jerry – so schön sie auch sind – sind meist ein bis zwei Minuten zu lange geraten. Generell wären dem Film zehn bis fünfzehn Minuten weniger sehr recht geraten, doch trübt die Laufzeit von zwei Stunden auch das Erlebnis nicht im weiteren Sinne. Tom Cruise, um auf die Einleitung zurück zu kommen, weiß hier entgegen vieler anderer Filme zu überzeugen, da sein debiles Lachen, Lächeln und Grinsen perfekt zu seiner narzisstischen Figur von Jerry Maguire passt. Auch wenn es gelegentlich zu viel wird und hin und wieder sein Schauspiel übertrieben wirkt, so ist er sicherlich die bessere Wahl gegenüber Volksheld Tom Hanks gewesen, dem der innere Schweinehund eines Maguire weniger glaubhaft abzukaufen gewesen wäre. Es ist jedoch Zellweger, die damals ihren Durchbruch feierte und die den Film durch ihr emotionales Schauspiel trägt. In das ganze fügt sich Cuba Gooding Jr. mit einer soliden Darstellung ein, an die er höchsten noch in As Good As It Gets ein Jahr später anknüpfen konnte. Dass er sich mit seiner Leistung gegen William H. Macy, Armin Müller-Stahl  und Edward Norton durchgesetzt hat, ist bis heute eine der vielen umstrittenen Entscheidungen der Jury. Jerry Maguire ist jedoch unbestritten (zumindest in meinen Augen) einer der besten Filme der 90er.

9/10

11. April 2008

Street Kings

In my world, bad breeds more bad.


Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was eigentlich aus Alonzo Harris wurde? Richtig, ja, er wurde am Ende von Training Day erschossen. Was wäre jedoch, wenn ihn die Russenmafia in Ruhe gelassen hätte und der gute Hoyt ihm nicht vor den Karren gefahren wäre? In dem Fall würde er wohl Jack Wander heißen und Captain des LAPD Spezialkommandos Ad Vice sein. Erstaunlich, dass Drehbuchautor David Ayer seine afro-amerikanischen befehlshabenden Cops in Training Day und nun in Street Kings so identisch anlegt, dass Denzel Washington und Forest Whitaker nicht nur versuchen im selben Ton zu reden, sondern sich sogar ähnlich anziehen. Das spricht in der Tat für Ayers Kreativität, die sich spätestens dann nachvollziehen lässt, wenn man sich mal sein Sujet ansieht.

Der gute Mann verfasste die Drehbücher zu den Filmen Training Day, Dark Blue und Harsh Times, die sich im Grunde alle ähneln und so verwundert es auch nicht, dass Ayers neuester, Street Kings hier im wahrsten Sinne des Wortes wie der Arsch auf den Eimer passt. Wie bereits bei Dark Blue der Fall, adaptierte Ayer eine Geschichte des Kriminalautoren James Ellroy, dessen L.A. Confidential den meisten besser in Erinnerung geblieben sein dürfte, als The Black Dahlia. Zusammen mit einer handvollen namhafter Akteure, sowie real life thugs und Gangsta-Rappern inszenierte Ayer das, was er beherrscht respektive nicht beherrscht: einen Polizeithriller rund um das Thema Korruption. Sein Bestreben bei Street Kings war jedoch, zu zeigen wie es heutzutage ist, ein Cop in Los Angeles zu sein. Er möchte zeigen wie die amerikanische Exekutive vorgeht, wollte das Genre erweitern, nein, die Grenzen des Genre sogar sprengen.

Was am Ende dabei herauskam, ist ein Film, den man praktisch an jeder Filmhochschule der Welt zeigen könnte, wenn es um die Thematik des Polizeithriller-Genres geht. Von Grenzen sprengen ist hier weit und breit nichts zu sehen, denn wer den Bösewicht der Geschichte nach den ersten zehn Minuten nicht ausgemacht hat, dem scheint nicht mehr zu helfen zu sein. Keanu Reeves, nach seinem Erfolg mit The Matrix in den letzten Jahren wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen ist, spielt den polizeilichen Ermittler Tom Ludlow. Ayer bürstete seine Heldenfigur nach dem gängigen Klischee, Ludlow hat jemanden einst verloren (seine Frau) und ertränkt seinen Kummer täglich in Alkohol. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, nebenbei noch Supercop zu spielen. Als Ein-Mann-Kommando räumt er zu Beginn des Filmes einen koreanischen Kinderporno-Ring auf, im Krankenhaus wird er anschließend von dem internen Ermittler gefragt, woher Ludlow wusste, wie er die Täter zu finden hatte (da immerhin die ganze Stadt nach diesen suchte).

Ludlow presst ein „Das ist mein Job hervor“ und es ist klar, dass es keine Rolle spielt, wie er den Koreanern auf die Schliche kam, denn Ludlow ist DER Mann. Später nimmt das ganze noch bizarrere Auswüchse, wenn Ludlows Vorgesetzter, Captain Wander (Forest Whitaker), ihn als „die Speerspitze“ seiner Einheit bezeichnet, quasi als Achilles des Ad Vice Teams. Hier hat man Ludlow, den trinkenden Cop, der immer den Tag rettet und dabei auch gerne mal Gewalt anwendet. Der nicht nach den Regeln spielt, und Tatorte so stellt, dass man ihm nichts nachweisen kann. Seine Einheit (Amaury Nolasco aus Prison Break, Jay Mohr mit dämmlichen Schnauzer und Carrie Bradshaws Ex, John Corbett) steht hinter ihm, allen voran sein Chef, der ihn praktisch von der Picke auf zu dem gemacht hat, was er heute darstellt.


Man hat es praktisch mit dem dreckigen Dutzend zu tun, die nicht grad die bessten Menschen sind, aber durch ihre Arbeit die anderen beschützen – im Grunde also Leute wie man sie in Denzel Washingtons Einheit in Training Day oder bei Kurt Russell in Dark Blue bereits gefunden hat. Dem entgegen steht wie immer der interne Ermittler, die Cop-Jäger, verhasst von ihren Kollegen und die einzig guten in einem Sumpf aus Korruption und Amtsmissbrauch. Man merkt bereits, Ayer hat in der Tat das Genre revolutioniert. Was er seine Figuren anschließend treiben lässt, fasziniert auch lediglich durch seine Einfallslosigkeit. Ludlow bekommt Ärger, jemand ist ihm auf der Spur, dadurch kommt er jemand auf die Spur und steckt in noch mehr Ärger – der Schlinge zieht sich enger und enger, sodass am Ende das eintritt, was in diesem Genre immer eintritt.

Da Street Kings inhaltlich auf einen Bierdeckel passt beziehungsweise es sich genau genommen um die beidseitig beschriebenen Bierdeckel von Training Day und Dark Blue handelt, ist das, was sich vordergründig abspielt, nicht wirklich von Belang. Da Ayer und seine Produzenten besonders die Authenzität ihrer Geschichte und Figuren loben, wären diese sicherlich eines genaueren Blickes wert. „Ludlow darf von Berufs wegen Leute auslöschen, die dem Gesetz nicht gehorchen“, beschreibt Ayer seinen Helden, sodass man sich fragt, in welcher Welt der gute Mann eigentlich lebt. Ein Cop wie es Tom Ludlow ist, würde sich im echten LAPD bestimmt nicht finden, mäht er doch fast alles nieder, was sich im in den Weg stellt. Amerikanische Polizisten haben ein bestimmtes Limit, so unpassend das Wort auch ist, an Erschießungen. Geschehen allein zwei tödliche Schüsse auf Verdächtige innerhalb einer kurzen Zeit, müssen sich die jeweiligen Polizisten vor einem Ausschuss verantworten.


Seltsamerweise hat Ayer dies in Dark Blue noch richtig dargestellt, sodass seine dort von Scott Speedman dargestellte Figur Bobby Keough eher echter Cop ist, wie Ludlow. Da wundert es auch nicht, dass Ludlow wie es ihm gefällt auf eigene Faust mit einem Kollegen einer anderen Abteilung irgendwelche Mordfälle aufklärt. Auch die inzwischen monotone Darstellung des Los Angeles Police Department langweilt inzwischen und würde sie dem von Ayer proklamierten realen Bild entsprechen, wäre dies sicher längst behoben worden. Das einzige was an der Darstellung der Polizei authentisch ist, ist die Ausstattung, die bis ins Detail ausgearbeitet wurde und sich den technischen Beratern und Ex-Polizisten um Jaime Fitzsimons verdanken lässt. Hier spielt wahrscheinlich doch eher Ayers eigene Vergangenheit in der Bandenhochburg South Central eine Rolle, denn wer am Ende eigentlich kein böser Cop ist, ist schwieriger zu beantworten als andersherum.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: die Handlung ist nach dem Genre gebürstet und auch die in ihr auftretenden Figuren sind nach Genre gebürstet, selbst die Verfolgungsjagden sind nach Genre gebürstet. Gerade die Verfolgung eines Verdächtigen durch ein Wohnviertel hat man dieses Jahr bereits in In the Valley of Elah gesehen, auch wenn sie dort nicht weniger lächerlich wirkte, als sie dies hier tut. Wie in seinen anderen Geschichten würzt Ayer auch diese nicht nur mit Rap und Hip Hop Musik, sondern wirft auch wieder den einen oder anderen Rapper selbst in das Geschehen. Verdankten in Training Day noch Snoop Dogg, Dr. Dre und Macy Gray ihren Leinwandauftritt, so dürfen in Street Kings Dr. Dre Protege The Game und Grammy-Gewinner Common (Smokin' Aces) ihr (nicht existentes) Schauspieltalent unter Beweis stellen.


Neben den wie immer hölzern agierenden Keanu Reeves oder Chris Evans fällt das jedoch nicht einmal großartig ins Gewicht, auch Oscarpreisträger Whitaker fällt mit seiner Denzel-Washington-Gedächtnis-Performance durch das Raster, wirklich überzeugen können lediglich House M.D. Hugh Laurie und der oben angesprochene Jay Mohr, dessen Schnauzer wie der Kinnbart von John Corbett oder das Mohrsche Pendant bei Whitaker nur zum Schmunzeln anregen. Die weiblichen Rollen mit Martha Higareda (wenn auch hübsch anzusehen als Krankenschwester) und Pirates of the Caribbean-Actrice Naomie Harris sind nicht nur im Kontext der Geschichte unnötig, sondern an sich auch verschenkt, da nicht herausgefordert. In einer weiteren Nebenrolle darf dann noch Cle Shaheed Sloan auftreten, der den Einwohner von Los Angeles eher unter seinem Straßennamen „Bone“ bekannt sein dürfte und ein ehemaliges Mitglied der Straßengang Bloods ist.

Der gute Mann durfte bei Training Day als Gang-Berater fungieren und sogar verschiedene Mörder und Gangbanger der in Los Angeles beheimateten Banden Crips und Bloods für Filmautritte gewinnen. Wo wir schon dabei sind, von Bandengewalt kann auch Jayceon Taylor ein Lied singen, der heute unter dem Pseudonym The Game bekannt ist. Seine Eltern waren beide Mitglieder der Crips und so verbrachte er seine Jugend hauptsächlich in einem Pflegeheim, bevor er wegen Drogen von der Uni flog und fünfmal angeschossen wurde. Sein Rap-College Common verfasst inzwischen Kinderbücher und Cedric the Entertainer, der ebenfalls eine kleine Rolle hat, bemüht sich gegen Armut. Authenzität bezüglich des Lebens in Los Angeles ist also vorhanden gewesen am Set, zumindest das Leben auf den Straßen, zu dessen Königen ja der Titel die Protagonisten verklärt.


Was bleibt also von Street Kings, der ursprünglich The Night Watchman hieß? Ein spannender oder rasanter Thriller? Eher nicht. Ein authentisches Bild der heutigen Polizei von Los Angeles? Lachhaft. Ein gut gespieltes Stück Genrekost? Leider nein. Der Film selbst ist solide inszeniert, dass will man Ayer durchaus nicht absprechen, die Musik nervt zwar, die Geschichte ist belanglos und die Darbietung leidlich erträglich – aber wenn man es genau nimmt, dann funktioniert der Film für die Klientel, die ihn sehen soll. Der amerikanische Jugendliche von 14 ab bis hin zum Mittdreißiger, die Personen, die MTV sehen, für die der amerikanische Trailer sehr viel mehr auf The Game und Common zugeschnitten wurde, als der internationale. Die amerikanische Kinomasse möchte gedanklich nicht zu sehr beansprucht werden, sondern einfach nur unterhalten. Da braucht man nicht erklären, wieso das, was man da auf der Leinwand sieht, überhaupt möglich ist, oder weshalb die Charaktere manchmal so idiotisch reagieren wie sie reagieren (Chris Evans wird in einer Szene mit zwei schwer bewaffneten Gangstern ausrufen „Ich weiß woher ich die kenne!“, was schließlich zu dem Ergebnis führt, zu welchem es logischerweise führen muss). David Ayer präsentiert das, was man von ihm kennt, und was wohl das einzige ist, das er auch beherrscht.

3.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision