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17. November 2017

Murder on the Orient Express

I know your mustache.

Im Krimi-Genre steht und fällt eine Geschichte mit ihrer Auflösung. Wird nicht genug Spannung aufgebaut, kulminierend in einer zufriedenstellenden Aufklärung des Falls, kann das ganze Produkt nicht überzeugen. Murder on the Orient Express wartet mit einer viel versprechenden Prämisse auf – und mit einer ungewöhnlichen Täterermittlung. Und dennoch vermag Kenneth Branaghs Adaption von Agatha Christies gleichnamigem Roman-Klassiker nicht wirklich zu überzeugen. Das liegt nicht nur an dieser Neuverfilmung des nordirischen Regisseurs und Hauptdarstellers, die trotzdem versäumt, etwaige unebene Stellen zu glätten. So bleibt Murder on the Orient Express ein grundsätzlich zwar unterhaltsamer, aber nicht wirklich guter Film.

Wider Willen begibt sich der ausgebrannte renommierte Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) in Istanbul als Passagier an Bord des Orient-Express’, um in England einen Fall zu lösen. Bereits unterwegs wird er jedoch mit einem Mord konfrontiert und vom Direktor des Express, seinem persönlichen Freund Bouc (Tom Bateman), gebeten, sich der Aufklärung anzunehmen. Als eine Lawine den Zug für einen Tag zum Halt zwingt, nutzt Poirot dies, um die zwölf anderen Passagiere individuell zu verhören. Denn der Täter, so schließt Poirot, muss noch an Bord des Express sein. Während seiner Vernehmung rückt dabei immer stärker ein anderer Fall eines gescheiterten früheren Kidnappings in den Mittelpunkt der Ermittlungen.

Wie jeder gute Krimi bringt einen Murder on the Orient Express zum Überlegen, Raten, Zweifeln, wer der Mörder oder die Mörderin sein könnte. Idealerweise sollte die Geschichte das Publikum wie auch seine Hauptfigur hierbei immer wieder auf neue Fährten locken. Dies vermag Branaghs Film eher leidlich zu gelingen, zumindest wartet er jedoch mit einem „Twist“ zum Schluss auf, der innerhalb des Genres Seltenheitsfaktor hat. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass er deshalb zwingend überzeugt, wirkt er doch arg konstruiert. Zugleich fehlt ihm die nötige Exposition, der sich der Film wiederum zu einem gewissen Grad verschließen muss, um seine Karten nicht zu früh preiszugeben und das Ende vorweg zu nehmen.

Es macht es jedoch nicht besser, die Motivation für das Verbrechen in einem Nebensatz zu erklären und die notwendige Empathie der Zuschauer vorauszusetzen. Murder on the Orient Express nutzt seine Laufzeit nicht allzu geschickt beziehungsweise hadert mit der Vielzahl an Figuren – es sind über ein Dutzend –, der er sich in ihr zu widmen hat. Stippvisitenmäßig klappern wir Johnny Depps schmierigen Amerikaner ab, sehen seine Angestellten (Josh Gad, Derek Jacobi), Daisy Ridleys englisches Kindermädchen, das scheinbar eine Romanze mit Leslie Odom Jr. als ebenfalls mitreisender Arzt pflegt. Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Olivia Colman und mehr sind ebenfalls am Bord, werden aber nur kurz en passant beleuchtet.

Infolgedessen kann kaum eine Figur abseits von Poirot wirklich Charakter entwickeln, wird vielmehr durch ihre Beschreibung definiert, zum Beispiel Missionarin, Arzt, Schaffner. So sporadisch wie sich Poirot mit ihnen befasst, tut es letztlich auch der Film. Manche von ihnen, wie Manuel Garcia-Rulfos Marquez könnten genauso gut auch aus der Handlung fehlen. Die Verknüpfung des Mordfalls mit dem gescheiterten Kidnapping eines Kleinkindes in Lindbergh-Manier entfaltet sich ebenso wenig zu Gunsten der Spannung. Dabei hat die Prämisse durchaus Potential und hätte eventuell lediglich angepasst werden müssen, indem weniger Figuren mehr Fokus erhalten. Auch wenn dies von Christies Roman abweichen würde.

Kenneth Branagh drehte seinen Murder on the Orient Express im großen Stil, auf 65mm gefilmt mit einigen edlen Aufnahmen (die Schlussszene ist toll inszeniert) und großen Namen. Doch er bietet weder dem Orient-Express eine Bühne, der nur halbherzig als Set erforscht wird, noch den darin reisenden Charakteren. Alles wirkt ein wenig überfrachtet, einschließlich der Mord-Motivation, weshalb auch die Auflösung nicht restlos gefallen will, selbst wenn sie Poirot vor ein interessantes Dilemma stellt. Jenes Ziel hätte die Handlung von Agatha Christie auch über andere Wege erreichen können. Und wie sagte die Schriftstellerin einst selbst: Auch wenn gute Ratschläge fast nie beachtet werden, sei dies kein Grund, sie nicht zu geben.

5/10

25. Juni 2010

The Imaginarium of Dr. Parnassus

So you’re probably not a betting man, are you?

Der klassische Wanderzirkus verdankt seinen Namen natürlich seiner Mobilität. Oft im Besitz einer Familie, zog der Wanderzirkus von Ort zu Ort, um sich seinen Unterhalt durch das namentlich passende Geschäft der Unterhaltung zu sichern. In Zeiten der fortschreitenden Technologisierung der Gesellschaft spielen Einrichtungen wie der Zoo oder der Zirkus - die hinsichtlich ihres tierunfreundlichen Aspekts nicht näher untersucht werden sollen - eine immer geringere Rolle. Vor allem in heutiger Zeit hat die Exotik ob fremder Tiere und Praktiken deutlich nachgelassen. Nichts, was man nicht im Fernsehen oder noch Nutzerfreundlicher auf YouTube finden könnte. Entsprechend schwer tut sich also auch das Imaginarium des wandernden Dr. Parnassus (Christopher Plummer) in Terry Gilliams dementsprechend benannten The Imaginarium of Dr. Parnassus.

Inzwischen hat Gilliams 11. Spielfilm mehr Ruhm als ihm unter normalen Umständen zu Teil geworden wäre. Der Tod von Hauptdarsteller Heath Ledger überschattete während der Dreharbeiten und auch zum Filmstart hin alles andere. Der Film selbst war kaum noch wichtig, viel bedeutender war die Funktion des Filmes als Requiem des australischen Schauspielers. Im Nachhinein muss man fast sagen, dass Ledgers Tod das Beste ist - so makaber es klingt - das dem Film passieren konnte. Nicht nur aus Vermarktungs- (der letzte Film eines frisch gekürten Oscarpreisträgers lockt sicherlich zusätzliche Besucher an), sondern auch aus qualitativen Gründen. Denn wo Ledger vor allem in Brokeback Mountain aber auch mit Abstrichen - speziell ans Genre - in The Dark Knight schauspielerisch auftrumpfen konnte, enttäuscht er hier.

Ledgers Spiel wirkt unsauber und vor allem beliebig. In manchen Szenen nuschelt er sich durch seine zum Teil improvisierten Dialoge, die oft durch den mehrfachen Einschub des Lückenfüllers „you know“ auskommen müssen. Allerdings sollte eingestanden werden, dass Terry Gilliams Filme selten durch ihre schauspielerische Leistung und narrative Qualität überzeugen. Das Niveau solcher Werke wie Brazil oder Twelve Monkeys konnte Gilliam im neuen Jahrtausend nicht mehr erreichen. Sieben Jahre vergingen zwischen seiner kongenialen Adaption von Hunter S. Thompsons Kultroman Fear and Loathing in Las Vegas und seinem (immerhin) visuell gefälligen The Brothers Grimm, der ihn mit Ledger zusammenführte und seine Semi-Rückkehr ins Filmgeschäft repräsentierte. Und letztlich ähneln sich Grimm und Parnassus dann doch sehr.

Die Geschichte ist eine simple und oftmals unübersichtliche. Grundlegend ist ein faustsches Element des Handels eines Doktors mit dem Teufel. Hier übernimmt Plummers Dr. Parnassus diese Rolle, die einst mit dem Teufel, hier Mr. Nick (Tom Waits) genannt, eine Wette abschloss, wer mehr menschliche Seelen für sich gewinnen könne. Parnassus propagierte die Vorstellungskraft, Mr. Nick die reine Begierde. Einige Jahrtausende später wetten die beiden Männer immer noch, inzwischen um die Seele von Parnassus’ Tochter Valentina (Lily Cole). Als Retter in der Not soll der mysteriöse Tony (Heath Ledger) fungieren, der angeblich an Amnesie leidet, das Unternehmen von Dr. Parnassus jedoch als Chance sieht, sich einerseits zu rehabilitieren und andererseits davon finanziell zu profitieren. Wie Gilliam im Audiokommentar bemerkt: es ist eine Geschichte über Entscheidungen.

Viele Aspekte von The Imaginarium of Dr. Parnassus lassen sich problemlos nachvollziehen. Zum Beispiel dass der für Valentina schwärmende Anton (Andrew Garfield) in Tony eine Bedrohung ausmacht. Oder dass Mr. Nick weniger um des Einsatz’ Willen wettet, als vielmehr weil ihm das Wetten in der Natur liegt. Andere Figuren wie Valentina oder Parnassus selbst sind da doch unausgereifter. Insbesondere - und insofern dramatischer - die Titelfigur des Tony. Im Tode Ledgers wandelte Gilliam die Figur so ab, dass sie im Imaginarium selbst ihr Gesicht wechselt und so von mehreren Schauspielern (in diesem Fall: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell) dargestellt werden kann. Was jedoch nur bedingt dem Zuschauer dabei hilft, von Tony ein besseres oder im Entferntesten authentisches Bild gewinnen zu können.

Sowohl Depps als auch Laws Interpretation beschränkt sich auf wenige und wortkarge Minuten. Ist Depps Interpretation zwar noch an finanziellen Dingen interessiert, hat sie doch das Interesse von Parnassus im Sinn. Sehr viel idealer zeigt sich Laws Darstellung, die zwar wie Depps auf einem schauspielerischen Tiefpunkt stattfindet (und hier bisweilen sogar Ledgers eigene Portraitierung unterbietet), aber hilft, der Figur zusätzliche Sympathien zu bescheren. Der Bärenanteil dagegen wanderte zu Farrell, der Tony in seinem kathartischen Moment darstellt, ohne dass sich dieser wirklich nachvollziehen lässt. Plötzlich lässt Gilliam die bisher relativ sympathische Figur (zumindest ihren Bestrebungen nach) zum Antagonisten mutieren - und das ganz ohne Vorwarnung. Den Schlussmonolog „Does it come with a happy ending“ hätte der Regisseur daher wohl besser an den Anfang gestellt.

Denn letzten Endes ist - paradoxer Weise - Mr. Nick und damit der Teufel selbst die Figur, die aus den edelsten Motiven handelt, beziehungsweise weit weniger nervig daherkommt wie Anton, Valentina, Tony und Parnassus. Wie erwähnt ist Mr. Nick ein Verführer, dem es mehr um den Akt der Verführung geht als um deren Resultat. Dahingehend erklärt sich auch sein ständiges Pochen auf eine neue Wette, einen neuen Einsatz. Wo Gilliam in der von Waits köstlich portraitierten Figur Konsequenz zeigt, lässt er diese an anderen Stellen, gerade (leider) der Handlung (zu) oft vermissen. Sicherlich kann hier der dritte und finale Akt auch nur aufgrund Ledgers Verscheiden rasch abgespult sein, in seiner jetzigen Form entschuldigt dies jedoch nicht sein sehr unharmonisches Ende. Hier wissen auch die oft sehr ansehnlichen Spezialeffekte wie schon in The Brothers Grimm wenig zu retten.

Als Film, der mit Müh und Not aufgrund des überraschenden Todes des Hauptdarstellers zu Ende gedreht wurde, darf The Imaginarium of Dr. Parnassus immer noch als gelungen bezeichnet werden. Dennoch merkt man den Film an, weshalb er nicht überzeugend ausfällt. Zu unausgegoren sind die essentiellen Figuren, allen voran Tony, ausgearbeitet, zu planlos beginnt sich die Geschichte in ihrem dritten Akt in eine Richtung zu drehen, die der Prämisse des Filmes als Geschichte über Geschichten am Ende zuwider läuft. Ledgers unüberzeugendes Spiel kann zwar etwas durch den Dreifach-Einsatz von Depp, Law und Farrell kaschiert werden (wobei nur Farrell, und dies lediglich bedingt, gefällt), dennoch agiert das Ensemble, Waits und Troyer ausgenommen, letztlich so unglücklich, wie The Imaginarium of Dr. Parnassus als Ganzes ausfällt.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

5. März 2010

Alice in Wonderland

Off with their heads!

Die Phantasie ist eine Gabe der Kinder, was man bereits daran merkt, dass es kaum Fantasy-Literatur für Erwachsene gibt. Es sind Harry Potter und Co., die sich mit seltsamen Kreaturen und Welten auseinandersetzen müssen. Was nicht bedeutet, dass die Erwachsenen ihre Phantasie verloren haben, sie verdrängen sie nur. Filme wie Hook oder Finding Neverland präsentieren uns einen erwachsenen Mann, der sich in seine Phantasie flüchtet. Steven Spielberg setzt den Hebel um, als Peter Banning an dem fiktiven Abendessen der Verlorenen Jungs teilnimmt (“You’re playing with us, Peter.“), Marc Foster lässt seinen J.M. Barrie nach einem Gespräch mit seiner Frau in ein strahlendes Zimmer mit Landschaft abtreten, während seine Frau in ihrem kargen Realismus verschwinden muss. Es ist jener Realismus und Ernst des Lebens, der ein Kind oft zum Erwachsenen macht. “I met a man the other day who did not believe in fairy tales”, beginnt Gilbert Keith Chesterton seinen Aufsatz The Dragon’s Grandmother, einem Lanzenbruch für Märchen.

Ein Satz, auf den Barrie wohl geantwortet hätte: “Every time someone says ‘I do not believe in fairy tales’, somewhere there’s a fairy tale that dies“. Insofern war Barrie ein Mensch, der sehr wohl an das Phantastische glaubte und es für Kinder in seiner Literatur greifbar machte. Inspirationsquelle für Barries berühmteste Geschichte Peter Pan waren dann die die fünf Sohne der Llewelyn Davies Familie, allen voran vermutlich ihr drittältester Sohn Peter. Barrie lernte die Familie 1897 kennen, ein Jahr bevor Charles Lutwidge Dodgson, ein Mann, der viel mit Barrie gemein hatte, verstarb. Dodgson, ein britischer Mathematiker, ist besser bekannt unter seinem Pseudonym „Lewis Carroll“ und für seine beiden Kinderbücher Alice’s Adventures in Wonderland sowie Through the Looking Glass. Auch Dodgson war mit einer Gruppe von Kindern eng befreundet, namentlich den drei Töchtern seines Universitätsdekans Henry Liddell. Speziell dessen Tochter Alice hatte es Dodgson angetan und es war sie, die ihm als Inspirationsquelle für seine Alice-Abenteuer dienen sollte.

Nun soll an dieser Stelle dem Verdacht, dass beide Männer pädophil gewesen sein sollen oder könnten - zu Dodgsons Hobbys gehörte es, nackte Mädchen zu photographieren - nicht nachgegangen werden. Vielmehr soll Dodgsons Werk in den Fokus gerückt werden. Die Alice-Abenteuer zählen zu den beliebtesten Adaptionen der Unterhaltungsbranche. Mehrere Dutzend Mal wurde das 1865 entstandene Buch Alice’s Adventures in Wonderland bereits adaptiert. Ein Abenteuer eines kleines Mädchens, das in einer phantastischen Welt landet, in der es auf allerlei Nonsens und sie unentwegt beleidigende Kreaturen trifft. Eine Analogie nicht nur auf die viktorianische Gesellschaft selbst, sondern auch auf den Kontrast zwischen Kindern und Erwachsenen (“I was never so ordered about in all my life, never! (…) I might just as well be at school at once“, Alice’s Adventures in Wonderland). Verständlich also, dass Kinder sich auch noch nach der Viktorianischen Epoche mit Dodgsons Werk identifizieren konnten. So wie der einst acht Jahre junge Tim Burton.

Tim Burtons Filme sind einzigartig in ihrer Art, von Edward Scissorhands über Mars Attacks! bis hin zu Sleepy Hollow. In den meisten Fällen erzählen sie von einer verschrobenen, eigenartigen Figur, sei es eben Edward Scissorhands, der sich nachts als Batman verkleidende Bruce Wayne oder der Bioexorzist Beetlejuice. Dabei wurde Burton selbst stets als ebenso „weird“ erachtet, wie seine Geschichten beziehungsweise Charaktere. “Well, (…) what’s weird?“, fragte Burton den britischen Talk-Show-Host Jonathan Ross. “You (..) are”, entgegnete dieser lachend. „Weird“ wäre auch eine Beschreibung, die sich auf Dodgsons Nonsense-Werk münzen ließe, weshalb es vielen als nicht nur gelungene, sondern in gewisser Hinsicht auch konsequente Entscheidung erschien, dass Burton in diesem Jahr nun (s)eine Version/Vision von Dodgsons beiden literarischen Werken in die Kinos bringen würde. Mit Alice in Wonderland legte Burton nun jedoch einen lieb- und leblosen Aufguss vor, der sich nur selten wirklich wie ein Tim-Burton-Film anfühlen will.

Nach einer kurzen Episode zu Beginn, springt der Film zu einer viktorianischen Gartengesellschaft. Hier soll die Verlobung der 19-jährigen Alice (Mia Wasikowska) bekannt gegeben werden. Etwas, von dem Alice selbst erst vor Ort erfährt. Alice ist ein seltsames Mädchen, das sich beim Tanzen vorstellt, wie es wäre zu fliegen, und Kaninchen mit Westen sieht. Um den einschläfernden Hamish zu heiraten, fühlt sie sich natürlich nicht bereit. Stattdessen folgt sie dem weißen Kaninchen in seinen Bau, purzelt hinunter in eine ovale Halle voller Türen, trinkt und isst verzauberte Lebensmittel, ehe sie durch die einzige sich aufschließende Türe passt und sich fortan in Underland wiederfindet, einem verschrobenen Ort, in dem sie einerseits erwartet wird, andererseits dann aber doch auch irgendwie wieder nicht. Ob sie die Alice sei, fragen sie zwei kugelrunde Jungen, ein Dodo, eine Haselmaus und das Kaninchen. Alice ist verwirrt, soll das doch ihr Traum sein und dennoch scheint alles bereits vorgeschrieben zu sein. Allen voran ihr zukünftiges Schicksal.

Für Tim Burton ist sein Alice in Wonderland keine Neuinterpretation von Dodgsons beiden Werken. Und eine Fortsetzung ist es seiner Aussage nach auch nicht. Wahrscheinlich, weil es Beides ist. Neuinterpretation und Fortsetzung. Schließlich war Alice als Siebenjährige bereits in Underland und erlebte einer späteren Rückblende nach zu urteilen das Meiste aus Alice’s Adventures in Wonderland. Und zugleich ist eine Fortsetzung, weil Alice nun, zwölf Jahre später, zurückkehrt, nach Underland. Was Burton nun stets an jedweder Alice-Adaption gestört hat, war die Tatsache, dass es immer um ein Mädchen ging, „wandering around from one crazy character to another”, sodass Burton nie „any real emotional connection“ gefühlt habe. Eine weitere Aussage, die verwundert, denn im Grunde besteht auch sein Film aus einer herumwandernden Alice, die von einer verrückten Figur auf die Nächste trifft. Von Tweedledee und Tweedledum zum Caterpillar, von diesem zur Cheshire Cat, dann zu Mad Hatters (Johnny Depp) Teeparty, bis hin zur Roten Königin (Helena Bonham Carter) und letztlich ihrer Schwester, der Weißen Königin (Anne Hathaway).

Der gesamte erste Akt stellt dabei eine an verschiedenen Stellen leicht abgewandelte Adaption von Dodgons erstem Roman dar. Dem Schema seiner Bücher bleibt Burton jedoch treu. Alice trifft von einer Figur, auf die Nächste. Worin sich Drehbuchautorin Linda Woolverton nun versuchte, war dem Film einen roten Faden zu geben, sodass es gilt, von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen. Ein kläglicher Versuch, wirkt die Handlung des Films doch zu keinem Zeitpunkt wie mehr als ein müder Aufguss. Burtons „wirkliche emotionale Bindung“ besteht nunmehr aus der Tatsache, dass Alice die Auserwählte ist, die mittels eines mächtigen Schwerts einer Prophezeiung folgen und den Drachen Jabberwocky erschlagen muss. Ein Handlungsgerüst, das oberflächlich betrachtet funktionieren mag (Auftrag: Jabberwocky erschlagen), aber bei näherer Betrachtung in seiner Konstruktion zusammenbricht. Denn an den Stellen, wo Burtons emotionale Bindung beginnt, versucht man sich planlos in Fantasy-Abenteuer anderer Autoren zu retten.

Aus unerfindlichen Gründen herrscht in Underland die Rote Königin als Despotin, das Volk allein durch ihre Kontrolle über den Jabberwocky unterjochend. Abgesehen von jenem Land, in dem ihre Schwester, die Weiße Königin - vormals auch richtige Königin - unbehelligt mit ihrer Armee lebt. Wieso nun der Jabberwocky allein auf die Rote Königin hört - es wirkt nicht so, als würde er einen Nutzen aus dieser Koalition erzielen -, wird nicht klar. Auch nicht, weshalb die Königin selbst, die in einem grünen, prachtvollen Palast lebt, das restliche Umland und damit ihr eigenes Königreich abfackelt. In ihrer Darstellung erinnert sie daher ein wenig an Tolkiens Sauron, wie sie da in ihrer Bastion sitzt, während das karge Umland von ihren Schergen durchwütet wird und dabei Angst und Schrecken verbreiten. Weshalb sich die anderen Figuren nicht in das wunderschöne Reich der Weißen Königin retten, die, wie gesagt, unbehelligt mit Armee und Hof leben darf, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Doch hier fangen die Anleihen an J.R.R. Tolkien und Co. leider erst an.

Wo die Rote Königin in ihrem von kargem Umland umschlossenen Palast sitzt, befindet sich wie Weiße Königin in einem an Minas Tirith erinnernden Schloss, das direkt an Bruchtal anzugrenzen scheint. Da gehört es sich dann auch, dass Wasikowska und Hathaway in einer Nacht wie einst Pippin und Gandalf auf dem Balkon in die Ferne zu ihren Feinden blicken. Zuvor musste sich Alice zum Palast der Roten Königin über einen mit Leichen von Soldaten der Weißen Königin gefüllten Burggraben durchschlagen, wie zuvor Frodo das Sumpfland vor Mordor zu durchqueren hatte. Und bei Tolkien hört der kreative Diebstahl nicht auf, auch sein Kollege C.S. Lewis darf kräftig Ideen beisteuern. Von der Haselmaus, die zum Degenschwingenden weiblichen Pendant von Reepicheep verkommen darf, bis hin zur finalen Schlacht im dritten Akt, wenn Alice als kleiner Achilles in Troy-Manier sich in den Kampf gegen den Jabberwocky stürzt. Und weil es so schön war, erinnert die Szenerie des Kampfes dann an Frodos Konfrontation mit dem Nazgûl-Drachen aus The Two Towers.

Es finden sich auch noch andere Filmzitate (z.B. an Mononoke-hime) wieder, die Szenen aus den Lord of the Rings- und The Chronicles of Narnia-Filmen sind jedoch die Zahlreichsten und Offensichtlichsten. Bedauernswert, mit welch geringer Kreativität Burton, ein Meister des Phantastischen, sich hier bei Anderen bedient. Dabei scheitert Alice in Wonderland nicht an jenen Referenzen und auch nicht an seiner unsinnigen finalen Schlacht, sondern gerade an dem Versuch, Dodgsons Romane in eine stringente Handlung zu pressen. Das Wonderland, ursprünglich und hier wieder eingeführt Underland benannt, ist eine Welt des Nonsense. Argumente der Logik und der Mathematik, die als Ausgangsbasis für die Gespräche eines kleinen Mädchens mit unterschiedlichen durchgeknallten Figuren dienen. Dass Burton diesen seltsamen Charakter einer ganzen Welt in die narrativen Zwänge einer stringenten Geschichte zu zwängen versucht, mutet da fast schon wie ein Kardinalsdelikt an. Dementsprechend fällt auch die Figurenzeichnung aus.

“We’re all mad here. I’m mad. You’re mad”, erklärt die Cheshire Cat in Alice’s Adventures in Wonderland. “How do you know I’m mad?”, will Alice wissen. “You must be,” said the Cat, “or you wouldn’t have come here.” Nun ist Alice bei Burton kein kleines Mädchen mehr, sondern reifer geworden. Sie weiß - oder glaubt zu wissen -, dass sie Underland lediglich träumt. Wieder und wieder weißt sie die Figuren darauf hin, speziell wenn sie von diesen herumkommandiert wird. Obschon Alice auch weit in die Geschichte hinein noch glaubt, dass alles nur ein Traum und selbst ihr sympathisch gewordene Figuren wie der Mad Hatter reine Figmente ihrer Imagination sind, hat sie panische Angst gegen den Jabberwocky, eine vermeintlich fiktive Figur ihres eigenen Traums, anzutreten. Erst als sie erfährt beziehungsweise glaubt, dass alles in Underland tatsächlich real ist, entschließt sie sich paradoxerweise gegen den Drachen zu kämpfen. Ein Faktor, den man als Nonsense bezeichnet könnte, hätte Burton dieses nicht durch seine Stringenz aus dem Film revidiert.

Dass dann Johnny Depp - wohl nur, weil es die einzige positive Figur ist, die er hätte repräsentieren können und er unter keinen Umständen nicht in dem Film mitspielen konnte - seinen Mad Hatter als Carrot-Top-artigen Charakter interpretiert, der im dritten Akt zum Schwertschwingenden Revoluzzer mutiert und wenn er aggressiv wird, den Tonfall eines verärgerten schottischen Pub-Besitzers annimmt, um in der einen Szene Alice auf die Titten zu starren und in einer anderen einen Siegestanz aufzuführen, stellt da nur die Spitze des Besetzungseisberges dar. Auch Anne Hathaway, deren Weiße Königin ständig aussieht, als würde sie unter extremen Achselschweißausdünstungen leiden, reiht sich ein zu den Charakteren, die es in diesem Film nicht wirklich gebraucht hätte. Immerhin Helena Bonham Carter scheint ihren Spaß gehabt zu haben, wenn sie ihre Lieblingsphrase „Off with the heads!“ ausrufen durfte. So vermag lediglich Wasikowska neben den Synchronsprechern (u.a. Alan Rickman, Michael Sheen und Christopher Lee) zu überzeugen.

Es gilt also wenn schon nicht narrativ, dann doch zumindest optisch zu punkten. Und wie sich das inzwischen gehört, muss dies in der dritten Dimension geschehen. Obschon der Film selbst in 2-D gedreht wurde (was James Cameron zur Äußerung verleitete: ”It doesn’t make any sense to shoot in 2D and convert to 3D“). Dementsprechend sehen dann auch die Bilder aus. Nur in seltenen Fällen kommt der 3-D-Effekt wirklich zur Geltung, während er in den meisten Anderen das traditionelle Gimmick bleibt. So nett die visuellen Effekte, egal ob mit 3-D-Effekt oder ohne, auch anzusehen sind, stellt der Film keinen optischen Rausch dar, wie Camerons Pandora-Welt, sondern mutet eher als digital animierte Variante der bekannten Alice-Geschichte an. Und so gefällig die Landschaft und Kreaturen auch anzusehen sind, desto misslungener sind die Kostüme und Maske für den Mad Hatter und die Weiße Königin ausgefallen. Gänzlich gelungen ist dafür Danny Elfmans musikalische Untermalung, die perverser Weise zum Abspann von einem Avril-Lavigne-Song abgelöst wird.

Wäre Elfmans Musik nicht, man wüsste in den meisten Szenen ohnehin nicht, dass man in einem Tim-Burton-Film sitzt. “Sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast”, lautet ein Ausspruch der Weißen Königin aus Through the Looking Glass, den Alice im Film mehrmals wiedergibt. Hätte sich auch Burton daran gehalten, wäre Alice in Wonderland vielleicht etwas kreativer und persönlicher geworden. So wirkt der Film oft, als wäre er eine Auftragsarbeit von Disney, das Burton Handlungselemente von Tolkien und Lewis aufzwängen wollte. Das Hook-sche Element des Helden, der nach einigen Jahren zurück in die Welt kehrt, die er verlassen hat, scheitert letztlich vielleicht nicht so sehr am Versuch, Dodgsons Nonsense-Welt in eine Geschichte pressen zu wollen, als vielmehr daran, dass es eine ausgesprochen schwach ausgearbeitete Geschichte ist. Und so lässt sich auf Alice in Wonderland durchaus das semantische Beispiel des Märzhasen münzen. Denn “I like what I get” ist hier leider nie dasselbe wie ”I get what I like“.

5/10

5. Dezember 2009

Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson

Don’t judge a taco by its price.

Eine große Persönlichkeit zeichnet sich durch ihr Erbe aus, das sie der Nachwelt hinterlässt. Sei es wie im Falle von Gandhi ein freies und unabhängiges Land oder „nur“ ein neues literarisches Genre. Als Begründer des Gonzo-Journalismus gilt gemeinhin Dr. Hunter S. Thompson. Gonzo beschreibt eine Form des Journalismus, in der Fakten und Fiktion mit den Erlebnissen des Autors verschmelzen. Als Thompson 1970 als Sportsjournalist zum Kentucky Derby geschickt wurde, um mit einem Artikel in der Redaktion zu erscheinen, der über alles schrieb, außer über das eigentliche Derby, war Gonzo-Journalismus geboren. Thompson, der primär für das Rolling Stone Magazin Artikel lieferte, würde später dank seiner Bücher Fear and Loathing in Las Vegas sowie Fear and Loathing on the Campaign Trail, 1972 im Gedächtnis seiner Umwelt verhaftet bleiben. Mit Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson widmete Oscarpreisträger Alex Gibney, zuvor verantwortlich für Dokumentationen wie Enron und Taxi to the Dark Side, diesem enfant terrible der Journalistenszene ein stimmiges und unterhaltsames Portrait.

Dabei deckt Gibney jedoch nicht das ganze Leben von Thompson ab. Zwar wird kurz ein Einblick in dessen Familienleben und Schulzeit gegeben, aber dann springt die Dokumentation quasi direkt in die Mitte der sechziger Jahre, als Thompson ein Buch über die damals aufstrebende Rockergruppe der heute legendären Hell’s Angels verfasste. Von Thompsons Anfängen in New York erfährt man nur die Anekdote, dass er F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby an der Schreibmaschine nachtippte, um dieselben Geräusche zu hören, wie Fitzgerald einst beim Schreiben seines Meisterwerks vernahm. Die Jahre in Südamerika zu Beginn der sechziger Jahre (Puerto Rico, Brasilien) erspart Gibney dem Publikum. Man erfährt von Thompsons Problemen mit den Rockern, von vermeintlichen Gang Bangs, die auf Partys stattgefunden haben oder häuslichen Streitereien, die Thompson aufbrechen wollte und dafür schließlich selbst Schläge bezog. Was folgte war wohl die düsterste Phase Amerikas im zwanzigsten Jahrhundert und Stein des Anstoßes für Thompsons Veränderung. Die 68er-Bewegung setzte ein, der Kampf um die Bürgerrechte und natürlich allen voran der Krieg in Vietnam. Hunter S. Thompson begann den amerikanischen Traum zerbröseln zu sehen.

Als entscheidendes Jahr findet sich 1968. Nachdem Reverend Martin Luther King Jr. und Senator Robert F. Kennedy erschossen wurden, war Thompson Augenzeuge der Auseinandersetzungen der 68er Nationalkonvention der Demokraten zwischen Protestlern und der Polizei. Thompson, ein Mann der nach Aussagen seiner damaligen Frau Sandy nie weinte, kam anschließend mit Tränen in den Augen nach Hause. Zu dieser Zeit avancierte der Journalist zum Waffennarr und begann eine Wahlkampagne in Aspen, Colorado als Sheriff. Mit kahl rasiertem Schädel wollte er Leute verhaften, die Drogen verkauften. Weil er der Überzeugung war, Drogen müssten umsonst sein. Seine Kandidatur allein sorgte in Aspen für Kontroversen, am Ende musste er sich jedoch seinem Konkurrenten geschlagen geben. Wieder der Verlust in den Glauben an die Nation. Während sein Drogenkonsum von Marihuana über Kokain bis hin zu Meskalin reichte, kristallisierte sich allmählich der journalistische Stil bei ihm heraus, der als Gonzo-Journalismus in die Geschichte eingehen sollte. Es folgten verquere Artikel im Rolling Stone Magazin, das Buch Fear and Loathing in Las Vegas und schließlich die Idee seines Redakteurs Jann Wenner, Thompson als Korrespondent auf die 1972er Wahlkampagne der Demokratischen Partei zu schicken.

Es ist jene Phase, der Gibney wohl am meisten Zeit widmet. Der demokratische Senator George McGovern erweckte in Thompson wieder die Hoffnung auf eine Wende in seinem Land. Thompson selber wurde durch seine Korrespondenz immer bekannter und berühmter, sein Narzissmus nahm zu. Der Wahlkampf läuft jedoch nicht zufriedenstellend, Richard Nixon gewinnt die US-Präsidentschaft mit einem Erdrutschsieg und Thompsons Glaube ist erneut erschüttert. Als er nach Zaire fliegt, um über den Kampf seines Helden Muhammad Ali gegen George Foreman zu berichtet, will Thompson nicht schon wieder enttäuscht werden. Er verschenkt seine Karte zum Kampf und dröhnt sich stattdessen mit Drogen zu, um schließlich sein Marihuana im Hotelpool zu verstreuen. Die Zeit um den Rumble in the Jungle herum sorgte laut Gibney dafür, dass „fame caught up with him“ und sein Redakteur und Freund Wenner konstatiert, dass Thompson zum „prisoner of his own fame“ wurde. An dieser Stelle, Mitte der Siebziger, springt Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson schließlich in das 21. Jahrhundert und spart die drei Jahrzehnte dazwischen weitestgehend aus.

Man erlebt Thompson mit seiner zweiten Frau in seinen Sechzigern, wie er vergnügt zu Elton Johns Candle in the Wind in die Schreibmaschinentasten haut und in George W. Bush und dem Irakkrieg eine direkte Analogie zu Tricky Dick und dem Desaster Vietnam sieht. Sein Suizid im Jahr 2005 reflektiert Gibney nur minimal, wie ohnehin das Privatleben – Thompson und seine Frau verloren fünf Kinder, drei durch Fehlgeburten, zwei früh nach ihrer Geburt – trotz des „Life“ im Filmtitel eine untergeordnete Rolle spielt. Gibney zeichnet ein Bild von Thompson, dass ihn zwar durchaus als „man of great contradiction“ zeigt, aber insbesondere als Patriot, der den Glauben an sein Land und den amerikanischen Traum verloren hat. Exemplarisch eine Audioaufnahme, die Gibney mit Bildern nachstellen lässt, in der Thompson und sein Anwalt Oscar Acosta (Vorlage für Dr. Gonzo in Fear and Loathing in Las Vegas) in der Umgebung von Las Vegas Angestellte einer Taco-Bar fragen, wo der American Dream sei und diese entgegen, ob dies ein Club sei, jedenfalls wüssten sie es nicht. Wo Ereignisse wie Kent State und Vietnam Thompson an seinem Land zweifeln ließen, schürten Politiker wie George McGovern und Ex-Präsident Jimmy Carter, die beide als Interviewpartner in der Dokumentation auftauchen, gelegentlich die Hoffnung von Thompson.

Während der Beginn des Filmes sehr dilettantisch zusammengeschustert wirkt, findet Gibney relativ schnell eine crossmediale Harmonie. Als Erzähler fungiert im eigentlichen Sinne Thompson selbst, wenn dessen Freund Johnny Depp Exzerpte aus seinen Werken vorliest, die sich jeweils der Situation anpassen. Unterstützt wird dies von Interviews mit Thompsons Ex-Frau, seinem Freund und Kollaborateur Ralph Steadman, Rolling Stone Magazin Redakteur Jann Wenner, Kollege Tom Wolfe und einigen Politikern wie gerade angesprochen Jimmy Carter. Bilder von Thompson sowie Archivmaterial von seiner Kandidatur als Sheriff oder Gast in Talk-Shows komplettieren gemeinsam mit Audiomaterial, das durch nachgestellte Szenen ergänzt wurde, ein rundum visuell gelungenes Bild. Zwar wirkt Gibneys Film sehr harmonisch, aber letztlich baut er zu stark auf Buy the Ticket, Take the Ride von Tom Thurman auf. Oft interviewt Gibney einfach dieselben Leute, benutzt dasselbe Material und strukturiert seine Dokumentation zu sehr an Thurmans Arbeit von vor drei Jahren. Am Ende vermag Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson vielleicht nicht vollends das Leben oder die Arbeit von Thompson einzufangen, aber man erhält nichtsdestotrotz ein sehr gutes Bild von diesem fraglos begnadeten Literaten, der schließlich in der Tat zur großen Persönlichkeit verkommt.

8/10

17. August 2009

Fear and Loathing in Las Vegas

You won’t need much. Just a tiny taste. 

“We were somewhere around Barstow, on the edge of the desert, when the drugs began to take hold” – so beginnt die Odyssee von Raoul Duke (Johnny Depp) und seinem Anwalt Dr. Gonzo (Benicio Del Toro), basierend auf Hunter S. Thompsons Roman Fear and Loathing in Las Vegas. Terry Gilliam, durch Werke wie 12 Monkeys als Regisseur abgedrehter Geschichten etabliert, versuchte zurecht gar nicht, Thompsons Handlung in einen rationalen Rahmen zu verordnen. Auf welche Reise man sich mit den beiden Hauptfiguren begibt, machen die gleich zu Beginn deutlich. Ausgerüstet mit zwei Beuteln Gras, 75 Kügelchen Meskalin, fünf Löschblättern mit extra starkem Acid, einem Salzstreuer halb voll mit Kokain, einem ganzen Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers, Heuler und Lacher, zwei Dutzend Poppers, sowie jeweils einer Flasche Rum und Tequila, einer Kiste Bier und einem halben Liter Äther machen sie sich auf nach Las Vegas.

Dort soll Duke formal als Journalist das MINT 400 zu dokumentieren, das „höchstdotierte Wüstenrennen für Motorräder und Strandbuggys“ – im Grunde will er aber einfach nur raus aus Los Angeles. Gonzo rät ihm zur Übernahme des redaktionellen Auftrags, begleitet seinen Mandaten zugleich gen Sin City. Die Drogen, die sie unterwegs bereits zu sich nehmen, wirken nicht nur, sie nehmen alsbald überhand – verstärkt verliert das Duo immer mehr die Kontrolle über sein Verhalten sowie seine Gefühle. So gerät Fear and Loathing in Las Vegas zu einer kruden Mischung aus Alice im Wunderland und Dantes Inferno, markiert zugleich einem gelungenen Anti-Kriegsfilm, der die US-Einsätze in Vietnam anprangert. Unterstrichen dadurch, dass Duke immer wieder den Krieg im Fernsehen verfolgt, dieser aber auch nun Einzug in sein eigenes Leben erhält, via wahnhaften Erscheinungen oder der ständigen Präsenz des Star-Spangled Banners.

In der Mitte des Filmes platziert Gilliam einen sehr subtilen Dialog zwischen Duke und Gonzo, der die Anti-Kriegs-Thematik gekonnt akzentuiert. “I hate to say this, but this place is getting to me. I think I’m getting the fear”, erklärt ein aufgelöster Dr. Gonzo. “Nonsense”, wischt Duke dessen Ängste beiseite. “We came here to find the American Dream, and now we’re right in the vortex you want to quit. You must realize that we’ve found the main nerve.” Doch Gonzo lässt sich nicht überzeugen: “That’s what gives me the fear.” Ein Jahr vor dem Roman hatten sich die Kent-State-Vorkommnisse ereignet, als vier Studenten bei einer friedlichen Demonstration gegen den Krieg von den eigenen Soldaten erschossen wurden. Wenn Duke an anderer Stelle Sätze spricht wie “had we deteriorated to the level of dumb beasts?”, ist das weniger Ausdruck seines Rausches, als eine Momentaufnahme der US-amerikanischen Gesellschaft zu Beginn der 1970er Jahre.

In der zweiten Filmhälfte rück die subtile Kritik an der US-Politik in den Hintergrund, weichen den Drogeneskapaden. Zum Beispiel wenn sich Duke um eine gesetzliche Verfolgung wegen Verführung Minderjähriger in Person der jungen Lucy (Christina Ricci) sorgt. Letztlich ist der Film jedoch ein wunderbares Bild von zwei Männern, die erfolglos versuchen, dem heimatlichen Wahnsinn durch Drogen zu entfliehen und dabei grandios scheitern. Im Grund ist überall “bat country”, was Duke am Ende schließlich einsieht, wenn er sich selbst nur als “just another freak in the freak kingdom” bezeichnet. Dass es Thompson und Gilliam gelingt, die politische Kritik in ihre ansonsten durchgeknallte Odyssee derart gelungen einzubetten, macht Fear and Loathing in Las Vegas zu einem der unerwartet überzeugenden Beitrag des Anti-Kriegsfilm-Genres, auch wenn man dies dem Film wohl wegen seiner Inszenierung nicht unbedingt ansehen möchte. 

Seine Ursprünge fand die Geschichte, zuerst im Oktober 1971 als Titelgeschichte im Rolling Stone Magazin erschienen, ein halbes Jahr zuvor, als sich Hunter S. Thompson und sein Anwalt Oscar Zeta Acosta nach Las Vegas aufgemacht, wo Thompson das MINT 400 dokumentieren sollte. Herausgekommen war ein weiteres Gonzo-Werk des Journalisten, das durch Satire und Überspitzung die tatsächlichen Ereignisse zu verweben versuchte. Entstanden nach William Faulkners Zitat, dass Fiktion meist realer sei als die Wirklichkeit, begründete Thompson den Gonzo-Journalismus damals mit der Erklärung, er könne den Redaktionsschluss zeitlich nicht einhalten, weshalb er nur seine Notizen abdrucken ließ. Während Thompsons Roman zeitnah auf den Fuß folgte, kam Terry Gilliams Film sicherlich 20 Jahre zu spät, wenn man alleine von seiner politischen Botschaft ausgeht, in die man sich Ende der 1990er Jahre historisch wieder zurückversetzen musste. 

Was den Film abseits seiner Gesellschafts- und Politikkritik hervorhebt, sind einerseits seine schrulligen Gastauftritte (darunter Tobey Maguire, Cameron Diaz und Ellen Barkin), aber vor allem der durch die Drogen evozierte Humor. Allein Del Toros Dr. Gonzo ist ein kleines Kunstwerk für sich, wenn er mit seiner ausufernden Paranoia überall Verschwörer wittert und mit seinem Kultzitat (“As your attorney, I advise you”) einen amüsanten Running Gag erschafft. Aber auch Depp spielt wunderbar auf, als schrulliges Alter Ego von Thompson, dessen Originalkleider er aufträgt und den er monatelang vor den Dreharbeiten studiert hat. Somit ist Fear and Loathing in Las Vegas zu Recht ein Kultfilm, der auch Jahrzehnte nach Kinostart noch zu gefallen weiß und, bedenkt man die Bush-Politik im Irak und ihre Folgen Anfang des Jahrtausends, vielleicht doch aktueller ist, als man denken möchte. In diesem Sinne bleibt also nur eines: “Buy the ticket, take the ride.”

8.5/10

13. Juni 2008

Vorlage vs. Film: Charlie and the Chocolate Factory

Charlie and the Chocolate Factory (1964) Kinderbücher gibt es zu Hauf, selbst Pop-Queen Madonna schreibt inzwischen welche. Aber es gibt auch die Klassiker der Klassiker unter den Kinderbüchern und neben den Werken von Dr. Seuss zählt auch Roald Dahl zu ihren Meistern. Der geborene Waliser verfasste in den sechziger Jahren eine Geschichte mit dem Namen Charlie Chocolate Boy. Diese stammt aus dem Jahr 1961 und dreht sich um die phantastische Schokoladenfabrik von Willy Wonka. Eben jener Wonka verteilte pro Woche zehn goldene Tickets, die jeden Samstag die Besucher in die Fabrik einluden, darunter auch den Held der Geschichte: Charlie Bucket. In dieser ersten Fassung der Geschichte traten noch keine Oompa Loompas oder Grandpa Joe auf. Doch dies blieb auch lediglich die erste Fassung. Drei Jahre später kam schließlich Charlie and the Chocolate Factory (dt. Charlie und die Schokoladenfabrik) heraus und wurde nicht nur zum Kinderbuchklassiker, sondern sorgte auch für Kontroversen. In seinem ersten Druck beschrieb Dahl die Oompa Loompas nämlich noch als farbige afrikanische Pygmäen, was ihm starke rassistische Vorwürfe einbrachte. Daher wurde der Text von Dahl 1973 nochmals geändert und platzierte die mysteriösen Arbeitskräfte nunmehr in das fiktive Loompaland. 

Völlig frei von Kritik blieb das Buch trotz allem nicht, doch verwundert dies kaum, werden doch selbst Werke wie Pullman’s His Dark Materials oder Rowling’s Harry Potter in unserer heutigen Zeit von verschiedenen Menschen und Institutionen kritisiert. Dahls Geschichte beginnt mit der Familie Bucket, die mit drei Generationen in einem Haus lebt. Es handelt sich hierbei um eine ausgesprochen arme Familie, die hauptsächlich Kohlsuppe isst. Die vier Großeltern der Titelfigur Charlie Bucket nisten sich seit zwanzig Jahren in einem großen Bett ein und als Vater Bucket seinen Job in der Zahnpasta-Fabrik verliert, muss die Familie den Gürtel noch mal enger schnallen. Da ist es ein noch viel größerer Luxus, dass der kleine Charlie an seinem Geburtstag dennoch seinen obligatorischen Schokoriegel der Firma Wonka erhält. Doch diesmal hat das ganze einen anderen Hintersinn. Denn seit mehreren Jahrzehnten hat sich Schokoladenfabrikant Willy Wonka in seine Fabrik zurückgezogen und seinen Arbeitern wegen Industriespionage gekündigt. Jetzt plötzlich kündigt er aber fünf Goldene Tickets an, die seinen Schokoriegeln beiliegen und den Gewinner auf eine Rundschau durch die Fabrik einladen. Dieses Goldene Ticket erhofft sich Charlie und wünschen ihm seine Angehörigen, schließlich muss der arme Junge doch auf so viel verzichten. Doch der Riegel enthält nicht das Ticket. Sein Großvater Joe wird Charlie schließlich seine Ersparnisse geben, damit sie noch einen Riegel kaufen können, doch auch dieser enthält nicht das Ticket. Charlie findet dann überraschenderweise Geld in der Straße und kauft sich erneut einen Riegel, wieder erfolglos. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, noch einen weiteren Riegel zu kaufen und diesmal wird er fündig. Charlie stößt auf das letzte verbliebene Goldene Ticket. Dahl spielt hier geschickt mit dem Spannungsbogen und lässt Charlie nicht sofort auf das Ticket stoßen. Doch auch Charlies Hartnäckigkeit in Anbetracht der Not seiner Familie entbehren nicht eines etwas missratenen Charakters.
 
There was a silence. Charlie stood there holding tightly onto Grandpa Joe’s hand. “You mean you’re the only one left?” Mr. Wonka said, pretending to be surprised. (p. 142) 

Denn was Charlie von den anderen vier Gewinnern unterscheiden soll, ist gerade sein reiner und unschuldiger Charakter. Jener Punkt ist in Dahls Buch an dieser Stelle nicht besonders gelungen, stellt Charlie doch sein eigenes Glück an erste Stelle und das seiner Familie hinten an. Auch wenn noch Geld übrig bleibt, so spricht die Gier des Jungen, innerhalb weniger Tage vier Riegel zu essen, nachdem er zuvor jedes Jahr nur einen erhielt, doch für sich. Jener Punkt wird in Burtons Verfilmung etwas gerader gerückt, doch dazu später mehr. In Dahls Geschichte geschieht fortan etwas ungewöhnliches, denn die Bösewichter seiner Handlung sind keine Erwachsenen, sondern Kinder. Genauer gesagt Gören. Angefangen bei Augustus Gloop, einem Vielfraß, der nichts anderes tut außer essen. Gesteigert wird dies nur noch von Veruca Salt, einer verzogenen Göre, die alles besitzen möchte, was sie erblickt, ungeachtet des Aufwands und der Kosten. Als nächstes hätte man dann Violet Beauregarde, die eine Affinität zu Kaugummis hat und einen Rekord im Dauerkauen aufgestellt hat. Letzter in der Gruppe ist Mike Teavee, ein Fernsehkonsumist, der eine Liebe zu Pistolen und Gewalt dank der medialen Unterhaltung aufgebaut hat. Schaut man genauer hin, verkörpern die vier Kinder vier der sieben Todsünden: Augustus gibt sich der Völlerei (gula) hin, Veruca hingegen gehört dank ihrer Habsucht in die Kategorie des Geizes (avaritia). Violet zählt man wegen ihrer Ruhmsucht zum Hochmut (superbia) und Mike Teavee dank seines ausschweifenden TV-Konsums zur Wollust (luxuria). Die fehlenden drei Sünden (Zorn, Neid, Trägheit) teilen sich die vier mehr oder weniger. Charlie hingegen ist eine reine, unschuldige Seele. 

An ihren Verfehlungen werden die Kinder auch in Willy Wonkas Schokoladenfabrik schließlich scheitern, eines nach dem anderen geht quasi flöten und erleidet dadurch letztlich einen mehr oder weniger enormen persönlichen Schaden. Allesamt scheitern die Kinder daran, dass sie nicht auf Willy Wonka und seine Warnungen hören, sich vielmehr eigene Gedanken machen und diesen folgen. Sie sind folglich ungehorsam. Außer unser Charlie, dieser stellt das, was Wonka sagt, nicht in Frage, mit seiner kindlichen Naivität begeistert er sich stattdessen für dessen wundersame Fabrik. Am Ende ist Charlie der einzige verbliebene Gewinner und erhält als Aufschlag noch Wonkas gesamte Schokoladenfabrik, die er als Besitzer nunmehr führen darf! Angeblich ist Wonka alt und wollte einen Erben auswählen, der sein Lebenswerk fortführt. Das Bild, welches Dahl hier zu platzieren versucht (Kinder, macht was man euch sagt) ist sicherlich kritisch zu betrachten, ebenso wie gegenteilige Botschaften eines Dr. Seuss (z.B. The Cat in the Hat). Nichtsdestotrotz ist ihm ein sehr harmonisches Kinderbuch gelungen, das durch seine verschrobene Figur von Willy Wonka und der phantastischen Umwelt seiner mysteriösen Schokoladenfabrik zu gefallen weiß. Insbesondere die Oompa Loompa Passagen respektive ihre Lieder wissen durch Inhalt und Textung zu beeindrucken. Fraglich bleibt jedoch, ob einem unbekannten Literaten aus einem Haufen von hundert wahllosen Kinderbüchern Dahls Chocolate Factory auch so hervorstechend auffallen würde, oder ob man das Buch heute lediglich als Klassiker ansieht, weil ihm dieser Status vor langer Zeit verliehen wurde (und man ganz im Sinne von Dahls Botschaft dies nicht hinterfragen sollte). Würde man den guten Mann darauf heutzutage ansprechen, dürfte er sicherlich geneigt sein Willy Wonka zu zitieren und lediglich zu entgegnen: „You really shouldn't mumble, because I can't understand a word you're saying“. 

Charlie and the Chocolate Factory (2005)

I'm sorry, I was having a flashback. 

Eine erste Verfilmung von Dahls Klassiker gab es bereits 1971, damals erschienen unter dem Titel Willy Wonka & the Chocolate Factory. Wieso der Film Willy Wonkas Namen im Titel trägt ist mir selbst nicht klar. Roald Dahl schrieb damals selbst das Drehbuch zum Film, durch wurde dieses noch nachträglich umgeschrieben. Dies führte dazu, dass Dahl einen Hass auf das Projekt entwickelte und sich Mel Stuarts Film niemals ganz angesehen hatte. Der Film mit Produktionskosten von drei Millionen Dollar floppte und spielte etwas mehr als seine Kosten ein. Heute wird er jedoch als Klassiker angesehen. Interessanterweise werden die Oompa Loompas in dieser Filmversion von 1971 bereits so portraitiert, wie sie anschließend erst 1973 in der neu gedruckten Buchversion erscheinen sollten. Wonka-Darsteller Eric Idle war dabei nicht die favorisierte Wahl von Dahl und verlangte einen Purzelbaum in den Film einbauen zu dürfen, wenn er darin mitspielen sollte. Angeblich gehörte Idle neben seinen Monty Python Kollegen John Cleese und Michael Palin zu den potentiellen Wonka-Kandidaten für das 2005er Remake. Außerdem waren auch Jim Carrey, Adam Sandler, Robert De Niro, Robin Williams und ein halbes Dutzend anderer Comedians im Gespräch für die Rolle gewesen (darunter auch Will Smith und Dwayne „The Rock“ Johnson). Am Ende wurde es jedoch Johnny Depp, der Lieblingsdarsteller von Regisseur Tim Burton, der 2003 zum Projekt stieß. Burton brachte auch einige andere Weggefährten mit an Bord, so schrieb John August (Big Fish) das Drehbuch und Burtons Lebensgefährtin Helena Bonham Carter erhielt ebenso eine Rolle, wie Missi Pyle (Big Fish). Fehlen durfte natürlich auch nicht Danny Elfman als Komponist des Filmes, doch hierzu später mehr. 

Kam die ´71er Version mit Kosten von drei Millionen Dollar aus, so beanspruchte Burton für seine Verfilmung ein Budget, welches das Fünfzigfache dieser Summe beanspruchen sollte. Allein 18 Millionen davon gingen an Johnny Depp, der Rest wohl in die Studiokulisse und die Visuellen Effekte, die zu einem Großteil dennoch ziemlich unnatürlich wirken. Seine Wirkung scheint es zumindest nicht verfehlt zu haben, spielte der Film doch weltweit fast fünfhundert Millionen Dollar ein und markiert somit den erfolgreichsten Film, den Tim Burton je gedreht hat. Mit sehr viel Liebe zur Ausstattung beginnt Burton seinen Film im Haus der Familie Bucket. Die Rolle von Charlie Bucket ging an das aufstrebende Schauspieltalent Freddie Highmore, der Burton von Depp selbst ans Herz gelegt wurde, nachdem dieser mit Highmore in Finding Neverland gespielt hatte. Die Rolle von Grandpa Joe ging an David Kelly, der dies der Tatsache zu verdanken hat, dass Gregory Peck und Peter Ustinov beide verstarben, ehe sie am Projekt teilnehmen konnten. Ein großes Lob gebührt Susie Figgis für ihr großartiges Casting der vier Satansbraten. Egal ob AnnaSophia Robb (Violet), Julia Winter (Veruca), Philip Wiegratz (Augustus) oder Jordan Fry (Mike), sie allesamt sind brillant gecasted und transportieren ihre Figuren exzellent. Besonderes Lob gebührt hierbei Robb und Fry, die in ihren Szenen sogar einen Johnny Depp neben sich blass aussehen lassen (Wortwitz). Dagegen mag Highmore nicht immer zu überzeugen, obschon er offensichtlich engagiert bei der Sache ist. Ähnliches lässt sich auch über Depp sagen, der mit seiner Michael-Jackson-Imitation fraglos einen glaubhaften Wonka darstellt, mit hoher Stimme und blassem Gesicht, dennoch wäre ein Mike Myers in der Rolle weitaus besser aufgegangen. Allgemein scheinen so manche Besetzungen, von Burton über Depp bis hin zu Elfman vielleicht nicht immer glücklich gewesen zu sein. 

Herzstück der Geschichte ist selbstverständlich die besagte Schokoladenfabrik und den ersten Blick, den man auf sie erhält, ist der Schokoladenraum. Dieser wirkt mitunter äußerst lächerlich animiert, wenn die echte Ausstattung (aus wirklichen Süßigkeiten!) mit den digitalen Effekten verschmilzt. Gerade bei einer Summe von 150 Millionen Dollar hätte man sich hier doch ein etwas besseres Ergebnis gewünscht. Ansonsten ist die Transferierung von Dahls Geschichte, wie auch über den ganzen Film gesehen, äußerst detailgetreu geraten. Im Gegensatz zu anderen US-Produktionen wurde sogar die deutsche Sprache ausführlich recherchiert, wenn Mrs. Gloop ausruft „Augustus, pass auf!“. Da ist man ja von manchem Regisseur schlimmeres gewohnt. Hier tritt aber auch eines der Mankos des Filmes auf: die miserablen Kompositionen der Oompa Loompa Songs. Das Lied im Nuss-Sortierraum geht in Ordnung, mit schönen Anleihen an die Beatles, aber die anderen drei Lieder, die Elfman hier komponiert hat, sind eine grauenhafte Ausgeburt an Musik. Zudem geht bei seinem lautstarken Tamtam teilweise der Liedtext der Oompa Loompas unter. Ohnehin ist Elfman für diesen Kinderfilm gänzlich fehlbesetzt, den seine verstörenden, schrägen Töne passen nicht so recht in diesen Hort von Spaß und Spiel. Ein Randy Newman wäre vielleicht besser gewesen, das merkt man bereits zu Beginn, wenn Burton seinen Film mit der Schokoladenproduktion beginnen lässt. Dafür – um die Bewertung verständlich zu machen – erhält der Film einen halben Punkt Abzug. Elfmans Score ist nicht schlecht, das sollte man nicht falsch verstehen, er ist durch und durch Elfman. Nur passt die Musik nicht in die Landschaft der Schokoladenfabrik, sie sieht sich eher als Beipackzettel von Burtons Filmstil, der sich auch in anderen Punkten im Film niederschlägt. Der Einsatz der Oompa Loompas jedenfalls wirkt nicht immer gelungen, eigentlich fast gar nicht, abgesehen von eben jener Szene im Nuss-Sortierungsraum, die ohnehin die beste und gelungenste Sequenz des Filmes darstellt. 

Weitestgehend hat sich Burton aber wirklich an die Vorlage gehalten und sie zum Teil auch mit neuen und frischen Ideen eine Spur witziger gemacht. Insbesondere die zynische Beziehung zwischen Wonka und Mike Teavee wird sehr gut eingefangen. Was jedoch Burton eigenständig einarbeiten musste, war die tragische Vater-Sohn-Geschichte, die den Hintergrund von Willy Wonka beleuchten sollte. Scheinbar kommen amerikanische Filme überhaupt nicht mehr mit tragischen Vätern aus, siehe jeden Film von Steven Spielberg. Es ist natürlich eine besonders ironische Seite, dass Wilbur Wonka (Christopher Lee) ein gefürchteter Zahnarzt war und seinem Sohn, dem designierten Schokoladenfabrikanten, diese süße Speise verbietet. Was das ganze mit Dahls Geschichte zu tun hat fragt man sich vergeblich. Wenn Wonka immer bei dem Wörtchen „Eltern“ ins Stocken gerät und mit Rückblenden beginnt, stört dies ungemein den Erzählfluss, auch wenn es (siehe Zitat oben) seine humoristischen Aspekte hat. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Witz, dass Wonka gegen seinen gläsernen Fahrstuhl latscht, das ist beim ersten Mal schon nicht lustig, und schon gar nicht beim zweiten Mal. Für die missglückte Vater-Sohn-Geschichte erhält der Film einen Punkt Abzug, viel zu viel Tim Burton besitzt die Geschichte hier. Penetrant versucht dieser seine Wonka-Figur zum Außenseiter zu stempeln, wie jede Burtonsche Geschichte ihren Außenseiter braucht. Dabei übersieht Burton jedoch, dass Wonka bereits Außenseiter genug ist und nicht noch einer tragischen Vergangenheit bedarf. Da Burton auch Dahls Ende nicht gut sein lassen kann, und hier nochmals nachhakt, eine ganze zusätzliche Viertelstunde auf das wonkasche Familienglück fokussiert, kostet den Film den letzten halben Punkt. Zwar beweist Charlie am Ende schöne Familientreue, doch hängt diese lediglich mit Burtons Änderung an Wonkas Charakter zusammen. Alles in allem ist Charlie and the Chocolate Factory jedoch eine detailgetreue Adaption von Dahls Vorlage, welche die meiste Zeit zu unterhalten und mit ihrer Farbpracht zu begeistern weiß. Wenn Burton nicht versucht hätte den Film seinem persönlichen Stil unterzuordnen, wäre er perfekt geworden. 

8/10

19. Januar 2008

Sweeney Todd - The Demon Barber of Fleet Street

I will have vengenance. I will have salvation.

Ein Mann, zu Unrecht verurteilt, um von einem Konkurrenten um die Gunst seiner Frau willen ausgeschaltet, kehrt unerwartet durch Flucht in seine Heimatstadt zurück. Unter falschem Namen macht er sich auf, um seine ehemaligen Peiniger zu vernichten, sich an diesen zu rächen, allen voran der Person, die inzwischen sein eigenes Kind als das eigene großzieht. Eine Rachegeschichte, die nicht nur Sweeney Todd eigen ist, sondern markiert auch das Thema von Alexandre Dumas’ The Count of Monte Christo, welches 1844 erschien und selbst Vorlage 1919 für die Geburt von Zorro war, in welchem sich eine ähnliche Rachegeschichte abspielte. Das Sweeney Todd Inspiration für Dumas gewesen sein könnte ist dabei, auch wenn es naheliegend scheint, auszuschließen, denn in seinem Ursprung drehte es sich bei Sweeney Todd um eine Geschichte mit anderen Motiven. Hin und wieder wird behauptet, dass es Sweeney Todd tatsächlich gegeben haben soll, damals im London des 18. Jahrhunderts und ganze 160 Morde sollen auf sein Konto gegangen sein. Allgemein geht man jedoch davon aus, dass er seine Geburt 1846 in der Geschichte The String of Pearls: A Romance von Thomas Peckett Prest gefunden haben soll. Damals drehte sich noch alles hauptsächlich um das Verbrechen und der Gewinn, der daraus erzielt wurde. Viele Theateraufführungen wurden von Sweeney Todd inspiriert, sein endgültiges Format, inklusive der Einbeziehung und Konzentrierung auf Benjamin Barkers Rache, verdankt das Stück jedoch erst dem Bühnenstück von Christopher Bond aus dem Jahr 1973.

Um 1800 nähert sich ein Schiff der in Dunkel gehüllten Stadt London. Ein junger Mann schwingt sich beseelt ins Bild in heller Vorfreude auf London, als er von einem älteren Mann zurückbeordert wird. An London sei nichts schönes, der Abschaum der Gesellschaft sei dort beheimatet. Es handelt sich um einen Mann um seine vierzig, mit einer wilden dunklen Löwenmähne, einzig an seiner rechten Seite durchzogen, einer Narbe gleich, von einer grauen Strähne. Dieser Mann ist Sweeney Todd (Johnny Depp), hieß jedoch einst Benjamin Barker und war Barbier in London, mit einer hübschen Frau und neugeborenen Tochter. Doch er wurde Opfer eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte und zu lebenslanger Zwangsarbeit nach Australien verbannt. Seinen Ursprung fand diese Tat in dem selbstgerechten Richter Turpin (Ala Rickman), welcher Barkers Frau begehrte und diesen aus dem Weg schaffte. Doch es gelang Todd nach fünfzehn Jahren auf einem selbstgebauten Floß zu entfliehen und so wurde er von Anthony, dem jungen Matrosen, gerettet und kehrt nunmehr zurück - zurück nach London. Todd macht sich auf in die Fleet Street und zieht zurück in seine alte Wohnung über der Bäckerei der verschrobenen Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) - dort plant er seine Rache, nicht nur an Richter Turpin und dessen Handlanger Beadle (Timothy Spall), nein, seine Rache an der ganzen Gesellschaft.

Ebenjenes Bühnenstück begeisterte dann den Komponist und Texter Stephen Sondheim, der die Geschichte von Sweeney Todd 1979 in ein blutiges Horror-Musical verwandelte, welches nunmehr die Grundlage für Tim Burtons Adaption bildete, die in den USA für vier Golden Globes nominiert und mit zwei von ihnen, darunter dem Besten Hauptdarsteller und den Besten Film in der Kategorie Musical oder Komödie, ausgezeichnet wurde. Sondheim, der zu den wenigen Menschen gehört, die sowohl den Oscar, wie auch den Tony, Emmy, Grammy und Pulitzer-Preis gewonnen haben, war eng in die Arbeit an der Filmversion von Sweeney Todd eingebunden. Er lieferte nicht nur die Musik und komprimierte sein dreistündiges Musical auf einen zweistündigen Film, sondern hatte auch das letzte Wort bezüglich der beiden Hauptdarsteller und des Regisseurs. Für Sondheim gab es jedoch keinen idealeren Regisseur als Tim Burton, der letzen September in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Burton, bekannt für seine düsteren, aber phantasievollen Filme, gibt zu, kein großer Musical-Fan zu sein, dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, gefiel ihm Sweeney Todd so gut. Schließlich ist Sweeney Todd kein gewöhnliches Musical, von dem die Zuschauer ein Happy End erwarten, sondern hier fließt das Blut nur so in Strömen in den dunklen und finsteren Gassen des Londons aus dem 19. Jahrhundert. Und gerade dies bereitete Burton auch Sorge, als er mit dem Stoff an das Studio herantrat, ein Musical mit einer Jugendfreigabe von 16 Jahren und einer gehörigen Menge Blut zu inszenieren.

Es irritiert, wenn man liest, das zu Beginn noch mit dem Gedanken gespielt wurde, Sam Mendes Regie führen zu lassen mit Russell Crowe in der Hauptrolle, denn es gibt wirklich keinen anderen Regisseur, der so gut Sondheim und Bonds Vorstellungen in Bildern einfangen kann, wie Tim Burton. Und wer Tim Burton kennt, der weiß auch, dass niemand Sweeney Todd so darstellen konnte, wie es Johnny Depp gelingt. Sweeney Todd stellt dabei die sechste Kollaboration zwischen Burton und Depp dar, so wie das gesamte Set nur so von eingespielten Mitarbeitern wimmelte. Auch wenn Burton Stamm-Komponist Danny Elfman diesmal Stephen Sondheim weichen musste, ist dennoch wie immer Chris Lebenzon für den Schnitt und Colleen Atwood für die Kostüme zuständig. Auch die Produzenten des Filmes haben bereits mit Burton und Depp zusammengearbeitet, Hauptproduzent Richard D. Zanuck, verantwortlich für solche Filme wie Jaws oder die Planet of the Apes-Serie, arbeitet in Sweeney Todd bereits das vierte Mal hintereinander mit Regisseur Burton zusammen. Zu dieser Burtonschen Crew stießen dann die Gladiator-Produzenten Walter Parkes und Laurie MacDonald, die gleich den zweifach für den Academy Award nominierten Autoren John Logan mit ins Boot holten. Hinter der Kamera stand der Mann, der eigentlich für die Filme von Gore Verbinski zuständig ist, Dariusz Wolski scheint eventuell durch Mondpropaganda von Johnny Depp, der mit ihm bei der Pirates of the Carribean-Trilogie zusammen gearbeitet hat, an Burtons Set gekommen zu sein. Dieses wurde wiederum Dante Ferretti, der einst Altmeister Federico Fellini unterstand, gebildet.

Für die Leinwandadaption musste Sondheims dreistündiges Musical fraglos gekürzt und gestutzt werden und so gehen viele sekundäre und tertiäre Handlungsebenen in Burtons Adaption verloren, die sich weniger auf die Liebesgeschichte zwischen Johanna und Anthony, als auf Sweeney Todd und wie er sich in seiner Rache verliert konzentriert. Wer eine direkte Umsetzung von Sondheims Stoff erwartet, wird ohne Zweifel enttäuscht sein, denn Burton und Logan fokussieren sich ganz auf das neue Gesicht von Benjamin Barker, mit Abstrichen noch auf die unerwiderte Liebe gegenüber Mrs. Lovett. Alles dreht sich mehr um die Charaktere, Elemente des Musicals, in der die Menge mitsingt, wurden entfernt, die Handlung komprimiert und auf das essentielle der Geschichte reduziert, die Thematik der klassischen Tragödie. Wie Habgier und Ehrgeiz funktioniert auch die Rache - am Ende geht der Protagonist an ihr selbst zu Grunde, da er nicht mehr anderes sieht, als das Objekt seiner Begierde. Sweeney Todd korrumpiert das Potenzial, dass ihm die Romanze mit der einsamen Mrs. Lovett bietet, anstatt dass diese beiden Menschen ihre Chance nutzen, zerstören sie sich letztendlich gegenseitig. Viele Nuancen tastet Burton lediglich an, den Rest des Weges lässt er den Zuschauer alleine gehen und so fügt es sich für das Publikum gedanklich zusammen, wenn Mrs. Lovett Sweeney Todd seine Rasiermesser wiedergibt, die sie alle die Jahre seiner Abstinenz unter einer Diele versteckt hatte, in der Hoffnung er würde zurückkehren.

Mrs. Lovett liebte also bereits Benjamin Barker und jetzt auch Sweeney Todd - was eigentlich paradox ist, da es sich prinzipiell um sein grundsätzlich verschiedene Menschen handelt. Der eine lächelnd und warmherzig, verliert alles in seinem Leben und so, für sich, auch sein Leben. Benjamin Barker ist tot und alles was Sweeney Todd interessiert, ist Rache. Rache stellt den einzigen Grund dar, weswegen Todd überhaupt existiert und so würdigt er andere Menschen wie Toby oder später auch seine eigene Tochter, keines weiteren Blickes. Auch Mrs. Lovett schaut er erst dann richtig an, als er in ihrer eine nützliche Komplizin sieht. Diese Kaltherzigkeit macht Todd jedoch zu keinem grausamen Menschen, sondern eigentlich - und so ist die Figur auch von Burton und Depp angelegt - zu einem Opfer, wahrscheinlich sogar zu dem Opfer im Film. Sweeney Todd ist im wahrsten Sinne des Wortes eine absolut klassische Figur, mit einer einfachen und doch menschlichen Prämisse: Rache. Eine Wiedervereinigung mit seiner Tochter steht nicht zur Debatte, ein glückliches Leben am Meer mit Mrs. Lovett und ihrem Gehilfen Toby bleibt letzten Endes nichts als eine bitter-süße Illusion. Todd will lediglich eines und das ist Richter Turpin in seinem Stuhl, mit seiner Kehle an der Rasierklinge. Hier kommt ihm jedoch die Liebesgeschichte zwischen Anthony und Johanna dazwischen und Todd verpasst seine Chance und muss sich diese erst wieder erarbeiten, während er Stück für Stück mehr in den von ihm selbst geschaffenen Wahnsinn abgleitet, dabei Opfer um Opfer nach sich ziehend.

Burton erschafft ein düsteres und dunkles London, setzt mehr auf Studiokulissen, als auf zeitgenössische digitalen Effekte. Hier kam Dante Ferretti ins Spiel, der neben Federico Fellini bereits die Kulissen für u.a. Martin Scorseses Gangs of New York erschaffen hat. Kim Newman vom Empire Magazin beschrieb Tim Burtons London als eine Gotham City Version der alten Stadt an der Themse und dieser Vergleich ist nicht einmal so abwegig. Dem Regisseur kam es dabei weniger auf historische Genauigkeit an, als darauf ein stilisiertes Märchen zu erzählen. Es braucht also nicht zu verwundern, wenn man die Tower Bridge sieht, auch wenn diese erst sehr viel später gebaut wurde - Burton geht es darum eine Atmosphäre zu schaffen und dies gelingt ihm und Ferretti exzellent. Hinzu kommen die grandiosen Kostüme von Colleen Atwood, die ebenso wie die Bilder von Dariusz Wolski ausschließlich in Schwarzweiß gehalten zu sein scheinen, um ebenjenes Flair eines alten schwarzweißen Hollywood-Horror-Films a la Son of Frankenstein zu erschaffen. Dieser Schwarzweiß-Ton wird immer nur dann unterbrochen, wenn Burton sein Filmblut einsetzt, welches in Sweeney Todd nicht gerade spärlich fließt. Ausgesprochen gelungen ist die Kameraarbeit von Wolski, die ihren Höhepunkt in einer raschen Fahrt zu Beginn durch die Straßen Londons hinüber in die Fleet Street findet, gekonnt geschnitten wurde das ganze dabei von Chris Lebenzon. Hier wurde in der Tat von allen Beteiligten bei einem Budget von fünfzig Millionen US-Dollar das Maximum des möglichen herausgeholt, dass Aussehen des Filmes könnte wahrlich nicht besser sein.

Sweeney Todd würde jedoch nicht funktionieren, wenn Sondheims atemberaubende Musik nicht wäre. Musik, wie sie damals zuvor noch nie in Musical aufgetreten ist und in Szenekreisen als unglaublich schwere Partitur angesehen wird. Insofern lässt es sich nicht anders als mutig beschreiben, dass Burton alle seine Hauptfiguren mit Schauspielern besetzt hat, die zuvor nie als Sänger oder Sängerinnen aufgetreten sind. Schaut man sich das Endergebnis an, kann man nicht anders, als Burton und Sondheim zu applaudieren, denn nicht nur Johnny Depp überzeugt stimmlich, sondern auch Helena Bonham Carter und die Nebendarsteller Alan Rickman und Komiker Sacha Baron Cohen. Wunderschön komponiert und getextet haben Sondheim und Logan die ausgewählten Stücke für den Film und die Melodien klingen noch lange nach dem Kinobesuch in den Köpfen der Zuschauer weiter - nicht wenige dürften sich hinterher den Soundtrack kaufen und zu Hause erneut anhören. Stimmlich müssen sich Depp und Carter jedoch keineswegs vor George Hearn und Angela Lansbury verstecken, begeistern dagegen sogar ein ums andere Mal mit ihrem Duetten. Auch schauspielerisch agieren sie blind miteinander, die anderen Darsteller fügen sich in das Gesamtbild nahtlos ein und einem Alan Rickman gelang es seit jeher ganze Sätze mit einem bloßen Blick seiner Augen auszudrücken.

Eigentlich fällt einem an Sweeney Todd nicht negatives auf und doch befriedigt der Film nicht ganz. Wer Tim Burton kennt, der weiß, dass seine Filme und dieses gewisse Etwas begleitet, diese Spur Burtonschen Charmes, ein Funken Magie, der Big Fish oder Sleepy Hollow zu etwas besonderem machte. Dieser Funke Magie fehlt Sweeney Todd, auch wenn er hier und da aufblitzt, zum Beispiel in Mrs. Lovetts Fantasysequenz, die meisten Stellen des Filmes sind jedoch düster und dunkel, sowohl von der Farbe, als auch von der Stimmung. Hinzu kommt, dass die Geschichte nichts sonderlich neues präsentiert, eben da Dumas sie bereits - wenn auch weniger blutig - in seinem Count of Monte Christo abgehandelt hat und Burton die restlichen Handlungsstränge beschneidet. So bleibt die Figur des Richters Turpin die ganze Zeit über im Dunklen und das Publikum erfährt nichts über seine Motivation oder über seine Hintergründe, wie es beispielsweise bei August Ego in Pixars Ratatouille der Fall gewesen ist. Irgendetwas muss passiert sein, um Turpin in den Mann zu verwandeln, der er nunmehr ist, aber was das war, erfährt man nicht. Auch die anderen Figuren müssen hinter Sweeney Todd zurückstecken und so offeriert Cohen nichts als einen kurzweiligen und im Grunde nichtssagenden Auftritt, der lediglich die Re-Etablierung Todds als Barbier in London nach sich ziehen soll. Dies alles sind jedoch lediglich Punktabzüge in der B-Note, was am Ende bleibt ist ein atemberaubendes Musical und einer der großen Filme von 2008, ohne Frage sehenswert, wenn nicht gar Pflicht.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

8. November 2007

Pirates of the Carribean: At World's End

I wash my hands of this weirdness.

Raue Zeiten brechen an, Piraten werden in Reihen aufgestellt und gehängt, erbarmungslos, Stück für Stück. Selbst vor Kindern macht das Grauen keinen Halt, einem unsicheren Blick wird mit einem Fass ausgeholfen. Da stimmt ein Knabe das Lied der Piraten an, kurz darauf stimmen die anderen in den Sing-Sang ein – der unsichere Leutnant meldet es Lord Beckett (Tom Hollander), doch diesem ringt es nur ein müdes Lächeln ab. Er hat sein Ziel erreicht, durch den Sing-Sang im Auge der Auslöschung geht eine Warnung über Silbermünzen an alle Piraten aus, nunmehr sind sie vorgewarnt. Währenddessen suchen Captain Barbossa (Geoffrey Rush) und die junge Elizabeth Swann (Keira Knightley) in Singapur den Piraten Sao Feng (Chow Yun-Fat) auf, um ihn davon zu überzeugen, ihnen ein Schiff und eine Crew zu überlassen. Das Treffen wird von den Männern der East India Trading Company unterbrochen, die Beteiligten können gerade noch so fliehen. Das Ziel ist jedoch erreicht, Sao Feng überlässt Barbossa, Miss Swann und dem wagemutigen Will Turner (Orlando Bloom) ein Schiff samt Crew. Nun steht der Suche nach Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) in Davy Jones’ Locker unter der Führung der mysteriösen Tia Dalma (Naomi Harris) nichts mehr im Wege – außer das Ende der Welt.

Inzwischen weiß man, dass Jerry Bruckheimer vor rein gar nichts halt macht, sei es ein Kinderspielzeug oder eine Freizeitparkattraktion – alles wird gnadenlos verfilmt, für das höhere Ziel und dies ist Mr. Bruckheimers Bankkonto. War der erste Teil, welcher als einziger Teil konzipiert war, noch sehr innovativ und unterhaltsam geraten, mit einer erfolgreichen Wiederbelebung eines totgeglaubten Genres, stoßen die beiden gemeinsam verfilmten Fortsetzungen etwas bitter auf. Bereits dem zweiten Teil wurde von den Kritikern seine Überlänge und fehlende Logik vorgehalten und auch der dritte Teil konnte den intellektuellen Kreis nicht begeistern. Der mit 300 Millionen Dollar teuerste Film aller Zeiten (bisher) hält bei Rotten Tomatoes eine Wertung von 45%, beim Publikum kommt er – wie bei IMDb – mit etwa 7 von 10 Punkten noch recht gut weg, was auch ein weltweites Einspiel von fast einer Milliarde Dollar (was sich durch den Verkauf der DVD noch verbessern sollte) bestätigt. Meistens sind es eben die schlechten Filme, welche das Geld einspielen und die guten Filme, welche keine Berücksichtigung finden. Auch in der Bloggersphäre wurde dem dritten Teil der Piratensaga kein gutes Urteil beschenkt, weshalb ich einen Kinobesuch ausfallen ließ und dies nunmehr auf DVD nachhole.

Das Budget wird sich hauptsächlich auf die Ausstattung, die Kostüme, die Maske und allen voran die Visuellen Effekte verteilt haben, aus dem einfachen Grund, dass man es dem Film ansieht. Hier lässt sich auch keine Kritik finden, das Ambiente im Film stimmt, die Effekte beeindrucken genauso wie die allgemeine Optik und in diesen Kategorien kann sich PotC auch Hoffnungen machen, bei den nächstjährigen Academy Awards Berücksichtigung zu erfahren. Das Hauptmanko des Filmes ist ganz klar seine Handlung, bzw. das nicht vorhanden Sein einer solchen Handlung. Was die Figuren hier machen, und es sind ausnahmslos alle Figuren zu nennen, hat in den meisten Fällen weder Hand noch Fuß und schon gar keinen Sinn. Knochengerüst Knightley’s Charakter Miss Swann nagt scheinbar an ihrer Tat aus dem zweiten Teil Jack Sparrow ins Jenseits befördert zu haben und redet nicht mehr mit ihrem geliebten Will Turner – der Zusammenhang hierbei erschließt sich jedoch nicht. Ist der gute Jack jedoch erst wieder in der Obhut seiner Crew, gilt Elizabeths Groll ganz der East India Trading Company. Orlando Bloom hingegen ist als Will Turner primär an dem Schicksal seines Vaters interessiert, welchen er aus den Fängen von Davy Jones (Bill Nighy) befreien will. Hierzu muss er Lord Beckett jedoch die Black Pearl ausliefern und daher verfolgt Will eigentlich seine eigenen Interessen. Captain Barbossa und Jack Sparrow streiten sich den Film hindurch darüber wer das Kommando über die Pearl hat – zugegebenermaßen relativ lustig über einen Längenvergleich ihrer Fernrohre.

Jeder Charakter hat somit seine eigene Agenda und versucht sein persönliches Ziel gemeinsam zu erreichen – mehr oder weniger. Das Motto lautet hierbei: jeder betrügt jeden. In einer Szene verlangt Beckett von Sparrow den Treffpunkt aller Piraten im Austausch für seine Freiheit. Zu diesem Zweck erhält Sparrow seinen magischen Kompass zurück, welchen er später Will übergibt, als dieser versucht Beckett über Sparrows Aufenthaltsort zu informieren und Will übergibt den Kompass schließlich wieder Beckett, um damit den Treffpunkt der Piraten ausfindig zu machen. Verstanden? Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, denn Sinn ergibt es sowieso keinen. Im Laufe des Films ist jede Figur mindestens einmal mit jeder anderen überein gekommen, um sie dann zu hintergehen und mit einer anderen Figur eine andere Übereinkunft zu treffen. Das wiederholt sich die guten ersten neunzig Minuten und die Handlung dreht sich nicht nur im Kreis, sondern wiederholt sich und die Summe aus dem zweiten Teil. Anschließend ergötzt sich der Film in der letzten Stunde an seinen eigenen Effekten in einer nach fünf Minuten eintönigen Seeschlacht, welche der Gipfel einer weiteren Sinnlosigkeit ist. Neunzig Minuten lang geht es den Figuren darum, eine Allianz aller Piraten (darunter Keith Richards als Sparrow Senior) zu bewirken und die übermächtige East India Trading Company im offenen Gefecht zu besiegen. Nach neunzig Minuten wurde dies auf profane Art bewerkstelligt, doch anstatt dies nun umzusetzen fechten Sparrow und Co. dies privat mit Davy Jones und seinen Männern aus, während alle anderen zusehen. Da fragt man sich, wieso vorher überhaupt das große Tam-Tam drum getrieben wurde.

Als Trilogie lässt sich diese Trilogie ohnehin nicht titulieren, da die beiden Fortsetzungen inhaltlich keinen Zusammenhang mit dem ersten Teil aufweisen. Mehr als Charaktereinführung ist der erste Teil somit nicht und Regisseur Gore Verbinski lässt im Finale noch einmal alle Figuren aus dem ersten Teil ihre Aufwartung machen. Eine klare Linie hat die Trilogie dabei nicht, spielt Davy Jones und der Flying Dutchman im ersten Teil schließlich keinerlei, in den Fortsetzungen jedoch eine erhebliche Rolle. Dass man die Dreharbeiten an den Fortsetzungen begann, ohne ein fertiges Drehbuch vorweisen zu können, merkt man während des Filmes und besonders an seinem Ende. Der zweite Teil und die Mehrheit des dritten Teils arbeiten gezielt auf die finale Schlacht hin, dies erklärt das sich im Kreis bewegen und die unnötigen Wiederholungen. Die finale Auflösung wirkt dann dem Franchiseprodukt absolut entgegen und ist wohl eine der schlechtmöglichsten Lösungen, arbeitet auch den Erwartungen des Zuschauers bei einem vorhersehbaren Produkt entgegen.

Hier gäben sich die Macher der Lächerlichkeit preis und bieten als Konklusion keinerlei Entwicklung zum Beginn des ersten Teils. Die Fortsetzungen sind eine Offenbarung dafür, dass eine Fortsetzung nie im Raume stand und man die Kuh nur melken wollte, so lange sie noch Milch gab, bzw. gibt. Jeder Teil ist nach dem Prinzip Höher-Schneller-Weiter aufgebaut, mehr Effekte, mehr Jack Sparrow (sprichwörtlich) und dazu noch Chinas größten Kinostar in einer Nebenrolle (auch wenn dieses Ziel dadurch etwas verfehlt wurde, da die chinesischen Zensoren die Hälfte von Chow Yun-Fats screentime rausschnitten). Eine wirkliche Geschichte hatten die Macher nicht zu erzählen und abgesehen von einigen Lachern ist Pirates of the Carribean ziemlich erschöpfen geraten, ähnlich wie die Matrix-Trilogie. Jerry Bruckheimer scheint dies keinen Abbruch zu tun, und der Zuschauer kann sich somit darauf freuen, in den nächsten Jahren vielleicht auch noch die Kinoversion von Spitz Pass Auf zu begutachten, Regie Michael Bay, Hauptrolle Nicholas Cage.

4.5/10

2. August 2007

Ed Wood

Film-Making is not about the tiny details, it’s all about the big picture!

Im Jahr 1994 nahm sich Kultregisseur Tim Burton eines Themas an, welches ihn selber sehr berühren sollte: die Lebensgeschichte von Edward D. Wood Jr. In gewisser Hinsicht wies Wood's Leben sehr viel Ähnlichkeit mit Burtons eigenem auf. Beide wurden von Kritikern teilweise für ihre Filme verrissen und beide zeichnete die Freundschaft zu einem altgedienten Schauspieler aus, war es bei Wood Bela Lugosi steht demgegenüber die Beziehung zwischen Burton und Vincent Price. Zudem fanden beide Freundschaften ihren Ursprung in Kindheitserfahrungen, denn so wie Wood in Dracula auf seinen "Helden" Lugosi aufmerksam wurde, geschah es bei Burton mit House of Wax und Price. Für beide Regisseure war die Erfahrung mit den jeweiligen Filmen zugleich der Beginn für ihre Liebe zum Kino.

Als Burton das Drehbuch zu Ed Wood las, wusste er sofort, dass er bei diesem Film Regie führen musste und sagte sein Engagement zu dem Film Mary Reilly ab. Im Nachhinein lässt wohl sagen, dass kein anderer Regisseur eher für diese Rolle geeignet war, wie Burton, konnten sich doch nur wenige in diesem schwer kritisierten Mann hineinfinden. Hierbei legten die Autoren den Schwerpunkt des Filmes in der Freundschaft zwischen Wood und Lugosi an, konzentrierten sich also lediglich auf fünf Jahre in Woods Wirken und drei Filme, die er in diesem Zeitraum schoß: Glen or Glenda, Bride of the Monster und Plan 9 From Outer Space, welche interessanterweise in ihrer Produktion alle noch andere Namen trugen. Ed Wood zeigt den Kampf um und für diese Filme, sowie die Probleme, die bei ihrer Entstehung entstanden.

Die Macher hatten sehr viel Wert darauf gelegt, dass die gezeigten Personen nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden, obschon unverkennbar ist, dass es sich hart gesagt um eine Gruppe von skurrilen Losern handelt. Neben einem morphiumsüchtigen abgehalfterten ehemaligen Horrordarsteller findet sich ein naiver schwerfälliger Wrestler und eine barbusige Moderatorin ein. Unterstützt wird das ganze noch durch einen Homosexuellen, der sich eine Geschlechtsumwandlung wünscht und den Chiropraktiker des Regisseurs, sowie ebenjenem Regisseur, der um seine Leidenschaft als Transvestit keinen Hehl machte. Eine Gruppe von Außenseitern, verbunden durch ihre Liebe zum Film und dem Wunsch nach Ruhm und Reichtum. Dass diese Figuren im Film tatsächlich nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden, sondern die Symphatien der Zuschauer tragen ist vielleicht die größte Leistung von Burtons Film.

Allein die Eröffnungssequenz von Ed Wood soll mehr wie ein einzelner Wood-Film gekostet haben, Ed Wood war dementsprechend auch teurer, wie alle Filme von Wood zusammengenommen. Nichsdestotrotz hatte auch Burton mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen und musste erstmal ein Studio finden, dass sich dieses delikaten Themas rund um Transvestiten annahm und später auch zustimmen sollte, dass der Film in s/w gedreht wird. Damit hatten selbst die Beteiligten ihre Probleme, befürchteten die Autoren doch, dass dadurch 90% des Publikums vergrault werde. Und tatsächlich spielte Ed Wood bei Produktionskosten von 18 Millionen Dollar in den USA nur 5 Millionen davon wieder ein. Ob dies jetzt tatsächlich ausschließlich an der s/w-Optik oder der Handlung per se gelegen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Was Ed Wood besonders schön einfängt, ist der grundlegende Optimismus von Wood, welcher vor allem auf das Konto des brillianten Johnny Depp geht, der Wood beigeisternder dargestellt hat, wie dieser wohl selbst zu Lebzeiten gewesen sein wird. Burton zeigt jedoch sehr gut die Leidenschaft, welche jeden Film von Wood getragen hat und ihn aus der Masse emporhebt. Edward D. Wood Jr. war Regisseur von Herzen, dem es schon allein Spaß machte einfach nur am Set zu sein. Hier verlangte er nie Neuaufnahmen, keine zweite Einstellung. Zeit war bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes Geld und so drehte er mitunter an einem Tag an die 25 (!) Szenen und schnitt belangloses Material ein, wenn es dem Endzweck des Filmes dienen konnte. Oftmals stehen Dinge (wie Spielzeug-UFOs) nur als Symbol für das, was er eigentlich ausdrücken wollte, wenn er denn das entsprechende Geld dafür gehabt hätte.

Um jedoch Woods Filme zu verstehen, muss man Wood selber verstehen und so zentriert sich der Film zum einen auf die Freundschaft zu Lugosi und zum anderen auf das Privatleben des Regisseurs. Dies wird durch die Akzeptanz seiner Freundin für sein Transvestitentum dargestellt und sehen wir zu Beginn noch eine unverständige Freundin, haben wir am Ende jemanden, der ihn einfach so akzeptiert, wie er eben ist und ihn dabei unterstützt. Ein Mann, der in seinem Leben so oft zu kämpfen hatte, nicht nur beruflich, sondern auch privat, hat am Ende des Filmes scheinbar alles was er immer wollte. Seine Freunde, eine Frau die ihn liebt, akzeptiert und versteht und einen Film, von dem er zum Schluss überzeugt ist, dass es derjenige ist, für den ihn die Welt in Erinnerung behalten wird (eine sehr schöne Szene mit Depp) und es auch getan hat. Ed Wood ist nicht nur mein Lieblingsfilm von meinem (noch lebenden) Lieblingsregisseur Tim Burton, sondern auch einer meiner Lieblingsfilme überhaupt, den ich deswegen liebe, weil er ist, was er sein will: ein Meisterwerk.

10/10