20. August 2007

The Black Dahlia

Hollywood will fuck you when no-one else will.

Für viel Lob und Aufsehen hat 1997 die Verfilmung des James Ellroy Romans L.A. Confidential von Curtis Hanson gesorgt. Damals gab es nicht nur einen Oscar für Nebendarstellerin Kim Basinger, sondern auch für das Drehbuch von Hanson und Brian Helgeland. Fast zehn Jahre später kam mit The Black Dahlia eine neuerliche, starbesetzte Ellroy-Verfilmung in die Kinos, deren Produktionsgeschiche fast schon Stoff für einen eigenen Film wäre. Ursprünglich sollte nämlich David Fincher die Regie übernehmen – und hier differieren bereits die Quellen. Laut der IMDb wollte Fincher eine dreistündige Version in Schwarzweiß drehen, während es nach Wikipedia eine fünfstündige Mini-Serie fürs Fernsehen mit Starbesetzung sein sollte. Da Fincher jedoch befürchtete, er könne das Projekt – sei es in der einen oder anderen Fassung – nicht wie gewünscht realisieren, verließ er es.

Zu diesem Zeitpunkt war anscheinend bereits Marky Mark für die Rolle von Lee Blanchard besetzt worden, aber er musste aufgrund von Terminschwierigkeiten mit The Italian Job absagen. Schließlich wurde Brian De Palma der neue Regisseur und Marky Mark wieder für das Projekt frei. Jedenfalls so lange, bis ihm Martin Scorsese eine Nebenrolle in The Departed anbot, welche er schließlich annahm. Im Nachhinein, bedenkt man seine (wenn auch ungerechtfertigte) Oscarnominierung, war dies wohl die klügere Entscheidung. Dieses Casting-Schauspiel ging dann sogar noch weiter, als James Horner von Mark Isham ersetzt wurde und Hilary Swank den Part von Eva Green übernahm, die nicht schon wieder eine femme fatale geben wollte. Und weil Maggie Gyllenhaal die Rolle der Elizabeth Short ablehnte, ging sie schließlich an die eher unbekannte Mia Kirshner.

De Palma erzählt diesen Film noir in bräunlichen Bildern, die oftmals nachts in Nebel gehaucht spielen. Ausstattung und Kostüme sind dabei exzellent gewählt und erzeugen ein richtiges Feeling für die Szenerie. Und mit Josh Hartnett, Hilary Swank, Aaron Eckhart und Scarlett Johansson ist The Black Dahlia auch von den Namen her top besetzt. Aber Namen sind nunmal nicht alles, einschließlich der von De Palma. Wirklich überzeugen kann nur Johansson, während ihr Pendant Hartnett so viel Schauspieltalent wie eine Büchse Bohnen besitzt. Ohne The Black Dahlia mit L.A. Confidential zu vergleichen, erinnert De Palmas Film eher an Steven Soderberghs The Good German, der ebenfalls versuchte etwas zu sein, dass er nicht ist. Beide teilen das Schicksal des style over substance. Und hübsche Bilder sind eben nicht alles, wenn die Handlung dazu nicht stimmt.

Die Hauptfrage des Filmes dreht sich um den Mord an der schwarzen a.k.a. Elizabeth “Betty” Short (Mia Kirshner)? Und die Antwort, die De Palma bietet,lautet: Es ist scheiß egal. So kommt zu keinem Zeitpunkt Spannung auf, genauso wie generell ein Interesse besteht, den Mörder geschweige denn das Motiv ausfindig zu machen. Während gerade Mordkommissar Lee Blanchard (Aaron Eckhart) eine Obsession zu Short entwickelt, ist es doch sein Partner Dwight “Bucky” Bleichert (Josh Hartnett), der sich mit ihrem Mordfall primär beschäftigt, wenn beide nicht gerade mit Blanchards Freundin Kay (Scarlett Johansson) zu Abend essen oder abhängen. Als Bleichert dann die mysteriöse Britin Madeleine (Hilary Swank), eine scheinbare Doppelgängerin von Short, trifft und eine Affäre mit ihr beginnt, verliert er sich immer mehr in die Ausmaße des Falles.

Dass Madeleine nicht mal ansatzweise Elizabeth Short zum Verwechseln ähnlich sieht und die Entscheidung, Hilary Swank eine Britin spielen zu lassen, gänzlich in die Hose geht, sind dabei sogar nur kleinere Makel von De Palmas fehlgeleiteter Besetzung seiner Adaption von James Ellroys Roman. Problematischer ist vielmehr die Herangehensweise an die Charaktere, die wenig bis gar nicht ausgarbeitet werden. So wird Blanchards ad hoc auftretende Obsession irgendwann in der Mitte mit einem halbgaren Satz eine Begründung geliefert, während speziell bei Bleicherts Figur im Vergleich zur Vorlage viel von seiner Emotion und Psyche auf der Strecke bleibt. Da helfen auch Josh Hartnetts bemitleidenswerte Erzählstimme und einige dahergewürgte Halbsätze wenig, um die Motivation der Figur dem Publikum näher zu bringen.

Wie erwähnt versucht die Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond über die nichtvorhandene Spannung hinwegzutrösten, aber die Tatsache, dass Finchers Adaption zwischen drei und fünf Stunden hätte lang sein sollen, lässt erahnen, dass die Romanhandlung extrem gestrafft worden ist. Wie von vielen Kritiken erwähnt, ist besonders die finale halbe Stunde des Films desaströs und so abstrus wie schon lange kein Filmende mehr (theatralisches overacting, speziell von Fiona Shaw, inklusive). Insofern ist die gesamte Handlung ein Fremdobjekt für den Zuschauer, Spannung wird keine aufgebaut, die Dialoge sind oft furchtbar und das Finale einfach nur entsetzlich. Letztlich ist Brian De Palmas The Black Dahlia eine verschenkte Produktion, die man entweder ganz lassen oder in die Hände von qualifizierteren Personen, wie David Fincher, hätte übergeben sollen.

3/10

Kommentare:

  1. Vollste Zustimmung, bei mir käme der wertungstechnisch aber nur mit Glück auf einen von zehn Punkten und mehr ist da nicht ansatzweise denkbar.

    Ich habe mich durchgequält.

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  2. Da hast du den Werdegang des Films ja wirklich akribisch recherchiert und vorgestellt. Kudos! Deine Bewertung teile ich, wie du weißt, überhaupt nicht.

    Ich könnte jetzt auf etliche Dinge eingehen, will mich aber auf zwei grundlegende Aspekte beschränken.

    1. "Style over substance" ist einer der Standardvorwürfe, die De Palma seit eh und je gemacht werden. Und das mag auf den ersten Blick auch zutreffen, vernachlässigt aber völlig, dass 'Style' auch 'Substance' ist - diese Trennung der zwei ist an sich schon schizophren. Etwas, das wir, die wir von einem Hollywoodkino in der Tradition des Realismus konditioniert sind, leider völlig vergessen. Und gleichzeitig etwas, das De Palma durch seine Filme sehr bewusst kritisiert.

    2. Der Fall der schwarzen Dahlie gerate in den Hintergund, war ein weiterer häufig zu hörender Kritikpunkt insbesondere von Rezensenten aus den USA. Dabei wird gerne übersehen, dass bereits Ellroys Vorlage in erster Linie an der Dreiecksbeziehung zwischen Bucky, Blanchard und Kay interessiert ist. Der Real-Crime-Case der Dahlie ist gewissermaßen nur die Folie, auf der sich deren Verhältnis zueinander abspielt bzw. ist die Dahlie der Auslöser für den Niedergang ihrer innigen Freundschaft. In den USA wurde der Film falsch vermarktet, nämlich so, als handele es sich um eine Art Verfilmung des Lebens und des Todes der schwarzen Dahlie - das ist freilich Unsinn und war schon bei Ellroy nicht so angelegt.

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  3. @Jochen: Selbst wenn der Film sich zentral oder hauptsächlich mit der Dreiecksgeschichte beschäftigt, ist er trotzdem langweilig und in jedem einzelnen Detail bedeutungslos - zumindest in meinen Augen. Da fällt mir als weiteres Beispiel wirklich nur The Good German ein, wobei der kein so katastrophales Finale hatte. Und früher hat es De Palma doch auch geschafft gute und interessante Geschichten zu erzählen.

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  4. We have to agree to disagree, denn ich halte TBD nicht für "bedeutungslos" und "langweilig". Mich nimmt die Atmosphäre gefangen. Ich finde die undurchsichtigen Figuren, die sich größtenteils einer klaren Gut/Böse-Zuordnung widersetzen, hochinteressant. Und ich halte auch das Finale für gelungen, sowohl die Auseinandertzung zwischen Bucky und den Linscotts, als auch das Ende an der Tür, das signalisiert, dass Bucky zeitlebens am Trauma der Dahlia zu knabbern haben wird. Vom Visuellen fange ich am besten erst gar nicht an :-) Die wunderbare Dinner-Szene, das Rauchen, das Lügen - TBD hat auch einen wundervollen Humor, der freilich nicht "in your face" ist, aber den es zu entdecken lohnt...ich höre jetzt mal besser mit dem Schwärmen auf :-)

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  5. Hab ihn bei der Erstsichtung recht undurchschaubar gefunden, aber sonst war alles andere top notch! Deswegen werde ich ihn nächstens auch noch ein zweites Mal gucken!

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