Posts mit dem Label Matthew Goode werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Matthew Goode werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

9. Mai 2013

Stoker | Starlet | Smashed | Star Trek Into Darkness

Es kommt nicht jede Woche vor, dass ich von den aktuellen Filmstarts die namhaftesten Vertreter vorab gesehen habe. An diesem Donnerstag war dies der Fall, mit dem Blockbuster Star Trek Into Darkness von J.J. Abrams als Frontrunner, dem Arthouse-Horror Stoker von Park Chan-wook als Schmankerl und den Indie-Filmen Starlet von Sean Baker und Smashed von James Ponsoldt. Abrams zweites Abenteuer auf der Enterprise ist dabei eine durchwachsene Angelegenheit, deren erster Akt sich in Repetition des Vorgängers verliert, während der dritte Akt zur fehlplatzierten Serien-Hommage avanciert. Lediglich das Mittelstück gefällt.

Stoker ist hingegen ein audiovisueller Augenschmaus, dessen Story vielleicht keine Bäume ausreißt, aber dennoch unterhält - auch dank des überzeugenden Ensembles. Luftig-leicht kommt derweil Starlet daher, eine Mumblecore-Nachgeburt über eine verträumte Jungschauspielerin, die sich mit einer alten Witwe anfreundet - perfekt für verregnete Sonntage. Abraten lässt sich dagegen von Smashed, einem 0815-Drama einer Alkoholikerin, die beschließt, trocken zu werden. Mary Elizabeth Winstead verliert sich mehr als einmal im overacting und nicht mal Nick ‘Ron-fucking-Swanson’ Offerman vermag hier viel zu retten. Zu den ausführlichen Kritiken gelangt man jeweils per Link über die Szenenbilder (obschon Smashed lediglich auf Twitter führt). Also ab ins Kino mit euch!

6. Mai 2013

Stoker

We are not responsible for what we have come to be.

In der Regel führen schwarze Listen Personen, die in irgendeiner Form benachteiligt werden sollen. Berühmt wurde die Hollywood Blacklist, die Filmschaffenden Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund „unamerikanischer Umtriebe“ die Arbeit verbot. Alles andere als eine Negativliste ist dagegen die Black List in Hollywood, die seit 2004 jährlich jene Drehbücher auflistet, die vielversprechend, aber noch unproduziert sind. Vor vier Jahren landete Aaron Sorkins Skript für The Social Network auf der Black List, 2010 war unter anderem Argo, dieses Jahr Oscarpreisträger, darunter. Noch vor ihm war dabei Stoker gelandet, das Drehbuch-Debüt von Schauspieler Wentworth Miller, das im vergangenen Jahr verfilmt wurde.

Hierbei fungierte es zugleich als englischsprachiges Regiedebüt von Park Chan-wook und erzählt die Geschichte der adoleszenten India (Mia Wasikowska), deren Vater an ihrem 18. Geburtstag durch einen Unfall stirbt. Zu seiner Beerdigung erscheint auch sein jüngerer Bruder Charlie (Matthew Goode), von dessen Existenz India bisher nichts wusste. Er quartiert sich bei ihr und ihrer Mutter Evelyn (Nicole Kidman) ein, auf beide Frauen einen besonderen Reiz ausübend. Während speziell ihre Mutter immer mehr Onkel Charlie verfällt, ist dieser India weitaus suspekter. Als sie ihrer Gefühlsgemengelage schließlich nachgibt, stößt sie nicht nur auf ein dunkles Geheimnis über ihren Onkel, sondern auch über sich selbst.

Miller greift für sein Debüt, daraus hat er keinerlei Hehl gemacht, auf Alfred Hitchcocks Plot aus Shadow of a Doubt zurück. Ein Onkel Charlie erscheint auf der Matte und stellt sich als Serienmörder heraus, über dessen Geheimnis seine Nichte informiert ist. Dennoch ist Stoker nicht einfach nur nachgeäfft, sondern bewegt sich spätestens im zweiten Akt in eine andere, eigenständige Richtung. Alle drei Figuren des Films sind mehr oder weniger in sich zurückgezogen. Die Körperkontakt ablehnende India ist dabei so verquer und schrullig wie jene Rollen, die Winona Ryder in den achtziger Jahren zu spielen pflegte. Eine Beziehung zu ihrer Mutter ist im Grunde nicht existent, ihre einzige Bezugsperson war ihr Vater.

In welche Richtung sich der Film ab dem zweiten Akt bewegt, ist ebenso wenig überraschend wie sein weiterer Verlauf vorhersehbar. Durch das Erscheinen von Charlie erhält das Leben von India eine Richtung, die sie vielleicht zuvor erahnt haben könnte, ohne sie jedoch genau zu wissen. Stoker ist somit weniger Krimi und auch nicht wirklich Horror, sondern letztlich Coming of Age-Film der als soziale Außenseiterin gebrandmarkten Hauptfigur. “I’m not formed by things that are of myself alone”, verrät uns India per Voice-Over zu Beginn in einer Eröffnungsszene, die zum Schluss eine perfekte narrative Klammer erhält. Ohnehin, und das zeichnet Parks US-Debüt aus, ist Stoker ein einziger audiovisueller Hochgenuss.

Das soll Millers Leistung keineswegs schmälern, dessen Geschichte über die gesamte Laufzeit hinweg dank ihrer spannenden Figuren interessiert, doch was man am Ende von Stoker mitnimmt, ist mehr die Verpackung des Geschenks als dieses selbst. Parks Mise-en-scène und Bildkomposition ist grandios, zahlreiche Bilder, Farbmotive und Schnitte einfach nur bewundernswert. Womöglich sah kein Film des Südkoreaners bisher besser aus als dieser, der durch eine harmonische musikalische Untermalung abgerundet wird. Sei es der Soundtrack von Clint Mansell als solcher, die von Philip Glass komponierten Piano-Duette oder Emily Wells’ kongenial den Schluss in den Abspann überleitendes „Becomes the Color“.

Insofern ist Parks jüngster Film ein wahres Gedicht, die Handschrift seines Regisseurs tragend und dabei zugleich Hitchcock auf Dexter treffen lassend, in dem die Besetzung sekundär ist, aber dennoch überzeugend spielt. Sowohl Wasikowska als auch Goode sind punktgenau besetzt, sie die mädchenhafte Identitätssuchende, er der lächelnde Mysteriöse. Auch Kidman gefällt hier in einer ihrer zuletzt so häufig gewählten Rollen als bitchiges Miststück mit Herz. Stoker ist ein rundum gelungener Film und ein sehenswertes transpazifisches Debüt von Park. Der Regisseur soll als nächstes für Hollywood den Western The Brigands of Rattleborge verfilmen – und der war wiederum der meistvotierte „Black List“-Film von 2006.

8.5/10

18. April 2010

A Single Man

Experience is not what happens to a man,
it’s what a man does with what happens to him.


Die Kamera fängt einen Mann unter Wasser ein, der sich windet und kämpft. Er will an die Oberfläche, kann dorthin jedoch nicht gelangen. Er sinkt und sinkt, die Luft zum Atmen geht ihm aus. Dieser Mann ist George Falconer (Colin Firth), ein Literaturprofessor aus Los Angeles, der einst aus England in die Vereinigten Staaten kam. Der Mann unter Wasser ist eine Versinnbildlichung von Georges Schicksal. Eine Zusammenführung seiner letzten acht Monate, in denen George sank und ihm die Luft auszugehen drohte. Sein Lebensabschnittspartner Jim (Matthew Goode) verstarb vor acht Monaten bei einem Autounfall. Sechzehn Jahre waren der über fünfzig Jahre alte George und der jüngere Jim zusammen. In einer schwülen Nacht, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, lernten sie sich kennen. Seit Jims Tod sinkt George hinab in die Tiefe. Am 30. November 1962 soll dem adretten Professor schließlich die Luft ausgehen.

Mode-Designer Tom Ford adaptierte Christopher Isherwoods Roman A Single Man von 1964, welcher sich mit dem letzten Tag im Leben des homosexuellen Professors George befasst. George ist ein lebloser Mann, müde und erschöpft. “It takes time in the morning for me to become George”, erzählt die Figur zu Beginn. “Time to adjust what is expected of George and how he has to behave.” George spielt ein Spiel. Nicht für sich, sondern für seine Umwelt. Eine Maske, hinter die nur wenige Menschen, wie seine alte Freundin Charley (Julianne Moore) oder die Nachbarn von gegenüber blicken. “By the time I have dressed and put the final layer of polish on the now slightly stiff but quite perfect George, I know fully what part I’m supposed to play”. George ist in gewissem Sinne dem Comic-Helden Superman nicht unähnlich. Er kleidet sich an, er kämmt sich das Haar, er zieht sich die Brille auf. Er ist Clark Kent. Er ist unsichtbar.

Isherwood war selbst Dozent. Eines Tages fragte er einen Freund, wie viele seiner Kollegen wüssten, dass Isherwood schwul sei? Alle, so die Antwort. In A Single Man wird nicht klar, ob Georges Mitarbeiter von seiner Homosexualität wissen. Er spricht mit seinem Kollegen Grant (Lee Pace), während er die nackten Oberkörper zweier Tennisspieler betrachtet. Er komplimentiert seine Sekretärin bezüglich ihres Aussehens. Später spricht er in seiner Vorlesung von Minderheiten. Und von der Angst der Mehrheit. “Fear after all is our real enemy”, sagt er. “And if the minority is somehow invisible than the fear is even greater.” Bis zur Schwulenrevolution und den Stonewall-Unruhen 1969 würde es noch sieben Jahre dauern. Noch ist es riskant, sich offen als homosexuell zu outen. Bisweilen auch heute noch. George setzt eine Maske auf. Er weiß, was von ihm erwartet wird. Er spielt das Spiel mit. Zumindest noch an diesem 30. November.

Der Verlust von Jim nagt an George und zieht ihn hinunter in die Tiefen des Wassers, raubt ihm den Atem. “Looking in the mirror staring back at me isn’t so much a face as the expression of a predicament”, heißt es zu Beginn. Ein doppeldeutiger Ausspruch, bezieht er sich zugleich auf Georges Homosexualität als auch seine Depression. “Just get through the goddamn day”, lautet daher sein Mantra. Die Prämisse der Geschichte scheint Shakespeare entlehnt. “Once more unto the Breach, Deare friends, once more.” Es soll sein letzter Tag werden. Er löst seine Konten auf, versieht die Haushälterin mit einer ordentlichen Abfindung, legt sich den Anzug raus, in dem er beerdigt werden möchte. Der 30. November soll zu einer Abschiedstour werden. Zu seiner Abschiedstour. “If it’s going to be a world with no time for sentiment it’s not a world that I want to live in”, entgegnete George gegenüber Grant zuvor in ihrem Gespräch.

Ford fängt diesen vermeintlich letzten Tag von George visuell besonders ein. Stets ist Firths Gesicht blass, fast grau. Leblos. Was man speziell in der Szene merkt, in der George mit Kenny (Nicholas Hoult), einem Schönling seiner Vorlesung, redet. Blondes Haar, pinkfarbene Lippen, voller Leben. Die Schnitte zwischen Kenny und George lassen Letzteren fast schon wie eine Leiche erscheinen. Doch Georges letzter Tag verläuft anders als dieser denkt. Kenny geht auf ihn zu, öffnet sich ihm, bietet ihm seine Freundschaft an. Ein gut aussehender Madrilene, Carlos (Jon Kortajarena), flirtet ganz ungezwungen mit George und macht ihm sexuelle Avancen. Das losgelöste Abendessen mit seiner Jugendfreundin Charley bringt freudige nostalgische Erinnerungen mit sich (“Living in the past is my future”, gesteht diese). Und jedes Mal, wenn George auf eine andere Person trifft, blüht er auf, gewinnt sein Gesicht an Farbe.

Man merkt Tom Ford an, dass es sich hier um seinen Debütfilm handelt. Die Regie ist in A Single Man zwar noch das Schlechteste, aber deswegen keineswegs schlecht. Einige Einstellungen und Entscheidungen verraten, dass Ford noch nicht ganz Zuhause in dieser neuen Welt zu sein scheint. Dafür zeichnet er sich in anderer Hinsicht aus, vom Drehbuch über das Schauspielensemble bis hin – natürlich – zu den Kostümen. Georges Anzug ist ein modischer Traum, sowohl der, den er trägt, wie auch der, den er für seine Beerdigung herauslegt. Natürlich stammen sie von Ford selbst, wie auch der restliche Look des Filmes seinen Stempel trägt. Zudem zeigt A Single Man, dass sich Ford mit dem Thema verbunden fühlt, was sich schließlich auch dadurch ausdrückt, dass der eigentlich Nachnamenlose Protagonist mit „Falconer“ den Namen von Fords erstem Liebhaber erhält.

Schaut man sich die Vita von Firth an, so gibt er selten den Hauptdarsteller. Am bekanntesten ist er vermutlich für seine Rolle in den Bridget Jones-Filmen, mit A Single Man wurde er im März nun durch die Academy in sein verdientes Rampenlicht gerückt. Es ist sein Film, wie auch Crazy Heart Jeff Bridges gehörte. Mit seiner warmen Verletztheit spielt Firth die Rolle seines Lebens. An seiner Seite glänzt die wie immer überzeugende Moore, deren Leistung der Academy dieses Jahr nicht einmal eine Würdigung wert war. Wie Moore bei den Oscars erwähnte, lernten sie und Firth sich erst am Filmset kennen, portraitieren ihre Jahrzehntelange Freundschaft aber mehr als glaubwürdig. Lob verdienen sich auch Hoult und Goode. Letzterer besonders durch die glaubhafte und romantische Beziehung, die Ford ihn in Rückblenden mit Firths Charakter erleben lässt. Dennoch ist A Single Man kein Film der Darsteller.

Ford und David Scearce adaptierten gemeinsam Isherwoods Roman in ein beeindruckendes Drehbuch, dessen Zeilen oftmals wie Poesie anmuten. Hier ist kein Wort zuviel gewählt, stattdessen hat jede Silbe eine Funktion. Hinzu kommen teilweise wunderbar subtile philosophische Einstreuungen und Reflektionen über das Leben (“If one is not enjoying one’s present, there isn’t a great deal to suggest that the future should be any better”). Lediglich den Schlusssatz hätte Ford sich vielleicht sparen können, doch trübt dies die Schönheit des Drehbuches nicht. Ausgesprochen nett ist auch die Musik geraten, die bisweilen an Clint Mantsells Komposition zu The Fountain erinnert. Insgesamt betrachtet ist A Single Man ein Film, der wenig falsch macht, lediglich in seinen letzten Minuten etwas Zeit für die Aufarbeitung vermissen lässt, ansonsten jedoch fraglos zu den gelungensten und anmutigsten Filmen dieses Jahres gezählt werden kann.

8.5/10

1. März 2009

Panel to Frame: Watchmen (Ultimate Cut)

Quis custodiet ipsos custodes?
(Juvenal, Satires, VI, 347)

Vor 71 Jahren wurde mit Superman das heutige Comic-Genre geboren, nachdem zuvor bereits in unterschiedlichen Formen Frühstadien des Comics Einzug in die amerikanische Kultur erhalten hatten. Fast fünfzig Jahre später sollte ebenjenes Genre eine Palingenese erfahren, als die beiden britischen Comic-Künstler Alan Moore und Dave Gibbons ein Comic erschufen, das sein Genre verändern sollte. Im selben Jahr erklärte Moore, dass es niemanden wie Comic-Pionier Will Eisner gäbe, und dass er, Moore, an schlechten Tagen bezweifle, dass es jemals noch jemanden wie Eisner geben wird. Zu diesem Zeitpunkt dürfte ihm noch nicht klar gewesen sein, dass man dieselben Worte von ihrem Sinn her auch auf sein eigenes Werk, Watchmen, münzen wird. Ein Comic in dieser Form hatte es bis dahin noch nicht gegeben und an schlechten Tagen darf bezweifelt werden, dass es jemals noch eines geben wird.

Wurde Alan Moore 1985 von DC Comics damit beauftragt, eine zwölfteilige Comicserie zu erschaffen, so wusste dieser sogleich, welche Art Geschichte er erzählen wollte. Eine Superhelden-Variante von Moby Dick. Etwas Tiefsinniges und Komplexes, etwas dass die Leserinnen und Leser zuvor noch nicht gesehen hatten. Hierfür wollte Moore einige Charaktere aus der Charlton Comics Reihe verwerten, welche DC zuvor erworben hatte. Da DC jedoch Angst um die zukünftige Verwertbarkeit dieser Figuren hatte, legten sie Moore nahe, neue und originale Charaktere zu erschaffen. Gemeinsam mit dem Zeichner Dave Gibbons machte sich Moore nun an die Arbeit, während er Gibbons ein außerordentliches Maß an kreativer Freiheit überließ. Diesem war es freigestellt, welchen Look er (den) Watchmen verleihen wollte, da sich Moore ausschließlich auf seine Geschichte und die literarische Vorlage beschränkte.

In ihrem Comic über Comics überwinden Moore und Gibbons die Grenzen des durchschnittlichen „Cartoons“ und erschaffen ein literarisches Meisterwerk, welches ausschlaggebend für den anschließend neu in Mode gekommenen (und vom Sinn her vollkommen hinfälligen) Begriff des „graphic novel“ war. Moore wollte weit mehr, als nur ein neues Unterhaltungsmedium schaffen. Er wollte den klassischen Superhelden und sein Genre ins Gegenteil verkehren und zugleich die damals gegenwärtige Angst des Kalten Krieges vor einem nuklearen Holocaust verbildlichen. So ist Watchmen gespickt mit unzähligen physikalischen und soziologischen Thesen, die Moore - ebenso wie die Zeittheorien eines Augustinus - nicht nur genial in seine eigene Geschichte integrierte, sondern ihm dies sogar gelang, ohne diese Thesen zu verfälschen. Um speziell den amerikanischen Lesern – welche die primären Endverbraucher darstellten – den Zugang zur Materie zu erleichtern, siedelte Moore seine Geschichte in einem alternativen Amerika des Jahres 1985 an. Einem Amerika, in dem Vietnam der 51. Bundesstaat ist, Richard Nixon die Verfassung ändert, um eine dritte Amtsperiode anzutreten, ein „Red Armageddon“ von Seiten der UdSSR droht und Robert Redford seine Bestrebungen kundtut, als US-Präsident zu kandidieren.

You’ll be intrigued by what you find within, and I know that if you persevere you’ll walk away from this book a different person.
(Auszug aus The Veidt Method, Ch. X, p. 32)

„On Friday night, a comedian died in New York“, erläutert Rorschach, eine der ambivalentesten Figuren unter lauter ambivalenten Figuren. Ein alter Mann, Edward Blake, wird in seiner Wohnung überrascht, zusammengeschlagen und aus dem Fenster eines mehrstöckigen Gebäudes geworfen. Rorschach, eine Maske tragend, die je nach Blickwinkel ihren Farbton verändert (daher der Name Rorschach), untersucht den Mordfall nachdem die Polizei abgerückt ist. In Blakes Schrank findet er eine versteckte Rückwand. Diese birgt Waffen und ein Kostüm. Ein Kostüm, das Rorschach bekannt ist. Das Kostüm von The Comedian. Rorschach und der Comedian zählen zu einer handvoll Menschen, die sich selbst als Helden sehen. Die für Gerechtigkeit eintreten. Oder zumindest das, was sie selbst als Gerechtigkeit erachten. „The Comedian (…) was practically a Nazi“ urteilt dagegen Adrian Veidt, ein Multimilliardär und ebenfalls ehemaliger Held.

Der Mord an Blake setzt die Geschehnisse von Watchmen in Gang. Für Rorschach ist die augenscheinlichste Lösung, die eines Superhelden-Serienkillers. Er macht sich daran seine ehemaligen Gefährten, darunter sein Ex-Partner Dan Dreiberg, vor den Geschehnissen zu warnen. Beachtung schenkt ihm allerdings niemand. Acht Jahre zuvor wurde der Keene Act verabschiedet. Ein Gesetz, dass Selbstjustiz und damit die Arbeit der selbst erklärten Helden verbat. Während einige, wie Dreiberg, einfach in Rente gingen, outeten sich andere wie Veidt und profitierten von einer kommerziellen Werbekampagne. Lediglich wer im Dienste der US-Regierung handelte, wie Blake, wurde weiterhin gebilligt. Nun ist Blake tot und eine Ereigniskette ausgelöst, die sich nicht mehr stoppen lässt. „Evil must be punished. Even in the face of Armageddon. I shall not compromise in this”, schreibt Rorschach in sein Tagebuch. Obwohl Watchmen eine Reihe von illustren Charakteren beherbergt, ist es Rorschach, der die Hauptrolle in dieser Geschichte einnimmt. Ein amoralischer Held für eine amoralische Geschichte.

Nun mag man sich fragen, was eigentlich das „Red Armageddon“ verhindert, wo man sich doch in der Hochphase des Kalten Krieges befindet. Die Antwort findet sich in dem einzig wahren Super-Helden in Watchmen. Von Moore mit einer derartig ausführlichen Genesis versehen, dass sie einen eigenen Band innerhalb der 12-teiligen Serie einnahm. Aufgrund eines unglücklichen Zufalles wurde der Atomphysiker Dr. Jon Osterman einst Objekt seines eigenen Projekts und Opfer eines Versuches zur atomaren Teilung. Der Physiker schafft es sich zu re-materialisieren, ein Prozess, der ihm die vollständige Kenntnis über Atome verleiht und damit über alles Sein (und Nicht-Sein). Damit erhält Osterman, der von der Öffentlichkeit anschließend Dr. Manhattan genannt wird, einen Gott-gleichen Status, ist er doch unsterblich, da von seiner menschlichen Hülle befreit. Es ist Dr. Manhattan zu verdanken, dass die USA den Vietnamkrieg gewinnen und es ist seine Anwesenheit, die den momentanen Status Quo zwischen den beiden Großmächten des Westens und des Ostens aufrecht erhält. Doch auch Osterman wird Opfer ebenjenes Komplotts, welches den Untergang der Welt bringen könnte.

We’re all puppets (..). I’m just a puppet who can see the strings.
(Dr. Manhattan, Ch. IX, p. 5)

Nach seiner getreuen und visuell berauschenden Umsetzung von Frank Millers 300 schien Regisseur Zack Snyder für die Produzenten von Warner Bros. Pictures genau der richtige Mann für eine Adaption von Moores als unverfilmbar geltenden Stoff. Vor neun Jahren war Regiekollege Terry Gilliam noch unter diesen Voraussetzungen abgesprungen. „The problem with Watchmen is that it requires about five hours to tell the story properly, and by reducing it to a two or two-and-a-half hour film, it seemed to me to take away the essence of what Watchmen is about”, erklärte Gilliam in einem Interview mit dem britischen Empire Magazin. Der Film, den Snyder in die Kinos brachte, hatte eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden. Aber auch der fast eine Stunde längere Ultimate Cut dürfte für Nichtkenner der Vorlage einige Fragen aufwerfen. Zu Beginn bleibt Snyder der Vorlage relativ treu, leitet die Geschichte mit der Ermordung von Blake (Jeffrey Dean Morgan) ein, und verspricht in einem beeindruckenden Vorspann (unterlegt von Bob Dylans in Moores Buch referiertem „The Times They Are A-Changing“) der feuchte Traum eines jeden Watchmen-Fans zu sein. Was in den folgenden drei Stunden folgt, ist eine allmähliche Dekonstruktion jeden einzelnen Aspektes von Moores Jahrhundertwerk.

Der britische Comicautor hat die Zusammenarbeit mit dem Film und/oder Snyder gänzlich abgelehnt, denn seine Geschichte sei nie für die Kinos konzipiert worden und würde in diesem Medium auch nicht funktionieren. So blieb Warner Bros. nichts anderes übrig, als sich auf die Zusammenarbeit mit Gibbons zu beschränken, der für den visuellen Aspekt des Comics verantwortlich gewesen war. Man merkt diese Umstände Snyders Film in jeder Minute an. In der Tat ist Watchmen eine überaus getreue Adaption der Vorlage – wenn man sich auf ebenjenen visuellen Aspekt beschränkt. Die Mehrheit der Panels wurde eins zu eins von Snyder übernommen, die Figuren stehen, wo sie zu stehen haben, und machen das, was sie zu machen haben. Allerdings ist Watchmen kein Bilderbuch, sondern in seinem tiefsten Kern (daher auch der Neologismus „graphic novel“) ein Roman – und ein Komplexer noch dazu. So ist Snyders Film eine bildgetreue, aber inhaltsleere Umsetzung von Gibbons Zeichenarbeit, ohne Moores narrative Stärke. Die Änderungen in der Handlung – der erfahrene Fan der Vorlage kann die Puzzleteile in der Verfilmung schon früh zusammensetzen – wirken deplatziert und erweisen sich während der fortlaufenden Handlung als eine Ansammlung von Logiklöchern.

Für Dr. Manhattan gibt es keine Zeit, sie ist für ihn nicht greifbar. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, nur eine Gegenwart der Dinge. „Time is simultaneous“, erklärt Osterman diese Sichtweise, die bereits Aurelius Augustinus vor 1.600 Jahren vertreten und in seinem elften Buch der Confessiones niedergeschrieben hat. Unbemerkt tappt Synder zu Beginn durch eine eklatante Änderung einer Szene in dieses Logikloch. Er könne seine eigene Zukunft (zumindest was seine Umwelt als „Zukunft“ erachtet) momentan nicht wahrnehmen, behauptet Dr. Manhattan (Billy Crudup). Wenige Sekunden später – und auch im Verlaufe des Filmes – ist dieses Manko jedoch wieder behoben. Der nukleare Holocaust sei wahrscheinlich, gesteht er seiner Freundin Laurie Juspeczyk (Malin Akerman), früher bekannt unter ihrem Heldennamen „Silk Spectre II“. Juspeczyk ist verständlicherweise besorgt, scheint aber anschließend den Gedanken an den Weltuntergang erfolgreich zu verdrängen, da sie dieses Szenario nicht weiter kommentiert. Eine weitere Änderung von Snyder erzeugt denselben Effekt. Nachdem Rorschach (Jackie Earle Haley) seinen Ex-Partner Dreiberg (Patrick Wilson) über Blakes Mord in Kenntnis gesetzt hat, macht sich in Snyders Version nicht Rorschach sondern Dreiberg daran, ihren ehemaligen Weggefährten Adrian Veidt (Matthew Goode) zu warnen. Das zeugt davon, dass Dreiberg – entgegen dem Comic – Rorschachs These Glauben schenkt. Umso erstaunlicher, dass auch er anschließend für den restlichen Verlauf der Handlung keinen Gedanken mehr an seine vorherige Agenda verschwendet.

Don’t tell me they didn’t have a choice.
(Rorschach, Ch. I, p. 1)

Auch der Ultimate Cut vermag diese offenen Fragen nicht zu beantworten. Löblich, dass zwar die Bernards und mit ihnen das Comic im Comic, Tales of the Black Freighter, eingewoben wurden, doch geschieht dies genauso unharmonisch, wie auch die einzelnen Kapitel der Geschichte zusammengeschnitten wurden. Der Film erweckt den Eindruck, als hätte Snyder am Set einzelne Seiten abgedreht, ohne auf deren Kontext zu achten. So springt er von Seite zu Seite und fährt im Schnellverfahren mit feuchtem Daumen durch Moores Werk. Dass hierbei Unstimmigkeiten entstehen, wenn man von Seite 4 auf Seite 12 springt ohne sich die Mühe zu machen die 8 Seiten dazwischen zu erläutern, ist selbstverständlich. Was in der Vorlage als einer von vielen Nebenhandlungen Raum und Entfaltung gewährt wird, muss im Film mal eben in dreißig Sekunden abgehandelt werden. Mit erstaunlichem Ungestüm will der Regisseure hier über die Bildsprache alle Elemente miterzählen, für die er in seinen Dialogen keinen Platz mehr gefunden hat. Das Ganze kulminiert schließlich in einem Finale, welches sich einer lächerlichen Absurdität preisgibt und alles zuvor Gesehene in seiner Unsinnigkeit nochmals übertrifft.

Allem Anschein nach hat Synder seinem Publikum nicht zugetraut einer komplex verschachtelten Geschichte folgen zu können, da er diese nicht nur komprimiert hat, sondern sie auch so gut wie möglich bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Action und Gore auszufüllen suchte. Wo Moore lediglich drei Panels seine Aufmerksamkeit widmet, elaboriert Synder minutiös eine Orgie der Gewalt, in der Köpfe bevorzugt gegen Tischplatten, Wände oder Treppenabsätze fliegen. Da werden dann auch gerne mal ein paar zusätzliche Statisten ins Bild gestellt, damit man diese ebenfalls in Bullet Time abknallen kann, während der Film seine perverse Klimax in einer Straßenschlacht von Juspeczyk und Dreiberg findet. Aus ein paar gebrochenen Knochen in der Vorlage lässt Snyder die beiden wohl moralischsten Figuren des Comics zu abgebrühten Mördern verkommen, die Messer in Hälse rammen und Genicke brechen. Nur ein Vorgeschmack auf abgesägte Arme und an Wänden klebende Gehirne, die den Zuschauer später noch in all ihrer (unnützen und sinnlosen) Deutlichkeit erwarten. Gewürzt wird das letztlich noch mit einer stupiden Sexszene, deren Komposition sich im Grunde nur selbst konterkariert, was von Seiten Snyders jeglichen Respekt vermissen lässt.

Und weil dies nicht genug ist, versucht sich der Film auch noch darin, viele Szene zusätzlich mit zeitgenössischer Musik von Nena bis Jimi Hendrix und Leonard Cohen zu unterlegen. Die Musikauswahl könnte hierbei deplatzierter nicht sein und erfüllt quasi keinen höheren Zweck, als zum comic relief zu verkommen, wenn Snyder beispielsweise einen seiner impotenten Helden zu den Klängen von Cohens „Halleluja“ einen Orgasmus erfahren lässt. Despektierlicher kann man kaum mit Moores Werk umgehen. Nur in wenigen Fällen wie Simon and Garfunkels „The Sound of Silence" zur Beerdigung des Comedian wirkt die Musik stimmig. Doch Watchmen macht bei seiner grausigen Musik nicht Halt, sondern enttäuscht auch in den Bereichen von Kostüm und Maske. Da Regisseur Snyder der Ansicht war, das Publikum würde seinem Film die naiven Kostüme der Vorlage nicht abkaufen, steckte er seine Helden, allen voran Veidts Ozymandias, in lächerliche Outfits, die sich eindeutig an den Entwürfen einer Ingrid Ferrin (Batman Forever/Batman & Robin) orientieren.

Oh, God, I can’t believe it. I can’t believe anybody would do that.
(The Comedian, Ch. II, p. 23)

Für Snyder ist diese eine Referenz an gegenwärtige Superheldenfilme, doch geht die Idee zweifelsohne dadurch verloren, dass er seine Helden in den sechziger Jahren in Kostüme eines Genres aus den neunziger Jahren steckt. Aber wie proklamierte schon der Trailer zum Film, Zack Snyder sei ein „visionärer“ Regisseur. Des Versagens schuldig macht sich ebenso die Maskenarbeit, der es auf offensichtliche Art nicht gelingt, einen 42-jährigen Jeffrey Dean Morgan in der einen Szene 16 und der nächsten 71 Jahre alt aussehen zu lassen. Wobei von Maske kaum die Rede sein kann, wenn zwischen den über fünfzig Jahren Altersunterschied einmal ein rasiertes und dann ein unrasiertes Gesicht mit grauen Schläfen präsentiert wird. Bei Carla Guginos Sally Jupiter und Matthew Goodes Adrian Veidt erzeugt die Arbeit von Emanuela Daus und Co. nicht weniger lächerliche Ergebnisse. Das dilettantische Highlight jedoch stellt die Portraitierung von Richard Nixon dar, dessen Maske mit aufgeklebter Knollennase eher an einen verschrumpelten Halloween-Kürbis erinnert, denn an den berühmten US-Präsidenten.

Den Vogel vollends abgeschossen hat man dann mit der Besetzung der Figuren. Was Snyder hier verfilmt hat, ist nicht mehr und nicht weniger als die 90210-Variante von Watchmen. Hier spielt Jeffrey Dean Morgan mit Anfang Vierzig einen Mann, von dem 55 Lebensjahre im Comic reflektiert werden. Wofür sich ein David Fincher in The Curious Case of Benjamin Button die Mühe macht, den Alterungsprozess glaubwürdig erscheinen zu lassen, versagt Watchmen grandios (selbiges gilt für den Charakter von Carla Gugino). Auch Jackie Earle Haley und Malin Akerman wissen in ihren Rollen nicht zu überzeugen, während Patrick Wilson so gut wie nie die Essenz von seiner Figur entsprechend einzufangen weiß. Die größte Fehlleistung stellt jedoch Matthew Goode da, der als Haarspray-Dandy glaubhaft machen will, dass sein großes Vorbild Alexander der Große ist, während der Brite mit seinen 32 Jahren nichts außer bubenhaft wirkt, indem er versucht eine reife Figur Ende Vierzig darzustellen. Auch Billy Crudup kann über weite Strecken nicht überzeugen, wirkt sein Dr. Manhattan doch viel zu oft allzu menschlich.

Im Nachhinein weiß der Film abgesehen von seinen ersten fünfzehn Minuten und der grandiosen Ausgestaltung von Rorschachs Maske nicht zu überzeugen. Im Gegenteil, mit jeder Minute begeht Snyder Fehler um Fehler und demontiert was er sich vorgenommen hat zu huldigen. Watchmen versagt bedauerlicherweise in allen Belangen, von den fehlbesetzten Schauspielern (die oftmals mehr als gestelzt ihre Dialoge zum Besten geben), über grauenhafte Kostüme und Masken, bis hin zu einer eklatanten Vernachlässigung bzw. Aussparung der Handlung und desaströsen musikalischen Untermalung. Das Traurigste ist, dass eine gute Umsetzung möglich gewesen wäre, wenn man sich eines anderen Regisseurs bemächtigt hätte als Snyder, der sich vormerklich darauf versteht (und er bringt es hier wieder zum Ausdruck), Gewalt stilvoll einzusetzen. Das funktioniert in einer inhaltsarmen Geschichte wie 300, aber nicht bei Watchmen. Von dem zusätzlichen und in den Ultimate Cut integrierten Material (meist gehen viele Szenen nur ein, zwei Sekunden länger) kann das Wenigste überzeugen. Selbst die Integration des Black Freighter verpufft, da sie ihres Kontextes innerhalb der Handlung beraubt wird. Insofern kann auch der UC nicht sonderlich überzeugen und so bleibt Watchmen eine der schlechtesten Comicverfilmung, und bildet damit die Ekpyrosis unter Moores Palingenese.

2.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

23. August 2007

The Lookout

Once upon a time, I woke up. I took a shower with soap.

Mit The Lookout, welcher ebenfalls im Programm des diesjährigen Fantasy Filmfestes life, gibt Drehbuchautor Scott Frank sein Regiedebüt. Frank, der sich u.a. für die Skripte von Minority Report, Get Shorty, The Interpreter und Out of Sight verantwortlich zeichnete, kreiert mit The Lookout einen spannenden und unterhaltsamen Thriller. Für diesen konnte er neben Matthew Goode, welcher demnächst in Zach Snyder’s Watchmen zu sehen sein wird, mit Jeff Daniels und Joseph Gordon-Levitt zwei der stärksten Charakterdarsteller gewinnen, die Hollywood zur Zeit zu bieten hat. Besonders Gordon-Levitt ist das Paradebeispiel eines guten, jungen und talentierten Schauspielers, der sich im Gegensatz zu seinem altersmäßigen Pendant Shia LaBeouf nicht für jeden Schrott (Transformers, Disturbia) casten lässt. Stattdessen spielt er immer wieder in gut geschriebenen Independent-Produktionen wie hier oder in Brick mit. Demnächst wird er in John Maddens neuestem Werk, der Elmore Leonard Adaption Killshot, in einer Nebenrolle zu sehen sein. Jeff Daniels sollte inzwischen eigentlich über jeden Zweifel erhaben sein und hat sich zu einem der Top-Charaktermimen entwickelt.

The Lookout erzählt die Geschichte von Chris Pratt (Gordon-Levitt), einem jungen Gebäudereiniger einer örtlichen Bank. Zu verdanken hat Chris den Job seinem jugendlichen Übermut, den bei einer nächtlichen Fahrt mit Freunden verursacht er einen Autounfall, bei dem zwei seiner Freunde sterben, seine Freundin ihr Bein verliert und Chris selbst derartige Kopfverletzungen davonträgt, dass sein Kurzzeitgedächtnis ausgelöscht ist. Im Gegensatz zu Guy Pearce’s Figur in Memento tätowiert sich Chris jedoch wichtige Dinge nicht auf den Körper, sondern schreibt sie auf einen Notizblock. Gegenstände zu Hause hat er mit Botschaften wie „Ausschalten“ oder „Abschließen“ versehen. Als notorisches Beispiel seiner Vergesslichkeit dient der Autoschlüssel, den er jedes Mal im Auto stecken lässt. Seine Wohnung teilt sich Chris dabei mit Lewis (Daniels), einem blinden Hobbykoch, der seine Verletzung ebenfalls einer jugendlichen Unachtsamkeit zu verdanken hat. Beide wirken als drohende Mahnmale für Fehler, die leicht begangen, aber schwer abzuzahlen sind.

Von Schuldgefühlen geplagt sieht der einstmals gefeierte Eishockeyspieler Chris einer ungewissen Zukunft entgegen, will ihn sein Chef von der Bank doch nicht einmal hinter den Tresen lassen und sein Vater ihm kein Geld leihen. Durch seine daher resultierende Unsicherheit und Naivität ist er folglich ein leichtes Opfer für den zwielichtigen Gary (Goode) und die von ihm auf Chris angesetzte Ex-Stripperin Luvlee (Isla Fisher). Gary und seine Freunde haben Chris aufgrund seiner Nachttätigkeit in seiner Bank ausgesucht und überreden ihn während des Banküberfalls Ausschau zu halten. Hierbei ist es vor allem die Bestätigung in seine Person und die damit verbundene Verantwortung, die Chris das Gefühl der Akzeptanz geben, sodass er sich seit dem Unfall wieder in die Gesellschaft aufgenommen fühlt. Trotz allem muss er noch mit seinen inneren Dämonen vergangener Zeiten kämpfen und mit dem Konflikt zwischen Gut und Böse.

Mit Chris und Lewis zeigt Scott Frank welche Folgen sogenannte „Jugendsünden“ im späteren Leben haben können. Um seinen Freunden die in der Luft schwebenden Nachtlichter zu zeigen, fährt Chris mit hoher Geschwindigkeit ohne Licht über eine Schnellstrasse, nur um anschließend in einen geparkten Mähdrescher zu rasen, welcher das Leben aller drastisch beeinflussen wird. Ebenso erging es Lewis, der in seiner Jugend Meth gekocht und dabei sein Augenlicht eingebüßt hat. Chris wird im Verlaufe des Films einen weiteren Fehler begehen, der weitere Konsequenzen nach sich ziehen wird. Die Botschaft ist vielleicht etwas überspitzt und drastisch, da nicht jede Jugendsünde gleich ein Leben voller Schmerz nach sich zieht, aber die vielen Kreuze an den Schnellstrassen sind auch bei uns stumme Zeugen für jugendlichen Übermut. Frank zeigt aber in Lewis und Chris auch den Kontrast zweier vom Schicksal gebeutelter Menschen, denn Lewis hat aus seinem Fehler gelernt und versteht mit seiner Behinderung umzugehen, wohingegen Chris fast vollends auf den blinden (!) Lewis angewiesen ist, der ihm sogar das Essen kocht und hinstellt.

Dass Chris im Verlauf des Films, bzw. gegen Ende hin, selber Verantwortung übernehmen muss und dies nicht nur für seine Taten, entspricht filmischem Gesetz. Wie Frank dass jedoch inszeniert wirkt trotz der Exposition von Chris’ Charakter stets glaubwürdig und nachvollziehbar. Der Sinn der Figur Janet (Carla Gugino) erschließt sich dem Zuschauer zwar nicht, wobei unklar ist, ob diese nicht in einer früheren Fassung des Skriptes von größerer Bedeutung war. Durch sein ausgereiftes Drehbuch, die gelungene Regie und die hervorragenden Schauspieler ist The Lookout alles andere als ein durchschnittlicher Thriller und kann sich problemlos über 0815-Mainstream-Ware wie Disturbia (zu welchem demnächst eine eigene Review kommen wird) hinweg heben. Ein gelungener und empfehlenswerter Independent-Thriller, der am 13. September unter dem (für deutsche Verhältnisse typisch unsinnigen) Titel Die Regeln der Gewalt in die deutschen Kinos kommen wird.

8/10