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2. August 2019

Doomsday Clock – #8-10

You see what you want to see.

Die Macht – und Wut – des Volkes darf nicht unterschätzt werden. Diese Erfahrung musste jüngst auch die chinesische Regierung in Hongkong machen, als Demonstranten ein Parlamentsgebäude besetzten. Der Unmut der Bevölkerung wird auch in Doomsday Clock immer lauter, nachdem Geoff Johns bereits den wachsenden Widerstand der Menschen gegen Metahumans zu Beginn seines DC/Watchmen-Crossovers integriert hatte. Welchen Superhelden kann man noch trauen? In Save Humanity (#8) hat Russland angefangen, alle Neugeborenen auf das Metahuman-Gen zu testen. Die Involvierung und Präsenz von Firestorm in Moskau ist es dann auch, die den Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Russland zu eskalieren droht.

Spätestens als Firestorm ein vermeintliches Massaker auslöst, ruft dies auch Superman auf den Plan. Er vermutet Firestorm im Exil in Kahndaq, trifft dort aber lediglich auf Black Adam, der seine Heimat als sicheren Hafen für alle mit übermenschlichen Kräften sieht. “Things must change”, findet Black Adam. “And people with the power to change it must act.” Dies betrifft natürlich einerseits die Metahumans, aber eben auch normale Menschen mit Macht. So wie Wladimir Putin, der eine ähnliche, aber nicht zwingend pazifistische Sicht vertritt. “We are at a violent crossroads, where the direction we turn will determine the future of the world”, sagt Putin zur sozio-politischen Gabelung, an der sich die Menschheit nunmehr befindet.

Vor allem die jüngsten drei Ausgaben von Doomsday Clock fungieren weitaus deutlicher als ihre Vorgänger als ein Spiegelbild für unsere gegenwärtige Gesellschaft. Seine Intervention in die dramatischen Ereignisse um Firestorm lassen Vorwürfe der geheimen Zusammenarbeit und des Betrug gegen Superman laut werden. Die in ihrem Echo (“collusion”,“fraud”) an den Zwiespalt in den USA bezüglich Präsident Trump erinnern. Da passt es ins Bild, dass der US-Präsident der DC-Welt sich in Crisis (#9) auf Twitter für seine Leistungen selbst lobt. “We need to come together now”, hatte Superman in der Ausgabe zuvor appelliert. “The demonization of any group of people is wrong.” Batmans Rat (“Don’t pick a side”) dabei ignorierend.

Ein konstruktiver Diskurs scheint zum Ende von Saving Humanity hin nicht mehr möglich – ist jedoch, wie Crisis zeigt, kein ausschließliches Problem der Normalsterblichen. Dort macht sich die Justice League auf den Weg zum Mars “an energy they’d never encountered” verfolgend, wie Alfred sagt. In Gruppen-Panels sehen wir hier Charaktere wie Batwoman, Supergirl, den Martian Manhunter, die Green Lanterns, Zatanna und John Constantine, die Shazam Familie oder sogar eher obskurere Figuren wie Question unterwegs zu ihrer unausweichlichen Begegnung mit Dr. Manhattan. “You’re here looking for answers you don’t even know the questions to”, erwartet dieser sie und stuft sie informationstechnisch somit gleichauf mit den Lesern.

Oder vielleicht auch nicht. Denn in gewisser Weise lichtet sich, kurz vor Ende der Serie, der Nebel langsam und die Pläne, die Ozymandias für beide Universen zu haben scheint. Selbst wenn er – ähnlich wie der Großteil der übrigen Watchmen-Figuren – in diesen Ausgaben wenig bis gar nicht präsent ist. Selbst Dr. Manhattan scheint erstmals seit seinem Unfall ratlos ob der Dinge, die sich im DC-Universum abspielen. “Does Superman destroy me or do I destroy everything?”, fragt er sich erneut zu Beginn von Crisis, als es ihm nicht möglich ist, weiter als bis zu seiner kommenden Konfrontation mit Superman in die Zukunft zu blicken. “I don’t understand this universe”, realisiert er in Action (#10) – und wirkt eher fasziniert als verwirrt.

In der jüngsten Ausgabe führt Johns das Konzept der Viele-Welten-Interpretation ein – oder des Multiverse, wie es Dr. Manhattan nennt. Das Universum teile sich unentwegt in viele verschiedene Zeitlinien auf, finde aber im Metaverse mit Superman – als allererstem Superhelden der Geschichte – seinen Fokus und Anker. Für Johns zugleich Gelegenheit für einige Meta-Verweise auf die wandelnde Historie von Superman als Figur, wenn Dr. Manhattan dessen Ursprung mal in 1938 (Golden Age), dann in 1956 (Silver Age) und später in 1986 (Modern Age) verortet. “His arrival changes again. And again”, stellt Dr. Manhattan fest, der selbst ja nur einmal von Alan Moore für sein Watchmen-Comic ins Leben gerufen wurde.

Bereits in den anfänglichen Ausgaben wirkte es mitunter so, als kommentiere Johns nicht nur die fiktive Welt der beiden Comic-Universen selbst, sondern auch unsere Realität, aus welcher diese stammen. “We’ll be heroes again”, hatte Ozymandias zu Beginn von Doomsday Clock gesagt, als er sich mit Rorschach auf ins DC-Universum machte. Einerseits meint er damit natürlich seine gescheiterte Befriedung der Welt, die Alan Moore in Watchmen abhandelte. Andererseits avancieren allerdings hier auch Charaktere wie er, Rorschach, Dr. Manhattan oder The Comedian durch die Integration ins DC-Universum nun wieder zu „Helden“ der Comic-Szene für eine Generation, die eventuell mit Watchmen zuvor nichts anfangen konnte.

Action ist es dann auch, wo die Relevanz von The Adjournment und Carver Coleman etwas deutlicher wird. “I knew I had to answer a simple question… who was the target and who was in the wrong place at the wrong time?”, bringt es Colemans filmisches Alter Ego auf den Punkt – und verweist zugleich auf die Geschehnisse, die Doomsday Clock definieren. Zur falschen Zeit am falschen Ort ist dabei nicht dem Zufall geschuldet, sondern – wie Action aufzeigt – eine Kausalkette, die Dr. Manhattan in Gang setzt. Sei es wenn er verhindert, dass Alan Scott zu Green Lantern wird, er damit die Justice Society of America beeinflusst oder im Verlauf der Ausgabe immer intensiver Einfluss auf die Geschichte und das Leben von Superman nimmt.

Auch hier findet sich wieder eine Meta-Lesart, wenn Dr. Manhattan sich in Supermans Historie einmischt, wie es DC Comics seit den 1940er Jahren immer wieder tut. Dr. Manhattans gottgleiche Kräfte ähneln dabei denen von Geoff Johns oder jedem anderen Comic-Autoren, die in ihren unzähligen Reboots und Crossovern Hintergründe, Ursprünge und Co. der Comic-Helden verändern und korrigieren. Die Ereigniskette, der wir in Doomsday Clock beiwohnen, resultiert dann auch daraus, dass Dr. Manhattan einen immer aktiveren Part nimmt, wo er in der (Watchmen-)Vergangenheit primär als Beobachter fungierte. Als “being of inaction” sieht er sich durch seine Verwicklungen auf Konfrontationskurs mit Superman (“a man of action”).

In Anflügen spielt vor allem Action dabei auch mit Fragen von Kausalität und Determinismus. So trifft sich Carver Coleman, ursprünglich ein gescheiterter Schauspieler, jährlich in einem Diner mit Dr. Manhattan, um von ihm Informationen zu seiner Zukunft zu erfahren. Für Dr. Manhattan als vierdimensionales Wesen ist Colemans Zukunft zugleich Gegenwart und Vergangenheit – und damit Geschichte. Die Frage ist, ob die Ereignisse – darunter der Gewinn eines Oscars als Bester Hauptdarsteller – auch geschehen wären, wenn der zuvor hoffnungslose Coleman nicht die gute Nachricht erhalten hätte? Konträr dazu wird Superman etabliert, um den sich das Universum jeweils anordnet, egal, in welchem Jahr er auftritt.

Reichlich verkopft kommen also die jüngsten zwei Ausgaben daher, die gegenüber denen zuvor weniger auf comic relief setzen (was sich auch durch die Abwesenheit von Rorschach, Joker, Marionette und Mime erklären mag). Amüsante Momente gibt es lediglich vereinzelt, zum Beispiel wenn ein nach dem Vorfall von Saving Humanity auf der Erde zurückgebliebener Batman das Großkonsortium der Justice League vorwarnen will, aber mehrere Minuten für die Signalübertragung von der Erde zum Mars abwarten muss. Das Fehlen der Watchmen-Crew – zu der auch Saturn Girl dazu gestoßen war – macht sich aber dennoch leicht bemerkbar, auch weil die Justice League eher quantitativ als qualitativ in Action vertreten ist.

Prinzipiell funktioniert Doomsday Clock weiter sehr gut, nicht zuletzt dank der sehenswerten Bilder von Gary Frank und ihrer Vorlagentreue. Ob und wie die Serie alle Stränge und Figuren in den verbliebenen zwei Ausgaben, die bis Jahresende erscheinen sollen, zusammenführt (ohne dass sich die Handlung in eine nächste DC-Inkarnation weiterschleppt), wird spannend sein. Eventuell hat Geoff Johns mit der Integration dieser Vielzahl an Figuren mehr abgebissen, als er schlucken kann (so bedarf es noch der Auflösung von Black Adams Angriff auf die Vereinten Nationen). “To this universe of hope… I have become the villain”, realisiert Dr. Manhatten am Ende von Action – hoffentlich kein schlechtes Omen auf sein Autoren-Alter-Ego Johns.

8/10

16. November 2018

Saga – Volume 9 | Doomsday Clock #5-7

Gut Ding, heißt es so schön, will Weile haben. Entsprechend lang fallen die Pausen zwischen den Volumes von Brian K. Vaughans und Fiona Staples’ Comic-Epos Saga aus – man kann natürlich auch einfach die Einzelausgaben lesen. “Without anticipation, life can be comfortable, but it’ll never be thrilling”, hebt Hazel in einer Szene die Vorteile der Vorfreude hervor. Zugleich wird die im Fall von Saga aber auch neu strapaziert, denn Vaughan und Staples haben sich nach der jüngsten Ausgabe erstmal für ein Jahr zurückgezogen. Wie gut, dass es in der Zwischenzeit noch Geoff Johns’ Doomsday Clock gibt (auch wenn ich hier ebenfalls immer einige Ausgaben abwarte) und dass beide Comics narrativ etwas in die Puschen kommen.


Saga – Volume 9

You like that, don’t you?

Eigentlich seit seinen Anfängen pflegt Saga immer wieder Bezüge zur Zeitgeschichte in sein phantastisches Kosmos-Abenteuer einzubauen. Zum Beispiel in Volume Eight zuletzt der gerade in den USA hochbrisante Konflikt zwischen den “pro life”- und “pro choice”-Anhänger. In Zeiten, in denen der US-Präsident jede Berichterstattung abseits der Hofmedien als “fake news” abtut und Journalisten wie Jamal Kashoggi wegen Regime-Kritik an Saudi-Arabien getötet werden, wartet Saga in Volume Nine passend mit einem Plädoyer für die freie Presse auf. Das Reporter-Pärchen Upsher und Doff will nämlich Marko und Alana einen Exklusiv-Bericht über ihre verbotene Liebe mit einem besonderen, aber unmoralischen Angebot schmackhaft machen.

Ihnen und Hazel winke für die Rechte an ihrer Story mit dem Source Protection Program eine Art Quellen-Schutzprogramm, das der Familie mit “Transubstantiation” eine Assimilation an die Spezies auf Jetsam bietet. Für die Familie ist ihre Identität jedoch etwas Besonderes, dafür nimmt Sir Robot das Angebot gerne für sich, Petrichor und Squire in Anspruch – im Austausch für Beweise, dass Landfall und Wreath zusammen den Vorfall auf Phang verschuldet haben. Ein auf seine Art fast noch delikateres Thema, das auch für die beiden berichtenden Journalisten nicht ungefährlich ist. “We were ready to die on the job long before we ever met you”, gibt Upsher zu Protokoll – und bewegt sich in gewisser Weise unter ein Damokles-Schwert.

Natürlich schweben aber nicht nur die zwei Reporter (weiter) in Lebensgefahr, sondern jede der Figuren. “Every violent action (…) sends ripples throughout the cosmos, inevitably causing more of the same”, bringt Marko gegen Ende das Aktion-Reaktion-Verhältnis, dem Saga seit jeher folgt, auf den Punkt. So wird The Will zum Handlanger von Ianthe versklavt, da er einst deren Lebenspartner tötete – er selbst wiederum sehnt immer noch nach Rache gegenüber Sir Robot, weil der sich dasselbe einst bei The Stalk zu Schulde kommen ließ. Ein ewiger Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt – den zumindest Marko beenden will, ehe ihm letztlich ziemlich überraschend (und zugleich schockierend) dann selbst ein Ende bereitet wird.

Nachdem Vaughan lange nicht so recht zu wissen schien, in welche Richtung sich die Story bewegen soll, bleibt er sich einerseits treu und wartet andererseits doch mit Neuerungen auf. So verkommt Ianthe wie schon Dengo oder The March mehr zum Antagonist der Woche, statt eine dreidimensionale Facette zu erhalten. Indem Vaughan und Saga jedoch in erstaunlich kurzen Abständen erst Doff, insbesondere aber Sir Robot und Marko ins Jenseits befördern, kommt dies einer Art Tabula rasa gleich, die der Reihe als solche eine neue Dynamik geben könnte. Die angedeutete Katharsis von The Will scheint vorbei, Alana mit einem Voll- und Halbwaisen künftig ziemlich überfordert, angesichts der weiter drohenden Gefahren.

Zugleich ist es schade, dass die in Volume Eight begonnene Humanisierung von The Will zum Abschluss kommt (jedenfalls vorerst). Dabei hätte gerade Ianthe ihm in ihrem Rachewahn ja Mahnung genug sein dürfen, sich seinem Hass auf Sir Robot nicht hinzugeben. Zumindest findet Saga in The Will aber einen stärker ausgearbeiteten Widersacher als in den bisherigen Vertretern, die allesamt von kurzer Dauer waren (wenn auch, wie im Fall von Izabel, nicht ohne Folgen). Er bildet gleichzeitig auch das Gegenstück zu Sir Robot, der wiederum erfolgreich die charakterliche Katharsis meisterte, um zum erweiterten Mitglied jener Familie zu werden, die er liquidieren wollte. Ein Schritt, der für The Will spätestens jetzt nicht mehr möglich sein wird.

Prinzipiell macht Volume Nine von Saga viel richtig, ohne zwingend viel anders zu machen. Dem Grundkonzept blieb sich Vaughan treu, verlagerte die Figuren auf einen anderen Planeten und setzte sie dort der nächsten Gefahr aus. Das Ergebnis überrascht, weil etwas Drastisches passiert – dies aber eben dieses Mal derart mit dem Ableben gleich zweier zentraler Figuren, dass der Status quo in Volume Ten nicht derselbe sein können wird. “Most of the time, we don’t even realize we’ve lived through something worth commemorating until long after it’s already ended”, sagt Hazel an einer anderen Stelle. Volume Nine macht aber unmittelbar klar: Die Welt von Saga hat sich für ihre Figuren für immer verändert. Und dies nicht zum Guten.

8.5/10

Doomsday Clock #5-7

If you look very closely, you might see the strings.

Auch Doomsday Clock zieht in seinen jüngsten Ausgaben das Tempo an – immerhin ist mit Truly Laugh (#6) auch bereits Halbzeit angesagt. Geoff Johns taucht tiefer in die DC-Welt ein und führt die bisherigen Protagonisten dabei in Blind Spot (#7) auch erstmals als gemeinsame Gruppe zusammen. Zugleich werden zuvor angerissene Elemente wie Mr. Thunder oder auch der Widerstand gegen die Metahumans vertieft und erhalten etwas mehr Konturen. Genauso wie The Marionette und The Mime, deren Kennenlernen und Kindheits-Trauma Truly Laugh in Rückblenden aufdröselt. Doomsday Clock bringt sich in Position – daran lässt auch das Ende von Blind Spot mit dem ultimativen Charakter-Clash-Tease keine Zweifel aufkommen.

Nachdem wir bisher primär aus den Nachrichten über die wachsende Ablehnung der Bevölkerung gegenüber den Metahumans erfuhren, integriert Johns nun das Detail, dass ein erheblicher Teil von ihnen Experimente ihrer jeweiligen Regierung sind. Eingeteilt in Gut und Böse werden sie einem Wrestling-Match gleich aufeinander gehetzt oder für Spionage-Zwecke missbraucht. “Look at the sheer number of you lost in the narrative of good versus bad”, bringt es Ozymandias gegenüber Batman auf den Punkt. Dabei könnte er als personifizierte Gratwanderung zwischen Held und Antagonist aber auch problemlos sich selbst in seine Äußerung miteinbeziehen, als er zusätzlich ergänzt: “Wandering aimlessly in a fog of self-righteousness.”

Die Metahumans, Gut wie Böse, sind jedenfalls auf dem Rückzug. Green Lantern hat die Erde verlassen, auch Wonder Woman, so heißt es, sei von den Amazonen zurück nach Themyskira geschleppt worden. “The world’s faith in its spandex society is falling apart”, konstatiert Daily Planet-Chefredakteur Perry White im Dialog mit Lois Lane in There Is No God (#5). Doch nicht nur die Helden haben von der aktuellen Lage scheinbar die Nase voll, auch ihre Gegenspieler, die der Riddler hier als “League of Villainy” zusammentrommelt, erwägen daher ein von Black Adam im Nahen Osten offeriertes Exil. Doomsday Clock versammelt einige illustre DC-Bösewichter auf wenigen Panels, darunter der Pinguin, Two-Face und Mr. Freeze.

Auch Helden finden sich verstärkt, seien es Hawk and Dove in einem Fernsehbericht oder Mr. Thunder, der sich als Johnny Thunder entpuppt, auf der Suche nach seinem mystischen Dschinn Yz. Der greise Held sieht darin “the chance to make things right”, was ihn wiederum mit Figuren wie Ozymandias eint. Wie es das Schicksal so will, begegnet er schließlich Rorschach und Saturn Girl, die Letzteren zum Ende der vorangegangenen Ausgabe aus Arkham befreit hat. Ob sie Sally Jupiter kenne, fragt Rorschach seine neue Begleiterin – und untermauert seine sicher unfreiwillige Rolle als comic relief dieses Watchmen-Sequels. Etwas bemühter ist da schon der Humor, den die Kombo aus Marionette und Mime mit Joker ziehen will.

Von allen DC-Gegenspielern erhält der Clown Prince of Crime die größte Aufmerksamkeit, auch wenn Truly Laugh kurz Lois Lane einen – wenig ergiebigen – Besuch bei Lex Luthor abstatten lässt. Derweil hält sich Superman weiterhin eher im Hintergrund, wobei Blind Spot betont, dass eine Konfrontation mit Dr. Manhattan, der ebenfalls ins Rampenlicht tritt, unumgänglich scheint. Wenn in selbiger Ausgabe, obschon kurz, dann eine illustre Gruppe von Batman und Joker hin zu Dr. Manhattan, Ozymandias, Rorschach und dem Comedian ein Panel bevölkert, erzeugt dies bereits eine große Vorfreude auf das, was da noch kommt. Eben auch, weil Doomsday Clock immer noch visuell beeindruckt, mit seiner Loyalität zu den Vorlagen.

So finden sich speziell in Truly Laugh einige schöne gespiegelte Panels, wenn die Handlung von der jungen Erika zu ihrem erwachsenen Alter Ego The Marionette wechselt. Ohnehin erweisen sie und The Mime sich mehr und mehr als die faszinierendsten und sympathischsten Figuren – was überraschen mag, da beide Originale sind. Indem Doomsday Clock in seinen jüngsten drei Ausgaben einen Gang höher schaltet, erreicht die Serie wieder das Hoch des starken Einstiegs. Und kann dieses hoffentlich halten oder gar steigern. Saturn Girl scheint bereits zu wissen, was den Figuren in kommenden Ausgaben bevorsteht. Das hat sie dem Leser jedenfalls voraus – genauso wie Dr. Manhattan. Es bleibt spannend bei Doomsday Clock.

8.5/10

26. Januar 2018

Saga – Volume Eight | Doomsday Clock #1-2

Etwas Neues wagen oder auf Altbewährtes vertrauen? Diese Frage stellt sich die Film- und Fernsehlandschaft vermehrt – und wählt meist Sequels, Remakes und Revivals. In Comics ist die Neuerfindung via Rückbesinnung keine Unbekannte. Superhelden sterben und werden kurz darauf einfach wiederentdeckt. “We are torn between nostalgia for the familiar and an urge for the foreign and strange”, sagte die US-Schriftstellerin Carson McCullers einst. “As often as not, we are homesick most for the places we have never known.” Ein Zitat, das nicht nur das Ende von DC’s Doomsday Clock #2 beschließt, sondern das Werk von Geoff Johns genauso wie das jüngste Volume Eight von Brian K. Vaughans Saga-Epos ganz gut beschreibt.

Letzteres Sci-Fi-Fantasy-Abenteuer wirkte nach seiner Ankunft frisch. Ganz anders wie der x-te Aufguss der Marvel- und DC-Heldenschmiede. Aber auch Saga ertappt sich immer öfter dabei, dass Handlungsstränge auf der Stelle treten oder in variierter Form wiederholt werden. Geschichte wiederholt sich auch in Doomsday Clock, einer 12-teiligen Serie, die sich als Fortsetzung von Alan Moores legendärem Watchmen versteht, zugleich dessen Universum mit der bekannten Welt von DC verschmelzen lässt. Nostalgie gepaart mit einem Ausflug ins Unbekannte also. Geoff Johns beweist dabei, dass sich beides nicht ausschließen muss und einander befruchten kann. Indem in gewisser Weise etwas Neues gewagt wird, da man auf Altbewährtes vertraut.


Saga – Volume Eight

To old friends and new enemies.

Unabhängig davon, wie sehr Saga von Brian K. Vaughan narrativ stagnieren mag, so ist die Serie doch auch in Volume Eight sehr kurzweilig zu lesen. Und dank Fiona Staples’ grandioser Zeichnungen ohnehin ein Genuss für das Auge der Leser. Generell verdient sich der achte Band der Reihe aber eine ähnliche Kritik, wie sie zuletzt schon in den vorangegangenen Volumes Five, Six und Seven anfiel: Vaughan liefert nicht wirklich ein neues Thema – und eine Handlung auch nicht. Vielmehr wird das Geschehen verlagert, während altbekannte Entwicklungen sich in minimalen Abweichungen wiederholen. Womit es weiterhin so wirkt, als wüsste Vaughan nicht recht, in welche Richtung er seine Geschichte um Alana, Marko und Hazel erzählen will.

Nach der Fehlgeburt von Alanas Baby führt der nächste Zwischenstopp auf dem Weg nach Nirgendwo die Gruppe auf den Planeten Pervious. Dort wird Alana aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft in Abortion Town eine Abtreibung negiert. Mit dem Hinweis auf „Ärzte“ in den entlegenen Badlands des Planeten, die weniger Skrupel haben. Der tote Fötus verleiht derweil Alana magische Kräfte, die eine Projektion des verstorbenen Sohnes mit sich bringen – aber auch gesundheitliche Risiken. Während sich Alana, Marko und Hazel auf den Weg in die Badlands machen, erleben die zurückgelassenen Petrichor und Prince Robot ihr eigenes blutiges Abenteuer. Billy, vormals The Will, sieht sich derweil mit einem neuen Gegenspieler konfrontiert.

“There are few things more challenging than a sequel”, sagt Hazel in einem Meta-Kommentar zu Beginn von Volume Eight. Um kurz zu rekapitulieren, worum es in Saga eigentlich geht, immerhin sind bereits acht Bände ins Land gezogen. Der Konflikt zwischen dem progressiven Planeten Landfall und seinem eher in Tradition verankerten Mond Wreath ist jedoch immer noch nicht wirklich greifbar. Was genau hat diesen Krieg ausgelöst, der die ganze Galaxie zu vereinnahmen scheint? Wie stellt sich der Krieg exakt dar, was für eine politische Dynamik besitzt er? Fragen, die Saga weiterhin nicht beantworten kann oder mag. Weshalb der Konflikt als solcher auch im Hintergrund abläuft, während die Figuren stets dasselbe, nur anders erleben.

Es wartet ein neuer Planet mit neuen Widrigkeiten. Die Fehlgeburt und der Ausflug nach Pervious dienen zumindest dazu, dass Vaughan in wenigen Panels die gerade in den USA explosive Thematik Pro Life vs. Pro Choice anreißt. Eine erst im dritten Trimester festgestellte Behinderung veranlasse manche zur Abtreibung, wie einen skeptischen Marko in den Badlands die Wolfshebamme Endwife aufklärt. Beide wurden zuvor von Nebenfiguren dämonisiert, was die antiklimatische Auflösung des Handlungsstranges erstaunlich macht. Womöglich resultiert dies auch der anderen Thematik von Vorurteilen und Ressentiments, der sich Saga zudem erneut mit einem interessanten Transgender-Dialog zwischen Petrichor und Hazel widmet.

Vorurteile seien nicht angeboren, sondern anerzogen, kommentiert das junge Mädchen später. Ähnlich mag man es mit Ianthe sehen, der Verflossenen eines Kleinkriminellen, den The Will einst liquidierte. Wofür seine eigenen Liebsten – oder diejenigen, die davon noch leben – nun bezahlen sollen. Saga spielt dabei wie schon in der Vergangenheit mit dem Gedanken, dass die Grenze zwischen Gut und Böse fließend ist, wofür Prince Robot exemplarisch steht. Das Kernthema bleibt aber weiterhin die Familie als Institution, im klassischen wie modernen Sinne. Primär Hazel erhält die Möglichkeit, mit dem imaginären Kurti eine Art Beziehung zu ihrem verstorbenen Bruder aufzubauen, die ihr durch dessen Tod verwehrt blieb.

“Family is about much more than blood”, lautet das vermeintliche Fazit von Volume Eight. So wie Petrichor und Prince Robot Bestandteil der „Familie“ von Alana und Marko wurden, gibt es ähnliche Zweckgemeinschaften. Von Billy und seinen wechselnden Partnern (romantisch wie professionell) hin zu den im Schlusskapitel auftauchenden Ghüs, Squire sowie Upsher und Doff. Wie Dominic Toretto sagt: “I don’t have friends. I got family.” Die Figuren in Saga scheinen es ähnlich zu sehen – auch wenn dies, wie so vieles, keine Neuigkeit in der Welt von Brian K. Vaughan ist. Vermutlich wartet Volume Nine mit einem neuen Planeten und Antagonisten auf, nebst alter Bekannter. Altbewährtes eben. Vielleicht wagt Vaughan aber auch endlich was Neues.

7/10


Doomsday Clock #1-2

Find God. Save world. Will explain.

Wenn die Rede von den besten Comics aller Zeiten ist, fällt in der Regel auch der Name Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons. Eine düstere, dystopische Analogie auf den Kalten Krieg, mit Übermenschen und ganz normalen Spinnern. Und einem einzigartigen Ende, in dem die vermeintliche Heldenfigur von Adrian Veidts Ozymandias das ultimative Verbrechen für das angebliche Allgemeinwohl verübte. Alles auf neu scheint sich da Geoff Johns für seine Fortführung Doomsday Clock gedacht zu haben. Narrativ wie visuell ist dieser Auftakt des Mash-ups zweier DC-Universen überaus harmonisch, die Zeichnungen von Gary Frank geschickt die Bilder von Gibbons’ evozierend. Doomsday Clock scheint ein positives Nostalgie-Beispiel zu sein.

Die Handlung spielt im Herbst 1992, sieben Jahre nach den Ereignissen von Watchmen. Von der weltweiten Einigkeit nach Dr. Manhattans mutmaßlichen Massenmord in New York ist nichts mehr geblieben. Bei einer Geiselnahme im Weißen Haus erschießt der Vize-Präsident den Justizminister, während US-Präsident Robert Redford (ja, genau der) unterdessen an seinem Golf-Handicap arbeitet. Die Europäische Union wiederum ist gescheitert, russische Truppen marschieren in Polen ein und Nordkoreas Langstreckenraketen reichen bis Texas. “God turned his back, left Paradise to us. Like handing a five-year-old a straight razor”, resümiert die aktuelle Lage da eine Figur, die sich kurz darauf als neue Inkarnation des Antihelden Rorschach herausstellt.

Rorschach 2.0 rekrutiert für Ozymandias in einer überraschenden Wendung kurz vor einem Atomanschlag in einem Hochsicherheitsgefängnis die neuen soziopathischen Figuren The Marionette plus Gatte The Mime. Sie sollen Rorschach und Veidt helfen, den verschwundenen Dr. Manhattan ausfindig zu machen. Veidt will ihn in einer anderen Dimension aufgespürt haben, die sich im Verlauf als die DC-Welt von Superman, Batman und Co. herausstellt. “We’re all considered criminals now”, rekapituliert Weltverbesserer Veidt in Places We Have Never Known (#2). Und hofft: “We’ll be heroes again.” Eine Sicht der Dinge, die Bruce Wayne gar nicht so fremd erscheinen dürfte, ist es um die Superhelden seiner Welt doch nur wenig besser bestellt.

“The Bat is not the symbol it used to be”, sagt Lucius Fox. “It’s become a disease.” Doch wie Ozymandias und Rorschach lässt sich Bruce Wayne nicht unterkriegen. Johns führt die Figur in einer schönen Hommage an Rorschach selbst ein, wenn sich der Milliardär einem Rorschach-Test unterziehen muss, ähnlich wie Kovacs in Watchmen. Es sind auch jene zwei traumatisierten Verbrechensbekämpfer, die Johns einander gegenüberstellt, während Lex Luthor von Ozymandias konfrontiert wird, um Informationen zu Dr. Manhattans Aufenthaltsort zu erhalten. Sehr gemächlich, aber atmosphärisch dicht führen Johns und Frank die Leser in diese beiden unterschiedlichen, aber doch nicht so verschiedenen Welten ein, die hier aufeinandertreffen.

Die Faszination rührt sicher mit daher, dass ähnlich wie in The Avengers oder Batman V Superman: Dawn of Justice hier Figuren aufeinandertreffen, deren Begegnung man sich vielleicht einmal erhofft, aber nie erwartet hat. Fraglos ist damit auch eine gewisse Reminiszenz an die Comic-Vorlagen verbunden. “Nostalgia”, sinniert The Marionette in Places We Have Never Known beim Anblick von Veidts gleichnamigem Parfüm. “They don’t make this anymore.” Und Rorschach hinterfragt die Psyche von Bruce Wayne, als er in dessen Batcave eine Ansammlung alter Memorabilia entdeckt. “Obsessed with reliving the past”, lautet sein Urteil. Dieses lässt sich als Meta-Kommentar natürlich weiterspinnen auf die gesamte Existenz von Doomsday Clock.

Dass das Comic nicht nur alten Brei neu aufkocht, sondern ihm in Nuancen andere Konturen verleiht, macht es erfolgreich. Abseits von der liebevollen Nachahmung der Aufmachung und Darstellung von Moores und Gibbons Meisterwerk ist das Sequel zuvorderst ein Genuss für Fans des Originals. Etwaige subtile Verweise – wie der Golf spielende Präsident – auf die Gegenwart sind das Tüpfelchen auf dem i. “Maybe the world should burn down”, realisiert Rorschach zu Beginn von That Annihilated Place (#1). Ganz soweit ist es mit unserer Welt da noch nicht. Aber auch in der könnten Kriminelle mal versuchen, Helden zu werden. Zumindest Ozymandias hat dies vor. Getreu David Bowie: “We could be heroes, just for one day.”

8.5/10