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18. April 2010

A Single Man

Experience is not what happens to a man,
it’s what a man does with what happens to him.


Die Kamera fängt einen Mann unter Wasser ein, der sich windet und kämpft. Er will an die Oberfläche, kann dorthin jedoch nicht gelangen. Er sinkt und sinkt, die Luft zum Atmen geht ihm aus. Dieser Mann ist George Falconer (Colin Firth), ein Literaturprofessor aus Los Angeles, der einst aus England in die Vereinigten Staaten kam. Der Mann unter Wasser ist eine Versinnbildlichung von Georges Schicksal. Eine Zusammenführung seiner letzten acht Monate, in denen George sank und ihm die Luft auszugehen drohte. Sein Lebensabschnittspartner Jim (Matthew Goode) verstarb vor acht Monaten bei einem Autounfall. Sechzehn Jahre waren der über fünfzig Jahre alte George und der jüngere Jim zusammen. In einer schwülen Nacht, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, lernten sie sich kennen. Seit Jims Tod sinkt George hinab in die Tiefe. Am 30. November 1962 soll dem adretten Professor schließlich die Luft ausgehen.

Mode-Designer Tom Ford adaptierte Christopher Isherwoods Roman A Single Man von 1964, welcher sich mit dem letzten Tag im Leben des homosexuellen Professors George befasst. George ist ein lebloser Mann, müde und erschöpft. “It takes time in the morning for me to become George”, erzählt die Figur zu Beginn. “Time to adjust what is expected of George and how he has to behave.” George spielt ein Spiel. Nicht für sich, sondern für seine Umwelt. Eine Maske, hinter die nur wenige Menschen, wie seine alte Freundin Charley (Julianne Moore) oder die Nachbarn von gegenüber blicken. “By the time I have dressed and put the final layer of polish on the now slightly stiff but quite perfect George, I know fully what part I’m supposed to play”. George ist in gewissem Sinne dem Comic-Helden Superman nicht unähnlich. Er kleidet sich an, er kämmt sich das Haar, er zieht sich die Brille auf. Er ist Clark Kent. Er ist unsichtbar.

Isherwood war selbst Dozent. Eines Tages fragte er einen Freund, wie viele seiner Kollegen wüssten, dass Isherwood schwul sei? Alle, so die Antwort. In A Single Man wird nicht klar, ob Georges Mitarbeiter von seiner Homosexualität wissen. Er spricht mit seinem Kollegen Grant (Lee Pace), während er die nackten Oberkörper zweier Tennisspieler betrachtet. Er komplimentiert seine Sekretärin bezüglich ihres Aussehens. Später spricht er in seiner Vorlesung von Minderheiten. Und von der Angst der Mehrheit. “Fear after all is our real enemy”, sagt er. “And if the minority is somehow invisible than the fear is even greater.” Bis zur Schwulenrevolution und den Stonewall-Unruhen 1969 würde es noch sieben Jahre dauern. Noch ist es riskant, sich offen als homosexuell zu outen. Bisweilen auch heute noch. George setzt eine Maske auf. Er weiß, was von ihm erwartet wird. Er spielt das Spiel mit. Zumindest noch an diesem 30. November.

Der Verlust von Jim nagt an George und zieht ihn hinunter in die Tiefen des Wassers, raubt ihm den Atem. “Looking in the mirror staring back at me isn’t so much a face as the expression of a predicament”, heißt es zu Beginn. Ein doppeldeutiger Ausspruch, bezieht er sich zugleich auf Georges Homosexualität als auch seine Depression. “Just get through the goddamn day”, lautet daher sein Mantra. Die Prämisse der Geschichte scheint Shakespeare entlehnt. “Once more unto the Breach, Deare friends, once more.” Es soll sein letzter Tag werden. Er löst seine Konten auf, versieht die Haushälterin mit einer ordentlichen Abfindung, legt sich den Anzug raus, in dem er beerdigt werden möchte. Der 30. November soll zu einer Abschiedstour werden. Zu seiner Abschiedstour. “If it’s going to be a world with no time for sentiment it’s not a world that I want to live in”, entgegnete George gegenüber Grant zuvor in ihrem Gespräch.

Ford fängt diesen vermeintlich letzten Tag von George visuell besonders ein. Stets ist Firths Gesicht blass, fast grau. Leblos. Was man speziell in der Szene merkt, in der George mit Kenny (Nicholas Hoult), einem Schönling seiner Vorlesung, redet. Blondes Haar, pinkfarbene Lippen, voller Leben. Die Schnitte zwischen Kenny und George lassen Letzteren fast schon wie eine Leiche erscheinen. Doch Georges letzter Tag verläuft anders als dieser denkt. Kenny geht auf ihn zu, öffnet sich ihm, bietet ihm seine Freundschaft an. Ein gut aussehender Madrilene, Carlos (Jon Kortajarena), flirtet ganz ungezwungen mit George und macht ihm sexuelle Avancen. Das losgelöste Abendessen mit seiner Jugendfreundin Charley bringt freudige nostalgische Erinnerungen mit sich (“Living in the past is my future”, gesteht diese). Und jedes Mal, wenn George auf eine andere Person trifft, blüht er auf, gewinnt sein Gesicht an Farbe.

Man merkt Tom Ford an, dass es sich hier um seinen Debütfilm handelt. Die Regie ist in A Single Man zwar noch das Schlechteste, aber deswegen keineswegs schlecht. Einige Einstellungen und Entscheidungen verraten, dass Ford noch nicht ganz Zuhause in dieser neuen Welt zu sein scheint. Dafür zeichnet er sich in anderer Hinsicht aus, vom Drehbuch über das Schauspielensemble bis hin – natürlich – zu den Kostümen. Georges Anzug ist ein modischer Traum, sowohl der, den er trägt, wie auch der, den er für seine Beerdigung herauslegt. Natürlich stammen sie von Ford selbst, wie auch der restliche Look des Filmes seinen Stempel trägt. Zudem zeigt A Single Man, dass sich Ford mit dem Thema verbunden fühlt, was sich schließlich auch dadurch ausdrückt, dass der eigentlich Nachnamenlose Protagonist mit „Falconer“ den Namen von Fords erstem Liebhaber erhält.

Schaut man sich die Vita von Firth an, so gibt er selten den Hauptdarsteller. Am bekanntesten ist er vermutlich für seine Rolle in den Bridget Jones-Filmen, mit A Single Man wurde er im März nun durch die Academy in sein verdientes Rampenlicht gerückt. Es ist sein Film, wie auch Crazy Heart Jeff Bridges gehörte. Mit seiner warmen Verletztheit spielt Firth die Rolle seines Lebens. An seiner Seite glänzt die wie immer überzeugende Moore, deren Leistung der Academy dieses Jahr nicht einmal eine Würdigung wert war. Wie Moore bei den Oscars erwähnte, lernten sie und Firth sich erst am Filmset kennen, portraitieren ihre Jahrzehntelange Freundschaft aber mehr als glaubwürdig. Lob verdienen sich auch Hoult und Goode. Letzterer besonders durch die glaubhafte und romantische Beziehung, die Ford ihn in Rückblenden mit Firths Charakter erleben lässt. Dennoch ist A Single Man kein Film der Darsteller.

Ford und David Scearce adaptierten gemeinsam Isherwoods Roman in ein beeindruckendes Drehbuch, dessen Zeilen oftmals wie Poesie anmuten. Hier ist kein Wort zuviel gewählt, stattdessen hat jede Silbe eine Funktion. Hinzu kommen teilweise wunderbar subtile philosophische Einstreuungen und Reflektionen über das Leben (“If one is not enjoying one’s present, there isn’t a great deal to suggest that the future should be any better”). Lediglich den Schlusssatz hätte Ford sich vielleicht sparen können, doch trübt dies die Schönheit des Drehbuches nicht. Ausgesprochen nett ist auch die Musik geraten, die bisweilen an Clint Mantsells Komposition zu The Fountain erinnert. Insgesamt betrachtet ist A Single Man ein Film, der wenig falsch macht, lediglich in seinen letzten Minuten etwas Zeit für die Aufarbeitung vermissen lässt, ansonsten jedoch fraglos zu den gelungensten und anmutigsten Filmen dieses Jahres gezählt werden kann.

8.5/10

18. Oktober 2008

Blindness

The only thing more terrifying than blindness is being the only one who can see.

Unter den Blinden ist der Einäugige König. Die Redewendung kennt man ja und bedeutet, dass man selbst mit Mittelmäßigkeit noch jemandem überlegen sein kann, der schlechter dran ist als man selbst. Der portugiesische Schriftsteller José Saramango verfasste 1995 mit Blindness einen Roman, der in eine andere Richtung geht. Saramango entwarf eine Geschichte über eine Gesellschaft, die plötzlich blind wird. Nicht alle auf einmal, sondern nach und nach. Wie bei einer Epidemie. Was der Portugiese anschließend skizziert ist eine sich selbst demontierende Gesellschaft, die abseits ihrer erschaffenen Bequemlichkeit kaum im Stande ist ihre zivilisierte Ordnung aufrecht zu erhalten. Lange Zeit galt Blindness als einer jener Romane, denen man das Prädikat „unverfilmbar“ anheftet. Doch in heutigen Zeiten bedeutet das nichts mehr. Peter Jackson adaptiert mehr schlecht als recht Tolkiens Lord of the Rings und Tom Tykwer versucht sich noch eine Nummer größer an Süßkinds Das Pafüm. Der Mann, der sich an Saramangos Werk wagte, war schließlich Fernando Meirelles, der sich inzwischen dank Cidade de Deus und The Constant Gardener einen Namen gemacht hat. Mit seinem Film, der die Filmfestspiele von Cannes dieses Jahr eröffnet hat, läutet Meirelles dann auch den Herbst der Oscaranwärter ein, der noch so namhafte Konkurrenz wie Sam Mendes’ Revolutionary Road beherbergt. Ob es dem Brasilianer gelingt erneut seinen Film in der vordersten Front der Kategorien zu platzieren dürfte fraglich sein. Obschon Blindness bisweilen ein filmisches Werk von meisterlicher Intensität ist, büßt die Narration der Geschichte gerade zum Schluss hin stark ein und trübt das Gesamtergebnis.

Urplötzlich wird ein Mann (Yusuke Iseya) in seinem Auto auf offener Straße von einer milchigen Blindheit geschlagen. Der Besucht bei seinem Augenarzt (Mark Ruffalo) eröffnet, dass an seinen Augen kein Schaden festzustellen ist. Ehe er sich versieht, leidet am folgenden Tag auch der Arzt an jener milchigen Blindheit und übergibt sich der Gesundheitsbehörde. Die befürchtete Epidemie bewahrheitet sich. Neben dem Augenarzt und dem ersten Blinden finden sich in einer verlassenen Irrenanstalt auch andere Patienten des Arztes wieder, die in Reichweite des ersten Blinden gekommen sind. Was die anderen Patienten und auch die Gesundheitsbehörde nicht wissen, die Frau des Arztes (Julianne Moore) hat sich ebenfalls einweisen lassen – obwohl sie bestens sehen kann. Im folgenden fungiert sie insgeheim als die Augen des ganzen Blocks, während sich die Zahl der Infizierten immer mehr erhöht. Schon kurze Zeit später beginnen sich Spannungen aufzubauen, denn die Essensrationen der Regierung decken nicht den Bedarf aller Insassen. Deren Zahl wiederum übersteigt allmählich die Kapazität der Anstalt. Bei dem Versuch einer Aussprache erklärt sich ein Barkeeper (Gael Garcia Bernal) zum König von Block 3 und kurz darauf zum Anführer der Anstalt. Er erpresst die anderen Patienten im Austausch für Geld und Schmuck an den Lebensmittelrationen teilhaben zu können. Als die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, macht er den Vorschlag, dass sich die Frauen des Blocks zur sexuellen Verfügung stellen. Während die gesellschaftliche Ordnung innerhalb der Anstalt fortwährend degeneriert, entfremden sich auch der Arzt und seine Frau, ehe die Situation letztendlich zur Eskalation führt.

Passend zur Thematik der milchigen Blindheit seiner Protagonisten hält Meirelles seine Bilder in oftmals klaren und ausgesprochen hellen Bildern. Diese wirken mitunter fast schon ausgebleicht und verhelfen Blindness zu einer gewissen Sterilität, die das Gezeigte eine Spur transzendenter erscheinen lässt. Durch die Kameraführung von César Charlone fühlt sich der Zuschauer speziell in den Szenen innerhalb der Anstalt gelegentlich selbst wie einer der wenigen Sehenden respektive wie die Frau des Arztes. Unterstützt wird jenes Szenario von der träumerischen Musik Marco Antônio Guimarães’, dessen Thema zum Film in manchen Einstellungen fast schon grotesk ob seines versteckten Optimismus wirkt. Von seiner technischen Seite präsentiert sich Blindness hervorragend. Dem Wunsch von Saramango kam man zwar nach, keine reale Stadt als Hintergrund zu verwenden, doch sind die Einstellungen zu Beginn aus Brasilien durchaus erkennbar. Diese vermischen sich dann später mit Szenenwechseln nach Kanada und Uruguay, sodass Meirelles seinem Film auf überzeugende Weise eine spezielle Globalität zu verleihen weiß. Gerade jene Szenen in der verwahrlosten Stadt hinterlassen einen bleibenden Eindruck, nicht weniger jedoch wie ihre Pendants in der Anstalt. Mehr und mehr degenerieren die Menschen mit ihrer Umgebung, welche sie visuell nicht einmal wahrnehmen können, sodass dieser Umstand nur noch stärker als Spiegelbild ihres eigenen Niedergangs angesehen werden kann.

Mit der visuellen Kraft des Filmes kann die Geschichte selbst dann eher nicht mithalten. Durch Nichtkenntnis der Vorlage lässt sich schlecht bestimmen, ob dies an Saramango oder Meirelles liegt, es wird jedoch von letzterem ausgegangen. Mehrfach verschiebt sich die Sichtweise innerhalb des Filmes, versucht man sich zu Beginn an einer gewissen Objektivität, folgt Blindness ab der Anstaltseinweisung verstärkt der Frau des Arztes. Allerdings wechselt diese Perspektive nach einiger Zeit zu Gunsten des Mannes mit der Augenklappe (Danny Glover), welcher zuvor für den eigentlichen Ablauf der Handlung keine Bedeutung hatte. Er ist es dann auch, der den Film durch seine Erzählstimme bis zum Ende begleitet, was es nicht unbedingt schwer macht der Handlung zu folgen, doch ist es ein etwas störendes Stilmittel, dessen sich der Brasilianer hier bedient. Hierzu zählt auch die fehlende Fokussierung auf alle Figuren, deren Oberfläche Meirelles gelegentlich ankratzt, aber dem nie näher nachgeht. Neben dem Mann mit der Augenklappe trifft dies auch auf die Frau mit der Sonnenbrille (Alice Braga) zu. Wer ist sie? Was macht sie aus? Zwischen der einen Einstellung und der nächsten präsentiert Meirelles auf einmal emotionale Spannungen zwischen ihr und dem Arzt, die dann wieder ebenso schnell verblassen. Und praktisch nebenher führt er eine Beziehung zwischen ihr und dem Mann mit der Augenklappe ein. Große Gefühle, die unverständlich wirken, da man beide Figuren zuvor kein einziges Mal zusammen in einer Einstellung gesehen hat. Traurigerweise trifft diese Vernachlässigung der Charaktere nicht nur die Nebendarsteller, sondern auch den Arzt und seine Frau. Was in ihnen und den anderen vorgeht weiß der Regisseur nicht in seine Bilder zu packen, sodass es einem trotz der dramatischen Bilder schwer fällt, wirklich mit den Figuren zu sympathisieren.

Dies fällt einem besonders beim Verhalten von Julianne Moores Figur schwer, welches selten bis gar nicht nachvollziehbar ist, speziell wenn man die Umstände betrachtet. So offenbart sie jederzeit den Ausweg aus dieser „Hölle“, doch lässt Meirelles sie nicht diesen Pfad bestreiten. In gewissem Sinne ist daher jene Massenvergewaltigungsszene der Höhepunkt des Filmes, von einer derartigen Intensität geprägt, dass sich einem der Magen umdreht. Gerade die Szenen mit dem König von Block 3 sind schwer zu ertragen, da hier die wahre Fratze der menschlichen Existenz zum Vorschein dringt. Dabei besitzt Bernals Figur durchaus Tiefe, wie auch von ihm selbst bestimmt, doch auch jene Tiefe wird von Meirelles nicht wirklich auf die Leinwand transferiert. Der König ist ein Mensch, wie man ihn überall findet, die andere Seite zur Medaille, die mit dem Arzt vervollständigt wird. Wenn hier die Sitten verrohen, nimmt Blindness immense Fahrt auf, ist ein schwer erträgliches, da authentisches Bild der Menschheit und fasziniert. Durch die Vernachlässigung der Figuren, die Art und Weise der Narration und der unsäglichen – obschon hervorragend inszenierten – letzten Viertelstunde verliert der Film sehr viel. Ratsamer wäre es gewesen, weniger Charaktere einzubauen oder wenn schon so viele, diese auch entsprechend auszuleuchten. Mal hü und mal hott geht dann jedoch nicht. Dass Meirelles vieles im Raum stehen lässt, kann man oft nachvollziehen, spielt einiges – zum Beispiel was die Blindheit ist – auch nur eine untergeordnete Rolle. Was Blindness wirklich sein will, verrät sich in seiner letzten Einstellung und den finalen Worten. Dass das, was man zuvor gesehen hat, unweigerlich damit zusammenhängt, erschließt sich einem nicht unbedingt. Meirelles verschenkt viel Potential, was sich seinen mehrfachen Wendungen verdankt. Ist Blindness sowohl vom technischen Aspekt wie seinen Schauspielern gelungen, hapert es doch ein wenig an seiner Geschichte.

6/10

5. Juli 2008

Kurz & Knackig: Love Labour

Mamma Mia! – Es besteht wohl kein Zweifel daran, dass die schwedische Pop-Gruppe ABBA in den siebziger Jahren die Scheiße fett gerulet hat. Mit Liedern wie Mamma mia! oder The Winner Takes It All haben sie sich in das Bewusstsein einer ganzen Generation gesungen und einen Ruhm von schier unbeschreiblichen Maßen erreicht. Im Jahr 1999 adaptierten dann die beiden britischen Damen Catherine Johnson und Phyllida Llyod die erfolgreichsten Lieder der Band zu dem Musical Mamma Mia!, welches seit jenem Jahr aufgeführt wird. Ein Grund mehr, diese Erfolgsstory auf die Kinoleinwand umzusetzen, die in den letzten Jahren bereits Adaptionen von The Producers, Rent und Hairspray beherbergen durfte. Inszeniert wurde der Film von Broadway-Regisseurin Lloys selbst, die bis dahin keinerlei Kinoerfahrung vorzuweisen hatte. Dies merkt man ihr auch durchaus an. Die junge Sophie (Amanda Seyfried) plant auf einer griechischen Insel ihre Hochzeit mit ihrer großen Liebe Sky.

Doch zu jener Hochzeit möchte sie auch ihren Vater einladen. Dumm nur, dass Mutter Donna (Meryl Streep) ihr nie verraten hat, wer ihr Vater ist. Doch Sophie hat Mutters Tagebuch gefunden und alle drei Männer eingeladen, mit denen ihre Mutter im Sommer vor zwanzig Jahren (…). Bei diesen Männern handelt es sich um Donnas große Liebe, den Amerikaner Sam (gespielt vom Briten Pierce Brosnan – bitte nicht fragen wieso), dessen Ersatz, den Schweden Bill (Stellan Skarsgård), und dessen Ersatz, den Briten Harry (Colin Firth). Sophie lädt Sam, Bill und Harry kurzerhand zur Hochzeit ein, um unter ihnen ihren Vater auszumachen. Mutter Donna darf davon aber nichts erfahren, auch nicht von der Anwesenheit ihrer drei Ex-Liebhaber. Verhieß in Tim Burtons Sweeney Todd-Adaption das There’s No Place Like London von Jamie Campbell Bower bereits ein großes Musical, verhält es sich auch bei Mamma Mia! so –scheinbar.

Der Film beginnt mit der Erläuterung von Sophies Plan, verbunden mit Abba’s Honey, Honey und macht richtig Laune. Nur vergeht die ziemlich schnell, wenn Meryl Streep vor die Kamera tritt. Ungeachtet ihrer gesanglichen Künste schwankt die Gute den ganzen Film hindurch zwischen overacting und einfach grottigem Spiel. Ingesamt sind die Szenen mit Streep, Julie Walters und Christine Baranski als Tortur anzusehen, Flehrufe nach Amanda Seyfried und ihrem Goldkelchen werden selten erhört. Auch die Choreographien der Tanznummern gelingen Lloyd äußerst selten, mit Ausnahme vielleicht von Lay All Your Love On Me. Firth und Skarsgård wirken oft unterbeschäftigt und können weder sich noch ihre Stimme groß in Szene setzen. Die Leinwand gehört meist der Streep und ihren beiden Knallchargen, mitunter darf auch Brosnan auftreten (welchen man bitte nicht mehr singen lassen sollte). Was Mamma Mia! zusammenhält, sind die Lieder von Abba, das steht außer Frage. Den Rest kann man – abgesehen vom himmlerischen Setting - getrost den Hasen geben. Moulin Rouge! bleibt einfach das Nonplusultra, für dieses missglückte Abba-Musical gibt es 5/10.

Die fetten Jahre sind vorbei – Bei deutschen Filmen muss man immer froh sein, wenn es unter den ganzen Nieten auch mal einen Gewinn gibt. Und was wurde 2004 nicht groß gejubelt über Hans Weingartners Film, der es sogar nach Cannes geschafft hatte und zu dem Planungen für ein amerikanisches Remake laufen. Europaweit schauten sich das dann auch 1,3 Millionen Menschen an, die DVD zum Film landete auf Platz Eins der amerikanischen Charts für fremdsprachige Filme. Erzählt wird die Geschichte von Jan (Daniel Brühl) und Jule (Julia Jentsch), die sich nach erstem Ablehnen doch noch anfreunden und schließlich zum Paar werden. Nur ist da ja noch Peter (Stipe Erceg), Jules fester und Jans bester Freund. Wäre das nicht schon schlimm genug, kommt es richtig knüppeldick.

Denn Peter und Jan revoltieren gerne gegen das kapitalistische System. Dies tun sie durch nächtliche Einbrüche in Häusern der Oberschicht, wodurch sie den Besitzern ein schlechtes Gewissen einreden wollen. Als Peter drei Tage weg fährt und Jan und Jule sich annähern, verkommt eine Racheaktion der jungen Frau gegenüber ihrem Gläubiger zur Entführung als dieser unerwartet nach Hause kommt. Was soll man nun machen mit Hardenberg (Burghart Klaußner)? Beide informieren Peter und hauen erstmal in die Berge ab. Dort stellt sich dann heraus, dass Hardenberg gar nicht so sehr Spießer ist, wie alle dachten. Weingartners Film propagiert Pseudo-Revolutionismus, der sich selbst entlarvt. Wie gerne hätten Jule und Co. nicht auch ein Leben wie Hardenberg, das sieht man in der Szene als sich Jule den teuersten Schampus aus dessen Keller holt und mit Jan in seinem Pool schwimmen geht.

Dass sich Hardenberg dann als ehemaliger Kumpel von Rudi Duttschke herausstellt (is klar, ne?) steigert das Ganze noch. Gemeinsam mit dem verkitschten Ende stößt einem der Film letztlich etwas sauer auf. Die Intention des Filmes ist erkennbar, die Umsetzung scheitert jedoch. Die bewusst gewählte Handkamera ist dabei nicht einmal das Problem, eher das schlechte Spiel von Brühl und Erceg, Julia Jentsch will man noch mal verzeihen, schließlich war es ihre erste große Kinorolle. Auch hier frage ich mich wieder, wieso man dieses amateurhafte, typisch deutsche Kamerabild wählt, dann aber den Soundtrack mit englischsprachigem Liedgut voll packt (welches zudem nie zur jeweiligen Szene passt). Scheinbar sind einem Juli, Silbermond, Wir Sind Helden, Rosenstolz etc. nicht gut genug, hat man auch bei KeinOhrHasen gehört. Dennoch zählt DFJSV zu den besseren deutschen Filmen, obschon seinem heuchlerischen Status, daher verdient er sich 6/10.

Junebug – Im Nachhinein erstaunlich, dass Phil Morrison sein Filmchen für eine schlappe Million Dollar inszenieren konnte. Und viel Lob hat man auch gehört, spätestens bei den Academy Awards und der Nominierung für die damals recht unbekannte Amy Adams. Dabei erzählt der Film nicht unbedingt eine innovative Geschichte: George (Alessandro Nivola) lernt die Galeristin Madeleine (Embeth Davidtz) kennen und heiratet sie. George markiert dabei eines der unzähligen, in der Großstadt lebenden Landeier, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen wollen. Da Madeleine jedoch eines Künstlers wegen in den Süden muss, besuchen Beide auch gleich Georges Familie. Diese ist der sprichwörtliche chaotische Haufen. Mutter und Sohn (Ben McKenzie) zicken sich an, jener Sohn wechselt mit seiner eigenen Frau Ashley (Amy Adams) kaum ein Wort.

Ashley ist zudem schwanger und nicht nur gläubige Christin sondern auch noch ein naives Südstaaten-Ding. In all das wird Madeleine dann geworfen, George macht sich vom Acker und ist praktisch nicht vorhanden. Die Animositäten der Familie laden sich schließlich auch bei Madeleine, abgesehen von Ashley, welche ihre Schwägerin anhimmelt. Diese will eigentlich nur den besagten Künstler unter Vertrag nehmen. Den größten Vorwurf, den man Junebug machen kann, ist dass er einem eigentlich keine richtige Geschichte erzählt. Man kann sich zwar denken, weshalb Johnny (McKenzie) seinen Bruder nicht mag, dennoch wirken die Szenen sehr viel heftiger, als die Erklärungen reichen. Es ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb er seine Frau behandelt, wie er sie behandelt.

Denn eine fehlgeschlagene Videoaufnahmeszene zeigt immerhin, dass er durchaus Gefühle für sie hat. Gut möglich also, dass Junebug was zu erzählen hat, wirklich begriffen habe ich es jedoch nicht. Das tangiert einen hier alles irgendwie nur peripher, auch die charakterliche Zwiespalt von George. Überraschend gut spielt dabei Serienstar McKenzie (The O.C.), der für die amüsanten Momente im Film zuständig ist. Was jedoch dafür sorgt, dass Junebug nicht vollends flöten geht, ist die Darstellung von Amy Adams. Die Frau ist eine Wucht und gehört sicherlich zu den Schauspielerinnen ihrer Generation. Der Rest ist irgendwie Schweigen, aber ich will dem Film einfach mal glauben, dass da subtil doch etwas mehr ist, daher 6/10.

Trust the Man – Ich bin schockiert. Nicht weil ich Regisseur und Autor Bart Freundlich vorher nicht kannte (obschon der Name irgendetwas Vertrautes hat), sondern weil sein neuer Film The Rebound keine Nebenrolle für James LeGros vorsieht! Dabei hat der doch in all seinen bisherigen Filmen - einschließlich diesem hier - einen Gastauftritt. Eine wahre Schande ist das beziehungsweise auch wieder irgendwie nicht. Wie Freundlich zu so einem lieblichen Ensemble kam (David Duchovny, Julianne Moore, Maggie Gyllenhaal) ist etwas rätselhaft - oder doch nicht? Immerhin hat die Moore auch schon zweimal für den guten Mann vor der Kamera gestanden und mit Duchovny gemeinsam Evolution gedreht. Sehe grad in der IMDb dass Mrs. Moore viermal für den Oscar nominiert war und noch nicht gewonnen hat. Das ist eine Schande. Aber bevor die einen kriegt, soll erstmal Kate Winslet einen kriegen.

Billy Crudup hat auch schon mal unter Freundlich gedreht, wieso die Gyllenhaal an Bord ist kann ich nicht sagen, aber apropos Evolution, da sehe ich auch grad, dass Sarah Silverman mitgespielt hat. So was glaubt man ja kaum, müsste man sich fast mal wieder ansehen den Film. Aber zurück zu Trust the Man, der erzählt die Geschichte von vier New Yorkern. Da haben wir Tom (Duchovny), Hausmann, weil seine Frau Rebecca (Moore) ein Filmstar ist. Nach zwei Kindern ist die Ehe etwas eingeschlafen, Rebecca lässt Tom nicht mehr ran - yikes. Daher denkt Tom an einen Seitensprung. Rebeccas Bruder Tobey (Crudup) ist zugleich Toms bester Freund und seit sieben Jahren mit der Lektorin Elaine (Gyllenhaal) liiert. Nur ist er eben ein Kindskopf und sie will eigentlich endlich heiraten und Kinder haben. Nach einem Streit machen beide Schluss. Der Rest der Handlung verläuft wie immer in dem Genre Filme letztlich ausgehen.

Männer sind aber auch Arschlöcher, mal echt hier, schließlich tragen in Trust the Man ausschließlich Tom und Tobey die Schuld. Aber der Film hat auch seine netten Momente, mitunter - aber wirklich nur mitunter - spielt der gesamte Cast herrlich auf, zum Beispiel wenn Duchovny einen Porno einlegt und Moore genervt reagiert. Lustig. Das Finale lief aber irgendwie nur so nebenher an mir vorbei, weil ich mich ständig fragte, woher ich eigentlich den Darsteller des Goren kenne. Glenn Fitzgerald, so IMDb, heißt er und spielt in Dirty Sexy Money - scheiße! Warum fällt mir so was nicht ein? Im Übrigen, IMDb sei Dank, ist Bart Freundlich der Mann von Julianne Moore. Das erklärt auch, warum die in so mittelmäßigen Streifen auftaucht. Egal jetzt, Trust the Man ist Durchschnitt, nicht mehr und nicht weniger. Der Film hat keine Botschaft aber er unterhält bisweilen. Dass ist ja schon mal besser als gar nichts, daher gibt’s „freundliche“ 5.5/10.

Un baiser, s’il vous plaît – Zwei Fremde treffen sich auf den Straßen von Nantes. Weil Gabriel (Michaël Cohen) der Pariserin Émilie (Julie Gayet) jedoch keinen Taxistand nennen kann, fährt er sie selbst zu ihrem Hotel. Beide sind etwas schüchtern, doch verabreden sich zum Abendessen. Den Abschiedskuss verweigert Émilie Gabriel jedoch, die Erfahrung einer Freundin hält sie davon ab. Nun ist Gabriels Interesse an der Geschichte geweckt und Émilie lässt sich breitschlagen, sie ihm zu erzählen: Einst waren Judith (Virginie Ledoyen) und Nicolas (Emmanuel Mouret) die besten Freunde. Bis zu dem Tag, an dem sich Nicolas nach körperlicher Nähe sehnte. Doch die Prostituierte, die er aufsuchte, wollte ihn nicht küssen. Da Judith eine so gute Freundin ist, erklärt sie sich bereit, mit ihm zu schlafen.

Wider Erwarten gefällt es Beiden und obschon sie sich mit Câline (Frédérique Bel) und Claudio (Stefano Accorsi) in glücklichen Beziehungen befinden, beginnen sie eine Affäre. Als sie sich entschließen, zusammen zu ziehen, entwickeln sie einen verrückten Plan. Un baiser markiert den fünften Film von Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur Emmanuel Mouret. Gekonnt verwebt er die beiden Flirts rund um Judith, Émilie, Nicolas und Gabriel. Von wem sich Mouret hat beeinflussen lassen, ist offensichtlich. Sein großes Vorbild ist Woody Allen, das merkt man spätestens in der großartigen Sexszene zwischen Judith und Nicolas. Die Dialoge zwischen Beiden bergen viele allensche Momente wie man sie aus Deconstructing Harry oder Annie Hall gewohnt ist.

Die Verschachtelung der beiden Handlungen und der romantische Charakter erinnern an Rob Reiners When Harry Met Sally. Mouret spielt den neurotischen Nicolas, der nur Sex haben kann, wenn er auch küssen darf, sehr pointiert und wird zugleich blendend von Virginie Ledoyen ergänzt. Allerdings können die Zwei keine wirkliche Chemie erzeugen, diese findet man vielmehr zwischen Gayet und Cohen. Worauf deren nächtlicher Plausch letztlich herauslaufen wird, merkt man gleich zu Beginn des Filmes. Vielleicht ist Un baiser der Allen, den man seit Jahren mal wieder von ihm sehen will, nur dass er jetzt eben von Emmanuel Mouret gedreht wurde. Und auch wenn die Judith-Nicolas-Szenen zu unterhalten wissen, zieht sich der Film dazwischen gelegentlich, die anderthalb Stunden Laufzeit sind gefühlte zwei Stunden lang. Ansonsten verdient sich Mourets fünfter Spielfilm zufriedenstellende 7.5/10.

10. Juli 2007

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I've seen every possible ending. None of them are good for you.

Sie sind beliebt. Sie sind begehrt. Es handelt sich um die Geschichten des Autors und Visionärs Philip K. Dick. Einer der Großen des Cyberpunk-Genres, berühmt geworden durch Romane wie Ubik, The Three Stigmata of Palmer Eldritch oder A Scanner Darkly. Zudem war Dick auch Verfasser einiger Kurzgeschichten, darunter fallen auch Second Variety, Impostor, We Can Remember It For Your Wholesale und The Minority Report. Letztere wurden deswegen angeführt, da sie für Verfilmungen in Hollywood mit namhafter Besetzung führten, Second Variety und We Can Remember It For Your Wholesale dürften eher unter den Namen Screamers und Total Recall bekannt sein. Problematisch bei Dick-Verfilmungen sind immer die Erwerbungen der jeweiligen Rechte, die ähnlich wie bei den Tolkien-Nachfahren nur für horrende Summen herausgegeben werden. Abgesehen von der ersten Dickschen Verfilmung, Blade Runner (basierend auf dem Roman Do Androids Dream of Electric Sheep?), konnten die Nachfolger auch nicht so recht überzeugen. Meist scheiterten die Versuche bereits daran, die Geschichte zu korrumpieren, und wenn man von Dick die Geschichten nimmt, nimmt man praktisch alles. Am Ende kommt dann Chaoskino a la Minority Report heraus, das letztlich überhaupt nichts mehr zu bieten hat. Und wenn Hollywood dann die nächste Dicksche Verfilmung ankündigt, kann sich der Dick-Fan bereits darauf freuen, dass hier ein nächstes Debakel ansteht. Wenn das Projekt dann auch noch in der Regie mit Lee Tamahori besetzt wird, bräuchte man sich den Film nicht mal im Kino ansehen. Wie sehr der Neuseeländer seit Once Were Warriors abgestürzt ist, stimmt einen traurig. Dabei war sein Debütfilm so kraftvoll und von Leben erfüllt. Da wusste nur noch The Edge etwas anzuknüpfen, ohne am Ende vollends zu überzeugen.

Der Magier Cris Johnson (Nicolas Cage) ist mehr als nur ein einfacher Magier – Cris verfügt über die Fähigkeit zwei Minuten in seine persönliche Zukunft zu sehen. Dies macht ihn interessant für das Federal Bureau of Investigation und deren Agentin Callie Ferris (Julianne Moore). Eine ominöse Terroristengruppe (angeführt von Thomas Kretschmann) plant einen nuklearen Anschlag in den Vereinigten Staaten. Agentin Ferris möchte sich Cris’ Talent zu Nutzen machen und dem Wohle der nationalen Sicherheit unterordnen. Doch Cris will nicht, schließlich hat er unglückliche Erinnerungen an seine Jugend, in der er zum Versuchsobjekt degradiert wurde. Vielmehr will Cris die ihm unbekannte Liz (Jessica Biel) kennen lernen, von der er seit langem Visionen hat. Wegen des Interesses des FBI geraten Cris und Liz jedoch auch zur Zielscheibe der Terroristengruppe und plötzlich sieht sich Cris gezwungen, Ferris und ihren Männern zu helfen. Dies ist die Handlung des Filmes, die mit Dicks Kurzgeschichte The Golden Man kaum noch etwas zu tun hat. Und ironischerweise hat die Handlung auch relativ wenig mit dem ersten Drehbuchentwurf zu tun, der im Jahr 2004 aus der Feder von Gary Goldman (Total Recall, Big Trouble in Little China) entstand. In Dicks Kurzgeschichte ging es um den Mutante Cris, der in die Zukunft blicken konnte und eine goldfarbene Hautschicht hatte. Die Regierung versucht Cris gefangen zu nehmen, um ihn hinzurichten, da die genetische Evolution der Mutanten eine Gefahr für die übrige Menschheit darstellt. Dicks Geschichte ist jedoch weniger ein Plädoyer für die Mutanten – wie bei X-Men der Fall, sondern eher ein Pamphlet für deren Vernichtung, falls die Menschheit überlegen möchte. Schließlich wurde in seiner Handlung angedeutet, dass Cris’ Rasse die Menschheit auf kurz oder lang verdrängen könnte respektive würde.

Bereits in Goldmans Drehbuch war die Handlung stark abgewandelt. Der rassistische Unterton gegenüber Mutanten wurde entfernt, Cris selbst wurde zum mutierten Wolfskind mit übernatürlichen Fähigkeiten, statt seiner goldenen Hautfarbe. Ansonsten wurde das Hauptelement beibehalten, denn Cris wurde zum Interessenspunkt des Büros zur Nationalen Sicherheit. Diese wollten Cris quasi in ein Zimmer einsperren, um sich seiner Fähigkeiten zu bedienen. Als Gegenpol wurde die Figur von Liz eingeführt, die ebenfalls eine Mutantin war. In diesem Drehbuchentwurd schwängerte Cris Liz und begab sich schließlich in die Hände der Regierung, um die Sicherheit seines ungeborenen Kindes zu gewähren. Sicherlich handelte es sich bei The Golden Man um kein Meisterwerk des Sci-Fi-Genres, aber durch die Hereinnahme der Liebesgeschichte verlor das erste Skript zu Next noch mal an Kraft. Auch die Abänderung des Rassismus, der während Dicks Lebzeiten in den USA ja noch eminent war, nimmt der Geschichte etwas Präsenz. Doch wenige Monate später sollte das Drehbuch nochmals geändert werden, nachdem es bei Nicolas Cages Produktionsfirma Saturn Films landete und von Jonathan Hensleigh (Die Hard: With a Vengeance). Dieser brachte den unsäglichen Nebenplot um die Terroristen herein und nahm jegliche politische Brisanz aus dem Werk sowohl Dicks als auch Goldmans. Was am Ende dabei herauskam, war ein 70 Millionen Dollar teures Vehikel, welches mit Ach und Krach seine Kosten wiedereinspielen konnte, was jedoch hauptsächlich dem Ausland zu verdanken war, dass dreimal so viel das Kino besuchte, wie die Amerikaner selbst.

Im Endeffekt weiß Next nicht nur wegen der erneut kruden Frisur von Hauptdarsteller und Produzent Nic Cage zu schocken. Vielmehr stören die herben Drehbuchfehler beziehungsweise die darin enthaltenen Logiklöcher. Wieso kann Cris nur oder ausgerechnet zwei Minuten in die Zukunft blicken? Warum wird diese Zeit ausgedehnt, wenn er in Gegenwart von Liz ist? Und was hat es eigentlich mit den Terroristen auf sich, was wollen sie und wieso tun sie es? Mit den Fragen, die Next offen lässt, könnte man eine ganze Trilogie ausfüllen, denn die Terroristen taugen nicht als bloßer MacGuffin, wenn sie letztlich das sind, was bekämpft werden muss. Fraglich auch, wie das FBI sprich Ferris überhaupt auf Cris aufmerksam wurde. Nett sind zwar die Verweise auf Kubricks Dr. Strangelove und A Clockwork Orange, doch bilden diese lediglich die Ausnahme. Weiß der Anfang von Next noch halbwegs zu überzeugen und Cris’ Talent gebührlich zu zelebrieren, geht diese Eigenschaft bald flöten. Hilfreich unterstützt wird das vom wenig überzeugenden Schauspiel aller Beteiligten, wobei man dem Film zu Gute halten muss, dass er im englischen Original weit weniger dämlich daher kommt, wie es in der deutschen Synchronisation der Fall ist. Dennoch hätte man aus der Handlung und auch aus dem zumindest kreativ angehauchten Plottwist sehr viel mehr machen können, als es am Ende bei Tamahori der Fall war. An sich ist Next dabei wieder mal ein hervorragendes Beispiel, weshalb Dickscher Stoff nicht adäquat auf die Leinwand zu bannen ist. Seine oftmalige sozial-politische Kritik ist den Hollywood-Produzenten meist zu unbequem und wird für Entertainment-Plots geopfert. Wenn diese dann auch noch so miserabel ausgearbeitet werden wie hier, können selbst namhafte Darsteller wie Cage und Moore nicht mehr viel retten. Insbesondere da beide im Drama-Genre viel eher beheimatet und weitaus besser aufgehoben sind.

4/10

21. Juni 2007

The Big Lebowski

That rug really tied the room together.

Ein Kult bezeichnet ein Objekt, welches verehrt wird und logischerweise zugleich eine Gruppe, welche dieses Objekt verehrt. Somit handelt es sich um einen Kultfilm, wen dieser eine eigene Anhängerschaft entwickelt hat und von dieser kultisch verehrt wird. Im Jahr 2002 entstand Louisville (Kentucky) das sogenannte ”Lebowski Fest“, welches aus einer Bowlingnacht, sowie mehreren Wettbewerben zu Trivia und Zitaten besteht. Sechs Mal wurde es bereits abgehalten und hat inzwischen Ableger in Los Angeles oder London gefunden. Niemand würde also bezweifeln, dass The Big Lebowski von Joel und Ethan Coen ein solcher Kultfilm ist. Einen der wenigen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

Dabei zeichnet sich The Big Lebowski durch dieselben Elemente und Stilmittel aus, wie sie die meisten Filme der Coen-Brüder besitzen: Neben vielen Schreien und übergewichtigen Menschen ist es vor allem die Darstellerriege, die aus Freunden und Bekannten der Brüder besteht. Mit den meisten von ihnen haben sie bereits in früheren Filmen und teilweise mehrfach zusammengearbeitet, sodass es nicht weiter verwundert, dass die Chemie zwischen dem Ensemble oft reibungslos zu funktionieren scheint. Und ohne an dieser Stelle Miller’s Crossing, Barton Fink und Fargo schmälern zu wollen, ist The Big Lebowski wohl der beste, weil rundeste Film, den die Coens in ihrer bisherigen Karriere abgeliefert haben.

Die gesamte Handlung kommt ins Rollen, als der Dude (Jeff Bridges) zu Hause von Geldeintreibern überrascht wird, die ihm auf seinen geliebten Teppich pinkeln. Dabei haben sie den Dude, der bürgerlich Jeffrey Lebowski heißt, mit dem gleichnamigen Millionär verwechselt. Der Dude will dies nicht auf sich sitzen lassen und sucht den richtigen, den Big Lebowski (David Huddleston), auf, um seinen Teppich rückerstattet zu bekommen. Dabei macht er auch die Bekanntschaft von dessen rechter Hand, Brandt (Philip Seymour Hoffman), und seiner nymphomanen Frau Bunny (Tara Reid). Als diese scheinbar entführt wird, soll der Dude für Mr. Lebowski die Lösegeldübergabe in Höhe von $20,000 übernehmen.

Die Situation entwickelt sich zum Albtraum, als der Dude seinen Bowlingkumpel und Vietnamveteran Walter (John Goodman) einweiht. Der bezweifelt, dass eine Entführung stattgefunden hat und schustert den Entführern, drei deutschen Nihilisten (darunter Peter Stormare) einen falschen Hasen zu. Als dann die Lösegeldübergabe schiefgeht und dem Dude sein Auto mit dem Lösegeld gestohlen wird, scheint die Lage zu eskalieren. Zugleich werden die beteiligten Personen, die der Dude auf seiner Odyssee trifft, immer skurriler: Von einem allwissenden texanischen Cowboy (Sam Elliott) über einen Unterwelt-Porno-Boss (Ben Gazzara) bis hin zu Maude Lebowski (Julianne Moore) und ihrer Agenda.

Was sich wie eine komplexe Geschichte liest, entpuppt am Ende lediglich als leere Luft. Denn die Coens haben es geschafft, einen Film ohne jeglichen Inhalt zu drehen, der aber dennoch über seine gesamte Laufzeit zu fesseln und zu unterhalten weiß. In ihrer an Raymond Chandlers The Big Sleep angelehnten und inspirierten Geschichte, gespickt mit vielen gewohnt farbigen Figuren, die ihrer eigenen Umgebung entstammen, bilden die Coens eine Seinfeldeske Komödie, die sich nach den Angaben der Brüder um nichts dreht. So hat sich am Ende der Handlung keine der Figuren weiterentwickelt – schon gar nicht der Dude. Klar, dass auch der als Erzähler auftretende Cowboy nicht weiß, worum es im Film ging.

Das Geniale dabei ist, es stört sich auch niemand daran. Denn das Geniale ist, dass die Geschichte dadurch erst genial wird. Viel wird gezeigt, wenig wird erklärt. So spielen Maude Lebowski oder Jesus Quintana (John Torturro) für die eigentliche „Handlung“ eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Das Bowling-Halbfinalspiel von Walter und dem Dude gegen Jesus wird in zwei Szenen thematisiert, dann jedoch im weiteren Verlauf des letzten Drittels total fallen gelassen. Ebenso wie der Teppich für den Dude erst den Raum ausgemacht hat, so machen gerade diese (unnötigen) Figuren und Handlungsebenen erst The Big Lebowski aus. Und ohne diese sinnlosen Handlungsstränge wäre der Film ein ganzes Stück ärmer.

Natürlich kann man dem Film eine gewisse Tiefe durch Interpretation verleihen, wenn man wie Dan Jolin in der Empire The Big Lebowski gleichstellt mit Amerikas Verstrickungen im Mittleren Osten (wobei der Dude für Kuwait, die Nihilisten für den Irak und Walter für die USA steht). Diese Rechnung geht hier durchaus auf, ob dies aber die Intention der Coens war, ist jedoch fraglich. Den Film einmal aus diesem Blickwinkel zu sehen, tut dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Unbestreitbar ist der Dude aber ein in sich ruhender Charakter, den mit einem Joint und einem White Russian in der Hand absolut nichts aus der Fassung bringen kann und der liebend gerne die Sätze anderer Leute zu eigenen Zwecken entfremdet.

Was genau seine Motivation ist und wie er es überhaupt schafft zu überleben und seine Miete zu bezahlen, thematisiert der Film nicht. Ursprünglich sollte der Dude von einem Erbe leben, doch widersprach dies wohl dem Grundgedanken des Dude. Wäre dieser finanziell abgesichert, wäre er einem automatisch weniger sympathisch. Was den Dude sicherlich kaum stören würde (“Fuck sympathy!”). Aber auch die Tatsache, dass Jeff Bridges hauptsächlich seine eigenen Klamotten als Dude trug, bestärkt diesen Faktor weiterhin. Viel mehr lässt sich zu diesem Meisterwerk kaum sagen, da, wie erwähnt, keine richtige Handlung vorhanden ist und alles Weitere nur das Filmerlebnis trübt. In diesem Sinne: The Dude abides.

10/10