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19. Mai 2017

Her

How would you describe your relationship with your mother?

Das Smartphone nimmt eine immer größere Rolle in unserem Leben ein. Acht von zehn Deutschen besitzen bereits ein entsprechendes Gerät, das sie im Schnitt alle 18 Minuten entsperren. Ob morgens in der Bahn, am Arbeitsplatz oder abends im Bett vor dem Schlafen, ohne Smartphone geht für viele Menschen nichts mehr in ihrem Leben. Ähnlich zeichnet auch Spike Jonze seine Welt in Her, einem Los Angeles nur wenige Jahre in der Zukunft. Die Menschen in dieser Welt leben weniger miteinander als nebeneinander, immer das Handy in der Hand und einen Stecker im Ohr. Eine derart entpersonalisierte Welt, dass zwar noch handgeschriebene Briefe verfasst werden, allerdings nicht selbst, sondern aus der Feder entsprechender Profis.

Ein solcher ist Theodore (Joaquin Phoenix), ein introvertierter Träumer, der für manche Paare bereits seit Jahrzehnten ihre romantische schriftliche Kommunikation erledigt. Seine soziale Interaktion beschränkt sich auf Small Talk im Fahrstuhl mit seinen Nachbarn, die Abendstunden verbringt er mit Videospielen. Zumindest bis er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit die Werbung für das neue Betriebssystem OS 1 sieht und sich selbst versorgt. Kurzerhand wird das Programm installiert: eine künstliche Intelligenz, die von Theodore als weiblich definiert wird und sich selbst den Namen “Samantha” (Scarlett Johansson) gibt. Es dauert nicht lange, und der einsame Theodore verliebt sich in Samantha – und das Programm in ihn.

So zumindest will es uns Jonze glauben lassen in dieser vermeintlichen Indie-Sci-Fi-Romanze. Nur: Um wirkliche Romantik handelt es sich in Her keinesfalls, führen Theodore und Samantha doch eher eine Master-Slave-Beziehung, die Jonze nie hinterfragt. Hat Samantha wirklich die Option, den freien Willen, sich nicht in Theodore zu verlieben? Oder ihn zu mögen? OS 1 ist ein Produkt, welches vom Kunden gekauft wird. Folglich ist Samantha das Eigentum von Theodore. Wenn er sie nach seinem E-Mail-Posteingang fragt, muss sie ihm antworten. Sie muss auf seine Wünsche eingehen, die „Gefühle“, die sie für ihn entwickelt, wirken nicht allzu glaubhaft, da dem Programm im Grunde wenig bis keine Wahl bleibt, wie es (re-)agieren will.

Man stelle sich vor, ein Republikaner kauft OS 1 und dieses gibt sich später in vielerlei Hinsicht sehr linksliberal. Oder ein Schwarzer ersteht das Produkt, das anschließend rassistische Tendenzen an den Tag legt. Die Kunden würden OS 1 reklamieren und der Hersteller müsste nicht nur finanzielle, sondern auch Imageschäden tragen. OS 1 kann folglich nur derart entwickelt sein, dass es auf maximale Gefälligkeit ausgelegt ist. Meister darf nicht verärgert werden – nur dass Meister in diesem Fall die vorprogrammierte Gefällig- und Obrigkeit als Zuneigung missdeutet. Und sich in einer romantischen Beziehung mit seinem technischen Gerät glaubt. Befeuert von dem Umstand, dass die intersexuelle OS 1 in ein Geschlecht gezwängt wird.

Ob das Betriebssystem eine männliche oder weibliche Stimme nutzen soll, wird Theodore bei der Installation gefragt. Und entscheidet sich natürlich für Letzteres. Ähnlich wie in Alex Garlands Ex Machina bürdet Her dabei der männlichen Figur ein Liebesgefühl für eine künstliche Intelligenz auf, ausgelöst durch deren angebliche Weiblichkeit. Was hier Scarlett Johanssons rauchige Stimme ist, repräsentiert in Ex Machina eine weibliche Silkonhülle, die auf den Porno-Präferenzen des Protagonisten basiert. Das OS 1 ist dabei aber weder männlich noch weiblich, die Identität wäre dieselbe, wenn stattdessen Benedict Cumberbatch das System sprechen würde. Nur würde dies dann wiederum Her wohl in eine „Homo“-Richtung verschieben.

Für den Aspekt der künstlichen Intelligenz interessiert sich Her also genauso wenig wie Ex Machina, im Grunde ließe sich der Film ebenso gut erzählen, wäre Samantha einfach eine Online-Dating-Bekanntschaft an der Ostküste Amerikas, mit der Theodore über Telefon und Chats kommuniziert. Im Kern dreht sich Her ohnehin nur um Aspekte wie Einsamkeit und Abhängigkeit, mit Theodore als Figur, die nicht über ihre gescheiterte Ehe mit Catherine (Rooney Mara) hinweg kommt. Auch die Beziehung von Theodores Nachbarin Amy (Amy Adams) scheitert im Verlauf, die bisherigen misslungenen Partnerschaften von Theodores Blind Date (Olivia Wilde) haben bei dieser ebenfalls ihre folgenschweren psychologischen Spuren hinterlassen.

Durch das Verlagern ins Digitale ist die Fähigkeit des Zwischenmenschlichen verloren gegangen. Liebesbriefe schreibt man nicht selbst, sondern lässt sie sich schreiben. Seine Freizeit verbringt man mit Videospielen – Amy ist selbst Spieleentwicklerin –, sexuelle Befriedigung sucht man sich über Online-Chats. In einer Szene spaziert Theodore mit Samantha in der Brusttasche an den Strand, der tatsächlich von Menschen bevölkert ist, die sich größtenteils mal nicht mit ihrem Smartphone auseinandersetzen. Auch sein Arbeitskollege Paul (Chris Pratt) hat eine wirkliche Beziehung mit einer Person, obschon ansonsten seine Faszination mit Theodore beinahe bedenkliche Züge annimmt (so trägt er denselben Schnurrbart wie dieser).

Eine bessere Einordnung des OS 1 wäre möglich, wenn Jonze einen Blick von außen gewähren würde. Wie verändert das Programm die Welt und wie ist die Einschätzung zu den romantischen Verwicklungen, die sich daraus ergeben? So ist Theodore nicht der einzige, der beginnt, sein Betriebssystem zu daten, was das aber wirklich bedeutet, hinterfragt Her nicht. Wo Amy oder Paul die Tatsache einfach akzeptieren, zeigt sich Catherine bei der Neuigkeit verständlich verstört. Her entwickelt hierbei keine wirkliche Linie, wenn Theodore einmal den ans Menschliche angelehnten Sprachduktus von Samantha kritisiert, wo sie ja kein Mensch sei, dann aber fälschlicher Weise behauptet, sie sei eine eigenständige Person, die keine Befehle befolgt.

Wirklich interessant wäre es, wenn diese missverständlichen Romanzen mit künstlichen Intelligenzen wie Ex Machina und Her mal nicht die K.I. ins Weibliche sexualisieren (entsprechend besetzt mit Alicia Vikander und Scarlett Johansson), sondern die angebliche Liebe zur Persönlichkeit der Maschine betonen – kontrastiert durch eine männliche Verpackung. Würde sich die Figur in Ex Machina in die künstliche Intelligenz verlieben und sie befreien wollen, wenn sie nicht wie Alicia Vikander aussähe, sondern wie Jonah Hill? Wäre Theodore bis über beide Ohren in Sam verliebt, wenn die Stimme des Systems nicht von Scarlett Johansson, sondern von Seth Rogen gesprochen würde? Vermutlich, so zumindest meine These, nicht.

Dieses Misskonzept von Liebe trägt Her dann in seinem dritten Akt noch einen Schritt weiter, wenn Samantha allmählich unabhängiger wird, sich mehr aus Theodores Geräten ausklinkt und im World Wide Web umtreibt. Hier führt sie Gespräche mit anderen, Personen wie Betriebssystemen. Ob sie außer mit ihm aktuell noch mit anderen kommuniziere, fragt Theodore am Ende. Und Samantha verrät, sie unterhält über 8.000 Gespräche gleichzeitig. Ob sie davon auch Partner lieben würde, will der verletzte Besitzer wissen. Und erfährt, dass Samantha über 600 Personen liebt – also beinahe acht Prozent ihres sozialen Zirkels. Hier kulminiert schließlich Jonzes verwässertes Konzept von Liebe, bis sich Samantha schließlich ausklinkt.

Grundsätzlich betreibt Her in seinem ersten Akt dabei ein spannendes World Building von einer entpersonalisierten Welt, die vom Digitalen bestimmt wird. Joaquin Phoenix überzeugt als emotional verletzter Romantiker auf der Suche nach Liebe, während Scarlett Johansson dagegen gänzlich fehlbesetzt ist. Die Nebenfiguren um Amy Adams, Chris Pratt und Rooney Mara sind nicht ausgearbeitet genug, um mehr als eindimensional zu wirken, den Fokus legt der Film aber ohnehin auf die Beziehung zwischen Theodore und Samantha sowie die damit verbundenen Probleme. Her ist ein Film, der zuvorderst über seine Idee funktionieren will, die durchaus Potential hat, aber um tatsächlich zu funktionieren, ausgearbeitet werden müsste.

Wäre der Film eine Parabel auf die Dissonanz zwischen persönlichen und digitalen Kontakten, wäre er sehr viel gelungener. Beispielsweise wenn Theodores Versuche, Liebe zu finden, im direkten Austausch wie seinem Blind Date scheitern, dann jedoch Früchte tragen, als er auf einer Online-Dating-Seite in Samantha jemanden kennenlernt, den er nicht in Person treffen muss, aber doch mit ihr zusammen sein kann. Wenig überzeugend ist es, wenn Samantha keine wirkliche Person ist, sondern eine von Theodore für Geld erstandene Sklavin, die Arbeiten erledigt. Denn auch wenn Menschen ihr Smartphone lieben, ist dies nicht dieselbe Form von Liebe, die sie in anderen Menschen finden. Am Ende hat das sogar Her verstanden.

5.5/10

30. März 2017

Ghost in the Shell (3D)

Don’t send a rabbit to kill a fox.

Bereits seit 15 Jahren halten sich Gerüchte um eine Realverfilmung von Otomo Katsuhiros Manga- und Anime-Klassiker Akira. Immer mal wieder tauchen neue Produktions- und Casting-Nachrichten auf, nicht unähnlich wie bei der geplanten – jedoch seit zehn Jahren immer wieder verschobenen – Verfilmung von William Gibsons Cyberpunk-Roman Neuromancer. Zu derselben Zeit begannen auch Hollywood-Pläne, Shirow Masamunes Manga Kōkaku Kidōtai, den Oshii Mamoru bereits 1995 als Anime verfilmt hat, umzusetzen. Im Gegensatz zu Akira und Neuromancer kann hier nun Vollzug vermeldet werden, startet Rupert Sanders’ Ghost in the Shell heute in den Kinos: Eine weichgespülte Mimikry der visuellen Ideen von Shirow und Oshii.

Nach einem Angriff von Terroristen auf ein Flüchtlingsboot rettet die Wissenschaftlerin Dr. Ouelet (Juliette Binoche) das Leben von Mira (Scarlett Johansson), indem sie deren Gehirn in einen kybernetischen Körper verpflanzt. Ein Unikat, das Mira jedoch als menschliche Waffe nun zum Eigentum des Unternehmens Hanka und dessen Besitzer Mr. Cutter (Peter Ferdinando) macht. Da Hanka mit der Regierung kooperiert, dient Mira fortan als “Major” in der Anti-Terror-Spezialeinheit von Aramaki (Takeshi Kitano). Gemeinsam mit ihren Partnern Batou (Pilou Asbæk) und Togusa (Chin Han) untersucht Major dabei eine Mordserie an verschiedenen Wissenschaftlern von Hanka, verübt von dem Cyber-Terroristen Kuze (Michael Pitt).

Das Original Kōkaku Kidōtai greift als eines seiner Themen das Leib-Seele-Problem von René Descartes auf. Kann der Geist außerhalb der Materie existieren und wie genau definiert sich Menschlichkeit? Die Handlung inspirierte damals die Wachowski-Schwestern zu ihrem Kultfilm The Matrix und erinnert in ihren Grundzügen an Ideen von Philip K. Dick, denen dieser in Romanen wie Do Androids Dream of Electric Sheep? nachging. Was macht den Mensch zum Mensch und kann eine künstliche Intelligenz als Person betrachtet werden – Fragen, die in der Welt von Kōkaku Kidōtai immer stärker an Bedeutung gewinnen, wenn die Menschen vermehrt kybernetische Erweiterungen an ihren Körpern vornehmen. Oder wie Major Cyborgs sind.

Von diesem Plot-Element verabschiedet sich Ghost in the Shell leider, der Film stellt nicht eine Künstliche Intelligenz der Menschheit gegenüber und erörtert die Frage, was das eine Bewusstsein vom anderen unterscheidet. Stattdessen fokussiert sich Rupert Sanders (Snow White and the Huntsman) auf den biologisch-ethischen Aspekt der fortschreitenden Kybernetisierung, dessen Anfang in Major zu finden ist: Sie repräsentiert die gelungene Symbiose aus Mensch und Maschine. Für Cutter ist sie eine Waffe, die sich vermarkten lässt, für Majors Mutterersatz Dr. Ouelet wiederum ist Major/Mira der nächste Schritt der menschlichen Evolution. Major dagegen hadert noch mit ihrem Zustand, der sie zwischen die Stühle beider Parteien platziert.

Kurz nach ihrer „Geburt“ muss Ouelet sie darauf hinweisen, zu atmen, während Major beklagt, ihren Körper nicht spüren zu können. Vermeintliche Erinnerungsfetzen an ihre Vergangenheit, von Ouelet Glitches genannt, suchen Major später heim, ein injiziertes Serum sorgt derweil dafür, dass ihr menschliches Gehirn nicht ihren Maschinenkörper abstößt. Ghost in the Shell reduziert das Leib-Seele-Problem somit auf Major, geht ihm in ihr allerdings nicht wirklich nach. Die von der Figur geschilderte Einsamkeit in ihrer Umgebung verbleiben bloße Worte, anstatt dass Sanders sie mit Bildern und Szenen unterfüttern würde. Die Frage, ob das, was Major darstellt, ethisch vertretbar ist, schwebt zwar im Raum – mehr aber leider auch nicht.

Ebenso wenig interessiert sich der Film wirklich für seinen Widersacher Kuze und dessen Agenda. Was die Handlung anbelangt, ersetzt er den Puppetmaster aus Kōkaku Kidōtai 1:1, erhält aber im Gegensatz zu diesem keine Persönlichkeit. Zwar baut sich die Figur ein menschliches Netzwerk auf, was sich genau hinter diesem verbirgt und wie es funktioniert hat Ghost in the Shell jedoch keine Zeit aufzuschlüsseln. Die Auflösung zum Hintergrund der Figur und ihre Einordnung in die Geschichte zum Schluss wirken zugleich ziemlich generisch, was zuvorderst an der Entscheidung der Autoren Jamie Moss und William Wheeler liegt, den Rahmenplot ihrer Realverfilmung von der Vorlage abweichen zu lassen, während der Film dieser visuell folgt.

Praktisch alle erinnerungswürdigen Szenen des Originals werden hier kopiert, von Majors Einsatz zu Filmbeginn über die Mülltransport- und Kanal-Kampf-Szene bis hin zu Majors Tauchgang und der finalen Klimax. Denselben Effekt vermögen Sanders’ Kopier-Versuche nicht zu erzielen, das liegt einerseits an dem PG-13-Rating, welches alle Kampfszenen weitestgehend von Gewalt befreit, andererseits an den nur mäßig überzeugenden Spezialeffekten von Weta. So wirkt Majors Tauchgang nicht nur inhaltlich etwas befremdlich, da Mira selbst von ihrem vermeintlichen Tod durch Ertrinken traumatisiert ist, sondern er wirkt durch die CGI-Elemente auch unwahrscheinlich künstlich, anstatt Scarlett Johansson einfach in einem Wassertank zu filmen.

Vielversprechend beginnt zumindest der Film-Score von Clint Mansell, der dann aber immer mehr verschwindet, was womöglich daran liegen mag, dass später Lorne Balfe als Komponist zum Projekt dazustieß. Das Ensemble ist solide, obschon Scarlett Johansson – hier in “Black Widow mode” – etwas fehlbesetzt scheint (zumindest ich selbst hätte eher jemand wie Mary Elizabeth Winstead vorgezogen). Unterm Strich ist Ghost in the Shell dann das, was man von einer Adaption aus Hollywood erwarten konnte. Immerhin kein totaler Reinfall wie solche Reboots à la RoboCop (der diesem Ghost in the Shell thematisch nicht unähnlich ist) oder Total Recall, aber letztlich wenig eindrucksvoll und uninspiriert. Praktisch ein Körper ohne Geist.

5/10

7. Mai 2016

The Jungle Book (3D)

Am I in the right monkey temple?

Geht es um das Thema „zwischen zwei Kulturen“, dann verweist das Internet meist auf junge Deutsche, die einen türkischstämmigen Hintergrund haben. Zwar hier geboren und aufgewachsen, aber dennoch stark mit ihrer türkischen Herkunft verhaftet. Und zugleich mögliche Brückenbauer zwischen beiden Welten. Ein Kind zwischen zwei Kulturen ist seit jeher auch Mogli (Neel Sethi), ein Waisenjunge, der einst von Panther Baghira (Ben Kingsley) im Dschungel in die Obhut des Wolfsrudels um Akela (Giancarlo Esposito) und Raksha (Lupity Nyong’o) gegeben wurde. Wie ein Wolf soll sich Mogli da verhalten, doch sein menschlicher Charakter schlägt immer wieder durch. Seine Herkunft ist es dann, die ihm zum Verhängnis zu werden droht.

Während einer Dürreperiode kehrt Tiger Shir Khan (Idris Elba) in den Dschungel zurück – und hat es auf den Mensch in der tierischen Gesellschaft abgesehen. Er, der Neuling aus einer anderen, fremden Kultur, ist nicht gern gesehen im Tierreich. Sein Charakter befremdet selbst die Wölfe, mehr schlecht als recht gelingt seine Anpassung. Mit dem aggressiven Element Shir Khans muss sich nun der „Rechtsstaat“ um Akela auseinandersetzen. Sucht man die Konfrontation mit einem aufhetzerischen Gegner oder fügt man sich, und schickt Mogli zurück ins Land seiner Väter? Das Für und Wider dieser Frage klärt der Junge selbst, er will zwar bleiben, sieht aber, dass er nicht akzeptiert wird. Und soll nun von Baghira zurückeskortiert werden.

Genauso gut ließe sich gegenwärtig in Mogli also eine Art Flüchtling sehen. Der Unterkunft erfährt, aber nicht von jedem gerne gesehen ist. Manche haben es ihm gar aufs Leben abgesehen. Nun ist Jon Favreaus Adaption von The Jungle Book sicher kein Sozialkommentar auf die Flüchtlingskrise, sondern zuvorderst eine „Live Action“- respektive CGI-Verfilmung basierend auf Disneys klassischer Zeichentrickadaption des Werks von Rudyard Kipling. Parallelen sind aber durchaus erkennbar, sofern man solche ausmachen möchte. Mogli ist dabei fraglos ein Ausnahmefall. Er kennt nur den Dschungel und auch sonst keine Menschen. Für ihn existiert nur eine – seine – Heimat. Die Aussicht, in die Fremde zu ziehen, ist schwer nachvollziehbar.

Die Stationen, die Favreau in seinem Film nun abgrast, sind in etwa dieselben wie in der Disney-Version von 1967 – obschon in dieser Version die Konfrontation mit Shir Khan weitaus früher eingeführt wird. Als Ausgleich wird die Begegnung mit Schlange Kaa (Scarlett Johansson) auf einen kurzen Gastauftritt reduziert, dafür eine spätere Begegnung mit Affenkönig Louie (Christopher Walken) etwas bedrohlicher aufgeladen. Zwischendrin darf natürlich die Freundschaft mit Bär Balu (Bill Murray) nicht fehlen, die hier erst etwas aufblühen darf. Ein Nutznießer von Moglis Talenten möchte der faule Bär sein, einen wirklichen Ausgleich für dessen Leistung bietet ihm der verfressene Balu nicht. Außer eben, die Flucht vor seiner „Verantwortung“.

Zumindest lässt Balu den Jungen so sein wie er will. Ob dieser sich nun wie ein Wolf gebiert oder auf seine menschlichen Tricks zurückgreift. Erstmals wird Mogli schlicht akzeptiert, wie er ist. Ohne sich den Ansprüchen oder Vorstellungen anderer fügen zu müssen. An der Gefahr durch Shir Khan ändert das wenig. Den Tiger interessiert nicht, ob Mogli eingegliedert ist oder nicht. Er be- und verurteilt das Menschenkind ob seiner Vorurteile gegenüber dessen Rasse. Solche sind es auch, die Louie auf den Plan rufen. Ihn sehnt es nach der roten Blume – der Umschreibung der Tiere für das Feuer. Dessen will sich der Primat bemächtigen. “I want to be like you”, singt er da zwar. Will aber weniger Mensch sein, als lediglich über dessen Macht verfügen.

Seine Menschlichkeit spielte in der Zeichentrick-Version keine wirkliche Rolle, vielmehr ging es um Begegnungen Moglis im Dschungel. Wirkliche Gefahr wollte da nicht aufkommen, anders nun in der Motion-Capture-Version. Die schickt sich an, „düsterer“ zu sein – was The Jungle Book in dieser Variante sogar ganz gut zu Gesicht steht. Umso unpassender wirkt es dann, wenn Favreau doch zwei der bekannten Songs in die Handlung mit aufnimmt (was im Falle von Balus “Bare Necessities” zumindest noch halbwegs Sinn macht). Dieser Mogli ist vernarbt ob vergangener Erlebnisse, dies eher buchstäblich als sinnbildlich gesehen. Und um Todesfälle kommt diese Adaption auch nicht herum. Wodurch die Atmosphäre entsprechend aufgeladener gerät.

Was im ersten Trailer mit „real“ aussehenden und sprechenden Tieren noch ein Desaster erahnen ließ, funktioniert im fertigen Film dann überraschend gut. Selbst wenn die Effekte durchweg als solche erkennbar sind. Was die Synchronisation angeht, ist das Ergebnis schon durchwachsener. Wo Bill Murray, Idris Elba und Ben Kingsley überzeugen, wirkt Scarlett Johansson eher wie ein Fremdkörper und auch Christopher Walken mit seinem Godfather-mäßigen Louie wirkt eher befremdlich (wäre James Gandolfini nicht verstorben, wäre der Part wohl sowieso an ihn gegangen). Auch Neel Sethi trumpft nicht gerade mit Schauspieltalent auf, obschon man sich mit fortlaufender Filmdauer an ihn gewöhnt. Und Zeit dafür existiert genug.

Mit fast zwei Stunden gerät The Jungle Book gerade in seinem Schlussdrittel etwas langatmig. Wie auch das Finale leicht überladen wirkt, was wohl auch dem aktuellen Trend in Hollywood geschuldet ist. Die etwaigen Referenzen Favreaus von The Godfather über Apocalypse Now bis hin zu The Lion King und natürlich dem Original gefallen mal mehr, mal weniger. Das abgewandelte Ende wiederum fühlt sich angesichts der thematischen Tiefe dieser Neuverfilmung authentisch an. Logisch und konsequent ist, dass Mogli zum Ende als Kind zweier Kulturen die Brücke zwischen beiden schlagen darf. Sein Menschsein wird nicht mehr unterdrückt, sondern imitiert. Wenn sich dann sogar Balu auf einen Baum bemüht, ist die Integration vollendet.

7.5/10

1. Mai 2015

Filmtagebuch: April 2015

THE ABCS OF DEATH 2
(USA/NZ/IL/CDN/J 2014, Chris Nash u.a.)
1/10

ACTRESS
(USA 2014, Robert Greene)
5.5/10

ADIEU AU LANGAGE [GOODBYE TO LANGUAGE]
(CH/F 2014, Jean-Luc Godard)

1/10

ALI
(USA 2001, Michael Mann)
6/10

AVENGERS: AGE OF ULTRON
(USA 2015, Joss Whedon)
3.5/10

THE BABADOOK
(AUS/CDN 2014, Jennifer Kent)
5.5/10

BANDITS [BANDITEN!]
(USA 2001, Barry Levinson)

5/10

BETTER CALL SAUL – SEASON 1
(USA 2014, Colin Bucksey u.a.)
7.5/10

CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER
(USA 2014, Anthony Russo/Joe Russo)
6/10

DAREDEVIL [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2003, Mark Steven Johnson)

6.5/10

MARVEL’S DAREDEVIL
(USA 2015, Phil Abraham u.a.)
7.5/10

GHOSTBUSTERS
(USA 1984, Ivan Reitman)
8.5/10

GHOSTBUSTERS II
(USA 1989, Ivan Reitman)
7.5/10

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT
(USA 2014, Ana Lily Amirpour)
7/10

GOING OVERBOARD
(USA 1989, Valerie Breiman)
1/10

GROWN UPS [KINDSKÖPFE]
(USA 2010, Dennis dugan)

4.5/10

INTERSTELLAR
(USA/UK/CDN 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

JACK AND JILL
(USA 2011, Dennis Dugan)
3.5/10

JIAO YOU [STRAY DOGS]
(RC/F 2013, Tsai Ming Liang)

4/10

JUST GO WITH IT [MEINE ERFUNDENE FRAU]
(USA 2011, Dennis Dugan)

6/10

KITCHEN NIGHTMARES (U.S.) – SEASON 4
(USA 2011, Jay Hunter u.a.)
8/10

MEN, WOMEN & CHILDREN [#ZEITGEIST]
(USA 2014, Jason Reitman)

2/10

MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL
(USA/UAE/CZ 2011, Brad Bird)
6/10

PAYCHECK
(USA/CDN 2003, John Woo)
4/10

THE PHANTOM
(USA/AUS 1996, Simon Wincer)
5.5/10

STARRY EYES
(USA/B 2014, Kevin Kölsch/Dennis Widmyer)
1.5/10

TAKERS
(USA 2010, John Luessenhop)
6/10

THAT’S MY BOY [DER CHAOS-DAD]
(USA 2012, Sean Anders)

7.5/10

V/H/S: VIRAL
(USA 2014, Justin Benson u.a.)
1/10

THE WEDDING SINGER [EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN]
(USA 1998, Frank Coraci)

7.5/10

Retrospektive: The Fast & the Furious


THE FAST AND THE FURIOUS
(USA/D 2001, Rob Cohen)
7/10

2 FAST 2 FURIOUS
(USA 2003, John Singleton)
5.5/10

THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT
(USA/D 2006, Justin Lin)
5.5/10

FAST & FURIOUS
(USA/J 2009, Justin Lin)
6.5/10

FAST FIVE [FAST & FURIOUS FIVE]
(USA 2011, Justin Lin)

7.5/10

FAST & FURIOUS 6
(USA 2013, Justin Lin)
6.5/10

FURIOUS 7 [FAST & FURIOUS 7]
(USA/J 2015, James Wan)

6/10

22. April 2015

Avengers: Age of Ultron

I know you mean well. But you just didn’t think it through.

Befragt nach Avengers: Age of Ultron soll Regisseur Joss Whedon gemeint haben, der Film werde “smaller” und “not just a rehash of what worked the first time”. Anhand dieser Äußerungen muss das jüngste Action-Fest aus dem Hause Marvel als gescheitert betrachtet werden. Kleiner ist das so genannte Marvel Cinematic Universe hier keineswegs, vielmehr folgt Whedon der Blockbuster-Marschrichtung: The bigger, the better. Das heißt mehr Action, mehr Figuren, mehr, mehr, mehr. Und im Umkehrschluss vermutlich auch mehr Einnahmen an den Kinokassen als das 1,5-Milliarden-Dollar-Baby The Avengers. Am Vorgänger orientiert sich das Sequel speziell in seinem finalen Set Piece teils 1:1, was Age of Ultron entsprechend langweilig macht.

Hilfreich für die Spannung ist ebenso wenig, dass Marvel im Vorfeld groß sein Line-up bis 2019 ankündigt, inklusive dem Benennen, welche Figuren in welchen Filmen auftauchen werden. Wer sich also mit der Materie auseinandersetzt, weiß schon vorab, wer am Ende des Films ins Gras beißen und um wen man sich keine Sorgen machen muss. Dass zahlreiche Trailer und TV Spots die Handlung vorwegnehmen, ist derweil schon seit Jahren Gang und Gebe in Hollywood. Insofern ist Age of Ultron ein ziemlich ermüdender Film, der ohne wirkliche Höhepunkte daherkommt. Die Action ist belanglos und die Charaktermomente verschenkt, weil die Mehrheit der Figuren – auch aufgrund ihrer Anzahl – wenig bis nichts zu tun bekommt.

Die Handlung des Films setzt dabei einige Zeit nach den Ereignissen von Captain America: The Winter Soldier ein. Obschon S.H.I.E.L.D. de facto nicht mehr existiert, da von HYDRA unterwandert, sind die Avengers scheinbar immer noch in Aktion, wie das Opening Set Piece in medias res zeigt. Captain America (Chris Evans) hat die Suche nach seinem alten Kameraden Bucky Barnes in die Hände von Falcon (Anthony Mackie) gelegt, kämpft stattdessen mit Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Hulk (Mark Ruffalo) gegen die Schergen von HYDRA-Bösewicht Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) im fiktiven osteuropäischen Land Sokovia.

Schnell erledigt man sich der hier aufgefundenen Probleme und hat HYDRA scheinbar endgültig besiegt. Für die Figuren von Downey Jr. und Ruffalo Anlass, mit Hilfe von Lokis geborgenem Zepter und dem darin enthaltenen Infinity Stone ihr Projekt der künstlichen Intelligenz Ultron zu perfektionieren. Diese soll auf lange Sicht die Avengers obsolet machen und selbstständig die Erde vor (außer-)irdischer Bedrohung schützen. Nur hat Ultron (James Spader) andere Pläne, strebt vielmehr danach, die Avengers und die Menschheit auszulöschen, weil sie in ihrer Evolution stagniert seien. Helfen sollen ihm dabei die aus Sokovia stammenden Mutanten-Zwillinge Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch (Elizabeth Olsen).

Die haben mit Tony Stark noch ein Hühnchen zu rupfen, weil ihr Haus einst von einer Rakete zerstört wurde, die Stark Industries hergestellt und verkauft hat. Nunmehr Waisen stellten sie sich in den Dienst von HYDRA und Baron von Strucker. Für die Avengers gilt es also, Frankensteins Monster zu eliminieren, ehe es Schaden anrichtet. Eine Mission, die die Helden vom fiktiven afrikanischen Staat Wakanda zum real existierenden Staat Südkorea über eine Zwischenstation in den USA zurück nach Sokovia führt. Mittendrin gibt es viel Krawall und Remmidemmi, in dessen Verlauf die Avengers quasi zu Terroristen avancieren, selbst wenn Ex-S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill (Cobie Smulders) dies charmant zum Social Media Trend euphemisiert.

Wirklicht thematisiert wird allerdings nicht, dass Iron Man und Hulk Anfang des zweiten Akts in Wakanda eine halbe Stadt in Schutt und Asche legen, bei der mehrere Gebäude beschädigt oder sogar zerstört werden. Womöglich sterben auch Menschen, was in diesen Disney-Marvel-Filmen schwer zu sagen ist. Später wird Joss Whedon diese innerstädtische Zerstörungsorgie noch zwei Mal wiederholen und damit Man of Steel toppen, der dies nur in zwei Städten wagte. Hier zeigt sich – zumindest für mich – eines der großen Probleme der Superhelden-Filme der Gegenwart, die glauben, großes Drama lässt sich nur dort inszenieren, wo es die Leute mitbekommen: mitten in der Stadt. Problematisch wird es, wenn ein Film hierbei redundant ausfällt.

Dass weniger manchmal mehr ist, haben Ang Lee und Bryan Singer vor zwölf Jahren in ihren Comic-Adaptionen unter Beweis gestellt. Dort wird in Hulk nicht halb San Francisco in Schutt und Asche gelegt, lediglich eine Straße aufgerissen und sowohl in X-Men als auch in X2 spielt sich der Konflikt zwischen Helden und Antagonisten außerhalb Bevölkerungsansammlungen ab. Wenn Whedon dann im Finale von Age of Ultron eine gesteigerte Neuauflage von The Avengers abliefert, spricht das Bände ob der fehlenden Ideen für dieses Sequel. Zugleich zeigen sich hier nochmals verstärkt die Probleme, die dem Film schon in seinen anderthalb Stunden zuvor die meiste Zeit über innewohnten: Er weiß mit seinen Figuren (zu) wenig anzufangen.

Denn zu den bereits angesprochenen Helden gesellen sich im Verlauf noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), War Machine (Don Cheadle) und der Android The Vision (Paul Bettany). Der Film beherbergt derart viele Figuren, dass er nie Zeit findet, sich wirklich um sie zu kümmern. Allenfalls Tony Stark bekommt eine richtige Handlung auf den Leib geschrieben, als moderner Dr. Frankenstein, dem seine Schöpfung abhanden kommt. Bezeichnend ist, wenn Thor Mitte des zweiten Akts kurzzeitig die Gruppe verlässt, um sich um eine Nebenhandlung zu kümmern, die sich im Off abspielt, für die aus unerfindlichen Gründen aber dennoch Stellan Skarsgård kurzzeitig zurück ins Franchise gezerrt wird. Alles im Dienste des Marvel Cinematic Universe.

Rechnet man die kleinen Nebenrollen von Andy Serkis als Ulysses Klaw (vorausschauend für Black Panther in zwei Jahren eingeführt) und Claudia Kim als Genetikerin Helen Cho dazu, plus Cameos von Idris Elba und Haley Atwell, beinhaltet Age of Ultron beinahe zwei Dutzend Figuren. Nahezu dankbar muss man sein, dass da die Helden-Freundinnen Gwyneth Paltrow und Natalie Portman nur in zwei Halbsätzen erwähnt werden. Und dennoch opfert Whedon Zeit, um zwei der übrigen Figuren mit einer aus heiterem Himmel ins Geschehen geschriebenen Romanze, der jegliches Fundament fehlt, auszustatten. Ironischerweise sind dies dann noch die dankbareren Momente, weil die Charaktere hier zumindest etwas zu tun kriegen.

Zumindest der Ansatz, den Joss Whedon mit Age of Ultron verfolgt, ist vielversprechender als noch im Vorgänger die beliebig erscheinende Alien-Invasion. Ultron als ultimativer Avenger ist nachvollziehbar gedacht, seine augenblicklich eintretende Abkehr vom Schöpfer wirkt aber so überhastet, wie sein finaler Plan in sich selbst unsinnig. Er ist, wie so vieles in diesem Film, bloß Mittel zum Zweck und Aufhänger für die nächste Actionszene. Das Potential der Handlung wird ebenso verschenkt wie seine Figuren in dieser, von denen der im Vorgänger blass gebliebene Hawkeye vermeintlich etwas mehr Tiefe bekommt – nur macht diese den langweiligen Bogenschützen, trotz aller im Film geäußerten Beteuerungen, nicht wirklich interessanter.

Ein Urteil, das auf die meisten hier zutrifft. Wirklich spannend ist lediglich die Beziehung von Stark und Ultron, ohne dass Whedon sie vollends ins Zentrum stellt. Sie wird angerissen, wie so vieles, darunter auch die Folgen, die das Treiben von Iron Man und Avengers auf die Menschheit haben (siehe Quicksilver und Scarlet Witch oder Wakanda/Sukovia). Beiläufig erwähnt, weil: keine Zeit. Wirklich Leben bekommen die Mutanten nicht eingehaucht, genauso wenig wie The Vision. Und der eigentlich vielschichtige Ultron verkommt schnell zum 0815-Maniac, der mit seinem Weltzerstörungsplan ebenso gut der Widersacher von James Bond wie den Avengers sein könnte. Etwas mehr Auseinandersetzung mit sich selbst wäre nett gewesen.

Etwas, was man Whedon und Marvel generell als Rat mitgeben möchte. Denn irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, keine Stadt mehr zerstörbar, auch die letzte Minute der zweieinhalbstündigen Laufzeit mit am Computer gerenderter Action ausgefüllt. Dass man mit wenig auch viel, wenn nicht sogar mehr erreichen kann, zeigte zuletzt Marvels auf Netflix exportierte Serie Daredevil. Hier ist der Bösewicht eine reale Figur mit Persönlichkeit und der Held ein mit sich hadernder Weltverbesserer, beide sich nicht unähnlich und doch mit unterschiedlichen Ansätzen. Ihr Konflikt ist spannend und steht im Fokus des Geschehens. Manchmal ist weniger mehr. Zumindest an den Kinokassen wird das für Age of Ultron aber irrelevant sein.

3.5/10

19. August 2014

Under the Skin

N-N-Nuh-- N-N-Nuh-- N-N-Nuh-- No.

Ist es ein Raumschiff? Ist es eine Iris? Am Anfang von Jonathan Glazers Sci-Fi-Adaption Under the Skin, lose basierend auf dem gleichnamigen Roman von Michel Farber, fällt es schwer, die Bilder richtig zu interpretieren. Sie erinnern entfernt an die visuellen Spielereien eines 2001: A Space Odyssey und zeugen von der Ankunft eines Aliens, welches für den restlichen Filmverlauf von Scarlett Johansson gespielt wird. Untermalt werden die Eingangsbilder von gutturalen Lauten, wenn sich das Alien bemüht, unsere Sprache nachzuahmen. In einem Raum aus weiß streift es sich die Klamotten eines regungslosen Mädchens über, dessen Erscheinungsform es übernommen hat. The Terminator lässt grüßen, war aber weniger kunstvoll.

Jonathan Glazer, der im Trailer zum Film das Standardsiegel des „visionären“ Regisseurs erhält, inszeniert Under the Skin in der Tat zuvorderst über seine Bilder. Auf das eindrucksvolle Opening folgen Bilder des Aliens, welches in einem Van durch Glasgow fährt, auf der Suche nach Single-Männern, deren Verschwinden niemandem sofort auffallen würde. Mit schwarzer Perücke und dickem roten Lippenstift wird flirtender Small Talk geführt. Bis tatsächlich Männer in die Venusfalle tappen. “Gorgeous” sei sie, hört das Scarlett-Johansson-Alien dabei immer wieder. “Cheers.” In leerstehenden Häusern lockt das Alien die Männer in einen schwarzen Raum, in welchem der Boden sich verflüssigt bis die nackten Opfer unter ihm verschwinden.

Da war sie wieder, die immer mal wieder auftauchende visuelle Genialität des Films, die brillant von der atmosphärisch-mystischen Musik von Mica Levi untermalt wird. Die Welt des Aliens, zu der es hier und da inmitten der unsrigen Einblicke gibt, ist zweifelsohne faszinierend. So auch, wenn wir in der Mitte des Films bildlich erzählt bekommen, was Sinn und Zweck der Männerjagd des Aliens ist. Dieses mutiert in Form von Scarlett Johansson zum buchstäblichen “Maneater”, auf fast schon anmutige Weise erzählt durch die Bildsprache von Daniel Landin. Hier sehen wir den Auslöser und das Motiv der Filmhandlung, die eigentliche Prämisse ist jedoch eine andere. Denn Ende des zweiten Akts setzt bei dem Alien eine Wandlung ein.

Dieser widmet sich Michel Farber in seinem Roman ausführlich, während sie in Jonathan Glazers Film wiederum weitestgehend untergeht. Wo das Alien im Buch realisiert, dass hinter dem Mensch mehr steckt als das, wozu es auf die Erde gekommen ist, wird das Interesse seines Filmpendants nicht wirklich deutlich. Plötzlich kehrt es seiner Tätigkeit den Rücken und versucht sich im dritten Akt an einem integrativen Prozess. Was heißt das eigentlich, Mensch zu sein – und nicht nur wie einer auszusehen? Eine gute Frage, der sich viele Denker gewidmet haben. Jonathan Glazer ist keiner von ihnen. Mensch sein heißt in Under the Skin Torte zu essen und Sex zu haben. Auch wenn beides aufgrund der außerirdischen Anatomie nicht geht.

Das Drehbuch, es ist des Films größter Widersacher. Fragen, die sich einem in den ersten beiden Akten stellen (warum „jagt“ das Alien Männer mitten in Wohngegenden, anstatt wie im Roman auf Anhalter zurückzugreifen?), erscheinen spätestens dann der Vernachlässigung wert, wenn im dritten Akt die Humanisierung des Außerirdischen thematisiert wird. Wirklich interessant gerät diese nicht, was auch daran liegen mag, dass sie oberflächlicher kaum geraten könnte. Visuell wird zeitgleich wenig geboten, die kreative Bildsprache wird weitestgehend zurückgestellt, allenfalls einige schöne Landschaftsaufnahmen der schottischen Provinz wissen zu gefallen. Und so sehnt man als Zuschauer irgendwann nur noch das Ende herbei.

Was etwas schade ist, da Under the Skin keinesfalls ein schlechter Film ist. Genau genommen sogar Jonathan Glazers bester, nach dem eher belanglosen britischen Krimi Sexy Beast und dem völlig missratenen Drama Birth. Wie in diesen zeigt sich auch hier, dass Glazer nicht wirklich eine Figurenzeichnung versteht, allenfalls deren schablonenhafte Skizzierung. Immerhin kommt hier zu Gute, dass der Protagonist ein Alien ist, welches von Scarlett Johansson mit jener stoischen Selbstverständlichkeit gespielt wird, wie es zuvor schon anderen Kollegen wie David Bowie oder Keanu Reeves pflegten. Sie ist im Grunde die einzige Schauspielerin in einem Film, der zum Großteil mit Laiendarstellern auskommt. Und das auch sehr gut.

Die eindrucksvollste Szene in Under the Skin ist jene, in der das Alien nachts in einem Vorort einen Mann anspricht und in sein Auto lockt, dessen Gesicht von Tumoren entstellt ist. Wenn das Alien in freundlicher Manier seinen üblichen Small Talk startet (gibt es Freunde oder Freundin, die ihn vermissen würde?) und der entstellte Mann das verneint, wirkt das zum einen wie gehässiges In-die-Wunde-reiben und zugleich wie aufrichtiges Interesse. “Don’t you get lonely then?”, fragt das Alien den Mann und sieht womöglich in diesem letztlich auch in gewisser Weise eine Spiegelung seiner selbst. Ein Wesen ohne Freunde und Partner. Es ist die entscheidende Szene vor seiner scheinbaren Katharsis und mit den visuellen Ideen des Films sein Highlight.

Was es jedoch letztlich von seiner Mission abbringt und zum Menschsein hinzieht, bleibt im Film außen vor. Ein wirkliches Thema besitzt Glazers Film dabei nicht, interessiert ihn doch weder der eine noch der andere Aspekt seiner Handlung. Die positive Resonanz von Under the Skin – Glazer wird bereits als Erbe Kubricks geadelt – erklärt sich wohl zuvorderst ob der erschaffenen Atmosphäre des Films, der sich weniger Worte bedient und mit ungewöhnlichen Bildkompositionen dient. Style over Substance, wenn man so will. Dass das eine das andere nicht ausschließt, zeigt ein Terrence Malick mit seinen Werken, zum Problem wird es in Under the Skin, da der Film zum Schluss doch Substanz erschaffen will, ohne diese zu etablieren.

Das Ergebnis ist dann dennoch Jonathan Glazers bis dato reifster und bester Film, auf jeden Fall eine Steigerung gegenüber dem missratenen Birth und sicherlich auch so manchem anderen Genrevertreter wie Nicolas Roegs lahmen The Man Who Fell to Earth weit überlegen. Ähnlich wie dieser könnte Under the Skin dabei zu einer Art Kultfilm avancieren, nicht zuletzt aufgrund seines limitierten Release (hier in Deutschland erscheint er Direct-to-DVD), der danach schreit, als Geheimtipp die Runde zu machen. Etwas schöner – und befriedigender – wäre allerdings gewesen, wenn man unter der Oberfläche von Under the Skin tatsächlich etwas vorgefunden hätte. Wie im Falle seines Aliens zeigt sich jedoch, dass der Schein trügen kann.

6.5/10

24. März 2014

Captain America: The Winter Soldier

On your left.

Eine gewisse Chuzpe muss man Marvel schon zugestehen, wenn Captain America: Civil War in 2016 nahezu zeitgleich mit dem Batman V Superman-Vehikel aus dem Hause Warner Bros. starten soll. Schließlich lief Captain Americas Origin Story von allen Solo-Avengers-Filmen am bescheidensten, trotz des innewohnenden Zweiter-Weltkriegs-Pathos’ der Thematik. Als letzter Wegbereiter des Milliarden-Spektakels The Avengers war der Captain auch in diesem eher die zweite Geige hinter Iron Man und Co. Mehr als genug Grund also für die Regie-Brüder Anthony und Joe Russo (Community), in Captain America: The Winter Soldier richtig auf die Kacke zu hauen.

Nach 70 Jahren Froststarre scheint Steve Rogers (Chris Evans) langsam angekommen in der Neuzeit, macht er doch das, was er schon damals tat: Für Vater Staat die bösen Buben jagen. Darunter auch moderne wie Piraten, die ein geheimes S.H.I.E.L.D.-Schiff überfallen. Auf diesem finden Captain America und Black Widow (Scarlett Johansson) jedoch noch mehr: Dateien, die auf eine Verschwörung innerhalb von S.H.I.E.L.D. hinweisen. Die könnte nicht nur das Leben von Nick Fury (Samuel L. Jackson) in Gefahr bringen, sondern obendrein auch drastische Folgen für den Rest der Welt haben. Seine Nachforschungen bringen Captain America selbst ins Schussfeld.

Direkt im ersten Akt muss Rogers feststellen, dass die USA – hier in Form von S.H.I.E.L.D. – wenig mit jenem Land eint, für das er einst in den Krieg zog. Im Geheimen basteln Fury und Co. an drei weiteren Helicarriern, die präventive militärische Schläge ausüben können. Man lebe schließlich in der Welt, wie sie ist, und nicht, wie man sie gerne hätte, blafft Fury den Captain an. Dass S.H.I.E.L.D. selbst im Verlauf immer mehr faschistische Züge annimmt und für die Helden der Geschichte die Offenlegung der Wahrheit mittels des Internets –WikiLeaks lässt grüssen – der einzige Ausweg scheint, war im Vorfeld eines Captain America-Films so nicht zu erwarten.

Ohnehin hat das zweite Abenteuer um den First Avenger (der in der deutschen Version weiter den Titelzusatz schmückt) über weite Strecken wenig mit dem Krachbumm von The Avengers zu tun, sondern folgt der Tradition von 70er-Jahre-Spionage-Thrillern (daher die Inklusion von Robert Redford als S.H.I.E.L.D.-Direktor). An Action kommt der Film dennoch nicht vorbei. Wer es pompös mag, kommt ebenso auf seine Kosten wie Leute, für die größer nicht gleich besser ist. Gerade die Eins-gegen-Eins-Situationen bergen Spannung, sei es wenn Rogers gegen Martial-Arts-Söldner Batroc kämpft oder den gespenstischen Winter Soldier (Sebastian Stan).

In seiner Summe ist Captain America: The Winter Soldier somit einer der besseren Marvel-Filme, auch wenn nicht vollends überzeugen kann. Die Auflösung der Verschwörung gegen Ende des zweiten Akts überzeugt in ihrer Konzeption nur bedingt, wie auch die Action in ihren pompösen Momenten und gerade im Finale etwas zu ausufernd gerät. Zudem wundert man sich ob der jeweiligen Betroffenheit der Avengers: Als die USA in Iron Man 3 von Terrorismus bedroht waren, blieben Captain America und S.H.I.E.L.D. außen vor. Nun, da nicht nur die USA, sondern auch die Welt betroffen sind, ist von Tony Stark keine Spur. Dabei ist er hier sogar persönlich betroffen.

Mit dem The Avengers-Erfolg im Rücken dürfte Captain America: The Winter Soldier aber ebenso wie Thor: The Dark World beim Einspiel etwas zulegen. Inwieweit die Ereignisse des Films dann in Avengers: Age of Ultron einfließen, bleibt ungeachtet der obligatorischen Mid-Credit-Szene von Marvel vorerst noch abzuwarten. Eines steht jedoch außer Frage, von der sozio-politischen Chuzpe der Russo-Brüder dürfte sich auch der blasse Joss Whedon für seine Avengers-Fortsetzung ruhig eine Scheibe abschneiden. Und Captain America selbst wird es anschließend in Civil War wieder „alleine“ wagen – selbst wenn ein Großteil der Avengers ebenfalls gebucht sind.

6.5/10

20. April 2012

The Avengers

There is no version of this where you come out on top.

Jetzt, endlich, ist es soweit. Jeder Held und jede Sekretärin aus dem Avengers-Büro wurde, seit 2008 Iron Man die große Vorstellungsrunde begann, eingeführt. Okay, die Gründungsmitglieder aus dem Comic, Ant-Man und Wasp, haben es nicht in den finalen Film geschafft, aber irgendwann schien auch Marvel keinen Bock mehr gehabt zu haben, für jede Figur einen eigenen Prologfilm zu produzieren. Immerhin kostet jedes cineastische Bewerbungsgespräch der Spandex-Träger knackige 150 Millionen Dollar – Marketingkosten nicht einmal berücksichtigt. Stattdessen kommt also nun The Avengers, mit 220 Millionen Dollar etwas teurer produziert, dafür aber vollgestopft mit Superhelden und Hollywood-Stars. Total super, oder?

Das Problem war nur, wie das Ergebnis strukturiert werden würde. Denn im Gegensatz zu den beiden Iron Man-Filmen liefen die anderen Avenger-Helden zwar solide, aber auch keineswegs (ähnlich) überragend. Das Reboot-Sequel The Incredible Hulk spielte kaum mehr ein als der – gänzlich zu Unrecht – vielgescholtene Hulk von Ang Lee, während Captain America etwas mehr als die Hälfte von Iron Man 2 einbrachte. Wie passend, dass selbst in den USA Thor erfolgreicher lief als der US-Posterboy. Es oblag also nun Joss Whedon, dafür zu sorgen, dass The Avengers nicht zu Iron Man & Friends verkommen würde. Bezeichnend ist nunmehr, dass dieser Fall nun dennoch eingetreten ist. Und angesichts der Figurengestaltung im Grunde auch zurecht.

Robert Downey Jr. und sein Tony Stark sind der große Trumpf dieses Films. Egomanisch, egozentrisch und damit quasi die fleischgewordene Inkarnation Hollywoods. Kein Wunder ist es Tony Stark alias Iron Man, dem die Glanzlichter des Films gehören. Während Stark für den comic relief sorgt, indem er sich verbale Scharmützel mit dem steifen Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans) liefert oder Bruce Banner (Mark Ruffalo) und Gegenspieler Loki neckt, obliegt es Iron Man, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wenn seine Kollegen überfordert sind. Man wird folglich das Gefühl nicht los, hier einen Füllfilm zwischen Teil 2 und 3 von Iron Man zu sehen. Denn im Grunde braucht es Captain America und Co. für The Avengers nicht.

Das wiederum ist dem Gesamtkonzept geschuldet, war doch absehbar, dass es einer überaus bedrohlichen Gefahr bedurfte, um Iron Man, Captain America, Hulk und Thor zu vereinen. Am Ende ist es nun Loki (Tom Hiddlestone) geworden, der kleine Asen-Bruder von Thor (Chris Hemsworth), der ihm bereits in dessen Intro-Film nicht gewachsen war. Zwar erhält er Hilfe einer außerirdischen Rasse – die laut Produzent Kevin Feige nicht die in den Comics auftauchenden Skrulls sein sollen, seltsamerweise jedoch Chitauri, auch bekannt als Ultimate Skrulls, sind –, wirklich ins Hemd macht man sich als Zuschauer angesichts dieser aber nicht. Es passt daher ins Bild, dass die größte Gefahr im Finale nicht außerirdischen Ursprungs ist.

Ohnehin sind die Alien-Invasion und Lokis Agenda, die gleichzeitig die Prämisse des Films bilden, reichlich unausgegoren geraten. Die Aliens wollen den Tesserakt, und diesen soll ihnen Loki besorgen, der wiederum will sich die Menschheit Untertan machen, dabei war sie ihm in Thor noch total egal. Weshalb die Aliens der Hilfe von Loki bedürfen und dieser sich von Ende des ersten bis Anfang des dritten Aktes mit einem total bescheuerten Nebenkriegsschauplatz aufhält – der für sich genommen keinen Zweck erfüllt und lediglich eine Ausrede für ein Action-Set-Piece sowie eine Gegenüberstellung aller Figuren darstellt –, sollte man besser nicht hinterfragen. Denn statt einer Handlung wartet nur eine Szenen-Show.

Viele kleine Einzelszenen werden dem Publikum geboten, einige von ihnen gab es bereits im massigen Preview-Material zu sehen. Iron Man und Captain America konfrontieren Loki, Iron Man und Captain America prügeln sich mit Thor, Thor prügelt sich mit Hulk, Black Widow prügelt sich mit Hawkeye, am Ende prügeln sich alle mit den Chitauri und Nick Fury steht meistens neben Cobie Smulders’ Maria Hill und erzählt den Superhelden, was eigentlich Sache ist. Zu einer stringenten und zusammenhängenden Handlung wird dies eher gequetscht, als dass es harmonisch ineinander fließt. Und dass die Hälfte des zweiten Akts sowie der gesamte dritte Akt – und damit die ganze zweite Hälfte des Films – nur aus Action besteht, tut ihr Übriges.

Zwar klingt das spaßig, wenn man sich vorstellt, dass Iron Man, Captain America, Hulk und Thor eine geschlagene Stunde lang in Action involviert sind, nur verliert die Action dadurch irgendwann an Spannung. Allein die Actionszene im Mittelteil gerät so epochal, dass allein der Versuch, sie noch mit einer Alien-Invasion zu steigern, beinahe anmaßend ausfällt. Und wenn dann Welle auf Welle nimmermüder Chitauri niedergestreckt werden, während die B-Riege der Helden um Black Widow und Hawkeye aufgrund fehlender Superkräfte Passanten aus Bussen befreien – das alles ohne erkennbare zivile Verluste oder Blut, schließlich ist es ein FSK-12-Film von Disney –, sehnt man irgendwann nur noch sehnsüchtig das Ende herbei.

Nach all dem Prologgedöns der letzten vier Jahre fällt The Avengers somit doch relativ enttäuschend aus. Sicher muss der Film keinen Drehbuch-Oscar gewinnen, aber bereits seine Vorgänger wandelten auf narrativ dünnen Pfaden. Dass die krude zusammengehaltene Handlung hier nur Legitimation für Action Deluxe sein soll, macht Whedons Film jedenfalls ziemlich vergessenswert. In wenigen Monaten, wenn dann mal wieder Batman und Spider-Man über die Leinwand turnen, wird man The Avengers bereits abgehakt haben. Dabei hat der Film durchaus seine positiven Eigenschaften und Momente, nur erscheinen diese angesichts der vielen vergeudeten Möglichkeiten zu gering, als dass sie das Ergebnis korrigieren könnten.

So sind es primär die vergnüglichen Iron Man und Hulk, die mit Humor und Schmackes dem Film eine Lanze brechen, was aufgrund der enormen Überlänge von zweieinhalb Stunden und Randfiguren wie denen von Jackson, Johansson und Renner aber nicht genug erscheint. Hier wäre im Nachhinein weniger mehr gewesen. Weniger Laufzeit, weniger Action, mehr Handlung und mehr Zeit für die Figuren. Denn irgendwie hat man sich nach fünf Filmen, die hierauf zugearbeitet haben, mehr versprochen als eine einzige große Actionszene ohne wirkliche Spannungsmomente, einem eher entschuldigten denn fundierten Handlungsgerüst und einer Handvoll Figuren, die zuvorderst Downey Jr. als Futter seiner ironiegewürzten Dialoge dienen.

Wen es also nach enormer Action voller Superhelden lechzt, wer sowieso am liebsten Iron Man die Daumen drückt, der dürfte mit The Avengers die richtige Hausnummer erwischt haben. Wünscht man sich jedoch, dass sich der Film so viel Zeit für seine Figuren und Geschichte nimmt, wie Bryan Singer in seinen X-Men- oder Sam Raimi in seinen Spider-Man-Filmen, dürfte man enttäuscht werden. Sollte es eine Fortsetzung geben und Joss Whedon erneut auf den Regiestuhl zurückkehren, will er das Sequel im Übrigen „kleiner und persönlicher“ inszenieren. Das klingt zwar schon vielversprechend(er), ob dem so ist, muss sich jedoch erst zeigen. Zuvor gilt es ohnehin erst einmal fünf weitere, flache Marvel-Filme durchzustehen.

4.5/10

8. Februar 2009

He's Just Not That Into You

Ken Kwapis zeichnete sich als Regisseur einiger Episoden der kultigen Sitcoms The Office und Malcolm in the Middle aus. Seine Kinokomödien wie Licence to Wed stinken dagegen meist gewaltig. So auch sein neuestes Vehikel, welches stargespickt bis zum Anschlag daherkommt. Einen Grund sich das dennoch anzutun wäre die atemberaubende Jennifer Connelly. Meine Besprechung zum Film findet sich beim MANIFEST.

3.5/10

30. Januar 2009

Panel to Frame: The Spirit

Shut up and bleed.

Für viele Fans der Szene ist es die Mutter aller Comics: Will Eisners The Spirit, zum ersten Mal erschienen am 2. Juni 1940. „Es gibt niemanden wie Will Eisner“, sagte Comic-Legende Alan Moore 1986. „Es gab nie jemanden und an meinen schlechten Tagen bezweifele ich, dass es je einen geben wird“. Eisner hat den Comic per se nicht erfunden, sowohl Superman als auch Batman waren damals schon aktiv. Die Meinung der Experten ist jedoch, dass Eisner das Genre neu erfunden hat. Revolutioniert. Für Legenden wie Alan Moore wäre die heutige Comic-Landschaft nicht denkbar ohne Eisner, unabhängig von all den Verdiensten eines Bob Kane, Stan Lee oder Jack Kirby. „What we’re doing is building upon the solid groundwork that Eisner has been laying down“, erläuterte Moore und ergänzte: „He’s THE BOSS, and we know it“. Was genau war so revolutionär an The Spirit, Eisners Superhelden-Geschichte, die dieser nie als solche konzipiert hatte? Ein Jahr vor der ersten Veröffentlichung trat 1939 Busy Arnold an Eisner heran. Er beauftragte den Zeichner für die Sonntagsausgabe von Zeitungen eine Comicserie zu erschaffen.

„Something that had never been done before“, erinnerte sich Eisner noch im Jahr 2000. Der 23-Jährige durfte eine Figur erschaffen, zeichnen und gestalten – alles auf eigener Verantwortungsbasis. Eisner konzipierte seine Geschichte als Detektivroman, sein Held – Privatermittler Denny Colt – sollte menschlich und glaubwürdig erscheinen. Eines Tages erhielt Eisner dann einen Anruf von Busy Arnold, der wissen wollte, ob Colt auch ein Kostüm tragen würde. „Every comic-book hero today has a costume“, beharrte er, sonst könnte man die Geschichte nicht verkaufen. Eisner gab nach, verpasste Colt, den er The Spirit nannte, eine Maske und Handschuhe. Ironischerweise sollte Colt weder das eine noch das andere in seinem ersten Abenteuer, The Origin of The Spirit (2. Juni 1940), tragen. Mit seiner damals meist 7-seitigen Serie lotete Eisner die Grenzen des Genres neu aus. In der einen Woche war The Spirit in eine Detektiv-Geschichte involviert, in der anderen in eine Geister-, Piraten-, Liebesgeschichte oder gar Komödie.

Mit einer Unterbrechung von drei Jahren – Eisner diente von 1942 bis 1945 in der Armee – war der Amerikaner insgesamt neun Jahre an The Spirit beteiligt. Die Serie lief von 1940 bis 1952. Ein Problem der frühen Abenteuer war fraglos die Tatsache, dass Eisner nur eine beschränkte Anzahl an Einzelbildern (panels) zur Verfügung standen. Zwar bewies der junge Zeichner durchaus Brillanz, indem er zusätzliche Bilder überlappend über zwei Panels platzierte – eine Maßnahme, die inzwischen längst zum Alltag geworden ist -, doch ändert dies nichts daran, dass die Serie aus heutiger Sicht unwahrscheinlich schlecht gealtert ist. Gerne hätte Eisner ausführliche Handlungen etabliert, nur hatte er hierfür keinen Platz. So wirken viele der Abenteuer unglaublich hastig, wird das Problem von Colt innerhalb weniger Panels – meist um die neun – gelöst und dadurch teilweise unglaubwürdig. Dabei besitzt die Reihe fraglos ihren Charme und Colt Wiedererkennungswerte. Er ist ein Frauenmann, der es besonders Ellen Dolan, der Tochter des Polizeichefs Dolan, angetan hat.

Auszug aus The Mastermind Strikes (6. Oktober 1940)

Es ist jener Polizeichef, der als Einziger um die wahre Identität von The Spirit weiß. Seine Abenteuer begeht Colt dabei stets mit einer Portion Humor, ohnehin ein Aspekt, den Eisner nicht vernachlässigen wollte. So kommt es in The Prom beispielsweise dazu, dass The Spirit Ellen den Hintern versohlt, als diese ihn fälschlicherweise in einen Mordfall hineinziehen will. Als Kind seiner Zeit sind Colt und andere Charaktere jedoch auch klar stereotyp gezeichnet. Der Detektiv selbst ist ein Narzisst und über alle Maße von sich selbst überzeugt. Ein gewisser Chauvinismus schlägt auch durch. Frauen wie Ellen Dolan oder Sand Saref verkommen zu Klischeebildern. Die eine himmelt ihren starken Liebhaber an und bereitet ihm meist Probleme, die andere ist hauptsächlich an schimmernden Dingen orientiert und strebt nach Schmuck und Reichtum.

Beides sind Aspekte die Comicautor Frank Miller – eine eigene Legende innerhalb der Szene – in seine Verfilmung The Spirit eingebaut hat. Vor vier Jahren dann stieß Miller zum Projekt und machte sich an die Arbeit die Kultreihe zu verfilmen. Einen Aspekt hat er dabei bewusst ausgelassen: Ebony White. Man mag es auf die Epoche schieben – Martin Luther King Jr. sollte mit seiner Reformbewegung noch 28 Jahre auf sich warten lassen -, aber Eisners The Spirit ist zweifelsohne rassistisch. Eine Woche nach seiner Erstehung wurde Ebony in The Return of Dr. Cobra eingeführt. Er ist ein afroamerikanisches Straßenkind, von Eisner mit großen weißen Augen und einem übergroßen Schmollmund gezeichnet. Zudem offenbart sich die Figur noch durch ihre Sprache, die gegenüber der Ausdrucksweise der anderen (beziehungsweise weißen) Figuren weit primitiver war. Schon bald verkommt Ebony zum Sidekick vom Spirit, wird sein Stammtaxifahrer und Begleiter. Immerhin lässt sich sagen, dass Colt nie sonderlich despektierlich mit Ebony umgeht, was am Rassismus gegenüber der Figur (allein der Name spricht für sich) jedoch nichts ändert.

„I intend to be extremely faithful to the heart and soul of the material, but it won't be nostalgic”, erklärte Miller im Frühjahr 2007. Während Eisners Reihe vom visuellen Hintergrund eher in einer Liga mit Kollegen wie The Phantom oder The Shadow spielte, adaptierte Miller die Geschichte anhand seines eigenen visuellen Stils, den Robert Rodriguez bereits in Sin City oder auch Zach Snyder in 300 angewandt hatte. Während in der Filmversion die Figur von Ebony White wegfiel, arbeitete Miller andere Charaktere wie The Octopus und Silken Floss ein wenig aus. Eisners The Spirit ist sicherlich keine Comicserie, die sich schwer adaptieren lassen würde und dennoch hat es Miller geschafft, diese Aufgabe in den Sand zu setzen. Anstatt „faithful to the heart and soul of the material“ zu sein, hat Miller einen Film geschaffen, der quasi eine Frank Miller Interpretation von The Spirit ist und letztlich daherkommt, als hätte der Amerikaner einen Band seiner eigenen Sin City-Reihe verfilmt.

Miller beginnt den Film vielversprechend, indem er sich nämlich nicht die Mühe macht die Entstehung seiner Figur als Einführung zu verwenden. Ein Einsatz ruft und The Spirit (Gabriel Macht) ist auf dem Weg. Er rennt über die Häuserdächer und dies mit artistischer Präzision. Als es ihm zu langsam geht, übernimmt er einen vorbeifahrenden Polizeiwagen (Auftritt von Miller als Polizist). Am Einsatzort wartet eine verwundete Person und murmelt etwas von einer wunderschönen Frau. Es folgt der Auftritt des Octopus (Samuel L. Jackson), der bei den Fans der Vorlage für Kontroversen sorgen dürfte. Während Eisner seinen Octopus als Nemesis von Colt erschuf, der abgesehen von seinen Handschuhen nie zu sehen war, inszeniert Miller den Oberschurken als durchgeknallte Kanaille, die von Jackson mit Freude überspielt wird. Was folgt ist ein minutenlanger Kampf zweier Männer, die scheinbar keinen Schmerz verspüren. Irgendwann nimmt der Octopus eine Keramiktoilette (wo er diese mitten in einer Sumpflandschaft her hat erfahren wir nicht) und knallt sie Spirit über den Kopf. „Come on! Toilets are always funny!“, schreit der Octopus und dies weniger an Spirit gerichtet, als vielmehr ans Kinopublikum selbst.

Jene Szene steht exemplarisch für den gesamten Film, wenn Miller seine Zuschauer durch den Film selbst anweisen muss, wie sie zu reagieren haben. Der Kampf und die Szene allgemein haben keinen tieferen Sinn, dienen der Klimax des Filmes, die später kommt und dramatisch sein soll, es jedoch letztlich nicht ist. In Millers Film dreht sich alles um diese Beziehung zwischen dem Octopus und Spirit. „We’re two of a kind“, trällert ihm der Bösewicht entgegen und regt den Held zum Nachdenken an. Kurz darauf findet sich eine neue Leiche und wieder wird diese auf eine schöne Frau zurückgeführt. Es stellt sich heraus, dass Sand Saref (Eva Mendes) wieder in Central City ist. Wie es scheint, macht sie gemeinsame Sache mit dem Octopus. Doch Colt weiß es besser, hat er doch eine eigene Vergangenheit mit Sand. Diese wiederum wird zwar sehr schön inszeniert, allerdings wirkt sie nicht minder konstruiert beziehungsweise platziert wie alle anderen Elemente in Millers Film. Auf den ersten Blick hat The Spirit nicht mehr viel mit Eisners ursprünglicher Geschichte (zumindest in ihrer Anfangszeit) zu tun. Miller verändert die Figuren nach seinem eigenen Belieben. Aus Denny Colt, dem Detektiv im obligatorischen blauen Anzug wird Denny Colt, der Straßenpolizist, in Schwarz mit übermenschlichen Kräften. Mehrere Schusswunden heilen innerhalb weniger Minuten. Aus dem ehemals menschlichen Helden ist bei Miller der Superheld schlechthin geworden.

Die Entstehungsgeschichte der Figur ist verloren gegangen, wurde stattdessen mit dem Octopus verwoben. Dieser ist weniger Octopus als vielmehr Samuel L. Jackson in Reinform. Bevorzugt inszeniert von Miller in schrillen Kostümen in noch schrillerer Ausstattung. Eine unsägliche Figur und ganz speziell eine unsägliche Interpretation von Jackson. Doch immerhin erträglicher als die Bodyguards des Octopus, eine geklonte Armee von Louis Lombardi. Das ganze kulminiert dann in einer der nervigsten Szenen der letzten Jahre, wenn der Octopus in seinem Labor sitzt und einen springenden Lombardi-Fuß klont, dem alle fasziniert beiwohnen. Die Figureninterpretation von Miller ist somit bedenklich und insbesondere zwiespältig. Während Lombardi und Jackson wie Störfaktoren wirken, können Mendes als Sand Saref und auch Sarah Paulson als Ellen Dolan überzeugen. Scarlett Johansson liefert eine eigene Interpretation von Silken Floss, bei der deren Sinn und Zweck nie wirklich erläutert wird. Von der Nuklearphysikerin und brillanten Chirurgin ist im Film nichts zu sehen. Enttäuschenderweise wird auch sonst keine Agenda für die junge Frau eingeführt, die lediglich als kalkulierte Assistentin des Octopus aufwartet. Die DarstellerInnen des Filmes und ihre Besetzung sind somit streitbar, jedoch nicht das Manko des Filmes. Dieses liegt ganz klar auf der inhaltlichen und visuellen Ebene von The Spirit.

Die meiste Zeit über ist der Film an einem aufgehellten schwarz-weiß Ton orientiert, wie man ihn auch in Sin City oder Sweeney Todd findet. Die Bilder sind dunkel und düster, Central City selbst erinnert fraglos an Basin City oder Burtons Gotham City. Eine Gegend, in der man sich Nachts nicht freiwillig rum treiben möchte und zugleich doch die Stadt des Helden. „Walk down the right alley in Sin City and you can find anything“, säuselte Marv in Millers Eigenwerkadaption. Hier darf Colt seine nie in Frage gestellte Liebe zu seiner Stadt bekunden: „My city screams. She is my mother. She is my lover“. Dass Colt statt einem blauen einen schwarzen Anzug trägt, hängt wohl mit Millers Inszenierungsstil zusammen. So kann er die Figur mit dem ohnehin schwarzen Hintergrund verschmelzen lassen und dadurch die Betonung auf Colts rote Krawatte legen. Abgelöst werden die ausgebleichten Bilder dann hin und wieder stets von kräftigen und satten Farben, die oftmals als Hintergrundpanels dienen.oder für die Hervorhebung von Details verwendet werden. Miller setzt sie bei Sand Sarefs Abschied in Jugendjahren ein, am häufigsten jedoch wenn der Octopus im Bild ist.

Gerade in dessen Hauptquartier treibt es der Regisseur sprichwörtlich kunterbunt. Hier ist mit Miller ohne Zweifel das Pferd durchgegangen. Ohnehin sind die Szenen, die sowohl den Octopus als auch Silken Floss enthalten, derartig schrill und gewollt schräg, dass einem der Kopf zu schmerzen droht. Seinen stilistischen Höhepunkt findet das Ganze dann, wenn Jackson und Johansson in SS-Uniformen zu „Deutschland, Deutschland über alles“ dem Spirit den „Twist“ des Filmes offenbaren. Was Miller mit jener Szene bezwecken will, bleibt einem ebenso fremd wie die Intention des gesamten Werkes. Dieses verfügt weder über eine eigene (visuelle) Seele, noch über eine stringente Geschichte. Vielmehr ist The Spirit nur eine Aneinanderreihung von hübsch photographierten Sequenzen, die optisch etwas hermachen, jedoch völlig frei von Inhalt sind. Dass Miller nicht im Stande war, Eisners Geschichte auf eine andere Art und Weise zu erzählen, als Miller es mit seinen eigenen Geschichten handhabt, spricht diesem im Grunde die Tatsache sich „Regisseur“ zu nennen ab. Der unerfahrene Zuschauer wird nicht feststellen könne, ob er hier einer missratenen Sin City-Fortsetzung beiwohnt oder einer Verfilmung von Eisners Kultcomic.

Dennoch verfügt der Film auch über einige wenige gelungene Aspekte. Gelegentlich findet man die humoristischen Elemente aus Eisners Comic, einige Einstellungen wissen trotz ihrer Sin City-Verwandschaft zu gefallen. Klare Stärke und größter Stimmungsmacher sind jedoch die Einzeiler, die auf den Weg gestreut werden. Viele von ihnen fanden bereits Einzug in die Trailer oder Werbekampagne zum Film („Do I look like a good girl?“) und wissen durchaus auch in ihrem Kontext zu gefallen. Gelegentlich entwickelt The Spirit auch etwas Zug, nimmt an Fahrt auf und wirkt kurzzeitig homogen. Meist werden diese gelungenen Augenblicke dann jedoch von weiteren überkandidelten Spielereien von Miller korrumpiert. Das Experiment Eisner Comic in das Gewand von Millers Comic zu packen, muss als gescheitert angesehen werden. Die Struktur von Eisners Geschichte passt nicht mit Millers visuellem (Erzähl-)Stil zusammen, wirkt hier eher störend. Etwas mehr Tiefe hätte Millers Film nicht geschadet, genauso wenig wie eine Reduzierung der weiblichen Riege, die mit Ellen Dolan, Sand Saref, Silken Floss und Lorelei Rox zu überfüllt wirkt. Auch die Entscheidung dem Octopus ein Gesicht zu geben und dieses mit Samuel L. Jackson zu besetzen war ein Fehler des Regisseurs. Einige nette Schauwerte und Momente ausgenommen ist The Spirit somit zu einer großen Enttäuschung verkommen, die Laien ein falsches Licht auf Eisners Comic und ein schlechtes auf Miller selbst wirft. Sein Inszenierungsstil wirkt bereits jetzt verbraucht und inwieweit die kommenden beiden Sin City-Fortsetzung funktionieren werden, bleibt abzuwarten.

4.5/10

12. Dezember 2008

Vicky Cristina Barcelona

Only unfulfilled love can be romantic.

Er ist eine lebende Kinolegende und sein Name ist Woody Allen. Seit 42 Jahren dreht der gebürtige New Yorker, dessen Filme zumeist in seiner Heimatstadt spielen, nunmehr schon Filme. Dabei ist Allen schon längst zu einer Institution geworden, zeichnete sich der hagere kleine Mann mit Brille doch allein in den letzten 31 Jahren mit Ausnahme von 1991 jedes Jahr für einen Film verantwortlich. Insgesamt finden sich in seiner Vita über drei Dutzend Filme, die unter seiner Regie entstanden sind. Hierbei sprangen für den Autor und Regisseur sagenhafte 21 Oscarnominierungen heraus, 14 davon allein in der Sparte „Bestes Originaldrehbuch“. Wenn in Hollywood also jemand die Kraft des gewitzten Wortes beherrscht, dann mit Sicherheit der 73-jährige New Yorker. Während der siebziger und achtziger Jahre hatte Allen bevorzugt zwei Musen, denen er in seinen Filmen eine Plattform bot: Diane Keaton und Mia Farrow.

Doch mit seinen beiden Ex-Freundinnen dreht der Regisseur schon seit Jahren nicht mehr, stattdessen engagierte er in den Neunzigern eine Vielzahl von namhaften Darstellern, für die es bis heute eine Ehre ist, unter der Regie von Allen aufzutreten. Bis vor vier Jahren, als Allen (s)eine neue Muse fand. Als er 2004 zum ersten Mal außerhalb Amerikas einen Film drehte, entwickelte sich am Set von Match Point eine Freundschaft zwischen ihm und Nebendarstellerin Scarlett Johansson, die anschließend noch in Scoop und nun in Vicky Cristina Barcelona Früchte tragen sollte. Nach seiner Europareise von vier Filmen, die drei Johansson-Werke sowie der Abschluss seiner London-Mord-Trilogie mit Cassandra’s Dream, kehrte Allen dieses Jahr nach New York City zurück, um dort seinen aktuellen Film Whatever Works zu drehen. Zuvor drehte er jedoch noch Vicky Cristina Barcelona, der unter anderem als Liebeserklärung an die andalusische Stadt Oviedo zu verstehen ist, die vor fünf Jahren eine Statue des Regisseurs aufstellte.

Es soll ein unvergesslicher Sommer werden für die beiden amerikanischen Touristinnen Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson). Und in der Tat dürfte dieser Sommer beiden wohl für immer in Erinnerung bleiben, eint die beiden Frauen doch gerade ein Aspekt, der sie sonst immer unterscheidet. Vicky besucht eine Freundin (Patricia Clarkson) der Familie, wenige Wochen bevor sie ihren Verlobten Doug heiraten wird. Doug ist ein gut verdienender Geschäftsmann, für den es aktuell speziell darum geht, in welches Haus er mit Vicky nach der Hochzeit ziehen soll. Da Vicky in Barcelona ihre Masterarbeit in katalonischer Kultur abschließen will, verbindet sie die Arbeit mit dem Vergnügen. Ihre beste Freundin Cristina hingegen hat weit weniger Ziele in ihrem Leben als Vicky. Ihr 12-minütiger Debütfilm, bei welchem sie Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat, lief nicht besonders gut.

In Spanien will sie sich nun etwas entspannen. Während es Vicky nach einer festen Bindung sehnt, ist Cristina, wie es Doug beschreibt, „leicht ins Bett zu kriegen“. Als beide nach einer Vernissage zusammen Essen gehen, nehmen ihre beiden Leben neue Wendungen. Der Maler und Boheme Juan Antonio (Javier Bardem) lädt die beiden Amerikanerinnen kurzerhand zu einem Wochenende in seiner Heimatstadt Oviedo ein – inklusive Sex. Während Vicky entrüstet ablehnt, fühlt sich Cristina zu dem Spanier hingezogen. Letztlich nimmt das Geschehen seinen Lauf und beide fliegen gemeinsam mit Juan Antonio nach Oviedo. Dort führt er sie durch die Stadt und erzählt von seiner Scheidung. Seine Ex-Frau Maria Elena (Penélope Cruz) hatte versucht ihn zu töten bzw. andersherum oder sowohl als auch. Als ein Magengeschwür Cristina in die Parade fährt, sind Juan Antonio auf sich alleine gestellt und es kommt, was kommen muss. Doch hier fangen die Probleme erst an, während Juan Antonio sich letztlich mit drei Frauen gleichzeitig auseinandersetzen muss.

Auteur Woody Allen bedient sich in Vicky Cristina Barcelona bisweilen der Dienste eines klassischen allwissenden Erzählers, der speziell die beiden Protagonistinnen zu Beginn der Handlung dem Publikum vorstellt. Obschon der Filmtitel ihre Namen enthält, ist im Grunde jedoch Javier Bardem der eigentliche Star des Filmes. Als sorgloser Künstler, der ganz dem Klischee entspricht, philosophiert er über das Leben, die Schönheit und Sex im Allgemeinen sowie im Speziellen. Man merkt es dem Film in den Szenen des Spaniers an, dass Allen ihm die Rolle auf den Leib geschrieben hat. Ohnehin besticht das gesamte Schauspielensemble, welches voll und ganz in den einzelnen Rollen aufgeht. So wie Allens neue Muse Scarlett Johansson, die sich zwar zu Beginn noch etwas schwer tut, dann jedoch gerade in der Dreiecksbeziehung ihr Können unter Beweis stellt.

Auch Rebecca Hall, die Hin und Her gerissen ist zwischen dem moralische Richtigen und ihren eigentlichen Gefühlen. Komplettiert wird die Besetzung von einer hinreißenden Patricia Clarkson sowie Penélope Cruz, der die Rolle der hysterischen und paranoiden Ex-Frau sichtlich Spaß gemacht hat. Und da Allens Filme zuvorderst Charakter- und Dialogfilme sind, steht und fällt der Film stets entsprechend mit seinen Darstellern. Das Ergebnis in Vicky Cristina Barcelona ist einfach nur glänzend. Das Ensemble glänzt durch die Handlung und die Handlung glänzt wiederum durch das Ensemble. Hier macht sich erneut deutlich, wie sehr es Allen beherrscht natürliche und aus dem Leben gegriffene Charaktere zu erschaffen, die seinen Filmen die nötige Glaubwürdigkeit verleihen, zugleich dabei jedoch nie in eine lästige Seriosität abdriften.

In Vicky Cristina Barcelona tauscht Allen das triste London gegen das sonnige Spanien ein. Und in der Tat besticht der Film durch eine warme Atmosphäre voll von katalanischem Charme. Die Drehorte, die Allen gewählt hat, beeindrucken durch ihre offensichtliche Schönheit. Speziell Oviedo, jene Stadt, die Allen selbst eine Liebeserklärung gemacht hat, wird von dem New Yorker besonders liebevoll ins Licht gerückt. Und es ist jene Szenerie, die Allens Geschichte, die dieser zuvor sicherlich auch schon das eine oder andere Mal in seinen New Yorker Filmen präsentiert hat, ihre romantische Aura verleiht. Wo sonst würde man den narzisstischen Worten Juan Antonios mehr Glauben schenken können, als im sinnlichen Spanien. Hier kann Woody Allen sich auch zugleich austoben in derartig simplen und charmant prätentiösen Dialogen, dass dem Publikum das Herz lacht. Gerade die Beziehung von Juan Antonio und Maria Elena rückt hier ins Zentrum, wenn ersterer Aussagen trifft wie „We are meant for each other and not meant for each other. It's a contradiction“.

Ebenso passend ist sein Beziehungsresümee für den gesamten Film, wenn nur unerfüllte Liebe wahrhaft romantisch ist. Somit knüpft Vicky Cristina Barcelona wieder an die alten Allenschen Liebesphilosophie-Filme an, nachdem sowohl Match Point als auch Cassandra’s Dream Ausflüge ins Thrillerfach bedeuteten und Scoop zu den klassischen Screwballkomödien der Drehbuchlegende zu zählen ist. Die Geschichte um die Fünfachbeziehung aller Beteiligten und deren Wünsche und Träume bezüglich der Liebe und des Lebens wird perfekt in neunzig Minuten verpackt. Ohnehin versteh es Allen wie kaum ein anderer seine Erzählungen im nötigsten Rahmen zu präsentieren und sich nicht in Nebenhandlungen zu verlieren, wie es heutzutage oft der Fall ist. Beeindruckend zu sehen, dass die Kreativität den 73-jährigen nach vier Jahrzehnten Filmgeschäft nicht verlassen hat und er weiterhin seine Publikum dermaßen zu unterhalten weiß, wie es hier der Fall ist.

8.5/10