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22. September 2010

The Town

No deal, no compromise.

Sprichwörter haben oftmals etwas für sich, zum Beispiel „Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall“. Das weiß vermutlich in Hollywood niemand besser als Ben Affleck. Vier Jahre lang, von 1998 bis 2002, war Affleck obenauf. Einer der kommenden Stars Traumfabrik, mit Millionengehältern und Freundinnen, die auf die Namen Gwyneth Paltrow und Jennifer Lopez hörten. Mit den Bruckheimer-Filmen Armageddon und Pearl Harbour spielte er Hunderte Millionen Dollar ein, doch nach der Jahrtausendwende sollten um 2002/2003 Werke wie Daredevil oder auch Gigli, das gemeinsame Filmprojekt mit „Bennifer“-Verlobten Jennifer Lopez, floppen. Und Afflecks Karriere die nächsten Jahre in Nebenrollen wie Smokin’ Aces verdammen.

Als es mit den Schauspielangeboten mauer wurde, orientierte sich Affleck vor einigen Jahren einfach neu. In Gone Baby Gone, einer Romanadaption von Dennis Lehane, versuchte sich Affleck erstmals als Regisseur – und beeindruckte. Auch wenn der Film nach der ersten Hälfte an seiner kruden Geschichte (typisch für die Werke Lehanes) scheitert. Affleck jedenfalls entdeckte eine Nische für sich, und besetzte sie nun dieses Jahr erneut. In The Town führte Affleck erneut Regie und heuerte erneut einen Affleck für die Hauptrolle an. Anstelle seines Bruders Casey dieses Mal sich selbst. Und wo Affleck sich zwar schauspielerisch nicht unbedingt rehabilitieren kann, gelingt es ihm, einen weiteren, sicheren Schritt ins Regiefach zu machen.

Was ein Mal funktioniert, funktioniert auch ein zweites Mal. Für The Town lag erneut ein Roman als Vorlage zu Grunde. Zwar nicht von Dennis Lehane, aber dennoch im Bostoner Umfeld beheimatet. Chuck Hogans drittes Buch “Prince of Thieves” ist 400 Seiten dick und beschäftigt sich mit einer Gruppe von vier Jugendfreunden, die im Bostoner Vorort Charlestown groß wurden. Einem Stadtteil, der pro Kopf gesehen mehr Bankräuber hervorgebracht hat, als jeder andere Ort in den USA – mit dieser Information und Voraussetzung beginnen Hogan wie Affleck die Geschichte. Hauptprotagonist ist Doug MacRay (Ben Affleck), der gemeinsam mit seinem besten Freund, dem heißblütigen Jem (Jeremy Renner), Geldtransporter und Banken überfällt.

Bei einem dieser Überfälle trifft Doug die Bankmanagerin Claire (Rebecca Hall), die wie die Jungs aus Charlestown kommt – und diese daher eventuell identifizieren könnte. Während Jem sie buchstäblich kaltstellen will, kümmert sich Doug um die Angelegenheit. Als sich die Zwei näher kommen, beginnen sie, Gefühle füreinander zu entwickeln. Unterdessen zieht FBI-Ermittler Adam Frawley (Jon Hamm) die Schlinge um Doug, Jem und Co. immer enger. Der Film selbst ist ein klassischer Heist-Thriller. Es geht um Überfälle, die geplant und überlebt werden müssen. Wer hier im Verlaufe des Filmes stirbt, wer überlebt und an welcher Gabelung sich die jeweiligen Figuren am Ende der Geschichte wiederfinden, sollte daher niemanden überraschen.

In The Town ist also der Weg einmal mehr das Ziel und Affleck erweist sich als überaus guter Führer auf diesen bekannten Pfaden. Die Inszenierung der Handlung ist schnörkellos, zwar vorhersehbar, aber dennoch spannend. Es ist ein großer Verdienst, dass Affleck gar nicht erst versucht, irgendwelche überraschenden Wendungen einzubauen. Dass er die Geschichte runter erzählt, ohne Sperenzchen zu treiben. Sicherlich, die Figuren bleiben weitestgehend gesichtslos und eindimensional. Doug, das Eishockeytalent, das an seinem Temperament und der Tatsache gescheitert ist, dass er nicht rückwärts Schlittschuhlaufen kann. Jem, die getrieben Seele aus dem Viertel, gefangen in der Spirale der Gewalt, in die er sich selbst begeben hat.

Die beiden anderen Kumpel erhalten nicht einmal so viel Tiefe, ebensowenig wie Claire, die letztlich bloß der personifizierte Wendepunkt für den Romanhelden ist. Auch Jon Hamms FBI-Ermittler bleibt relativ konturenlos. Das Interesse an Claire aus Hogans Roman verschwindet, ebenso die unsympathische Freundin, die eigentlich Bestandteil seines Lebens ist. Ein tiefgründiger Blick hinter die Figuren, wie es Michael Mann in Heat für die Protagonisten pflegte, fehlt Afflecks Film. Hamms Figur empfindet keine Sympathien für Doug und Jem – genauso wie Frawleys Partner (Titus Welliver), der auch aus Charlestown stammt. Da ein 120-Minuten-Film kein 400-Seiten-Roman ist, spart Affleck viel über die Charaktere aus.

Auch Blake Livelys drogensüchtige, alleinerziehende White-Trash-Schwester von Jem und Ex von Doug existiert eigentlich nur aus einem einfachen, profanen Grund – und reiht sich damit neben die anderen, charakterlich weitestgehend blassen Figuren ein. Wer sich also erhofft, die Figuren in The Town näher kennenzulernen, wird wohl enttäuscht werden. Sie sind bloß Schachfiguren in einem Spiel, das seit Jahrzehnten gespielt wird. Weshalb sie ihre Funktion auch zufriedenstellend erfüllen. Der Zuschauer wird bis zum Schluss unterhalten, fiebert mit, ist gespannt – mehr kann man bei einem derart vorhersehbaren Genre wie dem Heist-Thriller vermutlich nicht erwarten. Auch schauspielerisch holt das Darstellerensemble alles raus.

Renner gibt den gewaltaffinen Heißsporn und genießt es wie Mad Men-Mime Hamm, sich im Kino austoben zu dürfen. Halls Leistung verschwindet fast hinter der faszinierenden Ähnlichkeit zwischen ihr und Scarlett Johansson, während Alteingesessene wie Pete Postlethwaite und Chris Cooper mit ihren Rollen kaum Probleme haben. Überraschenderweise überzeugt sogar Gossip Girls Blake Lively als heruntergekommene Blondine, während Afflecks Rolle seiner „gutherzige Männer mit Problemen“-Kiste entstammt, der schon seine Figuren aus Reindeer Games, Man About Town und Co. angehörten. Somit ist The Town letztlich ein durchaus gelungener Beitrag zum Genre und auch zu Ben Afflecks Vita. Getreu dem Motto: Was lange währt, wird endlich gut.

7/10

13. Dezember 2009

Where the Wild Things Are

Will you keep out all the sadness?

Fast auf den Tag genau 13 Monate ist es her, seit das erste Bild von Where the Wild Things Are erschien. Meine Worte damals lauteten: „Weniger die Umsetzung (...) als vielmehr das Einfügen einer Handlung dürfte hier ein Problem darstellen.“ Und dies sollte sich bewahrheiten. Denn in gewisser Hinsicht war und ist Maurice Sendaks berühmtestes Kinderbuch perfekt. 18 Bilder, 10 Sätze und 338 Wörter brauchte Sendak, um seine Geschichte von Max und dem Land, wo die Wilden Kerle wohnen, zu erzählen. Max, ein Kind mit Anflügen von ADS, wird ohne Essen auf sein Zimmer geschickt und träumt sich dort in eine phantastische Welt. Mit fortschreitender Phantasie vergrößerte Sendak die jeweiligen Bildrahmen, bis schließlich das ganze Bild von seiner Zeichnung eingenommen wird und jeglicher Text fehlt. Über 19 Millionen Exemplare konnten seit 1963 von Where the Wild Things Are verkauft werden. Und dennoch war eine Verfilmung erst Anfang der achtziger Jahre im Gespräch.

Disney, rund um John Lasseter, hatte damals Versuche unternommen, Sendaks beliebte Kindergeschichte als Animationsfilm umzusetzen. Die Adaption der ersten beiden Szenen findet man auf YouTube. Doch das Projekt wurde ebenso wie eine Realverfilmung in den Neunzigern verworfen. Richtig Form nahm Where the Wild Things Are erst Anfang des aktuellen Jahrzehnts an, als Spike Jonze Interesse anmeldete. Vor vier Jahren begannen dann intensivere Planungen und sollten fast zum Scheitern verurteilt sein. Zuerst gab es Probleme mit den Kostümen der Wilden Kerle, dann war Warner Bros. verschreckt von der scheinbaren Familienuntauglichkeit des fertigen Produkts. Die Verantwortlichen wollten das 75-Millionen-Dollar-Projekt neu drehen lassen, entschieden sich dann aber dafür, Jonze es für weitere 25 Millionen Dollar stattdessen familienfreundlicher gestalten zu lassen. Nachdem der erste Trailer, auch dank „Wake Up“ von Arcade Fire, viel versprechend aussah, bewahrheitet sich mit Where the Wild Things Are meine Äußerung von vor 13 Monaten. Während der Look durchaus überzeugt, stellt die Integration einer Handlung ein leichtes Problem dar.

In der Adaption von Dave Eggers, bisher – oder chronologisch korrekt: seitdem – verantwortlich für das Drehbuch von Sam Mendes’ Away We Go, verkommt der achtjährige Max (Max Records) nun zum Scheidungskind. Sich seiner Phantasie hingebend, lebt seine ältere Schwester Claire inzwischen ihr eigenes Leben. Und auch seine Mutter (Catherine Keener) hat keine Zeit und Lust unentwegt mit ihrem Sohn zu spielen. Schließlich verlangt es den neuen Freund (Mark Ruffalo) auch ein wenig nach Aufmerksamkeit. Max wiederum fehlt jene Aufmerksamkeit, er überstrapaziert die Nerven seiner Mutter als er sie beißt („I’ll eat you up!“) und flieht letztlich in die nächtliche Nachbarschaft. Wo in der Vorlage eine mütterliche Strafe für ungebührliches Verhalten der Initiator für Max’ sprichwörtlich ausufernde Phantasie ist, verorten Eggers und Jonze ihre Geschichte als Flucht vor der Patchworkfamilie. Die im Folgenden zur Ankunft in einer weiteren Patchworkfamilie führt. Auf einer Insel strandend trifft Max schließlich die Wilden Kerle rund um ihren inoffiziellen Anführer Carol (James Gandolfini). Und wie sich herausstellt, ist auch da wo die Wilden Kerle wohnen, Einiges im Argen.

Mit dem Auftritt der Wilden Kerle löst sich Where the Wild Things Are dann von Sendaks Vorlage. Von seiner Mutter selbst als wild thing gebrandmarkt, trifft Max bei Sendak auf andere Wilde Kerle, die ihn schließlich anerkennend zu ihrem König wählen. Nach einer chaotischen Nacht („Let the wild rumpus start!“) ergreift Max jedoch das Heimweh. Der Film beschreitet andere Wege, will tiefschürfender sein und verliert sich etwas auf der Suche nach (s)einer Botschaft. Von Wilden Kerlen ist hier, Carol (meist) ausgenommen, keine Spur. Stattdessen erwarten Max teils apatische, teils depressive Spielgesellen, die sich vom neuen König erhoffen, von ihrer Melancholie befreit zu werden. Um sie auseinander zu halten, vergaben Jonze und Eggers ihnen nicht nur Namen, sondern auch Persönlichkeiten. Wobei es sich im Grunde nur um eine Persönlichkeit handelt, nämlich die von Max. Und mit einigen seiner Facetten sieht sich der Achtjährige lieber nicht konfrontiert.

Zur Identifikationsfigur wird der ungestüme Carol auserkoren, der über den Zustand seiner eigenen Familie so wütend ist, dass er wie ein Berserker durch ihr Zuhause stürmt. Seine Gefühlswelt beschreibt er später Max gegenüber als Gebiss, in dem im Alter die Zähne immer weiter auseinander stehen und letztlich ausfallen. Nichts ist mehr so wie früher, will doch keiner mehr wild herumtollen und auch KW (Lauren Ambrose) hat kaum noch Interesse an Carols Spieltrieb. Es sind diese Beiden, die an Max ihr Herz verlieren werden und vice versa. Mit dem meist abwesenden Daniel, der lieber für sich allein ist, und dem von der Gruppe vernachlässigten Alexander (Paul Dano) hat Max dagegen weniger zu tun. Als Spiegelbilder seiner selbst zählen sie, wie auch die mies gelaunte Judith (Catherine O’Hara), zu den Facetten, die er lieber verdrängen möchte. Aber der Zustand der Wilden Kerle offenbart, dass Max vor seinen Problemen mit seiner Familie nicht davon laufen kann. Insofern bemühen Eggers und Jonze hier sehr offensichtlich eine Katharsis ihres Helden.

Wo Sendak sich auf die Botschaft der mütterlichen Liebe beschränkt – Max kehrt nach Hause zurück und findet dort doch noch sein Abendessen vor -, versieht der Film Max mit einem Konflikt, den es zu lösen gilt. Wenn auch nur mit sich selbst. Erst die Position des quasi Außenstehenden bei den Wilden Kerlen sorgt dafür, dass er begreift wie unglücklich alle unter diesen Voraussetzungen sind. Insofern will er „no longer let his anger separate him from those whom he loves and who love him“, wie es Elizabeth Kennedy ausdrückte. Interpretiert man Sendaks Werk primär aus diesem Blickwinkel, wird der Film der Vorlage durchaus gerecht. Doch die Projizierung von Max auf alle sieben „Wild Things“ will nicht immer vollends überzeugen. Schon allein deshalb, da es wie erwähnt weniger Wilde Kerle als vielmehr manisch-depressive Kerle sind, die man aufgetischt bekommt. Auch die Katharsis von Max wirkt relativ halbgar, da er nicht ein Mal seine Phantasiewelt gebacken bekommt und diese immerhin eine vereinfachte Version seiner Realität darstellt. Ingesamt wirkt Jonzes Adaption vom sozialpsychologischen Standpunkt her somit leicht überfrachtet, weshalb auch die hinzugefügte Handlung nur bedingt überzeugen will.

Von der technischen Umsetzung her ist Where the Wild Things Are jedoch ausgesprochen gelungen. Die digitalisierten Gesichter auf den realen Kostümen synthetisieren gut und es schadet den Wilden Kerlen nur, wenn Jonze sie durch die Luft springen lässt. Hier wirken die Bewegungen nun wenig natürlich, was aber ob der geringen Präsenz an Sprüngen annehmbar ist. Ein besonderer Trumpf ist jedoch der Soundtrack von Karen O, der unentwegt jenes phantastische Gefühl zu transportieren weiß, das Sendaks Geschichte innewohnt. Und während sich Records erstaunlich gut schlägt, zwischen all den Riesenkostümen, sind es speziell Gandolfini und Dano, deren Stimmen besonders gut gewählt scheinen. Somit ist Where the Wild Things Are vielleicht kein Meisterwerk, aber trotzdem – und gerade in seinen letzten Minuten – ein teils wunderschöner und ergreifender Film geworden. „L.O.V.E., it’s a mystery“, singt Karen O schließlich im Abspann und es verabschiedet sich mit Spike Jonze nach vier Jahren Arbeit der wahre König der Wilden Kerle.

7/10

13. September 2007

Breach

He was smarter than all of us.

Was macht ein Filmautor eigentlich für Filme, wenn er die Drehbücher für Filme wie Color of Night, Volcano, Hart’s War und Flightplan geschrieben hat? Überraschenderweise eben nicht solche Filme, im Gegenteil. Billy Ray hat für sein erstes Regieprojekt 2003 eine Geschichte über einen Journalisten erwählt, der viele seiner Reportagen einfach frei erfunden hat. Shattered Glass hieß dieser Film und wurde unter anderem mit Hayden Christensen, Peter Saarsgard, Chloë Sevigny und Rosario Dawson verfilmt. Ebenso wie Shattered Glass basierte auch Ray’s zweiter Film auf wahren Begebenheiten. Breach kam im Februar dieses Jahres in die amerikanischen Kinos und erzählt die Geschichte des FBI-Agenten Robert Hanssen, bzw. dessen Assistenten Eric O’Neill. Besonderes Lob erfuhr der Film für die Darstellung von Chris Cooper als Hanssen und es ist nicht auszuschließen, dass er hierfür erneut eine Oscarnominierung erhält.

Eric O’Neill (Ryan Phillippe) hat sich in den Dienst seines Landes gestellt und observiert potenzielle Terroristen, will eigentlich aber lieber ein Federal Agent sein, bzw. werden. Seine Chance erhält er, als im aufgetragen wird als Assistent für den Veteranagenten Robert Hanssen (Cooper) zu arbeiten. Dieser belästige angeblich weibliche Untergebene und O’Neill soll kontrollieren mit wem Hanssen über was genau spricht. Bald darauf stellt O’Neill jedoch fest, dass neben dem Fachgebiet auf Computerebene auch die katholische Erziehung eine Gemeinsamkeit zwischen Hanssen und ihm darstellt. Dessen Wissen und Familienleben beeindruckt den jungen Anwärter und so stellt er seine Vorgesetzten zur Rede. Diese offenbaren ihm den eigentlichen Hintergrund seiner Arbeit: Hanssen arbeitet als Doppelagent und russischer Spion, vermittelt diesen seit über fünfzehn Jahren Informationen über russische Spitzel und Aufenthaltsorte militärischer Einrichtungen. Doch Hanssen wird immer paranoider und O’Neill muss zusammen mit dem FBI rechtzeitig Beweismaterial finden.

Der Film selbst wird eingeleitet vom Pressestatement des 20. Januars 2001 durch den damaligen amerikanischen Justizminister John Ashcroft. Dieser teilt mit, dass es zwei Tage zuvor gelungen sei, mit Robert Hanssen den größten Spion der amerikanischen Geschichte zu verhaften. Dadurch ist die gesamte Spannung des Films natürlich dahin, wobei viele Amerikaner, welche wohl das Hauptpublikum darstellen, ohnehin über Hanssen Bescheid gewusst haben dürften. Da man als Zuschauer weiß, dass Hanssen überführt wird, baut sich keine rechte Spannung auf, besonders nicht in den genretypischen Spannungselementen, wo der Protagonist immer kurz davor steht aufzufliegen. Folglich ist Breach eine Charakterisierung der zwei Hauptfiguren Hanssen und O’Neill. Wer sind diese Männer, wie sieht ihre Familiensituation aus, was verbindet sie und was trennt sie voneinander. Der wie immer fabelhafte Chris Cooper zeigt uns einen paranoiden Hanssen, jemand der seit fünfzehn Jahren spioniert und bereits schon einmal auf seine eigene Fährte angelegt war. Ein durch und durch christlicher Amerikaner, der jeden Tag in die Kirche geht und der ebenjene amerikanischen Elemente hochhält, für welche sich die USA immer so stolz auszeichnen.

Aber auch er hat seine Geheimnisse, verschickt beispielsweise Amateurpornos mit seiner Frau an Bekannte. Dennoch fasziniert dieser Mann O’Neill und es wächst so etwas wie eine Männerfreundschaft zwischen den beiden, begründet auf ihren katholischen Glauben. Dies und die Vorwegnahme des Endes, sowie die üblichen Spannungselemente sind jedoch so altbacken, bekannt und vorhersehbar, dass man dem Film (welcher ordentlich inszeniert ist, mit Laura Linney und Dennis Haysbert in Nebenrollen) eher beiläufig folgt. Was kann man auch schon groß verpassen? Man muss keine Puzzleteile zusammenfügen und sollte man eben für fünf Minuten vom Bildschirm oder dem Kinosaal verschwinden und zurückkommen, verpasst man höchstens eine weitere charakterliche Begebenheit, aber nichts essentielles des Films. Ray hält Breach in sehr kühlen Bildern, oft in Garagen, Parks oder anderen verlassen Orten, sodass der Film zwar in Washington D.C. spielt, irgendwie aber auch in seiner eigenen kleinen verlassenen Welt. Da beinah jedes Element des Films jedoch von der Realität, bzw. dem Genre vorgegeben ist, entwickelt sich leider keine rechte Spannung in diesen durchaus gut gespielten Spionagethriller.

6.5/10

10. Juni 2007

Syriana

This is a fight to the death.

Selten lässt sich über einen Hollywood-Film sagen, dass er intelligent ist. Und sicherlich darf darüber gestritten werden, ob Kino nicht zum Abschalten dienen soll nach einem harten Arbeitstag. Anstatt die Köpfe mit geopolitischen Ränkespielen zum Rauchen zu bringen. Wozu stumpfes „Glotzen“ verkommen kann, hat Bernward Wember vor drei Jahrzehnten mit seiner Bild-Text-Schere zu warnen versucht. Umso verdienstvoller gerät also Syriana, der Polit-Thriller von Stephen Gaghan (Traffic). Sicherlich auch dank seiner hochkarätigen Besetzung mit George Clooney und Matt Damon gelang es dem Film in den USA sogar seine Kosten wieder einzuspielen. Was angesichts seiner Thematik durchaus erstaunt.

Denn gut drei Jahre nach dem Ende des Irakkriegs übt Gaghan ganz unsubtil an der Politik seiner Heimat, die Strukturen im Mittleren Osten nach ihrem Gusto umzumodellieren. Als Episodenfilm lässt Syriana hierbei vier Handlungsstränge parallel und bisweilen auch zusammenlaufen. Im Zentrum steht dabei ein fiktives Emirat im persischen Golf, das über Erdöl verfügt und in dem sich ein Machtwechsel anbahnt. Auf der einen Seite steht Prinz Nasir (Alexander Siddig), der progressive Sohn des Emirs, der den Fortschritt seines Landes zum Ziel hat und sich hierbei vom Energie-Analytiker Bryan Woodman (Matt Damon) beraten lässt, nachdem dessen Sohn bei einer Privatfeier von Nasirs Vater unglücklich zu Tode kam.

Auf der anderen Seite steht Nasirs jüngerer Bruder Meshal (Akbar Kurthaas), den eher Luxusgüter als Politik interessieren. Weil Nasir Bohrungsrechte an die Chinesen vergeben will, zieht er sich den Zorn der US-Lobby auf sich. Der Fernost-Agent Bob Barnes (George Clooney) soll das Nasir-Problem aus der Welt schaffen, während in der Heimat der Anwalt Bennett Holiday (Jeffrey Wright) versucht, die Fusion des Öl-Unternehmens Connex Oil mit Jimmy Popes (Chris Cox) Firma Killen durch potentielle Korruptionsvorwürfe zu schiffen. Die Entscheidung von Connex wiederum, eine Ölraffinerie im Mittleren Osten lahmzulegen, hat für pakistanische Arbeitsmigranten wie Wasim (Mazhar Munir) Folgen.

Gaghans Film ist bevölkert von dutzenden Figuren und jede von ihnen hat ihr eigenes Päckchen zu schultern. Da ist Julie Woodman (Amanda Peet), die den Tod ihres Sohnes betrauert und plötzlich auch ihren Mann zu verlieren scheint, der in den Reuebekundungen des Emirats die Chance auf eine historische Wende und zugleich privaten Reichtum für seine Firma sieht. Und außerdem Danny Dalton (Tim Blake Nelson), ein korrupter Lobbyist, dessen Vergangenheit die Fusion von Conney und Killen gefährden könnte, was nicht zuletzt der verantwortlichen Anwaltskanzlei von Dean Whiting (Christopher Plummer) ein Dorn im Auge wäre, die so wie alle amerikanischen Figuren ein Stück vom Kuchen haben will.

Fortan bewegt sich Syriana wie ein politischer Strom. Von Teheran wandern wir nach Washington, von dort nach Genf über Marbella bis nach Beirut. Die Protagonisten sind global player, Vermittler zwischen dem Öl im Osten und den Interessenten im Westen. Und alles dazwischen verkommt zu Kollateralschaden. Der tote Sohn avanciert zum subversiven Druckmittel, eine an Ägypter verkaufte Rakete wird zum Stolperstein für einen aufmerksamen CIA-Agenten. In dieser geopolitischen und von ökonomisch-industriellen Werten geprägten Welt kommt derjenige weiter, der zuerst an sich denkt. Und dadurch lebt er auch länger, wie Außendienst-Agent Barnes später im Libanon feststellten muss.

Adaptieren ist das Schlagwort für die Figuren. So ist der Auftragskiller Mussawi (Mark Strong) inzwischen zu den Iranern übergewandert (“This is a war!“), wie sich auch Barnes’ Vorgesetzte (u.a. Tom McCarthy) stets danach richten, wo aktuell der Wind herweht. Ähnlich verhält es sich für Bennett Holiday, der zwar sympathische Züge trägt, letztlich jedoch zu merken scheint, dass man als Hai im Fischbecken sicherer schwimmt (“Our real client, is, after all, us, the American people“). Zur Säule der Loyalität und Stimme der Räson verkommt da - neben Amanda Peets Gattin – lediglich Alexander Siddigs Prinz, der schon allein aufgrund seiner Progression zum Scheitern verurteilt scheint. Und das ist die Tragik.

Wenn man so will, liefert Syriana den (oberflächlichen) Hintergrund für den Irakkrieg, für all die politischen Tumulte im arabischen Raum. Die USA wollen Öl, die Arbeiter im Persischen Golf wollen Jobs und jeder will mehr Macht und Geld. Als Folge drohen Mord und Totschlag, Terror, Folter und Tragödien. Ein Intrigenspiel, bei dem Gutmenschentum nicht belohnt, sondern bestraft wird. Denn der Kampf um das Öl hat begonnen. “It’s running out. And ninety percent of what’s left is in the Middle East”, erklärt Woodman einem (ver-)zweifelnden Prinzen. “This is a fight to the death.” Und als solchen inszeniert Gaghan seinen Film auch – allerdings mit amerikanischen Figuren in der Rolle als Bösewichter und Henker.

Dass Syriana derart überzeugend ausfällt, verdankt sich nicht nur seinem komplexen und informationslastigen Drehbuch, sondern auch dem Ensemble, das seine Figuren zum Leben erweckt. Zwar wurde lediglich Clooney für einen Oscar nominiert (den er auch gewann), aber die Damons, Peets, Siddigs und Co. müssen sich nicht hinter ihm verstecken. Gaghan gelingt es, uns einen Plot zu servieren, der konventionell genug ist, damit wir ihm folgen, und smart genug, damit wir von ihm möglicherweise sogar noch etwas lernen. Oder um sich der Szene zwischen Holiday und dem Justizministerium zu bedienen: “I used to think there’s something wrong here. Now I know there’s something wrong here”.

8/10