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16. Februar 2011

The King's Speech

Dank zwölf Oscarnominierungen schickt Harvey Weinstein, Jäger der verlorenen Goldjungen, mit The King’s Speech zumindest auf dem Papier den Favoriten für die überbewerteste Preisverleihung der Welt ins Rennen. Damit kriegt Tom Hoopers Film sehr viel mehr Aufmerksamkeit als er verdient hat. Als komödiantisches Historiendrama mit absurd-charmanter Prämisse und Schauspielkino erster Güte (an Colin Firth wird kein Weg als Bester Hauptdarsteller vorbei führen) funktioniert der Film zwar ganz gut. Die blassen Charaktere und allerlei Redundanzen kann dies jedoch nicht vollends kaschieren. Eine ausführliche Rezension gibt’s bei Evolver.

7/10

18. April 2010

A Single Man

Experience is not what happens to a man,
it’s what a man does with what happens to him.


Die Kamera fängt einen Mann unter Wasser ein, der sich windet und kämpft. Er will an die Oberfläche, kann dorthin jedoch nicht gelangen. Er sinkt und sinkt, die Luft zum Atmen geht ihm aus. Dieser Mann ist George Falconer (Colin Firth), ein Literaturprofessor aus Los Angeles, der einst aus England in die Vereinigten Staaten kam. Der Mann unter Wasser ist eine Versinnbildlichung von Georges Schicksal. Eine Zusammenführung seiner letzten acht Monate, in denen George sank und ihm die Luft auszugehen drohte. Sein Lebensabschnittspartner Jim (Matthew Goode) verstarb vor acht Monaten bei einem Autounfall. Sechzehn Jahre waren der über fünfzig Jahre alte George und der jüngere Jim zusammen. In einer schwülen Nacht, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, lernten sie sich kennen. Seit Jims Tod sinkt George hinab in die Tiefe. Am 30. November 1962 soll dem adretten Professor schließlich die Luft ausgehen.

Mode-Designer Tom Ford adaptierte Christopher Isherwoods Roman A Single Man von 1964, welcher sich mit dem letzten Tag im Leben des homosexuellen Professors George befasst. George ist ein lebloser Mann, müde und erschöpft. “It takes time in the morning for me to become George”, erzählt die Figur zu Beginn. “Time to adjust what is expected of George and how he has to behave.” George spielt ein Spiel. Nicht für sich, sondern für seine Umwelt. Eine Maske, hinter die nur wenige Menschen, wie seine alte Freundin Charley (Julianne Moore) oder die Nachbarn von gegenüber blicken. “By the time I have dressed and put the final layer of polish on the now slightly stiff but quite perfect George, I know fully what part I’m supposed to play”. George ist in gewissem Sinne dem Comic-Helden Superman nicht unähnlich. Er kleidet sich an, er kämmt sich das Haar, er zieht sich die Brille auf. Er ist Clark Kent. Er ist unsichtbar.

Isherwood war selbst Dozent. Eines Tages fragte er einen Freund, wie viele seiner Kollegen wüssten, dass Isherwood schwul sei? Alle, so die Antwort. In A Single Man wird nicht klar, ob Georges Mitarbeiter von seiner Homosexualität wissen. Er spricht mit seinem Kollegen Grant (Lee Pace), während er die nackten Oberkörper zweier Tennisspieler betrachtet. Er komplimentiert seine Sekretärin bezüglich ihres Aussehens. Später spricht er in seiner Vorlesung von Minderheiten. Und von der Angst der Mehrheit. “Fear after all is our real enemy”, sagt er. “And if the minority is somehow invisible than the fear is even greater.” Bis zur Schwulenrevolution und den Stonewall-Unruhen 1969 würde es noch sieben Jahre dauern. Noch ist es riskant, sich offen als homosexuell zu outen. Bisweilen auch heute noch. George setzt eine Maske auf. Er weiß, was von ihm erwartet wird. Er spielt das Spiel mit. Zumindest noch an diesem 30. November.

Der Verlust von Jim nagt an George und zieht ihn hinunter in die Tiefen des Wassers, raubt ihm den Atem. “Looking in the mirror staring back at me isn’t so much a face as the expression of a predicament”, heißt es zu Beginn. Ein doppeldeutiger Ausspruch, bezieht er sich zugleich auf Georges Homosexualität als auch seine Depression. “Just get through the goddamn day”, lautet daher sein Mantra. Die Prämisse der Geschichte scheint Shakespeare entlehnt. “Once more unto the Breach, Deare friends, once more.” Es soll sein letzter Tag werden. Er löst seine Konten auf, versieht die Haushälterin mit einer ordentlichen Abfindung, legt sich den Anzug raus, in dem er beerdigt werden möchte. Der 30. November soll zu einer Abschiedstour werden. Zu seiner Abschiedstour. “If it’s going to be a world with no time for sentiment it’s not a world that I want to live in”, entgegnete George gegenüber Grant zuvor in ihrem Gespräch.

Ford fängt diesen vermeintlich letzten Tag von George visuell besonders ein. Stets ist Firths Gesicht blass, fast grau. Leblos. Was man speziell in der Szene merkt, in der George mit Kenny (Nicholas Hoult), einem Schönling seiner Vorlesung, redet. Blondes Haar, pinkfarbene Lippen, voller Leben. Die Schnitte zwischen Kenny und George lassen Letzteren fast schon wie eine Leiche erscheinen. Doch Georges letzter Tag verläuft anders als dieser denkt. Kenny geht auf ihn zu, öffnet sich ihm, bietet ihm seine Freundschaft an. Ein gut aussehender Madrilene, Carlos (Jon Kortajarena), flirtet ganz ungezwungen mit George und macht ihm sexuelle Avancen. Das losgelöste Abendessen mit seiner Jugendfreundin Charley bringt freudige nostalgische Erinnerungen mit sich (“Living in the past is my future”, gesteht diese). Und jedes Mal, wenn George auf eine andere Person trifft, blüht er auf, gewinnt sein Gesicht an Farbe.

Man merkt Tom Ford an, dass es sich hier um seinen Debütfilm handelt. Die Regie ist in A Single Man zwar noch das Schlechteste, aber deswegen keineswegs schlecht. Einige Einstellungen und Entscheidungen verraten, dass Ford noch nicht ganz Zuhause in dieser neuen Welt zu sein scheint. Dafür zeichnet er sich in anderer Hinsicht aus, vom Drehbuch über das Schauspielensemble bis hin – natürlich – zu den Kostümen. Georges Anzug ist ein modischer Traum, sowohl der, den er trägt, wie auch der, den er für seine Beerdigung herauslegt. Natürlich stammen sie von Ford selbst, wie auch der restliche Look des Filmes seinen Stempel trägt. Zudem zeigt A Single Man, dass sich Ford mit dem Thema verbunden fühlt, was sich schließlich auch dadurch ausdrückt, dass der eigentlich Nachnamenlose Protagonist mit „Falconer“ den Namen von Fords erstem Liebhaber erhält.

Schaut man sich die Vita von Firth an, so gibt er selten den Hauptdarsteller. Am bekanntesten ist er vermutlich für seine Rolle in den Bridget Jones-Filmen, mit A Single Man wurde er im März nun durch die Academy in sein verdientes Rampenlicht gerückt. Es ist sein Film, wie auch Crazy Heart Jeff Bridges gehörte. Mit seiner warmen Verletztheit spielt Firth die Rolle seines Lebens. An seiner Seite glänzt die wie immer überzeugende Moore, deren Leistung der Academy dieses Jahr nicht einmal eine Würdigung wert war. Wie Moore bei den Oscars erwähnte, lernten sie und Firth sich erst am Filmset kennen, portraitieren ihre Jahrzehntelange Freundschaft aber mehr als glaubwürdig. Lob verdienen sich auch Hoult und Goode. Letzterer besonders durch die glaubhafte und romantische Beziehung, die Ford ihn in Rückblenden mit Firths Charakter erleben lässt. Dennoch ist A Single Man kein Film der Darsteller.

Ford und David Scearce adaptierten gemeinsam Isherwoods Roman in ein beeindruckendes Drehbuch, dessen Zeilen oftmals wie Poesie anmuten. Hier ist kein Wort zuviel gewählt, stattdessen hat jede Silbe eine Funktion. Hinzu kommen teilweise wunderbar subtile philosophische Einstreuungen und Reflektionen über das Leben (“If one is not enjoying one’s present, there isn’t a great deal to suggest that the future should be any better”). Lediglich den Schlusssatz hätte Ford sich vielleicht sparen können, doch trübt dies die Schönheit des Drehbuches nicht. Ausgesprochen nett ist auch die Musik geraten, die bisweilen an Clint Mantsells Komposition zu The Fountain erinnert. Insgesamt betrachtet ist A Single Man ein Film, der wenig falsch macht, lediglich in seinen letzten Minuten etwas Zeit für die Aufarbeitung vermissen lässt, ansonsten jedoch fraglos zu den gelungensten und anmutigsten Filmen dieses Jahres gezählt werden kann.

8.5/10

27. August 2007

The Last Legion

Who can we count on?

Da geht man einmal nicht in die Sneak und dann wird man gleich bestraft, denn letzte Woche lief Pixar’s Ratatouille. Und wenn man in die Sneak geht, dann ist man dummerweise auch meistens bestraft. Auf wen kann man sich noch verlassen? Eigentlich auf niemand mehr, das ist die bittere Wahrheit. Da kommt ein Mann wie Dino De Laurentiis, der unter anderem für Serpico und Dune verantwortlich ist, und produziert mit Harvey Weinstein einen Film. Das klingt ja erstmal nicht schlecht. Dann stoßen Schauspieler wie Colin Firth, Oscarpreisträger Ben Kingsley, Kevin McKidd (Rome), Peter Mullan und Alexander Siddig hinzu. Schließlich wird das Budget auf 67 Millionen Dollar angehoben. Klingt alles irgendwie nicht schlecht. Umso erstaunlicher ist eigentlich das Endprodukt anzusehen, dass so unfassbar schlecht ist, dass man es sogar scheiße nennen darf. Da fragt man sich schon wer so einen Scheiß überhaupt schreibt und wer so einen Scheiß überhaupt produziert und wer sich bereit erklärt in so einem Scheiß dann tatsächlich mitzuspielen.

Die letzten beiden Punkte wurden ja bereits erklärt, aber wer schreibt so einen Mist? Es sind die Gebrüder Butterworth, genauer gesagt Jez und Tom Butterworth. Die haben sich zuvor mit dem Drehbuch zu Birthday Girl ausgezeichnet, in welchem immerhin Nicole Kidman die Hauptrolle spielt (und der zu seiner Verteidigung auch kein völliger Murks ist). Was die beiden aber mit The Last Legion abgeliefert haben, dafür werden sie ganz sicher für den Razzie Award nominiert werden. Das ist eine absolut dämliche Geschichte mit noch dämlicheren Dialogen. Regie bei dem ganzen führt dann auch noch ein relativ unbekannter Regisseur, denn Doug Lefler hat sich vorher nur mit dem Direct-to-DVD Dragonheart 2 und einigen Xena- und Hercules-Folgen auszeichnen können. Diese Herkunft merkt man dann dem Film auch an, besonders in den Amazonen-Kampfszenen von Aishwarya Rai.

Der Plot: Man schreibt das Jahr 460 und der kleine Knirps Romulus Augustulus wird zum römischen Kaiser gekrönt. Aber das passt dem Gotenführer Odoaker (Mullan) mal gar nicht in den Kram und ehe die Römer wissen was Sache ist, sind auch schon ziemlich alle tot und Odoaker sitzt auf dem Thron. Seine rechte Hand Wulfila (McKidd) meint dann auch, dass man den Knirps besser mal die Radieschen von unten ansehen lässt, aber dessen Lehrmeister Ambrosinus (Kingsley) schreitet an dieser Stelle ein und überzeugt Odoaker, dass es doch besser sei Romulus als Faustpfand zu behalten und so werden beide auf die Insel Capri verbannt. Von dieser wollen sie dann Romulus’ Leibwache Aurelius (Firth) – der zuvor als Leibwache gnadenlos versagt hat – und seine vier Kumpels, sowie die Hindukusch-Amazone Mira (Rai) befreien, um Zuflucht bei der „letzten Legion“ in Britannien zu finden.

Ein Historienschinken also, den man im Trailer bereits mit der Tatsache spoilert, dass es um das Schwert Excalibur geht und dem dann zufügt, dass niemand weiß wie diese Sage begann. Bis heute natürlich, denn The Last Legion klärt uns da mal flugs in einer Stunde und fünfzig Minuten auf. Da lernt selbst ein Geschichtsstudent wie ich, dass der kleine Romulus nicht wie seit Jahrhunderten gelehrt im Jahr 476 zum Kaiser gekrönt wurde, sondern sogar schon 460! Schau mal einer an, wenn ich das in meiner Zwischenprüfung bereits gewusst hätte. Das ist aber nur der kleinste geschichtliche Fauxpas und ich könnte hier noch Stunden weiter schreiben, wenn ich alle aufzählen wollte. Aber interessant ist es dann schon, wie Aurelius in James Bond Manier und mit seinen fünf Freunden mal eben eine Bergfestung in Capri einnimmt. Ebenjene Festung, die er von Rom aus geschwind in sechs Tagen erreicht hat. Und anschließend, nachdem der Knirps und das übermächtige Schwert (welches unser tapferer Kerl mal eben mit einer Hand die ganze Zeit durch die Gegend trägt) aus der Festung entkommen sind, machen sich unsere Gefährten auf den Weg nach Britannien. Ähem, zu Pferd natürlich, wobei, die Alpen überschreiten sie zu Fuß. Von Capri aus. Nach Britannien. Ich wiederhole mich gerne noch mal: zu Pferd reiten sie zu den Alpen, welche sie dann zu Fuß überschreiten und dann reiten sie weiter zur französischen Küste usw.

Wer denkt, dass ist schon, nennen wir es: erstaunlich, der sei gewarnt. Denn der gute Wulfi pirscht der Truppe natürlich hinterher, Schritt für Schritt, zu Pferd und zu Fuß. Da bleiben mir eigentlich die Worte weg. Dazu dann noch die Superamazone Aishwarya Rai, die in jeder Szene ihre enormen Brüste zur Schau stellt. Nachdem die Inder so einen Stress geschoben haben, dass der gute Richard Gere irgendeine Inderin auf die Wange küsst, kann ich mir nicht vorstellen, dass die so was gut heißen. Zuviel verrate ich wohl auch nicht, wenn die Amazone und die Pfeife von Leibwache eine sexuelle Spannung aufbauen, die gegen Ende ihre Entfaltung findet. Wie diese aufgebaut wird braucht sich mit ihrer Lächerlichkeit nicht vor dem Rest des Filmes zu verstecken. Neben muskelbepackten afrikanischen Römern, superstarken großräumig ausgestatteten Amazonen und einem kleinen Kaiser, dessen rechter Arm so stark ist, dass er ihn oft trainiert haben muss (da winkt der Zaunpfahl) gibt’s auch noch einen britischen Sido-Verschnitt zu sehen, der wirkt als hätte man mal eben Sabretooth von den X-Men mit dem Phantom der Oper gekreuzt. Lächerlich, lächerlicher, The Last Legion.

Bollywood mag ich sowieso nicht, von daher ist mir die gute Aishwarya Rai auch egal, genauso wie Colin Firth und im Prinzip auch Peter Mullan. Um John Hannah und Alexander Siddig tut es mir dann doch irgendwie leid und wieso Kevin McKidd sich hier bereit erklärt hat die Seiten zu wechseln, wo er doch den tapferen Römer in einer Fernsehserie gespielt hat, die weitaus teurer war als dieser Film (!)…bleibt wohl sein Geheimnis. Rupert Friend kann man immerhin zu gute halten, dass er jeden Abend mit Keira Knightley ins Bett kriechen darf (welche mit King Arthur auch nur einen minimal besseren Arthus-Scheiß abgeliefert hat). Bleibt nur noch Ben Kingsley und der Mann ist ein Wunder an sich, denn dass er immer noch einen Film findet, der schlechter wie sein vorheriger ist, da kann ich nur sagen: Hut ab! Schließlich bleibt einem nur übrig sich zu fragen, ob es auch irgendwas Positives über den Film zu sagen gibt. Irgendwas. Wenn auch nur ein bitze bisschen. Und ja, das Setting und die Ausstattung sind wirklich gut und auch gelungen. Capri, Britannien, da sind dann doch teilweise schöne Bilder darunter. Dafür gibt’s dann auch eineinhalb Punkte von mir. Mehr wäre aber eine Beleidigung.

1.5/10