How’s it going to end?Wir leben in einer perversen Welt. Einer Welt, in der ein Fußballspieler für eine Summe verscherbelt wird, die sich im Grunde bereits in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt einer Republik wie Kiribati setzen lässt. Und in der Reality-Shows von Paris Hilton bis zu Sarah Connor den Markt überschwemmen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass unsere Gesellschaft noch nicht ganz das Niveau von The Truman Show erreicht hat. Ungerechtfertigter Weise war Peter Weirs satirisches Meisterwerk seiner Zeit bei den Academy Awards außen vorgestanden. Der brillierende Hauptdarsteller Jim Carrey war erst gar nicht berücksichtigt worden. Bei einer Konkurrenz wie Shakespeare in Love und Roberto Benigni im Grunde schon ein Schlag ins Gesicht. Vielleicht wirkte das von Andrew Niccol beschworene Szenario Ende der Neunziger einfach noch zu phantastisch, als dass man Niccols vorausschauendes Genie hier bereits entsprechend würdigen könnte. Denn genial ist an The Truman Show vieles, wenn nicht sogar alles.
An einem Tag wie jedem anderen macht sich Truman Burbank (Jim Carrey) auf zur Arbeit, als plötzlich eine Beleuchtung vom Himmel fällt. Ein verdutzter Truman denkt sich nicht viel dabei und schon im Wagen werden im Radio die Geschehnisse plausibel erklärt. Kurz noch an den Kiosk stand, wo die örtliche Zeitung tituliert, dass Seahaven zum Wohnsitz Nummer Eins der USA gewählt wurde, und eine Modezeitschrift für die Frau gekauft. Eine kurze Begegnung mit den Zwillingen Ron und Don neben einer Werbereklame bringt Truman dann endlich ins Büro. Hier gibt er sich seinen eigenen Träumen hin. Es sind noch 41 Tage bis zu seinem 30. Geburtstag, doch Truman hat Seahaven noch nie verlassen. Der Wunsch nach Fiji zu fliegen wird sowohl von seiner Frau Meryl (Laura Linney) als auch von seinem besten Freund Marlon (Noah Emmerich) abgetan. Wieso irgendwo anders leben, wenn man es in Seahaven doch so schön hat? Aber nichts ist mehr wie es war für Truman. Spätestens dann nicht, als er seinen für tot geglaubten Vater mitten auf der Straße wiedersieht. Als dieser kurz darauf abgeführt wird, häufen sich für Truman die Verdachtsmomente.
Die Brillanz des hier Gezeigten verdankt sich fraglos dem beißend satirischen Unterton, den Regisseur Peter Weir nachträglich von Niccol in dessen Skript, welches zuerst als Thriller konzipiert war, einbetten ließ. Das Konzept der Truman Show ist derart gelungen, dass sich Fernsehproduzenten wie Rupert Mordoch oder Aaron Spelling wohl in den Arsch gebissen haben werden, dass sich etwas derartiges damals – und zum Glück auch heute – noch nicht umsetzen ließ. Denn seit beinahe dreißig Jahren läuft sie nun, die Truman Show, und das vierundzwanzig Stunden täglich. „We found many viewers leave him on all night for comfort”, gesteht Christof (Ed Harris). Christof ist der Regisseur und Schöpfer der Show zugleich. Hierbei stellt Christof gleich zwei Anspielungen dar. Ist er einerseits der Schöpfer von jener Welt, die Truman so und nicht anders kennt, nimmt er hiermit praktisch eine Gott-ähnliche Stellung ein. Dies wird besonders deutlich, als er sich kurz vor Trumans Freiheit per Mikrofon zuschalten lässt und seiner „Schöpfung“ mit den Worten begegnet: „I am the creator“. Andererseits kann Christof auch als Anspielung auf den Künstler Christo angesehen werden, indem Weir und Niccol ihn als Verhüller der Wahrheit oder eines ganzen Lebens betrachten.
Ohnehin lässt sich The Truman Show exzellent als Beispiel für die Genesis lesen. „The world, the place you live in, is the sick place”, rechtfertigt sich Christof gegenüber Sylvia (Natasha McElhone), einer Gastdarstellerin der Show und Trumans große Liebe. Und in der Tat lebt Truman in einer Art Utopia, einer Welt ohne Gewalt, Kriminalität und Armut. Somit ein Hort des Friedens und für sich genommen ein Garten Eden. Es ist Trumans finale Erkenntnis, die ihm den Verbleib in Eden verwehrt und ihn in die Realität hinüber wechseln lässt. Somit stellt Weirs Film ein Exempel für die menschliche Gewinnung des freien Willens dar. War Truman krank, kümmerte sich der Schöpfer um ihn. Drohte Gefahr, wie als Truman unachtsam vor einen Bus läuft, kann Christof einschreiten und seine behütende Hand ausstrecken. Es ist also Trumans (unbewusste) Opferung seiner Freiheit, die ihm den Schutz seines Schöpfers beschert. Und zugleich ist Weirs Film aber auch eine Aufwerfung existentialistischer Fragen nach der Grenze der Realität, wie sie Ende der Neunziger zahlreich (The Matrix, The 13th Floor, Dark City) aufgeworfen wurden.„We accept the reality of the world with which we are presented”, erklärt Christof die Verblendung von Truman. Wir akzeptieren als Realität, was uns real erscheint. Und wie fasste es Jim Jarmusch nicht zuletzt in seinem The Limits of Control sehr treffend zusammen: „Sometimes the reflection is far more present than the thing being reflected.” Genauso wie seine Leidensgenossen Douglas Hall in The 13th Floor und John Murdoch in Dark City muss Truman seine Fassade sprichwörtlich bröckeln sehen. Perfekt ist hierbei Carreys Mimik, als er die Studiokulisse rammt und die Ausmaße seiner „Gefangenschaft“ begreift. Dass Menschen über The Real World und Big Brother ihre Privatsphäre auf freiwilliger Basis opfern, ist dabei gegenwärtig nur der Auftakt. Schließlich hadern jene Projekte an dem Selbstinszenierungsdrang der Protagonisten. „You were real. That's what made you so good to watch”, verrät Christof seiner Schöpfung das Geheimnis seines Erfolges. Insofern stellt The Truman Show nur den nächsten großen Schritt dar, den die Unterhaltungsbranche bewältigen muss, um auf ein El Dorado an Quoten zu stoßen. Ein ähnliches Bild beschwörten einige Jahre später auch Matt Stone und Trey Parker in ihrer South-Park-Folge Cancelled, welche die Erde als Reality-Show von Außerirdischen für Außerirdische darstellte.
Zum Schreien sind allerdings bereits schon die Ansätze an Vermarktungsstrategien, die sich in den gegenwärtigen Medien finden. Allen voran das Product Placement, das besonders von Hannah Gill (Laury Linney), der Schauspielerin die Meryl verkörpert, propagiert wird. Ähnliches findet sich heutzutage in jedem gewöhnlichen Blockbuster, von Casino Royale bis hin zu The Day the Earth Stood Still. Immer wird der Moment genutzt, um ein Produkt entsprechend in die Kamera zu halten und seine Vorzüge zu loben. So hat es die Truman Show geschafft, sich allein durch Product Placement zu vermarkten. Von dem Sog, den das Progamm auf die Weltbevölkerung zu haben scheint – Weir beschränkt sich auf eine handvoll Beispiele – gar nicht erst zu sprechen. Daher kann The Truman Show auf drei Ebenen betrachtet werden, sei es ein satirisches Zerrbild von Medienethik oder die biblischen bzw. existentialistischen Ansätze. Zu verdanken ist dies Niccols punktgenauem und pointierten Drehbuch. Allein die Versuche Truman von seinen Fluchtgedanken abzubringen sind phänomenal. Wo sonst findet man ein Reisebüro, dass vor Terroristen auf Flügen warnt (ganze drei Jahre vor 9/11) oder einen Blitzeinschlag mit den Worten propagiert: „It could happen to you!“
Allerdings bedauert man es, dass Niccol stets nur an der Oberfläche der Dinge bleibt. Wobei tiefere emotionale Einblicke wohl den Rahmen gesprengt hätten. Dennoch ist es schade, dass Trumans Umwelt nie wirklich thematisiert wird. Schließlich arbeiten seine Mutter (Holland Taylor) und auch sein bester Freund Marlon bereits über zwanzig Jahren mit ihm zusammen. Gerade bei Letzterem wäre ein tieferer Fokus interessant gewesen, besonders wenn man eine geschnittene Szene betrachtet, die einem beinahe die Schuhe auszieht. Denn zwischen Louis (Emmerich), der seit er sieben Jahre alt ist in der Show spielt, und Hannah (Linney) besteht zumindest in Weirs Film soviel Unterschied nicht. Welche emotionalen Bindungen da zwischen den Schauspielern und Truman entstanden sein müssen, will uns Niccol nicht verraten. Genauso bleibt die juristische Besonderheit, dass ein Unternehmen ein Kind adoptieren kann (und anschließend mit diesem umspringt, wie es beliebt), unerklärt und im Nachhinein nur Mittel zum Zweck. Allerdings hätte wie angesprochen wohl ein näherer Einblick nicht nur die Laufzeit gesprengt, sondern auch die grundsätzliche Stringenz und Harmonie des thematischen Hauptfadens unterbrochen.Retrospektiv muss es als meisterlicher Schachzug gesehen werden, die ernste und grundsätzlich tragische Rolle des Truman an Grimassenschneider Jim Carrey zu übergeben. Dieser kommt zwar nicht umhin, gelegentlich – man denke an die Autoflucht – in seine berufliche Trickkiste zu greifen, doch ist es Carrey, der dem Film letztlich seinen Stempel aufdrückt. Wie erwähnt bleibt einem besonders die finale Erkenntnis an der Studiowand in Erinnerung, die jedoch nur das Sahnehäubchen auf Carreys wohl beste Karriereleistung – neben Man on the Moon – darstellt. Sowohl Linney als auch Emmerich wissen ihre Nebenparts überzeugend auszufüllen, in kleinen Rollen lassen sich hier bereits Peter Krause und Paul Giamatti bewundern. Für Ed Harris, der erst fünf Tage vor Christofs erster Szene zur Besetzung stieß, sollte sich sein gefälliges Spiel mit einem Golden Globe und einer Oscarnominierung auszahlen. Nicht minder enttäuschend sind die großartige Kameraarbeit von Peter Biziou sowie die musikalische Untermalung von Burkhard von Dallwitz (allein „Truman Sleeps“ ist wahrlich ein Traum). Trotz einiger weniger zufriedenstellender Dinge (die schwache Ausarbeitung der Darsteller, Carreys gelegentliche Grimassen) ist The Truman Show dennoch ein Meisterwerk in seinem Genre. Sowohl Satire als auch Drama, gleichzeitig unterhaltsames Medium und Kritik an Unterhaltungsmedien. Ein Film, der noch einige Jahre trotz seines Alters aktuell sein wird.
10/10
atimmt!
AntwortenLöschenJa, ein wirklich toller Film - und so schön zeitlos, den schaut man auch noch in zehn Jahren und findet ihn gut.
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