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18. April 2026

The Thirteenth Floor

You could be home already.

Eine Erwartung ist letztlich ein Entwurf; eine Idee, die man von etwas entwickelt, dessen Ausgang man nicht kennt. Dem in gewisser Weise eine Form von Anspruch innewohnt, dass die Realität sich dieser Erwartung angleicht. “Never expected it could look anything like this”, stellt der Polizeiermittler McBain (Dennis Haysbert) in Josef Rusnaks The Thirteenth Floor fest, als er die Wohnung des toten Computerwissenschaftlers Hannon Fuller (Armin Müller-Stahl) betritt. Fullers Wohnung sieht in Wirklichkeit nicht so aus, wie McBain sie sich vorgestellt hat. Wobei es heißen müsste: „in Wirklichkeit“. Oder vielleicht auch nicht. Fullers Wohnung, so zeigt sich, ist nicht real. Was aber nicht zwingend bedeutet, dass sie nicht wirklich ist. 

Die Welt, der sich The Thirteenth Floor widmet, ist prinzipiell eine Simulation. Und Rusnaks Film eine weitere Adaption von Daniel F. Galouyes „Simulacron-3“, nachdem bereits Rainer Werner Fassbinder den Roman ein Vierteljahrhundert zuvor in Welt am Draht verfilmte. „Eine elektronisch vorgespielte Umgebung ist für elektronische Wesen real“, konstatiert in diesem der technische Leiter Fritz Walfang (Günter Lamprecht). Insofern ist Fullers Wohnung also real, selbst wenn sie es nicht ist – weil die Figuren, die sich in ihr aufhalten, es auch nicht sind. Was ist real, oder: wie real ist etwas? Das sind Fragen, denen sich die Figuren in den drei Geschichten gegenübersehen. Kann es auf diese Fragen überhaupt eine Antwort geben?

Das Los Angeles von 1937 jedenfalls, das Hannon Fuller in The Thirteenth Floor entwickelt, ist eine Simulation, bevölkert von künstlichen Einheiten. “Self-learning cyber beings”, beschreibt sie der Techniker Whitney (Vincent D’Onofrio). „Das sind doch Menschen, oder?“, fragt in Welt am Draht die Sekretärin Gloria (Barbara Valentin) hinsichtlich der dortigen Simulation einer Kleinstadt. Von „Schaltkreisen“, spricht dagegen der Technische Leiter Fred Stiller (Klaus Löwitsch). Räumt aber ein, dass diese für seinen Vorgänger, Prof. Vollmer (Adrian Hoven), ein „menschliches Bewusstsein“ entwickelt hätten. Was im Kern Zweck der Simulation ist, auch wenn The Thirteenth Floor im Gegensatz zu Welt am Draht hierauf nicht näher eingeht.

Bei Fassbinder erhofft sich ein Stahlkonglomerat Zugang zur Simulation, ist deren Sinn doch, das Modell einer Kleinstadt für volkswirtschaftliche Prognosen des Staates zu nutzen. Die künstliche „Welt“ soll als digitaler Zwilling antizipative Rückschlüsse auf die Realität zulassen – um Fehler zu vermeiden und direkt zum Wissen zu gelangen. In The Thirteenth Floor wiederum wirkt das Simulationskonzept eher als Eskapismus, nicht unähnlich einem Virtual-Reality-Spiel, dessen Charaktere ein Bewusstsein und eine Eigenwahrnehmung erhalten. Wo die Simulation in Welt am Draht in der Zukunft stattfindet, die im Blick der Figuren ist, schaut The Thirteenth Floor in die Vergangenheit zurück, frei eines Lerneffekts.

Allerdings hat Fuller doch etwas gelernt. Eine Information, für die er mit seinem Leben bezahlen muss. Der Grund für Fullers Tod ist Bestandteil zweier Ermittlungen: jener von McBain, aber auch von seinem Protegé Douglas Hall (Craig Bierko). Hall sucht in der Simulation nach Indizien für Fullers Mord – wie sich herausstellt, aber in der falschen Simulation. “They say ignorance is bliss”, zitiert Fuller einleitend. Ähnlich, wie es sich parallel 1999 auch Cypher (Joe Pantoliano) in The Matrix dachte. “What is real? How do you define ‘real’?”, stellt Morpheus (Laurence Fishburne) dort als Frage in den Raum. Wenn die Schaltkreise dasselbe Bewusstsein wie echte Menschen entwickeln, spielt es eine Rolle, dass ihre Umwelt artifiziell ist?

In Welt am Draht gibt es mit Einstein (Gottfried John) eine Kontakteinheit, die um ihre eigene Existenz und die Simulation weiß. Mit diesem Wissen aber letztlich überfordert ist. „Weil es keiner aushält, künstlich zu sein und darüber Bescheid zu wissen“, erklärt Techniker Walfang. Das Ignorieren des vermeintlich Offensichtlichen kann als Bestandteil des Konzepts verstanden werden. „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, bedient sich Psychologe Franz Hahn (Wolfgang Schenck) bei Christian Morgensterns „Die unmögliche Tatsache“. Es bedarf somit einer gewissen psychischen Bereitschaft, sich der Wahrheit zu stellen. “I don’t know if you’re ready to see what I want to show you”, führt Morpheus gegenüber Neo (Keanu Reeves) ins Feld.

Fuller habe “a whole new frontier” erarbeitet, erklärt Hall gegenüber McBain. Meint damit zwar die 1937er Simulation, tatsächlich stößt diese aber erst die Erkenntnis für die eigentliche Grenze in die Zukunft auf. Ähnlich wie Ashton in 1937 gelangen auch Fuller und Hall zu “the ends of the Earth”. Für diese emanzipierten Figuren markiert ihr Erkenntnisgewinn ein Gefängnis. Ein reales Bewusstsein in einer fiktiven Umgebung ist für Einstein, Ashton oder Agent Smith (Hugo Weaving) nicht akzeptabel. Oder: zu verkraften. Auch sie identifizieren sich in gewisser Weise mit Morpheus’ Mantra “Free your mind”. So als ob der Geist erst dann real wird, wenn er sich in einem realen Körper wiederfindet. McBain bildet dahingehend eine Ausnahme.

Ihm geht es weniger um die eigene Emanzipation von der Simulation, vielmehr um deren Emanzipation von der Realität. Um die Emanzipation der Schöpfung von ihrem Schöpfer, wenn man so will. “Just leave us all alone down here”, gibt er Jane mit auf den Weg. Gegenüber David Cronenbergs eXistenZ wird unterdessen weder in The Thirteenth Floor, noch in The Matrix hinterfragt, ob die scheinbare Realität nicht auch nur eine weitere Simulation darstellt. Wie tief geht die Matrjoschka-Figur? Man habe zig Simulationen entwickelt, gesteht Jane am Ende Hall. Doch seine sei die erste, die ihrerseits eine Simulation erschuf. Es geht also um lediglich drei Ebenen der Realität, Rusnak bricht das Happy End nicht durch Ambivalenz auf.

The Thirteenth Floor inszeniert die Prämisse eher als stimmungsvollen Sci-Fi-Noir mit überschaubarem Budget, ist weniger als (der doppelt so lange) Welt am Draht oder The Matrix an einem philosophischen Diskurs über Sein und Erkenntnisfähigkeit interessiert. Widmet sich nicht der Frage, ob Existenz sich über Körperlichkeit oder Geistigkeit („cogito, ergo sum“) identifiziert. Ersteres bringt uns erneut zu Christian Morgensterns Gedicht zurück: Das Realisieren, nur Schaltkreis zu sein, führt dazu „Lebendige zu Toten umzuwandeln“. Fuller, Hall, McBain, die sich lebend wähnten, haben keine physische Existenz. „Nur ein Traum war das Erlebnis“, schließt Morgenstern sein Gedicht. Weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“.

7/10

13. September 2007

Breach

He was smarter than all of us.

Was macht ein Filmautor eigentlich für Filme, wenn er die Drehbücher für Filme wie Color of Night, Volcano, Hart’s War und Flightplan geschrieben hat? Überraschenderweise eben nicht solche Filme, im Gegenteil. Billy Ray hat für sein erstes Regieprojekt 2003 eine Geschichte über einen Journalisten erwählt, der viele seiner Reportagen einfach frei erfunden hat. Shattered Glass hieß dieser Film und wurde unter anderem mit Hayden Christensen, Peter Saarsgard, Chloë Sevigny und Rosario Dawson verfilmt. Ebenso wie Shattered Glass basierte auch Ray’s zweiter Film auf wahren Begebenheiten. Breach kam im Februar dieses Jahres in die amerikanischen Kinos und erzählt die Geschichte des FBI-Agenten Robert Hanssen, bzw. dessen Assistenten Eric O’Neill. Besonderes Lob erfuhr der Film für die Darstellung von Chris Cooper als Hanssen und es ist nicht auszuschließen, dass er hierfür erneut eine Oscarnominierung erhält.

Eric O’Neill (Ryan Phillippe) hat sich in den Dienst seines Landes gestellt und observiert potenzielle Terroristen, will eigentlich aber lieber ein Federal Agent sein, bzw. werden. Seine Chance erhält er, als im aufgetragen wird als Assistent für den Veteranagenten Robert Hanssen (Cooper) zu arbeiten. Dieser belästige angeblich weibliche Untergebene und O’Neill soll kontrollieren mit wem Hanssen über was genau spricht. Bald darauf stellt O’Neill jedoch fest, dass neben dem Fachgebiet auf Computerebene auch die katholische Erziehung eine Gemeinsamkeit zwischen Hanssen und ihm darstellt. Dessen Wissen und Familienleben beeindruckt den jungen Anwärter und so stellt er seine Vorgesetzten zur Rede. Diese offenbaren ihm den eigentlichen Hintergrund seiner Arbeit: Hanssen arbeitet als Doppelagent und russischer Spion, vermittelt diesen seit über fünfzehn Jahren Informationen über russische Spitzel und Aufenthaltsorte militärischer Einrichtungen. Doch Hanssen wird immer paranoider und O’Neill muss zusammen mit dem FBI rechtzeitig Beweismaterial finden.

Der Film selbst wird eingeleitet vom Pressestatement des 20. Januars 2001 durch den damaligen amerikanischen Justizminister John Ashcroft. Dieser teilt mit, dass es zwei Tage zuvor gelungen sei, mit Robert Hanssen den größten Spion der amerikanischen Geschichte zu verhaften. Dadurch ist die gesamte Spannung des Films natürlich dahin, wobei viele Amerikaner, welche wohl das Hauptpublikum darstellen, ohnehin über Hanssen Bescheid gewusst haben dürften. Da man als Zuschauer weiß, dass Hanssen überführt wird, baut sich keine rechte Spannung auf, besonders nicht in den genretypischen Spannungselementen, wo der Protagonist immer kurz davor steht aufzufliegen. Folglich ist Breach eine Charakterisierung der zwei Hauptfiguren Hanssen und O’Neill. Wer sind diese Männer, wie sieht ihre Familiensituation aus, was verbindet sie und was trennt sie voneinander. Der wie immer fabelhafte Chris Cooper zeigt uns einen paranoiden Hanssen, jemand der seit fünfzehn Jahren spioniert und bereits schon einmal auf seine eigene Fährte angelegt war. Ein durch und durch christlicher Amerikaner, der jeden Tag in die Kirche geht und der ebenjene amerikanischen Elemente hochhält, für welche sich die USA immer so stolz auszeichnen.

Aber auch er hat seine Geheimnisse, verschickt beispielsweise Amateurpornos mit seiner Frau an Bekannte. Dennoch fasziniert dieser Mann O’Neill und es wächst so etwas wie eine Männerfreundschaft zwischen den beiden, begründet auf ihren katholischen Glauben. Dies und die Vorwegnahme des Endes, sowie die üblichen Spannungselemente sind jedoch so altbacken, bekannt und vorhersehbar, dass man dem Film (welcher ordentlich inszeniert ist, mit Laura Linney und Dennis Haysbert in Nebenrollen) eher beiläufig folgt. Was kann man auch schon groß verpassen? Man muss keine Puzzleteile zusammenfügen und sollte man eben für fünf Minuten vom Bildschirm oder dem Kinosaal verschwinden und zurückkommen, verpasst man höchstens eine weitere charakterliche Begebenheit, aber nichts essentielles des Films. Ray hält Breach in sehr kühlen Bildern, oft in Garagen, Parks oder anderen verlassen Orten, sodass der Film zwar in Washington D.C. spielt, irgendwie aber auch in seiner eigenen kleinen verlassenen Welt. Da beinah jedes Element des Films jedoch von der Realität, bzw. dem Genre vorgegeben ist, entwickelt sich leider keine rechte Spannung in diesen durchaus gut gespielten Spionagethriller.

6.5/10