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17. November 2017

Murder on the Orient Express

I know your mustache.

Im Krimi-Genre steht und fällt eine Geschichte mit ihrer Auflösung. Wird nicht genug Spannung aufgebaut, kulminierend in einer zufriedenstellenden Aufklärung des Falls, kann das ganze Produkt nicht überzeugen. Murder on the Orient Express wartet mit einer viel versprechenden Prämisse auf – und mit einer ungewöhnlichen Täterermittlung. Und dennoch vermag Kenneth Branaghs Adaption von Agatha Christies gleichnamigem Roman-Klassiker nicht wirklich zu überzeugen. Das liegt nicht nur an dieser Neuverfilmung des nordirischen Regisseurs und Hauptdarstellers, die trotzdem versäumt, etwaige unebene Stellen zu glätten. So bleibt Murder on the Orient Express ein grundsätzlich zwar unterhaltsamer, aber nicht wirklich guter Film.

Wider Willen begibt sich der ausgebrannte renommierte Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) in Istanbul als Passagier an Bord des Orient-Express’, um in England einen Fall zu lösen. Bereits unterwegs wird er jedoch mit einem Mord konfrontiert und vom Direktor des Express, seinem persönlichen Freund Bouc (Tom Bateman), gebeten, sich der Aufklärung anzunehmen. Als eine Lawine den Zug für einen Tag zum Halt zwingt, nutzt Poirot dies, um die zwölf anderen Passagiere individuell zu verhören. Denn der Täter, so schließt Poirot, muss noch an Bord des Express sein. Während seiner Vernehmung rückt dabei immer stärker ein anderer Fall eines gescheiterten früheren Kidnappings in den Mittelpunkt der Ermittlungen.

Wie jeder gute Krimi bringt einen Murder on the Orient Express zum Überlegen, Raten, Zweifeln, wer der Mörder oder die Mörderin sein könnte. Idealerweise sollte die Geschichte das Publikum wie auch seine Hauptfigur hierbei immer wieder auf neue Fährten locken. Dies vermag Branaghs Film eher leidlich zu gelingen, zumindest wartet er jedoch mit einem „Twist“ zum Schluss auf, der innerhalb des Genres Seltenheitsfaktor hat. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass er deshalb zwingend überzeugt, wirkt er doch arg konstruiert. Zugleich fehlt ihm die nötige Exposition, der sich der Film wiederum zu einem gewissen Grad verschließen muss, um seine Karten nicht zu früh preiszugeben und das Ende vorweg zu nehmen.

Es macht es jedoch nicht besser, die Motivation für das Verbrechen in einem Nebensatz zu erklären und die notwendige Empathie der Zuschauer vorauszusetzen. Murder on the Orient Express nutzt seine Laufzeit nicht allzu geschickt beziehungsweise hadert mit der Vielzahl an Figuren – es sind über ein Dutzend –, der er sich in ihr zu widmen hat. Stippvisitenmäßig klappern wir Johnny Depps schmierigen Amerikaner ab, sehen seine Angestellten (Josh Gad, Derek Jacobi), Daisy Ridleys englisches Kindermädchen, das scheinbar eine Romanze mit Leslie Odom Jr. als ebenfalls mitreisender Arzt pflegt. Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Olivia Colman und mehr sind ebenfalls am Bord, werden aber nur kurz en passant beleuchtet.

Infolgedessen kann kaum eine Figur abseits von Poirot wirklich Charakter entwickeln, wird vielmehr durch ihre Beschreibung definiert, zum Beispiel Missionarin, Arzt, Schaffner. So sporadisch wie sich Poirot mit ihnen befasst, tut es letztlich auch der Film. Manche von ihnen, wie Manuel Garcia-Rulfos Marquez könnten genauso gut auch aus der Handlung fehlen. Die Verknüpfung des Mordfalls mit dem gescheiterten Kidnapping eines Kleinkindes in Lindbergh-Manier entfaltet sich ebenso wenig zu Gunsten der Spannung. Dabei hat die Prämisse durchaus Potential und hätte eventuell lediglich angepasst werden müssen, indem weniger Figuren mehr Fokus erhalten. Auch wenn dies von Christies Roman abweichen würde.

Kenneth Branagh drehte seinen Murder on the Orient Express im großen Stil, auf 65mm gefilmt mit einigen edlen Aufnahmen (die Schlussszene ist toll inszeniert) und großen Namen. Doch er bietet weder dem Orient-Express eine Bühne, der nur halbherzig als Set erforscht wird, noch den darin reisenden Charakteren. Alles wirkt ein wenig überfrachtet, einschließlich der Mord-Motivation, weshalb auch die Auflösung nicht restlos gefallen will, selbst wenn sie Poirot vor ein interessantes Dilemma stellt. Jenes Ziel hätte die Handlung von Agatha Christie auch über andere Wege erreichen können. Und wie sagte die Schriftstellerin einst selbst: Auch wenn gute Ratschläge fast nie beachtet werden, sei dies kein Grund, sie nicht zu geben.

5/10

20. Oktober 2017

mother!

You gotta fight for your right to party.
(Beastie Boys, [You Gotta] Fight for Your Right [to Party])


Der US-Zirkuspionier P.T. Barnum wird mit dem Ausspruch “there’s no such thing as bad publicity” assoziiert. Selbst negative Werbung sei letztlich trotz allem noch Produktwerbung – das gilt bei Filmen vielleicht noch am ehesten, je weiter das Meinungs-Pendel in die qualitative Gegenrichtung schlägt. Nach dem Motto: So schlecht, wie der Film gemacht wird, kann er gar nicht sein. Daraus folgert gegebenenfalls ein Drang zur Selbstüberzeugung. Immer öfter drohen Hollywood-Filme dennoch, früh zu Kassen-Flops zu werden, indem ihnen ihr vermeintlich schlechter Ruf vorauseilt. Ohne dass sie deswegen jedoch schlecht sind – mitunter, wie Gore Verbinskis vergnüglicher The Lone Ranger, sogar im Gegenteil ausgesprochen gelungen ausfallen können.

Ob nun eine Note F der US-Film-Marktforscher von CinemaScore, die schlechteste mögliche Wertung seitens der Befragten, hierunter fällt, sei dahingestellt. Zumindest ist die Wertung wahrlich eine Auszeichnung, wird sie doch relativ selten vergeben (u.a. an Richard Kellys The Box). Dass sein jüngster Film die Meinungen spalten würde, hat Darren Aronofsky sicher kalkuliert. Das Feedback zu mother! umfasst das volle Spektrum von Meisterwerk bis Katastrophe. Er wollte einen “Punk-Film“ machen, erklärte Aronofsky im Nachhinein. Einen Film, der das Publikum konfrontiere und provoziere. Die Ablehnung, so folgert der Regisseur, ist somit letztlich ein Eingeständnis für den Wahrheitsgehalt der intendierten Filmaussage.

Erzählt wird im simpelsten Sinne von einer jungen Frau (Jennifer Lawrence), die mit ihrem Mann (Javier Bardem), einem Poeten, in einem Landhaus wohnt, das sie soeben renoviert. Bis zuerst ein kränkelnder Orthopäde (Ed Harris), kurz darauf seine egozentrische Gattin (Michelle Pfeiffer), dann deren Söhne (Domhnall Gleeson, Brian Gleeson) und schließlich eine ganze Horde von Verehrern des Poeten inklusive dessen Publizistin (Kristen Wiig) auf der Bildfläche erscheinen und die Nerven der Hausherrin (über-)strapazieren. Im weitesten Sinne verfilmt mother! derweil lose Passagen aus der Bibel, vom 1. Buch Mose hin zu den Evangelien und kulminierend in der Offenbarung des Johannes als sozio-ökologischen Kommentar.

So repräsentiert Jennifer Lawrences im Laufe des Films schwanger werdende Frau die titelgebende Mutter Natur, Bardems an Schreibblockade leidender Poet dagegen steht für Jahwe, ihr gemeinsames Haus, um welches sich die Frau kümmert (“I wanna make a paradise”), für die Erde. Ihr Leben verläuft weitestgehend harmonisch, bis zum Eintreffen der Menschen an ihrer Pforte. Erst ist es Harris’ Double für Adam, das die Aufmerksamkeit des Hausherren auf sich zieht. Mit Eintreffen von Pfeiffers Eva-Vertretung geraten die Dinge noch schneller aus den Fugen. Sie steckt ihre Nase in Angelegenheiten und Orte, die sie nichts angehen. Korrumpierende Aktionen, die verstärkt drohen, das sie aus dem „Paradies“ des Hauses vertrieben werden könnten.

Die Idee, das 1. Buche Mose um Adam und Eva sowie den Brudermord von Kain, hin zum Gericht über Sodom und Gomorra, der Geburt Jesu und seinen Tod und schließlich der Apokalypse in ein zeitgenössisches, fast kammerspielartiges Szenario zu pressen, ist sicher nicht verkehrt. Die Umsetzung dieser Idee in Form von mother! dann allerdings schon. Bereits mit seinen früheren Werken wie The Fountain mag sich Aronofsky den Vorwurf der Prätention verdient haben, doch mother! setzt dem Ganzen die Krone auf. Die verschiedenen ineinander überfließenden Vignetten sind nie wirklich nuanciert oder subtil, vielmehr überaus plump und uninspiriert. Sie passieren und lösen einander ab, kommunizieren aber nicht wirklich etwas.

Da treten Kain (Domhnall Gleeson) und Abel (Brian Gleeson) auf und nach dem Brudermord gleich wieder ab. Nach einem ausufernden Leichenschmaus mit Sintflut-Referenzen (“could you come down, the sink’s not brazed”) macht der Film mit der einsetzenden Schwangerschaft eine kurze Pause, ehe sich das Chaos erneut Bahn bricht. Der Schlussakt ist eine Tour de Force für die Mutter-Figur. Der sich in seiner Eitelkeit verlierende Poet wird von der Zuneigung der Menschen geblendet, ein privates Abendessen mutiert zur wilden Hausparty, die ein Sonderkommando aufzulösen versucht, ehe die Lage eskaliert. Das ist wenig spitzfindig, auch nicht, als später Jesu geboren und buchstäblich verspeist wird („Nehmt, das ist mein Leib“, Mk, 14,22).

mother! ist eine mit dem Holzhammer kommunizierte Allegorie auf die Umweltzerstörung durch die Menschheit. Verächtlich blickt und agiert diese mit der Figur von Lawrence, wird am Ende sogar gewaltsam. Sie unterminiert das Konstrukt des Hauses – erneut buchstäblich. Die Botschaft: Wir zerstören den Planeten und ignorieren die Klagen von Mutter Natur. Gott selbst interveniert nicht, zu sehr ist er in der durch die Anhimmlung der Menschen ausgelösten Eitelkeit verloren. Die Mutter-Figur ist dabei auch eine solche für den Poeten, doppeldeutig zitiert Aronofsky nach hinten raus in einer Szene zwischen Ihr und Ihm daher aus Shel Silversteins The Giving Tree (“I wish that I could give you something but I have nothing left”).

Aufgrund der Bibel-Allegorien ist der Film zugleich ein Kommentar auf das Christentum – hier jedoch kritischer beäugt als in Aronofskys jüngster Bibel-Adaption Noah. Nur fehlt es wie in der Umwelt-Metapher einer genauen Motivation des Gezeigten. Die Affektion für den Poeten wird nicht erklärt, seine Barmherzigkeit ebenso nicht. Von der Reue Jahwes aus dem Alten Testament hinsichtlich der Menschen fehlt viel in mother! – und den Bildern ein gewisses Gewicht. Es reicht nicht, die sinnbildliche Abendsmahlgabe des Leib Christi in der eucharistischen Gestalt der Hostie ins buchstäbliche Grafische umzumünzen, wenn die gezeigte Handlung nicht eingeordnet wird. Positive Menschenbilder (z.B. Mose, Abraham) fehlen zudem gänzlich.

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, die Zerstörung des Planeten anhand von in die Gegenwart übertragene Bibelstellen zu kommentieren. Ein Kommentar sollte jedoch mehr sein, als eine simple Kritik ohne Einordnung. mother! hätte in der Form als Allegorie womöglich besser funktioniert, wenn der Film nicht zugleich seine Botschaft mit einem Sauseschritt durch die einprägsamsten Momente der Bibel verknüpfen wollte. Generell hätte dem Film deutlich mehr Subtilität gut zu Gesicht gestanden, die mother! jedoch gänzlich vermissen lässt. Für Darren Aronofsky ist dies der nächste filmische Rückschritt nach den zuletzt enttäuschenden Noah und Black Swan. Insofern ist mother! letzten Endes doch weniger “punk” und eher “junk”.

4/10

7. November 2007

Scarface

The world is yours.

Man stelle sich einen Film vor, zu dessen Premiere die creme de la creme der Unterhaltungsbranche kommt, bei dessen Premierenvorführung Cher sagt, dass sie den Film liebt, John Irving angewidert den Kinosaal verlässt und Dustin Hoffman einschläft. Würde man meinen, dass dies auf Scarface zutrifft? Brian de Palmas Remake des gleichnamigen Klassikers von 1932 sorgte 1983 für allerlei Furore, nicht nur weil in ihm 207mal das Wort „fuck“ fällt oder 42 Leichen zu bewundern sind, wie Martin Scorsese an der Premiere richtig sagte: die Menschen werden den Film aus denselben Gründen lieben und hassen. Brian de Palma schnitt den Film dreimal um, als die Zensurbehörde ihn nicht unter 18 Jahren freigeben wollte. Am Ende konnten sich Produzent Marty Bregman und de Palma schließlich doch durchsetzen und den Film in der ursprünglichen Fassung veröffentlichen. Dabei wäre de Palma eigentlich gar nicht der Regisseur des Projektes geworden, hätte nicht Sidney Lumet das Projekt zuvor verlassen. Der Grund hierfür lag in dem Drehbuch von Oliver Stone, welches Lumet zu gewalttätig, unpolitisch und over the top fand. Stone selber hat das Drehbuch hauptsächlich deswegen geschrieben gehabt, weil er nach dem Misserfolg seines Filmes The Hand das Geld gut gebrauchen konnte. Selber zu der damaligen Zeit kokainabhängig, besuchte er nicht nur Miami, sondern auch Südamerika für seine Recherchen. Nachdem Lumet abgesprungen war, stieß de Palma wieder zu dem Projekt und schuf einen Kulthit, welcher besonders in der Hip-Hop-Szene etabliert ist.

Im Jahre 1980 sonderte Kubas Diktator Fidel Castro viele Kubaner aus, unter anderem solche mit krimineller Vergangenheit. Die meisten von ihnen wurden in Miami, USA, aufgenommen und dort in Internierungslagern gehalten. Einer dieser Exilkubaner ist Tony Montana (Al Pacino), ein skrupelloser schmächtiger Auftragskiller, der zusammen mit seinem Freund Manny (Steven Bauer) im Lager darauf wartet den amerikanischen Traum in Angriff nehmen zu können. Die Möglichkeit scheint sich zu ergeben, als beide für einen Drogenboss einen Rachemord innerhalb des Lagers verüben sollen. Nachdem dies bewerkstelligt ist, schaffen es Tony und Manny sich allmählich bei ebenjenem Drogenboss Frank Lopez (Robert Loggia) nach oben und in sein Vertrauen zu arbeiten. Als Tony jedoch bei einem Drogendeal mit dem Kolumbianer Sosa die Fäden in die eigene Hand nimmt und zudem ein Auge auf Franks Geliebte, Elvira (Michelle Pfeiffer), geworfen hat, gelangt er an eine Kreuzung seines Lebens und entscheidet sich für seinen eigenen Weg. Als er alles zu haben scheint, beginnt sein stetiger Abfall.

Was unterscheidet Scarface von anderen Gangsterfilmen, es ist nicht viel. Brian de Palma äußerte sich bezüglich der Gewalt im Film so, dass sie nötig gewesen sei, um die Welt dieser Charaktere zu etablieren und sie von einer eher sachlicheren Welt eines The Godfather abzuheben. Daher die Kettensägen-Szene, welche damals insbesondere für Aufsehen gesorgt hatte (obschon die Gewalt in ihr nicht zu sehen war). Dabei ist The Godfather auch nicht frei von Gewalt, das Attentat auf Vito Corleone oder das auf seinen Sohn Sonny sind gleichwertige Ausgeburten der Gewalt, gehören jedoch einer anderen Szene an. Hier haben wir die italienische Mafia, das organisierte Verbrechen, in welchem Machtkämpfe so ausgetragen werden, dass keine der Familien vor den Kopf gestoßen wird. In Scarface dagegen befinden wir uns in dem Schmelztiegel Miami und die Südamerikaner drehen sprichwörtlich durch. Hier ist nichts organisiert, hier überlebt der Stärkere. So gesehen rechtfertigt sich die Darstellung der Gewalt, auch wenn sie für die Erzählung der Geschichte nicht notwendig gewesen wäre, man die Figuren auch anders hätte etablieren können. Kultstatus hat sicher das Finale des Filmes erreicht, welches jedoch nach wenigen Minuten und vor allem in seinem Ende ins lächerliche abdriftet. Es lässt sich jedoch nachvollziehen, wieso dieser Film gerade bei der Hip-Hop- und Rap-Community der Film schlechthin ist und spricht gleichzeitig gegen diese, da sie die Botschaft des Filmes nicht verstanden zu haben scheinen.

Al Pacino befand die Figur des Tony Montana als eine seiner Lieblingsfiguren, dabei ist sie prinzipiell nicht unterschiedlich zu den meisten anderen die Pacino in seinem Leben gespielt hat. Sei es Serpico, Scarface, The Godfather, Carlito’s Way - Pacino mimt gern den Gangster und spielt seine Rolle hauptsächlich mit seinem Gesicht, bzw. seinen Augen. Was Kameramann John Alonzo noch hervorhebt ist eigentlich eher Kritikpunkt, denn wie schon Sidney Lumet die Geschichte als ganzes over the top beschrieb, trifft dies auch auf Pacinos Darstellung zu, der ein ums andere Mal die Grenzen zum overacting überschreitet. Andere Darsteller wie Steven Bauer, Robert Loggia und F. Murray Abraham spielen gut, bleiben die meiste Zeit jedoch eher blass gegenüber der übergroßen Figur des Tony Montana. Da kommt selbst eine junge Michelle Pfeiffer in einem ihrer ersten Filme - und spindeldürr - nicht dagegen an und verkommt wie alle übrigen zu Schatten neben Tony. Ähnlich verhält es sich mit Mary Elizabeth Mastrantonio in der Rolle als Tonys Schwester Gina. Ihre gesamte Figur, genauso wie die der Mutter, sind für die Handlung irrelevant und ziehen das Geschehen unnötig in die Länge. Der Sinn hinter der Figur von Gina ist das einzige zu zeigen, was Tony in seiner kalten Welt noch etwas bedeutet. Sein familiärer Hintergrund stellt jedoch eine Länge innerhalb im Film dar und die Botschaft der Szenen hätte sich wohl auch auf Pfeiffers Figur übertragen lassen.

Lobend darf die Kameraführung erwähnt werden, die wieder einmal zeigt, dass de Palma es liebt mit der Kamera zu spielen und dies zugleich das Highlight des Filmes ausmacht, wenn Alonzo die Kamera von der Kettensäge hinaus auf die Strasse zu Manny und wieder zurück in das Badezimmer gleiten lässt. Aber auch in der Disco- und Abschlussszene gelingt es Alonzo und de Palma mit drei und mehr Kameras tolle Bilder in gelungenen Einstellungen auf die Leinwand zu bannen. Weniger löblich ist die dramatische musikalische Untermalung, welche an manchen Stellen an Carrie erinnert und absolut unnötig gewesen war, um die Essenz der jeweiligen Einstellung zu zeigen, da an diesen Stellen in der Tat Pacinos Augen mehr auszudrücken vermögen als jeder Keyboard-Einschub. Die restliche Musik, mit den Discoszenen und dem geöffneten Hemd als Prototyp von Miami Vice gehören sicherlich ins Flair des Miamis der Achtziger. Die Zusammenarbeit mehrerer filmischer Größen wie de Palma, Pacino, Stone oder Steven Spielberg machen einen Film jedoch noch lange nicht zum Kultstreifen, ebenso wenig eine Darstellung als gewalt-triefende Oper. Wirklich unterscheiden tut sich Scarface nicht von anderen Vertretern des Gangsterfilmmilieus, was jedoch nichts an seiner inszenatorischen Stärke ändert.

Brian de Palma beschrieb Scarface als den verrückt gewordenen amerikanischen Traum, charakteristisch hierfür ist die Szene in der Tony sich als das etabliert hat, was er sein wollte und am nächtlichen Himmel ein Zeppelin mit der Aufschrift „Die Welt gehört dir“ vorbeifliegt. In einer Musikmontage spult de Palma die Ereignisse vor, zeigt das süße Leben von Tony und Elvira, die scheinbare Erfüllung von Tonys American Dream. Der Höhepunkt ist erreicht und die Handlung schreitet hinüber in ihren dritten Akt, nimmt ihre Wendung. Tony ist von seinem eigenen Luxus und seiner Macht korrumpiert, erhält paranoide Züge und stößt die Menschen um sich zurück. In einer Szene bricht er wie ein Vulkan aus und schreit, dass er niemandem außer sich selbst vertraut, dabei alleine in einem riesigen Marmorjaccuzi seine Zigarre qualmend. Seine Macht, sein Geld, sein Kokain hat Besitz von Tony ergriffen und ihn isoliert, nicht nur von der Gesellschaft oder seinen Freunden, sondern auch von sich selbst. Wie in den klassischen griechischen Tragödien führt er letzten Endes seinen Untergang selbst herbei, beweist hierbei jedoch zugleich sein letztes Stück Menschlichkeit und Integrität. Mit Scarface ist allen Beteiligten sicherlich ein Klassiker des Gangsterfilmes gelungen, musikalisch gelegentlich fragwürdig, von Pacino übertrieben gespielt und gute zwanzig Minuten zu lang - kein Kultfilm, aber ein Klassiker.

8.5/10

17. Oktober 2007

Stardust


We always knew you were a whoopsie.

In Hollywood boomt das Geschäft mit Fantasyfilmen. Nicht nur wird alles verfilmt, was jemals auf eine Serviette gekritzelt wurde und Superhelden-kompatibel ist, nein, jede Märchenähnliche Geschichte mit Elfen und Tralala hat so sicher wie ein bestätigtes Budget, denn jeder Film könnte der neue Herr der Ringe oder Chroniken von Narnia sein. Selbst deutsche Literatur wie Cornelia Funkes Tintenherz wird verfilmt, und wenn die Amis was aus Deutschland verfilmen kann man sich sicher sein, dass das Genre heiß ist, verdammt heiß. Da ist es bereits Schmeichelei, dass man bereits 1998 auf Neil Gaiman zuschritt, als dessen Phantasiemär Stardust erschien. Miramax wollte sich die Rechte sichern, hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Gaiman war mit deren Vorschlägen ziemlich unzufrieden und lehnte folgerichtig ab – da muss Hollywood erstmal geschluckt haben, passiert es ja nicht alle Tage, dass jemand ihre Millionen ausschlägt. Später diskutierte Gaiman eine Verfilmung mit Terry Gilliam – der schließlich The Brothers Grimm machte – und Matthew Vaughn, den deutschen Bunte-Lesern als Claudia Schiffers Mann bekannt.

Auch Vaughn trat zunächst von dem Projekt zurück und machte stattdessen Layer Cake. Mit Gaiman befreundet kam er jedoch nach seinem Film wieder auf das Stardust-Thema zu sprechen und erklärte sich bereit den Stoff zu verfilmen und sagte dafür sogar X-Men: The Last Stand ab (sicherlich keine falsche Entscheidung). Das Projekt landete bei Paramount Pictures und wurde mit 65 Millionen Dollar veranschlagt (spielte bisher gerade seine Kosten wieder ein). Gaimans Vorlage ist im Gegensatz zum Film eher ein Märchen für Erwachsene, inklusive Gewalt und Sex, wovon Vaughn jedoch etwas Abstand nehmen wollte und daher mehr Witz und Humor beifügte. Für diese Szenen, insbesondere die romantischen, schlug ihm Gaiman Jane Goldman vor und so ist Stardust eine wilde Mischung aus Sex, Gewalt und Humor – doch dazu später mehr. Die Besetzung hatte Vaughn selbst zu großen Teilen bereits selber vorgenommen und konnte für sein Werk Stars wie Robert De Niro, Michelle Pfeiffer, Ricky Gervais, Sienna Miller, Claire Danes und weitere gewinnen – äußerst viel versprechend also.

Vor 150 Jahren lebte in einem kleinen englischen Städtchen namens Wall der Junge Dunstan Thorn. Dieser schaffte es die sagenumwobene Mauer außerhalb von Wall zu überschreiten und landete in dem Märchenreich Faerie. Dort traf er auf einem Markt die hübsche Hexensklavin Una und verbrachte eine Nacht mit ihr – um neun Monate später Unas Geschenk und seinen Sohn Tristan zu erhalten. Als dieser in Dunstans Alter ist, versucht Tristan (Charlie Cox) alles um die Liebe der hochnäsigen Victoria (Sienna Miller) zu gewinnen. Selbst einen Stern will er ihr besorgen, nur dumm, dass dieser gerade jenseits der Mauer niedergegangen ist. Doch Tristan schafft es in das Märchenreich und zu dem Stern, der sich in der Gestalt der hübschen Yvaine (Claire Danes) manifestiert. Diese trägt das königliche Amulett von Stormhold um ihren Hals, hinter welchem die königlichen Erben Septimus (Mark Strong) und Tertius (Jason Flemyng) her sind. Während Tristan mit Yvaine zurück nach Wall zu Victoria möchte, versuchen nicht nur die beiden Prinzen ihrer habhaft zu werden, sondern auch die böse Hexe Lamia (Michelle Pfeiffer), die gemeinsam mit ihren Schwestern Yvaines Herz zur ewigen Jugend essen will. Unterstützung erfahren Tristan und Yvaine in dem Luftpiraten Captain Shakespeare (Robert De Niro), welcher selber ein kleines Geheimnis mit sich herumträgt.


In Zeiten von Tolkien und Rowling, von Frodo und Harry Potter, ist es schwer das Publikum noch groß zu überraschen, der Markt gesättigt. Doch auf seine eigene Art weiß es Stardust zu gelingen, was an den Überbleibseln von Gaimans Werk liegen mag, denn Stardust ist obschon seiner mitunter kindischen Handlung eben doch an ein erwachseneres Publikum ausgerichtet. Spätestens wenn die königliche Familie von Stormhold frenetisch den Mord an ihrem Mitglied Secundus (Rupert Everett) feiert, wird einem klar, dass dies kein übliches Märchen ist. Und der Erzähler geht zweifellos nicht zimperlich mit seinen Figuren um, auch wenn einem mit Tristan und Yvaine zwei typische Kinderfiguren offeriert werden. Mit seiner naiven Art gelingt es Tristan unglaubwürdigerweise immer wieder seinen Kontrahenten einen Schritt voraus zu sein und so liebreizend eine immer noch scharfe Michelle Pfeiffer mit ihrer böswilligen Art anzusehen ist, ist ihre Figur Lamia doch eine Niete auf ganz großen Niveau. Ähnlich verhält es sich mit Septimus, denn beide agieren nicht wirklich in der Handlung, sondern mehr so nebenher, bis am Ende alle aufeinander treffen. Diese Nebenplots dienen der spaßigen Erheiterung, lassen die Handlung jedoch ein ums andere Mal stocken.

Ohne Frage ist Stardust eine erfreuliche Erscheinung, wobei sie jedoch sehr viel besser hätte sein können, wenn Matthew Vaughn nicht versucht hätte sie amüsanter zu gestalten. Denn die Sprüche zünden nicht immer (besonders Dexter Fletchers Kommentare aus dem Off nerven) und erheitern auch nicht, wirken stattdessen stümperhaft armselig und machen Stardust zu einem Film, der für Erwachsene zu kindisch und für Kinder zu erwachsen ist. Dieser Versuch zwischen Skylla und Charybdis durchzusegeln führt dazu, dass Stardust sein Potential nicht ausschöpft und vermuten lässt, dass der Mann hinter Guy Ritchie mit diesem phantastischen Stoff, dem Budget und den Erwartungen überfordert gewesen zu sein scheint. Das reißt auch ein im Tutu herumhüpfender Robert De Niro (was Travis Bickle wohl mit dem angestellt hätte!) nicht heraus, obschon er sich in seiner Rolle zu gefallen mag und damit seine Kinder ebenso beeindrucken dürfte wie es Johnny Depp mit der Figur von Jack Sparrow bei den seinen gelang. Gut möglich, dass diese erzählerische Schwächen auf die Synchronisation zurückzuführen sind, denn wenn De Niro seinen Namen Shakespeare im Film frivol als mit Speer schüttelnd erläutert, stößt einem dass dann doch sauer auf (auch wenn es sinnlich richtig ist). Stardust ist also kein Film für die Ewigkeit und keiner der Preise gewinnen wird, aber es gelingt ihm in der Menge nicht unterzugehen und kurzweilig zu unterhalten.

7/10