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10. Dezember 2010

Black Swan

The only person standing in your way is you.

Das Ballettstück „Schwanensee“ von Vladimir Begichev und Vasiliy Geltser erzählt die Geschichte der Schwanenkönigin Odette, einer verzauberten Prinzessin, die nur durch die Liebe von ihrem Fluch befreit werden kann. Das Ganze basiert auf einem Märchen, wie könnte es anders sein, trifft man derartige Versatzstücke (wie das Biest in La Belle et la Bête oder den Grimm’schen Froschkönig) doch durch die Jahrhunderte hindurch. Jene Liebe tritt im „Schwanensee“ in Gestalt von Prinz Siegfried auf, wird jedoch unterminiert, als der für den Fluch verantwortliche Zauberer Rotbart das Treffen von Siegfried und Odette überhört und beginnt, zu intervenieren. Rotbart gibt sich anschließend als Baron aus und erschafft eine Doppelgängerin für Odette namens Odile, der Siegfried daraufhin verfällt.

Das von Tschaikowski komponierte Ballettstück von 1875/1876 ist eines der bekanntesten seines Faches, die Figur der Schwanenkönigin aufgrund ihrer unterschiedlichen Choreographien für Odette und Odile zudem eine der anspruchsvollsten und anstrengendsten Rollen des klassischen Balletts. Eine aufreibende Welt also, in der sich die Darsteller zu Unterhaltungs- und Kunstzwecken körperlich verausgaben, was das Publikum jedoch nicht immer angemessen schätzt. Nicht unähnlich dem Wrestling, das als Schaukampf gilt, das jedoch der Authentizität wegen viele seiner Vertreter an die physische Belastungsgrenze treibt. Regisseur Darren Aronofsky widmete sich beiden Welten und liefert nun mit Black Swan einen Gegenentwurf zu seinem letztjährigen The Wrestler ab.

Im Mittelpunkt von Black Swan steht die junge Balletttänzerin Nina (Natalie Portman) - eine unsichere und zerbrechliche Perfektionistin, die von ihrer Mutter und Ex-Ballerina Erica (Barbara Hershey) dazu auserkoren wird, die Karriere zu haben, die Erica aufgrund ihrer Schwangerschaft einst versagt geblieben ist. Beide Frauen leben in einer kontrollierten Welt, abhängig von einander, die Mutter von der Tochter, die Tochter von der Mutter. Als in Ninas Ballettkompanie die Primaballerina Beth Macintyre (Winona Ryder) vom Chefchoreographen Thomas (Vincent Cassel) in die berufliche Wüste geschickt wird, setzt Nina alles daran, die Hauptrolle in Thomas’ Neuinszenierung von „Schwanensee“ zu erlangen. Ihre Versagensängste und Paranoia wiederum sorgen bald für eine mise en abyme.

Zwar tanzt das ewige Mädchen Nina den weißen Schwan perfekt, mit ihrer verführerischen Doppelgängerin Odile hat die psychisch angeknackste Bulimikerin jedoch Probleme. Da hilft es schon gar nicht, dass mit Lily (Mila Kunis) eine vor Extrovertiertheit und Sexappeal sprießende neue Tänzerin zum Ballett stößt. Mit fortschreitender Dauer steigt einerseits Ninas Stellung innerhalb der Kompanie, andererseits aber auch ihre Unsicherheit. In einer Szene dehnen und strecken sich alle Ballerinas, während Thomas durch ihre Reihen schreitet und einige von ihnen antippt - nur Nina nicht. Deren Anspannung springt fast von der Leinwand, ihre anschließende Erleichterung, als sie erfährt, dass diejenigen Vortanzen dürfen, die nicht angetippt wurden, bleibt dagegen nahezu unmerklich.

Ninas Verunsicherung hat Auswirkungen auf ihre Psyche. Sie fühlt sich verfolgt, zum einen von Lily und zum anderen weitaus prominenter von sich selbst. Die Folge: ein Ausschlag auf dem rechten Schulterblatt, Verletzungen am Nagelbett, Gewichtsverlust. Es sei ihr Moment, ihre Chance, flüstert Thomas seiner neuen Primaballerina in einer Szene ins Ohr. In einer anderen weist er sie an, ein wenig zu leben (“Live a little”). Ein Rat, den ihr später auch Lily gibt, aber den Nina nicht befolgen kann. Als Thomas ihr aufgibt, zur Entspannung zu masturbieren, scheitert das Unterfangen an dem plötzlichen Auftauchen von Erica. In dem für die Mutter gelebten Leben von Nina ist für eigene Erfahrungen kein Platz. Was letztlich bei beiden Frauen zu irreparablen Schäden an der Psyche führt.

War „Schwanensee“ ein stets neu interpretierbares Ballett, ist es dies auch bei Aronofsky. So spielt Siegfried in Black Swan gar keine Rolle, vielmehr fragt sich der Film, was wäre, wenn nicht der Prinz von Odile getäuscht würde, sondern Odette. Dementsprechend verschwimmen für Nina verstärkt ihre Wahrnehmungen von Lily und sich selbst, beziehungsweise ihrer eigenen, verführerischen Doppelgängerin - ihrem schwarzen Schwan. Was wahr ist und was nur eingebildet, darunter auch die im Vorfeld viel kolportierte Sexszene zwischen den beiden Darstellerinnen, verwischt dabei vielleicht für die Hauptfigur, nicht jedoch für das Publikum. Denn obschon sich Aronofskys fünfter Film als Psychodrama und/oder Balletthorror anbiedert, vermag er selten wirklich Spannung aufzubauen.

Damit das Filmgeschehen den Zuschauer fesselt, fehlt der Geschichte der Zugang zu ihren Figuren. So bleibt Lily durchweg eine Schimäre, die sie allerdings nicht ist, schwankt Thomas zwischen berechnendem Arsch und kaltherzigem Perfektionisten oder ist Beth im Grunde total verschenkt. Ein Verständnis für die Charaktere geht Black Swan gänzlich ab, was ihn wohl am meisten von The Wrestler, seinem Bruder im Geiste, unterscheidet. Hier wie da folgt die Kamera gerne der Hauptfigur im Rücken, schenkt ihr Hoffnung, nur um sie kurz darauf wieder ins Straucheln kommen zu lassen. Scheiterte Randy the Ram an der Vergänglichkeit seines Ruhmes (so gesehen ist ihm Beth hier noch am ähnlichsten), droht Nina an der von ihrer Mutter aufgelasteten Erwartungshaltung zu zerbrechen.

Nagte im Vorgänger sein Beruf an Randys Physis, zerfrisst ihre Chance hier an Ninas Psyche. Dieser vermeintliche Identitätsverlust als mise en abyme ist zwar über weite Strecken interessant, wenn Nina und Lily als charakterliche Gegenentwürfe zueinander - und was Nina angeht auch füreinander - entworfen werden. Doch Aronofsky verliert sich nach dem zweiten Akt zu sehr in der Aufeinanderfolge dieses Psychospieles sowie in seiner Intensität. Denn diese drückt sich primär durch den Einsatz von CGI-Spielereien aus, die nicht nur unnötig, sondern auch störend ausfallen. Von der geerdeten Etablierung der Handlung zu Beginn bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, wenn Black Swan im dritten Akt die Transformation vom Psychodrama zum Balletthorror unternimmt.

Über allem erhaben ist dabei jedoch das Ensemble. Wie die Schwanenkönigin für die Primaballerina eine anspruchsvolle und anstrengende Rolle ist, verkommt sie auch für Natalie Portman zu einer solchen. Stärker als in Black Swan sah man sie wohl selten, weshalb sie beste Chancen haben sollte, im Februar ihre zweite Oscarnominierung zu erhalten. Spielen Mila Kunis und Vincent Cassel - Letzterer mit den besten Dialogzeilen ausgestattet - zwar überzeugend, aber weitestgehend unauffällig, vermag neben Portman noch Barbara Hershey besonders hervorzustechen. Hin- und hergerissen zwischen fürsorglicher Mutter und labilem Kontrollfreak, hinterlässt die 62-Jährige einen bleibenden Eindruck, der ebenfalls von der Academy gewürdigt werden könnte.

Dieses Jahr erhielt Black Swan stürmenden Beifall beim 67. Filmfestival in Venedig, jenem Ort, an dem vor vier Jahren noch Darren Aronofskys Meisterwerk The Fountain ausgebuht wurde. Ein Erlebnis, das beim New Yorker hängen geblieben und Wunden gerissen zu haben scheint. Von visuellen Spielereien verabschiedete er sich daraufhin in The Wrestler, der erstaunlich straight und konsequent daherkam. Zwar blieb damals die Anerkennung der Academy aus, für seinen allseits gelobten jüngsten Film könnte sie nun jedoch ins Haus stehen. Dass sich der 41-jährige Amerikaner seit The Wrestler weiterentwickelt hat, lässt sich dagegen nicht sagen, sind sich beide Filme doch zu ähnlich (Thrillerelemente ersetzen Charaktertiefe), um einen wirklichen Fortschritt erkennbar zu machen.

So ähneln sich Darren Aronofsky und die Schwanenkönigin vielleicht mehr als sie glauben, wenn die von den Kritikern zuletzt verehrten The Wrestler und Black Swan mit der verführerischen Doppelgängerin gleichgesetzt werden, die Aronofskys künstlerisch wertvolle, ambitionierte und oftmals unterschätzte Vorgänger in Vergessenheit geraten lassen. Doch die wahre Schönheit liegt unter der von außen bisweilen als hässlich erachteten Form, sodass es Aronofsky seinem Märchenvorreiter Prinz Siegfried gleich tun sollte, indem er der Verführung widersteht (für 2014 inszeniert er eine Bibel-Adaption um Noah) und zurück zu seiner ewigen und wahren Liebe kehrt. Einen entscheidenden Hinweis hat er sich dabei in Black Swan bereits selbst gegeben: The only person standing in your way is you.

6.5/10

20. Juli 2010

Heathers

Dear diary, my teen-angst bullshit has a body count.

Nach Erscheinen von Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther 1774 animierte die schwermütige Sturm-und-Drang-Erzählung etliche junge Menschen, es ihrem literarischen Vorbild gleichzutun, und den Freitod zu wählen. Es war die hoffnungslose Liebe, die den grüblerischen Werther in den Selbstmord stürzte. Aufgrund jenes Werther-Effektes wurde Goethes Werk schließlich auch kritisch betrachtet. Suizid geschieht folglich oft aus Verzweiflung heraus, sei es in Liebesfragen oder wie in den USA bei MySpace-„Josh“ oder in Japan hinsichtlich „Ijime“ aus Mobbing-Gründen. Die Schule kann ein hartes Pflaster sein, primär natürlich für die so genannten „Schwächeren“: Nerds, Geeks, Übergewichtige - Außenseiter eben. Sie tauchen in jedem High-School-Film auf, meist als die Gewinner am Ende, beispielsweise in 10 Things I Hate About You oder Sixteen Candles. Die Unterdrücker, meist jocks und cheerleader, erhalten hier ihre Schrankenweisung. In Michael Lehmanns Debütfilm Heathers fällt diese weitaus gravierender und endgültiger aus - und resultierte in einem Kultfilm.

Der Film erzählt vom traditionellen Klassensystem der amerikanischen High School. Hier die Schönen und Reichen, dort die begehrten Football-Spieler und irgendwo abseits dann der nerdige Geek-„Abschaum“. Inmitten dieses Szenarios wird nun Veronica (Winona Ryder) platziert, eine rehäugige, schwarzhaarige Schönheit, lustvolles Sexobjekt der Footballer, lose befreundet mit manchem „Sozialabschaum“ und Mitglied der populären Mädchenclique „Heathers“. Eine Pluralisierung des Vornamens dreier Schülerinnen, die wie ein Wolfsrudel hierarchisch aufgebaut, der restlichen Schülerschaft dabei zugleich Dorn im Auge und bewundernswertes Vorbild sind. Einen Wandel erfährt dieses System erst, als der neue Schüler Jason „J.D.“ Dean (Christian Slater) an die Schule kommt und Veronicas Aufmerksamkeit erregt. Eine Auseinandersetzung nach einer missglückten College-Party führt zur Entzweiung von Veronica und „Heathers“-Anführerin Heather Chandler (Kim Walker). Mit fatalen Folgen für die gesamte Schule.

Eine spontane Scherzaktion wird durch J.D.’s Intervention zum Mord. Spätestens hier verdeutlicht sich Veronicas Status als Mitschwimmerin der „Heathers“. Auf J.D.’s erste Frage, ob sie eine „Heather“ sei, hatte sie noch bestimmt geantwortet: „No, I’m a Veronica“. Charakteristisch auch ihre spätere Entgegnung, als sie nach Heather Chandlers Tod schockiert realisiert „I just killed my best friend“. J.D.’s Anmerkung „And your worst enemy“ entgegnet sie mit demaskierender Knappheit: „Same difference“. Freund und Feind liegen auf der High School nah beieinander, im Kampf um Gunst und Anerkennung der Mitschüler. Exemplarisch vorgeführt an Heather Duke (Shannen Doherty), Gamma-Mädchen der einstigen Clique, dass den neu entstandenen Raum zuerst freizügig nutzt, um diesen später - auf Veranlassung von J.D. - vollends als neue Rudelführerin auszufüllen. Letztlich fügt sie sich damit ins System oder dem System, wenn man so will. Denn das Zweiklassensystem scheint gerade den Amerikanern Tradition zu sein, betrachtet man Genrefilme von The Last Picture Show über Dazed and Confused bis hin zu Superbad.

Bezeichnend an Heathers ist, dass sich der Film keiner der zwei Klassen besonders widmet. Heather Duke schlüpft in ihre neue Rolle, weil der Platz gefüllt werden muss. Einen Einblick in ihr Innenleben erfährt der Zuschauer ebenso wenig, wie bei ihrer Namensvetterin Heather McNamara (Lisanne Falk), obwohl diese sogar eine eigene Radio-Szene mit Kummerkastenfunktion erhält. Die „Opfer“ spielen in Lehmanns Film also die zweite Geige. Die eigentlich Opfer, Geeks, Nerds und Außenseiter, allerdings auch. Gelegentlich räumt der Film ihnen Raum ein, wenn Betty (Reneé Estevez), Veronicas Jugendfreundin, wieder diese alte Freundschaft ausleben darf, oder wenn Martha „Dumbtruck“ (Carrie Lynn) angesichts der überbordenden Beliebtheit nach den Suiziden der Anderen ebenfalls dem Werther-Effekt verfällt - und zynischer Weise auch hier versagt. Stattdessen steht mit Veronica die eigentliche Identifikationsfigur im Zentrum, ein Kind zweier Welten, wenn man so will und letztlich der personifizierte repräsentative Querschnitt.

Die Welt, in die Lehmann sie schickt, ist bevölkert von eindimensionalen Klischeebildern - dem Spiegelbild der Gesellschaft, wie J.D. sie am Ende des Filmes nennt („not because society didn't care, but because the school was society“). Personalisierungen sind unerwünscht, wenn sie auftauchen, werden sie bei Seite geschoben. Die trauernde kleine Schwester bei der Beerdigung darf einen kurzen, kummervollen Blick in die Kamera werfen, Heather McNamara rasch ihre Selbstzweifel einem US-Domian beichten und die jocks sich einen Moment zu reif fühlen, um Nerds zu verdreschen. Auf diese Weise erspart sich Lehmann, dass das Publikum mit ihnen sympathisiert im Angesicht ihres Todes. Über Heather Chandler erfährt der Zuschauer im Grunde nichts. Ihre persönlichste Szene ist das angewiderte Anspucken ihres eigenen Spiegelbildes nach dem Blowjob für einen College-Studenten. Wie alle anderen füllt sie eine Rolle aus, tut das, was von ihr erwartet wird. Sie folgt den Systemanforderungen, die ein Abweichen als Fehlfunktion identifizieren.

Die Morde an Heather Chandler, Kurt und Ram, die versuchten Suizide von Martha und Heather McNamara - sie berühren den Zuschauer nicht, weil sie ihn nicht berühren sollen. Heathers ist bevölkert von Figuren, die sich um nichts anderes kümmern, als um sich selbst. Die Elternfiguren von Veronica und J.D. nehmen nur oberflächlich am Leben ihrer Kinder teil. Aspekte wie der Suizid von J.D.’s Mutter oder Heather Dukes Bulimie werden angerissen, aber nicht weiterverfolgt. Was klingt, wie Kritik, soll keine sein. Lehmann reißt die Figuren gerade soweit an, dass sie so authentisch wirken, wie sie es für einen Genrefilm tun müssen. Aber er lässt sie zugleich soweit im Dunkeln, dass sie nicht drohen, die Intention seiner Geschichte zu gefährden. Heathers ist ein Film über „Heathers“, also Rollenbilder innerhalb einer Matrix, in dem Veronica zur Einäugigen unter den Blinden verkommt. Peu a peu durchbricht sie diese Matrix, zuerst durch ihre Liaison mit J.D., dann mit ihren freundschaftlichen Annäherungen an Betty und Martha.

Allerdings wandelt Heathers bisweilen durchaus auch auf kritischen Pfaden, z.B. wenn Heather Chandler gegen Ende einer schuldbewussten Veronica erscheint und dies die sich ankündigende Klimax unnötig in die Länge zieht. Zudem hätte es sich Daniel Walters vielleicht überlegen können, in seinem Drehbuch ganz auf die Elternintegration, abgesehen von Rams Vater, zu verzichten. Auch wenn gerade Veronicas Mutter durchaus eine sehr treffende und gelungene Dialogzeile („When teenagers complain that they want to be treated like human beings, it's usually because they are being treated like human beings.“) erhält. Grundsätzlich ist Lehmanns Debüt jedoch zu recht „Kult“, der von seinem schwarzen Humor und seinen beiden gut aufgelegten Jungdarstellern Ryder und Slater lebt. Am Ende des Filmes ist die Elite (Heather Duke) noch die Elite, die jocks sind die jocks und den Ausgestoßenen wie Martha wird kein Happy End beschert. Am Ende hat lediglich Veronica die Matrix durchschaut und sie durchbrochen. Und mit ihr hoffentlich auch der ein oder andere Zuschauer. In diesem Sinne: Lick. It. Up.

8.5/10

13. August 2009

Lucas

Hey, I'm a party animal.

Im Idealfall ist ein Klassentreffen ein Wiedersehen alter Schulkameraden und Freunde. Somit als positives Ereignis zu sehen und von vielen Menschen auch so empfunden. Mit US-komödien aus den achtziger Jahren verhielt es sich in gewissem Sinne ähnlich. Auch sie stellen ein Wiedersehen mit alten Gesichtern dar. So blödelte sich einst ein John Cusack durch Better Off Dead... und The Sure Thing, während Oscarpreisträger wie Sean Penn und Forest Whitaker in Fast Times at Ridgemont High ihre Ursprünge feierten. Die High School Komödie ist ein festetabliertes Genre in Hollywood und dient naturgemäß zuvorderst den Jungdarstellern als Sprungbrett ihrer Karriere. Doch an den Charme und Esprit der 80er-Komödien kamen schon die Kollegen ein Jahrzehnt später nicht mehr heran, sieht man von Versuchen wie She's All That oder 10 Things I Hate About You ab. Ohnehin geht der Komödientrend - wachsend mit seinem Klientel - immer mehr in die Richtung Vulgär-Humorismus, was sich neben den American Pie-Filmen auch an der momentanen avent garde rund um Seth Rogen und Judd Apatow zeigt.

Nun soll dies nicht heißen, dass die Werke von Hughes und Heckerling prüde und frei von jeglicher Sexualität gewesen sind, doch wurden ihre Filme nicht von Anal-, Oral- oder sonstigen Sexvariationen dominiert. Stattdessen wohnten vielen Filmen, selbst – oder gerade – den scheinbar expliziteren, eine liebenswerte Naivität inne. Dass sich jene Werke in der heutigen Kinolandschaft durchsetzen könnten, ist zu Bezweifeln, sieht man sich den Erfolg heutiger Genrekollegen an. Teilweise gilt hier das Motto von Hit & Miss, indem eine Vielzahl von Gags losgefeuert wird und auf eine möglichst hohe Trefferquote gehofft wird. Wirkliche coming-of-age-Geschichten erlebt der Zuschauer hier nur noch selten und dagegen in den 80er-Komödien nahezu unentwegt. Doch Leben heißt Weiterentwickeln und somit ist der Wandel des Komödiengenres im Nachhinein nachvollziehbar. Wer will sich schon nach zwei Jahrzehnten noch im selben Entwicklungsstand wiederfinden? Auch wenn die Kinolandschaft hier charakterlich (ruhig, naiv – wild, vulgär) im Vergleich zur natürlichen Entwicklung ironischerweise eher ins Gegenteil verkehrt wird.

Das Grundschema steht allerdings und dies auch schon mehr als zwei Jahrzehnte. Es ist ein amerikanisches Phänomen, diese High School Landschaft. Die Cliquenwirtschaft, vertreten durch ihre drei prominentesten Lager: den Nerds, dem Football-Team und den Cheerleadern. Sie finden sich im Grunde in allen High School Komödien in den zentralen Positionen wieder und werden bisweilen – bestes Beispiel ist Hughes’ The Breakfast Club – noch von generellen Außenseitern ergänzt. Es ist daher nur logisch, dass auch David Seltzers Lucas hier keine Ausnahme bildet. Der Protagonist und Held muss natürlich der Nerd sein. Eine unterdrückte Figur, die im Verlaufe des Filmes Raum zum Wachstum hat. In diesem Falle ist es Lucas (Corey Haim), ein hochintelligenter 14-jähriger Hobby-Entomologe. Als dieser in den Sommerferien die hinzugezogene 16-jährige Maggie (Kerri Green) kennenlernt, ist es ziemlich schnell um ihn geschehen. Vielleicht zuerst etwas notgedrungen freundet sich Maggie schließlich mit Lucas an und entdeckt alsbald seinen überaus sympathischen Charakter. Doch Sommer ist Sommer und speziell unter den Gesetzen der Schule gehen Jugendliche schnell wieder ihre eigenen Wege. Und schon der erste Schultag verläuft in Lucas’ Augen schon mal gar nicht so, wie er sich das vorgestellt hat.

Die innerschulischen Streitigkeiten oder das Nerd-Dasein beschäftigen Seltzer nun nicht sonderlich. Stattdessen fokussiert er sich auf die pubertären Gefühle seiner Protagonisten. Am deutlichsten wird dies in einer sehr gelungen Chorszene, in welcher Seltzer zuerst der jungen Rina (Winona Ryder) folgt, die Lucas beobachtet, während dessen Augen auf Maggie liegen, die wiederum den Football-Schönling Cappie (Charlie Sheen) anhimmelt – was allerdings von dessen Freundin Alise (Courtney Thorne-Smith) eifersüchtig beobachtet wird. Eine Einstellung, die im Grunde den ganzen Film zusammenfasst. Lucas beschäftigt sich mit amourösen Gefühlen, die zum einen nicht bemerkt und zum anderen nicht erwidert werden. Abgesehen von Maggie und Cappie, doch es ist deren Romanze, die die Emotionen aller anderen Figuren spaltet. Während Maggie allerdings zumindest zu ahnen scheint, dass Lucas mehr als nur freundschaftliche Gefühle für sie zu hegen scheint (allein das Konzertbesuch zu Beginn verrät ihn bereits), muss sich Rina gegenüber Lucas wie Luft fühlen. Mehrfach versetzt er sie, stets zu Gunsten eines Treffens mit Maggie.

Letztlich gibt Seltzers Film viele bekannte Begebenheiten der Schulphase wieder. Von den verschiedenen Schwärmereien, bis hin zu den Entwicklungen. Relativ behutsam wird hier die Romanze zwischen Maggie und Cappie aufgebaut, die trotz ihrer leichten Heuchelei im Grunde doch unschuldig ist. Zudem wird das klassische Motiv präsentiert, dass der Protagonist vor lauter Eifersucht nicht das richtige Mädchen vor seinen Augen sieht. Von besonderem Interesse ist hierbei ein Dialog, den Lucas und Rina in der Mitte des Filmes führen. „Can you imagine that? Turning from something ugly into something beautiful?“ fragt Lucas Rina und spielt damit bewusst auf sich selbst und seine Beziehung zu Maggie an. Aber auch indirekt und unwissentlich auf Rina und ihr Konkurrenz-Dasein gegenüber Greens Figur. Interessant ist weniger Lucas’ Frage, als Rinas Antwort. „No. Frankly I can’t“ drückt ihr fehlendes Selbstbewusstsein aus und ihre Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit hinsichtlich ihrer Bemühungen um Lucas. Im Vergleich zur ersten Hälfte, wo sie ihn zwei Mal fragt, ob er etwas unternehmen will, scheint sie zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert zu haben, denn eine weitere Einladung folgt nicht im restlichen Verlauf des Filmes.

Im Vergleich zu seinen Genrekollegen bemüht sich Seltzer ein sehr realitätsnahes Bild seiner Geschichte wiederzugeben. Beispielhaft an der klimatischen Football-Szene, in der Lucas wider Erwarten zum Einsatz kommt und einen – zumindest für die Prämisse – entscheidenden Pass zugespielt bekommt. Lucas, ohne Sporterfahrung, kann den Football nicht fangen und wird im Zuge der Szene von mehren Spielern getackled, was ihn anschließend ins Krankenhaus bringt. Seltzer schenkt seinem Nerd nicht den Ruhm und auch nicht das Mädchen und doch endet der Film auf einer positiven Note. Es ist Lucas’ besonderes Charaktermerkmal, dass er stets freundlich und offen ist und sich auch nicht scheut, seinen Unterdrückern eine zweite Chance zu geben. Nur diesem Verhalten war es zu verdanken, dass sich Cappie selbst wandelte, vom Rumschubser zum Beschützer. Am Ende des Filmes ist es Lucas, der eine zweite Chance erhält und zugleich sind es alle anderen Figuren, die ebenfalls eine neue Chance erhalten. So versieht Lucas letztlich weniger Lucas mit einer Katharsis, als alle seine Mitschüler, die sich über ihn lustig gemacht haben. Jenes kathartische Moment bildet das Finale des Filmes, der dem Jungen nicht einmal eine potentielle Romanze mit Rina in Aussicht stellen will (obschon seine Realisierung ihrer Präsenz Raum für Implizierungen lässt).

Dennoch hapert es Seltzer etwas an Überzeugungskraft im Wendepunkt. Nachdem Lucas erneut erniedrigt wird – Seltzer spart aus, wieso sich Spike (Jeremy Piven) einerseits freundlich gegenüber Lucas zeigt (auch wenn dies stets in Cappies Gegenwart ist) und anderseits mit Bruno diesen quält -, kulminieren die Gefühle. Plötzlich nimmt Maggie ihren Freund wieder wahr, dieser versteckt sich und wird anschließend von ihr gefunden. Zum einen spart der Film Maggies Kenntnis über Lucas’ Versteck aus, zum anderen ist der Wechsel jenes Dialogs (Lucas versucht sich an einer Annäherung, wird aber abgewiesen und bricht scheinbar mit Maggie) hinüber zur klimatischen Football-Szene recht hart. Wieso Lucas glaubt, sich durch Beteiligung am Spiel doch noch Chancen bei Maggie auszurechnen, nachdem sie ihm diese im Streit zuvor abgesprochen hat, wird nicht deutlich. Gegebenenfalls wollte sich der Nerd auch nur vor versammelter Schule beweisen. Seltzer wird an dieser Stelle nicht genauer und offenbart hier einen etwas unstimmigen Schwachpunkt.

Grundsätzlich weiß Lucas aber dennoch zu überzeugen und wie angesprochen speziell durch seinen Bruch mit dem Klischee im Finale zu gefallen. Was den Film des Weiteren auszeichnet, ist seine überaus ansprechende Besetzung. Neben einigen Darstellern des Brat Pack zählte Corey Haim sicherlich zu den Stars des achtziger Jahre Jugendkinos. Haim gibt Lucas im Grunde durchweg sehr sympathisch und glaubwürdig und untermauert seinen Standpunkt als einer der Jungstars der damaligen Zeit. Auch Green spielt sehr gut und scheint wie die übrigen Darsteller von Sheen über Thornton-Smith zu Ryder eigentlich punktgenau besetzt worden zu sein. Dies ist ein weiteres Merkmal dafür, dass Lucas zu jenen 80er-Komödien zählt, die sich wie ein Klassentreffen anfühlen, wenn auch in umgekehrter Form. Im Vorwissen, wer diese Schauspieler sind, wirken ihre jugendlichen Antlitze sicherlich noch sympathischer, als zur damaligen Zeit. Wenn man auch von Kerri Green und Corey Haim später nicht mehr viel zu sehen bekam und Thornton-Smith lediglich in Melrose Place auftauchte, so macht es nicht weniger Spaß ihnen zuzusehen, wie ihren drei berühmteren Kollegen. Eine hinreizende Winona Ryder sollte hier mit ihrem Spielfilmdebüt ihre Karriere beginnen, die sie im Verlaufe der nächsten Jahre weiterhin (Edward Scissorhands, Heathers) als schulische Außenseiterin geißeln würde. Sheen gelangte im selben Jahr mit Platoon der Durchbruch und Jeremy Piven ist – wenn auch spät – dank Entourage zu seinem verdienten Ruhm gekommen. Schlussendlich ist Lucas einer der vielen hervorragenden Genrevertreter und doch individuell nicht minder beeindruckend.

8/10

6. Mai 2009

Star Trek

Space is disease and danger wrapped in darkness and silence.

Anfang der 1960er Jahre proklamierte John F. Kennedy die bemannte Raumfahrt innerhalb des nächsten Jahrzehnts. 1966 hieß es dann schon in Gene Roddenberrys Science Fiction Serie Star Trek, dass der Weltraum unendliche Weiten beherberge. Die deutsche Übersetzung unterschlägt dabei etwas jenes entdeckerischen Charakters der englischen Formulierung “final frontier”. Drei Staffeln lang tobten sich Captain Kirk und Co. im Weltall aus, ehe es zehn Jahre dauern würde, bevor die zum Kulturgut gewordene Serie ihren Weg auf die Kinoleinwänden finden sollte. Während man Star Trek: The Motion Picture immer etwas mit gemischten Gefühlen begegnet, gilt sein direkter Nachfolger The Wrath of Khan als Höhepunkt der Kinoreihe.

Vor 13 Jahren übernahm in First Contact die nächste Generation um Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) in ihrem ersten Solo-Abenteuer den Staffelstab, nur um nach zwei weiteren Abenteuern mit Nemesis ziemlich unrühmlich das Zeitliche zu segnen. Nun, sieben Jahre später, versucht Paramount einen Neustart. Und wo startet es sich besser, als am Anfang? An Bord holte sich das Studio das Dream Team um J.J. Abrams und Damon Lindelof. Abrams, für den Star Trek erst die zweite Regiearbeit ist, setzte sein Abenteuer rund um das Raumschiff Enterprise bei den Ursprüngen der Charaktere der Originalserie an. Und dies buchstäblich, beginnen Lindelof und Abrams den Film doch mit der Geburt ebenjenes Mannes, der zur Legende werden sollte.

Eingeleitet wird Star Trek mit der Ankunft von Pro- und Antagonist. Das Publikum wird Zeuge von der Bösartigkeit des Romulaners Nero (Eric Bana), als Captain George Kirk in seinem zwölfminütigen Kommando der U.S.S. Kelvin sein Leben für das von 800 Überlebenden opfert. Unter ihnen auch sein während der Flucht geborener Sohn, James Tiberius. Abrams gibt bereits mit dieser Einführung das neue Motto der nächsten Generation vor, indem er sich auf das bezieht, was er wohl am besten beherrscht. Die actionreiche Schlacht ist auch der Beginn einer Interpretation der Reihe, die offensichtlich neue Wege beschreiten will. So verkommen die Romulaner zu einem Volk tätowierter Glatzen mit ziemlich cholerischem Gemüt.

Nicht die einzige Neuerung, die die Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman (zuvor verantwortlich für Transformers) für das neueste Abenteuer parat halten. Obschon Abrams jedem Crew-Mitglied im Filmverlauf (oder hauptsächlich in der ersten Hälfte) entsprechend seine Aufmerksamkeit widmet, gibt der Beginn klar die später einschlagende Richtung vor. Einblicke in die Jugendjahre von Kirk und Spock offenbaren den beiden Männern innewohnenden rebellischen Geist. Während der Halbwaise Kirk zu Klängen der Beastie Boys in einem Oldtimer-Wagen seines Stiefvaters durch die Wüste brettert, wird der junge Spock wegen seiner menschlichen Mutter in seiner vulkanischen Schule von den anderen Mitschülern drangsaliert.

Das Mobbing gegenüber Spock wird sich auch später durch den vulkanischen Rat zeigen, womit die Entscheidung des Sohnes von Sarek (Ben Cross), sich in die Raumfahrtakademie der Föderation einzuschreiben, begründet wird. Den Jugendjahren der übrigen Crewmitglieder wird sich nicht näher gewidmet. In wenigen Minuten wird anschließend in aller Kürze Kirks (Chris Pine) Entscheidung, ebenfalls der Akademie beizutreten, erläutert, ehe Abrams direkt an das Ende der Ausbildung springt. Ein stärkerer Fokus auf jene Zeit hätte dem Film sicherlich gut getan. So beschränken sich die Macher darauf, als Überleitung der Charaktereinführung und des eigentlichen Abenteuers lediglich Kirks Erfolg im Kobayashi-Maru-Test anzuführen.

Damit sind die Formalien abgehandelt und Star Trek begibt sich schließlich auf die nächste Stufe. Hinsichtlich Kirks Vita scheinbar eine nichtkanonische, wobei sich generell die Frage stellt, inwieweit Abrams Film sich durch Neros Zeitreise überhaupt in den ursprünglichen Kanon eingliedern lässt oder einen neuen lostritt. Mit etwas Nachhelfen landen dann schließlich fast alle Crew-Mitglieder an Bord der Enterprise, die zu Beginn noch von Captain Pike (Bruce Greenwood) kommandiert wird. Es ist dieser Ausklang der ersten Hälfte, in dem sich Sulu (John Cho), Chekov (Anton Yelchin) und McCoy (Karl Urban) etwas in den Vordergrund spielen dürfen. Dies nimmt später bedauerlicherweise gerade bei diesen drei Figuren aber enorm ab.

Derweil fungiert Uhura (Zoë Saldana) vornehmlich als Spocks Liebesaffäre, wobei das Rumgeknutsche der Zwei teils etwas befremdlich wirkt. Von dem emotionslosen Spock (Zachary Quinto) von einst bleibt ohnehin nicht viel übrig beziehungsweise betont der Vulkanier erstaunlich oft seine Beziehung zur Erde und ihrer Bevölkerung. Desto überraschender, dass Abrams Spock und Kirk als zwei Männer präsentiert, die sich auf Anhieb nicht leiden können und auch im Verlaufe der Geschichte mehrfach – teils rabiat – aneinander geraten. Somit wird deutlich, dass sich die Freundschaft der beiden erst noch entwickeln muss, was sich vermutlich auch dadurch erklärt, dass Orci und Kurtzman mit Star Trek ohnehin eine alternative Realität inszenieren.

Betrachtet man die Handlung des Filmes könnte dies ein gelungener, weil viel Freiheit offerierender, Schachzug gewesen sein. Allerdings nur, wenn man in der Fortsetzung, die für 2011 geplant ist, nicht direkt auf die Ereignisse im Vorgänger eingehen wird. Denn wie immer mit Filmen, die Zeitreisen zum Inhalt haben, leidet die Handlung unter jenem Paradoxon. In diesem Falle unter Neros Rachefeldzug gegen die Föderation. Seine Ursache findet dies in der nicht verhinderten Zerstörung seines Heimatplaneten Romulus. Neros Plan sieht vor, die betreffenden Schuldigen, sprich alle Planeten der Föderation, dasselbe Schicksal erleiden zu lassen. Hier begründet sich der Status des Films, letztlich nicht mehr als ein bloßes Theorem zu sein.

Unwahrscheinlich, dass die Romulaner in Kenntnis ihrer Zerstörung dies zulassen würden. Sieht man von den Widersprüchen dieser Prämisse einmal ab, verirrt sich Abrams Film auch abseits des Geschehens in einige offene Fragen. So dient beispielsweise der Bohrer von Neros Schiff Narada einzig und allein einer zusätzlichen Actionszene um Kirk und Sulu. Schließlich könnte Nero seine Zerstörung des betreffenden Planeten auch ohne dieses Werkzeug vollziehen. Allerdings bliebe der Enterprise anschließend nicht mehr die Möglichkeit, diese Tat zu verhindern. Und inwiefern es möglich ist, sich auf ein mit Warp-Geschwindigkeit fliegendes Raumschiff zu beamen, will einem bei Sichtung des Filmes auch nicht unbedingt klar werden.

Im Vergleich zu früheren Filmen wie The Voyage Home, The Undiscovered Country oder Insurrection verzichtet das Reboot auf eine Symbiose aus Politik und Philosophie. Stattdessen rückt 90 Minuten lang die Action in den Vordergrund, was Star Trek zu einer wilden Achterbahnfahrt macht, die nur kurz Luft zum Atmen schnappen lässt. Damit folgt Abrams im Grunde der Richtung der TNG-Beiträge, die sich eher durch ihre Action und Spannung auszeichneten. Von den Filmen der Original-Crew hingegen wird mal mehr, mal weniger plakativ der Humor übernommen. Dem Vorhaben, zu erläutern, was die Crew-Mitglieder bewegte, den Weg einzuschlagen, den sie eingeschlagen haben, wird die Geschichte jedoch nicht gerecht.

Außer über Spock und Kirk erhält das Publikum keine Motivation, und selbst bei ihnen wirken ihre Beweggründe im Nachhinein relativ banal und profan. Von Nero gar nicht erst zu sprechen. Der Bösewicht bleibt die meiste Zeit des Filmes über relativ blass und erhält keine sonderliche Tiefe. Nicht einmal in seinem zentralen Monolog gegenüber Pike in der Mitte des Filmes. Damit ordnet sich Banas Figur eher in die Reihen eines Shinzon oder Ru'afo ein und vermag nie das Charisma von Khan oder jenes ersten, von Mark Lenard in Balance of Terror gespielten, romulanischen Kommandanten zu erreichen. Und da die Enterprise ohnehin nicht sonderlich im Mittelpunkt steht, steht und fällt Star Trek letztlich mit seinem Schauspielerensemble.

Dieses vermag durchaus zu überzeugen, selbst wenn einige Darsteller nicht über den Status der Nebenrolle hinauskommen. Besonders Urban und Yelchin geraten sympathisch, während Cho nach seiner Actionszene im Hintergrund verschwindet. Saldana gibt eine sexy Interpretation von Uhura, deren Kompetenz nicht zurücksteckt. Entgegen erster Zweifel überzeugen auch Pine und Quinto in den zentralen Hauptrollen, selbst wenn sie bisweilen ins Overacting abdriften. Eine wirkliche Enttäuschung stellt neben Bana im Grunde nur Pegg dar, der bis auf wenige Ausnahmen die von James Doohan vererbte Rolle des Scotty nie auszufüllen weiß. Ohnehin wirkt seine Einbindung in die Geschichte äußert gezwungen und wenig harmonisch.

Prinzipiell überzeugen die Darsteller aber, gerade Urban adaptiert genüsslich den Sprachjargon von DeForest Kelley. Auch Nimoys Anwesenheit wirkt gelungener als Shatners in Generations und fällt letztlich umfangreicher aus als gedacht. Insgesamt ist Star Trek ein annehmbarer und erfolgreicher Neustart, der vielversprechende Schauspieler einführt und speziell mit Action nicht geizt. Zwar bleibt sich Abrams in seinem Stil treu und verfolgt damit die Linie, die er mit Mission: Impossible III begonnen hat, doch lässt sich hoffen, dass in zukünftigen Abenteuern auch die Handlung stärker in den Fokus rückt. Selbiges gilt für die Nebenfiguren um McCoy und Chekov, die hinsichtlich der Aufmerksamkeit doch etwas zu kurz gekommen sind.

7/10

24. Mai 2007

A Scanner Darkly

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
(A Scanner Darkly, S. 256; Faust I, S. 39)

Romanverfilmungen sind immer so eine Sache, meistens gelingen sie nicht allzu gut, oft gelingen sie gar nicht. Eine der Ausnahmen für mich ist z.B. The Fellowship of the Ring, wo Jackson im Gegensatz zu den Fortsetzungen noch gute Arbeit geleistet hat. Richard Linklater hat sich bei A Scanner Darkly wohl eine der höchsten Meßlatten heraus gesucht, die es gibt: Philip K. Dick. Dick gehört zu meinen Lieblingsautoren und ist ohne Zweifel einer der genialsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Das Problem ist, dass Dick's Romane sehr futuristisch sind und zudem sehr komplexe mindfucks. Dies lässt sich m. E. filmisch nicht umsetzen, bzw. nicht genug umsetzen, um Dick zu entsprechen. Und wenn man es nicht schafft dem Roman zu entsprechen, sollte man ihn auch nicht verfilmen.

Linklater erzählt in seiner bereits in Waking Life verwendeten Technik des Rotoskop-Verfahrens, wo reale Bilder am Computer übermalt werden, die Geschichte des Undercover-Polizisten Bob Arctor (Keanu Reeves), welcher seine Junkie Freunde Donna (Winona Ryder), Luckman (Woody Harrelson) und Charles Freck (Rory Cochrane) ausspionieren soll, während ein weiterer Freund von ihm, Jim Barris (Robert Downey Jr.), ihn bei seinem Chef anschwärzt. Das Rotoskop-Verfahren ist auch gewöhnungsbedürftig, bei Waking Life fand ich es noch ganz passend, in A Scanner Darkly hat es mitunter gestört. Man würde meinen, dass auf diese Weise dargestellte "unreale" Bilder besser zu Dick's Story passen, jedoch verschwimmt die Handlung dadurch viel zu sehr, weswegen es besser gewesen wäre, die geschossenen Bilder nicht auch noch zu übermalen und wenn, dann nur in einzelnen Szenen.

Fehlbesetzt ist der Film dazu auch noch. Rory Cochrane besonders und Woody Harrelson zum Teil betreiben nerviges overacting, während Winona Ryder und Keanu Reeves unmotiviert und gelangweilt wirken, vielleicht sind sie auch einfach nur überfordert. Donna und Arctor sind die beiden komplexesten Figuren in A Scanner Darkly und Linlater wäre gut beraten gewesen, Charakterdarsteller für diese Rollen zu besetzen. Spontan fielen mir für Ryder's Figur Juliette Lewis und Marisa Tomei ein, welche Donna mehr Leben eingehaucht hätten, bei Arctor wären wohl Johnny Depp oder Jim Carrey die bessere Wahl gewesen. Der einzige der in seiner Darstellung überzeugt, ist Robert Downey Jr., welcher der Figur des egozentrischen und paranoiden Barris sehr gerecht wird.

Ein Thema zieht sich durch alle Geschichten von Dick: die fortschreitende Technologisierung. Oft sind auch Drogen ein zentrales Thema seiner Arbeiten, neben A Scanner Darkly insbesonders The Three Stigmata of Palmer Eldritch. Das lässt sich aus Dick's Zeitverständnis herleiten, schrieb er seine Arbeiten während der 60er und 70er Jahre, in der Zeit von Drogenfesten und Kaltem Krieg. Dabei ist A Scanner Darkly sein persönlichstes Werk, trägt es doch semiautobiographische Züge und Dick brach es nach eigener Aussage das Herz, als er das Buch schrieb, beschreibt er darin schließlich seine eigene Kommune, seine eigenen Freunde. Philip K. Dick "war" Bob Arctor und hat selber die meisten seiner Freunde an Drogen verloren.

Das zentrale Thema des Romans verkackt Linklater im wahrsten Sinne des Wortes im Film, nämlich was Drogen bei Menschen angerichtet haben und immer noch anrichten. Wie Fred am Ende nicht mehr zwischen Fred und Bob unterscheiden kann, geht im Film völlig verloren. Dick selber schrieb in einem Nachwort zu A Scanner Darkly: "Drogenmißbrauch ist keine Krankheit, sondern eine Entscheidung, vergleichbar mit der Entscheidung, vor einem heranrasenden Wagen hinaus auf die Fahrbahn zu treten". Diese Botschaft geht im Film verloren, weil Linklater nur die (tragisch) lustigen Szenen des Romans zusammenbastelt, damit der Zuschauer unterhalten wird. Dick's Romane lassen sich einfach nicht gebührend verfilmen, am gelungensten ist da wohl noch Blade Runner. Linklater verhebt sich bei seinem Verusch aber eindeutig und Lee Tamahori's Next, das ebenfalls auf einer von Dick's Kurzgeschichten basiert, ist wie John Woo's Paycheck auch gefloppt. Hollywood sollte endlich lernen, dass man die Finger von Dick zu lassen hat.

5.5/10