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5. Dezember 2009

Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson

Don’t judge a taco by its price.

Eine große Persönlichkeit zeichnet sich durch ihr Erbe aus, das sie der Nachwelt hinterlässt. Sei es wie im Falle von Gandhi ein freies und unabhängiges Land oder „nur“ ein neues literarisches Genre. Als Begründer des Gonzo-Journalismus gilt gemeinhin Dr. Hunter S. Thompson. Gonzo beschreibt eine Form des Journalismus, in der Fakten und Fiktion mit den Erlebnissen des Autors verschmelzen. Als Thompson 1970 als Sportsjournalist zum Kentucky Derby geschickt wurde, um mit einem Artikel in der Redaktion zu erscheinen, der über alles schrieb, außer über das eigentliche Derby, war Gonzo-Journalismus geboren. Thompson, der primär für das Rolling Stone Magazin Artikel lieferte, würde später dank seiner Bücher Fear and Loathing in Las Vegas sowie Fear and Loathing on the Campaign Trail, 1972 im Gedächtnis seiner Umwelt verhaftet bleiben. Mit Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson widmete Oscarpreisträger Alex Gibney, zuvor verantwortlich für Dokumentationen wie Enron und Taxi to the Dark Side, diesem enfant terrible der Journalistenszene ein stimmiges und unterhaltsames Portrait.

Dabei deckt Gibney jedoch nicht das ganze Leben von Thompson ab. Zwar wird kurz ein Einblick in dessen Familienleben und Schulzeit gegeben, aber dann springt die Dokumentation quasi direkt in die Mitte der sechziger Jahre, als Thompson ein Buch über die damals aufstrebende Rockergruppe der heute legendären Hell’s Angels verfasste. Von Thompsons Anfängen in New York erfährt man nur die Anekdote, dass er F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby an der Schreibmaschine nachtippte, um dieselben Geräusche zu hören, wie Fitzgerald einst beim Schreiben seines Meisterwerks vernahm. Die Jahre in Südamerika zu Beginn der sechziger Jahre (Puerto Rico, Brasilien) erspart Gibney dem Publikum. Man erfährt von Thompsons Problemen mit den Rockern, von vermeintlichen Gang Bangs, die auf Partys stattgefunden haben oder häuslichen Streitereien, die Thompson aufbrechen wollte und dafür schließlich selbst Schläge bezog. Was folgte war wohl die düsterste Phase Amerikas im zwanzigsten Jahrhundert und Stein des Anstoßes für Thompsons Veränderung. Die 68er-Bewegung setzte ein, der Kampf um die Bürgerrechte und natürlich allen voran der Krieg in Vietnam. Hunter S. Thompson begann den amerikanischen Traum zerbröseln zu sehen.

Als entscheidendes Jahr findet sich 1968. Nachdem Reverend Martin Luther King Jr. und Senator Robert F. Kennedy erschossen wurden, war Thompson Augenzeuge der Auseinandersetzungen der 68er Nationalkonvention der Demokraten zwischen Protestlern und der Polizei. Thompson, ein Mann der nach Aussagen seiner damaligen Frau Sandy nie weinte, kam anschließend mit Tränen in den Augen nach Hause. Zu dieser Zeit avancierte der Journalist zum Waffennarr und begann eine Wahlkampagne in Aspen, Colorado als Sheriff. Mit kahl rasiertem Schädel wollte er Leute verhaften, die Drogen verkauften. Weil er der Überzeugung war, Drogen müssten umsonst sein. Seine Kandidatur allein sorgte in Aspen für Kontroversen, am Ende musste er sich jedoch seinem Konkurrenten geschlagen geben. Wieder der Verlust in den Glauben an die Nation. Während sein Drogenkonsum von Marihuana über Kokain bis hin zu Meskalin reichte, kristallisierte sich allmählich der journalistische Stil bei ihm heraus, der als Gonzo-Journalismus in die Geschichte eingehen sollte. Es folgten verquere Artikel im Rolling Stone Magazin, das Buch Fear and Loathing in Las Vegas und schließlich die Idee seines Redakteurs Jann Wenner, Thompson als Korrespondent auf die 1972er Wahlkampagne der Demokratischen Partei zu schicken.

Es ist jene Phase, der Gibney wohl am meisten Zeit widmet. Der demokratische Senator George McGovern erweckte in Thompson wieder die Hoffnung auf eine Wende in seinem Land. Thompson selber wurde durch seine Korrespondenz immer bekannter und berühmter, sein Narzissmus nahm zu. Der Wahlkampf läuft jedoch nicht zufriedenstellend, Richard Nixon gewinnt die US-Präsidentschaft mit einem Erdrutschsieg und Thompsons Glaube ist erneut erschüttert. Als er nach Zaire fliegt, um über den Kampf seines Helden Muhammad Ali gegen George Foreman zu berichtet, will Thompson nicht schon wieder enttäuscht werden. Er verschenkt seine Karte zum Kampf und dröhnt sich stattdessen mit Drogen zu, um schließlich sein Marihuana im Hotelpool zu verstreuen. Die Zeit um den Rumble in the Jungle herum sorgte laut Gibney dafür, dass „fame caught up with him“ und sein Redakteur und Freund Wenner konstatiert, dass Thompson zum „prisoner of his own fame“ wurde. An dieser Stelle, Mitte der Siebziger, springt Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson schließlich in das 21. Jahrhundert und spart die drei Jahrzehnte dazwischen weitestgehend aus.

Man erlebt Thompson mit seiner zweiten Frau in seinen Sechzigern, wie er vergnügt zu Elton Johns Candle in the Wind in die Schreibmaschinentasten haut und in George W. Bush und dem Irakkrieg eine direkte Analogie zu Tricky Dick und dem Desaster Vietnam sieht. Sein Suizid im Jahr 2005 reflektiert Gibney nur minimal, wie ohnehin das Privatleben – Thompson und seine Frau verloren fünf Kinder, drei durch Fehlgeburten, zwei früh nach ihrer Geburt – trotz des „Life“ im Filmtitel eine untergeordnete Rolle spielt. Gibney zeichnet ein Bild von Thompson, dass ihn zwar durchaus als „man of great contradiction“ zeigt, aber insbesondere als Patriot, der den Glauben an sein Land und den amerikanischen Traum verloren hat. Exemplarisch eine Audioaufnahme, die Gibney mit Bildern nachstellen lässt, in der Thompson und sein Anwalt Oscar Acosta (Vorlage für Dr. Gonzo in Fear and Loathing in Las Vegas) in der Umgebung von Las Vegas Angestellte einer Taco-Bar fragen, wo der American Dream sei und diese entgegen, ob dies ein Club sei, jedenfalls wüssten sie es nicht. Wo Ereignisse wie Kent State und Vietnam Thompson an seinem Land zweifeln ließen, schürten Politiker wie George McGovern und Ex-Präsident Jimmy Carter, die beide als Interviewpartner in der Dokumentation auftauchen, gelegentlich die Hoffnung von Thompson.

Während der Beginn des Filmes sehr dilettantisch zusammengeschustert wirkt, findet Gibney relativ schnell eine crossmediale Harmonie. Als Erzähler fungiert im eigentlichen Sinne Thompson selbst, wenn dessen Freund Johnny Depp Exzerpte aus seinen Werken vorliest, die sich jeweils der Situation anpassen. Unterstützt wird dies von Interviews mit Thompsons Ex-Frau, seinem Freund und Kollaborateur Ralph Steadman, Rolling Stone Magazin Redakteur Jann Wenner, Kollege Tom Wolfe und einigen Politikern wie gerade angesprochen Jimmy Carter. Bilder von Thompson sowie Archivmaterial von seiner Kandidatur als Sheriff oder Gast in Talk-Shows komplettieren gemeinsam mit Audiomaterial, das durch nachgestellte Szenen ergänzt wurde, ein rundum visuell gelungenes Bild. Zwar wirkt Gibneys Film sehr harmonisch, aber letztlich baut er zu stark auf Buy the Ticket, Take the Ride von Tom Thurman auf. Oft interviewt Gibney einfach dieselben Leute, benutzt dasselbe Material und strukturiert seine Dokumentation zu sehr an Thurmans Arbeit von vor drei Jahren. Am Ende vermag Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson vielleicht nicht vollends das Leben oder die Arbeit von Thompson einzufangen, aber man erhält nichtsdestotrotz ein sehr gutes Bild von diesem fraglos begnadeten Literaten, der schließlich in der Tat zur großen Persönlichkeit verkommt.

8/10

17. August 2009

Fear and Loathing in Las Vegas

You won’t need much. Just a tiny taste. 

“We were somewhere around Barstow, on the edge of the desert, when the drugs began to take hold” – so beginnt die Odyssee von Raoul Duke (Johnny Depp) und seinem Anwalt Dr. Gonzo (Benicio Del Toro), basierend auf Hunter S. Thompsons Roman Fear and Loathing in Las Vegas. Terry Gilliam, durch Werke wie 12 Monkeys als Regisseur abgedrehter Geschichten etabliert, versuchte zurecht gar nicht, Thompsons Handlung in einen rationalen Rahmen zu verordnen. Auf welche Reise man sich mit den beiden Hauptfiguren begibt, machen die gleich zu Beginn deutlich. Ausgerüstet mit zwei Beuteln Gras, 75 Kügelchen Meskalin, fünf Löschblättern mit extra starkem Acid, einem Salzstreuer halb voll mit Kokain, einem ganzen Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers, Heuler und Lacher, zwei Dutzend Poppers, sowie jeweils einer Flasche Rum und Tequila, einer Kiste Bier und einem halben Liter Äther machen sie sich auf nach Las Vegas.

Dort soll Duke formal als Journalist das MINT 400 zu dokumentieren, das „höchstdotierte Wüstenrennen für Motorräder und Strandbuggys“ – im Grunde will er aber einfach nur raus aus Los Angeles. Gonzo rät ihm zur Übernahme des redaktionellen Auftrags, begleitet seinen Mandaten zugleich gen Sin City. Die Drogen, die sie unterwegs bereits zu sich nehmen, wirken nicht nur, sie nehmen alsbald überhand – verstärkt verliert das Duo immer mehr die Kontrolle über sein Verhalten sowie seine Gefühle. So gerät Fear and Loathing in Las Vegas zu einer kruden Mischung aus Alice im Wunderland und Dantes Inferno, markiert zugleich einem gelungenen Anti-Kriegsfilm, der die US-Einsätze in Vietnam anprangert. Unterstrichen dadurch, dass Duke immer wieder den Krieg im Fernsehen verfolgt, dieser aber auch nun Einzug in sein eigenes Leben erhält, via wahnhaften Erscheinungen oder der ständigen Präsenz des Star-Spangled Banners.

In der Mitte des Filmes platziert Gilliam einen sehr subtilen Dialog zwischen Duke und Gonzo, der die Anti-Kriegs-Thematik gekonnt akzentuiert. “I hate to say this, but this place is getting to me. I think I’m getting the fear”, erklärt ein aufgelöster Dr. Gonzo. “Nonsense”, wischt Duke dessen Ängste beiseite. “We came here to find the American Dream, and now we’re right in the vortex you want to quit. You must realize that we’ve found the main nerve.” Doch Gonzo lässt sich nicht überzeugen: “That’s what gives me the fear.” Ein Jahr vor dem Roman hatten sich die Kent-State-Vorkommnisse ereignet, als vier Studenten bei einer friedlichen Demonstration gegen den Krieg von den eigenen Soldaten erschossen wurden. Wenn Duke an anderer Stelle Sätze spricht wie “had we deteriorated to the level of dumb beasts?”, ist das weniger Ausdruck seines Rausches, als eine Momentaufnahme der US-amerikanischen Gesellschaft zu Beginn der 1970er Jahre.

In der zweiten Filmhälfte rück die subtile Kritik an der US-Politik in den Hintergrund, weichen den Drogeneskapaden. Zum Beispiel wenn sich Duke um eine gesetzliche Verfolgung wegen Verführung Minderjähriger in Person der jungen Lucy (Christina Ricci) sorgt. Letztlich ist der Film jedoch ein wunderbares Bild von zwei Männern, die erfolglos versuchen, dem heimatlichen Wahnsinn durch Drogen zu entfliehen und dabei grandios scheitern. Im Grund ist überall “bat country”, was Duke am Ende schließlich einsieht, wenn er sich selbst nur als “just another freak in the freak kingdom” bezeichnet. Dass es Thompson und Gilliam gelingt, die politische Kritik in ihre ansonsten durchgeknallte Odyssee derart gelungen einzubetten, macht Fear and Loathing in Las Vegas zu einem der unerwartet überzeugenden Beitrag des Anti-Kriegsfilm-Genres, auch wenn man dies dem Film wohl wegen seiner Inszenierung nicht unbedingt ansehen möchte. 

Seine Ursprünge fand die Geschichte, zuerst im Oktober 1971 als Titelgeschichte im Rolling Stone Magazin erschienen, ein halbes Jahr zuvor, als sich Hunter S. Thompson und sein Anwalt Oscar Zeta Acosta nach Las Vegas aufgemacht, wo Thompson das MINT 400 dokumentieren sollte. Herausgekommen war ein weiteres Gonzo-Werk des Journalisten, das durch Satire und Überspitzung die tatsächlichen Ereignisse zu verweben versuchte. Entstanden nach William Faulkners Zitat, dass Fiktion meist realer sei als die Wirklichkeit, begründete Thompson den Gonzo-Journalismus damals mit der Erklärung, er könne den Redaktionsschluss zeitlich nicht einhalten, weshalb er nur seine Notizen abdrucken ließ. Während Thompsons Roman zeitnah auf den Fuß folgte, kam Terry Gilliams Film sicherlich 20 Jahre zu spät, wenn man alleine von seiner politischen Botschaft ausgeht, in die man sich Ende der 1990er Jahre historisch wieder zurückversetzen musste. 

Was den Film abseits seiner Gesellschafts- und Politikkritik hervorhebt, sind einerseits seine schrulligen Gastauftritte (darunter Tobey Maguire, Cameron Diaz und Ellen Barkin), aber vor allem der durch die Drogen evozierte Humor. Allein Del Toros Dr. Gonzo ist ein kleines Kunstwerk für sich, wenn er mit seiner ausufernden Paranoia überall Verschwörer wittert und mit seinem Kultzitat (“As your attorney, I advise you”) einen amüsanten Running Gag erschafft. Aber auch Depp spielt wunderbar auf, als schrulliges Alter Ego von Thompson, dessen Originalkleider er aufträgt und den er monatelang vor den Dreharbeiten studiert hat. Somit ist Fear and Loathing in Las Vegas zu Recht ein Kultfilm, der auch Jahrzehnte nach Kinostart noch zu gefallen weiß und, bedenkt man die Bush-Politik im Irak und ihre Folgen Anfang des Jahrtausends, vielleicht doch aktueller ist, als man denken möchte. In diesem Sinne bleibt also nur eines: “Buy the ticket, take the ride.”

8.5/10