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22. Mai 2013

The Great Gatsby

You can’t repeat the past.

Als Weltliteratur erachtet man Werke, die über die Landesgrenzen des Autors hinaus bekannt und zugleich für die Bevölkerung der Welt bedeutsam sind. Beispielsweise Leo Tolstois Anna Karenina, der Einblicke in Werte wie Ehe und Moral des zaristischen Russlands gibt. Oder F. Scott Fitzgeralds im Jahr 1925 entstandener The Great Gatsby: Oberflächlich betrachtet eine tragische Liebesgeschichte in den wohlhabenden Goldenen Zwanzigern, zugleich aber auch ein Spiegel für die damalige Gesellschaft und ein kritischer Sozialkommentar zur Pervertierung des „American Dream“. Was einst das Streben nach Freiheit und Glück war, verkam in den 1920er Jahren nun zum Streben nach Reichtum und Macht.

Jenen als Klassiker geltenden Roman adaptierte im Vorjahr Baz Luhrmann, Hollywoods Mann für das extravagant Tragische. Zuletzt legte er mit Australia ein episches Genre-Mashup vor, das ein Liebesbrief an seine australische Heimat war, eingebettet in den Zweiten Weltkrieg. Dennoch ähnelt The Great Gatsby eher Moulin Rouge!, Luhrmanns Abschluss seiner Red Curtain-Trilogie von 2001. Hier wie da beginnt der Film mit einem verlorenen wirkenden Schriftsteller, der ein miterlebtes Liebestrauma per Schreibmaschine zu Papier bringen muss. Die Geschichte einer Liebe, korrumpiert von Macht und der Lust nach Reichtum. Führte in Moulin Rouge! Ewan McGregor durch den Film, ist es hier nun Tobey Maguire.

Er schlüpft in die Rolle von Nick Carraway, der zu Beginn der Handlung ein kleines Anwesen in Long Island anmietet, weil er sich in New York City als Börsenspekulant versuchen will. Direkt nebenan wohnt wiederum der mysteriöse Millionär Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), Mittelpunkt zahlreicher obskurer Gerüchte und zudem Gastgeber pompös-glamouröser Festivitäten am Wochenende. Zu einer dieser Partys wird Carraway eines Tages eingeladen und freundet sich daraufhin mit dem jungen Millionär an. Der hat jedoch eine Bitte: Carraway möge seine Cousine Daisy Buchanan (Carey Mulligan) zum Tee einladen. Mit ihr unterhielt Gatsby fünf Jahre zuvor eine Affäre, ehe der Erste Weltkrieg die Beiden trennte.

Daisy heiratete anschließend den Millionär Tom Buchanan (Joel Edgerton) und bewohnt die dekadente Villa gegenüber von Gatsby – getrennt durch das tosende Gewässer. Während ihr Gatte Affären unterhält, zum Beispiel zur Automechanikergattin Myrtle (kaum wiederzuerkennen: Isla Fisher), vertreibt sich Daisy die Zeit mit ihrer Freundin Jordan Baker (Elizabeth Debicki). In jene Welt der Schönen und Reichen sowie ihrer dubiosen Machenschaften und Affären wird nun Carraway geworfen, ein Platzhalter für das Publikum. Er fungiert zuerst als Cupidus, der die ehemaligen Liebenden wieder zusammenführt, zusätzlich ist er für Tom wie Daisy und Gatsby ein begleitender Vorwand zur Kaschierung des Ehebruchs.

Eine derartig glamouröse Welt wie die des Long Islands von 1922 ist natürlich wie geschaffen für einen Mann wie Baz Luhrmann. Speziell im ersten Akt feiert der Australier den Prunk und Protz der Jazz Ära. Während Gatsbys Anwesen zum wilden Party-Palast wird – dessen einziger Sinn und Zweck es ist, Daisy anzulocken –, stellt die Villa der Buchanans gerade auch visuell das Artifizielle der Welt von Daisy dar. Alle Farben fallen so knallig aus, dass einen das Grün des perfekt symmetrisch geschnittenen Rasens fast schon blendet. Eine perfekte Welt für unperfekte Menschen und zugleich Gegenentwurf zu den damaligen Corona Ash Dumps und heutigen Flushing Meadows – dem größten Park im Stadtteil Queens.

Es ist irgendwie passend, dass es Tom gerade hierhin verschlägt, um mit Myrtle eine Flamme aus der Arbeiterklasse aufzureißen, deren Ehemann (Jason Clarke) von all dem nichts ahnt. Die Wunder jener Welt der Buchanans, Bakers und Gatsbys werden Carraway ähnlich wie McGregors Christian in Moulin Rouge! mittels anachronistischer Verwendung von Gegenwartsmusik vermittelt. Da swingen dann Jay-Z (zugleich einer der Produzenten des Films), Gattin Beyoncé sowie Fergie und will.i.am durch die Lautsprecher, während Newcomerin Lana Del Rey mit „Young and Beautiful“ ein traurig-schön-melancholisches Herz-Schmerz-Lied (“Will you still love me when I’m no longer young and beautiful?”) trällern darf.

Das alles ist natürlich herausragend inszeniert, wenn Gatsby zu Begin nur andeutungsweise zu sehen ist, Carraway in einem Meer aus weißen Vorhängen Daisy wieder trifft oder diese sich begeistert einem Regen von edelsten Hemden aus Gatsbys Kleidersammlung unterwirft. Das Glanz und Gloria der damaligen Zeit, die Dekadenz dieser von Fitzgerald beschriebenen Welt – sie sind der eigentliche Star von The Great Gatsby. Denn die Charaktere bleiben nie mehr als reine Figuren, die zumeist hohle Phrasen vor sich hin seufzen. “He gives large parties, and I like large parties”, offenbart Jordan Baker zu Beginn über Gatsbys wöchentliche Gratis-Feste. “They’re so intimate. Small parties, there isn’t any privacy.”

Unterdessen verliert sich DiCaprio in der unzähligen Verwendung der Floskel “old sport” und Mulligans Daisy in den Untiefen der Dummheit ihrer Figur. “That’s the best thing a girl can be in this world, a beautiful little fool”, hofft sie für ihre kleine Tochter, die bis zum Ende die gesamte Dauer des Films in der Obhut des Kindermädchens verbringen darf. Weder kann sich ihre Figur zwischen Gatsby und Tom entscheiden, noch scheint sie überhaupt zu wissen, was sie will. Da Maguires Rolle lediglich die des Beobachters ist, darf Gatsby noch als interessantester Charakter erachtet werden. Insbesondere wenn sich im dritten Akt herausstellt, was es alles beinhaltet, Jay Gatsby zu sein und worin dies seinen Ursprung hat.

The Great Gatsby ist ein Fest für die Sinne und trotz seiner fast zweieinhalb Stunden sehr kurzweilig. Bedauerlich ist, dass der Film nach seinem ersten, an Moulin Rouge! erinnernden, Akt für den Fortlauf der Handlung mehr und mehr auf Australia-Niveau fällt. Was an sich nicht schlimm ist, allerdings vor Augen führt, dass hier noch mehr für Luhrmann herauszuholen gewesen wäre. Und sicher gab es schon originellere und lebendigere Figuren als hier, beides ist jedoch Fitzgeralds Roman geschuldet. Dessen Bedeutung als sozialkritischen Blick zur Pervertierung des „American Dream“ wird Luhrmanns Adaption aber durchaus gerecht. Gewohnt großes Kino also vom Mann fürs extravagant Tragische.

7.5/10

17. August 2009

Fear and Loathing in Las Vegas

You won’t need much. Just a tiny taste. 

“We were somewhere around Barstow, on the edge of the desert, when the drugs began to take hold” – so beginnt die Odyssee von Raoul Duke (Johnny Depp) und seinem Anwalt Dr. Gonzo (Benicio Del Toro), basierend auf Hunter S. Thompsons Roman Fear and Loathing in Las Vegas. Terry Gilliam, durch Werke wie 12 Monkeys als Regisseur abgedrehter Geschichten etabliert, versuchte zurecht gar nicht, Thompsons Handlung in einen rationalen Rahmen zu verordnen. Auf welche Reise man sich mit den beiden Hauptfiguren begibt, machen die gleich zu Beginn deutlich. Ausgerüstet mit zwei Beuteln Gras, 75 Kügelchen Meskalin, fünf Löschblättern mit extra starkem Acid, einem Salzstreuer halb voll mit Kokain, einem ganzen Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers, Heuler und Lacher, zwei Dutzend Poppers, sowie jeweils einer Flasche Rum und Tequila, einer Kiste Bier und einem halben Liter Äther machen sie sich auf nach Las Vegas.

Dort soll Duke formal als Journalist das MINT 400 zu dokumentieren, das „höchstdotierte Wüstenrennen für Motorräder und Strandbuggys“ – im Grunde will er aber einfach nur raus aus Los Angeles. Gonzo rät ihm zur Übernahme des redaktionellen Auftrags, begleitet seinen Mandaten zugleich gen Sin City. Die Drogen, die sie unterwegs bereits zu sich nehmen, wirken nicht nur, sie nehmen alsbald überhand – verstärkt verliert das Duo immer mehr die Kontrolle über sein Verhalten sowie seine Gefühle. So gerät Fear and Loathing in Las Vegas zu einer kruden Mischung aus Alice im Wunderland und Dantes Inferno, markiert zugleich einem gelungenen Anti-Kriegsfilm, der die US-Einsätze in Vietnam anprangert. Unterstrichen dadurch, dass Duke immer wieder den Krieg im Fernsehen verfolgt, dieser aber auch nun Einzug in sein eigenes Leben erhält, via wahnhaften Erscheinungen oder der ständigen Präsenz des Star-Spangled Banners.

In der Mitte des Filmes platziert Gilliam einen sehr subtilen Dialog zwischen Duke und Gonzo, der die Anti-Kriegs-Thematik gekonnt akzentuiert. “I hate to say this, but this place is getting to me. I think I’m getting the fear”, erklärt ein aufgelöster Dr. Gonzo. “Nonsense”, wischt Duke dessen Ängste beiseite. “We came here to find the American Dream, and now we’re right in the vortex you want to quit. You must realize that we’ve found the main nerve.” Doch Gonzo lässt sich nicht überzeugen: “That’s what gives me the fear.” Ein Jahr vor dem Roman hatten sich die Kent-State-Vorkommnisse ereignet, als vier Studenten bei einer friedlichen Demonstration gegen den Krieg von den eigenen Soldaten erschossen wurden. Wenn Duke an anderer Stelle Sätze spricht wie “had we deteriorated to the level of dumb beasts?”, ist das weniger Ausdruck seines Rausches, als eine Momentaufnahme der US-amerikanischen Gesellschaft zu Beginn der 1970er Jahre.

In der zweiten Filmhälfte rück die subtile Kritik an der US-Politik in den Hintergrund, weichen den Drogeneskapaden. Zum Beispiel wenn sich Duke um eine gesetzliche Verfolgung wegen Verführung Minderjähriger in Person der jungen Lucy (Christina Ricci) sorgt. Letztlich ist der Film jedoch ein wunderbares Bild von zwei Männern, die erfolglos versuchen, dem heimatlichen Wahnsinn durch Drogen zu entfliehen und dabei grandios scheitern. Im Grund ist überall “bat country”, was Duke am Ende schließlich einsieht, wenn er sich selbst nur als “just another freak in the freak kingdom” bezeichnet. Dass es Thompson und Gilliam gelingt, die politische Kritik in ihre ansonsten durchgeknallte Odyssee derart gelungen einzubetten, macht Fear and Loathing in Las Vegas zu einem der unerwartet überzeugenden Beitrag des Anti-Kriegsfilm-Genres, auch wenn man dies dem Film wohl wegen seiner Inszenierung nicht unbedingt ansehen möchte. 

Seine Ursprünge fand die Geschichte, zuerst im Oktober 1971 als Titelgeschichte im Rolling Stone Magazin erschienen, ein halbes Jahr zuvor, als sich Hunter S. Thompson und sein Anwalt Oscar Zeta Acosta nach Las Vegas aufgemacht, wo Thompson das MINT 400 dokumentieren sollte. Herausgekommen war ein weiteres Gonzo-Werk des Journalisten, das durch Satire und Überspitzung die tatsächlichen Ereignisse zu verweben versuchte. Entstanden nach William Faulkners Zitat, dass Fiktion meist realer sei als die Wirklichkeit, begründete Thompson den Gonzo-Journalismus damals mit der Erklärung, er könne den Redaktionsschluss zeitlich nicht einhalten, weshalb er nur seine Notizen abdrucken ließ. Während Thompsons Roman zeitnah auf den Fuß folgte, kam Terry Gilliams Film sicherlich 20 Jahre zu spät, wenn man alleine von seiner politischen Botschaft ausgeht, in die man sich Ende der 1990er Jahre historisch wieder zurückversetzen musste. 

Was den Film abseits seiner Gesellschafts- und Politikkritik hervorhebt, sind einerseits seine schrulligen Gastauftritte (darunter Tobey Maguire, Cameron Diaz und Ellen Barkin), aber vor allem der durch die Drogen evozierte Humor. Allein Del Toros Dr. Gonzo ist ein kleines Kunstwerk für sich, wenn er mit seiner ausufernden Paranoia überall Verschwörer wittert und mit seinem Kultzitat (“As your attorney, I advise you”) einen amüsanten Running Gag erschafft. Aber auch Depp spielt wunderbar auf, als schrulliges Alter Ego von Thompson, dessen Originalkleider er aufträgt und den er monatelang vor den Dreharbeiten studiert hat. Somit ist Fear and Loathing in Las Vegas zu Recht ein Kultfilm, der auch Jahrzehnte nach Kinostart noch zu gefallen weiß und, bedenkt man die Bush-Politik im Irak und ihre Folgen Anfang des Jahrtausends, vielleicht doch aktueller ist, als man denken möchte. In diesem Sinne bleibt also nur eines: “Buy the ticket, take the ride.”

8.5/10

29. September 2008

Spider-Man 3

Where do these guys come from?

Ein neues Phänomen erreichte in Hollywood 2007 seinen Höhepunkt: Fortsetzungen. Sie boomen wie nie und markieren neben Remakes die einträglichste Rubrik des aktuellen Kinos. Die Arbeit wird klein gehalten, man verwertet bekannte Geschichten und schlachtet andere Themen genüsslich aus. Gerade die dritten Teile hatten es dem vergangenen Jahr angetan, denn neben Shrek the Third, Ocean’s Thirteen und Rush Hour 3 warteten auch die Abschlüsse der Pirates of the Carribean- und Spider-Man-Trilogien auf. Letztgenannte Filme konnten sich erfolgsmäßig von der übrigen Masse absetzen. Den Rekord des teuersten Films aller Zeiten durfte Spider-Man 3 nach dem Start von Pirates of the Carribean: At World’s End an diesen abgeben. Auch finanziell war das letzte Piratenabenteuer noch eine Spur erfolgreicher als der Spinnenmann.

An den Top 10 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten scheiterte der Film mit Platz 11 nur knapp, immerhin lief er in den USA erfolgreicher als Jack Sparrow und Konsorten. Dabei stört es Sony relativ wenig, dass Spider-Man 3 einen Schlussstrich unter eine stringente Trilogie setzte, die Planungen für einen vierten Teil, der alsbald in die Kinos kommen soll, laufen bereits. Fraglich ist bisher noch, ob Sam Raimi wieder Regie und Tobey Maguire erneut die Hauptrolle spielen wird. Beide machen ein potentielles Engagement von dem Entscheid des anderen abhängig, ebenso wie Kirsten Dunst. Möglich – und im Grunde zum Scheitern verurteilt – wäre eine Neubelebung der Reihe, mit neuem Regisseur und Darstellern. Sehr wahrscheinlich, dass sich Sony dadurch selbst ins Knie schießt. Auch eine Fortsetzung der bisherigen Story ist wohl kritisch.

Im Vergleich zu den Vorgängern haben sich die Dinge für Peter Parker (Tobey Maguire) gewandelt. New York City liebt ihn und verleiht ihm nach der Rettung von Gwen Stacy (Bryce Dallas Howard) sogar den Schlüssel zur Stadt. Auch in Liebesdingen kann sich Peter nicht beklagen, führt er doch eine zufriedene und glückliche Beziehung mit seiner Jugendliebe MJ (Kirsten Dunst). Lediglich die zerrüttete Freundschaft zu Harry (James Franco) bereit ihm Kopfzerbrechen, während sich dieser insgeheim auf die finale Konfrontation mit Spider-Man vorbereitet. Während es für Peter bestens läuft, hat MJ mit Problemen zu kämpfen. Als Peter und Tante Mae (Rosemary Harris) dann erfahren, dass Onkel Bens wahrer Mörder, der Bankräuber Flint Marko (Thomas Haden Church), auf der Flucht ist, kocht in Peter wieder der scho in Spider-Man aufgetretene Wunsch nach Rache.

Nachdem Marko zu Beginn dann durch einen Unfall genetisch verändert und zum Sandman mutiert ist, sucht Peter später den Konflikt. Bei seiner Vergeltungssucht verletzt er dann nicht nur MJ, sondern auch seinen direkten Konkurrenten beim Daily Bugle, Eddie Brock Jr. (Topher Grace). Schuld an Peters Verhalten ist dabei ein außerirdischer Symbiont, der Besitz von ihm ergriffen hat. Für Peter gilt es nunmehr, sich auf seinen wahren Charakter zu besinnen und seine Gefühle unter Kontrolle zu kriegen. Eine Katharsis muss zu Ende gebracht werden, die in Spider-Man begonnen wurde. Gekonnt verknüpft Regisseur Sam Raimi hierbei die Handlung mit den Ereignissen aus den vorangegangen Teilen, sehr schön auch in der Eröffnungssequenz bebildert. Somit ist Spider-Man 3 letztlich ein würdiger Abschluss der Comic-Trilogie in allen Belangen.

Die Hauptthemen des Films sind Rache und Vergebung, die alle Figuren motivieren. Peter reitet sich in einen Rachedurst hinein, als er erfährt, dass Marko der eigentliche Mörder seines Onkels ist. Er stößt MJ von sich und verliert sich vollkommen in seiner Vergeltung. Nachdem er Marko vermeintlich getötet hat, stößt er bei seiner Tante zu seiner Überraschung nicht auf Dankbarkeit, sondern Abscheu. Sein Verhalten provoziert wiederum Rache beim Sandman, der zuvor keinerlei Aggressionen gegen Spider-Man hegte (“I don’t want to hurt you. Leave now.”). Diese Aggressionen leiten den Sandman letztlich zu Venom, der durch Eddie Brock Jr. gesteuert ebenfalls auf Rache aus ist. Brock ist ein schmieriger Charakter, der beim Anblick seiner Freundin, Gwen Stacy, in Lebensgefahr nichts Besseres zu tun hat, als Fotos für die Zeitung zu schießen.

Somit gehört Brock folglich zu der Sorte Mensch, die immer auf den kürzesten Weg zum erwünschten Ziel kommen möchte und sich dabei auch nicht scheut, fragwürdige Abkürzungen zu nehmen. Durch den Symbionten wird sich Peter also einen Feind schaffen, indem er Brock vor der gesamten Stadt demütigt. Auch Harry strebt es nach Rache, er will Spider-Man für den Tod seines Vaters aus dem ersten Teil büßen lassen, den er dem allseits beliebten Spinnenmann zu Unrecht angelastet hat. Nicht von ungefähr sind es dabei ausschließlich die männlichen Charaktere, denen es nach Rache gelüstet, während das weibliche Ensemble die Tugend der Vergebung propagiert. MJ muss Peter vergeben und diesen wiederum selbst dazu bringen, Flint Marko zu vergeben. Diese Lektion wird er auch außerdem noch von seiner Tante Mae lernen.

Im Trilogie-Abschluss macht Raimi vieles richtig und manches falsch. Die grundsätzliche Stimmung ist gut eingefangen, ein Comic-Flair spürbar. Die Action-Szenen (abgesehen vielleicht vom Finale) sind gut choreografiert und gebührend umgesetzt. Die Musik von Christopher Young kommt meist zwar nicht an den Score von Danny Elfman heran (es fehlt das Mystische), aber das Thema zu Flint Marko ist ausgesprochen gelungen. Nach der Zweitsichtung auf DVD hatte ich dem Film nochmals einen halben Punkt mehr zugesprochen, dem ich ihm bei der jetzigen Drittsichtung wieder abziehe. Zwar ist Spider-Man 3 weitaus lustiger und selbstironischer als es der erste Teil war, doch an den Humor von Spider-Man 2 kommt er dann doch nicht heran. Herausragend ist dennoch die Portraitierung des Evil Peter – herrlich selbstgefällig, arrogant und überheblich auf einmal.

Allein sein Walk-Down in den Straßen New Yorks mit Händeklatschen und Fingerpistole ist grandios, aber auch sonst sind viele Einstellungen amüsant geraten. Interessant ist der Aspekt von Raimi, einen Helden zu zeigen, der negative Eigenschaften trägt, im Gegensatz zum Antagonisten, der scheinbar aus löblichen Beweggründen agiert. Entgegen der allgemeinen Meinung fand ich den Film nicht zu schwülstig, sondern sehr glaubhaft und emotionsgeladen. Gefühle werden verletzt, Beziehungen stehen in Gefahr. Der Kameraschwenk in wunderschön romantischen Pastellfarben erinnert an King Kong und führt zu einem dramatischen Ende aller Konflikte. Entgegen anderer Trilogie-Abschlüsse (Pirates of the Carribean, Matrix) fährt Raimi den Karren nicht gegen die Wand, sondern bringt seine Handlung zu einem gelungen und würdigen Ende.

Dennoch hätte der Film weitaus besser sein können, denn vieles ist zu redundant ausgefallen. Wie in den Vorgänger muss MJ im Finale wieder von Spider-Man gerettet werden, sie wird entführt und als Falle ausgelobt. Das Ganze wurde schon im zweiten Teil eintönig und ist es hier erst recht. Dem hätte man zuvorkommen können, wenn man – wie ich an anderer Stelle schon mal erwähnt hatte – im ersten Teil auf MJ verzichtet und Gwen Stacy in den Mittelpunkt gerückt hätte. Es ist durchaus schön, diese nun endlich zu sehen und sie wird auch fantastisch von der attraktiven Bryce Dallas Howard dargestellt, nur wirkt sie etwas verschenkt. So wie sehr viel im Grunde verschenkt wird, denn Spider-Man 3 krankt an seinen drei Bösewichtern. Denn hatte es Spider-Man in den Vorgänger immer jeweils mit nur einem Gegner zu tun, so sind es dieses Mal derer drei.

Diese treten jedoch nicht parallel, sondern immer abwechselnd auf, sodass man gerne mal die anderen beiden vergisst, wenn sie 20 Minuten lang nicht im Bild sind. Frühzeitig legten sich Raimi und Tobey Maguire auf die Anwesenheit des Sandman fest. Dabei ist dieser eine ziemlich langweilige Figur und wurde vom Regisseur nur deswegen ausgewählt, weil seine Umsetzung eine Herausforderung darstellte. Und die Umsetzung ist auch gelungen, der Sandman wurde großartig animiert. So großartig, dass für Venom scheinbar nicht mehr genug Geld vorhanden war. Dass es Venom überhaupt in den Film geschafft hat, verdankt sich Produzent Avi Arad, der Raimi dazu aufforderte, den Fan-Liebling in den letzten Teil der Reihe mit einzubeziehen. Der Film wird Venom jedoch nicht gerecht, insbesondere nicht in dessen Animation und Darstellung durch Topher Grace.

Im Grunde stellt er nur einen Sidekick für Sandman dar, welcher der eigentliche Antagonist ist, da er Peters Rache-Thema vorantreibt. Eines sporadischen Venom hätte der Film dann nicht bedurft, die Figur ist verschenkt. Auch der Sandman, als liebender Vater, der nur das Beste für seine kranke Tochter wollte, ist ein kleiner Störfaktor. Besser wäre gewesen, man sich auf einen Hauptbösewicht beschränkt, dazu noch die Auseinandersetzung mit dem New Goblin. Wobei es fraglich ist, ob man Harry überhaupt ein Pseudonym geben muss, da er die Stadtbevölkerung gar nicht angreift. Die Handlung kann den drei Strängen jedenfalls nicht immer folgen, man fühlt sich bisweilen gehetzt, die finale Exposition kommt ebenfalls ziemlich überhastet. Auch die Einbindung der New Yorker ins Finale – inklusive Star Spangled Banner – beißt sich.

Meistens erweckt Spider-Man 3 den Eindruck, als habe man zwei Filme in einem erzählen wollen. So erklärt sich auch MJs Verhalten gegenüber Peter. Dennoch funktioniert der Film überaus gut, ich stufe ihn daher hinter dem zweiten Teil als den Besten der Trilogie ein. Entlohnen dürfte den Fan alleine der Cameo von Bruce Campbell, der seine Leistung aus dem Vorgänger erneut zu toppen weiß. Manches Logikloch im Skript findet sich dennoch, man hätte den Film durchaus anders und somit etwas plausibler erklären können. Wie ein anderes Ende für Spider-Man 3 hätte aussehen können, zeigt ein äußerst amüsanter und animierter Internet-Spoof. Dennoch war der dritte Teil ohne Frage ein Höhepunkt des vergangenen Kinojahres und zählt zu den gelungen Comicverfilmungen in einem Genrepool, der zurzeit keinen Beckenrand zu kennen scheint.

8/10

20. Juli 2008

Spider-Man 2

I believe there’s a hero in all of us.

Vielleicht wurde hier noch geschnitten, dort etwas editiert. Das Marketing rollte auf jeden Fall bereits in vollen Zügen und die Stimmung scheint gut. Ein Mann setzt seinen Namen unter einen Filmvertrag, Sam Raimi erklärt sich bereit, eine Fortsetzung zu Spider-Man zu drehen. Das alles gut einen Monat, bevor Spider-Man in den Kinos anlaufen und ein triumphaler Erfolg werden sollte. Die Produzenten von Sony engagierten Alfred Gough und Miles Millar (Shanghai Noon/Knights) für das Skript. Dieses sollte drei Gegner für Spider-Man vorsehen, letztlich verblieb man dann bei Doctor Octopus als alleinigen Antagonisten. Als Spider-Man mit einem Einspiel von 115 Millionen Dollar am Startwochenende  einen neuen Rekord aufstellte, gewährte Sony für das Sequel ein Budget von 200 Millionen Dollar, eine fast 50-prozentige Anhebung. Wenige Wochen später wurde aus dem Autoren-Duo ein Trio, als David Koepp die beiden unterstützte.

Innerhalb von zwei Monaten war das erste Drehbuch fertig und Michael Chabon wurde wieder engagiert, um es umzuschreiben. Letztlich pickten Regisseur Raimi und Drehbuchautor Alvin Sargent, der bereits für den ersten Teil engagiert wurde, sich das raus, was ihnen gefiel und Sargent machte sich an die endgültige Fassung. Die Dreharbeiten begannen allerdings bereits vor der Fertigstellung des finalen Skripts. Das Projekt stand voller Tatendrang und grenzenlosem Optimismus. Ende des Jahres 2002 verletzt sich Hauptdarsteller Tobey Maguire dann während der Dreharbeiten zu Seabiscuit am Rücken. Zu verdanken hatte er dies seiner Rolle als Jockey. Kurzerhand trat Sony an Jake Gyllenhaal heran, der ehemalige Kinderschauspieler war dank Donnie Darko zum Geheimtipp der Branche aufgestiegen. Zudem war er damals mit Hauptdarstellerin Kirsten Dunst liiert und verfügte somit über die nötige Chemie.

Doch der gute Stern stand über Spider-Man 2, denn Tobey Maguire erholte sich und konnte seine Rolle wiederaufnehmen, die ihm ein Gehalt von 17 Millionen bescherte und damit in die Champions League der Hollywood-Schauspieler katapultierte. Seine Rückenprobleme wussten Raimi und die Crew dabei gezielt auf die Schippe zu nehmen und verarbeiteten Referenzen in den Film, wenn Peter Parker in einer Hommage an The Matrix von einem Dach springt mit den Worten “I’m back! I’m back”, nur um mehrere Stockwerke tief zu fallen und zu Fuß davonzuschleichen, dabei murmelnd: “My back. My back”. Ein Wortwitz, der in der deutschen Synchronisation verloren geht. Die Rekorde, die Spider-Man aufgestellt hatte, konnte seine Fortsetzung locker brechen, selbst wenn er insgesamt finanziell das Nachsehen hatte. Sowohl in Nordamerika als auch weltweit gesehen, liegt die Fortsetzung vom Einspielergebnis hinter dem ersten Teil.

Dabei wurde der Film von Fans wie Kritikern besser bewertet als sein Vorgänger. So hat er bessere Bewertungen in der IMDb, wie auch bei Rotten Tomatoes. Die Besetzung blieb dieselbe, denn da mit Doc Ock lediglich eine neue Figur hinzukam, musste auch nur diese Rolle neu besetzt werden. Waren Stars wie Robert De Niro oder Charakterdarsteller wie Chris Cooper im Gespräch, so wurde es am Ende Alfred Molina, den Raimis Ehefrau in Frida besonders überzeugend fand. Eine wahrhaft gelungene Entscheidung, denn Molina haucht seiner Figur äußerst überzeugend Leben ein und hatte – wie die Special Features zeigen – sichtlich Spaß am Set. Neben dem finanziellen Erfolg und dem nunmehr feststehenden Star-Status von Maguire und Dunst durfte sich der Film auch bei den Academy Awards im Jahr darauf feiern lassen, bei welchen er mit dem Oscar für die Besten Visuellen Effekte ausgezeichnet wurde.

Die visuellen Effekte sind stark an den Matrix-Sequels orientiert, wirkt der animierte Spider-Man oft ebenso unnatürlich wie der digitalisierte Neo. Doch dies springt einem nur zu Beginn wirklich negativ ins Auge, bald schon fügen sich die Effekte besser ein und spätestens bei der Bahn-Szene überzeugt der Film restlos. Kein Wunder, arbeitetn doch 200 Leute an ihnen und verschlangen 50 Millionen Dollar des Budgets. Hilfreich beim Spider-Man-Feeling für die Zuschauer war die Einführung der so genannten Spydercam, die unter anderem an einem Seil befestigt fünfzig Stockwerke fallend filmen konnte. Eben jene Kamerafahrten sorgen für gehörige Stimmung und lassen einen richtig teilhaben an Peter Parkers nächtlichen Ausflügen. Für die sorgen auch Raimis vielfache Remineszensen an die Comic-Serie. Besonderen Einfluss auf die Handlung hatte dabei Spider-Man No More (#50), der Raimi sogar teils eins-zu-eins beeinflusste.

Aber es findet sich auch eine Referenz zur Animations-Folge The Terrible Triumph of Dr. Octopus. Zusätzlich verwies Raimi neben The Matrix auch auf Superman und seinen eigenen The Evil Dead sowie dessen Fortsetzung The Evil Dead II. Ergänzt werden diese Szenen dann von zwei Cameos durch Evil Dead II-Mitautor Scott Spiegel und den obligatorischen Bruce Campbell. Letzterer wird im übrigen mit jedem Spider-Man-Teil amüsanter, egal ob hier als Platzanweiser in MJs Theater oder in Spider-Man 3 als liebenswürdiger und planloser Maitre d’. Wie es sich für eine ordentliche Marvel-Verfilmung gehört, darf auch der Auftritt von Schöpfer Stan Lee nicht fehlen. Zudem wartet für alle Fans von Lost, denen er bei Hulk entgangen ist, auch hier in einer kurzen Nebenrolle wieder Daniel Dae-Kim auf. Und wer weniger ein Fan von Lost, dafür aber von Death Proof ist, der darf sich dafür in gleich zwei Szenen auf Vanessa Ferlito freuen.

Ist Peter Parker im ersten Teil noch seiner Verantwortung gefolgt, so erlebt er in der Fortsetzung die Schattenseiten seines Helden-Daseins. Um sie zu schützen, hat er sich von MJ los gesagt, doch packt ihn die Eifersucht, als diese sich mit John Jameson verlobt und der arme Peter das auch noch fotografieren muss. Die Beziehung zu Harry ist ebenfalls leicht erschüttert, da dieser von Peter die Identität Spider-Mans verlangt. Auch hier kommt es zur Klimax, in derselben Szene wie der MJ-Moment. Zeit für die Universität hat Peter kaum noch, seinen Nebenjob verliert er, das Leben seiner geliebten Tante Mae (Rosemary Harris) läuft an ihm vorbei. Das Spider-Man-Dasein beansprucht Peters ganze Zeit und dies auf Kosten seines Privatlebens. Kein Wunder, beginnt Peter mit seinem Schicksal zu hadern. Schließlich sagt er sich los vom Heldentum, stattdessen beginnt er ein ganz normales Leben, in welchem er glücklich mit MJ sein kann.

Hier baut Raimi starke Referenzen zum zweiten Superman-Abenteuer ein, in welchem auch der stählerne Mann seinen „Job“ an den Nagel hing. Mit der Zeit lernt Peter jedoch die Konsequenzen von Spider-Mans Abwesenheit. Sargent wickelt seine Katharsis in einen Dialog mit Tante Mae ein, der zwar etwas gelackt daherkommt, aber praktisch notwendig ist. Die Geschichte wird vorangetrieben, Peter hat eine Entscheidung getroffen und ist bereit, die Konsequenzen zu tragen. Menschen brauchen Identifikationsfiguren und Helden, Peter nimmt diese Rolle ein, letztlich gewinnt er sogar noch MJ. Was kann er sich mehr wünschen? Im Abschluss der Trilogie scheint Spider-Man zu Beginn dann auf seinem Höhepunkt, mit Paraden, T-Shirts und allerlei anderem Gedöns. Wie Peter hier jedoch im zweiten Teil hadert, ist ausgesprochen gelungen von Raimi in Szene gesetzt und kongenial von Maguire in die Kamera gespielt.

Dabei präsentiert Raimi viele der Zutaten, die bereits den Vorgänger so schmackhaft machten. Verschiedene Elemente (brennendes Haus, Peter bringt Müll raus) werden direkt übernommen, allen voran das Ende. Hier tritt genau das ein, was Peter eigentlich vermeiden wollte: MJ wird vom Bösewicht entführt. Das Finale selbst, obschon nicht sonderlich actionreich, darf als gelungen angesehen werden, allein wegen Peters Demaskierung und Octavius’ Läuterung. Das hier der erste Teil grüßen lässt, hätte man durchaus vermeiden können, wenn man im ersten Teil einfach auf Gwen Stacy gesetzt hätte. Dann hätte man die Redundanz von „Mary Jane wird entführt“ vermeiden können. Spider-Man 2 überwiegt jedoch an positiven Aspekten, darunter wie immer Danny Elfmans Score. Scheinbar kam es jedoch zur Spaltung zwischen Elfman und Raimi, zumindest wurden viele Stücke von Christopher Young im Anschluss nachkomponiert.

Auch die Action weiß zu überzeugen, allen voran die zwischen Spider-Man und Doc Ock auf der Bahn. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fallen auch nicht mehr die negativen Aspekte des digitalen Spider-Man auf. Was den zweiten Teil jedoch so gelungen macht, ist sein Humor, der den ersten Teil übertrifft. Neben der „Rücken“-Szene ist beispielsweise auch die Fahrstuhlszene ein Reißer für sich und weiß, wie der Großteil des Films, zu unterhalten. Mit seiner Fortsetzung ist Raimi somit eine merkliche Steigerung zu Spider-Man gelungen, dessen Dialoge im Vergleich zu diesem Teil weitaus gestelzter wirkten. Mit dem dritten Teil ist Raimi damit eine der gelungensten, da stimmigsten, Trilogien in der Filmgeschichte gelungen, in welcher der erste Teil mal nicht so hohe Erwartungen schuf, dass die Fortsetzungen diesen nicht gerecht werden konnten. Spider-Man 2 ist jedenfalls eine der besten Comic-Verfilmungen aller Zeiten.

9/10

8. Juni 2008

Spider-Man

With great power comes great responsibility.

In den 1960ern sollte Marvel zu seinem heutigen Ruhm aufsteigen, indem es in diesem Jahrzehnt seine berühmten und beliebten Charaktere wie den Hulk, die X-Men oder Spider-Man erschuf. Während Namor (1939) und Captain America (1941) zu den Pionieren der Marvel-Comichelden zählten, hatte Spider-Man seinen ersten Auftritt erst 1962. Seitdem hat es die von Stan Lee und Steven Ditko erschaffene Figur im Grunde zum Liebling des erfolgreichen Studios geschafft, was ihrem Charakter zu verdanken sein dürfte, der sicherlich näher an seiner Leserschaft ist als es bei anderen Superhelden der Fall. Inzwischen wird Spider-Man von Marvel selbst als Maskottchen verwendet und eine Identifikation der Firma mit der Figur ist eingetreten. Über zwei Dutzend verschiedene Serien um den Spinnenmann gibt es inzwischen, hunderte von Ausgaben beschäftigten sich in den vergangenen 46 Jahren mit den Abenteuern von Peter Parker.

Hierzu kommen noch fast zwei Dutzend TV-Animationsserien, am bekanntesten dürfte die Figur jedoch aufgrund ihrer Kino-Trilogie sein. Wurden die Neunziger praktisch von den Batman-Verfilmungen beherrscht, war es um die anderen Comichelden ruhig. Nachdem das Genre mit dem trashigen Batman & Robin gegen die Wand gefahren wurde und der Markt gesättigt schien, wagte man um das Millennium einen Neubeginn. Allen voran ist es Blade (1998) und insbesondere X-Men (2000) zu verdanken, dass die Kinoindustrie nun vom Superhelden-Genre dominiert wird. Kaum ein Jahr, in dem nicht irgendein maskierter Rächer durch die Städte streift. Dieses Jahr schaffte es Iron Man in die Kinos, folgen werden ihm noch The Incredible Hulk, Hellboy 2: The Golden Army und The Dark Knight. Für das kommende Jahr dürfen sich die Fans neben Alan Moores Watchmen auch auf Will Eisners The Spirit und X-Men Origins: Wolverine freuen.

25 Jahre lang hatte man sich an einem Spider-Man-Film versucht, ehe die Planungen in den Neunzigern ihr Endstadium erreichten. James Cameron schrieb ein Drehbuch, welches Doc Ock als Bösewicht vorsah und auf Mary Jane gänzlich verzichtete, stattdessen Flash und Gwen Stacy stärker in die Handlung einband. Cameron selbst war als Regisseur für die Verfilmung überhaupt nicht vorgesehen, stattdessen bemühte man sich im Tim Burton, Tony Scott, Roland Emmerich und David Fincher. Letzterem sagte das Drehbuch nicht zu, welches dann von David Koepp überarbeitet wurde, dessen Skript zum vierten Indiana Jones-Film für Gesprächsstoff sorgte. Koepp übernahm viele Elemente von Cameron, allerdings zur Unzufriedenheit der Macher. Zwar wird Koepp als alleiniger Autor von Spider-Man geführt, sein Skript überarbeiteten aber noch Scott Rosenberg (Con Air) und anschließend von Alvin Sargent (Ordinary People).

Sargent sollte die Dialoge etwas aufpolieren, was einem bei wie ein Witz vorkommen muss, da grade die Dialoge zu den großen Mängeln des Films zählen. Für die Hauptrollen von Peter Parker und Mary Jane Watson waren unter anderem Leonardo Di Caprio und Alicia Witt vorgesehen, doch sollte alles anders kommen. Der im Horror beheimtatete Sam Raimi, der bereits mit Darkman eine Comicverfilmung vorweisen konnte, wurde als Regisseur an Bord geholt und entschied sich nach Sichtung von The Cider House Rules für den aufstrebenden Tobey Maguire als Peter Parker. An seiner Seite wurde die recht unbekannte Kirsten Dunst gecastet und der Part von Norman Osborne, den Nicolas Cage und John Malkovich aus Zeitgründen ablehnten, wanderte zu Willem Dafoe. Für 130 Millionen Dollar entstand Spider-Man schließlich 40 Jahre nach seiner Geburt und avancierte zum ertragreichsten Film des Jahres in den USA.

Wie angesprochen liegen die Sympathien für Peter Parker wohl an seinem Charakter, ist er doch kein Milliardär (Bruce Wayne, Tony Stark) oder Erwachsener (Die Fantastischen Vier, X-Men), sondern ein Teenager und Schüler. Mit seiner Brille und seinem Interesse an  Naturwissenschaften ist er der Inbegriff eines Nerds und bedient damit ohne Frage seine Zielgruppe. Sportskanonen und Kiffer dürften kaum den Massenanteil der Comic-Leserschaft stellen, wer sich die Nerdhaftigkeit des Klientels vor Augen führen möchte, darf gerne zu der jährlichen Abhaltung von Comic Con fahren und die Fans des Franchise beobachten. Vollwaise Peter Parker (Tobey Maguire) verpasst jeden Morgen den Schulbus, in diesem will keiner neben ihm sitzen und er liebt logischerweise das Mädchen von nebenan: MJ (Kirsten Dunst). Diese geht jedoch, wie es der Zufall so will, mit dem größten Trottel der Schule aus: Football-Spieler Flash.

Paradoxerweise ist Peters einziger Freund der Milliardärssohn Harry Osborne (James Franco). Nachdem Raimi seinen Helden als Average Joe etabliert hat, kann er zu dessen Metamorphose schreiten. Ein Schulausflug wirkt sich fatal aus, nachdem Peter von einer mutierten Spinne gebissen wird. Hier bediente sich Koepp scheinbar von seinem Drehbuch zu Jurassic Park, wenn die verschiedenen Spinnengenome einen DNS-Strang komplettieren. Die Spinnengene verbinden sich also mit Parkers DNS und lassen ihn zur menschlichen Spinne verkommen oder anders gesagt (Bruce Campbells Cameo lässt grüßen): zum “amazing spider-man”. Entgegen der Comic-Reihe erzeugt Parker das Spinnennetzgewebe selbst, sprich organisch, anstatt es chemisch herzustellen. Raimi zufolge sollte dies die Glaubwürdigkeit des Charakters stärken, Fans dürfen davon halten was sie wollen. Parkers Metamorphose ist jedenfalls eingeleitet.

Raimi serviert dem Publikum seinen Helden mit einer gehörigen Portion Witz, die fast schon an die Gagdichte des dritten Teiles heranreicht. Amüsant sind vor allem Parkers erste Versuche das Spinnengewebe zu erzeugen, die zu Referenzen von Superman (“up, up and away!”) und Captain Marvel (“shazam!”) verkommen. Anschließend wird sich auch nicht lange mit der Entwicklung der Kräfte aufgehalten, der kathartische Moment von Onkel Bens Tod wirft Parker quasi ins kalte Wasser, in welchem er sich anschließend bewährt. Die Handlungsebene von Onkel Ben wird speziell im Trilogieabschluss erneut aufgegriffen, auch sein verklärtes Motto, dass mit großer Macht große Verantwortung einhergeht. Entgegen den Planungen von Maguire wird nun an einer neuen Spider-Man-Trilogie gearbeitet, mit frischen jungen Gesichtern, da Dunst und Raimi ihr Engagement von Maguires Entscheidung abhängig machten.

Während Peter Parker und im Grunde auch Harry Osborn näher durchleuchtet werden, gerät MJ etwas ins Hintertreffen. Alles was der Zuschauer erfährt, ist ihr zerrüttetes Elternhaus und ihre Leidenschaft fürs Theater. Wieso sie Gefühle für Flash und Harry entwickelt, erfährt man ebenso wenig, wie ihre endgültige Entscheidung zugunsten von Peter. Fraglich, weshalb man nicht – die Trilogie stand ja fest – im ersten Teil Gwen Stacy anstelle von MJ eingebaut hat, anstatt dies nachträglich im dritten Teil zu tun. Gerade da die Filmhandlung zu einem Großteil ohnehin auf der Ausgabe The Night Gwen Stacy Died basiert, was auch den Abschied des Charakters mit einbezogen hätte. Womöglich wollte Raimi seinen Film aber nicht mit gleich zwei traumatischen Erlebnissen für seinen Helden überfrachten. Problematisch bleibt dennoch, dass Dunst fehlbesetzt wirkt und in dem Triumvirat der Männer unterzugehen scheint.

Dass es sich bei den Superhelden um Außenseiter handelt, merkt man spätestens an den Namen Tim Burton und Danny Elfman, die jedesmal bei Projekten aufkommen (Batman, Superman, Spider-Man, X-Men). Gerade Elfman steuert gerne die Musik fürs Genre bei, stammen außer den Burton-Batman-Filmen doch auch der Soundtrack zu Spider-Man oder Hulk von ihm. Seine Töne, wenn Spider-Man sich durch die Straßen Manhattans schwingt, passen perfekt zur Figur und vermischen Sinnliches mit Übersinnlichem. Maguire geht dabei in seiner Rolle sehr gut auf, hadert jedoch mit den ernsten Momenten. Den Schultölper Peter Parker jedoch spielt er mit einer überzeugenden Leichtigkeit, die seine lange Verankerung im Filmgeschäft durch Rollen wie in The Wonder Boys oder Eerie, Indiana sicherlich zu fördern wusste. Als Peter aber einen Fehler macht, wird dies das Leben seines geliebten Onkel Ben kosten.

Die Konstellation Rache-Tod bildet in Spider-Man 3 den Startpunkt der Handlung. Zudem wird hier am Ende die Rahmenhandlung für einen neuen Antagonisten gebaut, obschon eine Internetparodie die Schwäche des Drehbuches offen zulegen scheint. Dieses hat ohnehin an vielen Punkten Probleme, die Handlung voran zu treiben, was X-Men sehr viel besser gelang (wobei dieser ebenfalls Schwächen besaß). Das gespiegelte Schizophrenie-Gespräch fand sich Ende 2002 auch in The Two Towers wieder, wobei es dort weit weniger lächerlich wirkte, als es hier bei Osborn der Fall ist. Ganz bitter ist jedoch, dass Koepp die Klimax des Finales aus Batman Forever klaut (Chase und Robin hier, MJ und Gondel mit Kindern da). Koepp scheint insgesamt kein Talent für gute Drehbücher zu haben, was seine bisherigen Arbeiten (Snake Eyes, Secret Window, War of the Worlds) bis auf wenige Ausnahmen bestätigen können.

Ein Superhelden-Film ist kein Superhelden-Film, wenn er nicht mit Actionszenen und den dazu nötigen Effekten aufwarten kann. Hier unterliegt Spider-Man derselben Schwäche wie The Matrix Reloaded, bieten beide einen Helden, der aus dem PC stammt und auch entsprechend aussieht. Wie es richtig geht, zeigte Bryan Singer zwei Jahre zuvor in X-Men, auch wenn dort mancher Effekt noch etwas unbeholfen wirkte. Wirklich negativ fällt der animierte Spider-Man zwar nicht auf, dennoch überzeugen die Effekte in Teil 2 mehr. Das Problem dürfte hier daran liegen, dass durch die Kostümierung von Maguire gänzlich nichts zu sehen ist und somit keinerlei Notwendigkeit für eine nähere Darstellung besteht (im Gegensatz zu X-Men, wo die Identitäten nicht durch Kostüme geschützt werden müssen). Die Mankos des ersten Spider-Man sind neben dem teils holprigen Drehbuch und den schwachen Dialogen somit die Action.

Die mehrfache Konfrontation des Green Goblin mit Spider-Man verliert mehr und mehr an Tempo, vor allem da eine direkte Konfrontation nicht wirklich auftritt. Gelungen ist natürlich die Tatsache, dass der Goblin Spider-Man von seinen Idealen überzeugen will, dennoch verliert die Geschichte mit jedem Aufeinandertreffen an Intensität. Die Actionszenen selbst sind dabei noch ziemlich spärlich und reichen in keinster Weise an den furiosen zweiten Teil heran. Als Origin-Story geht Spider-Man in Ordnung, da sie schwer zu inszenieren war, bedenkt man die aufwendigen Szenen durch Manhattan, die wenig bis gar keine Zentrierung von Kämpfen möglich machen. Raimi ist für seine Arbeit ein Lob auszusprechen, allgemein ist seine Trilogie durchaus gelungen. Spider-Man ist ein gutes Beispiel für einen Film mit einer gelungenen Helden-Exposition, an der sich ein Iron Man hätte orientieren können.

7.5/10

14. Januar 2008

Eerie, Indiana - The Complete Series

You guys are a constant source of embarrassment.

Am 15. September 1991 wurde eine Serie ausgestrahlt, die fortan zumindest meine Samstagvormittage bestimmen sollte: Eerie, Indiana. Entwickelt von Karl Schaefer, inzwischen kreativer Berater der Serie Ghost Whisperer mit Jennifer Love Hewitt, und Jose Rivera, 2004 mit einer Academy Award Nominierung bedacht für sein Drehbuch zu Diarios de motocicleta, erhielt die Serie nicht nur kreative Beratung von Gremlins-Regisseur Joe Dante, sondern dieser war sich auch nicht zu schade, bei fünf Episoden selbst hinter der Kamera zu sitzen. Vom 15. September 1991 bis zum 12. April 1992 lief die Serie in den USA auf NBC, ehe sie eingestellt und von der neunzehnten und letzten Folge, Broken Record, am 9. Dezember desselben Jahres zu Grabe getragen wurde. Von ihrem Schema her war die Serie vieles, offiziell ein X-Files-Ableger für Kinder, inoffiziell gefüttert mit ein bisschen Edwood D. Wood Jr. und David Lynch. Bedienen tut sich die Serie dabei bei Volksmythen wie Bigfoot, dem Bermuda-Dreieck, Wolfsmenschen oder auch Elvis. Zugleich war sie Sprungbrett für Jungschauspieler, Hauptdarsteller Omri Katz ergatterte Kinorollen in Adventures in Dinosaur City (1992) oder Hocus Pocus (1993), Nebendarsteller Justin Shenkarow spielte später in David E. Kelleys Erfolgsserie Picket Fences mit – aber auch Nikki Cox (Las Vegas, Unhappily Ever After) und Tobey Maguire (Spiderman) sammelten hier Erfahrung.

Der 13-jährige Marshall Teller (Omri Katz) ist mit seiner Familie von New Jersey in die kleine verschrobene Stadt Eerie in Indiana gezogen. Dort stellt er nach kurzer Zeit fest, dass hier in der Tat einiges eerie (unheimlich) ist, Bigfoot durchstöbert seinen Müll und Elvis wohnt auf seiner Zeitungsroute. Der einzige der ihm jedoch glaubt, dass etwas faul ist im Staate Indiana, ist sein jüngerer Freund Simon Holmes (Justin Shenkarow), mit welchem er gemeinsam die mysteriösesten Fälle löst und anschließend in ihrem Versteck katalogisiert. Von Geistern und Wolfsmenschen zu einsamen Bankautomaten, Tupperware für Menschen und einem leibhaftigen Teufel, bekommen es die beiden Jungen fortan mit allerlei mystisch-mythischen Gesellen zu tun. Hierbei spielt auch gelegentlich die einsetzende Pubertät bei Marshall eine Rolle, der jedoch nie sein Ziel, dem Unerklärlichen in Eerie auf die Spur zu kommen, aus den Augen verliert, während er auch ein ums andere Mal seine Eltern (Francis Guinan, Mary-Margarete Humes) und seine Schwester (Julie Condra) aus gefährlichen Situationen manövrieren muss, wenn er sich nicht selbst, oder Simon, in einer solchen befinden. Als im Verlauf der Serie auch noch der mysteriöse grauhaarige Junge Dash X (Jason Marsden) in Eerie auf der Bildfläche erscheint, erwächst Marshall auch noch ein Konkurrent.
Ironischerweise, auch wenn Eerie immer mit X-Files verglichen wird, wurde die erste X-Files Folge nicht vor dem 10. September 1993 ausgestrahlt, ganze neun Monate nach der letzten Folge von Eerie, Indiana! Somit ist die ursprüngliche Idee der Serie, mysteriöse Vorfälle von einem skeptischen Ermittler aufklären zu lassen, wahrscheinlich doch eher in David Lynchs Twin Peaks von 1990 begründet. Hier wie da ermittelt ein geerdeter Außenstehender unerklärliche Vorfälle in einer kleinen seltsamen Gemeinde. In Eerie werden verschiedene, in den meisten Fällen bereits irgendwo angewendete Ideen, eingeführt, um den Spannungsrahmen für jede einzelne Folge zu bilden. Seien es Mumien, Geister, Wolfsmenschen, Stepfordsche Erscheinungen, Gehirnwäschen oder Außerirdische, alles findet in Eerie seinen Mittelpunkt begründet. Für eine Serie zu Beginn der 90er Jahre versteht es sich, dass die Kosten nicht sonderlich hoch waren, sodass viele Szenen oder auch Einstellungen vom heutigen Standpunkt aus dilettantisch wirken mögen. Die Handlungen der jeweiligen Folgen sind dabei ziemlich vorhersehbar und der Witz hält sich auch in Grenzen. Was die Serie dennoch so gelungen macht, ist vielleicht der Fakt, dass sie in ihrer Zeit verwurzelt ist, und für jemanden wie den Autor, der gerade in dem Alter der Zielgruppe gewesen war, heute einen enormen Nostalgiefaktor bereit hält.

Wie bereits erwähnt, bliebt Justin Shenkarow der TV-Welt für vier weitere Jahre mit Pickett Fences erhalten und ist auch heute noch in der einen oder anderen Serie in einer Gastrolle zu erhaschen. Ebenso verhielt es sich auch mit Francis Guinan und Julie Condra, die jedoch keinen festen Serienplatz mehr in ihren Karrieren erhielten. Jason Marsden hingegen – dessen Figur Dash X aufgrund der Einstellung der Serie nie wirklich erklärt werden konnte – war später noch Bestandteil der Serien Full House, Boy Meets World und insbesondere Step by Step, ehe er 1996 sogar on Ridley Scotts White Squall auftauchen durfte. Am meisten in Erinnerung dürfte Mary-Margarete Humes geblieben sein, die von 1998 bis 2003 die Mutter von James van der Beek in Dawson’s Creek gespielt hat. Am schlimmsten von allen Darstellern erwischte es wohl Omri Katz, der inzwischen als Schauspieler nicht mehr aktiv ist und einen Friseursalon in Los Angeles betreibt. Die Karrieren von Nikki Cox und vor allem Tobey Maguire wiederum sprechen für sich. Eerie, Indiana hatte letzten Endes wohl an seiner schlechten Umsetzung, bzw. seinem knappen Budget zu leiden, weshalb die Serie manche Punkte wie Dash X nie aufklären konnte. Potenzial hatte die Serie auf jeden Fall gehabt, bedenkt man die Langlebigkeit von Serien wie Boy Meets World oder Step by Step. Vielleicht war das Konzept der Serie seiner Zeit damals einfach nur voraus, ihren Nostalgiefaktor erfüllt die dennoch problemlos.

7/10

8. August 2007

The Good German

Nobody's hands are clean.

Im Vorfeld des Filmes hatten die beiden Oscarpreisträger Regisseur Steven Soderbergh und Schauspieler George Clooney hervorgehoben, dass sie sich mitunter deswegen bereit erklärt hatten, ein weiteres Sequel zu ihrer Ocean's-Reihe (Ocean's 13, d. Red.) zu drehen, wenn sie dafür ihr "Herzprojekt" realisieren durften. Bei ebenjenem Herzprojekt handelt es sich um The Good German, ein Film im Berlin des Jahres 1945 angesiedelt. Soderbergh's Idee war es gewesen, für seinen Film nur die Mittel zu verwenden, die auch in den 40ern üblich gewesen sind, sodass die Anforderungen an The Good German die selben seien, wie für Filme der damaligen Zeit. Hierzu gehört natürlich die Tatsache, dass er in Schwarzweiß gedreht wurde, zudem erhielten die Schauspieler keine Mikrofone an ihrer Kleidung, sondern es wurde eine klassische Tonangel verwendet. Der einzige Unterschied zwischen The Good German und einem Film aus den 40ern ist die Darstellung von Sex und Gewalt im Film, sowie die Verwendung von Flucherei (alles drei jedoch vollkommen unnötig und überflüssig).

Die Handlung verläuft zur Zeit der Potsdamer Friedenskonferenz der Alliierten vom 17. Juni bis zum 2. August 1945. Der amerikanische Kriegskorrespondent Jake Geismar (George Clooney) kehrt nach Berlin - wo er vor dem Krieg gelebt hatte - zurück und bekommt den zwielichtigen Tully (Tobey Maguire) als Fahrer gestellt. Bald darauf findet Geismar heraus, dass Tully mit seiner Ex-Freundin Lena Brandt (Cate Blanchett) zusammen ist. Lena will wiederum Berlin verlassen, doch dieses Vorhaben wird durchkreuzt, als Tully plötzlich tot auftaucht. Geismar forscht dem Ganzen nach und stößt immer wieder auf Lena und auf ihren totgeglaubten Mann Emil, hinter dem alle drei Siegesmächte her sind. Ein dunkles Geheimnis umgibt nicht nur die Brandts, sondern auch die amerikanischen Vorgesetzten von Geismar, welcher immer tiefer in diesen korrupten Sog hineingezogen wird.

Während des Filmes schneidet Soderbergh immer wieder historisches Material von der zerstörten Stadt Berlin zwischen seine Handlungsstränge und auch die Potsdamer Konferenz führt vor Augen, dass der Krieg in Europa erst "frisch" vorbei ist, die Wunden noch nicht verheilt. Die Alliierten sind eifrig auf der Suche nach Nazis und bei den Siegesmächten bilden sich ebenfalls kleine Lager, was in einem Anfangsdialog zwischen Geismar und Tully sehr zum Vorschein kommt. Die Tatsache, dass man Deutscher ist, macht einen noch nicht zum Nazi, sagt Tully hier und steht damit Geismar Ansicht von der Mitwisserschaft des Volkes entgegen. Ob die Deutschen dachten, dass Elfen Millionen von Menschen entführt hätten, fragt Geismar zynisch und auch Geismar Ansprechpartner und Anwalt in den Nürnberger Prozessen Teitler sieht eine Kollektivschuld der Deutschen vorhanden. Sicherlich eine Streitfrage, welche nie wirklich beantwortet werden kann. Auch ich habe meine Großmutter schon des öfteren gefragt, ob es denn niemand aufgefallen sei, wenn in ihrer Stadt ständig jüdische Familien verschwunden sind und auch sie entbehrte sich jeglichen Verdachtes. Ist so etwas jedoch möglich? Nachdem der erklärte Führer jedem frisch angetrauten Ehepaar eine Kopie seines Buches Mein Kampf schenkte? Nach der Reichskristallnacht und Kaufverboten bei Juden?

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, dass man so etwas nicht merkt. Das macht einen jedoch nicht gleich zum Nazi, denn was soll man als Normalbürger dagegen unternehmen? Wer lehnt sich schon gegen die Nazis auf und riskiert sein eigenes Leben und das seiner Familie wegen einer jüdischen Familie, die man vielleicht nicht mal richtig kannte? Hätte ich selbst etwas dagegen getan, wenn jüdische Nachbarn von mir deportiert worden wären, hätte ich selbst meine eigene Deportation riskiert? Beispiele wie die Weiße Rose um die Geschwister Scholl sind natürlich immer schön, aber auch nur deswegen Beispiele, weil sie die Seltenheit waren und worin sie resultierten weiß jeder. Ist es also besser gar nichts zu tun, als sein Leben aufs Spiel zu setzen? Das ist dann meiner Meinung nach eine subjektive Frage, die jeder für sich selber beantworten muss und die nicht von einer Besatzungsmacht entschieden werden kann oder darf. Insofern hat Tully Recht, nicht jeder Deutsche ist ein Nazi, ebensowenig wie nicht jeder in der NSDAP automatisch ein Nazi war. Sonst hätten sich die Amerikaner auch nicht so schwer getan, ebenjene Nazis in den Nachkriegsprozessen an den Pranger zu stellen.

Hier findet sich auch das positive an Soderbergh's Film, die Kritik am eigenen Land, die Unterstellung, dass im aufblühenden Kampf gegen die Sowjets Nazis gewissermaßen "unterschlagen" und zum eigenen Vorteil emmigriert worden sind. Hier hat keiner eine weiße Weste und jeder spielt mit gezinkten Karten, denn jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Geismar sieht sich auf sich alleine gestellt, Hilfe kann er weder von den Sowjets, noch von Lena erwarten - von seinen Landsmännern schon gar nicht. Der Untertitel des Filmes fragt: wenn der Krieg die Hölle ist, was kommt dann danach? Und in den Trümmern von Berlin findet sich darauf keine hilfreiche Antwort, immer noch herrscht Korruption, es geht um Macht und mit dem Nachgeschmack des letzten Krieges wird schon gegen den neues Feind, der gerade noch Partner war, gerüstet. Ein verlogenes System, bei dem, wie bei den einzelnen Charakteren, jeder eben auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und niemand ohne Schmutz unter den Fingernägeln davon kommt. Dies ist auch, was die meisten Gutgesinnten The Good German zu Gute halten, weswegen er womöglich von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden das "Prädikat besonders wertvoll" verliehen bekommen hat. An sich ist es aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

In seinem Versuch eine Hommage an den Film der 40er Jahre abzugeben, scheitert Soderbergh meiner Ansicht nach grandios. Bei ihm gilt eindeutig style over substance, dass sieht man an der Farbe, dem Bild, der Einstellung den Schnitten (Kamera und Schnitt übernahm Mr. Soderbergh natürlich selbst). In dieser versuchten Perfektion vernachlässigt Soderbergh jedoch nicht nur die Figuren, sondern noch schlimmer, die Handlung. Wieso Emil Brandt so wichtig ist und was es eigentlich mit Lena auf sich hat, dass nimmt den Zuschauer nicht für sich ein, läuft an ihm vorbei und so wird Desinteresse erzeugt. Zudem verliert der Film sich mit der Geschichte um Geismar und Lena immer auf Nebenkriegsschauplätze, da wird eine Vorgeschichte erwähnt, auf die nicht genauer eingegangen wird. Da hat man Figuren wie Tully, die für den Verlauf der Handlung völlig belanglos sind. Es gibt hier eine Hommage an Casablanca (Flughafen und Zitat), da eine Hommage an Der Dritte Mann (Kanalisation), dann auch wieder eine Hommage an Eine Auswärtige Affäre, dazwischen dann immer historisches Archivmaterial - was am Ende dabei herauskommt ist allerdings nichts mehr wie ein wildes Potpourri, das als Ganzes gesehen keinen inneren Zusammenhang erkennen lässt.

Abgeschlossen wird dies alles dann von einem grausamen Cast, angefangen mit einem völlig fehlbesetzten Tobey Maguire, der zudem auch kaum zu sehen ist und für mich unverständlich und wohl nur wegen seinem Namen auf dem Kinoplakat gelandet ist, bis hin zum Schönling Clooney, dessen erste Szene bereits erkennen lässt, was für ein Desaster seine Anstellung war. Überzeugen konnte er mich in keiner Einstellung und am grauenvollsten war sein Deutsch. Dass es auch Oscarpreisträger gibt, die mit Hilfe eines Sprachlehrers im Stande sind wenige Sätze Deutsch auch vortragen zu können, zeigt Cate Blanchett, die der einzige Lichtblick ist. Nicht nur wirkt ihr Deutsch nahezu perfekt, auch spricht sie den ganzen Film (aufgrund ihres deutschen Charakters verständlich) über mit einem deutschen Akzent. Weswegen man aber nicht einfach eine deutsche Schauspielerin gecastet hat (Martina Gedeck, z.B.) bleibt mir ein Rätsel, schließlich hat man dies bei Christian Oliver auch getan - und besser gelassen, denn er komplettiert einen völlig fehlbesetzten Cast). Da verwundert es auch nicht, dass die Dialoge absolut künstlich klingen. Die Wertung stellt sich folglich so zusammen: einen Punkt für Nazi-Alliierten-Subthematik, einen Punkt für die gelungene Optik, eineinhalb Punkte für die Deutschkenntnisse der Blanchett und einen letzten Punkt für die Musik von Thomas Newman, welche völlig zurecht für den Oscar nominiert worden ist.

4.5/10