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16. April 2016

Vorlage vs. Film: Stand by Me

The Body (1982)

Stephen King gehört zu den ganz großen Schriftstellern der Geschichte – zumindest wenn es um die Anzahl von filmischen Umsetzungen geht. Da sind die Werke von Shakespeare, Dickens, Chekhov und Co. ordentlich dabei, aber eben auch der 68-Jährige aus Maine. Über 50 Filme basierend auf seinen Arbeiten führt Wikipedia, allein die Hälfte davon entstanden in den 90er Jahren. Erstaunlich für einen Mann, der bis heute 54 Romane verfasst hat – aber eben auch fast 200 Kurzgeschichten. Eine solche ist auch The Body, die 1982 gemeinsam mit Rita Hayworth and Shawshank Redemption in dem Sammelband Different Seasons erschien. Auf rund 72 Seiten erzählt King darin die Coming-of-Age-Story vierer Jungs während eines Sommers.

Die Handlung beginnt relativ harmlos und doch dramatisch zugleich: Kurz vor Ende der Sommerferien im Jahr 1960 erfahren im fiktiven Ort Castle Rock die vier Freunde Gordie, Chris, Teddy und Vern von dem Aufenthaltsort eines vermissten Jungen. Der soll von einem Zug überfahren einige Meilen entfernt im Wald liegen, wo ihn Verns älterer Bruder mit einem Kumpel fand. “So when a boy dies out in the forest, it’s a chance to see something they have never seen in their lives: a dead body”, heißt es in der Einleitung. “Their journey will teach them as much about life as about death”. Die Jungen, an der Grenze vom Kind zum Jugendlichen stehend, lernen innerhalb weniger heißer Tage, was es bedeutet, erwachsen zu werden.

Zwei Tage lang eisen sich die Vier von ihrer Familie los, um den Bahngleisen zur Leiche ihres Altersgenossen zu folgen. Dabei macht Gordie als Erzähler klar, dass die Clique durchaus etwas gespalten ist, indem Teddy und Vern offen als dumm bezeichnet werden, während Chris als Delinquent daherkommt. Hierbei ist die Geschichte direkter und weniger emotional als es die Verfilmung von Rob Reiner sein sollte. “Your friends drag you down, Gordie. Don’t you know that?”, macht Chris da seinem intelligenteren Freund deutlich, dass sich ihre Wege trennen werden. “You can’t save them. You can only drown with them.” Eine Ansprache, nicht unähnlich zu der Rede, die Ben Affleck Jahre später Matt Damon in Good Will Hunting geben würde.

Im Gegensatz zum Film spielt auch Gordies Bruder Dennis eine kleinere Rolle. Wo dieser im Film zum Vorbild stilisiert wird, ist seine Rolle bei King etwas ausgearbeiteter und doch passiver. Es wird erwähnt, dass Gordies Eltern keine Kinder bekommen konnten, ehe die Mutter plötzlich mit Dennis schwanger wurde. Fünf Jahre später kam dann noch Gordie hinzu. “For my parents, one gift from God was enough”, so Gordie. Die Beziehung zu Dennis war nicht minder unterkühlt, nicht zuletzt aufgrund des Altersunterschieds. “We rarely did things together”, erzählt der kleine Bruder. Dennis’ Tod berührt ihn daher nur bedingt, weshalb die Geschichte auch ohne die Basecap-Szene mit Ace Merrill und “Eyeball” Chambers auskommt.

Generell tauchen Ace und seine Gang nur im Off auf, ehe beide Gruppen schließlich die Leiche von Ray Brower inmitten eines heraufziehenden Sturms finden. Wo Reiners Film die Androhungen der Gang nach versagter Leichenüberführung schlussendlich ins Leere laufen lässt, berichtet Stephen King durchaus von den Konsequenzen der vier Freunde. So hagelte es für Gordie und Chris gebrochene Knochen, für Teddy und Vern immerhin üble Abreibungen. Obendrein findet The Body ein so abruptes wie düsteres Ende, denn Ray Brower wird nicht die einzige Leiche bleiben. Zusätzlich zu Chris sterben auch Teddy und Vern jung. Nur Gordie überlebt die sechziger Jahre und blickt mit 34 Jahren auf die Ereignisse aus der Jugend zurück.

Eine echte Sympathie mit Gordie will sich während der Lektüre nicht wirklich einstellen, wozu auch seine distanzierten Beschreibungen von Dennis über Teddy und Vern beitragen. Nur zu Chris scheint er eine echte Beziehung zu haben. Das Ende der Geschichte ist nichtsdestotrotz tragisch, da bis auf Gordie alle Figuren als gescheitert betrachtet werden müssen. Sie alle leb(t)en jenes “loser’s life”, von dem Gordie sprach, welches er jedoch vermied. Inwieweit die Ereignisse um Ray Browers Tod in jenem Sommer sie geformt oder beeinflusst haben, bleibt dabei unklar. Außer, dass sie Jahre später Gordie für eine Kurzgeschichte dienen würden. “Some people drown”, heißt es da gegen Ende betrübend, die Worte von Chris reflektierend.


Stand by Me (1986)

«Have gun will travel reads the card of a man,
a knight without armor in a savage land.»


Wer im Kindesalter Filme mit Gleichaltrigen sieht, wird zu diesen vermutlich eine ganz eigene Bindung aufbauen. Egal ob dies nun The Goonies betrifft oder Stand by Me. Was beide Filme eint, ist das Erleben eines Abenteuers, wie es für Kinder in dem Alter – zumindest für ihr Empfinden – nicht ungewöhnlich ist. Auch wenn die „wahren“ Abenteuer sich nicht um Piratenschiffe oder das Finden einer Leiche drehen. “I was twelve going on thirteen the first time I saw a dead body”, berichtet uns ein Erzähler (Richard Dreyfuss) zu Beginn des Films. Das Ganze geschah im Sommer des Jahres 1959. “A long time ago – but only if you measure it in terms of years.” Auslöser ist eine weitere Leiche: die eines guten Freundes jener Zeit.

Reiner nimmt in seiner Verfilmung den Tod von Chris (River Phoenix) vorweg, ehe wir die Figur überhaupt kennenlernen. Seine Ermordung gut 26 Jahre nach den Ereignissen des Films führt zur Reflexion des alten Gordie an sein jüngeres Ich (Wil Wheaton). Der war einer jener spärlichen 1.281 Einwohner von Castle Rock “but to me it was the whole world”. Vielleicht weil sich der Sommer dem Ende neigt und sie sowieso nichts besseres zu tun haben, beschließen Chris, Gordie sowie Teddy (Corey Feldman) und Vern (Jerry O’Connell) sich die Leiche von Ray Brower anzusehen, nachdem Vern seinen älteren Bruder belauscht hat. Abgesehen von der Einleitung des älteren Gordie folgt Reiner vom Aufbau her praktisch haargenau Kings Vorlage.

Mit einigen Ausnahmen, geht der Regisseur doch an manchen Stellen ins Detail, die King nur oberflächlich berührt hat. Hier ist Widersacher Ace (Kiefer Sutherland) weitaus präsenter im Film als in der Kurzgeschichte und erhält früh ein Gesicht zu seinem Namen. So unterbricht Reiner das Abenteuer von Gordie und Co. für Szenenwechsel zu Ace und seiner Gang und unterstreicht das Draufgängertum von Ace. Zudem lässt er ihn eingangs direkt mit Gordie und Chris zusammenstoßen und verbindet diese Szene mit einer weiteren Vertiefung, die King aussparte: der Beziehung von Gordie zu seinem älteren und wenige Monate zuvor unglücklich verstorbenen Bruder Dennis (John Cusack) sowie dessen Schatten auf seinen kleinen Bruder.

Die Umstände von Dennis’ Bevorzugung aus der Vorlage fehlen im Film. Reiner macht ihn einfach zum Lieblingssohn, für den im Gegensatz zu den Eltern Gordie nicht unsichtbar ist. Er liest und schätzt die Kurzgeschichten seines Bruders und schenkt ihm seine Mütze, die Gordie später von Ace entwendet wird. Die familiäre Situation ist es auch, die Gordie im Verlauf in einer Albtraumszene verfolgt, die King in der Vorlage auf die Beziehung der Freunde münzte. So wärmer das Band zu Dennis Gordie hier auch zeichnet, irritiert die eher unterkühlte Wahrnehmung des Brudertodes. Film-Gordie scheint emotional ähnlich wenig betroffen von Dennis’ kürzlichem Ableben wie Buch-Gordie. Was die Basecap-Episode folglich etwas unnütz macht.

Generell erscheint die vielfache Integration von Ace nicht wirklich notwendig, nur um die Figur fieser und bedrohlicher zu gestalten. Stattdessen hätte Reiner die Zeit aufwenden können, um die Freundschaft der Jungs zu vertiefen. Zumindest werden diese nicht im selben Maße denunziert wie bei King, Stand by Me lässt eher seine Bilder sprechen. Allerdings ähnlich wie bei Dennis’ Hintergrund Details aussparend. So gelingt es King, den emotional unstabilen Teddy mit wenigen Zeilen tiefgründiger zu zeichnen als dem Film, der Teddys Übermut (“Train dogde. Dig it?”) als Charaktereigenschaft darstellt. Insgesamt ist es bedauerlich, dass sowohl Stephen King als auch Rob Reiner mit Teddy die wohl komplexeste Figur etwas vernachlässigen.

Auch der Film fokussiert sich primär auf die Beziehung von Gordie und Chris, und den drohenden Abschied der Clique voneinander, indem sie bald unterschiedliche Bildungs- und Karrierewege wählen. Wenn sowohl Kings Geschichte als auch Reiners Film daher Gordie sagen lassen “We knew exactly who we were and exactly where we were going”, stellt das natürlich eine Selbstlüge dar. Von ihnen allen scheint sich höchstens Chris mit der Zukunft zu befassen – und das auch nur insofern, als dass er sich aufgrund seines biografischen Hintergrunds bereits abgeschrieben hat. Die Geschichte dreht sich vielmehr um jene Zeit, ehe sich der Selbstfindungsprozess ankündigt, der einen womöglich begleitet, bis man um die 30 Jahre alt ist.

Insofern fängt Stand by Me besser als The Body die letzten Tage kindlicher Unschuld ein (“You think Mighty Mouse could beat up Superman?”), von Reiner exemplarisch in der Lagerfeuerszene eingefangen. Hier wird PEZ mit Kirschgeschmack als lebenslange Nahrung erkoren und Gordie darf eine Kurzgeschichte nicht nur andeuten, sondern in Person von “Lard Ass” auch auserzählen (als Geschichte in der Geschichte einer Geschichte). Da ist es ironisch, dass diese ähnlich abrupt endet wie Kings The Body – was auch von den übrigen Jungs entsprechend kritisiert wird. Zugleich sorgt die Lard-Ass-Geschichte für einen Moment der Aufheiterung inmitten einer Handlung, die sonst – wenn auch etwas unscheinbar – reichlich dramatisch daherkommt.

Von Teddys Bestreben, einem Zug ausweichen zu wollen (wovor ihn im Film Chris, bei Stephen King allerdings Gordie bewahrt), über die riskante Brückenüberquerung, die Gordie und Vern nur knapp überstehen, bis hin zu Gordies „Flucht“ vor Hund Chopper (“Chopper, sic balls!”) und Teddys anschließendem Zusammenbruch. Von allen Vieren ist Vern der einzige, der sich keinen Dämonen stellen muss, während Gordie, Chris und Teddy mit ihren Vätern sowie ihrer Stellung in ihrer Umwelt hadern. Die Suche nach einem zwölf Jahre alten Leichnam, eigentlich als vergnügliches Abenteuer geplant, gerät für die Freunde immer emotionaler. “Maybe it shouldn’t be a party”, realisiert auch Gordie kurz bevor sie Rays Leiche entdecken.

Ähnlich wie bei Teddys Zugausweichen ändert Reiner im Finale wieder ein paar Details. Den Sturm, der während der Konfrontation mit Ace und Co. aufzieht, spart der Regisseur aus. Und lässt Teddy und Vern weitaus früher vor den älteren Jungs das Weite suchen. Hier ist es nun Gordie und nicht Chris, der den Revolver, den Letzterer sich von seinem Vater ausgeborgt hat, auf Ace richtet. Wenn man so will eine Art Rache für den Basecap-Diebstahl zuvor. Das Ende ist dann etwas versöhnlicher, lässt Reiner doch nicht nur die Tracht Prügel unter den Tisch fallen, sondern auch Vern und Teddy mit dem Leben davonkommen. Selbst Chris wird nicht während seines Jura-Studiums umgebracht, sondern erst Jahre später, wenn er bereits Anwalt ist.

Nachvollziehbare Änderungen, die einen weniger bedrückt zurücklassen und somit Stand by Me mehr etwas von einer positiven Erinnerung verleihen. Der Film profitiert dabei fraglos von seinem starken Ensemble, allen voran die Jungdarsteller um River Phoenix und Corey Feldman sind perfekt besetzt und bringen ihre Charaktere authentisch rüber. Mit den passenden Hit-Songs jener Epoche ist Stand by Me eine überaus gelungene Adaption (auch King favorisiert sie unter all seinen Verfilmungen), die absolut nostalgisch gerät. Vielleicht auch, weil man mit ihr aufwuchs, wo jeder Film noch besonders wirkte. Sodass man ein Zitat des Films ummünzen könnte: I never had any films later on like the ones I had when I was twelve. Jesus, does anyone?

9.5/10

23. Juni 2008

Jerry Maguire

You had me at “hello“.

Er ist einer der größten Hollywood-Stars, vielleicht einer der größten aller Zeiten, zugleich jedoch einer der umstrittensten. In seiner langen Karriere hat er noch nie bei einem Audiokommentar zu einem seiner Filme mitgemacht, bis schließlich dieses Werk hier kam. Man kann Tom Cruise also Glauben schenken, wenn er in ebenjenem AK seine Beweggründe damit begründet, dass er diesen Film liebt, ihn unbedingt machen wollte und sich gemeinsam mit Autor und Regisseur Cameron Crowe, sowie den beiden Nebendarstellern Cuba Gooding Jr. und Renée Zellweger zu einem AK bequemte. Auch heute, zwölf Jahre nach Entstehen des Filmes, markiert Jerry Maguire noch den größten Erfolg von Cameron Crowe, mit einem weltweiten Einspiel von rund 270 Millionen Dollar. Lediglich seine zweite Kollaboration mit Tom Cruise fünf Jahre später im Abre los ojos Remake Vanilla Sky sollte mit zweihundert Millionen Dollar ähnlich erfolgreich sein. Tom Cruise würde seine Rolle als Jerry Maguire die zweite von insgesamt drei Oscarnominierungen bescheren respektive die letzte Nominierung als Bester Hauptdarsteller bis zum heutigen Tage. Ironischerweise haben „alle“ anderen am Set inzwischen einen (oder anders gesagt ihren) Oscar gewonnen: Crowe für sein Drehbuch zu Almost Famous vier Jahre später, Zellweger für ihre Nebenrolle in Anthony Minghellas Cold Mountain und Cuba Gooding Jr. für seine Beteiligung an diesem Projekt als Rod Tidwell. Eben alle außer Cruise, selbst seine Ex-Frau gewann inzwischen den Preis, nicht vorstellbar, wie dies an ihm nagen muss. Dabei wäre er eventuell nicht einmal nominiert worden, war die Rolle des Jerry Maguire schließlich überhaupt nicht für ihn vorgesehen. Geschrieben hatte Crowe seine beiden Protagonisten Jerry Maguire und Dorothy Boyd nämlich für Tom Hanks und Winona Ryder. Da Hanks jedoch im selben Jahr mit seiner Arbeit an That Thing You Do beschäftigt war, kam Cruise an Bord. Beim Vorsprechen sahen Cruise und Ryder aufgrund ihrer Haarfarbe jedoch aus wie Bruder und Schwester, sodass Ryder das Projekt anschließend verlassen musste und es ein Hauen und Stechen für die Rolle der Dorothy gab (u.a. Cameron Diaz, Mira Sorvino, Courtney Love).

Am Ende erhielt die damals weitestgehend unbekannte Renée Zellweger den Zuschlag, die eigenen Angaben nach zum damaligen Zeitpunkt so pleite war, dass sie nicht einmal Geld abheben konnte. Auch Gooding Jr., der sich gegen Jamie Foxx durchsetzte, war noch ein relativ unbeflecktes Gesicht und hatte erst im Jahr zuvor unter Wolfang Petersen in Outbreak auf sich aufmerksam machen können. Am Ende erhielt Jerry Maguire fünf Oscarnominierungen, darunter auch für den Besten Film des Jahres, und hat bei den Benutzern von Rotten Tomatoes (83%) und Metacritic (88%) noch ein hohes Ansehen. Hierzu tragen auch die vielen Zitate bei, die der Film in der Gesellschaft etablieren konnte und von denen es die zwei bekanntesten auch unter die Top 100 des American Film Institutes geschafft haben. Das oben benannte ist sicherlich das romantische, etwas verkitschte, aber deswegen nicht weniger schöne und auf Platz 52 wieder zu finden. Dagegen dürfte Crowes Film den meisten wegen seines zweiten Zitates und der damit verbundenen Szene im Gedächtnis geblieben sein. Jerrys Kampf um Rod Tidwells Gunst, kulminierend in einer geschrieenen Affektion von „Show me the money!“, die es mit Platz 25 unter die Top 30 und damit noch vor Schwarzeneggers „I’ll be back“ (Platz 37) geschafft hat. Mit Jerry Maguire gelang Crowe, der sich vier Jahre später mit Almost Famous zu der Top-Riege der Regisseure um die Jahrtausendwende zählen durfte, eine gelungene Geschichte über Moral und Zusammenhalt. Getragen wird der Film hierbei neben seinem kongenialen und wunderbar zusammenspielenden Ensemble vor allem durch die Musikwahl Crowes (am einschneidensten natürlich durch Bruce Springsteens „Secret Garden“) und die Ausleuchtung von Spielberg-Spezi Janusz Kaminski, die selbst Gooding Jr. auf dem AK hervorhebt. Der Film verschmilzt geradezu mit seiner Musik, was es umso verständlicher macht, dass diese auch während der Dreharbeiten am Set nebenher lief und die Gefühle erzeugte, die Crowe sich wünschte.

Tom Cruise, der anschließend die nächsten drei Jahre bis zu Kubricks Eyes Wide Shut keinen Film drehen sollte, ist als Schauspieler ein Grenzfall, da die eine Hälfte seiner Darstellungen durch übertriebenes Schauspiel (Mission Impossible, Minority Report) und die andere Hälfte durch sein wahnhaftes Grinsen getrübt werden. Hier bildet Jerry Maguire dankenswerterweise eine gelungene Ausnahme (und daher auch den einzigen Film mit Cruise, der sich in meiner DVD-Sammlung befindet), was Cruise seiner Figur zu schulden hat. Jerry Maguire (Tom Cruise), Sportagent, ist ein wahrhafter Kotzbrocken, wie er im Buche steht. Entgegen vieler anderer Filme lässt Crowe jedoch die Katharsis der Figur (zumindest die erste) nicht am Ende stattfinden, sondern bereits zu Beginn, um sie als Ausgangspunkt seiner Geschichte zu nutzen. Der Sohn eines verletzten Klienten zeigt Maguire auf, zu was er geworden ist. In einem depressiven Affekt verfasst Maguire ein Manifest, ein Memo, welches er an seine Agentur weiterleitet. Bereits im selben Moment, als er dieses losschickt, merkt er seinen Fehler und sieht sein Schicksal kommen. Im Grunde handelt es sich hierbei um die stärkste weil intensivste Szene von Cruise im ganzen Film, ein früher Höhepunkt, dem er anschließend nicht mehr gerecht werden kann, was seine positive Leistung aber wenn nur minimal schmälert. Was anschließend folgt, ist ein Hinfallen und Aufrappeln, das Crowe sogar mehrfach bildlich umsetzt, wenn Maguire mal für mal ins Straucheln gerät. Am einschlägigsten ist der Moment nach seiner Entlassung geraten, wenn Maguire in sein Büro zurückkehrt, stürzt und sich sofort wieder aufrappelt. Was folgt ist die oben angesprochene Szene, welche bereits die grundsätzliche Botschaft des gesamten Filmes beinhaltet. Von seinen über siebzig Klienten versucht Maguire so viele mitzunehmen, wie er kann, bleibt aber mittendrin am Running Back der Arizona Cardinals, Rod Tidwell (Cuba Gooding Jr.), hängen und verstrickt sich mit diesem. Sein Kampf um Tidwell wird Maguire alle anderen Klienten kosten, Auslöser hierfür sein commitment (Engagement, Verpflichtung) gegenüber Tidwell.

Weiterer zentraler Punkt ist das Verlieren von Cush (Jerry O’Connell), eine Nacht vor dem Draft. Cruises gefrorenes Lächeln ist überzeugender, als seine gesamte Leistung im Spielberg-Schinken War of the Worlds. Auch hierfür ist Tidwell verantwortlich, die gesamte Szenerie, mit der beendeten Beziehung zu Maguires Freundin Avery (Kelly Preston) ist ein weiterer –sprichwörtlicher – Tiefschlag für Jerry, aus welchem er sich ebenfalls sofort aufrappelt. Was folgt ist eine gezwungene Bindung an Tidwell, die zu Beginn noch nicht das darstellt, was Tidwell so liebevoll als „kwan“ bezeichnen wird. Wie jede andere Beziehung in Crowes Film, muss auch diese zuerst wachsen, und interessanterweise kommt die berufliche Beziehung, obschon sie Ausgangspunkt ist, erst nachdem beide sich als gegenseitige Freunde etabliert haben. Besser gesagt ist Tidwell Maguires einziger Freund durch den ganzen Film hindurch, da sich seine vorherigen Freunde als Haifische im Becken ausgewiesen haben. Crowe zelebriert seinen Jerry Maguire als Mann, der am Tiefpunkt angelangt ist. Ein Sportagent ohne Sportklienten, ohne Verlobte, ohne Job, ohne Geld. Ein Mann der alles verliert, um am Ende alles gewinnen zu können. Crowe fasst dies in seiner letzten Einstellung, die zu den gelungensten der letzten zehn Jahre zählt, brillant zusammen, wenn er Maguires Mentor zusammenfassen lässt, dass man im Leben ebenso oft verliert, wie man gewinnt. Was zählt, ist das man sich aufrappelt und nicht liegen bleibt, ein Motto, aus dem Sport entlehnt, welches man in Amerika zweifelsohne verinnerlicht hat und anpreist. So verwundert es auch nicht, dass Jerry Maguire eine zutiefst amerikanische Figur ist, die symbolisch für amerikanische Werte steht, die heute kaum noch vorzufinden sind. Allgemein ist die Einbeziehung von Dickie Fox, Maguires Mentor und angelehnt an Regielegende Billy Wilder (der sie ursprünglich auch spielen sollte), ein ausgesprochen netter Zusatz zu diesem tollen Film.

Das Herz und die Seele des Filmes ist jedoch zweifelsohne die Beziehung zwischen Jerry und Dorothy oder besser gesagt die Darstellung dieser durch Zellweger. Unerklärlicherweise wurde sie von allen drei Akteuren als einzige nicht für den Oscar nominiert, dabei ist ihr Schauspiel der Leim der alles zusammenhält und die schönsten und gelungensten Momente des Filmes trägt (wie auch einmündig beim AK von den männlichen Beteiligten attestiert). Bereits mit ihrer Eröffnungsszene gewinnt Zellweger die Leinwand in einer allgemein sehr gelungenen Einstellung, wenn Dorothy als Passagier zweiter Klasse eingeführt wird und ihrem Jerry in die erste Klasse hinterher trauert. Schließlich wird sie von der Stewardess bildlich durch einen Vorhang ausgeschlossen, von dem besseren Leben, wie sie auch selbst bemerkt. Ihr nächster großer Moment ist die Ablieferung von Maguire am Flughafen, wenn Zellweger mit traurigem Blick die perfekte Familie vorgesetzt bekommt, die sie nicht hat und nach der sie sich sehnt. Hierzu kommt dann noch der goldige Jonathan Lipnicki, der perfekt mit Zellweger harmoniert beziehungsweise vice versa. Sehr toll auch die Inthronisierung der Beziehung Jerry-Ray, die von Crowe immer wieder vorangetrieben wird. Durch ihre Liebe zu Jerry geblendet erkennt Dorothy nicht, dass sich Jerry weniger in sie, als vielmehr in ihren Sohn verliebt hat. Während Dorothy mit Jerry eine Geschäftsbeziehung eingeht, sprich für ihn ihren Job kündigt, weil sie ihn liebt, geht Jerry mit Dorothy eine Ehe ein, weil er ihren Sohn liebt. Perfektes Beispiel hierfür ist Jerry Heiratsantrag, vor dem er einen letzten Blick zu Ray wirft und der schließlich auch die Anlaufperson ist, als Dorothy schließlich einwilligt. Für Jerry geht es bei Beziehungen um Loyalität, was ihn auch zur Ehe mit Dorothy bewegt. Zugegebenermaßen ist die Liebeskatharsis von Jerry letzten Endes etwas unübersichtlich geraten, bzw. zu wenig ausgeleuchtet. Hier folgt Crowe eher dem Motto, das man etwas erst vermisst, wenn man es nicht mehr sein eigen nennt. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass Jerry in seiner Entschuldigung den Satz des verliebten Taubstummen klaut.

Vier Jahre nach Singles ist Cameron Crowe eine nochmalige Steigerung gelungen, die weitere vier Jahre später mit Almost Famous ihren Abschluss finden würde. Sein Amenábar-Remake ist auf unerklärliche Weise unnötig und scheint Crowe ein Jahr nach seinem Erfolg mit Almost Famous ins Wanken gebracht zu haben. Er hielt wieder seine vier Jahres Pause ein und lieferte daraufhin seinen Elizabethtown ab, der weder Kritiker noch Fans begeistern konnte. Seitdem ist es still um Crowe geworden und es bleibt abzuwarten, ob nächstes Jahr (s)ein neues Projekt von ihm auf der Leinwand erscheinen wird. Jerry Maguire hingegen ist nahezu perfekte Unterhaltung, dessen größtes Manko seine Laufzeit ist. In manchen Szenen tritt Crowe zu lange auf der Stelle und benötigt zu viel Zeit, um seine Handlung voranzubringen. Gerade die Momente zwischen Dorothy und Jerry – so schön sie auch sind – sind meist ein bis zwei Minuten zu lange geraten. Generell wären dem Film zehn bis fünfzehn Minuten weniger sehr recht geraten, doch trübt die Laufzeit von zwei Stunden auch das Erlebnis nicht im weiteren Sinne. Tom Cruise, um auf die Einleitung zurück zu kommen, weiß hier entgegen vieler anderer Filme zu überzeugen, da sein debiles Lachen, Lächeln und Grinsen perfekt zu seiner narzisstischen Figur von Jerry Maguire passt. Auch wenn es gelegentlich zu viel wird und hin und wieder sein Schauspiel übertrieben wirkt, so ist er sicherlich die bessere Wahl gegenüber Volksheld Tom Hanks gewesen, dem der innere Schweinehund eines Maguire weniger glaubhaft abzukaufen gewesen wäre. Es ist jedoch Zellweger, die damals ihren Durchbruch feierte und die den Film durch ihr emotionales Schauspiel trägt. In das ganze fügt sich Cuba Gooding Jr. mit einer soliden Darstellung ein, an die er höchsten noch in As Good As It Gets ein Jahr später anknüpfen konnte. Dass er sich mit seiner Leistung gegen William H. Macy, Armin Müller-Stahl  und Edward Norton durchgesetzt hat, ist bis heute eine der vielen umstrittenen Entscheidungen der Jury. Jerry Maguire ist jedoch unbestritten (zumindest in meinen Augen) einer der besten Filme der 90er.

9/10