13. August 2009

Lucas


Hey, I'm a party animal.

Im Idealfall ist ein Klassentreffen ein Wiedersehen alter Schulkameraden und Freunde. Somit als positives Ereignis zu sehen und von vielen Menschen auch so empfunden. Mit US-komödien aus den achtziger Jahren verhielt es sich in gewissem Sinne ähnlich. Auch sie stellen ein Wiedersehen mit alten Gesichtern dar. So blödelte sich einst ein John Cusack durch Better Off Dead... und The Sure Thing, während Oscarpreisträger wie Sean Penn und Forest Whitaker in Fast Times at Ridgemont High ihre Ursprünge feierten. Die High School Komödie ist ein festetabliertes Genre in Hollywood und dient naturgemäß zuvorderst den Jungdarstellern als Sprungbrett ihrer Karriere. Doch an den Charme und Esprit der 80er-Komödien kamen schon die Kollegen ein Jahrzehnt später nicht mehr heran, sieht man von Versuchen wie She's All That oder 10 Things I Hate About You ab. Ohnehin geht der Komödientrend - wachsend mit seinem Klientel - immer mehr in die Richtung Vulgär-Humorismus, was sich neben den American Pie-Filmen auch an der momentanen avent garde rund um Seth Rogen und Judd Apatow zeigt.

Nun soll dies nicht heißen, dass die Werke von Hughes und Heckerling prüde und frei von jeglicher Sexualität gewesen sind, doch wurden ihre Filme nicht von Anal-, Oral- oder sonstigen Sexvariationen dominiert. Stattdessen wohnten vielen Filmen, selbst – oder gerade – den scheinbar expliziteren, eine liebenswerte Naivität inne. Dass sich jene Werke in der heutigen Kinolandschaft durchsetzen könnten, ist zu Bezweifeln, sieht man sich den Erfolg heutiger Genrekollegen an. Teilweise gilt hier das Motto von Hit & Miss, indem eine Vielzahl von Gags losgefeuert wird und auf eine möglichst hohe Trefferquote gehofft wird. Wirkliche coming-of-age-Geschichten erlebt der Zuschauer hier nur noch selten und dagegen in den 80er-Komödien nahezu unentwegt. Doch Leben heißt Weiterentwickeln und somit ist der Wandel des Komödiengenres im Nachhinein nachvollziehbar. Wer will sich schon nach zwei Jahrzehnten noch im selben Entwicklungsstand wiederfinden? Auch wenn die Kinolandschaft hier charakterlich (ruhig, naiv – wild, vulgär) im Vergleich zur natürlichen Entwicklung ironischerweise eher ins Gegenteil verkehrt wird.

Das Grundschema steht allerdings und dies auch schon mehr als zwei Jahrzehnte. Es ist ein amerikanisches Phänomen, diese High School Landschaft. Die Cliquenwirtschaft, vertreten durch ihre drei prominentesten Lager: den Nerds, dem Football-Team und den Cheerleadern. Sie finden sich im Grunde in allen High School Komödien in den zentralen Positionen wieder und werden bisweilen – bestes Beispiel ist Hughes’ The Breakfast Club – noch von generellen Außenseitern ergänzt. Es ist daher nur logisch, dass auch David Seltzers Lucas hier keine Ausnahme bildet. Der Protagonist und Held muss natürlich der Nerd sein. Eine unterdrückte Figur, die im Verlaufe des Filmes Raum zum Wachstum hat. In diesem Falle ist es Lucas (Corey Haim), ein hochintelligenter 14-jähriger Hobby-Entomologe. Als dieser in den Sommerferien die hinzugezogene 16-jährige Maggie (Kerri Green) kennenlernt, ist es ziemlich schnell um ihn geschehen. Vielleicht zuerst etwas notgedrungen freundet sich Maggie schließlich mit Lucas an und entdeckt alsbald seinen überaus sympathischen Charakter. Doch Sommer ist Sommer und speziell unter den Gesetzen der Schule gehen Jugendliche schnell wieder ihre eigenen Wege. Und schon der erste Schultag verläuft in Lucas’ Augen schon mal gar nicht so, wie er sich das vorgestellt hat.

Die innerschulischen Streitigkeiten oder das Nerd-Dasein beschäftigen Seltzer nun nicht sonderlich. Stattdessen fokussiert er sich auf die pubertären Gefühle seiner Protagonisten. Am deutlichsten wird dies in einer sehr gelungen Chorszene, in welcher Seltzer zuerst der jungen Rina (Winona Ryder) folgt, die Lucas beobachtet, während dessen Augen auf Maggie liegen, die wiederum den Football-Schönling Cappie (Charlie Sheen) anhimmelt – was allerdings von dessen Freundin Alise (Courtney Thorne-Smith) eifersüchtig beobachtet wird. Eine Einstellung, die im Grunde den ganzen Film zusammenfasst. Lucas beschäftigt sich mit amourösen Gefühlen, die zum einen nicht bemerkt und zum anderen nicht erwidert werden. Abgesehen von Maggie und Cappie, doch es ist deren Romanze, die die Emotionen aller anderen Figuren spaltet. Während Maggie allerdings zumindest zu ahnen scheint, dass Lucas mehr als nur freundschaftliche Gefühle für sie zu hegen scheint (allein das Konzertbesuch zu Beginn verrät ihn bereits), muss sich Rina gegenüber Lucas wie Luft fühlen. Mehrfach versetzt er sie, stets zu Gunsten eines Treffens mit Maggie.

Letztlich gibt Seltzers Film viele bekannte Begebenheiten der Schulphase wieder. Von den verschiedenen Schwärmereien, bis hin zu den Entwicklungen. Relativ behutsam wird hier die Romanze zwischen Maggie und Cappie aufgebaut, die trotz ihrer leichten Heuchelei im Grunde doch unschuldig ist. Zudem wird das klassische Motiv präsentiert, dass der Protagonist vor lauter Eifersucht nicht das richtige Mädchen vor seinen Augen sieht. Von besonderem Interesse ist hierbei ein Dialog, den Lucas und Rina in der Mitte des Filmes führen. „Can you imagine that? Turning from something ugly into something beautiful?“ fragt Lucas Rina und spielt damit bewusst auf sich selbst und seine Beziehung zu Maggie an. Aber auch indirekt und unwissentlich auf Rina und ihr Konkurrenz-Dasein gegenüber Greens Figur. Interessant ist weniger Lucas’ Frage, als Rinas Antwort. „No. Frankly I can’t“ drückt ihr fehlendes Selbstbewusstsein aus und ihre Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit hinsichtlich ihrer Bemühungen um Lucas. Im Vergleich zur ersten Hälfte, wo sie ihn zwei Mal fragt, ob er etwas unternehmen will, scheint sie zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert zu haben, denn eine weitere Einladung folgt nicht im restlichen Verlauf des Filmes.

Im Vergleich zu seinen Genrekollegen bemüht sich Seltzer ein sehr realitätsnahes Bild seiner Geschichte wiederzugeben. Beispielhaft an der klimatischen Football-Szene, in der Lucas wider Erwarten zum Einsatz kommt und einen – zumindest für die Prämisse – entscheidenden Pass zugespielt bekommt. Lucas, ohne Sporterfahrung, kann den Football nicht fangen und wird im Zuge der Szene von mehren Spielern getackled, was ihn anschließend ins Krankenhaus bringt. Seltzer schenkt seinem Nerd nicht den Ruhm und auch nicht das Mädchen und doch endet der Film auf einer positiven Note. Es ist Lucas’ besonderes Charaktermerkmal, dass er stets freundlich und offen ist und sich auch nicht scheut, seinen Unterdrückern eine zweite Chance zu geben. Nur diesem Verhalten war es zu verdanken, dass sich Cappie selbst wandelte, vom Rumschubser zum Beschützer. Am Ende des Filmes ist es Lucas, der eine zweite Chance erhält und zugleich sind es alle anderen Figuren, die ebenfalls eine neue Chance erhalten. So versieht Lucas letztlich weniger Lucas mit einer Katharsis, als alle seine Mitschüler, die sich über ihn lustig gemacht haben. Jenes kathartische Moment bildet das Finale des Filmes, der dem Jungen nicht einmal eine potentielle Romanze mit Rina in Aussicht stellen will (obschon seine Realisierung ihrer Präsenz Raum für Implizierungen lässt).

Dennoch hapert es Seltzer etwas an Überzeugungskraft im Wendepunkt. Nachdem Lucas erneut erniedrigt wird – Seltzer spart aus, wieso sich Spike (Jeremy Piven) einerseits freundlich gegenüber Lucas zeigt (auch wenn dies stets in Cappies Gegenwart ist) und anderseits mit Bruno diesen quält -, kulminieren die Gefühle. Plötzlich nimmt Maggie ihren Freund wieder wahr, dieser versteckt sich und wird anschließend von ihr gefunden. Zum einen spart der Film Maggies Kenntnis über Lucas’ Versteck aus, zum anderen ist der Wechsel jenes Dialogs (Lucas versucht sich an einer Annäherung, wird aber abgewiesen und bricht scheinbar mit Maggie) hinüber zur klimatischen Football-Szene recht hart. Wieso Lucas glaubt, sich durch Beteiligung am Spiel doch noch Chancen bei Maggie auszurechnen, nachdem sie ihm diese im Streit zuvor abgesprochen hat, wird nicht deutlich. Gegebenenfalls wollte sich der Nerd auch nur vor versammelter Schule beweisen. Seltzer wird an dieser Stelle nicht genauer und offenbart hier einen etwas unstimmigen Schwachpunkt.

Grundsätzlich weiß Lucas aber dennoch zu überzeugen und wie angesprochen speziell durch seinen Bruch mit dem Klischee im Finale zu gefallen. Was den Film des Weiteren auszeichnet, ist seine überaus ansprechende Besetzung. Neben einigen Darstellern des Brat Pack zählte Corey Haim sicherlich zu den Stars des achtziger Jahre Jugendkinos. Haim gibt Lucas im Grunde durchweg sehr sympathisch und glaubwürdig und untermauert seinen Standpunkt als einer der Jungstars der damaligen Zeit. Auch Green spielt sehr gut und scheint wie die übrigen Darsteller von Sheen über Thornton-Smith zu Ryder eigentlich punktgenau besetzt worden zu sein. Dies ist ein weiteres Merkmal dafür, dass Lucas zu jenen 80er-Komödien zählt, die sich wie ein Klassentreffen anfühlen, wenn auch in umgekehrter Form. Im Vorwissen, wer diese Schauspieler sind, wirken ihre jugendlichen Antlitze sicherlich noch sympathischer, als zur damaligen Zeit. Wenn man auch von Kerri Green und Corey Haim später nicht mehr viel zu sehen bekam und Thornton-Smith lediglich in Melrose Place auftauchte, so macht es nicht weniger Spaß ihnen zuzusehen, wie ihren drei berühmteren Kollegen. Eine hinreizende Winona Ryder sollte hier mit ihrem Spielfilmdebüt ihre Karriere beginnen, die sie im Verlaufe der nächsten Jahre weiterhin (Edward Scissorhands, Heathers) als schulische Außenseiterin geißeln würde. Sheen gelangte im selben Jahr mit Platoon der Durchbruch und Jeremy Piven ist – wenn auch spät – dank Entourage zu seinem verdienten Ruhm gekommen. Schlussendlich ist Lucas einer der vielen hervorragenden Genrevertreter und doch individuell nicht minder beeindruckend.

8/10

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