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7. November 2007

Scarface

The world is yours.

Man stelle sich einen Film vor, zu dessen Premiere die creme de la creme der Unterhaltungsbranche kommt, bei dessen Premierenvorführung Cher sagt, dass sie den Film liebt, John Irving angewidert den Kinosaal verlässt und Dustin Hoffman einschläft. Würde man meinen, dass dies auf Scarface zutrifft? Brian de Palmas Remake des gleichnamigen Klassikers von 1932 sorgte 1983 für allerlei Furore, nicht nur weil in ihm 207mal das Wort „fuck“ fällt oder 42 Leichen zu bewundern sind, wie Martin Scorsese an der Premiere richtig sagte: die Menschen werden den Film aus denselben Gründen lieben und hassen. Brian de Palma schnitt den Film dreimal um, als die Zensurbehörde ihn nicht unter 18 Jahren freigeben wollte. Am Ende konnten sich Produzent Marty Bregman und de Palma schließlich doch durchsetzen und den Film in der ursprünglichen Fassung veröffentlichen. Dabei wäre de Palma eigentlich gar nicht der Regisseur des Projektes geworden, hätte nicht Sidney Lumet das Projekt zuvor verlassen. Der Grund hierfür lag in dem Drehbuch von Oliver Stone, welches Lumet zu gewalttätig, unpolitisch und over the top fand. Stone selber hat das Drehbuch hauptsächlich deswegen geschrieben gehabt, weil er nach dem Misserfolg seines Filmes The Hand das Geld gut gebrauchen konnte. Selber zu der damaligen Zeit kokainabhängig, besuchte er nicht nur Miami, sondern auch Südamerika für seine Recherchen. Nachdem Lumet abgesprungen war, stieß de Palma wieder zu dem Projekt und schuf einen Kulthit, welcher besonders in der Hip-Hop-Szene etabliert ist.

Im Jahre 1980 sonderte Kubas Diktator Fidel Castro viele Kubaner aus, unter anderem solche mit krimineller Vergangenheit. Die meisten von ihnen wurden in Miami, USA, aufgenommen und dort in Internierungslagern gehalten. Einer dieser Exilkubaner ist Tony Montana (Al Pacino), ein skrupelloser schmächtiger Auftragskiller, der zusammen mit seinem Freund Manny (Steven Bauer) im Lager darauf wartet den amerikanischen Traum in Angriff nehmen zu können. Die Möglichkeit scheint sich zu ergeben, als beide für einen Drogenboss einen Rachemord innerhalb des Lagers verüben sollen. Nachdem dies bewerkstelligt ist, schaffen es Tony und Manny sich allmählich bei ebenjenem Drogenboss Frank Lopez (Robert Loggia) nach oben und in sein Vertrauen zu arbeiten. Als Tony jedoch bei einem Drogendeal mit dem Kolumbianer Sosa die Fäden in die eigene Hand nimmt und zudem ein Auge auf Franks Geliebte, Elvira (Michelle Pfeiffer), geworfen hat, gelangt er an eine Kreuzung seines Lebens und entscheidet sich für seinen eigenen Weg. Als er alles zu haben scheint, beginnt sein stetiger Abfall.

Was unterscheidet Scarface von anderen Gangsterfilmen, es ist nicht viel. Brian de Palma äußerte sich bezüglich der Gewalt im Film so, dass sie nötig gewesen sei, um die Welt dieser Charaktere zu etablieren und sie von einer eher sachlicheren Welt eines The Godfather abzuheben. Daher die Kettensägen-Szene, welche damals insbesondere für Aufsehen gesorgt hatte (obschon die Gewalt in ihr nicht zu sehen war). Dabei ist The Godfather auch nicht frei von Gewalt, das Attentat auf Vito Corleone oder das auf seinen Sohn Sonny sind gleichwertige Ausgeburten der Gewalt, gehören jedoch einer anderen Szene an. Hier haben wir die italienische Mafia, das organisierte Verbrechen, in welchem Machtkämpfe so ausgetragen werden, dass keine der Familien vor den Kopf gestoßen wird. In Scarface dagegen befinden wir uns in dem Schmelztiegel Miami und die Südamerikaner drehen sprichwörtlich durch. Hier ist nichts organisiert, hier überlebt der Stärkere. So gesehen rechtfertigt sich die Darstellung der Gewalt, auch wenn sie für die Erzählung der Geschichte nicht notwendig gewesen wäre, man die Figuren auch anders hätte etablieren können. Kultstatus hat sicher das Finale des Filmes erreicht, welches jedoch nach wenigen Minuten und vor allem in seinem Ende ins lächerliche abdriftet. Es lässt sich jedoch nachvollziehen, wieso dieser Film gerade bei der Hip-Hop- und Rap-Community der Film schlechthin ist und spricht gleichzeitig gegen diese, da sie die Botschaft des Filmes nicht verstanden zu haben scheinen.

Al Pacino befand die Figur des Tony Montana als eine seiner Lieblingsfiguren, dabei ist sie prinzipiell nicht unterschiedlich zu den meisten anderen die Pacino in seinem Leben gespielt hat. Sei es Serpico, Scarface, The Godfather, Carlito’s Way - Pacino mimt gern den Gangster und spielt seine Rolle hauptsächlich mit seinem Gesicht, bzw. seinen Augen. Was Kameramann John Alonzo noch hervorhebt ist eigentlich eher Kritikpunkt, denn wie schon Sidney Lumet die Geschichte als ganzes over the top beschrieb, trifft dies auch auf Pacinos Darstellung zu, der ein ums andere Mal die Grenzen zum overacting überschreitet. Andere Darsteller wie Steven Bauer, Robert Loggia und F. Murray Abraham spielen gut, bleiben die meiste Zeit jedoch eher blass gegenüber der übergroßen Figur des Tony Montana. Da kommt selbst eine junge Michelle Pfeiffer in einem ihrer ersten Filme - und spindeldürr - nicht dagegen an und verkommt wie alle übrigen zu Schatten neben Tony. Ähnlich verhält es sich mit Mary Elizabeth Mastrantonio in der Rolle als Tonys Schwester Gina. Ihre gesamte Figur, genauso wie die der Mutter, sind für die Handlung irrelevant und ziehen das Geschehen unnötig in die Länge. Der Sinn hinter der Figur von Gina ist das einzige zu zeigen, was Tony in seiner kalten Welt noch etwas bedeutet. Sein familiärer Hintergrund stellt jedoch eine Länge innerhalb im Film dar und die Botschaft der Szenen hätte sich wohl auch auf Pfeiffers Figur übertragen lassen.

Lobend darf die Kameraführung erwähnt werden, die wieder einmal zeigt, dass de Palma es liebt mit der Kamera zu spielen und dies zugleich das Highlight des Filmes ausmacht, wenn Alonzo die Kamera von der Kettensäge hinaus auf die Strasse zu Manny und wieder zurück in das Badezimmer gleiten lässt. Aber auch in der Disco- und Abschlussszene gelingt es Alonzo und de Palma mit drei und mehr Kameras tolle Bilder in gelungenen Einstellungen auf die Leinwand zu bannen. Weniger löblich ist die dramatische musikalische Untermalung, welche an manchen Stellen an Carrie erinnert und absolut unnötig gewesen war, um die Essenz der jeweiligen Einstellung zu zeigen, da an diesen Stellen in der Tat Pacinos Augen mehr auszudrücken vermögen als jeder Keyboard-Einschub. Die restliche Musik, mit den Discoszenen und dem geöffneten Hemd als Prototyp von Miami Vice gehören sicherlich ins Flair des Miamis der Achtziger. Die Zusammenarbeit mehrerer filmischer Größen wie de Palma, Pacino, Stone oder Steven Spielberg machen einen Film jedoch noch lange nicht zum Kultstreifen, ebenso wenig eine Darstellung als gewalt-triefende Oper. Wirklich unterscheiden tut sich Scarface nicht von anderen Vertretern des Gangsterfilmmilieus, was jedoch nichts an seiner inszenatorischen Stärke ändert.

Brian de Palma beschrieb Scarface als den verrückt gewordenen amerikanischen Traum, charakteristisch hierfür ist die Szene in der Tony sich als das etabliert hat, was er sein wollte und am nächtlichen Himmel ein Zeppelin mit der Aufschrift „Die Welt gehört dir“ vorbeifliegt. In einer Musikmontage spult de Palma die Ereignisse vor, zeigt das süße Leben von Tony und Elvira, die scheinbare Erfüllung von Tonys American Dream. Der Höhepunkt ist erreicht und die Handlung schreitet hinüber in ihren dritten Akt, nimmt ihre Wendung. Tony ist von seinem eigenen Luxus und seiner Macht korrumpiert, erhält paranoide Züge und stößt die Menschen um sich zurück. In einer Szene bricht er wie ein Vulkan aus und schreit, dass er niemandem außer sich selbst vertraut, dabei alleine in einem riesigen Marmorjaccuzi seine Zigarre qualmend. Seine Macht, sein Geld, sein Kokain hat Besitz von Tony ergriffen und ihn isoliert, nicht nur von der Gesellschaft oder seinen Freunden, sondern auch von sich selbst. Wie in den klassischen griechischen Tragödien führt er letzten Endes seinen Untergang selbst herbei, beweist hierbei jedoch zugleich sein letztes Stück Menschlichkeit und Integrität. Mit Scarface ist allen Beteiligten sicherlich ein Klassiker des Gangsterfilmes gelungen, musikalisch gelegentlich fragwürdig, von Pacino übertrieben gespielt und gute zwanzig Minuten zu lang - kein Kultfilm, aber ein Klassiker.

8.5/10

20. August 2007

The Black Dahlia

Hollywood will fuck you when no-one else will.

Für viel Lob und Aufsehen hat 1997 die Verfilmung des James Ellroy Romans L.A. Confidential von Curtis Hanson gesorgt. Damals gab es nicht nur einen Oscar für Nebendarstellerin Kim Basinger, sondern auch für das Drehbuch von Hanson und Brian Helgeland. Fast zehn Jahre später kam mit The Black Dahlia eine neuerliche, starbesetzte Ellroy-Verfilmung in die Kinos, deren Produktionsgeschiche fast schon Stoff für einen eigenen Film wäre. Ursprünglich sollte nämlich David Fincher die Regie übernehmen – und hier differieren bereits die Quellen. Laut der IMDb wollte Fincher eine dreistündige Version in Schwarzweiß drehen, während es nach Wikipedia eine fünfstündige Mini-Serie fürs Fernsehen mit Starbesetzung sein sollte. Da Fincher jedoch befürchtete, er könne das Projekt – sei es in der einen oder anderen Fassung – nicht wie gewünscht realisieren, verließ er es.

Zu diesem Zeitpunkt war anscheinend bereits Marky Mark für die Rolle von Lee Blanchard besetzt worden, aber er musste aufgrund von Terminschwierigkeiten mit The Italian Job absagen. Schließlich wurde Brian De Palma der neue Regisseur und Marky Mark wieder für das Projekt frei. Jedenfalls so lange, bis ihm Martin Scorsese eine Nebenrolle in The Departed anbot, welche er schließlich annahm. Im Nachhinein, bedenkt man seine (wenn auch ungerechtfertigte) Oscarnominierung, war dies wohl die klügere Entscheidung. Dieses Casting-Schauspiel ging dann sogar noch weiter, als James Horner von Mark Isham ersetzt wurde und Hilary Swank den Part von Eva Green übernahm, die nicht schon wieder eine femme fatale geben wollte. Und weil Maggie Gyllenhaal die Rolle der Elizabeth Short ablehnte, ging sie schließlich an die eher unbekannte Mia Kirshner.

De Palma erzählt diesen Film noir in bräunlichen Bildern, die oftmals nachts in Nebel gehaucht spielen. Ausstattung und Kostüme sind dabei exzellent gewählt und erzeugen ein richtiges Feeling für die Szenerie. Und mit Josh Hartnett, Hilary Swank, Aaron Eckhart und Scarlett Johansson ist The Black Dahlia auch von den Namen her top besetzt. Aber Namen sind nunmal nicht alles, einschließlich der von De Palma. Wirklich überzeugen kann nur Johansson, während ihr Pendant Hartnett so viel Schauspieltalent wie eine Büchse Bohnen besitzt. Ohne The Black Dahlia mit L.A. Confidential zu vergleichen, erinnert De Palmas Film eher an Steven Soderberghs The Good German, der ebenfalls versuchte etwas zu sein, dass er nicht ist. Beide teilen das Schicksal des style over substance. Und hübsche Bilder sind eben nicht alles, wenn die Handlung dazu nicht stimmt.

Die Hauptfrage des Filmes dreht sich um den Mord an der schwarzen a.k.a. Elizabeth “Betty” Short (Mia Kirshner)? Und die Antwort, die De Palma bietet,lautet: Es ist scheiß egal. So kommt zu keinem Zeitpunkt Spannung auf, genauso wie generell ein Interesse besteht, den Mörder geschweige denn das Motiv ausfindig zu machen. Während gerade Mordkommissar Lee Blanchard (Aaron Eckhart) eine Obsession zu Short entwickelt, ist es doch sein Partner Dwight “Bucky” Bleichert (Josh Hartnett), der sich mit ihrem Mordfall primär beschäftigt, wenn beide nicht gerade mit Blanchards Freundin Kay (Scarlett Johansson) zu Abend essen oder abhängen. Als Bleichert dann die mysteriöse Britin Madeleine (Hilary Swank), eine scheinbare Doppelgängerin von Short, trifft und eine Affäre mit ihr beginnt, verliert er sich immer mehr in die Ausmaße des Falles.

Dass Madeleine nicht mal ansatzweise Elizabeth Short zum Verwechseln ähnlich sieht und die Entscheidung, Hilary Swank eine Britin spielen zu lassen, gänzlich in die Hose geht, sind dabei sogar nur kleinere Makel von De Palmas fehlgeleiteter Besetzung seiner Adaption von James Ellroys Roman. Problematischer ist vielmehr die Herangehensweise an die Charaktere, die wenig bis gar nicht ausgarbeitet werden. So wird Blanchards ad hoc auftretende Obsession irgendwann in der Mitte mit einem halbgaren Satz eine Begründung geliefert, während speziell bei Bleicherts Figur im Vergleich zur Vorlage viel von seiner Emotion und Psyche auf der Strecke bleibt. Da helfen auch Josh Hartnetts bemitleidenswerte Erzählstimme und einige dahergewürgte Halbsätze wenig, um die Motivation der Figur dem Publikum näher zu bringen.

Wie erwähnt versucht die Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond über die nichtvorhandene Spannung hinwegzutrösten, aber die Tatsache, dass Finchers Adaption zwischen drei und fünf Stunden hätte lang sein sollen, lässt erahnen, dass die Romanhandlung extrem gestrafft worden ist. Wie von vielen Kritiken erwähnt, ist besonders die finale halbe Stunde des Films desaströs und so abstrus wie schon lange kein Filmende mehr (theatralisches overacting, speziell von Fiona Shaw, inklusive). Insofern ist die gesamte Handlung ein Fremdobjekt für den Zuschauer, Spannung wird keine aufgebaut, die Dialoge sind oft furchtbar und das Finale einfach nur entsetzlich. Letztlich ist Brian De Palmas The Black Dahlia eine verschenkte Produktion, die man entweder ganz lassen oder in die Hände von qualifizierteren Personen, wie David Fincher, hätte übergeben sollen.

3/10